Der selige Gerhoh (Geroch) von Polling, Propst zu Reichersberg, + 27.6.1169 – Fest: 27. Juni

 

Zu den gelehrtesten Männern seiner Zeit, zu den treuesten Dienern der Kirche und eifrigsten Verteidigern des Rechtes, der Wahrheit und der guten Sitten gehört der selige Gerhoh, auch Geroch genannt. Er wurde im Jahr 1093 zu Polling in Oberbayern von frommen Bürgersleuten geboren, übertraf schon als Junge alle seine Mitschüler an Verstand, Fleiß und Sittsamkeit und machte schon im 16. Lebensjahr das Gelübde ewiger Keuschheit. Seine höheren Studien vollendete er in Freising, Mosburg und auf der damals weit berühmten Domschule zu Hildesheim. Von da berief ihn der Bischof Hermann von Augsburg zum Vorsteher der Schule an seiner Kirche und weihte ihn im Jahr 1119 zum Diakon. Mit Umsicht, Eifer und Liebe förderte er das Schulwesen und alle Schüler hingen ihm in Liebe an.

 

Als ihm der Bischof Hermann zumutete, er solle die Partei des Kaisers Heinrich V. gegen Papst Paschalis ergreifen, verließ er Augsburg und begab sich in das Kloster der regulierten Chorherrn des heiligen Augustinus zu Rottenbuch in Oberbayern. Auch seine Eltern und Brüder bewog er zu gleichem Schritt. Von dort begleitete er seinen Oberhirten nach Rom zum ersten Laterankonzil. Nach seiner Rückkehr von Rom legte er seine Stelle am Dom nieder und begab sich wieder nach Rottenbuch zu den Augustinern.

 

Von seiner Frömmigkeit und Gelehrsamkeit gleich angezogen, berief ihn der Bischof Chuno von Regensburg zu sich, um ihn als Gehilfen bei seinen Arbeiten zu gebrauchen, weihte ihn 1126 zum Priester und nahm ihn bei der Visitation seines Bistums mit sich. Bei dieser Gelegenheit hielt er die schönen und erbaulichen Reden, die er später sammelte und diesem Bischof widmete. Nach Chunos Tod ging Gerhoh nach Salzburg, wo ihn sein Freund, der Erzbischof Konrad, mit wichtigen Aufträgen nach Rom sandte.

 

Als im Jahr 1132 der Propst zu Reichersberg gestorben war, wählten ihn die Kanoniker einstimmig zu ihrem Vorsteher. Seine Demut sträubte sich gegen dieses Ehrenamt, aber aus Gehorsam gegenüber dem Erzbischof nahm er es an, obgleich es ihm als das schwerste Opfer seines Lebens erschien. Wie vortrefflich die Wahl war, zeigte der Erfolg, denn der neue Propst bewährte sich als auserwähltes Werkzeug der göttlichen Gnade. Mit außerordentlicher Umsicht und Pflichttreue waltete er seines Amtes, ging allen in gottseligem Eifer voran, nahm alle mit Liebe auf, trug die Beschwerden und Leiden mit himmlischer Geduld und zog durch seine Demut und stets gleiche Güte die Herzen unwiderstehlich an. Auf Arbeit, Gebet und Studium hielt er mit ungewöhnlichem Ernst. Sein Lieblingsspruch war: „Müßiggang ist aller Laster Anfang.“ Verstöße gegen die Ordensregeln rügte er streng, aber niemand nahm ihm die Strafrede übel, weil sie aus heiliger Liebe entsprang und durch sein leuchtendes Beispiel unterstützt wurde.

 

Die Tätigkeit Gerhohs beschränkte sich nicht auf sein Kloster, sondern er griff mit kräftiger Hand ein, um die Übergriffe der deutschen Kaiser in die Rechte der Kirche abzuwehren. Sein Ansehen galt so viel, dass zahlreiche Söhne der angesehensten Familien Deutschlands sich glücklich schätzten, unter seine Kanoniker aufgenommen zu werden, und vermehrten mit ihrem Erbteil die Güter und Einkünfte des Stiftes Reichersberg. Aus diesem Vermögen gründete er neben seinem Kloster noch ein Frauenkloster, in dem viele hochangesehene Jungfrauen, z.B. die gottselige Gräfin Hedwig von Hall, den Schleier nahmen. Überall drang er mit seinem vielvermögenden Einfluss auf Beseitigung der Missstände und auf die Besserung der Sitten. Viele Kämpfe und Bitterkeiten blieben ihm nicht erspart, aber viele glückliche Erfolge versüßten ihm seine edlen Bemühungen. Niemals wich er von der Wahrheit und unerschrocken verteidigte er die Rechte des päpstlichen Stuhls in den unseligen Kämpfen seiner Zeit. Deshalb stand er bei den sechs Päpsten seiner Zeit in hohem Ansehen, und selbst Kaiser Friedrich musste den edlen und uneigennützigen Propst ehren. Seine zahlreichen Schriften bekunden seinen hohen Denkergeist und seine tiefe Gelehrsamkeit und stellten ihn unter die ausgezeichnetsten Schriftsteller seines Zeitalters.

 

Im Greisenalter von 76 Jahren konnte er getrost auf seine zurückgelegte Laufbahn hinblicken. Arm und klein hatte er sein Kloster gefunden, vermögend und erweitert übergab er es seinen Nachfolgern. Nach einem mühevollen, angestrengten Leben wünschte er die Ruhe im Schoß des himmlischen Vaters. Nachdem er am Fest des heiligen Johannes des Täufers im Jahr 1169 noch Hochamt und Predigt gehalten hatte, empfing er die heiligen Sterbesakramente und starb am 27. Juni. Sein Leib ruht vor dem Kreuzaltar der Klosterkirche von Reichersberg, seine Seele ruht im Frieden Gottes.