Der heilige Meinolf / Meinulph, Erzdiakon und Bekenner von Paderborn, + 847 – Fest: 5. Oktober

 

Etwa drei Stunden von Paderborn entfernt, in der Nähe der alten und malerischen Wevelsburg und des ehemaligen Klosters Böddeken steht im engen Talgewinde eine uralte Linde. Dort erblickte der Sage nach der heilige Meinolf auf der Flucht seiner Mutter das Licht der Welt um das Jahr 793. Seine Eltern waren in dortiger Gegend reich begütert und sehr angesehen, beide zum Christentum gelangt, indes fiel der Vater bald nach der Geburt seines Sohnes im Kampf, die Mutter, namens Wichtrud, zog sich während der Kriege Karls des Großen gegen die aufrührerischen Sachsen mit ihrem Kleinen in die einsame Gegend von Altenböddeken zurück. Hier verlebte sie einige Jahre in Ruhe, als eine andere Verfolgung sie aus diesem Zufluchtsort vertrieb. Der Bruder ihres verstorbenen Gemahls kam in verbrecherischer Absicht zu ihr, und da er sie durch scheinbare Güte nicht erreichen konnte, versuchte er sie durch Gewalt zu erlangen. Die edle Wichtrud entfloh zum Frankenkönig Karl, um bei ihm Schutz für sich und ihren Sohn zu suchen. Der König nahm sie freundlich auf und übernahm bei ihrem vierjährigen noch nicht getauften Sohn die Patenstelle. Er gab dem Knaben den Namen Meinolf, d.h. meine Hilfe. Vielleicht sah der König im prophetischen Geist in dem Täufling ein gottgegebenes Werkzeug zur Befestigung des christlichen Glaubens in dieser Gegend.

 

Die Erziehung des jungen Meinolf übertrug der König dem ersten Bischof von Paderborn, Hathumar, der, wie sein Nachfolger Badurad, in Würzburg ausgebildet, im Jahr 795, den neuerrichteten Bischofssitz von Paderborn einnahm. Von diesen beiden heiligen Lehrern erzogen, lernte Meinolf die Güter der Welt verachten, und er wünschte nichts sehnlicher, als unter die Zahl der in klösterlicher Gemeinschaft lebenden Geistlichen der Paderborner Domkirche aufgenommen zu werden. Der Bischof Badurad entsprach seinem sehnlichsten Wunsch. Meinolf leuchtete durch seine vortrefflichen Geistesgaben, seine große Bescheidenheit und sein freundliches Wesen so sehr, dass ihn der Bischof zu seinem innigsten Freund und beständigen Gefährten erkor.

 

Einst legte der heilige Bischof seinen Geistlichen die Frage vor, was der Heiland wohl mit den Worten bei Matthäus 8 habe sagen wollen: „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester, der Menschensohn aber habe nicht, wohin er sein Haupt hinlege.“ Einer der Umstehenden erklärte die Worte des Heilandes dahin: „Der Heiland trage ein inniges Verlangen, in unserem Herzen zu wohnen, allein der Zugang zu ihm sei durch unsere Sünden verschlossen. Darüber beklage sich der Heiland in der angeführten Stelle.“ Der heilige Meinolf war von diesen Worten innigst gerührt, und er beschloss, damit die Klage des Herrn nicht auch auf ihn Anwendung finde, nicht nur sein Herz durch die sorgfältigste Vermeidung jeder, auch der geringsten Sünde, Christus zur Wohnstätte zu geben, sondern auch einen Tempel und ein Kloster zu bauen, wo der Herr mitten unter gottgeweihten Personen seinen Sitz aufschlagen möchte.

 

