Die heilige Othilia (Odilia), Äbtissin von Hohenburg, Elsass, + 13.12.720 - Fest: 13. Dezember

 

Odilia wurde vor dreizehnhundert Jahren im Elsass als die Tochter des alemannischen Herzogs Atich geboren. Die Mutter war recht, aber der Vater war nicht recht, war nur äußerlich ein Christ, innerlich jedoch ein wilder Heide, der die Frauen und Mädchen nicht achtete. Mächtig hatte er sich gefreut, als ihm die Gattin sagte, sie wolle ihm ein Kindlein schenken. Als aber das Kind geboren wurde und der Herzog erfuhr, dass es ein Mädchen und dazu ein blindes, unschönes und hässliches Geschöpf war, geriet er in Zorn, denn einen Sohn wollte er haben und nicht solch einen Wurm von einem Mädchen.

 

Das Ende vom Lied war, dass der unmenschliche Vater den Befehl gab, dass Kind im Rhein zu ertränken. Doch da legte sich die Mutter ins Mittel und ließ die Kleine heimlich in ein weit entferntes Kloster bringen. Dort wuchs das Mädchen unbekannt in ängstlich gehüteter Verborgenheit heran, unschön und blind, und unverständlicherweise wurde es erst mit fünfzehn Jahren auf den Namen Odilia getauft. Bei der Taufe ereignete sich ein Wunder. Als sich nämlich das Taufwasser über Odilias Haupt ergoss, öffneten sich die Augen dem Licht, so dass die Blinde sehend wurde. Zugleich wich alle körperliche Unehre von dem jungen Menschenkind, und in fast überirdischer Schönheit blühte Odilia auf wie eine Rose im Morgentau.

 

Unsichtbarerweise wiederholt sich übrigens dieser Vorgang, sooft eine Taufe gespendet wird. Jeder Mensch ist wegen der Erbsünde, mit der er zur Welt kommt, unschön und hässlich vor Gottes Blick, sobald aber das Taufwasser die schwarzen Flecken der Erbschuld fortspült, wird die Seele des Täuflings mit einer unvergleichlichen Schönheit bekleidet, so dass sich darüber sogar die Engel und Heiligen im Himmel freuen.

 

Weiter berichtet die Legende, dass Odilia später auf das elterliche Schloss Hohenburg im Elsass heimkehrte. Ihr Bruder Hugo verhalf ihr dazu, und weil Hugo es gegen den Willen des Herzogs tat, erschlug der Vater den eigenen Sohn. Weinen möchte man fast, wenn man von solcher Grausamkeit erfährt, und alle Kinder sollen dem lieben Gott herzlich dafür danken, dass er ihnen einen Vater gab, der sich, selbst wenn er zuweilen streng ist und straft, doch vielmals besser aufführt als der wüste Herzog Atich.

 

Dann sollte Odilia auf des Vaters Befehl einen jungen Mann heiraten, den sie nicht mochte, weil sie sich in lebenslänglicher Jungfräulichkeit dem lieben Heiland versprochen hatte. Um dem heiligen Gelöbnis treu zu bleiben, floh die Prinzessin in der Kleidung einer Magd zur nächtlichen Stunde über den Rhein in den Schwarzwald. Als sie dort, eine Stunde von Freiburg im Breisgau entfernt, am Fuß eines Felsens rastete, erschien auf schnaubendem Ross der rasende Vater, um die Flüchtlinge zu züchtigen und heimzuholen. Da betete Odilia aus Herzensgrund zum Himmel um Hilfe und Schutz, und siehe, der Felsen war weicher als das harte Vaterherz, denn er öffnete sich und nahm die Verfolgte auf und verbarg sie vor dem blindwütigen Herzog Atich. Heute steht an der Stelle, wo das geschah, eine Kapelle, und eine Quelle sprudelt dort, aus der Heilwasser für kranke Augen fließt.

 

Nach diesem Ereignis öffneten sich endlich auch des Vaters Augen, und der Herzog erkannte, dass Gottes Hand sein Kind schützte und schirmte. Wahrhaft bekehrte sich der wüste Mann und machte aus der Hohenburg ein Kloster, dem Odilia vierzig Jahre lang bis zu ihrem seligen Ende vorstand. In Freude diente sie dem Herrn, und gegenüber den Armen war sie überaus wohltätig bis in unsere Zeit, denn auf dem Hohenberg, der jetzt Odilienberg heißt, fließt heute ebenfalls eine Heilquelle für kranke Augen.

 

Ottilia und der Pilger

 

Ein Greis, im Schnee ohnmächtig hingestreckt,

Mit Beulen wie ein Lazarus bedeckt,

Zum Himmel schickt er halb erstorbne Laute.

Das hört Ottilia, die Gottgetraute,

Die jeder Seufzer aus dem Schlafe schreckt.

 

Sie eilt dahin, wo sie´s im Geist gesehn;

Allein zu spät, schon ist´s um ihn geschehn,

Sie findet nur den Leichnam des Erstarrten.

„Versuch ich´s, ihn zu betten und zu warten,

Vielleicht erhört der Himmel noch mein Flehn.“

 

Zur Klosterpforte trägt sie ihn im Nu,

Bereitet ihm auf weichen Polstern Ruh,

Auf seine Brust gesenkt, dass er erwarme,

Umschlingt sie ihn mit lilienweißem Arme,

Und Leben facht ihr reiner Hauch ihm zu.

 

Da öffnet er die Augen und erschrickt,

Als er so nah die Holde sich erblickt:

„Hinweg, o schnell von dem unselig Kranken!

Soll ich durch Pest und bös Geschwür dir danken,

Du edle Retterin, die Gott mir schickt?

