Der heilige Johannes von Damaskus, Priester und Kirchenlehrer, + 6.5.749 - Fest: 6. Mai

 

In Johannes Damaszenus mit dem Ehrennamen Chrysorrhoas (der „Goldströmende“, „Goldredende“) erstand der alten Kirche des Morgenlandes nochmals ein gewaltiger Geistesmann und Wortführer, während rings ein immer tieferer Verfall der geistigen und wissenschaftlichen Regsamkeit um sich griff. Er kam aus einer christlichen Familie in Damaskus, die inmitten der religiösen Verheerungen des siegreich vordringenden Islams treu den Glauben der Väter bewahrt hat. Der Vater Sergius stand im sarazenischen Staatsdienst und bekleidete ein hohes Steueramt, das sich später auf den Sohn vererbte. Er wünschte dem kleinen Johannes, der frühzeitig so ungewöhnlich reiche Geistesanlagen an den Tag legte, außer einer tiefen religiösen Herzensbildung auch eine höhere wissenschaftliche Ausbildung zu geben. Doch die äußeren Verhältnisse schienen diesem Wunsch große Schwierigkeiten entgegenzusetzen. Da führte ihm die Vorsehung wunderbarerweise einen geeigneten Mann zu. Unter den von Seeräubern gefangenen Christensklaven auf dem Markt von Damaskus befand sich nämlich auch ein Mönch aus Kalabrien, namens Kosmas, der in den weltlichen wie heiligen Wissenschaften gleich trefflich unterrichtet war. Sergius, der bereits so vielen Gefangenen die Freiheit verschaffte, kaufte auch ihn los. Da er auf seine reichen Kenntnisse aufmerksam wurde, nahm er ihn in sein Haus auf und vertraute ihm die Erziehung und den Unterricht seines Sohnes an. Welche Tugend- und Wissensfortschritte Johannes an der Hand seines Lehrers machte, davon sollte der ganze christliche Erdkreis Zeuge werden.

 

Nach des Vaters Heimgang und des Lehrers Weggang, der sich ins Kloster des heiligen Sabas bei Jerusalem zurückzog, riefen zunächst die verschiedenen Irrlehren den mutigen Streiter der christlichen Wahrheit und kirchlichen Rechtgläubigkeit auf den Plan. In Wort und Schrift schwingt jetzt der Damaszener die scharfe Geistesklinge gegen sie. Insbesondere aber taucht seine überragende Gestalt im sogenannten Bilderstreit auf. Der griechische Kaiser Leo der Isaurier hatte nämlich durch zwei Verordnungen „die Entfernung aller Bilder der Heiligen, Martyrer und Engel“ sowie die Vernichtung aller Bilder Christi und der Gottesmutter befohlen. Ein allgemeiner Bildersturm setzte infolgedessen durch die ganze griechische Kirche ein. Er rief überall große Aufregung in den Gemütern, in manchen Gegenden sogar förmlicher Aufruhr hervor. In Konstantinopel selbst war es der heilige Patriarch Germanus, der lieber abdanken als dem Befehl sich beugen wollte; im Abendland die Päpste Gregor II. und III., die trotz schwerster Bedrohungen und Anfeindungen den Bannfluch über die Bilderstürmer verhängten. Unter allen Gottesgelehrten aber wurde der heilige Johannes von Damaskus der unerschrockenste und unermüdlichste Vorkämpfer der kirchlichen Lehre von der Verehrung der Bilder Christi und der Heiligen. Mit Wort und Feder führte er gleich nachdrücklich und erfolgreich den Kampf gegen die ebenso verkehrte wie gewalttätige Irrlehre. Seine drei Verteidigungsschriften über die Bilderverehrung gehören zum Besten, was je darüber geschrieben wurde. Er unterscheidet hier scharf zwischen der Gott allein gebührenden „Anbetung“ und der auch dem heiligen Geschöpf zukommenden „Verehrung“. Alle und jede dem Bild erwiesene Ehre beziehe sich auf den durch das Bild Dargestellten. Auch den erzieherischen Wert der Bilder hob er hervor: sie vergegenwärtigen die Tatsachen der Erlösung und die Tugendbeispiele der Heiligen, sind Bücher für den des Lesens Unkundigen und Predigten für den frommen Beschauer.

