Die gottselige Klara Fey, Stifterin der Genossenschaft vom Armen Kinde Jesu, + 8.5.1894 - Gedenktag: 8. Mai

 

Nicht immer ist man so glücklich, die Seele unserer auserwählten Diener Gottes genau betrachten zu können. Nur selten lässt sich das Geheimnis des Herzens eines Heiligenlebens vom ersten Aufkeimen bis zur Blüte und reifen Frucht aufdecken und verfolgen, wenn nicht etwa vertraute Zeitgenossen oder eigene, das innere Leben erschließende Schriften ein sicheres Urteil erlauben. Das Leben und Werden der gottseligen Mutter Klara Fey können wir nun aus ihren eigenen Äußerungen wie aus ihrer praktischen Wirksamkeit bis ins Innerste verfolgen. Da zeigt sich als geheimnisvolle Anziehungskraft, als Mittelpunkt ihres ganzen Denkens und Lebens, als die Wurzel, aus der alle ausgezeichneten Tugenden emporsprossten, als die Quelle ihres gottgeeinten, heiligen Wandels eine „Übung“, eine einzige Übung, die sie fast sechzig Jahre fortsetzte und zu immer reicherem Erfolg entwickelte: Die Übung des Lebens in der Gegenwart Gottes, und zwar des sakramentalen Gottes unserer Altäre.

 

Klara Fey, geboren am 11. April 1815 in Aachen, war das Kind einer angesehenen, begüterten und braven Familie. Schon mit fünf Jahren verlor sie den Vater; die Mutter Katharina leitete ihr Erziehung in echt christlichem Geist. Einfluss auf ihre Entwicklung übte in jener Zeit auch die Dichterin und Konvertitin Luise Hensel, die als Lehrerin an der Realschule wirkte, die Klara besuchte. Nach Abschluss ihrer Ausbildung führte die hochgesinnte Jungfrau im häuslichen Kreis ein ihrer Geistesrichtung entsprechendes, zurückgezogenes, wohlgeordnetes, mit nützlicher Tätigkeit ausgefülltes Leben, dem echte Frömmigkeit und christliche Nächstenliebe den Stempel aufdrückten. Eifrige Lektüre, nicht von Romanen, sondern der Heiligen Schrift, der Leben und Lehren der Heiligen und anderer geistlicher Bücher förderten die innere Weiterentwicklung. Die Kunstfertigkeit in feinen Handarbeiten übte sie an Paramenten für die Pfarrkirche. Eine zarte Gewissenhaftigkeit zeichnete sie aus, besonders im Reden über den Nächsten. „Ach, lasst uns doch nicht sündigen,“ mit diesen Worten machte sie Gesprächen gegen die Liebe ein Ende. Oftmaliger Kommunionempfang brachte stärkende Nahrung für das Seelenleben und führte die heilsbegierige Jüngerin des Heilandes in ihrem Sinnen und Lieben immer näher zum eucharistischen Zelt. Der Besuch und die Unterstützung von Kranken und Armen war ihr eine liebe Beschäftigung, eine Gott schuldige und aus Liebe zu Gott zu verrichtende Berufsaufgabe. Und wirklich sollte die Liebestätigkeit für den Nächsten, und zwar in der bestimmten Richtung der Sorge für die Jugend, ihr künftiger Beruf werden. Bald zeigte es sich, wie die Vorsehung sie dazu führte.

 

