Der heilige Heimerad (Heimrad), Priester und Einsiedler bei Kassel, + 28.6.1019 – Fest: 28. Juni

 

Heimerad wurde zu Meßkirch im Allgäu um 970 geboren. Von seinem Jugendleben ist wenig bekannt. Zum Priester geweiht, war er anfangs Hausgeistlicher bei einer adligen Matrone. Als diese aber noch einen anderen Priester annahm, verließ er sein Vaterland, um anderswo sein Glück zu versuchen. Zunächst reiste er nach Rom zu den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus, und kehrte von da in seine Heimat zurück. Bald darauf wallfahrtete er nach Palästina und verehrte mit besonderer Herzenswärme die heiligen Stätten der Geburt, des Leidens und Todes, der Auferstehung und Himmelfahrt des göttlichen Heilandes. Wie viele Tugenden er aus dieser Reise schöpfte, wie tief er sich das Leiden des Erlösers einprägte, zeigte sich in der Folge in jener bewunderungswürdigen Geduld, mit der er alle Schmähungen und Unbilden, Geißeln und schmerzliche Schläge nicht nur gern ertrug, sondern sogar wünschte.

 

Diesem Wunsch fehlte die Gelegenheit nicht, denn sein ganzes Leben war fortan nur Kreuz und Martyrium. Im Kloster Memleben an der Unstrut in Thüringen traf ihn Arnold, Abt von Hirschfeld, und lud ihn ein, in seinem Kloster das Mönchsleben kennen zu lernen. Heimerad stimmte zu und übte eine Zeitlang die Lebensweise der Mönche, ohne jedoch das Ordenskleid zu nehmen. Da ihm das dortige Leben nicht zusagte, bat er demütig um Entlassung. Der erzürnte Abt setzte ihn unsanft vor die Tür. Im nächsten Gasthaus äußerte Heimerad, dem Abt scheine der Adel seines Geschlechtes unbekannt zu sein; er sei der Sohn eines großen Königs, nämlich der Adoptivsohn Gottes und der Bruder Christi, des Königs der Könige. Als geschwätzige Zungen diese Rede dem Abt hinterbrachten, ließ dieser ergrimmt Heimerad zurückrufen, an einen Pfahl binden und von einem Henkersknecht derart auspeitschen, dass er einem Geschundenen ähnlich sah. Dennoch rief er unter dem Hagel von Hieben nur die Worte Davids: „Erbarme dich meiner, o Gott, nach deiner großen Barmherzigkeit und nach der Menge deiner Erbarmungen tilge meine Missetat!“ Als er losgelöst ein wenig in der Hütte einer armen Frau saß, die ihr Mitleid äußerte, sprach er: „Frau, höre auf, mein Schicksal zu beklagen, beweine vielmehr deine Sünden, das wird dir mehr nützen“

 

Von Hirschfeld vertrieben, zog sich Heimerad in das Dorf Kirchberg bei Fritzlar zurück. Als aber bald darauf die dortige Kirche beraubt wurde, sollte er sich verantworten, er aber schwieg zu allen Verleumdungen und wurde deshalb mit Schimpf von den Bauern vertrieben. Durch Westfalen irrend, kam er nach Detmold, der späteren Hauptstadt der Fürsten von der Lippe. Dort waren zwei Kirchen, eine alte und vernachlässigte, und die Pfarrkirche mit einem Pfarrer und einem übelberüchtigten Vikar. Heimerad erhielt die alte Kirche zum Privatgottesdienst und zur Hilfeleistung in der Seelsorge. Als die Bewohner die außerordentliche Heiligkeit Heimerads bemerkten, strömten sie in großer Zahl zu ihm hin und brachten ihm viele Geschenke und Opfer. Diese verteilte er reichlich unter die Armen, während er selber zu Hause Hunger litt und gewöhnlich nur Wasser und Brot genoss. Darüber ergrimmten die beiden anderen Geistlichen, schmähten ihn und hetzten ihn zuletzt mit Hunden aus dem Ort.

