Der heilige Hugo von Chateauneuf, Bischof von Grenoble, + 1.4.1132 - Fest: 1. April

 

Die ersten Grundsätze der Erziehung haben einen starken Einfluss auf das folgende Leben, und bei jenen, die von Kindheit an zur Tugend gebildet wurden, ist gewöhnlich, dass sie immer die Vorschriften des Evangeliums als Richtschnur ihrer Handlungen nehmen. Nebst diesem haben aber die ersten Eindrücke noch eine ganz besondere Kraft, wenn sie durch das Beispiel, und die Sorgfalt frommer Eltern unterstützt und erhalten werden. Hugo hatte sich dieser beiden Vorteile zu erfreuen.

 

Er erblickte das Licht der Welt 1053 zu Chateauneuf im Dauphienè, Bistum Valence. Sein Vater, namens Odilo, war ein tapferer Kriegsmann, der die Pflichten des Christentums mit den seines Standes vollkommen vereinigte. Das Ansehen, das ihm seine Stelle gab, nützte er zur Handhabung der Zucht unter den Soldaten, wobei er sich vor allem angelegen sein ließ, dass er ihnen die Gesinnungen der Liebe und Treue gegen den Fürsten einflößte, sie vor den Lastern verwahrte, in die sie leider nur zu oft geraten, und ihnen die Beobachtung der Gesetze Jesu Christi einschärfte. Nachher verließ er die Welt, um seine Tage in der großen Karthause, unter der Anleitung des heiligen Bruno und seiner Nachfolger, zu beschließen. Er gelangte daselbst zu einem Alter von hundert Jahren, nachdem er da die achtzehn Letzten seiner irdischen Laufbahn in den Übungen der Heiligkeit zugebracht hatte. Hugo, der viel zu seiner Abgeschiedenheit beigetragen hatte, versah ihn mit den letzten heiligen Sakramenten. Auch stand er seiner Mutter, die in der Welt geblieben war, und worin sie das Beispiel aller christlichen Tugenden gegeben hat, in ihrer letzten Stunde bei.

 

Hugo, von so tugendhaften Eltern geboren, bewährte sich bald als ein Kind des Segens. Er machte große Fortschritte in den Wissenschaften, vernachlässigte aber auch niemals die Übungen der Frömmigkeit. Nachdem ihn das Verlangen, sich ganz dem Dienst des Herrn zu widmen, in den geistlichen Stand geleitet hatte, wurde er zu einer Domherrnstelle zu Valence ernannt. Durch seine Fähigkeiten und seinen heiligen Wandel wurde er eine Zierde des Kapitels. Seine Sanftmut und Leutseligkeit gewannen ihm die Herzen aller seiner Mitbrüder. Er hatte einen großen und schönen Wuchs, war aber dabei außerordentlich schüchtern. Weit entfernt, die Überlegenheit seines Verdienstes geltend zu machen, verbarg er sie vielmehr aus Demut, was ihm einen neuen Glanz beilegte, besonders wenn man ihrer ohne seinen Willen gewahr wurde.

 

Als Hugo, Bischof von Die im Dauphinè, der nachher Erzbischof von Lyon und Cardinallegat des Heiligen Stuhles war, nach Valence kam, hatte er Gelegenheit den jungen Domherrn zu sehen. Er wurde so durch seine Tugend und Verstand entzückt, dass er ihn zu sich nahm, und ihn mit großem Erfolg auf seiner Gesandtschaft zur Abstellung mehrerer, unter einigen Geistlichen eingeschlichenen Missbräuche anwandte. Im Jahr 1080 hielt der Legat eine Kirchenversammlung zu Avignon. Es kam darin die Wahl eines neuen Bischofs der Kirche von Grenoble zur Sprache, die durch die ärgerlichen Beispiele des letzten Oberhirten in den erbärmlichsten Zustand gekommen war. Der Legat und die Väter der Synode warfen ihre Augen auf den jungen Hugo, überzeugt, dass niemand geeigneter sei, als er, den Unordnungen, die schleunige Abhilfe forderten, kräftigen Einhalt zu tun. Zudem entsprach diese Wahl den Wünschen der Geistlichkeit und aller Einwohner von Grenoble. Nur der Heilige sträubte sich dagegen, so lebhaft war die Furcht, die ihm die Größe der mit dem Bischofsamt verbundenen Pflichten einflößte. Und niemals hätte er eingewilligt, wenn nicht der Legat und die Väter des Concils ihn desfalls zum Gehorsam aufgefordert haben würden.