Unter den Arbeiterkindern der aufblühenden Industriestadt Aachen herrschte eine traurige Verwahrlosung. Klaras Bruder Andreas, der Kaplan in der Pfarrei St. Paul in Aachen war – ein zweiter Bruder hatte sich dem Redemptoristenorden zugewendet -, machte seine Schwester und ihre Freundinnen, die sich ihren Liebeswerken angeschlossen hatten, auf diesen Missstand aufmerksam. Noch am gleichen Sonntagabend wurde von den jugendlich begeisterten Fräuleins beschlossen, eine Schule für arme Kinder zu gründen. Der Entschluss wurde auch wirklich am 3. Februar 1837 ausgeführt. Klara Fey war damals 22 Jahre alt. In dem Kreis der „heiligen Fräulein“, wie sie von den Aachenern genannt wurden, ragten Anna von Lommessem, später Ordensfrau vom Heiligen Herzen, und die nachmaligen Ordensstifterinnen Pauline von Mallinckrodt und Franziska Schervier hervor. Über diese so ausgezeichneten Gefährtinnen wie über die Herzen der Kinder besaß Klara Fey, obwohl zart und kränklich, durch ihre Ruhe, Klugheit und Sanftmut einen tiefen, nachhaltigen Einfluss. Wie es in solchen Fällen, bei einem von jungen, frommen Mädchen unternommenen Werk begreiflicherweise geschieht, war das Urteil der Welt zunächst nicht gerade günstig. Indessen war Kopf und Herz dieser Wackeren von etwas anderem eingenommen als von einem „Spiel, das sich von selbst aufhören würde“, noch weniger waren sie „verrückt“, wie die ganz Liebenswürdigen meinten. Sie hörten nicht auf. Das Unternehmen entwickelte sich segensreich und führte ganz unmerklich zur Gründung einer neuen religiösen Genossenschaft. Wie so oft in der Geschichte der Orden zeigt sich auch hier die sanfte, sichere Führung des Geistes Gottes, der das Kleine und Verborgene erwählt und in stiller Entwicklung Großes daraus erwachsen lässt.

 

Am 1. Februar 1844 verließ Klara Fey das Elternhaus und begann mit drei Freundinnen ein gemeinsames Leben. Ohne Wahl war sie die anerkannte Oberin; denn schon seither ging jede mit dem, was sie drückte, zu ihr, um sich beraten zu lassen. Das Leben war ein klösterliches; die Gelübde wurden in privater Form abgelegt. Nach persönlicher Vorstellung in Berlin und Audienz bei der Königin erfolgte unter Überwindung mancherlei Schwierigkeiten im Dezember 1845 die staatliche Anerkennung der Genossenschaft und bald hernach die kirchliche Gutheißung. Die vorläufige Bestätigung der Genossenschaft durch Rom wurde erst nach eingehender, langer Arbeit an den Statuten 1862 und die endgültige durch Dekret von Papst Pius IX. vom 12. Mai 1869 erteilt, während die letzte entscheidende Bestätigung der Regel erst 1888 erfolgte. Dem Namen des „Armen Kindes Jesu“ entsprechend, war der erste Zweck der Genossenschaft „arme, verlassene und verwahrloste Kinder aufzunehmen“. Aber ohne dass man es wollte, ja gegen den anfänglichen Willen der Stifterin, drängten die Verhältnisse auch zur Übernahme der höheren Mädchenbildung. Immer reicher und vielseitiger gestaltete sich die äußere Tätigkeit. Da finden wir in den verschiedenen Niederlassungen, deren es jetzt (1928) 38 mit über 600 Schwestern sind: Erziehungsanstalten für Waisenkinder, Armenschulen, Krippen, Kindergärten, Mädchen- und Knabenhorte, Paramentenstickereien, Handarbeitsschulen, Handelskurse, Lyzeen, Frauenschulen, eine Studienanstalt, Heime für kaufmännische Gehilfinnen und Beamtinnen, Weiterbildung schulentlassener Mädchen der arbeitenden Stände zu Dienstmädchen und Hausfrauen. All diese vielfache Tätigkeit ist geeint im Geist des armen Kindes Jesus, der alles durchdringt und belebt. „Zu Jesus führen“ ist Leitgedanke.

