Die selige Pauline von Mallinckrodt, Stifterin der Genossenschaft der Schwestern der christlichen Liebe, + 30.4.1881 – Gedächtnis: 30. April

 

Die Menschenseele ist eine reiche, vielgestaltige Welt, wenn sie Gottes Geist nachlebt. Man mag sie tagaus, tagein belauschen und beobachten, immer wieder neue Fernen und Tiefen, neue Schönheiten. Aber auch Unbegreiflichkeiten tun sich dem Auge und Ohr auf. Natürliche und übernatürliche Kräfte spielen wunderbar ineinander. Sie bauen und schaffen am Reich Gottes. Eine Spiegelung dieses Gottesreiches ist die Seele. Dort im Großen und hier im Kleinen Tage und Jahre des Kampfes und Friedens, der Niederlage und des Aufstiegs! Wie erbaulich, wie köstlich schön sind die Seelengemälde unserer lieben Gotteskinder, der Frommen und Gerechten. Auch der seligen Caritasjüngerin Pauline von Mallinckrodt. Schau das Suchen und Ringen, das Bangen und Zagen um ihren Beruf. Schau die große Liebe dieser Seele, ihren Herzensfrieden. Schau ihr rastloses Mühen und Arbeiten bis zum Selbstopfer, bis zur Vollendung. Aus Liebe zum Mitmenschen, aus Liebe zu Gott. Schön ist Paulines eigene Seele. Ob der Gnade aber, die ihr gegeben war, die innere Welt der Seele zu kennen, die Gesetzmäßigkeit von Natur und Gnade zu unterscheiden, hat die Vorsehung sie auserwählt, auch andere zu erziehen, zu führen und zu heiligen, Gottes Reich in ihnen zu bauen.

 

Die Familie Mallinckrodt, die den deutschen Katholiken in schwerer Sturmeszeit einen bewährten Führer gab, Hermann von Mallinckrodt, aus altem Westfalenstamm, war an der Ruhr zwischen Witten und Wetter sesshaft. Die Stadt Dortmund hatte im vorvorigen Jahrhundert mehrere Bürgermeister aus diesem Geschlecht. Der Oberregierungsrat Christian Detmar Mallinckrodt war der Vater Hermanns und Paulines, die ihm am 3. Juni 1817 zu Minden von seiner Gattin Bernhardine von Hartmann, einer fürstbischöflichen Hofratstochter von Paderborn, geboren wurde. Die frohen glücklichen Jugendjahre im Kreis der Geschwister ließen schon liebliche Züge großer Herzensgüte und inniger Frömmigkeit an Pauline hervortreten. Den Eltern war sie mit kindlicher Liebe zugetan. Der Vater, ein edler Charakter und pflichttreuer Beamter, der protestantischen Konfession angehörend, vermochte nicht ganz die anerzogenen Vorurteile gegen die katholische Kirche aufzugeben. Die Mutter, eine an Geist und Herz ausgezeichnete Frau, war wohl gewissenhaft darauf bedacht, die Kinder im katholischen Glauben zu erziehen, aber inmitten des gesellschaftlichen Verkehrs mit fast ausschließlich andersgläubigen Beamtenfamilien fand sie es doch geraten, den konfessionellen Einfluss auf die Erziehung nicht allzu sehr geltend zu machen. Da war es aber erstmals sichtlich die führende Hand Gottes, die der hochbegnadeten Seele die Wege zum hohen Ziel ebnete. Als Pauline acht Jahre alt geworden war, wurde ihr Vater als Regierungsvizepräsident nach Aachen versetzt. Hier kam die Tochter in die blühende Töchterschule von St. Leonhard, an der damals die ausgezeichnete, als Dichterin bekannte Luise Hensel wirkte. Ein so frommer und tiefkatholischer Geist herrschte an dieser Schule, dass aus ihr eine große Zahl kernchristlicher Frauen, viele Klosterfrauen und Ordensoberinnen und sogar drei Stifterinnen von Ordenskongregationen hervorgingen. Neben Pauline von Mallinckrodt werden uns noch Klara Fey und Franziska Schervier beschäftigen. Unter dem Einfluss der edlen Lehrerin entfalteten sich Paulines reiche Geistes- und Herzensanlagen zu vielversprechender Blüte. Die erfahrene Konvertitin und kluge Herzenskennerin stand auch dem liebenswürdigen Kind in seiner mitunter heiklen Stellung zu dem andersgläubigen Vater mit weisem Rat zur Seite und legte ihm eine feste religiöse Grundlage ins Herz. Als dann Pauline zur Vollendung ihrer Ausbildung nach Lüttich in ein konfessionell gemischtes Pensionat geschickt wurde, wo sie sich in Erfüllung ihrer religiösen Pflichten in hohem Maß behindert sah, da war es die treue Freundin Luise Hensel, die auf ihre Bitte von Aachen zu ihr eilte und sie durch ihren Rat vollständig beruhigte. Bei dieser Gelegenheit konnte Luise Hensel aber auch die Demut und kindliche Einfalt Paulines rühmen, die die Beruhigung in allen ihren Skrupeln so wesentlich erleichterte.

