Die heilige Hildegard (Bermersheim), Jungfrau und Äbtissin von Bingen, + 17.9.1179 - Fest: 17. September

 

Während die Weltkirche heute in der heiligen Messe jener gnadenvollen Stunde gedenkt, da der heilige Franz von Assisi an seinem Leib die heiligen fünf Wunden des Gekreuzigten empfing, feiern wir in unserem Vaterland das Gedächtnis einer großen Frau.

 

Hildegard heißt die Frau, die im Jahr 1099auf Schloss Böckelheim in der gottgesegneten Pfalz als zehntes Kind des Burggrafen Hildebert von Bermersheim und seiner Gattin Mechtild das Licht der Welt erblickte.

 

Hildegard war ein sonderbares, schon früh von der Gnade gezeichnetes Kind. Seit dem dritten Lebensjahr hatte sie eine innere Schau und ein durchdringendes Verstehen der übernatürlichen Dinge. Alles, was andere mühsam aus der Biblischen Geschichte und aus dem Katechismus lernen, und alles, was unsichtbar immerwährend zwischen Himmel und Erde geheimnisvoll geschieht, sah Hildegard klar mit den leiblichen Augen. In einem hellen Licht sah sie es, das sie den Schatten des Lichtes nannte.

 

Wie? Kann denn ein Licht zum Schatten werden? Bei Hildegard war es anscheinend so, denn zuweilen sah sie ein anderes Licht, das noch unendlich leuchtender war, so dass sich im Vergleich zu ihm jenes Licht, das ihr gewöhnlich leuchtete, wie ein Schatten ausnahm, und es kann wohl sein, dass dieses zweite Licht der liebe Gott selbst war, der ja das ewige Licht ist. Dass dem so gewesen sein mag, ergibt sich vielleicht auch aus dem Umstand, dass Hildegard eine unaussprechliche Freude empfand, wenn das hellere Licht sich zeigte, und in tiefe Betrübnis geriet, wenn es wieder verschwand. Je näher nämlich ein Mensch bei Gott ist in Gebet und guten Werken, desto froher und friedvoller ist er, und je weiter er sich durch Fehler und Sünden von Gott entfernt, desto unruhiger und unheimlicher fühlt er sich oft.

 

Die innere Schau machte Hildegard indessen nicht zu einer weltfremden Schwärmerin und Träumerin und hinderte sie in keiner Weise, eine tüchtige Frau und eine hervorragende Wirtschafterin zu werden. Mit acht Jahren kam sie zu ihrer Tante, der Gräfin Jutta von Spanheim, die auf dem Disibodenberg, sechs Wegstunden vom Rhein an der Nahe, als Vorsteherin eines Klosters wirkte. Dort lernte Hildegard lesen und singen und mit Nadel, Faden, Fingerhut, Spannrahmen und Stopfei umgehen, lernte spinnen und weben und stricken und häkeln und kochen und Arzneien bereiten und Kranke pflegen, so dass sie, die mit fünfzehn Jahren ebenfalls Ordensfrau geworden war, vierzigjährig nach dem Tod der Tante Jutta einstimmig zur Äbtissin gewählt, es wohl verstand, das Kloster mehr in der Freude als in der Furcht des Herrn zu leiten und bei der wachsenden Zahl der Schwestern noch zwei weitere Klöster zu gründen, das eine auf dem Rupertsberg bei Bingen am Rhein und das andere rechtsrheinisch gerade gegenüber zu Eibingen.

 

Sankt Hildegard war also eine Frau, die, obwohl ganz Gott hingegeben, mitten im Leben stand. So muss es ja auch sein, denn Frömmigkeit und Lebenstüchtigkeit sollen stets Hand in Hand gehen, und das eine ohne das andere ist ein Unding, wie es schon das Sprichwort sagt: „Faul in der Arbeit und fleißig im Beten ist Orgelspiel ohne Bälgetreten.“ Bei beidem schaut nichts heraus.

 

Ihren Schwestern war die heilige Hildegard wie eine gute Mutter, treu und immer mildreich und hilfreich, und weil sich in ihrem Herzen noch weit mehr Liebe vorfand, als die Untergebenen brauchten, verschenkte sie die überschüssige Güte an Arme und Bedrängte, die sich in jenen notvollen Zeiten so zahlreich an der Klosterpforte einfanden, dass an manchen Tagen einer dem anderen die Klinke in die Hand gab. Namentlich waren die Arzneien der Äbtissin sehr geschätzt, die sie aus Kräutern und Wurzeln selbst bereitete und die nicht selten wunderbare Heilungen zur Folge hatten. So wurde Sankt Hildegard, die liebevolle Mutter ihrer Schwestern, auch zur guten Volks- und Landesmutter.

 

Wie indessen eine rechte Mutter bei Unordnungen und Zügellosigkeiten nicht stillschweigt, so hat auch die heilige Hildegard gehandelt. Ohne Furcht und Menschenscheu ist sie vor Papst und Kaiser hingetreten und hat Bischöfen und Fürsten und allen, wenn sie Unrecht begingen, so ernst und eindringlich ins Gewissen geredet und mit Gottes Strafgericht gedroht, dass selbst der mächtige Kaiser Barbarossa vor ihr zitterte. Da sieht man also, dass das bloße Fingerdrohen einer rechtschaffenen Frau auch starke Männer in Schrecken jagen kann.