Die gottselige Maria Fidelis Weiß, Franziskanerin im Kloster Reutberg, + 11.2.1923 - Gedenktag: 11. Februar

 

„Die Geschichte der Schwester M. Fidelis vom Kloster Reutberg mutet an wie eine tiefe, blütenweiße Legende. Eine Seele, die die Erde nicht halten kann, himmelstürmend, in schwachem Körper, geht unentwegt ihren Pilgerpfad in schwerer Pflichterfüllung, strenger Klosterzucht.“ Ein solch herrliches Lob spricht eine Gräfin über unsere gottselige Schwester M. Fidelis aus.

 

Die Heimat dieser Schwester ist die schöne Stadt Kempten im bayerischen Allgäu, wo sie am 12. Juni 1882 von armen Eltern geboren und auf den Namen Eleonore getauft wurde. Der Vater starb schon 1890. Die Mutter verstand es auf ganz vorzügliche Weise, ihre Kinder zu erziehen. Sie selbst hatte recht viel zu leiden. Da hörten sie die Kinder oft still beten: „Mein Jesus, mach´s du wieder recht!“ Solche Geduld machte auf die Kinder besten Eindruck und sie nahmen darum auch willig ihre Mahnungen entgegen: „Kinder, man muss alles annehmen, was der liebe Gott schickt.“ Die Mutter erzählte den Kindern gern vom lieben Jesus und von der Himmelsmutter. Da spitzen die Kleinen ihre Ohren. „Mich dünkt“, sagte Eleonore später, „als ob niemand so gut erzählen könnte wie die Mutter!“ Die Mutter behütete die Kinder vor jeder Unreinheit, warnte vor der Lüge, ließ sie nie ohne Aufsicht fort, erzog sie auch zur Charakterfestigkeit. Wenn dem Kind eine Arbeit zu schwer schien und es klagen wollte: Mama, das kann ich nicht! da entgegnete die Mutter in aller Ruhe: „Das soll und darf man nie sagen, ich kann nicht; man kann alles, wenn man nur will! Nur einen guten Willen haben!“ Die Kinder wurden fleißig in die Kirche geschickt und meist ging die Mutter selbst mit.

 

Schon diese wenigen Züge besagen, dass Frau Weiß eine kluge Mutter war, von der manche Mütter lernen könnten.

 

Kein Wunder, wenn ein solches Kind wie ein Engel heranblühte, rein und unschuldig. Kein Wunder, wenn der liebe Gott dieses Kind besonders gnadenvoll heimsuchte. Er zog es schon im siebenten Lebensjahr an sich und gab ihm die Gnade des mystischen Gebetes. Als Erstkommunikantin geriet es in Verzückung und durfte Gott schauen. Aber auch die Leiden setzten jetzt schon ein und gaben dem Kind genug Gelegenheit, seine Treue zu zeigen.

 

Vom 16. bis 18. Lebensjahr war Eleonore Ladnerin. In der Arbeit war sie sehr gewissenhaft, nie duldete sie Zärtlichkeiten von gewissen Kunden, abends widmete sie mehrere Stunden dem Gebet. Von ihren Speisen teilte sie den Armen aus, allen Lohn gab sie der Mutter. Vom 18. bis 20. Lebensjahr weilte sie im Institut der Schulschwestern in Lenzfried, um sich auf den Ordensstand vorzubereiten. Sie hinterließ den Ruf eines Musterzöglings, fleißig in der Arbeit, gehorsam gegen die Vorgesetzten, demütig bei Widrigkeiten, eifrig im Gebet, glühend in der Gottesliebe, liebevoll mit den Mitzöglingen, heiter bei der Unterhaltung.