 

Der Zug der Gnade und des eigenen Herzens führte Pauline zu einem stillen, religiöser Betätigung ergebenen Leben. Dem traten nach ihrer Rückkehr aus dem Pensionat die Verpflichtungen eines bewegten gesellschaftlichen Lebens entgegen, das seinen Mittelpunkt im elterlichen Haus, der Amtsstellung des Vaters entsprechend, fand. In kindlicher Ehrfurcht und gehorsamen Sinnes unterzog sie sich den ihr wenig zusagenden Anforderungen, die den Kindern der Welt als Vergnügungen gelten. „Mit Freundlichkeit und Heiterkeit tat sie es.“ „Sie bestrebte sich aber dabei“, wie sie selbst in ihren „Erinnerungen“ schreibt, „des lieben Gottes zu gedenken und mit ihm im Herzen zu reden.“ Neben den äußeren Schwierigkeiten musste die junge Seele auch durch innere Leiden gehen. Große Ängstlichkeit befiel sie wieder; furchtbare Versuchungen gegen den Glauben regten sich. Aber während einer neuntägigen Andacht befreite sie die hilfreiche Gnade Gottes auf wunderbare Weise von der namenlosen Qual der Skrupulosität, die sozusagen auf einmal verschwand. Nach diesen quälenden Kämpfen erfüllte der Herr in seiner Güte ihre Seele mit so klarem, sicherem Licht über die Glaubenswahrheiten, dass sie eher ihren eigenen Augen als diesem Licht misstraut haben würde.

 

Mit siebzehn Jahren verlor Pauline ihre Mutter. In ihrem jugendlichen Alter sah sie sich nun vor die Doppelaufgabe gestellt, dem Hauswesen und der gesellschaftlichen Repräsentation zur möglichsten Zufriedenheit des Vaters vorzustehen und zugleich die Erziehung ihrer drei Geschwister, die von sehr lebhafter Natur waren, zu leiten. Mit diesen blieb sie denn auch bis zum Tod in innigster Geschwisterliebe verbunden. Die treue Erfüllung der häuslichen Pflichten war ihr nicht Hindernis, vielmehr Antrieb, auch in ihrem inneren Leben mit gleicher Treue nach Vollkommenheit zu streben. Großen Trost und Hilfe fand sie im Gebet und in der Übung christlicher Wohltätigkeit. Die tägliche heilige Kommunion war die Sehnsucht ihres Herzens, die Kraft ihres Lebens. Keine Beschwerde vermochte sie von diesem Gnadenquell abzuhalten. Winter wie Sommer besuchte sie die ersten Messen um fünf Uhr, kniete dabei stundenlang in einem Eckchen auf dem Boden nahe der Kommunionbank, ganz in Gott vertieft. Bis die Familienangehörigen ihrer bedurften, war sie längst wieder zur Stelle und waltete mit kindlichem Gemüt und heiterem Sinn ihrer Tagespflichten. Einfach und liebenswürdig gegen jeden, flößte sie besonders den Armen und Leidenden Vertrauen ein. Manch armes Kind hielt Pauline das kranke Köpfchen hin, damit sie es mit ihrer gütigen Hand reinige und heile.

