Der heilige Goar, Priester, Einsiedler und Bekenner bei Oberwesel, + 575 – Fest: 6. Juli

 

Unter der Regierung des Königs Childebert I. kam ein junger Priester an den Rhein und baute sich dort, wo jetzt das Städtchen St. Goar steht, eine Klause nebst einer Kapelle. Dieser Priester, Goar mit Namen, war der Sohn angesehener Eltern in Aquitanien. Schön und groß von Gestalt, wurde er wegen seiner Tugenden und seines glühenden Seeleneifers der Liebling des Volkes. Aus Furcht, die Huldigungen könnten in ihm Hochmut erwecken, verließ er die Heimat und ging nach Deutschland, um abgeschieden von der Welt Gott allein zu dienen. Jeden Tag las er die heilige Messe, betete den ganzen Psalter und lag der Betrachtung ob. Seine kleine Zelle verließ er nur, um den Heiden am Ufer des Rheins das Evangelium zu verkünden. Seine eindringliche Predigt wurde durch die Gabe der Wunder unterstützt und viele bekehrten sich. Alle Notleidenden fanden bei ihm Hilfe, viele Kranke Genesung, die Niedergebeugten Trost, die müden Wanderer Obdach und Erquickung. Jedem gab er eine liebevolle Belehrung und Ermahnung, einen weisen Rat, oder eine Aufmunterung zum Guten mit auf den Weg.

 

Der Feind alles Guten sah mit Ingrimm, wie der heilige Priester durch seine Gastfreundschaft und Milde viele Seelen für das Reich Gottes gewann und suchte ihn zu verderben. Jederzeit findet er in den Menschen bereitwillige Diener, um seine Absichten zu erreichen. So auch hier. Goar wurde beim Bischof Rusticus von Trier verleumdet, dass er ein Gleißner und Schwelger sei und dass er mit allerlei Gesindel vertraulich umgehe. Der Bischof schickte sogleich zwei Diener ab, um den Sachverhalt zu untersuchen und den Einsiedler zur Verantwortung nach Trier zu bringen. Goar, nichts Arges denkend, nahm die arglistigen Gesandten freundlich auf und bewirtete sie mit dem besten, was er hatte. Diese aber wiesen höhnisch die Mahlzeit mit den Worten zurück: „An diesem Mahl können wir nicht teilnehmen, denn dieses ist unsinnige Verschwendung und Schwelgerei.“ Der Heilige erwiderte gelassen: „Es steht nicht gut mit einem Haus, wo die Gottesfurcht mangelt. Hättet ihr Gottesfurcht, so würdet ihr, was die Liebe tut, auch mit Liebe annehmen und genießen.“ Während er noch sprach, kamen zwei Fremdlinge und genossen dankbar die Speise, die die Abgesandten verschmäht hatten. Diese verlangten nur einige Speise auf den Weg und Goar zog mit ihnen, betend und psallierend gen Trier. Um die Mittagszeit spürten die Diener des Bischofs Hunger und Durst. Sie eilen zu einem nahen Bach, um im Schatten eines Baumes von ihrem Vorrat zu essen und aus der Quelle zu trinken. Aber wie erstaunten sie, als sie den Sack leer und die Quelle vertrocknet finden! Gott entzog ihnen zur Strafe, was sie vorher verschmäht hatten. Sie erkannten ihr Unrecht und baten den Heiligen um Verzeihung und Hilfe, denn Hunger und Durst quälte sie sehr. Der Heilige fiel betend auf die Knie nieder, und siehe, drei Hirschkühe sprangen herbei. Goar melkte sie und labte mit der Milch die Schmachtenden. Auch fand sich wieder Speise im Sack und Wasser im Bach. Wohlbehalten kamen die drei nach Trier.

 

Die Abgesandten erstatteten dem Bischof Bericht über ihre Erlebnisse und lobten den Heiligen ebenso, wie sie ihn vorher getadelt hatten. Der Bischof schenkte ihnen kein Gehör und empfing den Heiligen sehr unfreundlich und forderte ihn nicht einmal auf, seinen Mantel abzulegen. Goar tat das jetzt aus freien Stücken und hing seinen Mantel an einem Sonnenstrahl auf, den er für ein Seil hielt. Gegen die falsche Anschuldigung, dass er ein Fresser, Heuchler und Zauberer sei, verteidigte der Heilige seine Unschuld mit Ruhe und Ehrerbietigkeit.