 

So vorbereitet, trat sie am 16. Oktober 1902 im Kloster Reutberg in Oberbayern ein. Anfangs hatte sie großes Heimweh, das aber rasch überwunden war. Die ersten Jahre führte sie ein strenges Leben. Gott verlangte es von ihr, der Seelenführer erlaubte es. Drei bis vier Jahre nahm sie als Frühstück nur einen kleinen Schluck Kaffee und einige Brosamen und aß nichts bis Mittag. Sie betete oft eine Stunde mit ausgespannten Armen, nahm oft bei der größten Kälte keinen Mantel. Im Sommer trank sie bei heftigem Durst selbst drei bis vier Wochen keinen Tropfen Wasser, kein Bier. Sie verdarb sich die Speisen, wie sie nur konnte. Den Leib rieb sie sich mit Brennnesseln ein. In die Schuhe legte sie kleine Steinlein. Beim Knien zog sie den Schemel so weit zurück, dass sie nur auf seiner Kante zu knien kam usw. Man darf ja solche Strengheiten nicht blindlings nachahmen. M. Fidelis konnte solche Opfer bringen, weil sie sich besonderer Gnaden erfreute. Sie hatte jahrelang das ununterbrochene Gefühl und die deutliche Erkenntnis der Gegenwart Gottes und genoss gleichzeitig eine beständige Liebesvereinigung. „Ich fühlte mich“, so sagte sie später selbst, „immer versenkt und ganz eingehüllt in den unendlichen Gott, ganz angefüllt von der Majestät Gottes. Keine Arbeit, kein Gespräch, keine Leiden, nichts Äußerliches war imstande, mich davon abzulenken.“

 

Auserwählte Seelen müssen viel leiden. M. Fidelis musste von 1908 bis 1911 und später von 1914 bis 1917 in den Tiefen ihrer Seele Schreckliches erdulden. Sie wurde in einen schauerlichen, qualvollen Zustand versetzt. „Vorher eine so erhabene Vereinigung mit Gott, jetzt plötzlich eine fürchterliche Verlassenheit. Die innerliche Lichtfülle verwandelte sich in kohlrabenschwarze finstere Nacht. Der bisherige innere Friede und die Seligkeit verwandelten sich in innere Schrecknisse und qualvolle Ängste und Trostlosigkeit.“ Dabei wurde die Schwester zwei Jahre vom Seelenführer nicht mehr verstanden, vier Jahre von einer Vorgesetzten misskannt und viele Jahre von anderen nichts weniger als verhätschelt. Es waren wirklich Jahre der schwersten Prüfung. Man kann es in wenigen Zeilen unmöglich schildern.

 

Aber alles war von Gott gewollt: das Herbe und das Süße. So wurde die Schwester für ihren erhabenen Beruf als Sühnopfer, als Kreuzesbraut vorbereitet. Im Herz-Jesu-Sendboten war einmal zu lesen: „Die Heiligen der letzten Jahrhunderte haben fast alle einen Zug gemeinsam, den wir bei den Heiligen früherer Zeit nicht in so ausgesprochener Weise finden, nämlich die Sühne für die Sünden und Frevel der Welt.“ Unsere M. Fidelis wurde von Gott auch als Sühnopfer erkoren. Hohe Schauungen bereiteten sie darauf vor. „Es war mir, als ob ich diese Woche die Sünde schauen tät. Es war kein Bild. Wenn ich es nur zum Ausdruck bringen könnte, was die Sünde ist, so wie ich es im Geist geschaut habe, dann würde kein Mensch mehr den lieben Gott beleidigen! Wenn die Menschen diesen meinen Seelenschmerz und die Seelenqual empfinden würden, würde kein Mensch mehr den lieben Gott beleidigen. Ich möchte es in die ganze Welt hinausrufen und den Menschen sagen, was es um die Sünde ist.“ Ansprachen vom Heiland steigerten ihren Eifer: „Ich liebe die Sünder und dürste nach ihren Seelen . . . Ich bin der gute Hirt für die Sünder und deshalb bin ich für dich als mein Opfer der gerechte Richter. Meine Erlöserliebe und Hirtensorge geht dem Sünder mit Langmut nach bis zum Tod, um ihn zu retten und selig zu machen. Denn ich liebe die Sünder.“

 