 

So hatte Pauline Mallinckrodt, dem äußeren Menschen nach, im achtzehnten Lebensjahr bereits die Reife erlangt, aber noch fehlte ihrem geistlichen Leben das Sakrament der Mündigkeit und Vollendung. Im August 1835 nun empfing sie die heilige Firmung, zu einer Zeit, die ihr eben Gelegenheit gab, die Kraftfülle der Beistandsgnade des Heiligen Geistes fühlbar zu erproben. Ein sanfter Ton der Sehnsucht, sich ganz dem lieben Gott zu weihen, strebte ja wohl im Spiel der Seele zur Oberstimme emporzusteigen. Aber kräftige Untertöne, die eine reine Lebensharmonie nicht stören, vielleicht geben könnten, mischten sich seitens der Welt ein. Unter anderem sollte sich Pauline zu einer ehelichen Verbindung mit einem hochachtenswerten, aber andersgläubigen Mann entschließen. Mit kindlicher Innigkeit, die unbewusst groß geworden war, hing sie an ihm. Der Kampf, in dem so viele Schwache erliegen, wogte nun auch in Paulines Seele hin und her. Wofür Verstand und Glaube sich entschieden, dem widersprachen Herz und Gefühl. Nun war sie ausgerüstet mit der „Waffenrüstung Gottes“, bewährt mit dem Heiligen Geist zum „Kriegsdienst Christi“ durch das Zeitsakrament der Firmung und Gott gab ihr die Kraft, wie sie in einem späteren Brief an Luise Hensel bekennt, „etwa acht Tage nachher, dem Freund Lebewohl zu sagen“. Nach solchem Sturm und großherzigem Opfer kam eine ungeahnte Ruhe, ein süßer Friede über sie. Jetzt schien ihr zugleich jegliche Fessel gelöst, die sie noch an die übrige Welt gekettet hielt. Ein neues Leben ging ihr auf, ein höheres, wie sie schreibt; sie wollte keinen Tausch mehr gegen das frühere eingehen. Für die Außenwelt blieb sie ferner rege und lebendig; aber unbekümmert um sich selbst, konnte sie nun mit innigster Herzensfreude ihre tätige Liebe den Armen, den Gliedern Christi, zuwenden. „Ein unendliches Verlangen wurde in ihr rege, Barmherzige Schwester zu werden.“

 

Der Keim des Berufes war gelegt. Durch entschlossenes, opferwilliges Eingehen auf den Ruf Gottes hat die treue Dienerin des Herrn ihn sicher geborgen. Die Reife forderte wohl noch Mühe und Sorgen, aber dem „Ackerfeld Gottes“ (1. Kor 3,9) gebricht es ja auch nicht am befruchtendem Tau. Vorerst drängte die Kindespflicht. Die treusorgende Tochter erleichterte dem Vater das Los der Vereinsamung, als er aus dem Staatsdienst schied und in dem weltfern gelegenen Gut Böddeken, einem ehemaligen Kloster, Aufenthalt nahm. Freilich fehlte der Einsamkeit der echte Mittelpunkt, der eucharistische Heiland. Pauline durfte ihn aber täglich in der Morgenfrühe in dem eine halbe Stunde entfernten Wewelsburg aufsuchen und sich ihm vereinen. Sie konnte dabei auch noch den Armen des Dorfes Pflegerin und Arzt ersetzen. Regen Eifer entfaltete sie im wohltuenderen Winteraufenthalt zu Paderborn, wo sie in dem von Pater Heinrich Goßler gegründeten Frauenverein zur Pflege armer Kranker ein weites Feld caritativer Betätigung fand. Die Schriften jenes bekannten Franziskaners, eines Konvertiten, hatten schon früh nicht geringen Eindruck auf Paulines offenes Herz gemacht. Es wurde ihr vom Verein die Verwaltung einer vom Verein geführten Kleinkinderbewahranstalt übertragen. Auf Anregung des Kreisarztes Dr. Schmidt, der ihr die Sorge für die „doppelt armen“, blinden Kinder dringend ans Herz legte, wurden noch einige blinde Kinder zur Erziehung und Ausbildung aufgenommen, nachdem hierzu vom Bischof von Paderborn das ehemalige Kapuzinerkloster zur unentgeltlichen Benützung war überwiesen worden, 1841. Diese Einrichtung kam bald allen armen Kindern der Stadt zugute. Die Kosten bestritt Pauline aus eigenen Mitteln; in den Unterricht der Blinden teilte sie sich vorläufig mit ihren Freunden. Das war der winzige Keim, aus dem sich nicht nur die große Provinzialblindenanstalt, sondern auch die ganze Kongregation der Schwestern der Liebe entwickelte. Lichtvoll tut sich darin wiederum dem sehenden Auge die ruhige, sichere Führung der Vorsehung, aber auch der demütigen Jüngerin treuwillige Gefolgschaft kund.

