Der selige Nunzio Sulprizio, Schmiedelehrling, + 5. Mai 1836 - Fest: 5. Mai

 

Die Jugend unserer Zeit, besonders die Arbeiterjugend, ist gar vielen Gefahren und Verführungen aller Art ausgesetzt, die ihr von den Lehren des Unglaubens und einer widerchristlichen Sittenlosigkeit drohen. Sie braucht Schutzwehren, die sie vom Untergang retten, sie bedarf leuchtender Beispiele, die noch immer voll größerer Macht auf die jungen Herzen wirkten als Worte der Mahnung; lebendige Vorbilder muss sie vor Augen sehen, die in der Kraft ihres Glaubens und dem Glanz jungfräulicher Sittenreinheit zur Nachahmung hinreißen. Ein solch herrliches Jugendvorbild, ein „getreues Abbild ihres himmlischen Schutzpatrons“ St. Aloisius, ist der junge Arbeiter, der am 1. Dezember 1963 durch Papst Paul VI. seliggesprochene Nunzio Sulprizio. Der große Arbeiterfreund Papst Leo XIII. selbst stellte ihn schon vor der Seligsprechung der Jugend als Muster vor. So schreibt der soziale Papst: „Seit seiner zartesten Jugend nahm sich Sulprizio den heiligen Aloisius zum Muster und bemühte sich ihn in dem Geist der Abtötung, der Geduld, der Demut und des Gebetes nachzuahmen und so reich an Verdiensten und jung wie er entschlief er im Ruf der Heiligkeit.“

 

Nicht an einem Fürstenhof und nicht im Kloster hat sich der neue aloisianische Jüngling die Heiligkeit erworben. Nunzio war das Kind ganz armer Eltern aus Pesco Sansonesco im Abruzzengebirge von Mittelitalien. Mit sechs Jahren war er schon eine Waise. Die einzige Stütze, die ihm noch geblieben war, einige mitleidige, gute Großmutter, nahm ihm Gott der Herr auch noch hinweg, um den Kleinen schon in den frohen Jahren der Kindheit in die früh, aber stürmisch reifende Schule der Leiden zu nehmen. Der eltern- und vermögenslose Junge wurde zu einem Oheim gebracht, einem rohen, grausamen Schmied. Für ihn galt der arme Junge nur so viel, als er ihm verdienen helfen konnte. Eine volle, kostenlose Arbeitskraft sollte ihm der arme Neffe abgeben. Erziehung, Lehre, Fortbildung waren dem gewissenlosen Menschen unbekannte, religiöse Betätigung und Frömmigkeit überflüssige Dinge. Darum ließ er den Jungen ferner nicht mehr die Schule besuchen, sondern überhäufte ihn vom frühen Morgen bis zum späten Abend mit Arbeiten, die seine Kräfte weit überstiegen. Ob im Sommer die Glühhitze unerträglich war, oder ob im Winter in der rauen Gebirgsgegend das schlimmste Wetter hauste, Nunzio musste hinaus und weite Wege zurücklegen, um die Aufträge seines Meisters zu erledigen. Bald kamen dazu noch die gröbsten Misshandlungen. Der jähzornige Oheim geriet bei den geringsten Anlässen in Wut. Konnte Nunzio auch mit dem besten Willen nicht allen Launen entsprechen, so musste er es immer schwer büßen. Der Schmied ergriff das erste beste Stück Eisen oder Werkzeug, das ihm in die Hände fiel, und schlug damit unbarmherzig auf den bedauernswerten Lehrling los oder warf ihn zu Boden und traktierte ihn mit den Füßen, bis er bewusstlos dalag. Die Gesellen standen ihrem Meister an Rohheit kaum nach. Doch das Schlimmste für Nunzio waren die gottlosen und unzüchtigen Reden und Zoten jener Menschen, die er Tag für Tag über sich ergehen lassen musste. Oft hielt er sich die Ohren zu oder verbarg sich in einer Ecke, um von den Unterhaltungen nichts zu verstehen.

 

Durch die Überanstrengung und die mangelhafte Nahrung wurde die Gesundheit Nunzios untergraben. Er magerte zusehends ab. Am linken Bein bildete sich ein großes Geschwür. Schließlich konnte der Arme nicht mehr gehen. Doch der gefühllose Meister nahm keine Rücksicht und zwang ihn nun den ganzen Tag am Blasebalg zu stehen, und als ihm hierzu die Kräfte versagten, band man ihn an die Blasebalgkette fest. Häufige Ohnmachtsanfälle stellten sich ein. Aber trotz der grausamen Behandlung hörte man Nunzio niemals klagen. Keine Vorwürfe gegen seine Peiniger kamen über seine Lippen. Nie verlor er seine Sanftmut oder seinen heiteren Sinn.