 

Wer mich berührt, den fasst der Seuche Graus,

Drum weichen alle Menschen vor mir aus,

Mich duldet niemand unter seinem Dache;

Denn kaum empfand ich Gottes schwere Rache,

So stieß der Knecht mich aus dem eignen Haus.

 

Und als ich weinend mich zur Kirche schlich,

Der Priester am Altar entsetzte sich,

Und der Gemeinde weigert er den Segen.

Ich musste mich auf eine Bahre legen,

Und eine Messe las man über mich.

 

Dann auf dem Friedhof ward ich ausgeführt,

Verbrannt die Bahre, die mein Leib berührt,

Und mir geboten, Menschenspur zu meiden.

Seitdem nun schweif ich pfadlos über Haiden

Wo nie des Menschen Stapfe ward verspürt.

 

Siehst du die Klapper nicht, das graue Kleid,

Des Misselsücht´gen warnendes Geleit,

Dass du es wagtest, Hilfe mir zu reichen?

O soll das Gift dich, Herrliche, beschleichen,

So find ich erst den Gipfel meinem Leid.“

 

Ottilie schweigt, ein seliges Lächeln schwebt

Ihr um das Auge, das zum Himmel strebt,

Dann küsst sie ihn und weiß von keinem Schrecken.

„Unreines mag das Reine nicht beflecken;

Denn rein verbleibt, wer Gottes Ehren lebt.

 

Den Menschen war dein Atemzug verhasst;

Denn sie gedachten ihrer Sündenlast,

Und deine Näh war sichtliches Verderben,

Du aber musstest Reinigung erwerben

Und hättest du nur meinen Saum gefasst.

 

Erhebe dich, du bist gesund und rein,

Nicht reiner kann des Himmels Sonne sein,

Und deine Sünden hat dir Gott vergeben!“

Durchdrungen fühlt er sich von neuem Leben

Und Gottes Dienst gelobt er es zu weihn.

 

Die heilige Odilia, erste Äbtissin von Hohenburg, Jungfrau, Patronin des Elsasses

 

Um das Jahr 720

 

Das Bistum Straßburg verehrt, nach der allerseligste Jungfrau, die heilige Odilia als seine erste Schutzpatronin, und nicht ohne Grund ist sie daselbst immer im gesegnetsten Andenken und in hoher Verehrung geblieben. Sie war die Gründerin des weiblichen Klosterlebens im Elsass, und die Stifterin vortrefflicher Anstalten zum Wohl der leidenden Menschheit, in denen sie mit ihren Klosterfrauen für andere sich auf die wohltätigste Weise nützlich machte, während sie von der Welt geschieden die evangelische Armut übte, ganz jener großen Weisheit der Heiligen gemäß, die von dem Menschen sich trennen, um vor deren Lastern sich zu bewahren, und mit den Menschen in Verbindung stehen, um ihre Gebrechen zu heilen, und in ihrem Elend sie zu unterstützen. Die Heiligkeit der Dienerin Gottes, die schon in ihren Taten so herrlich erglänzte, ward auch sogar bei ihren Lebzeiten, und noch mehr nach ihrem Tod durch häufige Wunder bekräftigt.

 

Odilia oder Othilia war eine Tochter Adalrichs (den man auch Atticus, Attich und Hettich nennt), Herzogs von Elsaß, und kam zur Welt ungefähr um das Jahr 662 zu Oberehenheim, einer etwa fünf Stunden von Straßburg gelegenen ehemaligen freien Reichsstadt, wo der Herzog seinen Wohnsitz hatte. Das Schloß des Atticus ward in der Folge zerstört, und jetzt sind nur noch einige Trümmer desselben zu sehen.

 

Odiliens Mutter hieß Berswinda (Berwinde, Berchinde, Bruswinde usw.), und war eine Schwestertochter des heiligen Leodegar, und der Bilibilde, Gemahlin des Königs Childerich II; wie Schöpflin in einer handschriftlichen Note nachweißt. Attich, wie le Cointe und Schöpflin dartun, ein Sohn Leuterichs oder Leuthers, Herzogs von Allemanien, der an Siegberts II. Hof die ersten Ämter bekleidete, hatte nebst Odilien noch eine Tochter, Roswinda genannt, und vier Söhne, namens Etto, (Eticho oder Heddo), Adalbert, Hugo und Batacho oder Batticho. Wegen der Verdienste seiner Ahnen und seiner Verwandtschaft mit dem austrasischen König, erhielt er nach des Herzogs Bonifaz Tod von Childerich II. das Herzogtum Elsaß, das nach seinem Tod auf seine Söhne überging.

 

Der Herzog Attich war, obgleich im Christentum geboren und erzogen, und auf Christentum haltend, von roher Gemütsart, was er durch verschiedene unedle Handlungen, besonders gegen Odilia, und, wie man sagt, gegen seinen Sohn Hugo, auf eine ganz unwürdige Weise an Tag legte. Diese nämlich kam blind zur Welt, was er für sein Haus als entehrend hielt, und darum seine eigene Tochter nicht einmal in seinem Schloss dulden wollte. Einige Schriftsteller wollten sogar behaupten, der grausame Vater habe den Befehl gegeben, das schuldlose Kind zu ermorden, gleich den Spartanern, welche in unmenschlicher Gefühllosigkeit die mit Gebrechen zur Welt geborenen Kinder dem Tode weihten.

 

Die fromme Berswinda, voll Angst und Besorgnis, und wohl einsehend, dass ihres Gemahls unmenschliche Gesinnungen nicht zu besiegen wären, dass vielmehr jede Bemühung seine Leidenschaftlichkeit nur desto höher steigern würde, entfernte im Stillen ihr Kind durch eine treue Dienerin, welche dasselbe nach Scherweiler bei Schlettstadt brachte, wo sie ein ganzes Jahr mit ihm verblieb. Da aber mittlerweile die ganz außergewöhnliche Sorgfalt, mit welcher sie des Kindes pflegte, Aufsehen erregte, und die Mutter hiervon Nachricht erhielt, schickte sie es einer Verwandten oder Freundin, welche Äbtissin zu Palme, später Baume-les-Nones an dem Doubs, sechs Stunden von Besancon, war.