 

Der neue Bischof folgte dem Legaten nach Rom, und wurde da von Gregor VII. geweiht. Die Gräfin Mathilde bestritt die sämtlichen Kosten dieser Ceremonie, sie schenkte ihm den Hirtenstab, die Inful und andere bischöfliche Ornate, mit einer kleinen Sammlung guter Bücher: als Beweis der Dankbarkeit begehrte sie nur seinen Rat und seine Gebete. Auf dieser Reise nach Rom befragte der neu geweihte Bischof den Heiligen Vater über Gewissensunruhen, die aus einigen Gedanken der Gotteslästerung gegen die Vorsehung entstanden, die ihn eine Zeitlang sehr grausam quälten. Gregor beruhigte ihn, indem er ihm zeigte, dass diese Prüfung ein Merkmal der göttlichen Erbarmung gegen ihn wäre. Hugo ergab sich also geduldig darein, unterwarf sich dem Willen des Himmels, und wusste durch häufige Betrachtungen über die Schmerzen Jesu Christi die Anfälle des bösen Feindes in Verdienste umzuwandeln. Er fand sogar in diesen Mühen eine Quelle süßer Tröstung und unaussprechlicher Freude.

 

Da seine Gegenwart in Rom nicht mehr vonnöten war, reiste er nach Grenoble ab. Bei seiner Ankunft fand er die traurigen Folgen der schlechten Verwaltung seines Vorgängers. Er konnte sich der Tränen nicht enthalten beim Anblick der Unordnungen, die unter seinen Augen vorgingen. Das Volk, dessen Unterricht gänzlich vernachlässigt worden war, ergab sich ohne Scham den gröbsten Lastern. Es herrschten unter den Menschen Ausschweifungen, die durch die Gewohnheit so tief eingewurzelt waren, dass sie beinahe ihre natürliche Abscheulichkeit verloren hatten. Wenn man noch die hl. Sakramente besuchte, so geschah es aus Gewohnheit, und ohne die gehörige Vorbereitung. Nicht besser erfüllte man die übrigen Pflichten des Christentums. Man hatte tausend Vorwände ausfindig gemacht, um den Wucher und die Simonie zu bemänteln. Die Laien hatten die Kirchengüter an sich gezogen. Die Einkünfte des Bistums waren so verschleudert, dass der Heilige, bei seiner Ankunft, gar keine Mittel zur Unterstützung der Armen und zur Bestreitung der notwendigsten Dinge antraf: er wollte aber lieber auf alles Verzicht leisten, als unrechtmäßige Verträge eingehen, wie dieses beinahe allgemein unter seinen Diöcesanen zu geschehen pflegte.

 

Damit aber nicht zufrieden, dass er über die Missbräuche bloß weinte, nahm er sich auch vor, alle mögliche Mittel zu ihrer Abhilfe in Anwendung zu bringen. Er zog die Gunst des Himmels über seine Herde herab durch anhaltendes Nachtwachen, durch strenges Fasten, und flammende Gebete: auch wurden seine Arbeiten mit dem glücklichsten Erfolg gekrönt. In sehr kurzer Zeit änderte er die Diöcese gänzlich um. Kaum aber hatte er zwei Jahre auf dem bischöflichen Sitz zugebracht, als er seine Würde aus Demut niederlegen wollte, wie schon mehrere Heilige es vor ihm getan hatten. In der Hoffnung, der Papst werde seiner Absicht nicht entgegen sein: verließ er seine Kirche, und nahm das Ordenskleid des heiligen Benedictus an in der Abtei Chaise-Dieu, der Diöcese Clermont, in der Provinz Auvergne, wo man die strenge Regel von Clúny befolgte. Man sah ihn während des Jahres, das er da zubrachte, alle Tugenden eines vollkommenen Ordensmannes ausüben.

 

Als Gregor VII. erfuhr, dass Hugo seine Diöcese verlassen habe, befahl er ihm, wieder in dieselbe zurückzukehren. Der Heilige war gehorsam. Beim Austritt aus seiner Einsamkeit erschien er wie ein anderer Moses, der mit Gott auf dem Berg Umgang gepflogen hatte. Er trat seine Amtsverrichtungen mit neuem Eifer an, und erntete mehr Früchte ein als jemals. Er verkündete fast unausgesetzt das Wort Gottes. Auch bemerkt sein Geschichtsschreiber, dass er seltene Fähigkeiten für das Predigtamt besaß.

