Die heilige Gemma Galgani,stigmatisierte Jungfrau, + 11.4.1903 - Fest: 11. April

 

Gottes Wundertaten an uns Menschenkindern sind auch in der Gegenwart nicht erloschen, sein Arm nicht verkürzt. An der engelgleichen Unberührtheit und Kindlichkeit Gemma Galganis, die bereits zum Liebling aller Frommen geworden ist, erkennen wir mit Verwunderung, wie gut der Herr ist, wie uns eigentlich vom Himmel nichts trennt als der Schleier, der vor unseren Augen liegt, und die Sünde, die Herz und Auge blind macht. In Gemma ist wahrhaft ein Lamm ohne Makel über die Erde gewandert, das mit dem Gotteslamm im Himmel lebte und zugleich am Kreuz starb. Ihr Leben und Leiden steht lichtstrahlend und wahrheitsgetreu vor uns. Gott selbst hat in führender Güte dafür gesorgt, dass dieser Edelstein – das bedeutet der Name Gemma – in echter Goldfassung der staunenden Welt geboten werde. Gemmas Lebensbeschreiber ist ihr Seelenführer geworden, und diesen hat hinwiederum die Vorsehung selber auf nicht gewöhnliche Weise zu diesem Dienst berufen. Was er von der Blüte des mystischen Lebens dieser gottbegnadeten Jungfrau erzählt, das hat er selbst gesehen, erfahren und eingehendst geprüft. Und dieser Berufene, Passionist Pater Germano vom heiligen Stanislaus, war nicht nur ein gründlicher Kenner des geistlichen und mystischen Lebens und der ganzen Glaubenswissenschaft, er war auch in fast allen Zweigen menschlichen Wissens außerordentlich bewandert, unter anderem auch in Natur- und Heilkunde, also der zuverlässigste Zeuge. Wir dürfen und müssen darum auch dem Wunderbarsten, das er berichtet, Glauben schenken.

 

Der kleine Ort Camigliano in Toskana, Norditalien, hat dem Engel im Fleisch, Gemma Galgani, die Wiege geboten; der 12. März 1878 hat sie der Zeitlichkeit geschenkt. Lucca wurde bald ihre eigentliche Heimat. Die erste Gnadengabe für das Kind waren fromme, tiefgläubige Eltern. Voll inniger Liebe erteilte die heiligmäßige Mutter ihren Kindern selbst den Religionsunterricht. Wenn sie da oft ermüdete oder den Hausgeschäften sich zuwenden musste, dann schmiegte sich die kleine Gemma an ihr Kleid und bat inständig: „Mutter, erzähle mir doch noch etwas von Jesus.“ Aber ach! die Mutter starb bald. In dem Erziehungsinstitut der Schwestern von der heiligen Zita fiel Gemma durch ihre einzigartige Bescheidenheit und ihr hohes Verständnis für göttliche Dinge auf. Noch nicht zehn Jahre alt, bat sie so innig um die heilige Kommunion: „Gebt mir meinen Jesus! Ihr werdet sehen, ich werde brav sein. Gebt mir meinen Jesus; denn ich merke es, ich kann es sonst nicht mehr aushalten.“ Bald schon lernte sie die Betrachtung üben und von einer Lehrerin angeleitet, in das Geheimnis des Kreuzes einzudringen. Sie hatte lebhaftes Temperament, heißes Blut; aber vollständig wusste sie sich in ihre Gewalt zu bringen. Je mehr sie im geistlichen Leben voranschritt, desto deutlicher gab Jesus ihrer Seele seine Gegenwart zu erkennen. Sie empfing ihn bald täglich im Mahl der Liebe. „Er teilte mir so vieles mit und ließ mich oft die schönsten Tröstungen kosten“, gestand sie mit kindlicher Offenheit.

 