 

In Betreff des Ortes, wo Odilia die heilige Taufe empfangen, so wie auch hinsichtlich der Person, die ihr dieselbe erteilt, sind die Geschichtsschreiber nicht einig. Die einen sagen, sie sei in ihrem zwölften Monat zu Moyen-Moutier oder in einer Kapelle bei Stibach oder Etival getauft worden; andere behaupten etwas später zu Regensburg; wieder andere meinen, sie habe in der Abtei Baume am Doubs nach ihrem zwölften Jahr von dem heiligen Erhard, Bischof von Regensburg, die heilige Taufe empfangen. Diese Meinung aber, dass sie der heilige Eberhard, angeblich Bischof von Regensburg, getauft habe, zerfällt schon deshalb, weil der bischöfliche Stuhl dieser Stadt erst ein Jahrhundert später errichtet worden ist. Der Pater le Cointe glaubt, sie sei getauft worden im Elsaß. Allein die meisten Denkmale stimmen für die Abtei Baume, und für den heiligen Eberhard oder Erhard, Abt von Ebersheimmünster an der Ill, eine deutsche Meile unterhalb Schlettstadt. Eberhard von Ebersheimmünster mochte wohl ein Regionar-Bischof gewesen sein, und das Evangelium zu Regensburg gepredigt haben. Auch kann man ganz gut annehmen, dass der heilige Hidulph, früher Bischof von Trier, dann Abt von Moyen-Moutier, als Taufpate gegenwärtig gewesen, denn er genoss einer hohen Achtung in dem Hause des Herzogs, der seiner Abtei auch das Landgut von Feldkirch schenkte, welches bis in die letzte Zeit diesem Gotteshaus zugehörte.

 

Obgleich indes die Angaben in obiger Beziehung nicht zur geschichtlichen Gewissheit gesteigert werden können, so wissen wir doch zuverlässig, dass Odilia in der Taufe mit der Erleuchtung der Seele, auch zugleich das Augenlicht erhalten hat; dass aber der Herzog, ihr Vater, ungeachtet demselben die frohe Botschaft dieser wunderbaren Begebenheit überbracht worden, seine Tochter dennoch von sich entfernt wissen wollte.

 

In dem Kloster Baume, wo alle Tugenden geübt wurden, nahm indes die Heilige zu an Gnade und Weisheit. Mit schnellen Schritten eilte sie auf dem Weg der Vollkommenheit voran, und die Widerwärtigkeiten, die ihr jeweilig zustießen, befeuerten nur noch wundersamer ihren Eifer, und begründeten sie unerschütterlich in der christlichen Geduld und Sanftmut. Sie fühlte sich zwar nicht gedrungen, unter die Zahl der Klosterfrauen sich aufnehmen zu lassen, wie das Brevier von Besancon fälschlich angibt, dennoch aber befolgte sie mit großem Eifer die Ordensregel, und konnte sogar in diesem Betreff den Klosterfrauen zum Muster aufgestellt werden. In ihr war vorzüglich jenes Licht des Glaubens aufgegangen, das in allem Gottes Fügung und den Zweck der Tugend zeigt; in ihr flammte jenes Feuer des himmlischen Sinnes und der Nächstenliebe, das zu Gebet und Betrachtung begeistert, und zum Wohltun und zur Aufopferung für die Menschen. Keine Not blieb ihr unbekannt, und kein Bedrängter schied von ihr ohne Trost und Labung. Alles, was ihr zu Gebote stand, goss sie mit fröhlicher Mildherzigkeit in den Schoß der Armen, und verdoppelte dadurch ihre Werke der Barmherzigkeit, dass sie ihnen zugleich Frömmigkeit und Gottesfurcht einzuflößen sich bestrebte. – Ihre Amme ehrte sie mit kindlicher Liebe wie eine Mutter. Durch ihre Vermittlung ward auch dieselbe in das Kloster Baume aufgenommen; und in ihrer letzten Krankheit wich Odilia nie von ihrer Seite. Nach ihrem Hinscheiden bestattete sogar die Heilige mit eigener Hand ihren Leichnam.

 

Diese allumfassende, aber gegen Angehörige ganz besonders zärtliche Liebe drängte sie auch unaufhörlich, sich mit demjenigen auszusöhnen, dem sie ihr Leben verdankte, obgleich er sie nie als Kind behandelt hatte. Ohne Zweifel stand sie ununterbrochen in Verbindung mit ihrer gottseligen Mutter, die ihr auch die vielen Almosenspenden mochte gegeben haben, welche sie in den Schoß der Armen goss. Sie begann nun auch einen Briefwechsel mit einem ihrer Brüder, den einige Schriftsteller, jedoch ohne Gewährschaft, Hugo nennen, und der einen überaus milden und friedfertigen Sinn hatte. Als sie dessen Zutrauen sich erworben, eröffnete sie ihm ihr glühendes Verlangen, ihren Vater wieder zu sehen, seine Abneigung gegen sie zu besiegen, und ihn, sei es auch mit der schwersten Demütigung, zu bewegen, dass er seine Härte ablegen, und sein Herz den sanften Eindrücken der Vaterliebe und zugleich durch diese den höher begeisternden Gesinnungen des Glaubens öffnen möchte. Der wohlmeinende Bruder versuchte beim hartherzigen Grafen alle Mittel, dessen Gemüt zu sänftigen und ihn zu bewegen, seine Tochter aus ihrer Verbannung endlich zurück zu rufen. Atticus aber blieb verhärtet, und erwiderte nichts, als dass er seine Ursache habe, auf seiner Weigerung zu beharren. So hat besonders Hartherzigkeit und Grausamkeit, wie jedes andere Laster, wenn der Mensch einmal aus den Schranken der Menschlichkeit, und also damit ganz aus den Schranken des Christentums getreten ist, seine eigene Verstockung, die keine Selbstrechtfertigung kennt, oder nur Verstocktheit zur Rechtfertigung hat. Der junge Edelmann, dem die Versöhnung zwischen Vater und Schwester sehr am Herzen lag, und der dabei die Überzeugung hegte, dass die Gegenwart der heiligen Odilia, die er als eine tugendhafte, sanfte und liebenswürdige Schwester kannte, mehr vermöchte, als seine zudringlichsten Reden, lud dieselbe nach Hohenburg, und gab ihr das Versprechen, er wolle alle nötigen Einleitungen hierzu treffen.