In Ungewissheit über einen geeigneten Platz, wurde ihm durch eine wunderbare Erscheinung der Ort offenbart. Zuerst sah ein Hirt im Waldesdickicht ein wunderbares Licht. Der Hirt verkündete dem heiligen Meinolf die seltsame Erscheinung und der teilte sie dem Bischof mit. Der fromme Badurad sprach: „Der geringe Stand des Hirten soll uns nicht verächtlich erscheinen, da selbst die Geburt des Heilands zuerst den Hirten verkündigt wurde.“ Zugleich riet er seinem Archidiakon, er möge Gott um ein wiederholtes Zeichen innigst anflehen. Der Heilige begab sich mit dem Hirten an die bezeichnete Stelle und verharrte dort die ganze Nacht unter inbrünstigem Gebet. Da gewährte ihm Gott die Gnade, die Erscheinung ebenso zu sehen, wie vorhin der Hirt. Es zeigte sich ihm ein prächtiger Hirsch, zwischen dessen Geweih das Zeichen der Erlösung strahlte. Welche Freude gewährte dieser Anblick dem Meinolf. „Jetzt hege ich die sichere Hoffnung – sprach er – dass der, der einst mit derselben Kreuzeswaffe die Pforten der Hölle zerbrach, sich auch als Beschützer dieser Stätte bewähre, wenn sich auch die Höllenschar widersetzte.“ Er erbat und erhielt die kaiserliche Bestätigungsurkunde und schritt rüstig zum Bau des Klosters. Die Einweihung der Kirche zu Böddeken fand am 10. November (vermutlich 827) statt. Gottgeweihte Jungfrauen nahmen die Zellen des Klosters ein. Meinolf beschenkte das Kloster reichlich aus seinen umherliegenden Gütern. Auch verlieh der Heilige sechs in der Nähe wohnenden Rittern ansehnliche Einkünfte und Lehen, um aus diesen zu gewissen Zeiten des Jahres dem Kloster alle Bedürfnisse zum Unterhalt und zur Bekleidung zu reichen, und gegen feindliche Überfälle zu schützen. Das Recht der Belehnung übergab er den Klosterfrauen.

 

Nach Gründung des Klosters Böddeken war der Heilige unablässig bemüht, die christliche Religion unter seinen Landsleuten auszubreiten und mit dem Licht der Wahrheit das Dunkel zu verscheuchen, das noch öfters in die Herzen der jungen, kaum dem Heidentum entwachsenen, Sachsen seine Schatten warf. In diesem unermüdlichen Unternehmen zeichnete sich der Heilige so sehr aus, dass er als einer der vorzüglichsten Lehrer des christlichen Glaubens im Paderborner Land und als einer der heiligsten Männer hoch verehrt wurde.

 

Wie hoch der Archidiakon Meinolf bei seinem Bischof und dem Volk in Ansehen stand, geht unter anderem daraus hervor, dass er von Badurad im Jahr 836 nebst einigen anderen Klerikern an den Bischof Alderich zu Mans in Frankreich gesendet wurde, um die Reliquien des heiligen Liborius, des Freundes des heiligen Martinus, für die Domkirche in Paderborn zu erbitten. Die zahlreichen Wunder, die bei der Übertragung der Überreste des heiligen Bischofs Liborius geschahen, haben ohne Zweifel noch vieles dazu beigetragen, den eifrigen Diener Gottes für höhere Vollkommenheit zu erglühen. Reich an Tugenden und Verdiensten, brennend vor Verlangen nach der unauflöslichen Vereinigung mit Jesus Christus, ging er am 5. Oktober 847 in die Freude des Herrn ein.

 

Wie Meinolf sein ganzes Leben lang durch Heiligkeit glänzte, so wurde er auch nach seinem Tod durch Zeichen und Wunder von Gott verherrlicht. Das verdient besonders Erwähnung, dass, als seine Leiche in der Kirche zu Böddeken zu Grabe getragen wurde und nach dem Totenamt mit Erde bedeckt werden sollte, er sich noch einmal zum höchsten Erstaunen der Anwesenden aus dem Sarg erhob. Zu den gewaltig Ergriffenen sprach er: „Geht zum Bischof, erinnert ihn an meine Bemühungen für dieses Kloster und sagt, dass er, welche auch immer aus dieser Jungfrauen-Genossenschaft zur Äbtissin gewählt würde, nicht hindere, ihr Amt zu übernehmen, wäre sie auch nach ihrem Ursprung und ihrem Stand nur eine Magd, denn ich, des Körpers entledigt, habe gelernt, was von denen geschehen muss, die in der Kirche das Hirtenamt führen.“ Nach diesen Worten neigte er sein Haupt wieder zurück und schloss seine Augen im Tod. Kaum hatte sich das Gerücht von diesem Wunder verbreitet, so fing man weit und breit an, das Grab zu besuchen, ihn zu verehren und anzurufen und gar viele erhielten Beweise von seiner wundertätigen Rechten, denn Lahme, Blinde, Gichtbrüchige und von allen möglichen Krankheiten Heimgesuchte fanden an seinem Grab Genesung. Es kann nicht mit Stillschweigen übergangen werden, was sich 50 Jahre nach dem Tod des heiligen Meinolf ereignete. Am 16. Januar 897 feierten die Priester der Böddeker Kirche zur gewöhnlichen Zeit das heilige Messopfer. Als der Diakon das Evangelium sang, zersprang mit großem Krachen der Stein auf dem Grab in vier Stücke und nach der Wandlung zerbarst er in noch mehrere kleine Teile, so dass sich der ganze Sarkophag dem Anblick darbot. Zugleich drang ein so süßer Wohlgeruch aus dem Grab hervor, als ob Gott andeuten wolle, man solle einen so heiligen Körper erheben. Man überbrachte die Nachricht von dieser wunderbaren Erscheinung dem Bischof Biso. Der befahl, das Grab wieder herzustellen und mit einem Stein zu bedecken. Bald darauf wiederholte sich dasselbe Ereignis. Eine unsichtbare Gewalt schleuderte den Stein vom Grab. Auch diesmal musste dasselbe auf Befehl des Bischofs wieder hergestellt werden. Bald darauf erschien der heilige Meinolf dem Pfarrer von Atteln, namens Meinhard, und forderte ihn auf, den Bischof um Versetzung seiner Gebeine an eine ehrenvollere Stelle zu ersuchen. Wiewohl sich diese Erscheinung mehrmals wiederholte, so achtete doch Meinhard wenig darauf und hielt sie für Täuschung oder ein Traumgebilde. Zum dritten Mal erschien ihm der Heilige und verkündete ihm den Verlust des Augenlichtes, von dem er nicht eher befreit werden sollte, bis er den ihm gegebenen Auftrag vollzogen hätte. Da endlich wurde Meinhard durch Schaden klug. Erblindet schlug er den Weg ein, den er sehend nicht gehen wollte. An der Hand ließ er sich nach Paderborn zum Bischof führen und meldete ihm, was geschehen war und was der heilige Meinolf mit seinem Grab wolle. Da bekam der Bischof selbst Furcht. Er reiste sofort mit einigen Priestern nach Böddeken, ließ die Überreste des Heiligen aus dem Grab erheben und zur Verehrung öffentlich ausstellen. Kaum war dies geschehen, so erhielt Meinhard den Gebrauch seiner Augen wieder.

