Die selige Euphemia Domitilla, Dominikaner-Ordensfrau, Priorin von Ratibor, + 17.1.1359 - Fest: 17. Januar

 

Die Zeit der sogenannten Mystik ist die Periode der Frömmigkeit. Man mag über das viele Außergewöhnliche denken, was man will, das macht ja die Frömmigkeit nicht aus. Das Wesentliche aber, die Liebe, der Opfermut und Gebetseifer, das beharrliche heroische Tugendstreben, prangt in einer solchen Vollendung, dass alle anderen Perioden bewundernd auf die Zeit der deutschen Mystik zurückblicken dürfen. Wie ein herrlicher Gottesgarten blühte damals die deutsche Ordensprovinz der Dominikanerinnen. Manch duftiges Blümlein dürfen wir daraus noch pflücken. In der schlesischen Stadt Ratibor an der Oder, damals polnisch, später zum Deutschen Reich gehörend, heute wieder polnisch, strebten die Ordensfrauen nach dem gleichen hohen Ziel. Ihrer edelsten eine verdient am heutigen Tag ein Gedenken, weil nicht nur ihr Hochgrab in Ratibor, sondern noch mehr ihre Frömmigkeit und Seelengröße sie nicht der Vergessenheit anheimfallen lassen: Euphemia Domitilla.

 

Im hohen Haus des Herzogs Lescek von Ratibor stand der Glücklichen Wiege. Schon in frühester Jugend weihte sie ihre Jungfräulichkeit dem Herrn. Mannigfache Tugenden schmückten ihre kindlich reine Seele, so namentlich eine aufrichtige, herzliche Frömmigkeit, die sich äußerte in der anhaltenden Neigung zum Beten und Betrachten, eine für das kindliche Alter außerordentliche Bußstrenge, womit sie den zarten Leib der Seele zu unterwerfen versuchte und ihm deshalb lange Fasten, ermüdende Wachen, die Schmerzen der Geißelung und des Bußgürtels auflud. In tiefster Demut wollte sie dem Ärmsten der Untertanen ihres Vaters bereitwillig dienen. Die größte Wonne bedeuteten für sie die Augenblicke, in denen sie vor dem Allerheiligsten weilen und traute Zwiesprache mit dem Erwählten ihrer Seele halten durfte.

 

Dieses fromme, selige Leben schien ein jähes Ende nehmen zu sollen. Zwei hohe Bewerber um ihre Hand harrten auf das Jawort, der Markgraf von Brandenburg und der Herzog von Braunschweig, beide reich, beide jung, beide ritterlich kühn und beide von stürmischer Liebe zu der jugendlichen Prinzessin entbrannt. Der Vater betrachtete die Sache als abgetan. Nur auf Drängen der Mutter überließ er der Tochter die Wahl. Wohl eine schwere Wahl für ein Weltkind! Euphemia wählte keinen von beiden. Die Mutter war sprachlos und brach in Tränen aus. Der Vater zürnte und drohte, mit Gewalt ihren Kopf zu beugen. Aber weder die Tränen noch die Drohungen vermochten Euphemia umzustimmen. „Ich will Jungfrau bleiben“, entschied sie. „Fort mit dir! Komm mir nicht mehr unter die Augen!“ So der Herzog. Euphemia ging in ihre Gemächer, das Herz voll Wehmut über den Schmerz der Mutter, voll Trauer über den Zorn des Vaters. Einen Augenblick wollten die Gefühle sie überwältigen. Dann kniete sie nieder vor dem Bild dessen, den sie erwählt hatte. Er musste sie trösten.

 

Unten liefen die Diener. Die Gesellschaft zerstreute sich. Euphemia betete. Erst als die Nacht hereinbrach, machte Müdigkeit sich bei ihr geltend. Sie war erschöpft von der seelischen Erregung und doch beglückt über den Ausgang, ohne Reue, wenn auch voll Wehmut. Nur eins noch wirkte störend: Sollte sie bleiben, hier, wo sich täglich ähnliche Auftritte wiederholen konnten? Sie trat ans Fenster. Verlangend blickte sie auf zum gestirnten Himmel. Da sah sie einen blendenden Schein. Sah drei hellleuchtende Strahlen wie eine Sonnenbahn sich hinziehen vom Himmel, hoch hinab zu dem stillen Klösterlein der Dominikanerinnen zu Ratibor. Zwischen den Strahlen auf der Sonnenbahn schwebte eine schneeweiße Taube himmelan. Da war das Schwanken entschieden. Die Prinzessin erbat und erhielt die Zustimmung der Eltern zum Eintritt in das arme Kloster vom Orden des heiligen Dominikus.

 

Während der feierlichen Messe, die bei ihrer Einkleidung gelesen wurde, war von allen Anwesenden zwischen der Wandlung und der Kommunion ein himmlischer Gesang vernommen und als ein Zeichen der Freude gedeutet worden, die in den Scharen der heiligen Engel herrschte über dies reine Opferlamm, das sich Gott darbrachte. Mit der Übernahme des Ordensgewandes überkam die Selige ein neuer Eifer, ihre Seele mit dem Gewand der Tugenden zu zieren. Mit den Schwestern teilte sie demütig Armut und Not. Von Gott war sie durch himmlische Tröstungen und Offenbarungen ausgezeichnet. Als sie am 17. Januar 1359 starb, begann das Volk sie als Heilige zu verehren.

 

Eine Sonnenbahn vom Himmel zur Erde! Ist es nicht Gottes heiliger Odem, der Liebeshauch des Heiligen Geistes, der in die arme Menschenseele sich ergießt? „Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,8). Durch den Propheten versichert er (Jes 31,3): „Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt und dich voll Erbarmen an mich gezogen.“ Unaussprechliche, geheimnisvolle Vermählung Gottes mit der menschlichen Natur! Gott, der himmlische Bräutigam – die Seele die erkorene Braut! „Als es Gott die Zeit deuchte und er Mitleid hatte mit dem Leid seiner Geliebten, da sandte er seinen eingeborenen Sohn auf die Erde herab in einen reichen Saal und einen glorreichen Tempel; das war der Leib der Jungfrau Maria. Der Priester, der die Braut traute, das war der Heilige Geist, der Engel Gabriel verkündete die Ehe, die glorreiche Jungfrau gab die Einwilligung.“ Nun magst du wohl fassen, dass auch die auserwählte Seele in ganz ausschließlicher, jungfräulicher Liebe auf der gottbereiteten Sonnenbahn entgegen dem Heiland ziehen und himmelan fahren will, folgend dem Ruf des Bräutigams im Hohen Lied (2,10): „Mache dich auf, eile meine Freundin, meine Taube, meine Schöne, und komm.“