Die selige Gisela, Königin von Ungarn und Äbtissin in Passau, + 7.5.1060 - Gedenktag: 7. Mai

 

Den inständigen Bitten des Herzogs Heinrich II. nachgebend, hatte der heilige Wolfgang die Erziehung der herzoglichen Kinder übernommen. Im prophetischen Blick in die Zukunft der Zöglinge hatte er den jungen Heinrich stets den König, seinen Bruder Bruno aber den Bischof und ihre Schwester Gisela die Königin genannt. Kein Sterblicher konnte dazumal noch ahnen, dass die Kinder eines Vaters, der nach mehrmaliger Rebellion fast nur aus Gnaden des Kaisers Herzog war, zu einer so hohen Stufe auf Erden sich erschwingen würden. Allein eine weit höhere Stufe haben sie mit der Gnade des Herrn erstiegen im Angesicht der Kirche Gottes. Den Kaiser Heinrich verehrt die Kirche als einen heiligen Fürsprecher bei Gott. Die fromme Königin Gisela verehrt sie als eine „Heilige“ oder als eine „Selige“, und in beiden erkennt sie Vorbilder eines heiligen Lebens in treuer Nachfolge des Heilandes.

 

Heinrich der Heilige und seine Schwester Gisela haben indessen noch eine ausgezeichnete Bedeutung in der Geschichte Ungarns. Ihnen dankt dieses Land die Anfänge der christlichen Kultur und die Feststellung einer höheren, auf den Wahrheiten des Glaubens begründeten Ordnung. Denn bis auf diese Zeit hin hatte dieses Magyarenvolk fast alle Einflüsse des Christentums von sich abgewehrt und sich in seiner ursprünglichen Wildheit erhalten.

 

Bis zum Jahr 955 hielt sich dieses Volk, das früher in Scythien seine Heimat gehabt, dann westwärts vorgedrungen war und die Hunnen aus ihren Sitzen verdrängt hatte, für unüberwindlich. In Augsburg hatte man ihm eine derbe Lektion bezüglich seiner Besiegbarkeit gelesen, und von da an war es etwas zahmer geworden. Was man an dem rohen Raubvolk respektieren musste, das war sein geordnetes Familienleben, sein Abscheu vor der Vielweiberei, seine gesetzlich geordnete Erbfolge.

 

Nach der demütigenden Zurechtweisung, die sie in Augsburg erhalten hatten, waren sie etwas empfänglicher für das Christentum geworden. Den Bemühungen des Bischofs Adalbert von Prag, der im Jahr 997 als Missionar unter den Preußen, Litauern und Ruthenen den Martertod erlitt, und des heiligen Piligrin von Passau gelang es, eine größere Zahl dieses Volkes zum Glauben zu bekehren. Der Herzog Geisa wurde für das Christentum gewonnen und ließ sich taufen. Allein er war kein entschiedener Christ und nahm es mit der Religion nicht sehr ernst. An heidnischen Opfern fand er noch immer Gefallen und beteiligte sich an ihnen, wie am christlichen Gottesdienst. Als ihm der heilige Bischof Adalbert darüber Vorwürfe machte, erklärte er ihm: Ich bin reich genug für beide Religionen.

 

Die Magyaren wollten ein besonderes Christentum, wollten ausgezeichnet sein vor den Slaven, die sie unterjocht hatten, und verabscheuten eine Abhängigkeit, ja selbst eine Gleichstellung mit den Deutschen. Wäre der Herzog auch weit entschiedener für das Christentum gewesen, als er nicht war, so hätte er dies wohl nicht offenbaren dürfen. Das Nomadenvolk war noch nicht empfänglich für die Segnungen der Religion des Heils. Erst als unter Geisas Regierung die Raubzüge allmählich aufhörten, und ein Teil der Bevölkerung zu den Arbeiten des Friedens, zur Bebauung des Landes sich bequemte, war der religiösen Erhebung des Volkes der Weg gebahnt.