 

Der Ruf der Heiligkeit des heiligen Meinolf und der Wunder, die an seinem Grab geschahen, verbreitete sich mehr und mehr und lockte viele Pilger zu seiner Ruhestätte. Besonders waren die Klosterfrauen zu Böddeken hoch erfreut, im Besitz der Reliquien des gefeierten Heiligen zu sein.

 

Das Kloster des heiligen Meinolf blieb von Heimsuchungen nicht verschont. In der Bengeler Fehde (1384-1394) wurde Böddeken, wie das benachbarte Benediktinerkloster Dalheim verwüstet und niedergebrannt, die Lehnsherrn betrachteten die Einkünfte des Klosters als ihr Eigentum, verkauften sie oder behielten sie für sich. Die Nonnen flüchteten in sichere Asyle, nur die Äbtissin Walburga blieb in dem verfallenen Kloster zurück. Auf den Mauern von Kirche und Kloster sprossten Bäume hervor. Nur das Chordach wurde notdürftig hergestellt. Die Geistlichen hatten den unglücklichen Ort verlassen.

 

Im Jahr 1406 trug das Domkapitel zu Paderborn bei dem Bischof Wilhelm, Herzog von Berg, darauf an, die Reliquien des heiligen Meinolf nach Paderborn zu versetzen und die noch übrigen Klostergüter mit der Domkirche zu vereinigen. Die Versetzung der Reliquien genehmigte der Bischof, nicht aber die Einverleibung der Güter. Er selbst begab sich mit dem Dompropst Heinrich von Büren, einigen Geistlichen und 40 Reitern nach Böddeken. Als zwei Frauen ihre Ankunft und Absicht erfuhren, eilten sie in die Kirche und verbargen den Sarg des Heiligen in einer an den Kirchturm stoßenden Stallung unter der Streue. Der Bischof suchte in der Kirche vergebens nach den Reliquien und zog unverrichteter Sache nach Paderborn zurück.

 

Die Ritter Friedrich und Raveno von Brenken, Herren zu Wevelsburg, entrüstet über diesen Vorfall, brachten die Reliquien ihres geliebten Heiligen auf ihre Burg, fest entschlossen, sie gegen Entführer zu verteidigen. Als aber dort eine Viehseuche ausbrach, erachteten die Ritter ihre Tat als missfällig vor Gott. Sie schickten den Reliquienschrein nach Böddeken zurück, und sogleich hörte die Seuche auf.

 

Um das zerstörte Kloster des heiligen Meinolf wieder herzustellen, berief der Bischof Wilhelm von Zwolle in Holland des Augustiner-Prior Johannes Wael, damit er auf den Trümmern ein neues Kloster aufbaue und mit Mönchen seines Ordens bevölkere. Nur ungern ließ er sich zur Übernahme des so tief gesunkenen Klosters bereden. Die letzte Äbtissin Walburga von Walde verzichtete gegen ein Jahrgehalt und am 17. Juli 1409 ging das Kloster laut Übertragungsurkunde des Bischofs Wilhelm von Paderborn in den Besitz der regulären Chorherrn über.