 

Der Gottesmann lenkte seine Schritte nach Paderborn, wo sich damals Kaiser Heinrich II. mit seiner jungfräulichen Gemahlin Kunigunde aufhielt. Dort erwartete ihn neue Schmach. Als er mit runzligem Gesicht und abgetragenen Kleidern vor Bischof Meinwerk erschien, erzürnte er sich und rief: „Woher kommt dieser Schmierteufel an diesen Ort?“ Heimerad antwortete sehr bescheiden: „Ich habe keinen Teufel, ich bin ein Priester des höchsten Gottes und habe noch heute die heiligen Geheimnisse gefeiert.“ Der Bischof forderte seinen Erlaubnisschein, und als er ihn sehr vergilbt und beschmutzt fand, warf er ihn ins Feuer und ließ den Unschuldigen mit grausamen Schlägen züchtigen. Aber in bewunderungswürdiger Geduld ertrug er alle Peinen und Schmähungen so gleichmütig, dass er nicht einmal seufzte, sich vielmehr freute, eingedenk der Worte Christi: „Das Himmelreich leidet Gewalt und nur die, die Gewalt brauchen, reißen es an sich.“

 

Endlich gewährte Gott seinem treuen Diener ein Ruheplätzchen nicht weit von Kassel in Hessen auf dem Berg Hasung. Der Heilige sah diesen Ort mit denselben Augen an, mit denen der Patriarch Jakob die Stelle beschaute, auf der ihm die Himmelsleiter erschien. Gern wurde ihm der Platz gewährt und in kurzer Zeit wurde die Gastfreundschaft und Heiligkeit Heimerads so berühmt, dass Hohe und Niedere, Reiche und Arme ihn als Führer zum ewigen Heil aufsuchten.

 

Einst lud Graf Didico von Warburg zur Feier des heiligen Apostels Andreas, des Patrons der dortigen Kirche, den Bischof Meinwerk und auch Heimerad, ohne zu wissen, wie er früher von ihm behandelt worden war. Als der Bischof bei Tisch den Heimerad sich gegenüber sah, glaubte er, der Graf wolle ihn verspotten. Der Graf entschuldigte sich mit Unkenntnis des Vorfalls, beteuerte aber zugleich die Heiligkeit des Priesters. Der Bischof entgegnete: „Er trägt zwar den Schein der Tugend, besitzt aber nach meiner Meinung keine Tugend. Wie dem aber auch sei, morgen werde ich darüber Gewissheit erhalten beim Kirchengesang, denn entweder wird er beim Hochamt das Alleluja singen, oder, wenn er es nicht recht macht, wieder seinen Rücken für Schläge herhalten..“ Der Graf und noch mehr Heimerad wandte ein, seine Stimme sei nicht geschult und er kenne keine Noten. Da aber der Bischof unbeugsam blieb, fügte sich Heimerad seinem Willen und sang am anderen Morgen so richtig und schön, dass alle Zuhörer nicht einen Menschen, sondern einen Engel vom Himmel zu hören glaubten. Der erstaunte Bischof fiel nach beendigtem Hochamt dem Heimerad zu Füßen, bat ihn um Verzeihung und war von der Zeit an dem demütigen Diener Gottes sehr zugetan.

 

Der Name Heimerads wurde bald weit und breit bekannt und vom Volk der Sachsen hochverehrt. Als er einst in der Vorhalle der Kirche ruhte, stieg plötzlich ein ganzes Heer von Ameisen an ihm herauf. Staunend, dass ihm nichts geschah, weckten ihn die Herzugetretenen. Er aber sprach: „Es ist keine Gefahr, fürchtet nichts, denn wie ihr jetzt das Ameisenheer, ein Bild der Zukunft, über mich kommen seht, so werdet ihr bald nach meinem Tod Menschen aus allen Nationen mit Gelübden und Opfern zu diesem Berg steigen sehen.“