 

An die Gründung einer eigenen Genossenschaft dachte Pauline nicht im Entferntesten. Verschiedene Pläne caritativer Art wurden ihr angetragen und zerschlugen sich wieder. Im Jahr 1842 machte sie zum ersten Mal die Exerzitien in einem Waisenhaus ganz allein, aber doch unter einem erfahrenen Meister. Wie strömte sie über vor Dank für diese Wohltat. „Mein ganzes Dasein“, äußerte sie, „erblicke ich in einem neuen Licht. Ich fühlte, dass ich ein neues, besseres Leben beginnen musste. Die Seele findet sich am Schluss solcher Zurückgezogenheit wie ganz über sich selbst erhoben . . .“ Sie sieht alles mit ganz anderen Augen, gleichsam im Licht der Ewigkeit an. Sie findet sich der Welt gegenüber im Vergleich mit sonst so leicht, stark, entfesselt, ruhig und klar in allen Angelegenheiten, dass sie jetzt kaum ihre frühere Befangenheit und Torheit begreifen könne. Paulines Geist klärt sich, wird stärker, weitsichtiger. Noch im selben Jahr trifft sie ein schweres Leid. Der geliebte Vater stirbt, bis zuletzt mit größter Sorgfalt und Liebe von Pauline und den übrigen Geschwistern gepflegt. In echter Kindesliebe und freudiger Ergebung hat sie ihm manches Opfer gebracht und ihre eigenen Herzenswünsche der Erfüllung der Kindespflicht untergeordnet. Auf einer dreimonatigen Reise, die sie im Sommer 1843 mit ihren jüngeren Geschwistern Hermann und Berta zum Besuch der Hauptstädte von Deutschland, Österreich, Tirol, Oberitalien und der Schweiz, über den Rhein zurück, unternahm, besuchte sie eine Menge von Wohltätigkeitsanstalten: Waisenhäuser, Blindenanstalten, Hospitäler, Verwahrschulen, Irrenanstalten und sammelte dabei viele Kenntnisse und Erfahrungen. Größte Ausbeute bot München. Hier wurde das Mutterhaus der Schulschwestern, der Schwestern vom guten Hirten und vor allem das herrliche Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern einer mehrtägigen Besichtigung unterworfen. Ihr Vorhaben stand fest, bei den „Barmherzigen“ einzutreten. Aber wieder traten Hindernisse hervor. Abermals erhob sich ein schwerer innerer Kampf, unter dem die edle Jungfrau furchtbar litt. Auf erholten Rat des Dechanten und späteren Bischofs Kellermann in Münster wartete Pauline weiter geduldig zu. Ihr einziger Trost in dieser schweren Zeit, vom Übernatürlichen der täglichen heiligen Kommunion abgesehen, war der Verkehr mit ihren „lieben armen und blinden Kindern“. Sie nahm Wohnung unter dem gleichen Dach mit ihnen. Als dann behördlicherseits zur Begründung einer Provinzialblindenanstalt auf Paulinen Mallinckrodts seitherige Erfahrung und erfolgreiche Beschäftigung mit dieser Sache das Augenmerk fiel, fühlte sie sich verpflichtet, ihre Person nun endgültig diesem mildtätigen Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Es galt nun für die Leitung der neuen Anstalt eine klösterliche Genossenschaft zu finden, der sie selber beitreten könnte. So reiste sie zunächst nach Aachen zu ihrer Jugendfreundin, Mutter Klara Fey, dann nach Conflans bei Paris, dem Mutterhaus der Damen vom heiligsten Herzen, deren Stifterin und Generaloberin, Mutter Sophie Barat, eben dort weilte. Den Verkehr mit dieser heiligen und sehr klugen Frau – sie wurde 1925 heiliggesprochen – rechnete Pauline zu den großen Gnaden, die der Herr ihr im Leben erzeigt habe. Vieles diente er zur höchsten Erbauung und Belehrung, was ihr „ohne diese Fügung Gottes ganz fremd geblieben wäre“. Doch konnte sie nirgends klösterliche Kräfte für ihre Blindenanstalt erhalten. In ihrer Bedrängnis holte sie auf ihrer Rückreise in Köln den Rat ihres früheren Religionslehrers, der sie auf die erste heilige Kommunion vorbereitet hatte, des dortigen Weihbischofs Clässen, ein. Nach mehrtägiger Beratung und eifrigem Gebet gab der erleuchtete Geistesmann die Entscheidung: er sei zur ganz entschiedenen Überzeugung gelangt, dass es am besten und Gottes Wille sei, sie bleibe bei dem Werk, das Gott bis jetzt unter ihrer Hand gesegnet habe. Im Einvernehmen mit ihrem Diözesanbischof solle sie und die Gefährtinnen, die sich ihr anschließen würden, den armen Blinden ihre Zeit und Kräfte widmen und zu dem Ende sich die Genehmigung und den Segen der Kirche zur Errichtung einer klösterlichen Kongregation erholen.