 

Als der heilige Bruno und seine sechs Gefährten die Welt verlassen wollten, wandten sie sich an den Bischof von Grenoble, um sich mit ihm über die desfalls einzuschlagende Verhaltensweise zu beraten. Er wies ihnen eine Einöde seines Bistums an, in die er sie im Jahr 1084 auch wirklich einführte. Diese Einöde, Karthause (Chartreuse) benannt, gab nachher ihren Namen dem ganzen Orden, der von da seinen Ursprung herleitet. Hugo war sehr erbaut durch das ganz englische Leben, das diese frommen Einsiedler führten. Er besuchte sie öfters und nahm an allen ihren Bußübungen Anteil. Ja er ging in seiner Demut so weit, dass er den anderen Mönchen als ein Vorrecht abstritt, die niedrigsten Geschäfte des Hauses zu besorgen. Die Reize der Beschaulichkeit hielten ihn oft so lange in der Einsamkeit zurück, dass der heilige Bruno ihn ermahnen musste, zu seiner Herde wieder zurückzukehren.

 

Der heilige Bischof, dessen Almosen sehr reichlich flossen, entschloss sich eines Tages, seine Pferde zu verkaufen, um den Armen mehr Hilfe leisten zu können, indem er sich für stark genug hielt, seine Diöcese zu Fuß zu bereisen. Der heilige Bruno hielt ihn jedoch von der Ausführung dieses Entschlusses ab, indem er ihm vorstellte, dass er zu viel auf seine Kräfte vertraue, und seine Gesundheit, die augenscheinlich abnahm, schonen müsse. Er war in der Tat während der vierzig Jahre seines Lebens sehr hinfällig. Beinahe unaufhörliche Kopf- und Magenbeschwerden verursachten ihm große Schmerzen, und würden ihn oft bei minderem Eifer gehindert haben, seinen bischöflichen Amtsverrichtungen obzuliegen. Gott ließ zudem noch zu, dass er sehr hart von innerlichen Versuchungen gepeinigt wurde, er war aber auch selbst wieder dessen Tröster und erteilte ihm jene Gnaden, die die Anfälle des Versuchers in Vorteile umwandeln.

 

Hugo konnte sich des Weinens nicht enthalten jedes Mal, wenn er an die Armseligkeiten des Menschen dachte und an jene unendliche Liebe, wovon uns Gott schon so viele Beweise gegeben hat. Oft musste er öffentlich Tränen vergießen, besonders wenn er die Heilige Schrift vorlesen hörte. Als ein anderer Ambrosius weinte er im Beichtstuhl mit den Sündern, und erweckte in ihnen dadurch die Gefühle einer lebhaften Zerknirschung. Er predigte mit einer Salbung, die die unempfindlichsten Seelen rührte, und kaum hatte er die Kanzel verlassen, als er sich schon wieder der Ausspendung des heiligen Bußsakramentes ergab. Er bat manchmal fußfällig diejenigen, die in Feindschaft lebten, um sie zur Vergessenheit der empfangenen Unbilden und zur gehörigen Genugtuung gegen den Nächsten zu bewegen. In der geistlichen Führung des Frauengeschlechtes war er höchst behutsam. Der Welt und allen ihren Gütern abgestorben, war er den zeitlichen Geschäften ganz abhold. Ungerne hörte er von den Tagesneuigkeiten reden, aus Furcht, er möchte durch Ehrabschneidung die Nächstenliebe verletzen oder gar sich zerstreuen. Seine Liebe für die Armen, wovon wir schon geredet haben, bewährte sich besonders zur Zeit der Hungersnot. Er veräußerte, um sie unterstützen zu können, einen goldenen Kelch und einen Teil seines bischöflichen Schmuckes. Sein Beispiel war eine Aufmunterung für die Reichen, und den Armen seines Sprengels mangelte es nie an Unterstützung.

 

Bei diesem allen wünschte er nichts so sehnlich, als sein Leben in der Einöde beschließen zu können. Er bat Papst Innocenz II., ihm einen Nachfolger zu geben, und führte, um ihn dahin zu vermögen, die dringendsten Beweggründe an: allein der Oberhirt der Kirche achtete nicht seiner Bitten, und Hugo musste sich entschließen, als Bischof zu sterben.

