Die gottselige Maria Mörl, stigmatisierte Jungfrau, + 11.1.1868 - Fest: 11. Januar

 

Als die ägyptischen Zauberer zu Zeiten des Pharao es dem Mose gleichtun wollten an Wundern, es aber nicht vermochten, da mussten sie notgedrungen bekennen: „Das ist der Finger Gottes!“ Wie oft, auch in unseren Zeiten noch, erscheint Gottes Finger, ob er nun strafend erhoben ist oder gütig und barmherzig an einem Menschenkind seine wunderbare Macht zeigt. Durch eine innige, übernatürliche Liebesvereinigung mit dem Menschen hebt Gott bisweilen in der Ekstase die Betätigung der Sinne teilweise oder gänzlich auf. Nicht gar selten sind auch die Fälle, dass der Herr die Begnadeten an seinem Leiden fühlbar teilnehmen und an ihnen die Wundmale sichtbar werden lässt, die er in seinem Leiden getragen hat. Derartige im Leben der katholischen Kirche nicht überraschende Erscheinungen, wie weltunbekannt und arm die so Begnadeten auch immer sein mögen, dienen doch in besonderer Weise zur Verherrlichung Gottes, zur Stärkung des Glaubens und zur Verteidigung der katholischen Wahrheit.

 

Kaltern bei Bozen im katholisch-gläubigen Tirol, das merkwürdig viele Stigmatisierte aufweist, war die Heimat der so außerordentlich begnadeten Jungfrau Maria Theresia von Mörl, geboren am 16. Oktober 1812. Ein frommes Kind von Jugend auf, besaß sie gute Geistesanlagen, aber kein Zeichen einer besonders lebhaften Einbildungskraft. Sie tat auch nichts, eine solche durch Lesung von Büchern und dergl. hervorzurufen oder zu nähren. Was sie auszeichnete, war eine große Verständigkeit und Geschicklichkeit in allen Verrichtungen, eine liebreiche Gutmüdigkeit, die sich besonders gegen die Armen äußerte, und ein seltener Eifer im Gebet. Schon von ihrem fünften Jahr an suchte sie Gott mit vielen Krankheiten heim, was sie immer nur noch ernster und religiöser machte.

 

In dem schweren Haushalt der Eltern Marias, die durch ihrer Hände Arbeit ihre vielen Kinder ernähren mussten, war nicht selten die Not zu Gast. Maria wurde in ihrem vierzehnten Lebensjahr nach Cles in Nonsberg über das Gebirge geschickt, um dort das Italienische zu erlernen. Doch starb bald die Mutter. Maria wurde zurückgerufen, dem Haushalt vorzustehen. Sie schien den harten Verlust nicht überwinden zu können. Kummer und Sorgen, wachsende Not bedrängten das arme Mädchen. Abermals, im achtzehnten Lebensjahr, erkrankte sie aufs heftigste. Krämpfe aller Art durchzuckten ihren schwachen Körper, häufiger Blutauswurf zeigte sich. Wohl trat wieder Besserung ein, doch blieb sie seitdem fortdauernd siech. Gott zuliebe und wohl auch mit Rücksicht auf die ärztlichen Kosten, verzichtete Maria auf die Linderung, die ihr der Arzt hätte verschaffen können. Mit heldenmütiger Ergebung ertrug sie die anhaltenden großen Leiden.

 

Zu den körperlichen Prüfungen gesellten sich auch geistige mancherlei Art. Doch da kannte sie eine wirksame Arznei, das heiligste Altarsakrament. Stufenweise schritt die fromme Jungfrau fort auf dem inneren Weg der Gnade, während äußerlich noch keine ungewöhnliche Erscheinung wahrnehmbar war. Vom zwanzigsten Lebensjahr an machte man aber die Erfahrung, dass Maria zu gewissen Zeiten, besonders so oft sie die heilige Kommunion empfangen hatte, auf gestellte Fragen keine Antwort gab und ganz abwesend schien. Bald prägten sich immer bestimmter die Erscheinungen der Ekstase, der Verzückung in Gott, aus. Stundenlang verharrte sie kniend im Gebet, ohne wahrzunehmen, was um sie her vorging. Das innere Schauen wurde ihr zur zweiten Natur. Am Fronleichnamstag 1832 blieb sie sechsunddreißig Stunden auf derselben Stelle kniend in Beschauung. Ihr Beichtvater, der Kapuzinerpater Kapistran, ein frommer, durch eigene Leiden geprüfter und in der Seelenleitung erfahrener Mann, sah sich veranlasst, diesen außerordentlichen Zustand in Kraft des Gehorsams, zu dem sich Maria durch ein Gelübde als Terziarin verpflichtete, zu regeln. Das innere Sehvermögen erstreckte sich auch auf natürliche Dinge ihrer Umgebung. Sie warnte vor Gefahren, deren Bestehen sich hernach als richtig erwies.