Über Gemma, die einmal versicherte, dass sie nach Mutters Tod kaum einen Tag verlebt habe, ohne etwas weniges für Jesus gelitten zu haben, brachen schwere Prüfungen herein. Gott wollte sie ganz für sich haben und schien sie von allem loslösen zu wollen, was ihr lieb und teuer war. Ihr liebster Bruder, den sie mütterlich pflegte, starb 1894. Gemma selbst fiel in eine schwere Krankheit. Der Vater, ein wohlhabender Apotheker, verlor beinahe sein ganzes Vermögen. Bald, 1897, raffte ihn selbst der Tod hinweg. Die armen Kinder gerieten in äußerste Not. Gemma verfiel abermals in eine, wie es schien, unheilbare Krankheit. Verkrümmungen des Rückgrates, Hirnhautentzündung, vollständiger Verlust des Gehörs, Gliederlähmung, ein Geschwür in der Lendengegend, das ist die Rückenmarkschwindsucht, stellten sich ein. Bei ihrer Armut fehlte nicht selten die einfachste Labung. In der schmerzvollsten Behandlung weigerte sich die züchtige Jungfrau, sich einschläfern zu lassen, indem sie lieber ihr Schamgefühl wahren, als ihre Qualen lindern lassen wollte. Die Ärzte erwarteten schon ihren Tod. Nun hatte sie von einer besuchenden Dame das Leben des ehrwürdigen Gabriel Possenti zum Lesen erhalten. Sofort fasste sie zu diesem lieben Seligen Vertrauen, das dieser mit seinem treuen Schutz belohnte. Als er ihr das erste Mal erschien, nannte er sie „seine Schwester“. Dem Geist nach sollte sie wirklich „Passionistin“, eine Leidende werden. Gabriel Possenti gehörte nämlich dem Passionistenorden an. Gemma begann eine Novene. Siehe, vor Mitternacht fühlte sie, wie sich eine Hand auf ihre Stirn legte; sie hörte eine Stimme, die neunmal hintereinander zu beten anhob: Vater unser ..., Gegrüßet ... und Ehre sei ... Der selige Gabriel war es. „Willst du gesund werden“, fragte er die Kranke. „Bete jeden Abend voll Vertrauen zum heiligsten Herzen Jesu. Bis ist Novene zu Ende ist, komme ich zu dir und wir beten gemeinsam zum heiligsten Herzen.“ So geschah es. Am Schluss der Novene empfing sie auf dem Krankenbett die heilige Kommunion. Glücklicher Augenblick mit Jesus! Auch er fragte sie: „Gemma, willst du gesund werden?“ Ganz ergriffen sprach sie nur im Herzen: „Wie du willst, mein Jesus!“ Und der gute Heiland gewährte die Gnade. Nach zwei Stunden stand sie gesund da.

 

Dieser ständige Verkehr mit dem Himmel ist eines der auszeichnenden Merkmale des ganz mystischen Lebens der Jungfrau von Lucca. Ihr einziges Streben, die einzige Leidenschaft ihres Herzens ging dahin, Jesus ähnlich zu werden. Und da nun einmal der Sohn Gottes sich der Welt in Schmerzensgestalt zeigte, so wollte auch sie nichts anderes wissen als Jesus, und diesen als Gekreuzigten. Eines Tages sprach der Herr zu seiner Dienerin: „Mut, Gemma, ich erwarte dich auf Kalvaria, jenem Berg, dem du zuschreitest.“ Am 8. Juni 1899, am Vorabend vor dem Herz-Jesu-Fest, wurde sie von einem so heftigen Schmerz über ihre Sünden ergriffen wie noch nie zuvor. Hierauf fühlte sie alle Kräfte ihrer Seele sich sammeln. Rasch folgte die Entrückung der Sinne. Das begnadete Kind sah die Mutter Gottes, zu ihrer Rechten den Schutzengel. Dieser befahl ihr, den Reueakt zu beten. „Tochter“, redete hierauf die himmlische Mutter sie an, „im Namen Jesu seien dir alle Sünden erlassen.“ Alsdann fügte sie bei: „Mein Sohn Jesus liebt dich sehr und will dir eine Gnade erweisen. Wirst du dich ihrer würdig bezeigen?“ Gemma wusste keine Antwort zu geben. Da sagte Maria weiter: „Ich werde dir Mutter sein; willst du dich als eine wahre Tochter erweisen?“ Sie öffnete ihren Mantel und bedeckte damit die Glückliche. In diesem Augenblick erschien Jesus. Alle seine Wunden waren geöffnet, doch floss kein Blut daraus hervor, sondern Feuerflammen erstrahlten. Einen einzigen Augenblick trafen jene Feuerflammen Gemmas Hände, ihre Füße und das Herz. Sie fühlte sich dem Tode nahe und wäre niedergesunken; aber Maria hielt sie noch immer mit ihrem Mantel bedeckt. Mehrere Stunden lang musste sie in dieser Stellung verharren. Dann küsste die himmlische Mutter sie auf die Stirn und alles verschwand. Als Gemma wieder zu sich kam, kniete sie auf dem Boden und empfand einen heftigen Schmerz an den Füßen, den Händen und am Herzen. Es floss Blut daraus. So durfte Gemma gleich dem heiligen Franz von Assisi, der heiligen Katharina von Siena und anderen Auserwählten die Wundmale des Herrn an ihrem Leib tragen. In ihrer kindlichen Einfalt glaubte sie, diese empfingen alle, die sich durch das Gelübde mit Christus verlobt hätten. Das Wunderbare ist, dass die Wundmale nicht etwa ständig blieben, sondern nur am Donnerstag und Freitag sich zeigten und dabei reichlich Blut ergossen. War die Ekstase am Freitag beendet, so hörte das Bluten auf, die verletzten Gewebe des Fleisches zogen sich zusammen, am Samstag oder spätestens Sonntag war keine Spur der Wunden mehr vorhanden.

