Der heilige Johannes von der Lateinischen Pforte, Apostel, Evangelist, Bischof von Ephesus, + 100 ? - Fest: 6. Mai und 27. Dezember

 

Von dem heiligen Apostel Johannes, dem Lieblingsjünger des Heilandes, sind zwei Feste verzeichnet, am 27. Dezember und am 6. Mai. Am 27. Dezember ist das Hauptfest, und als Nebenfest feiert heute die Kirche das Gedächtnis an das Martyrium des Heiligen, denn obwohl Johannes als einziger von den Aposteln eines natürlichen Todes starb, zählt er trotzdem, wie die Legende berichtet, zu den Martyrern.

 

Johannes hatte noch einen leiblichen Bruder unter den Aposteln, und es war dieser Bruder der heilige Jakobus der Ältere. Als eines Tages der liebe Heiland vor den Jüngern und dem Volk wieder einmal von dem Glanz und der Herrlichkeit seines kommenden Reiches viel und schön geredet hatte, trat die Mutter der beiden genannten Apostel vor Jesus hin und legte ihm die etwas aufdringliche Bitte vor, ihren Söhnen dereinst in seinem Reich einen hohen Platz zu seiner Rechten und zu seiner Linken zu verleihen. So sind nun einmal die Mütter, dass sie für die eigenen Kinder immer etwas Besonderes haben wollen, und es ist auch gut, dass sie so sind, denn aus vielen Kindern würde wohl gar nichts werden, wenn ihnen nicht eine liebende Mutter sorgend zur Seite stände.

 

Übrigens hat der liebe Heiland die Bitte jener Mutter nicht übel genommen, sondern herrlich erfüllt, denn Jakobus und Johannes thronen längst im Himmelreich zur Rechten und zur Linken des ewigen Königs, aber bis sie dorthin gelangten, mussten sie doch einen anderen Weg gehen, als es sich ihre Mutter träumte. Deshalb fragte der Heiland auch, anstatt der bittenden Mutter eine unmittelbare Antwort zu geben, die beiden Apostel: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?“ „Ja“, antworteten wie aus einem Mund frisch und keck Jakobus und Johannes, „ja, das können wir.“ Dabei ahnten sie noch nicht, dass mit dem Kelch das bittere Leiden des Herrn und ihr eigenes Martyrium gemeint war. „Gut“, schloss Jesus die Unterredung, „ihr werdet meinen Kelch trinken.“ Mit diesen Worten sagte der Meister den beiden Jüngern das Martyrium voraus.

 

Die Zukunft hat dann auch gezeigt, dass alles genau nach den Worten Jesu eintraf. Jakobus erlitt den Martertod, und Johannes wurde ebenfalls gemartert, aber er überstand die Marter und starb später eines natürlichen Todes.

 

Als nämlich unter dem finsteren und tückischen Kaiser Domitian die zweite römische Christenverfolgung ausbrach, wurde Johannes, der letzte noch lebende Jünger Jesu, in seiner Bischofsstadt Ephesus aufgegriffen und nach Rom verbracht. Weil er sich selbstredend weigerte, den Göttern zu opfern, ließ ihn der Kaiser zuerst geißeln und dann in einen Kessel voll kochenden Öls werfen. Johannes jedoch machte das Zeichen des Kreuzes über den Kessel und entkräftete damit Feuer und Glut, so dass ihm das siedende Öl nichts antat, vielmehr ging er verjüngt und gestärkt aus dem todbringenden Ölbad hervor. Da packte den abergläubischen Kaiser das Grauen, er schickte den Apostel auf die kleine Insel Patmos in die Verbannung, und als der Verfolger kurz hernach ermordet wurde, kehrte Johannes nach Ephesus zurück, wo er hochbetagt im Alter von über neunzig Jahren eines natürlichen Todes starb. Jene Stelle aber, an welcher der Lieblingsjünger das Martyrium erlitt, befand sich in Rom vor dem sogenannten Lateinischen Tor. Daher der Name des Festes Johannes vor der Lateinischen Pforte.

 

Zum Schluss der heutigen Legende soll noch eine kleine Anwendung gemacht werden. Wie nämlich der heilige Johannes verjüngt und gestärkt aus dem Kessel siedenden Öls hervorging, so ähnlich ergeht es dem Menschen bei der heiligen Beichte. Sicher kann einem unter Umständen die Beichte bitter vorkommen, wenn man aber mutig und ehrlich die Sünden bekannt hat, so fühlt man sich wieder frisch und froh.