 

Eine spätere, freilich unzuverlässige Legende weiß zu erzählen, der Kalif habe auf ein verleumderisches Schreiben Kaisers Leo hin dem Glaubensstreiter als Hochverräter die rechte Hand abhauen lassen, sie sei ihm aber auf sein Flehen vor dem Gnadenbild der heiligen Jungfrau bei Nacht wiederum wunderbar hergestellt worden.

 

Immer mehr hatte es den Heiligen aus dem Lärm der Großstadt und dem Getriebe der Welt in die Ruhe und den Frieden der klösterlichen Einsamkeit gezogen. Nach dem Jahr 730 setzte er das Vorhaben in die Tat um. Er verteilte sein ansehnliches Vermögen unter die Armen und Kirchen, wanderte in ärmlicher Kleidung mit seinem Halbbruder Kosmas nach Jerusalem und zog sich von da, seinem Lehrer folgend, ins nahe Kloster des heiligen Sabas zurück. Der Abt stellte ihn unter die Leitung eines älteren, seelenerfahrenen Mönches. Dieser schärfte dem Novizen als Grundbedingung des geistlichen Lebens vor allem die Abtötung der äußeren Sinne, insbesondere das Stillschweigen, ferner den Verzicht auf den Eigenwillen und die Übung der Armut im Geist ein. Um die beiden Grundpfeiler, auf welchen letztere beruhen, d.i. seinen Gehorsam und seine Demut zu prüfen, schickte ihn der Seelenleiter einmal nach Damaskus, um geflochtene Körbe zu verkaufen, und setzte noch dazu deren Preis so ungewöhnlich hoch an, dass er ihm den Unwillen und Schimpf der Einkäufer eintragen musste. Der demütige Mönch brachte willig das Opfer dieser Selbstverleugnung. Schweiß- und staubbedeckt schritt er mit den Körben auf dem Rücken unter dem Spott der Leute durch die Stadt, die so lang den Glanz seiner vornehmen Geburt, seiner hohen Stellung und seines wissenschaftlichen Rufes bewundert hatte. In seiner großen Demut und Selbstverachtung hielt er sich auch des Priesteramtes nicht würdig. Erst nach langem Widerstreben vermochte ihn der Patriarch von Jerusalem zu bewegen, sich die Priesterweihe geben zu lassen.

 

Nachdem seine Tugend, seine mönchische Entsagung so glänzende, ja heroische Proben bestanden hatten, durfte er mit Erlaubnis seiner Obern wiederum das fruchtbare Feld wissenschaftlicher und schriftstellerischer Tätigkeit bebauen, auf dem er sich so heimisch wusste. Die reifste Frucht und die berühmteste Schöpfung seines Geistes wurde nun unter seinen zahlreichen Werken die dreiteilige Schrift „Quelle der Erkenntnis“, worin er die geistigen Errungenschaften der christlichen Vorzeit, die Lehren der Konzilien und der bewährtesten griechischen Väter in einem gedrängten Gesamtbild zusammenschloss. Dieses Werk blieb durch mehr als ein Jahrtausend hindurch bis zum heutigen Tag das klassische Lehrbuch der Gottesgelehrsamkeit in der ganzen morgenländischen Kirche. Unsterblichen Ruhm erwarb er sich insbesondere auch als Dichter. Vor seinen religiösen Liedern mussten selbst die Gesänge des berühmten Liederdichters Romanus aus den gottesdienstlichen Büchern der griechischen Kirche weichen.

 

Der Heilige starb um das Jahr 749 und wurde nahe dem heiligen Sabas zu Grabe gebettet. Seine Verdienste bleiben nicht ohne Anerkennung von Seiten der dankbaren Nachwelt. Schon das 7. Allgemeine Konzil von Nikäa 787 ehrte sein Andenken und feierte ihn namentlich als den Hauptvorkämpfer der religiösen Bilderverehrung. Noch in jüngster Zeit aber würdigte Papst Leo XIII. seine wissenschaftlichen Verdienste um die ganze Kirche, indem er ihn im Jahr 1890 feierlich in die Zahl der Kirchenlehrer aufnahm.

 

Wissenschaft ohne Tugend bläht auf (1 Kor 8,1). Nur über dem Grund und im Bund tiefer, echter Tugend baut sie auf und wird zu einem überfließenden Strom des Segens zum Nutzen und zur Glaubensstärkung des einzelnen wie der Kirche.