Der heilige Joseph Desiderio von Leonissa, Kapuzinermissionar, Italien, + 4.1.1612 - Fest: 4. Februar

 

Apostelwege sind Heilandswege. Apostelberuf ist Heilandsberuf, zur Fortführung der großen Weltmission Jesu Christi, zur Ehre Gottes und dem zeitlichen und ewigen Wohl der Menschen durch alle Jahrhunderte. Gottes Vorsehung erweckt jedem Jahrhundert seine apostolischen Männer und Frauen, die mit Gottesgnade und Märtyrermut an einer Erneuerung der Welt im Geist Jesu Christi arbeiten, allen finsteren Höllenmächten zum Trotz.

 

Zum Missionar- und Apostelberuf hatte Gottes Vorsehung einen jungen, hochbegabten Studenten bestimmt. Gottes Wege sind aber nicht immer auch Menschenwege, und so träumten die Verwandten des frommen Jünglings von einer herrlichen weltlichen Laufbahn. Schon wurde die Zeit für seine Vermählung mit einem Edelfräulein von ausgezeichneter Schönheit und mit großem Reichtum bestimmt – da entfloh der junge Mann und bat in der Heimatstadt des heiligen Franziskus, in Assisi, um das Ordenskleid der Kapuziner. Die stille Paradiesesseligkeit des Novizen innerhalb der Klostermauern sollte bald gestört werden. Wilder Tumult vor dem Klösterlein. Leitern werden wie zum Sturm an die Gartenmauern angelegt. Eine Rotte wild erregter Männer stürzt in das Kloster. Es sind die Verwandten des Novizen, die ihren Vetter heimholen wollen. Bittere Vorwürfe und Drohungen hageln auf ihn nieder, Bitten und Versprechungen sollen ihn abtrünnig machen. Alles umsonst. Verblendet von leidenschaftlichem Zorn stürzte sich die tobende Verwandtschaft auf den Novizen, um ihn mit Gewalt fortzuschleppen. Doch der wehrt sich um seinen Beruf, ruft um Hilfe. Ein paar handfeste Klosterbrüder eilen herbei, und bald ist der äußere und innere Sieg erfochten, den der Himmel mit reichen Gnaden lohnte.

 

Die Vorbereitungsjahre zum Priestertum benützte der eifrige Ordenskleriker auch als Hochschule der klösterlichen und priesterlichen Tugenden. Hatte er sich seinen apostolischen Beruf mit heldenmütiger Standhaftigkeit gewahrt, nun wollte er auch den apostolischen Geist sich zu eigen machen. Sein Eifer wurde noch verdoppelt durch den Tod seines frommen Studiengenossen Frater Hieronymus von Visso. Der Verstorbene erschien bald nach dem Tod seinem Freund, als er betend auf seiner Zelle verweilte. Zuerst Erstaunen und Verwunderung, als der totgeglaubte Mitbruder leise in die kleine Zelle trat. „Bruder, bist du denn nicht gestorben? Wie sehe ich dich hier gegenwärtig?“ Hieronymus erwiderte: „Allerdings bin ich gestorben, aber nicht ohne den göttlichen Ratschluss bin ich zu dir hierhergekommen.“

 

Da sagte Joseph: „Tu es mir also kund, ich bitte dich, wie steht es mit dir?“ Der Freund antwortete seufzend: „O Joseph, wenn du es nur wüsstest, welch strenge Rechenschaft Gott beim Tod fordert! Wie schwer der Eingang in die Seligkeit ist!“

 

Nach den ersten Priesterjahren, in denen der liebeglühende Aposteleifer auch noch die wichtige Tugend der vollkommenen Hingabe und Ergebung in Gottes Fügung praktisch gelernt hatte, erhielt Pater Joseph vom Ordensgeneral die Erlaubnis, als Missionar nach dem Orient zu den Türken gehen zu dürfen. Die gefahrvolle Über- und Irrfahrt auf dem stürmischen Meer endete durch wunderbare Hilfe Gottes an der Küstengegend von Konstantinopel. Ganz verlassen und unbekannt in dieser wildfremden Gegend betete Pater Joseph. Da tauchte plötzlich aus dem Gebüsch ein holdseliges Kind auf, nahm den erstaunten Missionar bei der Hand und führte ihn in die Weltstadt hinein, durch Gassen und Straßen, und verschwand auf einmal wieder vor einem zerfallenen, alten Klostergebäude, worin einige vorausgereiste Kapuzinermissionare sich notdürftig eingerichtet hatten. Konstantinopel, das Ziel der apostolischen Sehnsucht, war erreicht. Wie blutete dem seeleneifrigen Missionar das Herz beim Anblick der Menschenmenge in den engen, schmutzigen Gassen, auf den breiten Straßen und großen Plätzen mit der Märchenpracht der Marmorpaläste am Goldenen Horn. Und dort trauerte unter dem Halbmond der Prachtbau der Hagia Sophia, der große, herrliche Ruhmestempel zu Ehren Jesu Christi, der menschgewordenen Weisheit. Kaiser Justinian rief einst bei der Einweihung dieser Riesenkirche in ihrem Wunderglanz von Marmor, Gold und Edelsteinen: „Salomo, ich habe dich übertroffen!“ – und im Jahr 1453 ritt Sultan Mohammed II. über die Leichenhaufen der erschlagenen Christen in diese Kirche und rief höhnend vor dem Hauptaltar: „Es ist kein anderer Gott als Allah, und Mohammed ist sein Prophet!“