 

Für Pauline war dieser völlig unerwartet. Indes, wie sie gewohnt war, in derartigen Ratschlägen Gottes Willen zu sehen, „war sie bereit und fühlte selbst im Innersten der Seele, dass es so richtig, gut und gottgefällig sei“. Einmal entschlossen, spürte sie auch die Kraft in sich, das Werk mit Gottes Gnade, gegenüber allen vorkommenden Schwierigkeiten, durchzuführen. So schritt Pauline nach Beratung mit Bischof Franz Drepper zu Paderborn, mit ihrem Pfarrer und Beichtvater am 21. August 1849 zur Gründung der Genossenschaft der „Schwestern der christlichen Liebe“. Der hochwürdigste Bischof selbst reichte vier Schwestern das geweihte klösterliche Kleid, ernannte Pauline von Mallinckrodt zur Oberin der Kongregation und händigte ihr die von ihm bestätigten Regeln ein. Am Ziel ihrer langjährigen Bestrebungen hätte sie „aus vollem Herzen in das Magnifikat der seligsten Jungfrau einstimmen mögen“ und pries den „Tag selig, an welchem sie sich Jesu, dem Geliebten ihres Herzens, zum Opfer darbringen konnte, den köstlichen Brauttag, voll himmlischer Ruhe, den Vorgeschmack des ewigen Friedens“. Ein Jahr darauf legte sie die zeitlichen Gelübde ab, bis sie sich 1866 unwiderruflich Gott durch die ewigen verbinden konnte.