Schwester M. Fidelis musste unglaublich viel für die Sünder leiden. Es war ihr, als wäre sie selbst mit den abscheulichsten unreinen Sünden beladen, als wäre sie ein Freimaurer, Irrgläubiger, voll Hass gegen Priester und Kirche, als wäre sie ein Sterbender, der Jahrzehnte nicht mehr gebeichtet und den Glauben verloren hat, den der Teufel zur Verzweiflung treibt. So schwer waren diese Anfechtungen, dass sie, wenn sie die Wahl gehabt hätte, sich lieber hätte kreuzigen lassen oder lieber ins Feuer gesprungen wäre, als diese Anfechtungen auszuhalten. Dabei ließ es Gott zu, dass der böse Feind dieses Leiden noch außerordentlich steigerte. Wie ein gehetztes Wild flüchtete alsdann die gute Seele zum Priester oder zur Oberin. Aber am Schluss dieser Sühneleiden hatte sie stets die innere Erkenntnis, dass wieder Seelen gerettet seien.

 

Ihr Seeleneifer war unermüdlich. Sie machte auf Gottes Eingebung große Gelübde, um die christlichen Schulen zu retten, um nach der Revolution von den Klöstern die drohenden Gefahren abzuwenden. Sie opferte sich für die Priester und die heilige Kirche. Als echter Apostel hatte sie alle Seelen in ihr Herz eingeschlossen.

 

Im Eifer für Gott und die Seelen vergaß Schwester M. Fidelis alles Irdische. Sie wusste oft nicht mehr, ob sie schon gegessen habe und was. Sie wollte sich Buße auferlegen, indem sie sich vornahm, das Schlechtere zu essen. Aber jetzt kam sie in Verlegenheit, weil sie nicht wusste, was besser und was schlechter wäre. Einmal tat sie Wermut in die Speise, um sich abzutöten, aber während der Mahlzeit war sie halb der Welt entrückt und merkte nichts vom Wermut. Dann klagte sie: „Jetzt hilft mir der Wermut auch nicht mehr!“

 

M. Fidelis lebte jahrelang nur mehr für Gott. Ihre Liebe glich der eines Seraphs. „Ich tue ihn lieben und immer an ihn denken. Wenn ich stundenlang an ihn denke, kommt mir die Zeit so kurz vor. Es ist mir, als ob ich erst einen Augenblick an ihn gedacht hätte. Immer noch mehr, immer noch mehr möchte ich mich in ihn versenken!“ „Wenn ich Tag und Nacht an ihn denke, ist die Zeit noch zu kurz und ist mir wieder, als ob ich ihn noch gar nicht geliebt hätte.“

 

„Es ist gerade so, als ob die Liebe ein ganz wunderbares Ding, ein Zauberstück wäre. Wenn ich arm bin, ist der liebe Jesus mein ganzer Reichtum. Wenn ich gar nichts habe und das Herz ganz leer ist, dann ist der liebe Jesus meine Fülle. Wenn ich nichts, gar nichts bin, dann ist er dafür alles. Und das ist mir genug.“ M. Fidelis hegte nie einen Neid, außer wenn eine Mitschwester sterben durfte. „Wenn ich am Gottesacker vorbei gehe, denke ich immer: Da ist Ruhe und da ist es schön. Ich mag sein in der Zelle, in der Schule, im Refektorium, alles ist für mich ein Kerker, ein Verbannungsort. Im Chor drin ist allein der Himmel und alles schön. Zwei Orte gibt es bloß für mich, wo es schön ist: drunten vor dem Allerheiligsten und im Himmel droben.“

 

Diese seraphische Liebe brachte die gottselige Schwester sehr oft in Verzückung. In der heiligen Messe hörte und merkte sie nicht, wie alle anderen aufstanden. Es kam vor, dass man sie zehnmal und noch öfters laut anrief, ohne dass sie zu sich kam. Häufig musste sie wie ein zweiter Aloysius an die frische Luft gehen, wenn der Feuerbrand der Liebe in ihre Seele fuhr.