 

Allein neben dieser natürlichen Vorbereitung für die Aufnahme des Christentums finden wir auch eine unmittelbar von Gott geleitete, höhere Vorbereitung. Der Sohn des mächtigen und reichen Herzogs Geisa, der spätere König Stephan der Heilige, hatte von Kindheit an sein Herz der christlichen Religion zugewendet und hatte sie gründlich kennen und ernstlich üben gelernt. Ein großes Verdienst an der christlichen Erziehung des Prinzen hatte ein Graf aus Apulien, namens Deodat, der Taufpatenstelle vertrat, als der heilige Bischof Adalbert dem Stephan die Taufe erteilte, und dann in der Folge seine Erziehung leitete.

 

Als Geisa schon im Jahr 993 den vom heiligen Glauben erleuchteten und mit christlichem Mut begeisterten Sohn zum Mitregenten erklärte, gewann das Christentum allmählich große Fortschritte im Land. Deodat gründete das Kloster Tota und erbaute, von Stephan unterstützt, viele Kirchen, an denen Seelsorger und Verkünder des Glaubens angestellt wurden.

 

Der fromme Mitregent trat alsbald in ein inniges Verhältnis mit dem Bayernherzog, Heinrich dem Heiligen. Dieser erkannte die Christianisierung Ungarns als das sicherste Mittel, sein Land vor den heillosen Raubzügen von Osten her zu verwahren, und bot alles auf, an diesem großen Werk Mitarbeiter zu sein. Er verhieß dem jungen Mitregenten seine Schwester Gisela als Gattin, vermittelte die Erhebung Ungarns zu einem selbstständigen Königreich und zu einer von Deutschland unabhängigen Kirchenprovinz.

 

Wir haben im Leben des heiligen Piligrin gesehen, wie unter diesem Bischof Passaus das alte Erzbistum Lorch wiederhergestellt, und wie ihm ganz Ungarn untergeben wurde. Jetzt wurde Passau wieder dem Erzbistum Salzburg untergeordnet, Lorch als Erzbistum aufgehoben, und für Ungarn ein eigenes Erzbistum in Gran errichtet. Dadurch wurde die Furcht vor einer Abhängigkeit von den Deutschen, dieser Hemmschuh für die Ausbreitung des Christentums in Ungarn, entfernt und dem Nationalgefühl der Ungarn auf erlaubte Weise geschmeichelt.

 

Indessen erhielt Stephan wirklich die Gisela zur Ehe. Es geschah dies im Jahr 994 oder 995. Die fromme Gattin kam aber nicht allein aus Bayern. In ihrem Gefolge waren die tapferen alemannischen Grafen Wolger und Hedrik mit dreihundert schwerbewaffneten Bayern, der edle Hermann von Nürnberg und mehrere andere Deutsche, die Lehengüter im Land erhielten. Schon unter Geisa hatten sich die Grafen Hunt und Pazman aus Schwaben und der edle Alemanne Wencelin von Wasserburg am Bodensee in Ungarn angesiedelt. So wurde in Ungarn von Bayern aus das Christentum ausgebreitet, und eine kirchliche Ordnung im Land begründet.

 

Nach dem Tod seines Vaters Geisa (997) nahm Stephan die Zügel der Alleinherrschaft in die Hand. Vor allem wollte er Frieden mit seinen Nachbarn. Darum wurden alle Fehden beendigt, damit er all seine Kraft auf Bekämpfung des Heidentums im Land verwenden konnte. Hier gab es noch viele Reste des alten Heidentums. Die Elemente wurden in abgöttischer Weise verehrt. Zeichendeuter und Zauberer trieben ihr Unwesen. Alte Frauen weissagten und gewannen durch ihre schwarzen Künste das Vertrauen der Unwissenden. Bei Freuden- und Totenopfern wurde geschwelgt, und den Pferden, zumal den weißen, wurde abergläubische Verehrung erwiesen.