 

Der Ruf ihres ekstatischen Gebetes verbreitete sich allenthalben. Eine allgemeine Bewegung ergriff das Volk. Zu Tausenden, ganze Gemeinden mit Kreuz und Fahnen, wallfahrteten die Leute nach Kaltern, um sich an dem unbeschreiblichen und tief ergreifenden Anblick der betenden Jungfrau zu erbauen. Schließlich mussten geistliche und weltliche Obrigkeit dem Zudrang des Volkes, das sich auch willig fügte, ein Ziel setzen. Aber noch lange nachher wurden die guten Folgen des Eindrucks gerühmt, den die wunderbare Erscheinung auf das gläubige Gemüt ausgeübt hatte.

 

Um Lichtmess 1834 trat die Stigmatisation ein, die Bezeichnung mit den Wundmalen Christi. Ohne alles Aufsehen, ganz einfach ging es zu, wie bei allen Erscheinungen. Schon im Herbst vorher wurden inmitten der Hände Vertiefungen sichtbar. Als ihr Beichtvater dann einmal die Jungfrau traf, wie sie, kindlich erschrocken, sich mit einem Tuch die Hände wischte, und Blut daran bemerkte, fragte er, was das zu bedeuten habe. Sie erwiderte, sie wisse selber nicht recht, was ihr widerfahren ist, sie müsse sich wohl blutig gerissen haben. Es waren aber die Male, die sich mehr und mehr zeigten und nun bleibend befestigten. Auch an den Füßen und der Seite traten sie auf. Am Donnerstagabend und am Freitag drang meistens helles Blut in Tropfen aus ihnen hervor, an den übrigen Tagen deckte eine vertrocknete Blutkruste die Wunden, ohne dass die geringste Entzündung oder Geschwulst sich zeigte. Die Wunden heilten nicht, eiterten aber auch nicht, trugen somit wunderbaren Charakter. Der Unglaube macht geltend, solche Erscheinungen könnten durch Autosuggestion, das heißt durch kräftige Erweckung einer Vorstellung, durch Selbstbeeinflussung des eignen Willens, durch lebhafte Vorstellung besonders der Wundmale Christi, an sich herbeigeführt werden. Wenn auch eine starke Einbildungskraft bisweilen das Austreten einiger geringer Blutstropfen hervorzurufen vermag, so doch niemals ein anhaltendes Bluten und dauernde Wundmale. Die bescheidene, kindlich demütige Maria Mörl hatte von vornherein gar keinen Gedanken an derartiges, und nachdem einmal die Wundmale auftraten, suchte sie sie aufs sorgfältigste zu verbergen, wie gewöhnlich alles, was ihren inneren Zustand hätte verraten können.

 

Joseph von Görres, einer der scharfsinnigsten Geister, vielleicht der gelehrteste Mann seiner Zeit, beobachtete die ekstatische Jungfrau zu wiederholten Malen. Er berichtet ausführlich darüber, wie er sie den größten Teil des Tages in ihrem Bett kniend in der Ekstase gesehen habe. Die Hände mit den sichtbaren Malen waren vor der Brust gefaltet, das Angesicht war zur Kirche hingewandt und etwas erhoben, der Blick der Augen mit dem Ausdruck des tiefsten Versenktseins in die Höhe gerichtet, keine Bewegung an der knienden Gestalt stundenlang bemerkbar, außer ein leicht in der Brust spielendes Atemholen, manchmal auch ein kleines Wanken; ein Anblick, keinem anderen vergleichbar, als von ferne dem, den die Engel Gottes geben mögen, wenn sie in Betrachtung seiner Herrlichkeit versunken, vor seinem Thron knien. Kein Wunder, dass die Gestalt von der allerergreifendsten Wirkung auf jeden Beschauenden ist, so dass selbst die rohesten Gemüter ihm nicht zu widerstehen vermögen und Tränen der freudigsten Überraschung und Erhebung um sie her in Menge fließen.

