Die heilige Ida von Toggenburg, Gräfin, Einsiedlerin von Fischingen, + 3.11.1226 - Fest: 3. November

 

In Gottesfurcht und frommen Tugendübungen lebte die edle Jungfrau Ida auf dem Schloss Kirchberg in der Nähe von Ulm. Kaum hatte sie ihr 17. Lebensjahr erreicht, so vermählte sie ihr Vater, Graf Hartmann, der fromme Stifter des Benediktinerklosters Wiblingen, mit dem reichen und angesehenen Grafen Heinrich von Toggenburg (1197). Lieber hätte Ida ihre Tage in stiller Einsamkeit Gott gewidmet, aber aus Gehorsam reichte sie dem edlen Freier die Hand und zog mit ihm zum Schloss Toggenburg im Norden der Schweiz.

 

Heinrich war schön, reich an Schlössern und Gütern, tapfer im Kampf, aber leidenschaftlich und unbändig, wenn Zorneswut in seinem Innern aufwallte. Ida, voll Sanftmut und Geduld, vermied sorgsam alles, was ihren Gemahl aufregen konnte und ertrug um Christi willen ihr Kreuz. Sooft es ihre häusliche Arbeit gestattete, stieg sie ins Tal hinab zur Klosterkirche in Fischingen und zu der Kapelle der schmerzhaften Mutter in der Au, um Trost und Kraft von Gott zu erbitten. Weil Gott ihre Ehe nicht mit Kindern segnete, so machte sie die Armen zu ihren Kindern. Als ein Engel des Trostes stieg sie hinab in die Dörfer und die Hütten, trocknete die Tränen der Witwen und Waisen, stillte den Hunger der Armen, linderte den Schmerz der Kranken, bekleidete die Nackten, tröstete die Betrübten und erwies sich allen Bedrängten als liebevolle Mutter. Besonders wachte sie sorgfältig über ihr Hausgesinde und ermahnte alle durch Wort und Beispiel zu einem gottseligen Leben. Dafür liebten und ehrten sie alle, die sie kannten, mit Ausnahme eines Dieners des Grafen.

 

Dominico, ein Italiener, hatte sich durch Schmeichelei und Kriecherei das vollste Vertrauen seines Herrn erschlichen. Die fromme Ida dachte nichts Arges und behandelte ihn gütig, wie alle anderen. Als aber der sittenlose Wüstling die Freundlichkeit seiner Herrin als Wohlgefallen an seiner Person deutete, schnitt sie ihm mit angemessenem Ernst jede Hoffnung ab, das Ziel seines gottlosen Begehrens zu erreichen. Da fasste der schändliche Diener den teuflischen Plan, seine Herrin in Schande zu stürzen und lauerte auf eine günstige Gelegenheit. Als sie einst still betend durch den Wald ging, brach der Wolllüstling aus dem Versteck hervor, ergriff sie und wollte ihr Gewalt antun. Auf ihr Angstgeschrei und Hilferuf eilte der Knappe Kuno herbei und rettete die gefährdete Herrin. Dankend fiel Ida auf ihre Knie und dankte Gott und der allerseligsten Jungfrau Maria für den Schutz, verzieh dem anscheinend reuigen Frevler und befahl dem Kuno, über den Vorfall zu schweigen, damit Dominico nicht der gerechten Rache ihres Gatten anheimfalle.

 

Statt der hochherzigen Gräfin dankbar zu sein, sann Dominico heimlich auf ihr und des guten Kuno Verderben. Dem nur zu leichtgläubigen Grafen flößte er das Gift des Argwohns ein, dass Ida den Kuno zu huldreich behandele. Das Gift der Eifersucht wirkte. Der leidenschaftliche Graf behandelte seine Gattin immer tyrannischer, ohne einen Grund für sein verändertes Benehmen anzugeben. Ihre arglose Seele litt mit Geduld alle Bitterkeiten, nur in ihrer stillen Kammer und vor dem Bild der schmerzensreichen Mutter unter dem Kreuz ließ sie ihren heißen Tränen freien Lauf.

