Der selige Eberhard von Nellenburg, Stifter und Mönch von Schaffhausen, + 25.3.1078 - Gedenktag: 25. März

 

Es ist ein eigentümlicher Zug des Mittelalters, dass wir so oft Fürsten und Grafen nach vollbrachtem Lebenswerk die stille Ruhe des Klosters aufsuchen sehen, um sich dort auf einen guten Tod vorzubereiten. Ihre Lebensarbeit, die Gott ihnen auftrug, hatten sie glücklich geschafft, sie hatten der Welt ihr Können geliehen, nun aber glaubten sie Gott ihre Lebenskraft nicht weiter mehr vorenthalten zu dürfen, sie weihten sich seinem ausschließlichen Dienst. Uns darf es nicht Wunder nehmen, wenn diese Männer und Frauen, die in der Welt Großes leisteten, die dort reiche Erfahrung gesammelt hatten, im Kloster siegreiche Kämpfe gegen die Welt und sich selbst ausfochten, wenn sie Helden werden in der Tugendübung, wenn sie Heilige werden. Einer dieser Heiligen war auch Graf Eberhard von Nellenburg.

 

Eberhards Eltern hießen Eppo und Hadwig. Die Mutter war eine Tochter des heiligen Stephan, des Königs von Ungarn, und eine Nichte des Kaisers Heinrich II., auch verwandt mit Papst Leo IX. Eppo war auf diese hohe Verwandtschaft nicht wenig stolz, nicht weniger auf seine ausgedehnten Besitzungen und sein stattliches Volk von Lehensleuten. Ganz anders seine hohe Gemahlin Hadwig: sie trachtete Gott und göttlichen Dingen nach, betete viel und gab reiches Almosen. Ihr frommes Leben konnte auf die Dauer seine Wirkung auf den lebensfrohen, stolzen Herrn nicht verfehlen. Er sah das Verfehlte seines Treibens ein, wandte sich von dem leeren Gepränge der Welt ab, befliss sich mehr und mehr des Gebetes und der Tugend – Hadwigs Gebet war erhört. Eberhard war das einzige Kind, das die fromme Gemahlin Eppo schenkte. Nach dessen Geburt im Jah 1018 starb der Vater bald. Hadwigs Sorge war es nun, das teure Vermächtnis ihres Gemahls zu erfüllen, den Erben so großer Reichtümer und Güter zu einem tüchtigen Mann zu erziehen. Zur Ausbildung in den Künsten und Wissenschaften gab sie ihm den Priester Lupard. Als Eberhard zum Mann herangewachsen war, führte sie ihm Ida als Gemahlin zu, die ihm sechs Kinder schenkte.

 

Eberhard hatte nicht, wie sein Vater zu Beginn seiner Herrschaft, sein ganzes Sinnen und Trachten auf Gut und Ehre eingestellt. Er war ein frommer Mann geworden, so wie es sich seine kluge Erzieherin erhofft hatte. Zuerst machte er die großen, beschwerlichen Wallfahrten zu den Gräbern der Apostelfürsten in Rom und zur Stätte des heiligen Jakobus zu Compostella in Spanien. Doch das war noch nicht genug, Gott wollte er ewiges Lob bereiten: einen Teil seiner Güter wollte er als Grundstock für die Errichtung eines Klosters verwenden. Lange war er sich im Unklaren, wo das Kloster erstehen sollte. Endlich errichtete er 1050 am Rheinufer eine Kapelle mit drei Altären und ein kleines Kloster für zwölf Mönche, als deren Abt er sich 1064 Siegfried vom großen Kloster Hirsau erbat, und holte persönlich bei Papst Alexander II. Bestätigung und Schutz.

 