 

Sie beschäftigt sich in diesen Ekstasen mit einer fortlaufenden inneren Anschauung des Lebens und Leidens Christi, mit Anbetung des allerheiligsten Altarsakramentes und mit einem wohlgeregelten, betrachtenden Gebet nach der Ordnung des Kirchenjahres. Die Ereignisse, die sie vorhergesagt hat, haben durchgängig zur Zeit der Vorhersage keinen irgend haltbaren Grund zur Erkenntnis gehabt, weil ihr viel späteres Eintreffen ausschließlich von der immer wandelbaren und nicht zu berechnenden Willkür und von höherer Fügung abhingen. Über ihre Gesichte hat sie sich nur ihrem Beichtvater gegenüber ausgesprochen, dabei wusste sie häufig bei ihrer geringen Erfahrung für die Dinge, die sie gesehen hat, keinen Namen zu finden. Deutlich aber spiegelt sich das Allgemeine des Bildes, das vor ihrer Seele steht, in der Haltung ihrer teilnehmenden Persönlichkeit ab. Am tiefsten drückt sich die Passion des Herrn in ihrem Äußeren aus. Die Handlung beginnt schon am Vormittag des Freitags. Im Verhältnis, wie sie im Vorschreiten wehevoller und darum ergreifender wird, treten auch die Züge des Todes kenntlicher hervor, bis zuletzt, wenn die Sterbestunde am Kreuz naht, außen das Bild des Todes aus allen Zügen spricht. Wenn sie dann, die Hände vor der Brust gefaltet, auf ihrem Bett kniet, die tiefste, kaum vom Atemzug der Anwesenden unterbrochene Stille um sie her, dann ist es, als ob nun ihre Lebenssonne im Niedergang steht und sich langsam unter den Gesichtskreis senkt. Bleich, wie sie während des ganzen Vorganges ist, sieht man sie dann immer mehr erbleichen, wie die Todesschauer häufiger ihr Gebein durchfahren und das sinkende Leben immer mehr verdämmert. Eben dieses Miterleben oder vielmehr Mitsterben des Todes Christi durch Maria muss ein innerlichst erschütternder Vorgang gewesen sein. Görres schildert es: Die verdickte Zunge scheint am lechzenden Gaumen zu kleben. Die vor der Brust gefalteten Hände, die anfangs nur unmerklich gesunken, gleiten nun schneller hinab, die Nägel beginnen sich blau zu färben und die Finger verschlingen sich krampfhaft ineinander. Bald wird ein Röcheln hörbar in der Kehle, der Atem immer gepresster, ringt sich nur mit Mühe aus der wie mit eisernen Banden umfangenen Brust, die Züge verstellen sich bis zur Unkenntlichkeit, der Mund des Schmerzensbildes ist jetzt weit geöffnet, die Nase zugespitzt, die starren Augen wollen brechen, in langen Zwischenräumen drängen noch einige röchelnde Atemzüge stockend sich durch die erstarrten Organe; endlich ist´s, als ob der letzte sich verhauchen wollte, dann neigt sich das Haupt, mit allen Zeichen des Todes bezeichnet, senkt sich in gänzlicher Erschöpfung, und es ist ein anderes, kaum mehr erkenntliches Gesicht, das jetzt gegen die Brust niederhängt.

 

Bei alledem bewahrte Maria Mörl ihre fröhliche, unbefangene Kindlichkeit; und das ist das Kennzeichen der Echtheit und Übernatürlichkeit ihrer Ekstasen. Nichts Trübes, Kopfhängerisches und Überspanntes war in ihrem ganzen Wesen zu entdecken, keine Spur eines heuchlerischen Gebarens oder irgend eines versteckten Hochmutes, überall nichts als der Ausdruck heiterer, unbefangener, in Einfalt und Schuldlosigkeit bewahrter Jugend. Über vierunddreißig Jahre lang lebte die begnadete Jungfrau, seit 1841 abgesondert im Tertiarinnenkloster, in ekstatischer Betrachtung der Glaubensgeheimnisse, im Fürbittgebet für allgemeine und besondere Anliegen und im Wohltun gegenüber den Armen.

 

Maria von Mörl ist nicht heilig und nicht selig gesprochen. Ihre wunderbare Begnadung war eine ihr für die Mitwelt gegebene Gnade, die sie freilich in Demut und Heiligkeit hütete. Aber auch ihr galt wie jedem schwachen Menschenkind die Mahnung: Wachet und betet!