 

Schon bestieg sie mit ihrem Gefolge den Berg, als der Herzog den Zug erblickte. Da er sogleich von seinen Söhnen hierüber Aufschluss begehrte, erwiderte ihm der genannte Hugo, Odilia komme, und er selbst habe sie in die Burg eingeladen, hoffend, er werde sie als ein guter Vater in Gnaden aufnehmen. Bei diesen Worten geriet der Graf in solche Wut, dass er seinem Sohn einen tödlichen Streich versetzte. Einige sagen, er sei nur schwer verwundet worden; andere behaupten, er sei tot zur Erde gestürzt. Die erste Vorgabe wäre erwiesen, wenn man dartun könnte, dass jener Sohn wirklich Hugo geheißen, von dem der gleichzeitige Verfasser der Lebensgeschichte Odiliens sagt, er sei vor seinen Eltern gestorben. Die zweite Behauptung macht indessen das Stillschweigen des gedachten Schriftstellers unwahrscheinlich, weil er gewiss nicht ermangelt hätte, dem Vater diese Grausamkeit vorzuwerfen, wofern der Tod des Sohnes wirklich sogleich erfolgt wäre.

 

Indessen ward das Gemüt des Herzogs erweicht, und er verabscheute selbst den Gräuel, zu welchem er sich in seinem Zorn hatte hinreißen lassen. Gestraft durch seine eigene Tat, wie dies überall die Leidenschaft tut, obgleich diese Strafe nicht immer Besserung zur Folge hat, gab er sich den Gefühlen der Natur und der Religion zurück. Odilia, welche indes den Berg erstiegen, wirft sich in Tränen zerfließend zu den Füßen ihres Vaters, der sie mit inniger Zärtlichkeit aufrichtet, in seine Arme schließt, und ihr mit der unglücklich beglückten Mutter Berswinda und der ganzen Familie den Kuss des Friedens und der Liebe gibt.

 

Atticus wollte nun, wie es heißt, die Heilige mit einem Edelmann vermählen; doch sie hatte eine höhere Absicht: nämlich, dem Herrn sich zu weihen, und dieser trat auch der Vater, er, der vorhin nur seinen Willen kannte und seiner Leidenschaft folgte, willig bei.

 

Odilia übte von nun an einen großen Einfluss auf das Herz ihres Vaters; sie erteilte ihm heilsamen Rat sowohl in Betreff seines Seelenheils, als hinsichtlich der Verwaltung des Herzogtums Elsaß, deren Bewohner sie durch Mitwirkung des Herzogs zu eifrigen Christen gebildet zu sehen, den sehnlichsten Wunsch hegte. Zu diesem Zweck gedachte sie eine fromme Genossenschaft gottseliger Jungfrauen zu gründen, die ihre eigene Heiligung wirkend, zugleich durch ununterbrochene Aufopferung und Dienstwilligkeit gegen andere, den Menschen nahe und fern nützlich werden sollte.

 

Attich gab daher unserer Heiligen um das Jahr 680 das Schloß Hohenburg mit allen seinen Einkünften und Gütern, wo sie auf dem Gipfel des Berges, der beinahe das ganze Elsaß beherrscht, ein Jungfrauenstift begründete, das in kurzer Zeit von heilsbegierigen Seelen, die sich durch den Tugendglanz der heiligen Odilia angezogen fühlten, bevölkert wurde. Mannsklöster gab es zwar damals schon einige im Elsaß; unserer Heiligen aber war es vorbehalten, das erste für Frauen zu stiften. Das Opfer, das der Herzog zu diesem Zweck brachte, war außerordentlich. Denn wegen seiner vorteilhaften Lage, der Festigkeit seiner Mauern und der Stellung seiner Türme war Hohenburg jeder Zeit ein unübersteigbarer Wall gegen feindliche Anfälle, so wie dasselbe nun durch die Frömmigkeit der jungfräulichen Seelen, die es eingenommen, eine feste Burg gegen die Andränge der Welt und ihrer Laster wurde. Hohenburg heißt von jenen Zeiten an Odilienberg.