 

Einst rief ihn ein frommer Mann aus der Nachbarschaft, der eine große Liebe zu dem Heiligen hegte, zu seinem Haus, zeigte ihm seinen toten Hahn, den ein boshafter Junge mit einem Stein totgeworfen hatte, und klagte sehr über den Verlust des Tieres, das ihn an jedem Morgen zum Gottesdienst geweckt hätte. Gerührt von der Klage des armen Mannes, erhob der Diener Gottes seine Rechte, machte das Kreuzzeichen und sogleich stand der Hahn gesund auf, als wäre er nie verletzt gewesen.

 

Als er einmal in dem Dorf Elsen die heilige Messe las, wurde er im Geist entzückt. Erst am Abend kehrte er wieder zu sich zurück und vollendete die heilige Messe. Nach der Messe bewirtete er, wie gewöhnlich die Fremden. Da fragten ihn einige, warum er so lange bei der heiligen Messe verweilt habe? Er antwortete: „Zu der Zeit war ich nicht zugegen. Ich schien euch dem Leib nach gegenwärtig, aber ich folgte einer Sendung des Geistes Gottes.“ O glückliche Seele, die schon auf Erden mit den Geistern des Himmels verkehrt!

 

Als die Zeit seines endgültigen Abschiednehmens herannahte, schien Heimerad im Geist entrückt zu sein. Die Umstehenden trauerten bereits und weinten um ihn. Er fragte sie: „Warum weint ihr?“ Sie antworteten: „Wir beklagen deinen Tod.“ Er erwiderte: „Freut euch, so als ginget ihr zur Hochzeit und Festlichkeit, die ihr bald auf diesem Berg feiern werdet. Nach nicht langer Zeit werdet ihr an diesem Ort ein Kloster errichtet sehen und eine Menge Brüder, die sich zum heiligen Dienst versammeln.“ Am 28. Juni 1019 legte er das Gewand der Sterblichkeit ab, um das himmlische anzulegen, wie augenfällige Wunder und Zeichen an seinem Grab bekunden.

 

Elf Tage nach dem Heimgang des heiligen Heimerad ging ein glaubensloser Mann, namens Benno aus Hessen, an seinem Grab vorüber, verhöhnte und verlachte ihn. Sogleich fuhr der Teufel in ihn. Als seine Angehörigen ihn zum Grab des Gottesmannes führten und mit Fasten und Beten Tag und Nacht für ihn anhielten, entfloh der böse Feind und Benno empfing seine frühere Gesundheit und Geistesfreiheit zurück.

 

Zwei Gichtbrüchige, namens Poppo und seine Frau Machtild aus Friesland, flehten am Grab des heiligen Bekenners inbrünstig und gläubig um Heilung von ihrem schmerzlichen Übel, und wurden vollständig geheilt. – Im Lauf der Zeit pilgerten immer mehr Hilfsbedürftige zum Grab des Heiligen, Blinde ließen sich hinführen, Gichtische und Gelähmte ließen sich hintragen oder fahren, Taube, Aussätzige, vom Teufel Besessene und Kranke aller Art suchten und fanden Genesung durch die Fürbitte des Heiligen. Besonders an seinem Todestag strömte eine Menge Volkes zu der Kirche, in der die Reliquien Heimerads ruhten. An einem einzigen Tag erhielten dort zweiunddreißig Kranke in Gegenwart der Geistlichkeit und des Volkes plötzlich ihre Gesundheit in wunderbarer eise zurück. So ehrt der Herr seine treuen Diener, um die Gläubigen zur Nachfolge ihrer Tugenden zu ermuntern. Welche Wonne, welche Ehre und Herrlichkeit wird dort oben die treuen Diener Gottes krönen, die in Kämpfen und Leiden treu aushielten und die Perlen edler Tugenden zu einem Königsdiadem um ihr Haupt wanden!