 

Am Karfreitag 1919 erhob der liebe Gott die Gottselige zum höchsten Grad der Vereinigung, die es auf Erden gibt, zur mystischen Vermählung. Jetzt war ihr Inneres noch mehr verklärt, seitdem schaute sie beständig Gott. Von da an durfte sie auch innerlich und geistiger Weise das Leiden Jesu miterleben. Jeden Donnerstag war es ihr in der Seele so wie dem Heiland vor Einsetzung des allerheiligsten Altarsakramentes. Die Liebe drängte ihn, es einzusetzen, aber die Misshandlungen und Sakrilegien, die seiner im Sakrament harren würden, wollten ihn abhalten. Doch die Liebe errang den Sieg. Vom Donnerstagabend an und an jedem Freitag folgte sie in tiefstem Seelenschmerz dem Heiland von Gethsemane bis Golgatha. An jedem Samstag trauerte sie mit Maria in ihrem unsagbaren Leiden des Karsamstags. „Im Donnerstags- und Freitagsleiden sind mir die Tiefen des Herzens meines Jesu erschlossen und ich schaue darin die Fülle der Gottheit, die in ihm thront. Ich schaue Leid und Schmerz, unermessliche Liebe zu den Seelen, unendliches Erbarmen zu ihnen ...“

 

Nach außen ließ Schwester M. Fidelis von ihren außerordentlichen Gnaden gar nicht merken. Sie betete mit den anderen Schwestern, arbeitete sehr fleißig, vermied alles Auffallende. Bei der Unterhaltung wollten alle um sie herum sein, weil sie es wie keine andere verstand, für Gott, für die Seelen, für das Gute zu begeistern.

 

Endlich kam die Zeit, wo Gott sie heimholte. Vier Monate war sie krank und litt sehr viel. Aber immer, wenn sie der Priester fragte, was ihr am meisten wehtue, gab sie zur Antwort: „Dass ich nicht heim (sterben) darf!“ Wirklich vornehm wie eine Königin lag sie da auf ihrem Schmerzenslager, sich selbst vergessend, alle erbauend, für Gott und die Seelen leidend, ohne Klage, voll Friede, voll Hoffnung. Am 11. Februar 1923 pflückte der Heiland diese reine Blume: „Heim möcht‘ ich!“ war ihr letztes Wort.

 

So übe auch du dich in der Sammlung und im Leben vor Gott und meide die dein ganzes Seelenleben zerstörende freiwillige Ausgegossenheit und Zerstreuung! Versuche still und bescheiden, gesammelt und in Gott versenkt zu sein, so wie Schwester M. Fidelis. Sprich, wie man sie sprechen gehört hat, wenn sie andere begeisterte für das Kreuz und das Opfer, wenn sie ermunterte zur Treue im Kleinen, wenn sie im apostolischen Seeleneifer zur Rettung der Sünder anfeuerte! Zeige auch du in den täglichen Kreuzlein wieder mehr Mut, hüte dich vor der kleinsten freiwilligen Untreue, erbarme dich der armen Sünder! Dass auch dein Herz es spüren würde, wie man es erlebt hat, wenn sie in himmlischer Begeisterung rief: „Er muss geliebt werden! Er muss geliebt werden!“ Sie zu, ob nicht deine Gottesliebe viel reiner, viel feuriger sein könnte!

 

Wer sich freuen will an großen Gnaden Gottes, wer sehen will, wie Heilige sich in der Tugend üben – radikal, unerschütterlich, wer für sich oder andere Belehrung will für die inneren Wege, wer will, dass sein Herz in feuriger Gottesliebe entzündet werde, wer die auffallenden Gebetserhörungen erfahren will, der lese die Lebensbeschreibung der gottseligen Schwester M. Fidelis. „Hier handelt es sich“, sagt ein Gelehrter, „um echte, erhabene, katholische Mystik, um tatsächliche, gnadenvolle Führungen Gottes. Wie einfach, kindlich, rein, demütig, voll feuriger Gottes- und Nächstenliebe, voll heroischer Leidensfreudigkeit war doch diese Seele! Aus der stillen Klosterzelle lohte ihre brennende Gottesliebe gen Himmel. Ihr ganzes Leben ist unserer kalten Zeit ein Fanal, das in vielen Seelen gleiches heiliges Feuer entzünden möge!“

 

Der Seligsprechungsprozess der gottseligen Schwester M. Fidelis Weiß wurde 1936 eingeleitet.