 

Der Leidensdurst der wunderbaren Jungfrau war dadurch nicht gestillt. Sie wollte auch an den übrigen Schmerzen des leidenden Erlösers teilnehmen. An den vier Freitagen des März 1901 erlitt sie denn auch die Geißelung. Der Körper wies tiefe Wunden auf, das Fleisch war ganz zerfetzt. Hernach klebten die Unterkleider ganz in die trocknenden Wunden hinein. Ein anderes Mal nahm der leidende Heiland die Dornenkrone von seinem Haupt und drückte sie der kleinen Leidensbraut fest in die Schläfe. Gemmas Kopf erschien jeweils ganz mit Stichen durchbohrt, aus denen frisches Blut hervorquoll. Auch die Schulterwunde des Herrn, vom Druck des Kreuzes stammend, durfte Gemma tragen, eine bei anderen stigmatisierten Personen ganz seltene Erscheinung. Diese höchst merkwürdigen Vorgänge, die immer auch die ärgsten Schmerzen mit im Gefolge hatten, dauerten bis 1901. Da trug Gemmas Seelenführer ihr brieflich auf, den Heiland zu bitten, er möge sie von solch auffallenden Erscheinungen befreien. Es kam wirklich so. Die äußeren Erscheinungen an ihrem Leib unterblieben, das Schmerzgefühl aber blieb, ja nahm sogar noch zu.

 

Für Gemma war der Glaube nicht mehr Glaube, sondern offenbare Gewissheit. In seinen tiefsten Geheimnissen fand sie sich zurecht. Sie redete so zutraulich und unbefangen mit Gott, wie eben ein Kind mit seinem lieben Vater plaudert. Die sichtbare Gegenwart ihres Schutzengels schien ihr etwas ganz Natürliches. Sie gab ihm fortgesetzt wie einem Freund die mannigfaltigsten Aufträge an Bewohner des Himmels wie an die der Erde. Visionen, Erscheinungen, wie die der lieben Mutter Gottes, alle Arten von Ekstasen, die die Wissenschaft der Mystik kennt, waren der Jungfrau von Lucca nichts Ungewöhnliches.

 

Ihre Liebe zum höchsten Gut war außerordentlich, so dass ihr Leib glühend heiß wurde. „Pater“, sagte sie einmal, „mein Herz ist ein Schlachtopfer der Liebe, bald werde ich vor Liebe sterben. Diese Flammen verzehren das Herz und auch den Leib ... Wie kommt es nur, dass so viele in der Nähe von Jesus nicht zu Asche aufgehen?“ Das Herz bewegte sich in ganz ungewöhnlichen Zuckungen, die sich ihrer Umgebung deutlich fühlbar machten. Sie selbst blieb wie immer ruhig dabei. Einmal befragt, erwiderte sie in liebenswürdiger Kindeseinfalt: „Merken Sie es denn nicht? Jesus ist so groß, mein Herz aber so winzig klein. Jesus hat nicht Platz in einem so kleinen Herzchen. Da er aber doch sich darin aufhalten will, bringt er es in solche Bewegung. Dem ist nicht gut abzuhelfen. Wissen Sie, Pater, da muss schon Jesus selbst Abhilfe schaffen. Möge sich dieses Herz erweitern und Jesus es sich darin bequem machen.“ Und wirklich, das Herz erweiterte sich. Drei Rippen hoben sich in die Höhe und blieben längere Zeit stark gebogen, so dass die eigenartige Erscheinung bequem beobachtet werden konnte.

