Die heilige Marcella, Dienstmagd der zwei heiligen Schwestern Maria Magdalena und Martha, + um 85? - Gedenktag: 29. Juli

 

Fürwahr, es hat oftmals mit der Tugend und der Heiligkeit die fast gleiche Bewandtnis, als wie mit den unter der Erde und den Bergklippen verborgenen Wasserquellen, wenn sie mit den köstlichen Metalladern eine Gemeinschaft haben: sie ziehen von ihnen Kraft und Wirkung dergestalt an sich, dass sie nicht wenig ihrer Kostbarkeit halber sehr hoch geschätzt sind und wertgehalten werden. So auch die Tugend und die Vollkommenheit: sie haben ihre Aufnahme und den Ursprung niemand anderem zuzuschreiben, als denjenigen, bei denen sie wohnen und deren Gemeinschaft sie genießen. Das scheint, meines Erachtens, an der heiligen Marcella ähnlich erfüllt worden sein, die in den Diensten stand bei den zwei Schwestern Maria und Martha, als zwei vortrefflichen Goldadern einer ausgemachten Heiligkeit, durch deren stete Gesellschaft Marcella gleichfalls ein so tugendvolles Leben an sich gezogen hat, was uns erklären sollte, von ihrer Heiligkeit keinen einzigen Zweifel zu tragen. Ganz zu schweigen von dem, dass sie so oft die gebenedeite Gegenwart desjenigen genossen hat, der da ist die Heiligkeit selbst, nämlich Christus des Herrn, so oft der liebreiche Welterlöser bei den beiden Schwestern seine Einkehr genommen und das ganze Haus mit seiner Person erfreut hat. Marcella hat dann vielmals Gelegenheit dazu gehabt, Christus demütig zu verehren, seine Ansprache anzuhören, ihn samt der Hausfrau Martha zu bedienen und aufzuwarten, was ja ihr zum Wachstum der Heiligkeit trefflich zu statten kam.

 

Marcella war in ihren Dienstverrichtungen sehr sorgsam und fleißig, wie es einer rechtschaffenen Hausmagd zusteht. Dies hat Gott der seligen Veronika von Binasco geoffenbart, die von Geburt eine Bauerstochter war, später aber in das Kloster zu St. Martha in der Stadt Mayland auf- und angenommen worden ist. Diese heilige Klosterjungfrau wurde sehr oft mit himmlischen Verzückungen und Erscheinungen heimgesucht, besonders das Leben und Leiden ihres göttlichen Bräutigams betreffend. Unter anderem sah sie auch, wie Christus von der sorgfältigen heiligen Martha zum zweiten Mal bewirtet wurde. Dabei zeigte ihr Gott, wie die emsige Marcella ihrer Hausfrau Martha in allem mühsamen Dienst leistete und mit ihr zugleich höchst beschäftigt war. Alle Mühe und Arbeit aber erschien der heiligen Dienstmagd, so lange sie auch dauerten, versüßt zu sein allein in dem Bedenken, dass sie Christus diente und aufwartete, was übrigens auch anderen Dienstboten allezeit die saure Arbeit gering machen würde, wenn sie sie mit gleicher Absicht tun würden.

 

Nach der glorreichen Auffahrt Christi in den Himmel haben die Juden aus Hass zum Welterlöser und all denen, die sich zu dem neuen Gesetz bekennen, beide Schwestern Maria Magdalena und Martha, wie auch Lazarus ihren Bruder, samt der Dienstmagd Marcella und Maximino, einem aus den zweiundsiebzig Jüngern Christi, neben mehreren anderen Christen ins Gefängnis gesperrt. Sie wollten aber ihre Hände im Blut dieser christlichen Schar nicht waschen, sondern setzten sie alle auf ein altes baufälliges Schiff, ohne Segel und Ruder, und stießen sie in das hohe Meer hinaus, nicht zweifelnd, das, was sie selbst nicht getan haben, werde das untreue Element des Wassers unfehlbar ersetzen, und sie in den Abgrund des Meeres versenken. Allein die Vorsichtigkeit Gottes gab diesen Elenden einen Steuermann ab, die das Schiff glücklich durch das ungestüme Mittelländische Meer trieb und zu Maßilien, einer berühmten Seestadt in Frankreich, ans Land brachte.