 

Eine weitere Herzensangelegenheit war es nämlich der gottseligen Stifterin, für ihre Genossenschaft die Genehmigung und den Segen des Heiligen Vaters zu erlangen. Bischof Dr. Konrad Martin, der gleich nach seiner Inthronisation im Jahr 1856 mit großer Hirtenliebe der aufblühenden Genossenschaft sich annahm, war mit Rat und Tat behilflich, so dass schon am 13. April 1859 die päpstliche Belobigung der Genossenschaft, 1863 ihre Approbation und 1867 die Approbation der Konstitutionen vorläufig erfolgte. Im Jahr 1888 wurden diese endgültig bestätigt. Unter Gottes Huld und Segen, der Leitung Mutter Paulines, dem Wohlwollen der geistlichen und staatlichen Behörden wuchs die Genossenschaft rasch heran. Mit Übernahme von Schulen aller Art entstanden Niederlassungen in Westfalen, Sachsen und am Rhein bis nach Sigmaringen und Konstanz hinauf.

 

Über zwanzig Häuser waren so in Deutschland gegründet worden, da brach der unselige Sturm der siebziger Jahre diese hoffnungsvollen Zweige am Baum katholischen Lebens – für das apostolische Herz der Mutter Pauline ein schwerer Schlag. Allein ihr starkes Gottvertrauen, ihre glühende Liebe und tiefe Demut trieben in der größten Not nur kräftigere Wurzeln. Außerhalb des deutschen Vaterlandes eröffnete sie neue Unterrichts- und Erziehungsanstalten in Mühlhausen und Weltrus in Böhmen, in Gutenberg in Liechtenstein, in Mont St. Guibert und Alsemberg in Belgien. Im Sommer 1873 sehen wir sie bereits in Nordamerika neue Arbeitsfelder suchen. Ihre Erwartungen wurden übertroffen. Viele Pfarrschulen erbaten sich Schwestern, wie vorher schon Südamerika nach solchen gerufen hatte. Der Heilige Stuhl genehmigte die Errichtung zweier neuer Provinzen in Nord- und Südamerika. Aus ihrem eigenen Mutterhaus vertrieben, siedelte Mutter Pauline 1877 nach Mont St. Guibert über, wo sie auch für Bischof Dr. Konrad Martin, dem größten Wohltäter und segenspendenden Förderer ihrer Genossenschaft, ein ruhiges Asyl als „Hausgeistlichen“ bereitete, als auch er den Kulturkampfgesetzen hatte weichen müssen. Ihrer Tatkraft verdankt es die Paderborner Diözese, dass die Leiche des geliebten Bekennerbischofs am 25. Juli 1879 im hohen Dom zu Paderborn ihre Ruhestätte fand.

 

In Vorahnung ihres nahen Todes besuchte Mutter Pauline 1879 und 1880 noch alle Häuser in Süd- und Nordamerika und dann die wenigen in Europa noch bestehenden Niederlassungen. Um auf die Reise zur „himmlischen Filiale“, von der sie so gerne redete, in aller Stille sich vorzubereiten, wagte sie es, ins Mutterhaus, wo nur kranken Schwestern der Aufenthalt noch gestattet war, sich zurückzuziehen. Hier befiel sie Ende April 1881 eine heftige Lungenentzündung, die ihre Kräfte rasch aufzehrte. Am Morgen des Festes der heiligen Katharina von Siena beschloss sie unter den Gebeten der Schwestern ihr verdienstvolles Leben durch einen seligen Tod. Die Beisetzung der Leiche der Dienerin Gottes erfolgte am 4. Mai 1881 unter großer Beteiligung in der St.-Konradus-Kapelle auf dem Friedhof der Schwestern.

 

So das äußere Leben der gottseligen Mutter Pauline. Weltfreudig und händeregend stand sie als Jungfrau mildherzig in den Hütten der armen und unter den lieben blinden Kinderchen, wie im Haushalt des Vaters. Schaffend und entschlossenen Mutes aufbauend, schaltete sie als weit- und umsichtige Generaloberin über eine zwei Erdteile umfassende Genossenschaft. In ihrem geistlichen Leben aber war ihr Streben mit gleicher Entschiedenheit nur auf das Höchste gerichtet. Sich nur eben noch mit einem Schemelchen ganz unten im Himmel zu begnügen, erklärte sie als „Trägheit und ganz falsche Bescheidenheit, die Gott nicht gefalle“. „Es ist für uns überaus nützlich,“ sagt sie, „wenn wir unsere (guten) Begierden nicht in enge Grenzen einschränken. Wir müssen im Gegenteil glauben, dass wir mit der Zeit, wenn wir nur uns auf Gott stützen und mit Hilfe seiner Gnade standhaft uns anstrengen, die Vollkommenheit erreichen werden, zu der eine so große Anzahl von Heiligen gelangt ist. Auch sie würden niemals eine solche Höhe erstiegen haben, hätten sie nicht hohe Begierden in ihrer Seele getragen und sie nach und nach zur Ausführung gebracht. Gott verlangt und liebt mutige Seelen, wofern sie nur demütig sind und in keinerlei Weise auf sich selbst vertrauen.“