 

An einem sonnigen Frühlingstag holte Ida ihre kostbaren Brautkleider aus dem Schrank, um sie zu lüften, und ihre Kleinodien, um sie vom Staub zu reinigen. Als sie am Abend ihre Kleider und Schmucksachen wieder einschließen wollte, erschrak sie sehr, weil ihr Brautring verschwunden war. Ida empfahl die Sache Gott und schwieg.

 

Nicht lange danach kam Kuno auf der Jagd an einen Tannenbaum, sah auf ihm ein Nest und stieg hinauf. In dem Nest fand er den Ring, den der Rabe vom Fenster der Gräfin gestohlen hatte, wusste aber nicht, dass es Idas Ehering sei. Voll Freude steckte der glückliche Finder den Ring an den Finger und zeigte ihn den übrigen Dienstboten. Dominico erkannte den Ring und voll teuflischen Hasses flüsterte er dem Grafen zu, den Beweis für die Untreue seiner Gattin könne er jetzt mit eigenen Augen sehen, denn der Knappe Kuno trage ungescheut ihren Ehering. Wutschnaubend lässt der Graf Kuno kommen, sieht an seiner Hand den Ehering, hört nicht auf die Beteuerungen seiner Unschuld, sondern lässt ihn an den Schweif eines wilden Rosses binden und den Schlossberg hinunterschleifen. Darauf ergreift er seine Gemahlin und schleudert sie aus dem Fenster einen 800 Fuß hohen Felsen hinunter, wo sie – wenn nicht ein Wunder geschah – elend zerschmettert werden musste. Doch „Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich auf ihren Händen tragen, damit du nicht deinen Fuß an einen Stein stoßest.“ Ida blieb unverletzt. Auf ihren Knien dankte sie Gott voll Inbrunst: „Ewiger und barmherziger Gott! Wieviel schulde ich deiner Majestät, dass du mich aus lauter Gnade mit deiner starken Hand wunderbar erhalten hast! Deswegen opfere ich dir, o mein gebenedeiter Schöpfer und Erlöser, Seele und Leib, Leben und Wandel, all mein Tun und lassen. Ich verzichte auf Eltern und Freunde, wie edel und herrlich sie immerhin seien. Aus freiem Willen verlasse ich alle weltliche Lust und Pracht. Für den Reichtum erwähle ich die Armut, für den Ehestand stete Enthaltsamkeit, für die Selbstliebe Selbstverleugnung, damit ich ungehindert dir allein, Jesus Christus, dienen, mit ganzem Herzen frei anhangen und das ersetzen möge, was im weltlichen Stand leider von mir versäumt worden ist. Meine Seele preise den Herrn und alles, was in mir ist, lobe seinen heiligen Namen! Meine Seele, vergiss nicht die Wohltaten, die er dir erwiesen hat!“

 

Ida ging tiefer in die Wildnis des Rabensteiner Waldes hinein und entdeckte eine Höhle, überdeckt von einer dichten Tanne und daneben eine Quelle. Dort wollte sie bleiben. Mit Baumzweigen und Moos schloss sie die Öffnungen der Höhle, bereitete sich aus Moos ein dürftiges Lager, sammelte Heidelbeeren und essbare Kräuter, trocknete sie für den Winter und flocht aus Binsen und Baumbast Kleider und Matten. Am bittersten vermisste die fromme Klausnerin die Heilige Messe und Predigt und die heiligen Sakramente. Indes bot ihr die Betrachtung der Weisheit, Güte und Allmacht Gottes in der sichtbaren Schöpfung einigen Ersatz. Der Gesang der Vögel, das Rauschen des Waldes, das Murmeln des Quells, die Schönheit des gestirnten Himmels, das Wallen der Wolken erhob ihre Seele zu Gott. Oft kniete sie vor ihrem Holzkreuz nieder und empfand in stillem Gebet einen höheren Trost, eine reinere Freude, als sie auf dem Grafenschloss je empfunden hatte.