 

Die rohen Heiden sammelten sich um einen Mächtigen des Reiches, der Zegzard hieß. Ihre Menge war der Streitkraft Stephans massenhaft überlegen. Der christliche Herzog rüstete sich durch Gebet und Fasten zum Kampf. Es kam zu einer blutigen Schlacht. Die himmlischen Heerscharen stritten für den Heiligen. Die fromme Gisela erflehte im Gebet den Sieg. Die Rebellen wurden geschlagen. Stephan gab Gott die Ehre und schrieb der Fürbitte des heiligen Martin von Tours den Sieg zu. Zum Dank für den erhaltenen Sieg gründete er auf der Stelle, wo die Schlacht geschlagen wurde, ein Kloster zu Ehren des heiligen Martinus, der selbst aus diesem Land stammte. Gisela aber beschenkte das Kloster mit den kostbarsten Ornaten und wurde Mitstifterin dieser gottgeweihten Pflanzstätte des Christentums.

 

Jetzt hatte das Heidentum in Ungarn seinen Todesstoß erhalten. Der Friede war hergestellt. Die Überwundenen fügten sich der höheren Macht. Von den Missionaren wurde mit Segen gearbeitet. Nun wurde der Abt des neuerrichteten Klosters aus dem St. Martinskloster nach Rom gesendet, dass er dem Oberhaupt der Kirche von den Fortschritten des Christentums unter den Magyaren Nachricht gebe und die kirchlichen Angelegenheiten ordne.

 

Dieser Abt, Astricus mit Namen, erwarb neben der Bestätigung der neugegründeten Bistümer, seinem Herzog auch den Titel und die Krone eines Königs von Ungarn, der fortan den Herrschern des Landes vom Papst Sylvester II. gegeben wurde. Am 15. August des Jahres 1000 wohnte Stephan mit seiner Gemahlin Gisela dem hochfeierlichen Gottesdienst in der Metropole Gran bei. Bei dieser Feierlichkeit wurde er als König von Ungarn und Gisela als Königin gekrönt, und die seligste Jungfrau und Gottesmutter Maria wurde als die Patronin des neuen Königreiches erklärt.

 

Um diese Zeit kam der uns bekannte heilige Einsiedler Günther an den Hof des heiligen Stephan. Das fromme Beispiel und der heilige Ernst des treuen Dieners Gottes machten einen guten Eindruck auf den König. Wo dieser in wichtigen Angelegenheiten eines Rates bedurfte, rief er den gotterleuchteten Einsiedler aus Bayern zu sich. Auf den Rat Günthers erbaute der König das Kloster Bakony-Beel, erteilte ihm volle Freiheit von allen Abgaben und besetzte es mit Jüngern des gottseligen Günther. Das bisher ganz verwilderte Land trug bald die herrlichsten Früchte.

 

An dieser Umgestaltung des Landes hatte die fromme Königin Gisela einen großen Teil. Sie hatte es vom Anfang an als ihre Aufgabe erkannt, ihr ganzes Haus wie sich selber dem Herrn zu heiligen, damit der Name des Herrn erkannt und verherrlicht werde, wo man die Früchte des wahren Glaubens an ihr mit Augen sah. Ihre größte Freude war, Kirchen und Klöster zu gründen und die Wohnstätten des Herrn und seiner Diener mit der notwendigen Zierde auszustatten. Für das Heiligtum des Herrn webten und stickten ihre fleißigen Hände. Was sie nur immer sich selber absparen konnte, verwendete sie, wenn nicht die Not der Armen es in Anspruch nahm, auf die Ausstattung der Gotteshäuser. Von ihrem eigenen Vermögen hatte sie den Bau der prachtvollen Kathedrale zu Weszprim ausführen lassen. Dies war ihr Lieblingswerk. Obwohl gegen alle Kirchen des Landes freigebig, kannte doch ihre Freigebigkeit dieser Kirche gegenüber keine Grenzen. Sie bedurfte es auch am meisten.