 

Zehn Jahre gingen mit der Aufführung des Klostergebäudes dahin, ohne dass dasselbe noch zur gänzlichen Vollendung gebracht worden, so umfassend war der Plan, nach dem es eingerichtet werden sollte. Indes hatten sich schon bei hundertdreißig Töchter von vornehmer Geburt zur Genossenschaft aufnehmen lassen; und wie eine liebende Mutter versammelte sie Odilia in ihrer Einsamkeit und leuchtete ihnen als ein vollendetes Muster der klösterlichen Heiligkeit vor. Ihr Eifer dachte im Augenblick an keine Regel und an keine Frage, was sie zu tun hätten; sie strebten nach Vollkommenheit und schauten bloß auf ihre geistliche Führerin, um als gelehrige Kinder in ihre Fußstapfen zu treten. Ihr stilles, abgezogenes, dem Gebet geweihtes Leben vereinigte sie allzeit inniger mit Gott und die Handarbeit, mit dem Psalmengesang wechselnd, schützte vor Einförmigkeit und beugte der Gefahr des Ermüdens und Überdrusses vor. Für ihren Unterhalt sorgte der Herzog, wie auch für einige Priester, welche die Bestimmung hatten, auf dem Berg den Gottesdienst zu besorgen. Es sollen deren vierzehn gewesen sein. Indessen sah Odilia wohl ein, dass, um der Genossenschaft einen dauernden Beistand zu geben, durch eine bestimmte Regel sowohl dem Wankelmut als dem übertriebenen Eifer vorgebeugt werden müsse, und benützte deshalb die glückliche Stimmung ihrer Mitschwestern, die in dem ersten Eifer der Nachahmung keiner Regel bedurften, im Einverständnis mit ihnen für das Kloster gewisse Satzungen zu bestimmen. Sie berief sie demnach zusammen, und nach einmütiger Anrufung des Heiligen Geistes wählten sie sich miteinander eine Regel, nach welcher sie forthin ihre Lebensweise einzurichten gedachten. Alle Chroniken des Benediktiner-Ordens behaupten, sie hätten die Regel des Patriarchen der abendländischen Mönche angenommen; und sogar der gelehrte Mabillon, durch die Vorliebe für seinen Orden vielleicht bestochen, spricht sich für diese Meinung aus, indem er vorgibt, um die Beweise seiner Gegner mit einem Mal niederzuschlagen, der Name Canonica oder Chorfrau sei erst am Ende des 8. Jahrhunderts aufgekommen. Allein Laguille, Hugo von Stibach, Albrecht und Grandivier haben ihn bündig widerlegt.

 

Odilia eröffnete die Versammlung mit folgenden Worten an ihre Klostergenossinnen: „Ich weiß, meine teuersten Schwestern, dass wir für Jesus nicht zu viel tun können, und dass die größten Abtötungen die Anbeter der gekreuzigten Gottmenschen nicht abschrecken sollen. Allein lasst uns den Vorwürfen unserer Nachkommen vorbeugen; die Lage unseres Hauses erfordert eine Arbeit, der sie nicht gewachsen wären; nicht einmal können wir ohne große Mühe unser weniges Wasser bekommen. Beschränken wir eine Strenge, die den Körper ertöten würde, ohne die Seele zu trösten, nimmermehr unterlassen wir aber solche Übungen, welche das Herz läutern und heiligen. Das kanonische Leben scheint demnach unserer jetzigen Lage am angemessensten zu sein.“ Alle stimmten der Meinung ihrer heiligen Vorsteherin bei, und unterwarfen sich einer bestimmten Lebensregel. Humbert, Abt von Moyen-Moutier, welcher 1044 die Lebensgeschichte der heiligen Odilia in Versen schrieb, behauptet, sie habe ihren Mitschwestern eine Sammlung von Satzungen gegeben, die sie aus den Regeln des heiligen Augustinus, des heiligen Benedikt und des heiligen Columban gezogen. Wahrscheinlich haben die Stiftsdamen von St. Stephan in Straßburg und jene von Eschau auch die Regel von Hohenburg angenommen; denn kurz darauf wurden die ersten vom Herzog Adalbert, Odiliens Bruder, die andern von dem Straßburger Bischof Remigius, ihrem Neffen gestiftet, und die zwei ersten Äbtissinnen derselben, Nichten unserer Heiligen, hatten zu Hohenburg ihre Bildung erhalten.

 

Wenn diese sogenannten Stiftsdamen die kanonische Regel beobachteten, so ist dieses nicht so zu verstehen, als wären sie weltliche Chorfrauen gewesen, wie später die Stiftsdamen von Remiremont in Lothringen, und jene von Andlau, welche die heilige Kaiserin Richardis als ihre Stifterin verehrten. Sie waren wirkliche Klosterfrauen, die, allem Irdischen entsagend, unter einer Äbtissin eine Genossenschaft bildeten. Man nannte sie nur darum Chorfrauen, um sie von den Nonnen zu unterscheiden, welche sich zu der Regel des heiligen Benediktus bekannten. Die Lebensweise jener war nicht so streng wie dieser, indes hießen beide Monialen oder Sanctimonialen, und ihre Häuser nannte man Klöster oder Konvente. Odilia glaubte jedoch von ihrer Seite mehr schuldig zu sein, als sie von ihren Mitschwestern zu verlangen berechtigt wäre. Sobald sie daher ihre Gemeinde gegründet hatte, ergab sie sich allen Werken der Abtötung. Ihre Nahrung bestand in etwas Gerstenbrot und einigen Gemüsen; sie trank nur Wasser, ausgenommen an Festtagen; die Nacht brachte sie im Gebet zu, bis der Schlaf sie zur Ruhe nötigte; ihre Lagerstätte bestand aus einer Bärenhaut und einem harten Stein.