 

Ein weites, doppeltes Arbeitsfeld bot in Konstantinopel überreiche, apostolische Missionswirksamkeit. Zu Tausenden schmachteten die armen Christensklaven in den Kerkern und wurden durch harte Misshandlung zum Übertritt in den Islam gelockt. An den Ruderbänken der Galeeren im Seehafen waren meist geraubte Christen mit eisernen Ketten angeschmiedet, von grausamen Aufsehern gepeinigt, bis sie unter der Ruderarbeit und den Peitschenhieben tot zusammenbrachen. All diesen Armen und Ärmsten erschien Pater Josef als ein vom Himmel gesandter Engel, mit der Sendung, ihr leibliches und seelisches Elend zu lindern. Noch reichlichere Ernte versprach die Bekehrung der Ungläubigen. Der Anfang schien ermutigend. Gelang es doch der Liebe und dem Eifer des Missionars einen hochgestellten türkischen Pascha zu bekehren, oder vielmehr zur Kirche wieder zurückzuführen. Der Unglückliche war Renegat geworden, d.h. er hatte als Christ, ja sogar als Erzbischof der griechischen Kirche, einst seinen Glauben abgeschworen. Dieser Erfolg ermunterte Pater Josef nach dem Beispiel seines heiligen Ordensvaters Franziskus sich an den Sultan selbst zu wenden, um wenigstens die Abschaffung der Todesstrafe zu erreichen, die auf die Annahme des Christentums gesetzt war. Mit heiliger Kühnheit suchte er in den Sultanspalast einzudringen, wurde aber von den Wachen schwer misshandelt und das zweite Mal in den Kerker geworfen und zu dem grausamen Tod des Hakengalgens verurteilt. Drei Tage und drei Nächte hing der fromme Dulder an den zwei Ketten des Galgens, an denen seine linke Hand und sein rechter Fuß mit zwei schrecklichen Haken durchbohrt befestigt waren. So wenigstens halb gekreuzigt, erwartete er in heiliger Sehnsucht den Märtyrertod, da erschien wieder jener geheimnisvolle Engelsknabe, befreite und heilte und belehrte ihn, dass Gottes Wille ihn jetzt zur inneren Mission unter den Christen berufen habe. Der Heilige kehrte mit jenem bekehrten Renegaten nach Italien zurück und beide empfingen in Rom den Segen von Papst Sixtus V., der eine als Bekenner Christi mit den Malen des Martyriums, der andere als reumütiger Büßer und wieder gefundener Sohn der katholischen Kirche.

 

In unermüdlichem Eifer setzte Pater Josef seine Missions- und Apostelarbeit in Italien fort, predigte oftmals an einem Tag vier- bis siebenmal, erschütterte mit den Flammenblitzen des göttlichen Wortes die verstocktesten Herzen. Wie einst in den Aposteltagen begleiteten seine Wirksamkeit auch Wunder und prophetische Weissagungen. Ein Wunder der göttlichen Gnade war der Heilige vor allem selbst durch seinen Heroismus in jeglicher Tugend, durch seine lächelnde Heiterkeit bei aller Bußstrenge, durch Demut bei Ehrungen und Schmähungen, durch die opferwillige Beharrlichkeit in seinem apostolischen Beruf, bis er im Alter von 58 Jahren von der Apostelarbeit zum Apostellohn abberufen wurde, im Jahr 1612. Als eben die Morgensonne ihre ersten Verklärungsstrahlen auf den Kranken warf, betete ihm ein Ordensbruder die kirchliche Tagzeit der Prim vor. Bei den Worten: „Kostbar in den Augen des Herrn ist der Tod seiner Heiligen. Heilige Maria und alle Heiligen bittet für uns!“ ging der Heilige ein in die ewige Herrlichkeit.

 

Durch die heilige Firmung ist jeder Christ zum Apostolat berufen in seinem kleinen Wirkungskreis. Christ sein, heißt Apostel sein. Vielfach sind die Wirkungsfelder, die die heilige Kirche dem Laienapostolat zugeteilt hat. Freilich nicht Laienregiment in der Kirche, wohl aber Laienapostolat durch Gebet, Wort und Tat, in den Werken der Barmherzigkeit, in Familie, Schule und Gemeinde, in der Presse und Jugendpflege, in der Sorge für die äußeren und inneren Missionen und nicht zuletzt in den Liebeswerken für die Armen Seelen im Fegfeuer. Alle ohne Ausnahme müssen Apostel sein für die große Weltmission der christkatholischen Kirche unter dem Wahlspruch: „Ehre Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen!“