Die heilige Emma von Niedersachsen, Gräfin, Witwe, + 19.4.1040 - Fest: 19. April

 

Außer der bekannteren heiligen Trägerin des schönen deutschen Namens Emma, der kärntnerischen Gräfin Hemma, kennen wir noch eine französisch-englische Emma sowie eine deutsche, niedersächsische oder westfälische Emma. Freilich ist der Bericht des zeitgenössischen Kanonikus Adam von Bremen, den die Bollandisten, das große Jahrhundertwerk der Heiligengeschichte, als zuverlässig geben, leider sehr kurz. Umso dankbarer möchten wir aber diesen aufnehmen, um unsere liebe Heilige nicht ganz in Vergessenheit zu lassen. Hat sich ja ihr Name in den Kalendern am heutigen Tag so ausdauernd behauptet und in allen, selbst nichtchristlichen Kreisen als recht beliebt erwiesen.

 

Die wohledle Emma war Gemahlin des sächsischen Grafen Luidger und eine Schwester des heiligen Bischofs Meinwerk von Paderborn. Da sonst als Schwestern Meinwerks nur Glismod, die sich mit einem Adeligen in Bayern vermählte, und Azela genannt werden, die in das Kloster des heiligen Vitus zu Elten eintrat, ist Emma wohl Stiefschwester des edlen Bischofs, vielleicht aus der zweiten Ehe der Mutter Athela stammend, über die sonst recht Unrühmliches berichtet wird. Nach dem frühen Tod ihres Gatten Luidger zog die gottergebene Gräfin vor, die übrigen Lebenstage, die noch volle vierzig Jahre währten, im Witwenstand ausschließlich Gott zu widmen. Sie besaß großen Reichtum, den sie fast ganz an die Armen und die Kirchen vergab. Vielleicht wollte Emma auf solche Weise sühnen, was die Mutter gefehlt hatte. Der Bremer Kirche schenkte sie das Gut Stiplage am Rhein in der Gegend von Utrecht. Hier fand sie auch ihre letzte irdische Ruhestätte, nachdem ihre Seele um das Jahr 1040 zur himmlischen Ruhe eingegangen war. Als man nach vielen Jahren ihr Grab öffnete, fand man den Leib in Staub zerfallen, nur eine Hand wurde unversehrt gefunden. Daneben lag ein Pergamentblättchen mit der Aufschrift ihres Namens „St. Emma“ und ihres Todestages „19. April“. Von da an genoss sie Verehrung als Heilige, wie auch Gott sie durch Wunder verherrlichte.

 

Die Hand, dieses so überaus wichtige und notwendige Gebrauchsglied des Menschen, findet in der Heiligen Schrift, in der Sprache und im Mund Gottes, eine ganz auffällige Hervorhebung und Wertschätzung. Die göttliche Allmacht und Kraft wird häufig durch die „Hand Gottes“ ausgedrückt und sinnfällig verständlich gemacht. Selbst die ewigen Pläne Gottes unserer Erlösung, die Verurteilung, das Leiden und der Tod Christi durch die Juden und heidnischen Gewalthaber, nennt der heilige Petrus eine Tat, die „Gottes Hand und sein Ratschluss festgesetzt hatte, dass sie geschehen sollte“ (Apostelgeschichte 4,28). Um Heilungen zu bewirken, soll er „seine Hand ausstrecken“ (ebd. 4,30)Tatsächlich war für den auf Erden wandelnden Herrn gar oft die Hand die gnadenvolle Vermittlerin von Wohltaten und Krankenheilungen. Seinen Aposteln gebietet Jesus ausdrücklich und verheißt ihnen: „Kranken werden sie die Hände auflegen, und sie werden gesund werden (Markus 16,18). Wie wird dann die Hand gerühmt, die Gutes tut! Salomo, das Lob der treuen, tugendreichen Hausfrau verkündend (Sprichwörter 31,13 ff), misst es ihren unermüdlich schaffenden Händen zu: „Sie, die Frau, sorgt für Wolle und Flachs und arbeitet mit kunstfertigen Händen . . . Von dem Gewinn ihrer Hände pflanzt sie einen Weinberg . . . Sie umgürtet ihre Lenden mit Kraft und regt rüstig ihre Arme . . . Nicht erlischt ihre Leuchte des Nachts. Sie legt ihre Hand an große Dinge, und ihre Finger erfassen die Spindel. Sie öffnet ihre Hand dem Armen und streckt ihre Hände dem Dürftigen entgegen. Ihren Mund öffnet sie zur Weisheit und liebreiche Weisung ist auf ihrer Zunge. Sie hat Acht auf den Wandel ihres Hauses und isst ihr Brot nicht müßig . . . Trügerisch ist die Anmut und eitel die Schönheit; eine Frau, die den Herrn fürchtet, soll gepriesen werden. Gebt ihr von dem Ertrag ihrer Hände, und in den Torhallen mögen ihre Werke ihr Lob verkünden.“ All diese herrlichen Worte der Ehre und des Lobes dürfen wir auf die selige Witwe Emma anwenden. Keine Schilderung, keine Lebensbeschreibung, und möchten wir eine noch so wort- und inhaltsreiche überkommen haben, könnte uns aber die Tugendhaftigkeit, den Fleiß und die überaus große Wohltätigkeit der heiligen Frau besser und augenscheinlicher beweisen, als diese deutliche und Jahrhunderte hindurch sichtbare Handschrift des Allmächtigen, die sich in der wunderbaren Erhaltung der Hand seiner treuen Nachfolgerin kundgegeben hat. Der Vergelter jeglicher guten Gabe hat damit vor aller Welt die Freigebigkeit der Witwe auszeichnen wollen. Mit der Rechten deutlich hinweisend, gibt er die klare Lehre, dass er „seine Linke dem unter das Haupt legen und mit seiner Rechten ihn umfangen halten wird“ (Hohelied 8,3), der Almosen gibt den Armen und Mitleid zeigt dem Hilfsbedürftigen.