Diese zwei großzügigen Taten flossen aus einem Herzen, das voll von Gott war. Gottes- und Nächstenliebe zieht uns aber noch mehr an, wenn sie im Kleinen wirkt, wenn sie arbeitet an den Nöten der einzelnen. Dieser Gedanke leitete auch Eberhard in seinem alltäglichen Tun. Als er auf der Reise nach Rom begriffen war, traf er auf dem Weg einen halbblinden Bettler. Dessen Elend rührte Eberhards mitleidiges Herz, er betete inbrünstig zum göttlichen Schöpfer des Lichtes und wirklich bekam der Bettler auf seine Fürbitte hin das volle Augenlicht wieder. Durch sein inniges Gebet rettete er auch seinen Sohn Burkhard von einer hoffnungslosen Krankheit. Noch mehr aber wirkte er an Mangold. Er war Abt im Kloster Stein am Rhein gewesen, hatte aber das Mönchskleid weggeworfen und war in die Welt zurückgekehrt. Bei Graf Eberhard suchte er nun sein Brot. Den aber schmerzte es sehr, dass der Abt seinem Kloster und Orden untreu geworden und sich nicht schämte, so frei in weltlichen Kleidern zu verkehren. Er stellte ihn zur Rede und hielt ihm das künftige Gericht mit eindringlichen Worten vor. Der untreue Abt fiel dem Grafen zu Füßen, bat ihn dringend ihm die Rückkehr in den Orden zu erwirken. Mangold konnte auch wirklich mit Erlaubnis des Abtes von Stein in das von Eberhard neuerrichtete Kloster Allerheiligen in Schaffhausen eintreten und übte dort strenge Buße für seinen schweren Fehltritt. Als er gestorben war, wurde Graf Eberhard unruhig über dessen Los im Jenseits und glaubte zu seiner Befreiung aus den Qualen des Fegfeuers eine Wallfahrt nach Compostella in Spanien machen zu müssen. Seine Furcht und sein Bangen um Mangold schwand, ja ihm wurde es jetzt gewiss, dass seine Werke und seine Gebete bei Gott Wohlgefallen fanden. Aus dieser Gewissheit schöpfte er neuen Mut zu weiteren Werken der Tugend und beharrlichem Gebet. Und die persönliche Überzeugung, dass seine Tugendwerke Gott zur Ehre gereichten, dass sein Gebet von Gott nicht verschmäht werde, erfüllte ihn mit jener Ruhe und Sicherheit, die wir so sehr an den Heiligen bewundern. Wir Sünder haben bei all unserem Beten und Arbeiten zu Gottes Ehre mit dem ewigen Zweifel zu kämpfen: Ja, gereicht das wirklich zu Gottes Ehre, nützt mir das etwas für das Heil meiner Seele? Das sind Versuchungen und sie sind wie Bleigewichte, mit denen der Teufel die Seele beschwert, damit sie sich nicht frei aufschwingen könne zu Gott. Wie viele Menschen leiden unter dieser Last. Sie verliert sich nur, wenn wir trotz derselben und beharrlich mühen in Gebet und Tugendübung so wie unser seliger Eberhard. Schließlich heben wir uns doch frei empor und sollte es nicht auf dieser Erde sein, dann sicher im Jenseits, wenn wir des Leibes und seiner zur Erde niederziehenden Begierden ledig sind.

 

Schon vor der Wallfahrt nach Compostella trug sich Eberhard mit dem Gedanken sich im Kloster ganz Gott zu weihen. Er hatte bereits 54 Jahre hinter sich, konnte der Sorge um weltliche Dinge keinen Geschmack mehr abgewinnen, seine Seele suchte nach dem tiefsten Grund des Friedens, nach Gott und seinem Dienst. Er ordnete sein Vermögen und übertrug die Grafschaft seinem Sohn Burkhard. Dann eröffnete er sein Herz seiner Gemahlin, die ihm freudig zustimmte, war sie doch vom gleichen Wunsch beseelt. Gesagt, getan: Ida zog sich in das Kloster St. Agnes in Schaffhausen, das sie selbst gegründet hatte, zurück. Eberhard trat in sein Kloster Allerheiligen in Schaffhausen. Sechs Jahre noch lebte er dort. Demütig trug der das Joch des Gehorsams unter Abt Siegfried, führte beständig ein vollkommenes Leben des Gebetes, Fastens und der guten Werke. Am 25. März 1078 wurde er zum ewigen Lohn gerufen und mit Gott vereint, zu dem er sein ganzes Leben in Liebe gebrannt hatte.

 

Von all den guten Werken des seligen Eberhard berührt uns am wohltuendsten seine Sorge um das Seelenheil des Abtes Mangold. Übung der leiblichen und geistlichen Werke der Barmherzigkeit ist das äußere Kennzeichen eines praktischen Christentums. Die Pflicht der leiblichen Barmherzigkeit kann kein Christ übersehen, so eindringlich predigt sie die tägliche Not vor unseren Augen. Aber so viele Menschen unserer Zeit haben den Sinn für die geistlichen Bedürfnisse der Menschen verloren. Seelennot heißt mehr als Leibesnot. Freilich liegt sie nicht so offen zu Tage wie Leibesnot. Sie verlangt wirkliche, ernste Beschäftigung mit dem andern, damit man herausfühlt, was in der Seele des andern vorgeht. Hat einer einmal diesen Sinn für fremdes Seelenleben, dann sieht er vor sich ein weites Land von innerem Elend, innerer Verlassenheit, innerem Schmerz und Siechtum, ja seelischem Tod. Und kann man keine Brücke finden, die zum Nächsten führt, kann man sich nicht hineindenken und hineinleben in dessen Herz, ihm keinen mitfühlenden Blick schenken, keinen fröhlichen Gruß bieten, kein aufrichtendes Wort mit ihm sprechen, eines bleibt jedem Menschen, das wegen seiner Unscheinbarkeit und Allgemeinheit nicht die schwächste Hilfe, sondern höchste Kraft spendet, es ist das Gebet. Beten kann jedes Kind, beten kann der Mann der harten Arbeit, selbst das alte, kranke Mütterlein im Lehnstuhl. Durch das Gebet können alle beitragen zur Vollendung jenes großen Werkes, das der Gottessohn mit seinem Erdenleben begonnen, am Kreuz vollendet hat und in der heiligen Kirche fortsetzen lässt: Ertötung der Sünde und alles Elends, das mit ihr kam, Versöhnung der Welt mit Gott.