 

Bei dieser Sorgfalt für das Haus des Herrn vergaß sie durchaus nicht, was sie ihrem eigenen Haus schuldig war. Mit himmlischer Weisheit leitete sie die Erziehung ihrer Kinder. Mit göttlicher Geduld ertrug sie es, als sie all ihrer Kinder bis auf den einzigen Sohn Emmerich beraubt wurde, und mit heldenmütiger Aufopferung verpflegte sie ihren Gemahl in seiner dreijährigen, schweren Krankheit. Ihre größte Sorgfalt wendete sie nun der Erziehung ihres geliebten Sohnes zu. Der Erfolg zeigte, wie segensreich ihre Bemühung gewesen war. Der Sohn der gottseligen Gisela, Emmerich, bewahrte das Gewand der Unschuld und errang schon als Jüngling eine hohe Stufe christlicher Vollkommenheit. In der Ehe bewahrte er die Jungfräulichkeit, und nach einer kurzen Pilgerfahrt wurde er aufgenommen in die himmlische Heimat. Die Kirche verehrt ihn als einen Heiligen. Er hatte mit seinem Vater die Abtei Altofen gestiftet und zu ihrem Bau griechische Steinmetze und Künstler berufen. Dieser Stiftung ihres heiligen Sohnes wendete die fromme Gisela nach dessen frühzeitigem Tod ganz besondere Aufmerksamkeit zu. Sie versah sie mit den prachtvollsten Ornaten, von denen viele die Arbeit ihrer eigenen Hände waren.

 

Mit mannhafter Seelengröße und mit kindlicher Ergebung hielt die fromme Königin den härtesten Schlag aus, der sie treffen konnte, den Tod ihres königlichen Gemahls. Am Fest der Aufnahme der seligsten Jungfrau 1038 bestand der treue Kämpfer für die Ehre seines Herrn den letzten Kampf. Langsam hatte die Krankheit seine Kraft aufgerieben. Geistig gestärkt durch die heiligen Sterbesakramente gab er, umgeben von den Prälaten Ungarns, seinen Geist auf. Die Hände zum Himmel erhoben, übergab er sich und sein Reich in die Hände des höchsten Königs durch die Hände der glorreichen Königin des Himmels.

 

Nach dem Tod Stephans des Heiligen kamen über die Kirche Ungarns und über die königliche Witwe schwere Heimsuchungen. Der Nachfolger Stephans, König Peter, konnte sich nicht lange auf dem Thron erhalten. Die übermütigen, noch heidnisch gesinnten Großen des Reichs erregten einen Aufstand gegen ihn. Er rettete sich durch die Flucht. Alle seine Räte und Diener wurden wie Schlachtvieh niedergehauen. Jetzt ergriff auch die fromme Königin die Flucht. Der glaubenstreue Erzbischof von Gran begleitete sie. Verstoßen von dem Land, dem sie nur Wohltaten erwiesen hat, das durch sie in religiöser und bürgerlicher Hinsicht so sehr gehoben war, begab sie sich wieder in ihr Heimatland, nach Bayern, im Jahr 1042.

 

Das Kloster Niedernburg in Passau, das schon im 8. Jahrhundert gegründet und im Jahr 1010 von ihrem Bruder, Heinrich dem Heiligen restauriert worden war, wurde ihr Zufluchtsort. Hier lebte sie als arme Klosterfrau, denn die undankbaren Ungarn hatten sie all ihrer Güter und Besitzungen beraubt. Sie fühlte sich glücklich in ihrer Armut und unterzog sich freudig den niedrigsten Arbeiten und allen religiösen Übungen im Kloster. Dann wurde sie als Äbtissin des Klosters erwählt, und versah dieses Amt bis zu ihrem seligen Hinscheiden am 7. Mai 1070 in einem Alter von neunzig Jahren.

 

Als die Ungarn später wieder zur Besinnung gekommen waren, sahen sie ein, wie viel sie der gottseligen Gisela zu danken hatten. Sie wallfahrteten in ganzen Scharen zum Grab der seligen Königin. Dieses Grab ist im Kloster Niedernburg, das jetzt die Englischen Fräulein bewohnen, neben dem ihrer Muhme Helika, der ersten Äbtissin dieses Klosters nach seiner Restauration durch Kaiser Heinrich II. Eine öffentliche Verehrung durch einen kirchlichen Ausspruch ist ihr noch nicht zuerkannt. Desungeachtet wird sie von den Schriftstellern die „selige“ oder die „heilige“ Gisela genannt.