Die heilige Mechtildis von Hackeborn, Nonne in Helfta, + 19.11.1299 - Fest: 19. November

 

Die siebenjährige Gräfin Mechthilde von Hackeborn war vor Freude außer Rand und Band. Sie lief durch das ganze Schloss, zunächst zu den alten Großeltern, dann zu den Dienstmädchen in die Küche und dann zu den Knechten im Stall und erzählte allen mit strahlenden Augen, dass Vater und Mutter zu einem Besuch ihrer Schwester Gertrud ins Kloster Rodersdorf fahren wollten, und sie dürfe mitreisen. Selten ist ein Kind so froh gewesen wie damals Mechthilde von Hackeborn.

 

Am anderen Morgen kämmte die Frau Gräfin ihrer Tochter das blonde Haar, zog ihr das beste Kleid an und ermahnte sie, wie es viele Mütter tun, sich nur nicht schmutzig zu machen; denn auf dem weißen Stoff sähe man gleich den kleinsten Fleck. Natürlich versprach Mechthilde, wie es Kinder tun, hoch und heilig, achtzugeben und vorsichtig zu sein. Dann setzten sich Vater und Mutter mit der Tochter in den Wagen, der Kutscher knallte mit der Peitsche und schnalzte mit der Zunge. Die Pferde zogen an, und eines kleinen Mädchens Traum ging selig in Erfüllung. Lange noch winkte Mechthilde mit dem Taschentuch zurück und niemand ahnte, und sie selbst auch nicht, dass dieser Abschied ein Abschied für immer war.

 

Einige Stunden später gelangten sie nach schneller Fahrt in Rodersdorf an. Da sah Mechthilde ihre Schwester Gertrud wieder. Wie ganz anders sah sie aus als damals, als sie das elterliche Schloss verließ! Das lange weite Ordenskleid stand ihr vornehm und feierlich, und weil sie bereits Äbtissin war, führte sie einen hohen goldenen Hirtenstab. Mechthilde konnte nur staunen, und ehrfürchtig wie im Gebet strich sie scheu über das Kleid der Äbtissin hin.

 

Mittlerweile waren die Eltern mit Gertrud ins Gespräch gekommen und unterhielten sich über hundert Dinge, für die Mechthilde nicht das geringste Interesse hatte. Deshalb huschte sie in einem günstigen Augenblick heimlich aus dem Zimmer und wanderte durch die Gänge und Säle des Klosters. Und wenn Mechthilde einer der ernsten würdigen Ordensfrauen begegnete, machte sie ehrfurchtsvoll einen Knicks und sagte: „Gelobt sei Jesus Christus!“, und über die Höflichkeit der kleinen Besucherin erfreut, antwortete jede Schwester lächelnd mit den Worten: „In Ewigkeit. Amen.“

 

Schließlich kam Mechthilde in die Klosterkirche, kniete hin, betete erst ein Weilchen und ging dann umher und schaute sich die Altäre und Bilder an, und alles gefiel ihr sehr gut. Da erklang auf einmal zart und feierlich Orgelspiel durch den hohen heiligen Raum. Im langen Zug schritten die weißen Nonnen einher, allen voran mit dem goldenen Hirtenstab Mechthildes Schwester Gertrud. Die Äbtissin setzte sich auf den Thron, und nachdem die Nonnen zunächst schön und würdevoll vor dem Allerheiligsten das Knie gebeugt hatten, schritten sie an ihre Plätze. Sie sangen das Gotteslob, festlich und feierlich, einmal einzeln und dann wieder alle zusammen, und die Orgel spielte dazu schöner, als die Nachtigallen schlagen. Mechthilde, die alles sah und hörte, glaubte, im Himmel zu sein, und beschloss bei sich, nicht mehr heimzukehren, sondern für immer im Kloster zu bleiben.

 

Als Vater und Mutter gegen Abend aufbrechen wollten, war Mechthilde verschwunden. Jedes Rufen war umsonst. Alle Schwestern suchten nach ihr, ohne sie zu finden, bis endlich eine der Nonnen auf den Gedanken kam, auf der Orgelbühne nachzuschauen. Und richtig, da hatte sich die Gesuchte versteckt. Durch nichts aber, weder durch Versprechungen noch durch Drohungen, war Mechthilde zu bewegen, mit heimzufahren. Vater und Mutter schimpften mit ihr, bis Gertrud den Streit entschied und sagte, die Eltern sollten die Kleine einige Tage im Kloster lassen, sie werde schon wieder vernünftig, wenn sie am eigenen Leib erfahre, dass das Ordensleben nicht bloß in Gesang und Orgelspiel, sondern auch in Nachtwachen und Fasten und harter Arbeit besteht.

 

Gesagt, getan. Die Eltern fuhren heim. Mechthilde blieb und musste vom ersten Tag an alle Strengheiten des Ordenslebens mitmachen, aber sie hielt tapfer aus, legte später, als sie alt genug dazu war, die heiligen Gelübde ab und wurde eine solch eifrige und tugendhafte Ordensfrau, dass sie in wundervollen Visionen schon auf der Erde Jesus Christus öfters sehen durfte.

 

Dass die heilige Mechthilde, die im Jahr 1299 starb, so hoch begnadet wurde, dürfte wohl der Tatsache zuzuschreiben sein, dass sie sich ganz Gott weihte und lebenslang an dieser Weihe festhielt.