 

Das Verfahren zur Seligsprechung Maria Mörls wurde im Jahr 2015 eingeleitet.

 

Die gottselige Maria von Mörl von Kaltern in Tirol,

+ 11.1.1868 – Gedenktag: 11. Januar

 

Wie überall in katholischen Ländern, so hat auch hier in Südtirol der fromme Sinn unserer Vorfahren an Straßen und Wegkreuzungen und besonders in den ausgedehnten Weinbergen zahlreiche Kreuze und andere Passionsbilder, sogenannte „Marterln“, aufgestellt, offenbar in der löblichen Absicht, dass die Wanderer und Arbeiter bei ihrem Hasten um des Leibes Unterhalt nicht ganz auf der Seele Sorge vergäßen, und dass sie beim Anblick auch ihr Gemüt doch manchmal zu demjenigen erheben mögen, der uns für sich erschaffen und erlöst und von dem alles Gute und aller Segen kommt.

 

Desgleichen pflegt auch Gott im Weinberg seiner Kirche und an der Heerstraße des Lebens von Zeit zu Zeit solch lebendige Kreuze oder blutige „Marterln“ aufzustellen, teils um die ganz ins Irdische versunkene Menschheit so recht eindringlich an höhere Wahrheiten zu gemahnen und ihr das schier vergessene erlösende Leiden und Sterben des Heilandes sozusagen lebendig wieder vorzustellen und ins Gedächtnis zurückzurufen, teils auch, um ein Mittel der Fürbitte und Sühne zu haben, um der sündigen und bußescheuen Menschheit Barmherzigkeit erweisen zu können. Eine solche auserwählte, begnadete Seele – wie Gott deren durch die Jahrhunderte schon viele erkoren – ist auch unsere Maria von Mörl, deren wunderbares und leidenvolles Leben ich hiermit im Auszug und in möglichster Kürze nach den wahrheitsgetreuen Aufzeichnungen ihres letzten Beichtvaters, p. Simon Prantauer vom hiesigen Franziskanerkloster (Kaltern), und nach Berichten von Augenzeugen, die sie noch gekannt haben, schildern will.

 