 

Das meiste des Entstandenen, das gottgesegnete, rasche Aufblühen der Genossenschaft, die Bestätigung der Regel sah Mutter Klara selber noch werden. Als Gründerin und ständige Generaloberin während 44 Jahren hatte sie mit der Leitung des ausgedehnten, schließlich sich über Deutschland, Österreich, Holland, Belgien, England und Frankreich sich erstreckenden Kongregation eine ganz außerordentliche Aufgabe zu lösen. Nur einer außerordentlichen Persönlichkeit, wie Klara Fey es war, konnte dies gelingen. Dabei gab ihr Gott freilich auch hervorragende Mithelfer zur Seite, ihren Bruder, Direktor Andreas Fey, ihren Seelenführer, den erleuchteten und frommen Pastor Wilhelm Sartorius, und den Bischof Johann Theodor Laurent, apostolischen Vikar von Luxemburg, zuletzt Direktor des Mutterhauses. Mutter Klara war aber die Seele des Ganzen, eine ausgezeichnete Verwalterin und Vorsteherin mit wahrhaftiger „Mutterliebe“ wie nicht minder eine tieffromme, strenge, demütige, von allem losgeschälte und doch alle führende und begeisternde Ordensfrau. „Ihre hohe, kräftige Gestalt, ihr schönes, so ausdrucksvolles Antlitz mit kräftig hervortretenden Züge regte zur Ehrfurcht an und imponierte jedem. Auf wen die Mutter ihr klares, unendlich seelenvolles Auge richtete, dem ging das Herz auf. Welche Milde, welche Güte bei so wahrer Seelengröße!“ Ihren Geist, „den Geist der Freude und des Friedens, den Geist der Barmherzigkeit mit anderen und der Gewissenhaftigkeit mit sich selbst, den Geist christlicher Einfachheit, verbunden mit heiligem Eifer für alles Gute“, diesen Geist, dieses Beispiel drückte sie ihren geistlichen Töchtern auf, die in kindlicher Ergebenheit und beispielloser Liebe an ihr hingen.

 

Mitten im Aufstieg drohte der Sturm des unseligen Kulturkampfes die Wirksamkeit und den Bestand des Ganzen, so viel Segen verbreitenden Werkes zu vernichten. So weit ging die Verblendung der Feinde der katholischen Kirche, dass sie nicht einmal gottgeweihte Jungfrauen ihre Dienste der Liebe den armen Kindern des Volkes mehr zuwenden ließen! Undankbares Vaterland! Wird Gott ein solches Verbrechen an armen Kindern ungesühnt lassen? In unserer Zeit erkennen wir Gottes strafende Hand. Mutter Klara aber zeigte damals ihren ganzen aufrechten Glaubensmut, unwandelbare Ruhe ohne Klagen und eine kluge Voraussicht. Sie richtete ihre Blicke nach dem Ausland, um dort ihren Schwestern neue Wirkungsstätten zu eröffnen. In Simpelveld im Holländischen, an der Landesgrenze nahe bei Aachen, erstand in den Jahren 1876 bis 1878 ein neues, schönes, geräumiges Mutterhaus, das an Berühmtheit das Aachener aufgelöste noch weit übertreffen sollte. Auch nach erfolgter Neubegründung der Tochterhäuser im Rheinland von 1887 an blieben die Schwestern vom Armen Kinde Jesu ihrer neuen Heimat und dem so herrlich gediehenen Mutterhaus bei Simpelveld treu. Hier fand auch die starke Frau und doppelte Begründerin ihrer Genossenschaft ihre letzte Ruhestätte.

 

Woher nahm dieses fruchtbare Leben der gottseligen Jungfrau seine Kraft und Ausdauer, was gab ihm sein ganz eigenes Gepräge, seine Heiligkeit?

 

Schon im 20. Lebensjahr wurde Klara Fey durch Redemptoristen und Karmelitessen auf die heilige Theresia aufmerksam gemacht. Von dieser großen Lehrerin des inneren Lebens lernte sie die fortwährende Vereinigung mit Gott kennen. Ihr Seelenführer Sartorius führte sie dann immer mehr in die Lehre des heiligen Franz von Sales von der Sammlung in Gott ein, wozu ihm ja auch die heilige Theresia die Anregung gegeben hatte. Die gottselige Mutter Klara aber gab dieser Sammlung, dem Wandel in Gott, noch die besondere Richtung auf das heiligste Sakrament des Altares. Gott ist überall, am nächsten aber ist er der Seele des Menschen, die er erschaffen, deren Leben und Dasein er ist, in der er wohnt. Diese Gegenwart Gottes muss die Seele mit Freude und Wonne erfüllen. Im Andenken an ihn muss der ganze Wandel rein und vollkommen werden, heilig die Gedanken, vorsichtig die Worte, vollendet die Werke. Wie aber gelangt man zu dieser Vereinigung mit Gott? Du musst, sagt die Lehrmeisterin der Übung selbst, allmählich diese selige Gewohnheit zu erringen streben. Du musst jeden Morgen diese Übung dir vorsetzen und mittags und abends dich fragen, ob wohl eine halbe Stunde vergangen ist, wo du nicht an deinen Herrn gedacht hast, der mit dir ist, und musst ihn um Verzeihung bitten, wenn du ihn lange allein gelassen hast. Wenn du den Herrn recht liebst, wirst du auch treu und beständig an ihn denken. Die Übung soll ohne Zwang und Unruhe geschehen. Sie ist eine Gnade des Heiligen Geistes, der ein ruhiges, sanftes, demütiges Herz begehrt, um es mit ihr zu erfüllen.