 

Als Nunzio gänzlich arbeitsunfähig geworden war, ließ ihn der Schmied endlich in das Armenhospital von Aquila bringen. Die gute Pflege brachte aber nur etwas Linderung, eine Heilung war ausgeschlossen. So musste Nunzio wieder entlassen werden. Die Quälereien gegen den nutzlosen Arbeiter begannen jetzt aufs Neue. Mochte der Leidende auch halbtot zusammenbrechen, er musste arbeiten. Doch unerschütterlich blieb er bei seinem Entschluss, alles mit größter Geduld zu ertragen. „Ich will ein Heiliger werden, ein großer Heiliger, und zwar in kurzer Zeit“, so ermunterte er sich selbst oft in schweren Stunden. Zu einem Heiligen gehört vor allen Dingen Charakterfestigkeit. In der Schmiede von Pesco Sansonesco bestand Nunzios Charakter die Feuerprobe.

 

Endlich nach sechs langen Leidensjahren kam für den vergessenen, misshandelten Waisenjungen die Erlösung. Ein anderer Onkel in Neapel erfuhr von der traurigen Lage Nunzios, nahm ihn zu sich und stellte ihn seinem Vorgesetzten vor, dem Obersten Felix Wochinger, einem durch seine Frömmigkeit und Wohltätigkeit bestbekannten Mann, dem Namen nach wohl deutscher Abstammung. Tief ergriffen von dem Anblick und der Leidensgeschichte des unschuldigen Dulders, entschloss sich Wochinger, ihm fortan ein väterlicher Beschützer zu sein. Der Kranke wurde in ein Spital gebracht und aufs Beste gepflegt. Für die Heilung des Körpers freilich war es zu spät. Es war Knochenfraß entstanden. Aber die schöne Seele des reinen, im Leid erstarkten jungen Mannes erstrahlte in der besseren Wertschätzung seiner Mitmenschen in hellstem Glanz. Nunzio war bald der Liebling des ganzen Hospitals. Aus seinem Antlitz leuchtete die Unschuld und, trotz größter Schmerzen, eine nie versiegende Heiterkeit. Er schleppte sich an die Betten der anderen Kranken und tröstete und ermunterte sie. Wie geschickt verstand er es, in seine Unterhaltungen ganz ungezwungen religiöse Ermahnungen einzuflechten, die ihre Wirkung nicht verfehlten. Besonders erbaute er durch seine innige Andacht zur heiligen Eucharistie und zur allerseligsten Jungfrau. Wie alle reinen Seelen war er ein großer Liebhaber des Gebetes. Man konnte ihn öfters des nachts vor seinem Bett kniend finden.

 

Nachdem Oberst Wochinger seinem Schützling auch mehrmals die Heilkraft der Bäder von Ischia sorglich hatte zukommen lassen, ließ er ihn nach ungefähr zwei Jahren in sein eigenes Schloss bringen, nicht nur um alles für den lieben Kranken tun zu können, sondern auch um persönlich Gelegenheit zu haben, Zeuge der Heldentugend eines Heiligen zu sein. „Wie könnte ich,“ sagte er so schön, „über die Prüfungen klagen, die der Herr mir schickt, wenn Nunzio sich fast das Notwendigste versagt, um auch anderen etwas zufließen zu lassen, und dabei so schlicht bemerkt: Was? Sollten diese Armen des Herrn nicht auch etwas bekommen?“

 

Unter so liebenden Augen und trefflichster Pflege schien es fast, als ob dem siechen Jüngling das Leben sich von Neuem hoffnungsvoll zeigen würde. Schon keimten Pläne: Ordensmann wollte er werden und ein Priester des Herrn. Doch forderte Gott nur noch ein Opfer als Krönung seines Dulderlebens, das Opfer eben dieses Lebens. Und Gottes Wille war auch der seinige. Darauf allein war sein Herz gerichtet; wie vordem Not und Menschenbosheit, so vermochten jetzt Lebensgenüge und Menschengunst ihn nicht vom unverrückbaren Ziel abzubringen: Heilig werden in kurzer Zeit! Seinem Bußeifer genügte sogar die Fülle des auferlegten Leidens noch nicht. Er übernahm noch freiwillige Abtötungen. So hohem Mut und hochherzigem Sinn begegnete Gott auch mit außerordentlichen Gunstbezeigungen.

 

Die gottgesetzte Aufgabe war vollendet. Neunzehn Jahre hatte der stille Dulder erreicht. Am 5. Mai 1836 nahm er Abschied von dieser Welt, die ihm so viel Leid und doch so überselige Freude gebracht hat. Auf ein Muttergottesbild blickend, rief er aus: „Schaut doch, wie schön sie ist!“ So ging er in ein besseres Leben ein. Die Kunde von seinem Tod rief in Neapel eine wahre Wallfahrt nach dem neuen Schloss hervor. Die rötlich gefärbte Wunde soll einen süßen Duft verbreitet haben. Zahlreiche Gebetserhörungen haben auf Anrufung des ehrwürdigen Nunzio stattgefunden. Unter den Bittstellern um seine Seligsprechung waren selbst hohe weltliche Würdenträger, wie Ferdinand II., König von Neapel.

 

Die Tugend ist eben liebenswürdig, wo sie erscheint. Die Tugend gedeiht überall, in jeder gesellschaftlichen Stellung, in jedem Alter, in jeglichem Gesundheitszustand. Habe nur den Mut zum Heiligwerden, auch unter anscheinend ungünstigsten Verhältnissen! Es eilt!