 

Die eifrigen Augustinermönche versetzten die Reliquien des heiligen Meinolf in eine kleine Kapelle auf dem Kirchberg und hielten dort ihren Gottesdienst. Erst im Jahr 1485 wurde die neue Kirche vollendet und vom Weihbischof eingeweiht. Der Hochaltar hatte früher an der Stelle gestanden, wo dem heiligen Meinolf der Hirsch erschienen war. Er wurde weiter nach Osten gesetzt und an der eben bezeichneten Stelle ein steinernes Denkmal errichtet. Durch die Wiederherstellung des Klosters und der Kirche wurde die Verehrung unseres Heiligen neu belebt, und Gott verherrlichte die Ruhestätte seines heiligen Dieners durch mehrere Wunder. So wurden beim Kirchenbau einem 14jährigen Jungen durch einen schwer mit Steinen beladenen Wagen beide Beine abgefahren, aber durch die Fürbitte des heiligen Meinolf geheilt. Gelähmte erhielten an seinem Grab plötzlich den Gebrauch ihrer Glieder. Selbst ein Toter erstand auf die Fürbitte des Heiligen wieder zum Leben. Mehrere andere Wunder erzählt uns ein Schriftsteller damaliger Zeit als Augen- und Ohrenzeuge.

 

Kaum 400 Jahre hatte das Kloster Böddeken unter der segensreichen Wirksamkeit der Augustiner-Chorherrn geblüht, als der Sturm der Säkularisation im Jahr 1803 vernichtend auch für diese Stätte dahinfuhr. Der Staat zog die Klostergüter ein, die Hüter des Heiligtums wurden verjagt, das Kloster in eine königliche Domäne verwandelt und die Pächter gaben sich alle Mühe, das Andenken der Vorzeit gründlich zu zerstören. Die Kirche wurde ihres Schiffes beraubt, nur das feste Chor mit seinen Spitzbogenfenstern trotzte den Zerstörern.

 

Die Reliquien des heiligen Meinolf wurden am 26. August 1806 aus dem silbernen Sarg genommen und in einem Schrank der Bußdorfkirche zu Paderborn niedergelegt. Der kostbare Heiligenschrein ging mit zahllosen anderen kostbaren Heiligtümern in das königliche Museum, manche in die Hände jüdischer Trödler. Das Glöckchen, das man im Grab des heiligen Meinolf fand und von dem die Sage erzählt, dass es, ohne von Menschenhand berührt zu sein, jedes Mal getönt habe, sooft der Tod eines Konventualen nahe bevorstand, hat man vor einigen Jahrzehnten nach Böddeken zurückgebracht.

 

Zur tausendjährigen Jubelfeier unseres Heiligen im Jahr 1847 verfertigte ein junger Künstler einen kostbaren Sarg aus Mahagoniholz, in dem die Gebeine des heiligen Meinolf noch heute in der Bußdorfkirche ruhen, hochverehrt vom katholischen Volk Paderborns, wo der Heilige seine Liebe und Kraft dem Dienst Gottes und dem Heil der Seelen geweiht hatte.

 

Um das Jahr 1852 beschloss der jetzige katholische Besitzer von Böddeken, der Herr von Mallinckrodt, neben der Meinolfslinde eine Kapelle nebst Eremitage für einen Einsiedler zu bauen. Da ein Ast der Meinolfslinde zu weit hinausragte und den Bau hinderte, wurde ein Taglöhner beauftragt des Ast abzuhauen. Aber kaum hatte er die Axt zum Schlag geschwungen, da sah er innerhalb der Trümmer der alten Kapelle einen Mann mit vollem Bart und im Ordenshabit, der streng zu ihm aufsah und mit dem Finger drohte. Der Taglöhner stieg totenbleich vom Baum, erzählte die Erscheinung und war nicht zu bewegen, den Ast abzuschlagen. Der Ast blieb verschont. Als der Bau vollendet war, berief der Besitzer aus Italien einen Eremiten zum Hüter des Heiligtums. Sobald der Taglöhner den Einsiedler erblickte, rief er staunend aus: „Das ist derselbe, den ich in der alten Kapelle sah!“ Mit neuen Ästen und Zweigen grünt noch immer die tausendjährige Meinolfslinde und beschattet die Stätte, wo der Heilige seine irdische Laufbahn begann. Es bewahrheitet sich hier, was ein deutscher Dichter singt:

 

„Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,

Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt

Sein Wort und seine Tat in Liedern wieder.“