Dem aufmerksamen Leser ihrer Lebensgeschichte muss es auffallen, dass zwischen ihrem Leben und dem ihres göttlichen Bräutigams, unseres Herrn, eine große Ähnlichkeit besteht. Wie Christus der Herr seine Jugendzeit still und zurückgezogen im Haus seiner Eltern verbrachte, so auch Maria von Mörl. Als Tochter des Josef von Mörl zu Mühlen und Sichelburg und der Maria Sölva am 15. Oktober 1812 zu Kaltern als das zweitgeborene von neun Kindern geboren, zierten sie schon als Mädchen außerordentliche Frömmigkeit und zärtliche Liebe zu den Armen und Kranken. Mit 15 Jahren verlor sie durch den Tod ihre gute Mutter und musste nun bei ihren jüngeren Geschwistern Mutterstelle vertreten und das ganze Hauswesen leiten. Glühend war schon damals ihre Liebe zum leidenden Heiland und zur schmerzhaften Mutter, in deren Nachfolge sie sich abtötete und heiligte. Aber nicht immer sollte sie so still und unbekannt leben – ein Schauspiel sollte sie werden für Engel und Menschen, ein lebendiges Kreuz am Weg des Lebens, den einen Ärgernis und Torheit, den anderen aber Gottes Kraft und zum Heil! . . . Aber wie Christus, ehe er sein öffentliches Leben begann, „vom Geist in die Wüste geführt und vom Teufel versucht wurde“, so auch Maria. Im Jahr 1830 befielen sie verschiedene große und zum Teil außergewöhnliche Leiden und Krankheiten, die sie meist ans Bett fesselten, wozu sich endlich noch unsägliche Seelenleiden und Plackereien von Seite der bösen Geister gesellten. Sie sah sie in verschiedenen Schreckgestalten, als hässliche Männer, die sie fortschleppen wollten, als wilde Tiere, die sie zu zerreißen drohten, die bösen Geister versuchten sie zu verschiedenen Sünden, zum Fluchen und Gotteslästern, zum Ungehorsam gegen den Beichtvater, zu Verzweiflung und dergleichen mehr. Oft wurde sie von unsichtbaren Händen aus dem Bett geschleudert, unter die Bettstelle gepresst, der Kopf stundenlang an die Wand geschlagen. Glasscherben, Drahtstücke, Stecknadeln, Eisennägel und dergleichen wurden unter die Speisen gemischt, in den Mund gestopft, auf das Bett gestreut usw., kurz sie wurde auf verschiedene Weise gepeinigt. Aber wie einst der Herr selbst den Versucher mit dem allmächtigen Wort: „Weiche Satan!“ in die Flucht trieb, so machte auch hier das Machtwort der heiligen Kirche im Exorzismus, den der Beichtvater mit Erlaubnis des Fürstbischofs von Trient über sie anwendete, endlich diesen höllischen Plackereien ein Ende. Für die ausgestandenen Leiden und Ängsten belohnte sie nun der Herr mit außergewöhnlichen Gnaden und Tröstungen, mit der Gabe der Verzückung, der Beschauung, der Weissagung und Herzensdurchforschung und vor allem mit der höchsten Auszeichnung eines Menschen von Zeichen Gottes, mit den heiligen fünf Wundmalen, die sie am 4. Februar 1834 erhielt. Hiermit begann sozusagen ihr öffentliches Leben, denn der Ruf von diesen ihren außergewöhnlichen Zuständen zog bald Tausende aus nah und fern, aus hoch und nieder herbei, Neugierige und Hilfesuchende, und wie einst Christus umherzog „predigend und Wohltaten spendend“, so war sie auch bald all den Tausenden selbst eine stumme Predigt in ihrem Zustand oder ermahnte auch selbst infolge ihrer Herzensdurchschauung solche, deren Gewissen nicht in Ordnung war, erteilte anderen Rat und Trost, Armen und Kranken auch reichliche Almosen – ihre Pfründe einer Haller Stiftsdame verteilte sie auch fast ganz unter die Armen – und führte überhaupt nur ein Leben der Fürbitte, der Buße und Sühne für andere, für besondere und allgemeine Anliegen der ganzen heiligen Kirche. Wie einst der heilige Vater Franziskus von Assisi, dessen geistliche Tochter sie als Tertiarin und dessen getreues Nachbild sie infolge ihrer heiligen Wunden, ihres Buße- und Liebelebens war, so flogen auch ihr Vögel und Tauben beim Fenster herein zu, setzten sich zu ihr aufs Bett, auf Schultern und Arme, worüber sie sich kindlich freute.

 

Doch die größte Wonne, die Sonne ihres Lebens war das heiligste Altarsakrament. Nach der Kommunion, die ihr der Beichtvater alle acht Tage brachte, fiel sie gewöhnlich in lange, selige Verzückung, oft schwebte sie über dem Bett, mit den Zehen kaum die Bettdecke berührend, und bei Versehgängen und Prozessionen mit dem Allerheiligsten drehte sich ihr Leib in der Ekstase unwillkürlich – wie eine Blume nach der Sonne – nach der Richtung der Prozession. Jeden Donnerstag sah sie und betrachtete in der Entzückung die Einsetzung des heiligsten Altarsakramentes und vernahm alle Reden des Herrn. Abends sah sie dann und litt die Todesangst Jesu am Ölberg mit, wobei sie sich jedes Mal dreimal mit geschlossenen Händen in ihrem Bett aufs Angesicht niederwarf. Von da an in der ganzen Nacht und den ganzen Freitag betrachtete sie die verschiedenen Leidensstationen bis zur Grablegung. Besonders von 1 bis 3 Uhr war ihre Teilnahme an den Schmerzen des göttlichen Opferlammes ganz deutlich sichtbar. Ihr Antlitz wurde bleich, die Lippen blau, die Zunge vertrocknet, sie stöhnte und zuckte in unsäglichem Schmerz, der Atem wurde immer mehr gepresster, stockend, röchelnd wie bei einer Sterbenden – endlich nach 3 Uhr sank gewöhnlich ihr Haupt wie sterbend herab, und sie selbst mitwie am Kreuz ausgespannten Armen aufs Bett zurück. Jeden Donnerstagabend und Freitag bluteten ihre Wundmale. Dieses allwöchentliche Mitmachen der Leiden des Herrn war natürlich am Karfreitag noch viel peinlicher und ergreifender.