 

Ehe ihn Gott zu sich berief, läuterte er ihn vollends durch die Schmerzen einer langwierigen Krankheit, die ihm Gelegenheit gab, die heldenmütigsten Tugenden zu üben. Einige Zeit vor seinem Tod verlor er das Gedächtnis. Er vergaß alles, ausgenommen die Gebete, die er beinahe unausgesetzt verrichtete. Umsonst stellte man ihm vor, dass sein anhaltendes Beten sein Übel vermehre, man konnte ihn nicht davon abbringen. Er sagte sogar, dass das Gebet, weit entfernt ihn zu ermüden, ihm vielmehr neue Kräfte verleihe. Niemals hörte man ihn ein einziges Wort aussprechen, das im geringsten eine Ungeduld verraten hätte. Ja er beobachtete sich so streng, dass er sogar von seinen Leiden zu reden vermied. Er dankte mit Demut jenen, die ihm einen Dienst leisteten. Und wenn er irgendjemanden die geringste Mühe verursachte, klagte er sich des als eines Fehlers an, und bat Gott mit betränten Augen um Verzeihung. Als einer derjenigen, die ihn gewöhnlich besuchten, ihm bemerkte, er möge doch nicht so bitterlich weinen, weil er ja nie in einer wichtigen Sache freiwillig gesündigt habe, erwiderte er: „Die Eitelkeit und die ungeregelten Neigungen des Herzens können allein schon eine Seele in die Verdammnis stürzen. Nur durch Gottes Erbarmung können wir auf unsere Seligkeit hoffen; wir dürfen also nie aufhören ihn zu bitten.“ „Das Leben“, sagte er jenen, die in seiner Gegenwart Neuigkeiten auskramten, „das Leben ist uns nicht gegeben worden, dass wir unnütze Gespräche führen, sondern dass wir unsere Sünden beweinen und darüber Buße tun.“

 

Der gottselige Tod des heiligen Hugo erfolgte endlich am 1. April 1132. Er war beiläufig 80 Jahre alt, und hatte 52 als Bischof zugebracht. Er wurde von Innocenz II. im Jahr 1134 heiliggesprochen. Sein Name findet sich an diesem Tag im römischen Martyrologium (Der heilige Hugo wird unter die kirchlichen Schriftsteller gezählt, besonders wegen seines Cartularium oder Sammlung von Charten, mit sehr merkwürdigen historischen Anmerkungen; sie wird im Manuscript zu Grenoble aufbewahrt.).

 

Die außerordentliche Liebe des heiligen Hugo zur Einsamkeit darf uns gar nicht befremden, denn man lernt wirklich in der Abgeschiedenheit Gott und sich selbst kennen, reißt sein Herz von jeder unordentlichen Begierde los, flößt ihm Geschmack für die ewigen Güter ein, unterwirft das Fleisch gänzlich dem Geist, läutert seine Seele von allen, der menschlichen Schwäche unzertrennlich anklebenden Makeln, und zieht endlich Jesus Christus an, um ein neues Geschöpf zu werden. Die Beschäftigungen der Einsiedler machen sie einigermaßen den Engeln gleich, weil sie, wie diese, Gott beständig den Tribut des Lobes, der Anbetung, der Liebe, der Danksagung darbringen. Sie müssen aber, um Gott zu gefallen und der mit ihrem Stand verbundenen Vorteile zu genießen, unausgesetzt auf ihre Sinne wachen, damit sie ohne Unterlass den Tod vor Augen haben, und keine der Übungen vernachlässigen, die geeignet sind, sie im Geist der Zerknirschung und der Buße zu erhalten. Es sind zwar nicht alle Menschen zu einer gänzlichen Abgeschiedenheit von der Welt berufen. Alle aber sind berufen, sich von Zeit zu Zeit dem Gewühl der Geschäfte zu entziehen, um in sich selbst zurückzukehren, um sich in ihrem Herzen eine heilige Einsamkeit zu schaffen. Dies ist auch das einzige Mittel, um sich vor jenem allmählichem Kaltsinn zu verwahren, in den die Frömmigkeit in Berührung mit der Welt nur gar zu leicht verfällt. Ohne diese Vorsicht werden sie über kurz oder lang erschlaffen, und bald jenes Leben des Glaubens verlieren, welches die einzige reine und nie versiegende Urquelle aller christlichen Handlungen ist.