 

Der Eifer der heiligen Äbtissin wuchs mit jedem Tag. Ihre heilige Gesinnung war fruchtbar an heiligen Taten; und diese selbst streuten wieder hundertfältig segenbringenden Samen in ihr Herz und befeuerten aufs Neue ihre großmütige wohltätige Liebe. In wenigen Menschen erschien die Heiligkeit liebenswürdiger als in Odilia. Ihre Andacht war nicht beschränkt in der Stunde des Gebets und in die Stimmung und den frommen Genuss des Gemüts; sie verstand vollkommen ein arbeitsames Leben mit der Süße der Beschaulichkeit zu vereinen. Und wenn sie die Mängel und Seelenkrankheiten anderer unverwandt ins Auge fasste, um in Liebe dieselben zu heilen, so entgingen keineswegs ihrem Blick die körperlichen Leiden der Armut und der Verlassenheit. Da Hohenburg sehr mühsam zu besteigen war, besonders für die Armen und Kranken, so ließ sie am Fuß des Berges gegen Mittag hin, wo man die St. Nikolauskapelle sieht, ein Spital erbauen, um alle Gebrechlichen und Notleidenden darin aufzunehmen. Ob diese Stiftung vor oder nach dem Tod Berswindas, die im Jahr 690 starb, geschehen sei, kann nicht genau bestimmt werden: wäre es ausgemacht, dass ihre Güter, welche sie im Flecken Bersch besessen, durch sie selbst an dieses Pflegehaus übergegangen, dann wäre freilich dieser Zweifel gehoben. Allein wir möchten diese Stiftung mit mehr Grund einige Jahre nach dem Tod dieser Gräfin annehmen.

 

Wir erinnerten eben, dass die hohe Lage des Klosters den Zutritt desselben höchst beschwerlich machte: dessen ungeachtet besuchte Odilia jeden Tag die Armen und Kranken des Hospitals zum hl. Nikolaus, und spendete ihnen häufige Almosen.

 

Die Heilige, die, wie wir schon erzählten, den Herzog, ihren Vater, zu milden und christlichen Gesinnungen gebracht, und gleichsam sein ganzes Gemüt umgewandelt hatte, bewog ihn auch noch in seinem Alter, dass er sogar seine Wohnung neben dem neuen Kloster nahm, um da seine Tage in Buße und Gottergebenheit zu beschließen. Die fromme Mutter begleitete ihn dahin, und beide dienten dem Herrn in einmütiger Liebe. Der Herzog ward vor seinem Ende mit einer schmerzlichen Krankheit heimgesucht, in welcher ihm seine heilige Tochter stets zur Seite blieb, um ihn mit kindlicher Sorgfalt zu verpflegen, zu trösten und zu stärken. Nach seinem Hintritt (am 20. Februar 690) ergoss sie sich mehrere Tage nacheinander in glühende Gebete für die Ruhe seiner Seele, beobachtete strengeres Fasten und übte noch sonstige Bußwerke; und endlich am fünften Tag soll Gott ihr und einigen Klosterfrauen geoffenbart haben, dass seine Seele in den Himmel aufgenommen worden.

 

Berswinda, welche, von gleichem Eifer entflammt, mit ihrem Gemahl den Bußweg betreten, folgte ihm auch bald in die Ewigkeit. Neun Tage nach dessen Bestattung, da sie eben in der Kapelle des heiligen Täufers Johannes im Gebet versunken war, starb sie eines plötzlichen Todes. Odilia setzte ihren Leichnam unter seinem Grabmal bei, das sie in der Muttergottes-Kapelle errichten lassen, und wo die Gläubigen in der Folge zur Verehrung hinströmten, bis beide im Jahr 1617 in die Engelskapelle übertragen worden. Bei der Bestattung waren auch des Grafen zwei Söhne Etto oder Eticho und Adelbert gegenwärtig, welche besonders reichliche Almosen bei dieser Gelegenheit spenden ließen. Man sieht dermalen noch auf dem St. Odilien-Berg Attichs Grabmal mit einigen von seinen und seiner Gemahlin Berswinda Gebeinen; die meisten sind jedoch in die Abtei Ebersheimmünster gebracht worden.

 

Vor seinem Tod hatte der Herzog seine Besitzungen unter seine Söhne verteilt. Etto, den einige als den jüngsten Sohn angeben, behielt das Herzogtum Breisgau und die Grafschaft Argau; Adelbert, den man für den ältesten Sohn hält, das Herzogtum Elsaß nebst Sundgau, Schwaben und der Schweiz; Hugo erhielt mehrere Ländereien mit dem Titel: Graf von Elsaß; Battacho fiel das Willer- oder Weylertal nebst dem Gut Limburg zu.

 

Wenn Odilia das Institut für Chorfrauen der eigentlichen Nonnen-Regel vorzog, so geschah dies mitunter wohl in der Absicht, um mit ihrer Familie beständig in Verbindung zu bleiben, und so auf die Heiligung derselben tätig einwirken zu können. Und wirklich hat dieses Haus eine Menge Stiftungen als Denkmale seiner Frömmigkeit zurückgelassen, die bis zum Ausbruch der französischen Staatsumwälzung den Unglücklichen einen Zufluchtsort, den Künsten und Wissenschaften eine Freistätte darboten, und zur Förderung der Wohlfahrt in der ganzen Provinz nicht wenig beitrugen.

 

Da die zwei von dem Herzog Attich vor der Rückkehr Odiliens errichteten Kapelle die Klosterfrauen und die Menge herbeiströmenden Volkes nicht mehr fassen konnten, baute die fromme Äbtissin eine neue und viel größere Kirche, die unter der Anrufung der allerseligsten Jungfrau eingeweiht wurde. Diese Kirche scheint noch zu den Lebzeiten Attichs begonnen worden zu sein, weil er die Kosten des Baues getragen haben soll. Um mit desto größerer Geistessammlung beten zu können, ließ sie neben der Hauptkirche noch ein Bethaus errichten, das sie Muttergottes-Kapelle nannte. Neben diesem Bethause erbaute sie dann noch die sogenannte Kreuzkapelle, worin sonst der alte steinerne Sarg sich befand, der die Überbleibsel der Gebeine des Atticus und der Herzogin Berswinda verwahrt, und der erst im Jahr 1753 aus der Engels- oder hangenden Kapelle dahin gebracht worden. Aus Dankbarkeit für das in der heiligen Taufe erlangte Augenlicht errichtete sie noch eine Dritte zu Ehren des heiligen Johannes des Täufers, die in der Folge St. Odilienkapelle genannt wurde, weil man in derselben die heilige Äbtissin beigesetzt, und ihre Gebeine daselbst der Verehrung der Gläubigen ausstellte. Im Klostergarten stand eine vierte Kapelle, in welche man durch die Klostermauer ging. Da war es, auf dem Felsenboden vor dem Altar, wo die heilige Odilia unter anhaltendem Gebet für ihren Vater häufig Zähren vergoss, weshalb dieselbe auch den Namen Zährenkapelle führte. Es ruhte darin der Leichnam der heiligen Eugenia. Endlich sah man noch eine andere, von welcher wir oben schon geredet haben, Engelskapelle genannt, weil sie der Verehrung der himmlischen Geister gewidmet war, oder hangende Kapelle, weil sie am äußersten Rand eines Felsen lag, der zum Teil unterhöhlt war, zum Teil eine senkrechte Wand bildete.