 

Zu diesen Seelen gehörte Pauline. Darum suchte sie immer mehr zu innigster Gottvereinigung zu gelangen, zum erhabensten Ziel und zugleich auch zum einzig dauernden Glück des Menschen. Im Sakrament der Liebe suchte und fand sie diese glückfördernde Vereinigung. Da war der Segensquell für die eigene innere Heiligung, da die Kraftquelle für ein so opfermutiges, erfolgreiches Wirken für die Mitmenschen. „Das heiligste Sakrament ist mein Leben, meine Seligkeit.“ „Sorgen Sie ja alle recht sehr für Ihr inneres Leben . . ., für eine recht warme und sorgfältige Verehrung des heiligen Sakramentes. Die ganze Welt kann Ihnen nicht schaden, wenn Sie Gott zum Freund haben.“ So lehrte die Gottselige, so handelte sie. Wie strömte sie über von Freude und Seligkeit, wenn der göttliche Heiland wieder in einer Neugründung seine sakramentale Wohnung aufschlug! Sie war „bereit, Häuser und Häuser mit der größten Anstrengung zu bauen, wenn solch ein Gast, Jesus im heiligsten Sakrament, sich würdigte, darin einzukehren.“ Aus diesem Gnadenbrunnen schöpfte sie ihre glühende Gottes- und Nächstenliebe, ihre tiefe Frömmigkeit, ihren steten Wandel in Gottes Gegenwart, ihre kindliche Demut, ihr freudiges, unerschütterliches Gottvertrauen, ihre wahrhaft mütterliche Liebe und Güte, aber auch energische Strenge in Leitung ihrer Schwestern, ihre unüberwindliche Geduld in Schwierigkeiten und Kämpfen, ihren bewunderungswürdigen Starkmut bei den außerordentlichen Prüfungen, die sie zu bestehen hatte, ihre volle Gottergebenheit in allen Lagen des Lebens bis zum letzten Atemzug.

 

Das Äußere der gottseligen Ordensfrau machte einen überwältigenden Eindruck. Einerseits flößte ihr Erscheinen tiefste Ehrfurcht ein, andererseits zog die Lieblichkeit ihres Wesens unwiderstehlich an. Bei ihrer ersten Besuchsreise in Amerika hörte man vielfach, auch von Priestern, sagen, sie mache den Eindruck einer Heiligen, in ihrem Wesen liege etwas Übernatürliches, das die Herzen gewinne. Daher auch ihr Einfluss und – mit Gottes Segen – die eroberungsmächtige Verbreitung ihrer Kongregation. Sie zählt gegenwärtig (1928) über 2000 Schwestern in 117 Häusern in Europa, Nord- und Südamerika. Das Grab der Dienerin Gottes wird von Personen aller Stände mit viel Vertrauen besucht. Pauline wurde am 14. April 1985 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.

 

„Das Erste zuerst! Zuerst unser Seelenheil! Ohne Sorgfalt und Gebet ist es nicht zu erreichen!“ „Nur mutig voran! Von der heiligen Kirche gesegnet, durch den Geliebten (Gott) gestärkt, kann ich alles!“ „Ob uns etwas schwer oder leicht wird, angenehm oder unangenehm ist, darauf kommt es durchaus nicht an; ist es der Wille Gottes, so muss es geschehen und damit Punktum!“ Aussprüche der seligen M. Pauline Mallinckrodt.