 

Und dieser liebeerfüllten „Gottesbraut“ verbarg sich doch bisweilen auch der Bräutigam. Das innere Martyrium der Verlassenheit kam über sie, eine der häufigen Prüfungen auf dem Weg der mystischen Vollkommenheit. Wie rührend sind da ihre Klagen. „Ich suche Jesus und finde ihn nicht. Er ist meiner müde geworden. Armer Jesus, ich habe es dir zu schlimm gemacht. Aber du lässt dich doch wieder finden, nicht wahr?“ Noch ärgere Peinen durfte ihr der böse Feind in verschiedensten Gestalten und Formen zufügen. Die Quälereien des unschuldigen Kindes arteten bisweilen in furchtbare körperliche Misshandlungen aus.

 

Das waren schon anmutigere Kämpfe, die sie mit Jesus oder Maria um die Bekehrung der Sünder führte! Wie stritt sie so lebhaft und eindringlich in Gebeten und Opfern! Anmutig erscheint dieses Kämpfen aber nur uns. Für Gemma konnte es bis zum Blutschweiß kommen. Da stieß einmal ein Verwandter Gemmas schreckliche Gotteslästerungen aus. Die zarte Jungfrau fing darüber an zu zittern und fiel wie tot zu Boden. Das pochende Herz vermochte die Wucht des Schmerzes über diese Beleidigung Gottes nicht mehr auszuhalten. Das Blut drängte durch die Adern bis unter die Haut und ließ es durch die Poren am ganzen Leib in Form reichlichen Schweißes hervortreten. Alle Kleider, sogar der Boden wurden davon befeuchtet. Ob diese Tatsache, die nicht vereinzelt blieb, nicht das erste nachweisbare Beispiel von Blutschweiß in der Geschichte ist seit dem Angstschweiß Christi am Ölberg? Für die Sünder einzutreten und zu leiden, war eine und das nicht die geringste Lebensaufgabe, zu der Gott seine treue Dienerin berufen, zu der er sie auch außerordentlicher Weise ausstattete, wie mit der Unterscheidung der Geister, mit Kenntnis verborgener oder zukünftiger Dinge. Sie durfte manchmal als Vermittlerin und Gesandtin Gottes wirken, auch hochgestellten Personen gegenüber.

 

Die auserwählte Dienerin Gottes sagte am vorletzten Tag ihres kurzen Lebens, am Karfreitag 1903, nachdem sie schon an Seele und Leib namenlos gelitten, zu ihrer Krankenpflegerin: „Verlassen Sie mich nicht, bis ich ans Kreuz geheftet bin. Ich muss mit Jesus gekreuzigt werden. Jesus hat mir gesagt, seine Kinder müssten am Kreuz sterben.“ Bald darauf geriet Gemma in tiefe Ekstase, breitete die Arme aus und verharrte von zehn bis halb drei Uhr in dieser Stellung. Nun war sie mit Jesus im Todeskampf. Eine Mischung von Schmerz und Liebe, von Trostlosigkeit und Friede erschien auf ihrem Antlitz. Die empfindlichste Pein des Heilandes am Kreuz war die Verlassenheit. Auch hierin wurde die Kreuzesbraut ihrem Jesus ähnlich. Er wollte dem Martyrium die Krone aufsetzen. All die Lichtstrahlen und Trostesquellen, die früher so erstaunlich sich über sie ergossen, waren nun versiegt. Kein Priester stand ihr am Karsamstag, den 11. April, in höchster Seelennot zur Seite. Erdrückt von der Wucht der Schmerzen, vom bösen Feind an Leib und Seele gequält, ohne Trost vom Himmel oder von der Erde, hauchte das schuldlose Geschöpf ihr letztes irdisches Wort: „Jetzt ist es wirklich wahr, dass ich nicht mehr kann. Jesus, dir empfehle ich diese meine arme Seele. Jesus!“ Vollbracht war das große Sühneleiden. Dafür hat sie ihre Kräfte erschöpft. Ihre eigne arme Seele wird den als gütigen Richter finden, dem sie im Leben und Tod so ähnlich geworden. Sieh, wie ein süßes Lächeln ihren Mund umspielt! Gemma neigt sanft das Haupt zur Seite und Schlummert unmerklich ohne jeden Todeskampf hinüber in den nahen ewigen Ostermorgen.

 

Wie mannigfach zeigt doch Gott sein Dasein und seine Größe in seiner schwachen Kreatur! Tut er es einmal in ganz auffallender Weise, so müssen wir dankbar und bewundernd seine Güte preisen, die sich würdigt, in unserer gleichgültigen und ungläubigen Zeit ein hochragendes Signal des Glaubens aufzustecken.

 

Gemma Galgani wurde 1933 selig- und durch Papst Pius XII. am 2. Mai 1940 heiliggesprochen.