 

Diese verschiedenen Kapellen waren eben so viele Stationen, worin die frommen Gefährtinnen unserer Heiligen ihrer Andacht in einsamer Stille pflegten. Gegen Morgen pflanzte Odilia zu Ehren der drei göttlichen Personen drei Linden, welche zugleich das Kloster gegen die heftigen Winde schützten. Beim Brand im Jahr 1681 zerfielen zwei davon in Asche, die dritte stand noch im Jahr 1698.

 

Wir haben bereits erinnert, dass Odilia am Fuß des Berges ein Armen- und Krankenhaus errichtet, und dass sie täglich die Armen und Kranken in demselben besuchte. Ein so rührendes Beispiel der großmütigsten Nächstenliebe machte tiefen Eindruck auf ihre Mitschwestern, die, um gleichfalls an diesem edlen Wer teilzuhaben, und für den Fortbestand des Hauses zu sorgen, ihre Äbtissin baten, neben dem Spital ein neues Kloster zu bauen, weil zu gewissen Zeiten des Winters das Ab- und Aufsteigen unmöglich werden könnte, um von dort aus die Kranken Tag und Nacht verpflegen zu können. Der Antrag wurde genehmigt, und um das Jahr 700 waren die neuen Gebäude nebst einer Kirche schon aufgeführt. Diese neue Anstalt wurde Niedermünster genannt und blieb unter der Aufsicht der heiligen Odilia.

 

Der Herr, welcher gerechte Seelen oft hier schon verherrlicht, bewies mehr als einmal, wie sehr ihm die erbarmende und großmütige Liebe seiner Dienerin gefiel. Eines Tages lag an der Klosterpforte ein Aussätziger, der jammernd ein Almosen begehrte. Die Heilige bereitete sogleich einiges Labsal und wollte selber den Armen damit bedienen, als ihr im Nähertreten aus dieser lebendigen Leiche ein unausstehlicher Gestank entgegen kam; sie entsetzte sich anfänglich, doch sogleich über die menschliche Natur sich erhebend, umarmte sie mit inniger Zärtlichkeit den Unglücklichen, reichte ihm das Essen, und flehte zu Gott, er wolle ihm Geduld verleihen, oder die Gesundheit wieder geben. Ihr Gebet ward sogleich erhört, indem der Aussätzige plötzlich von seinem Übel genas.

 

Spätere Geschichtsschreiber erzählen, dass sie ein anderes Mal, da sie aus dem Spital in das obere Kloster hinaufstieg, einem vor Durst bis zum Tod entkräfteten Kranken begegnet ist. Wegen ihres hohen Alters und ihrer Gebrechlichkeiten war es ihr aber unmöglich, schleunige Hilfe zu schaffen. Da betete sie zu Gott, mit der ganzen Kraft ihres Flehens, und ward erhört; aus einem Felsen sprudelte ein Wasserquell hervor, an dem der Kranke sich labend auf der Stelle genas. An diese fromme Begebenheit erinnert immer noch der Odilienbrunnen, eine Quelle, welche eine Viertelstunde unterhalb dem Kloster an dem langen schmalen Wolfstaler Hügel aus dem unterhöhlten Felsen strömt, und unter einem steinernen Kreuz durch eine Rinne in einem Sarg fließt, aus welchem das Wasser den Berg hinab gen Niedermünster läuft.

 

Dem Kloster war es verboten, einen Armen oder Kranken abzuweisen. Da nun eines Tages eine ungewöhnliche Menge sich einfand, wurde der Weinvorrat erschöpft; man meldete dies der Äbtissin, die erwiderte, der Himmel habe schon dafür gesorgt; und wirklich, berichtet man, waren alle Gefäße wieder mit Wein gefüllt.

 

Die vollendete Tugend der heiligen Odilia hatte sie schon längst für den Himmel reif gemacht, und ihr hohes Alter ließ auf ihren baldigen Hintritt schließen. Sie selber hatte von ihrem nahen Tod eine geheime Ahnung, und offenbarte dies in der St. Johannes-Kapelle ihren versammelten Schwestern. Nebst der heiligen Eugenia und Gundelinde, war auch die heilige Attala, ehehin Chorfrau zu Hohenburg, und damals Äbtissin von St. Stephan in Straßburg, alle drei Nichten unserer Heiligen, bei dieser Voraussagung gegenwärtig. Nachdem sie den Schwestern ihren baldigen Tod bekannt gemacht, ermahnte sie dieselben, in keiner Weise von ihrem bisherigen Eifer abzuweichen. Sie stellte ihnen das Vergängliche und Eitle dieses Lebens und die Kürze der Prüfungen vor, auf welche eine ewige Belohnung folgt, und ermahnte sie endlich auch zur Liebe Gottes und zum Gebet für ihre Verwandten. Darauf ließ sie dieselben in die Muttergottes-Kapelle ziehen, um da ein seliges Ende für sie zu erflehen. Während dies geschah, lag die Heilige in Verzückung; dann empfing sie die heilige Wegzehrung, sagte ihren Schwestern das letzte Lebewohl und entschlief selig im Herrn den 13. Dezember, am Tag der heiligen Lucia. Ihr Todesjahr weiß man nicht genau. Gemeinhin gibt man das Jahr 720 an; jeden Falles starb sie vor dem Jahr 722, wo Eugenia schon als Äbtissin erscheint. Ihre sterbliche Hülle ward in der Kapelle des heiligen Johannes des Täufers beigesetzt; und an ihrem Grab sind zu allen Zeiten viele Wunder geschehen, aus welcher Ursache sie auch öffentlich verehrt wird.