 

Der gelehrte Cornelius a Lapide sagt in Bezug auf diesen Ort und die o.g. Begebenheit, dass wir daraus schließen mögen, Marcella müsse wegen ihres festen Glaubens an Christus und ihres gottesfürchtigen Lebens sich einen großen Hass der Juden zugezogen haben, so wie die beiden Schwestern Maria und Martha, deren Leben sie beschrieben haben soll, weil sie auch mit der gleichen Verfolgung und Landesverweisung von den Juden bestraft wurde. Zuerst aber wegen ihres freimütigen Bekenntnisses, das Marcella von Christus abgelegt haben soll, wie alsobald durch Petro de Natalibus beigefügt werden soll: obwohl Cornelius schreibt, dass das genannte Bekenntnis nur mutmaßlich von anderen Schriftstellern der heiligen Marcella zugeeignet werde.

 

Dort nun zu Maßilien stiegen die ermüdeten Seefahrer ans Land und verbreiteten alsobald dort das neue christliche Gesetz: Lazarus wurde nach der Zeit daselbst zu Maßilien der erste Bischof. Maximino wurde zu Aix Bischof, einer anderen benachbarten Stadt in Frankreich. Und von diesem Maximino hat auch schon vormals die heilige Marcella die Taufe empfangen, wie aus den priesterlichen Tagzeiten am Fest der heiligen Martha zu ersehen ist. Dort liest man, dass dieser heilige Maximino das ganze Haus getauft hat, worunter sich ja auch diese heilige Dienstmagd befand.

 

Maria Magdalena, die es schon lange gewohnt war sich zu den Füßen Christi aufzuhalten, hat sich gleichfalls von ihrer liebsten Schwester Martha verabschiedet und sich in eine entsetzliche Höhle oder Wildnis verschlossen, allein dort den heiligen Betrachtungen zu obliegen. Martha aber führte unter den von ihr versammelten Jungfrauen, denen sie als Lehrmeisterin vorstand, ein unvergleichliches Tugendleben, aus dem auch leicht hervorgeht, was Marcella, die bei der heiligen Martha weiterhin verblieben ist, auf dem Weg der vollkommenen Heiligkeit für mächtige Fortschritte gemacht haben wird.

 

Der Hochwürdigste Bischof Petrus de Natalibus schreibt so von Marcella weiter (die er aber Marcilla nennt): Marcilla, sagt er, ist der Martha Nachfolgerin gewesen: Sie wird für die Frau gehalten, von der beim heiligen Lukas im 11. Kapitel zu lesen ist, dass sie ihre Stimme mitten unter dem Volk hat hören lassen, und den Leib, den Christus getragen, und die Brust, die ihn gesäugt, zu benedeien gewürdigt worden war. Sie ist mit ihren Frauen aus dem Jüdischen Land vertrieben worden und mit anderen Jüngern Christi nach Maßilien gekommen. Sie hat Martha bis an ihr heiliges Ende nicht mehr verlassen und hat auch deren Leben und Wandel schriftlich verfasst. Nach dem Ableben Marthas begab sie sich nach Sclavonien, predigte daselbst das Evangelium und ruhte endlich nach Verlauf von zehn Jahren nach Marthas Tod im Frieden. Ihr heiliger Leib ist nach Aix übertragen worden und neben den Leibern der heiligen Maria Magdalena und des heiligen Maximini, wie auch des heiligen Cedoni beigelegt worden.

 

 

Was die Reise der heiligen Marcella nach Sclavonien anbetrifft, dies wird auch von einem anderen Geschichtsschreiber erwähnt, allein die niederländischen Lebensverfasser der lieben Heiligen Gottes wollen es nicht für genehm halten. Ich lasse mich aber nicht zum Schiedsrichter machen, der bestimmen soll, welche Partei nun recht hat. Inzwischen wird doch Marcella von mehreren Lebensbeschreibern der Auserwählten Gottes auch unter dem Namen einer Heiligen hervorgehoben, aus denen ich, was bisher von dieser heiligen Dienstmagd gemeldet worden ist, entlehnt habe. Jener große Tag, der mein und dein Werk der ganzen Welt wird vor die Augen stellen, der wird auch der heiligen Marcella herrliche Verdienste und ihren ganzen übrigen Lebenswandel offenbaren, diejenigen zu beschämen, die vor Zeiten zwar gleichen Standes, aber bei weitem nicht gleicher Verdiensten und Tugend gewesen sind.