 

In diesem Augenblick brachte der Küster des Domes ein kleines Kind herbei, das eine gottvergessene Mutter an der Kirchentür ausgesetzt hatte. Der Bischof Rusticus sprach: „Wenn das, was Goar getan und gesprochen hat, aus Gott ist, so soll er uns sagen, wer der Vater und die Mutter dieses Kindes sind. Kann er es nicht, so ist sein Tun eitel Zauberei und er ist des Todes schuldig.“ Vergebens beschwor der Heilige, auf eine solche Probe zu verzichten. Da seine Bitten kein Gehör fanden, fiel er betend auf die Knie und sprach zu dem drei Tage alten Kind: „Ich beschwöre dich im Namen der heiligsten Dreifaltigkeit, zu sagen, wer deine Eltern sind!“ Das Kind öffnete seine Lippen und sagte deutlich: „Flavia ist meine Mutter und Rusticus mein Vater!“ Wie vom Blitz getroffen stürzt der Bischof zu den Füßen des heiligen Mannes nieder und bekennt: „Goar, du bist ein Heiliger, Gottes Gnade ist mit dir. Mich aber hat Gottes Hand getroffen. Niemand, als die Schuldige, ich und ein Diener wussten um die böse Tat.“

 

Der Heilige mahnte mit eindringlichen Worten den tiefgefallenen Bischof zur Buße und versprach, für ihn sieben Jahre lang zu wecken und Werke der Abtötung zu üben. Rusticus legte sein Amt nieder und sühnte seine Sünden durch die aufrichtigste Buße.

 

Der König Siegbert von Austrasien hatte von der wunderbaren Begebenheit gehört und ließ Goar nach Metz kommen, wo er Hof hielt, um aus seinem Mund den Sachverhalt zu hören. Aber der demütige Priester war nicht zu bewegen, etwas Ehrenrührerisches über den gefallenen Rusticus auszusagen. Dem König gefiel das bescheidene und rücksichtsvolle Benehmen Goars und er trug ihm die bischöfliche Würde an. Er aber widersetzte sich der Absicht des Königs mit aller Entschiedenheit. „Lieber will ich sterben – sprach er – als das Amt eines Bischofs antreten, der noch lebt. Ich würde mich versündigen gegen die Satzungen der heiligen Kirche.“ Dann redete er dem König zu, er möge den Bischof einige Zeit seines Amtes entlassen, damit er Buße tue, dann aber ihm vergeben, damit er selbst Vergebung bei Gott finde. Der König bestand aber darauf, dass Goar Bischof werde, und gab ihm zwanzig Tage Bedenkzeit, nach deren Verlauf er sich erklären sollte, ob er die bischöfliche Würde annehmen wolle. Der Heilige kehrte in seine stille Zelle zurück und flehte unablässig zu Gott, dass er ihn vor der Würde und Bürde des bischöflichen Amtes bewahre. Sein Flehen wurde erhört: es ergriff ihn ein heftiges und schmerzliches Fieber, das ihn sieben Jahre an das Krankenbett fesselte. Diese sieben Leidensjahre opferte er für den reumütigen Bischof auf. Plötzlich wurde er wieder gesund. Von neuem bot ihm König Siegbert den Bischofsstuhl zu Trier an, allein Goar ließ ihm sagen, er möge sich keine Mühe mehr geben, er werde seine Zelle nicht mehr verlassen, außer im Sarg. Zugleich bat er den König, er möge seine Einsiedelei in Schutz nehmen, und seine geistlichen Obern hielt er um die Gnade an, sie möchten ihm zwei Geistliche schicken, die ihm im Todeskampf beistehen und ein Grab bereiten sollten. Seine Bitte wurde gewährt. Noch drei Jahre prüfte Gott mit schweren Leiden seine unerschütterliche Geduld. Dann gab der Heilige unter den Gebeten der beiden Priester im Jahr 575 seine reine Seele in die Hände des himmlischen Vaters zurück.

 

Seine Leiche wurde unter großem Zudrang des Volkes in seiner Kapelle beigesetzt und sein Grab durch viele Wunder verherrlicht. Zahllose Pilger wallten zum Grab des heiligen Einsiedlers und so entstand nach und nach das liebliche Städtchen St. Goar. In der Reformationszeit fielen die Bewohner vom katholischen Glauben ab, die Protestanten nahmen die Stiftskirche in Besitz und der Leichnam des heiligen Goar wurde seinem Grab in der Krypta entrissen und ging verloren. Nur die Castorkirche in Koblenz besitzt noch eine Reliquie. Aber viele Sagen ehren noch das Andenken an den heiligen Priester und Einsiedler Goar.