 

Im Jahr 1354 kam der Kaiser Carl IV. nach Hohenburg, um den Leichnam der Heiligen zu sehen. Der Bischof von Straßburg und der Bischof von Olmütz, eröffneten daher den Sarg, aus welchem der Kaiser den vorderen Teil des rechten Armbeins erhielt, den er dem Dom zu Prag verehrte. (Die Verehrung der Reliquien von Heiligen ist biblisch begründet: Reliquien sind, übersetzt man das Wort aus dem Lateinischen ins Deutsche, nach christlicher Deutung „Überbleibsel“ aus dem irdischen Leben einer heiligmäßigen Person – sei es ihr Leichnam, Teile ihres Körpers oder Dinge, die mit ihr in Berührung getreten sind. Schon den Schriften der Bibel sind Ansätze der Reliquienverehrung zu entnehmen. So nahm Moses beim Auszug aus Ägypten die Gebeine Josephs mit, Exodus 13,19; durch die Berührung der Gebeine Elischas wurde ein Toter wieder lebendig, 2 Könige 13,21. Im Neuen Testaments heißt es zu den Wundern des heiligen Paulus: „Sogar seine Schweiß- und Taschentücher nahm man ihm vom Körper weg und legte sie den Kranken auf; da wichen die Krankheiten und die bösen Geister fuhren aus“, Apostelgeschichte 19,12. Für die katholische Kirche ist der Reliquienkult erlaubt und nützlich. Das Konzil von Trient, 1545-1563, betont, dass die Leiber der Heiligen lebendige Glieder Christi und Tempel des Heiligen Geistes waren, dass sie einst wieder auferweckt und verherrlicht werden und dass Gott durch sie den Menschen viele Wohltaten spendet.)

 

Die heilige Odilia war sehr unterrichtet, und vorzüglich bewandert in der Heiligen Schrift und in der Kirchengeschichte. Ihre Reden, wie auch ihr Testament zeugen von einer erleuchteten Frömmigkeit und einer seltenen Gewandtheit in der Führung der Seelen wie in der äußeren Leitung ihrer Genossenschaft. Einen ihrer Vorträge über das einsame Leben findet man bei Ruyr. Ihr echtes Testament, verfasst um das Jahr 708, das man mit einem Unterschobenen nicht verwechseln wolle, steht bei Grandidier. Ach trieb Odilia das Studium der lateinischen Sprache, welches sich auf ihre nachfolgenden Schwestern vererbte.

 

Nach dem Ableben der heiligen Odilia, welche die sämtlichen Einkünfte der beiden Stiftungen zu Hohenburg und Niedermünster verteilt hatte, mit Ausnahme des Hofes Oberehnheim, der ihnen gemeinschaftlich blieb und als Band der Einheit dienen sollte, versammelten sich die Chorfrauen beider Klöster, um für jedes eine eigene Äbtissin zu wählen und zu ernennen. Die einstimmige Wahl fiel auf Eugenia und Gundelinde, zwei Nichten Odiliens, und Töchter des elsässischen Herzogs Adelbert und seiner Gemahlin Gerlinde, Eugenia für Hohenburg, Gundelinde für Niedermünster. Eugenia starb am 16. September um das Jahr 735, und wurde lange Zeit öffentlich verehrt. Ihre Gebeine wurden bis in das Jahr 1622 aufbewahrt, wo die Schweden unter Mansfelds Anführung ihren Sarg zerschlugen. Einige ihrer Reliquien befinden sich noch zu Oberehnheim und zu Wilgotheim.

 

Ju jeder Zeit wurden häufige Wallfahrten zum Grab der heiligen Odilia unternommen, an dem eine unzählige Menge Wunder auf ihre Fürbitte geschehen sind, besonders an Augenkranken. Der Odilienberg, wo sich die Gebeine der Heiligen unversehrt erhalten haben, wird dermalen noch sehr besucht aus der Nähe und Ferne. Seit der französischen Revolution war gewöhnlich ein Geistlicher daselbst, der die Wallfahrtskirche bediente.

 

Die Verehrung der heiligen Odilia schreibt sich beinahe von ihrem Todesjahr her; der gleichzeitige Verfasser ihrer Lebensgeschichte nennt sie durchgehends glückselig. Das alte Martyrologium vom Ende des 8. Jahrhunderts, so wie das von Beda setzen ihren Todestag unter die Feiertage, die dortmals in der Straßburger Diözese begangen wurden. Ihren Namen ließt man auch in einem Kalender, der vor einem Vesperbuch des 9. Jahrhunderts steht. Dieses Buch gebrauchte die Königin Hemma, Gemahlin Lothars, und wurde ehehin zu Rheims in der Bibliothek von St. Remigius aufbewahrt. Ihre Verehrung wurde durch viele Wunder, so wie durch verschiedene päpstliche Bullen bestätigt. Der Name der heiligen Odilia steht bei Ado und Molan, wie auch im römischen Martyrologium unter dem 13. Dezember.