 

Über diese kostbare Reliquie der heiligen Witwe ist uns nur die kurze Nachricht erhalten geblieben, dass die unversehrte Hand in das Kloster des heiligen Bischofs Luidger nach Werden an der Ruhr gekommen und dort aufbewahrt worden sei. Heute ist davon keine Spur mehr vorhanden. Da auch die pfarrlichen Akten nicht so weit zurückreichen, ist darin über das damalige Vorhandensein und den späteren Verbleib der Reliquie kein Aufschluss zu finden. Tatsache ist aber, dass Werden sehr reich an Reliquien war. Aber bei den verschiedenen Kirchenbränden sind viele zugrunde gegangen. Bei der kirchlichen Umwälzung im sechzehnten Jahrhundert wurden viele beiseite geschafft, manche, um sie zu schützen, vergraben, wieder andere böswillig vernichtet. Bei den vielen Stürmen und Zeiterschütterungen ist es überhaupt verwunderlich und ohne höhere Fügung oft nicht erklärlich, dass so viele der allenthalben noch vorhandenen Überbleibsel der Heiligen alle Wechselfälle von Zeit und Ort überdauert haben. Das Verschwinden von Reliquien kann und darf selbstverständlich der Verehrung der Heiligen keinen Eintrag tun. Die Gebeine der größten Heiligen verfallen ja ohnehin dem allgemeinen Los der Menschen, wieder in Staub zu sinken, von dem sie genommen sind, wenn nicht Gott in besonderen Fällen seine Erhaltermacht und die Tugendgröße seiner Diener zeigen will. Das aber lehrt uns sicher unser Glaube, dass die Leiber der Heiligen am Jüngsten Tag glorreich auferstehen werden, während ihre Seelen jetzt schon des wohlverdienten Lohnes teilhaftig sind und uns ihre mächtige Fürbitte angedeihen lassen.

 

Das Wort Emma lässt zwei verschiedene Sinneserklärungen zu. Die einen Sprachkundigen nehmen es als deutsches Wort, und als solches ist Emma gleich „Imme“, die Emsige, das schöne altdeutsche Wort für Biene. Andere Gelehrte sind der Ansicht, dass der Name „Emma“ ganz hebräisch sei und nur eine Wandlung des Wortes em = „Mutter“ in emma(h) darstelle, das also soviel wie mutterhaft, mütterlich bedeutet. Bekannt ist auch die gleiche Umwandlung von ab (Vater) in abba(h), welches Wort der heilige Paulus und der liebe Heiland selber gebrauchten: „Ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba (Vater)! (Römer 8,15) Und Jesus rief am Ölberg: „Abba, Vater! Dir ist alles möglich, nimm diesen Kelch von mir!“ (Markus 14,36) Vom Wort Abba, auf griechisch, der Ursprache des Neuen Testamentes, abbas nehmen nun aber die Oberen der alten Klöster ihren Namen „Abt“ her. Folgerichtig könnten sich die Vorsteherinnen der Frauenklöster statt des meist beliebten Titels „Würdige Mutter“ oder „Äbtissin“ – Emma nennen, das ja gerade „Mutter“ bedeutet, wie Abba „Vater“.

 

Eine andere, nicht geringere Merkwürdigkeit darf angefügt werden. Imme (Biene) ist der vollinhaltliche Sinn des alttestamentlichen Namens Debora. Die erste Trägerin dieses Namens war Amme (Umstellung von Emma) der Rebekka, der Gattin des Patriarchen Isaak (1. Mose 24,59). Ihr Dienst war ein „mütterlicher“, der einer emsigen Mutter. Die zweite Debora übte das Amt einer Richterin aus. Sie berief den Feldherrn Barak zur Befreiung des Volkes von der Knechtschaft des fremden Fürsten Jabin, zog selbst mit in den Kampf und sang hierauf ihr unsterbliches Siegeslied, worin es heißt: „Es schwanden die Starken in Israel und blieben tatenlos, bis Debora sich erhob, aufstand die Mutter in Israel“ (Richter 5,7). Also wieder eine tatenvolle, emsige Mutter! Zwei alttestamentliche Emmas!

 

Eine „emsige Mutter eclesiis et pauperibus“, für Kirchen und Arme, das wird für immer auch der Ehrentitel unserer heiligen Emma von Niedersachsen (Westfalen) bleiben. Von ihrer freigebigen Mutterhand gilt das Wort: „Das Gut, wovon man gibt, erhält von Gott die wunderbare Eigenschaft, dass es sich stets vermehrt, statt vermindert. Und wenn man durch die rechte Hand gibt, fließt durch die linke wieder der reiche Ersatz zu, ebenso wie ja auch dem Meer alle Gewässer der Erde zufließen, weil es selbst das Seinige ganz dem Himmel wieder gibt.“