 

17 Jahre lang hatte Ida bereits in der schauerlichen Wildnis den süßesten Seelenfrieden trotz aller Entbehrungen genossen. Ihren Gemahl aber folterte das schlechte Gewissen. Unaufhörlich schwebte ihm der Doppelmord vor der Seele und so sehr er auch in Zerstreuungen und Reisen die strafende Stimme in seinem Inneren zu ersticken bemüht war, er fand keine Ruhe bei Tag und Nacht.

 

Eines Tages drang ein Jäger des Grafen in den dunklen Forst, seine Hunde schlugen mächtig an, er folgte der Spur, fand die Höhle und erkannte an einigen Fetzen von kostbarem Zeug in der dasitzenden Person seine frühere Herrin. Voll Ehrfurcht und Freude grüßte er sie, eilte dann atemlos zum Schloss und verkündete seinem Herrn die glückliche Entdeckung. Der Graf wollte der wunderbaren Mär keinen Glauben schenken. Als aber der Jäger die Wahrheit seiner Aussage mit seinem Leben verbürgte, folgte ihm der Graf Heinrich in den dunklen Wald, erblickte mit Schaudern seine Gattin, fiel im Gefühl seiner Freveltat vor der wunderbar Geretteten auf seine Knie und schluchzte: „Vergib mir um Gottes willen!“ Die Gräfin antwortete mit freundlichem Antlitz: „Vielgeliebter Gemahl, ich bitte, steh auf und erweise nicht mir, sondern unserem Herrn und Gott solche Ehrerbietung! Er möge uns unsere Sünden verzeihen, denn wir bedürfen alle seiner Gnade und Barmherzigkeit.“ Sie bat auch um Gnade für Dominico. Der aber kam der Rache seines Herrn zuvor, denn als er hörte, dass die Gräfin noch lebe, erhängte er sich.

 

Heinrich wollte nun seine geliebte Gattin wieder auf sein Schloss führen, sie aber erklärte, dass sie gelobt habe, in der Einsamkeit Gott zu dienen, erbat sich nur als Gnade, dass er ihr eine kleine Hütte neben der Muttergotteskapelle in der Au baue. Mit trauerndem Herzen gab ihr Gemahl ihrem Wunsch nach. Als es geschehen war, verließ Ida die Waldeshöhle, zog in das Häuschen und diente Gott mit Beten und Betrachten, Fasten, Nachtwachen und guten Werken. Was der Graf ihr an Speise schickte, verteilte sie unter die Armen, sie selbst lebte von den Almosen guter Leute. Um dem heiligen Messopfer beizuwohnen und die Sakramente zu empfangen oder sich am mitternächtlichen Chorgesang der Benediktiner zu erbauen, ging sie zum benachbarten Kloster Fischingen. In den finsteren Nächten soll ihr ein Hirsch mit zwölf Lichtern am Geweih vorausgegangen sein.

 

Der Ruf ihrer Schicksale und ihrer Heiligkeit zog viele Menschen herbei, die sie sehen und ihre Fürbitte begehren wollten. Da der Zulauf immer mehr wuchs, bat sie die Klosterfrauen von Fischingen, ihr eine abgeschlossene Zelle einzuräumen. Mit Freuden wurde ihr der Wunsch gewährt. Hier lebte sie noch einige Jahre in Gebet und Abtötung, bis sie, reich an Verdiensten, hochbetagt starb. Ihre Leiche wurde in der Kirche zu Fischingen ehrenvoll beigesetzt. Alljährlich wurde ihr Fest prächtig gefeiert. Ihr zu Ehren wurde eine Bruderschaft eingeführt und von Papst Paul V. kirchlich bestätigt. Der heilige Petrus Canisius beschrieb ihr Leben zum Trost der Leidenden und zur Erbauung aller Christen.