 

Der Gott, vor dessen Angesicht wir im Glauben wandeln, ist aber der „Gott mit uns“, Emmanuel, der Gott des Altares. „Der Kern und Mittelpunkt ist Jesus im allerheiligsten Sakrament.“ Er hat gesagt: „Wer mein Fleisch ist und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm.“ Durch die heilige Kommunion will der Herr nicht vorübergehend in uns wohnen; sein Aufenthalt ist ein beständiger. Er begleitet uns den ganzen Tag mit seiner Gnade und ist am Abend noch da, um uns in der Nacht zu beschützen. Darum sollen wir uns bemühen, so zu beten und zu arbeiten, als ob wir eben erst den Herrn empfangen hätten. So wird alles vollkommen. „Es lebe Jesus in unseren Herzen, aber stets, aber so, wie er durch sein Sakrament in uns einkehrte: ich bitte ihn darum um seines Namens willen und dass wir bei ihm bleiben und in und mit und von ihm leben.“ Darum andächtige wirkliche Kommunion, oftmalige Sehnsucht danach, häufige geistliche Kommunion! Das war die „Übung“ der Mutter Klara. Oft, wenn sie in ungezwungener Weise und aufs anziehendste sich mit den Schwestern unterhielt, konnte man, etwa alle Viertelstunden, sehen, wie sie, ihr selbst unbewusst, - sonst hätte sie es ängstlich verborgen – eine kleine Wendung des Hauptes machte, wie ihr Blick leuchtender wurde und einen ganz innigen, sprechenden Ausdruck annahm. So galt von ihr, was sie einmal von der heiligen Katharina von Siena sagt: „Der Herr hat ihr ins Ohr gesagt: „Denke du an mich, und ich denke an dich.“ Sie hat dieses Wort verstanden und hat ihren Bräutigam festgehalten mit allen Affekten ihres liebenden Herzens. Und, wie hat sie Frucht getragen durch den Allmächtigen, auf den sie sich stützte! Das war die schwache Jungfrau, die im Innersten ihres Herzens nichts kannte als Christus, unsern Herrn, die nur an ihn dachte und von ihm sich leiten ließ.“

 

Das war auch Klara Fey, die geistliche Mutter und Leiterin Tausender von Seelen, ein Abbild ihrer Patronin, der heiligen Klara mit der Monstranz. Durch die Vereinigung mit dem Gott ihres Herzens und dem Gott der Altäre ist sie geworden, was der Diözesanbischof Roermond nach ihrem Tod am 8. Mai 1894 von ihr bezeugte: „Sie war ein lebendiges Beispiel eines starken Glaubens, einer seltenen Frömmigkeit, eines echt christlichen Sinnes, kurz aller christlichen und klösterlichen Tugenden.“

 

Der Seligsprechungsprozess wurde 1916 Eingeleitet.

 

Versuche diese „Übung“ der Sammlung und Vergegenwärtigung Gottes! Es geht trotz aller äußeren Beschäftigung. Mache die Übung ruhig, allmählich, ohne Gewalt, aber beharrlich. „Das eine Auge muss beschäftigt sein im Dienst des Nächsten, das andere muss unverwandt auf den Bräutigam gerichtet sein.“