 

Der Prüfstein jeder Tugend – besonders außergewöhnlicher – ist der Gehorsam. Sie wurde von der geistlichen und weltlichen Obrigkeit verschiedenen Proben unterzogen, die sie glänzend bestand. Mochte sie noch so tief in der Ekstase und für äußere Dinge unempfänglich sein, ein einziges leises Wort ihres Beichtvaters, ja ein nur in Gedanken gegebener Befehl rief sie im Augenblick zurück. Sehr peinlich war ihr und ihrer Demut der große Zulauf des Volkes. Auch an Spöttereien und häuslichen Verdrießlichkeiten fehlte es nicht, darum sehnte sie sich nach einem ruhigen, verborgenen Plätzchen, das sie endlich gefunden zu haben glaubte. Als nämlich 1841 ihr Vater starb, übersiedelte sie samt ihrer Magd in das hiesige Tertiarinnenkloster, wo sie sich dicht neben der Kirche eine kleine, eigene Wohnung bauen ließ. Ein Fenster ihres Gemaches mündete gerade zum Tabernakel hinab. Hier verlebte sie noch 27 Jahre meist kniend auf ihrem Schmerzensbett in verzückter Betrachtung des Lebens und Leidens Jesu Christi und seiner heiligsten Mutter, im Gebet und in sühnenden Leiden für Kirche und Welt. Doch auch hier wurde sie noch von Besuchen belästigt, da auf Einflussnahme hochgestellter Personen das kirchliche Verbot ihres Besuches öfter wieder zurückgenommen wurde.

 

Aber wie einst Christus am Ende seines Lebens erst noch den Hauptzweck seiner Sendung zu erfüllen hatte, nämlich sein genugtuendes Leiden, so hatte auch Maria von Mörl erst noch kurz vor ihrem Ende das schrecklichste Leiden, den schwersten Kampf zu bestehen. In der Nacht zu Mariä Geburt 1867, so erzählt ihr Beichtvater, fühlte sie sich plötzlich mächtig angetrieben, für den Heiligen Vater in Rom und für den Kaiser von Österreich zu beten und hernach überfielen sie so schreckliche, körperliche und geistige Plagen, Angst und Trostlosigkeit, wie noch nie, sie konnte nicht mehr beten, keine Sakramente mehr empfangen, sie hielt sich für betrogen, verloren, ja ganz von Gott verlassen – wie Christus am Kreuz, so jammerte auch sie über Gottverlassenheit –, sie fand nicht einen Augenblick Ruhe noch Schlaf, weder bei Tag noch bei Nacht, sie litt schrecklichen Hunger und brennenden Durst – und konnte die ganze lange Zeit – von Mariä Geburt bis Mitte Oktober! – kein Bissen essen, keinen Tropfen Wasser trinken!

 

Endlich wie Christus der Herr in seiner Todesangst von einem Engel gestärkt wurde, so scheint auch ihr ihre zweite Namenspatronin, die heilige Theresia, zum tröstenden Engel geworden zu sein, denn seit ihrem Fest, 15. Oktober, wurde es wieder besser, die Angstbilder verschwanden, sie konnte wieder beten, kommunizieren, die Verzückungen stellten sich wieder ein, sie konnte endlich auch wieder leiblich etwas genießen. Schließlich kam sie in einen ganz außergewöhnlichen Zustand der Freude, sie hörte den ganzen Tag Triumphgeläute und Jubelgesänge und sang und jubelte selbst den ganzen Tag: „Gott sei gedankt, die Kirche hat gesiegt . . . wie groß – so hörte sie der Beichtvater einmal sagen – wie groß bist du o Gott, ein armes Mädel wie ich, hast du erwählt, um deine Feinde zu Schanden zu machen!“ –

 

Aber körperlich konnte sie sich nicht mehr erholen, es ging rasch ihrem Ende zu, das sie selbst schon längst für diese Zeit vorausgesagt hatte, ihre Aufgabe war erfüllt. Am Fest der heiligen drei Könige spendete ihr der Beichtvater die heiligen Sterbesakramente, und am Morgen des 11. Januar 1868 entschlief sie sanft und ruhig im Herrn, nachdem sie kurz vorher noch gesagt haben soll: „o wie schön, o wie schön!“ Ihr Leib ruht in einem Metallsarg in der von Mörlschen Grabstätte am hiesigen Friedhof. Im Jahr 2015 wurde das Verfahren zu ihrer Seligsprechung eingeleitet.