Die heilige Blandina von Lyon, Jungfrau und Märtyrin, + 2.6.177 – Festtag: 2. Juni

 

Noch in den Tagen der Apostel begannen im römischen Weltreich die blutigen Christenverfolgungen, die ihre stürmischen Wogen dreihundert Jahre lang durch alle Lande trugen. Unter den glorreichen Blutzeugen Christi ist auch das zarte Frauengeschlecht durch eine leuchtende Schar heldenmütiger Bekennerinnen vertreten. Ja die Einzelheiten, die uns durch echte und wahre geschichtliche Berichte gerade über den Leidenstod mehrerer christlichen Märtyrinnen überliefert sind, gehören zu den ergreifendsten Szenen jenes Kampfes, den die heidnische Staatsgewalt gegen das junge, wehrlose Christentum führte. Zu dieser Heldenschar christlicher Blutzeuginnen gehört auch die heilige Jungfrau Blandina, eine christliche Sklavin von Lyon.

 

Blandina war ein Zweiglein der kaum erblühten Kirche des südöstlichen Frankreichs (Gallien). Diese Kirche musste unter dem Kaiser Mark Aurel im Jahr 177 durch eine blutige Taufe hindurchgehen. Die Gemeinden von Vienne und Lyon haben selbst in einem ausführlichen, beim Geschichtsschreiber Eusebius erhaltenen Schreiben an die befreundeten Kirchen Kleinasiens und Phrygiens eine wahrheitsgetreue und ergreifende Darstellung der schweren Prüfungen gegeben, die über sie hereinbrachen. Unter der heidnischen Bevölkerung war es zum völligen Aufruhr gegen die Christen gekommen. Die gemeinsten Verbrechen wussten leichtfertige Anklagen und böswillige Verleumdungen ihnen anzudichten, um die Volkswut gegen sie zu entfesseln. Wo sie sich öffentlich zeigte, wurden sie mit Beschimpfungen und Drohungen, Tätlichkeiten und Misshandlungen überhäuft. Selbst in ihre Häuser drang der wütende Pöbel vielfach ein und verwüstete und plünderte sie. Statt den Aufruhr zu steuern, schürten die Behörden das Feuer. Sie setzten zahlreiche Christen gefangen, um sie dem römischen Statthalter bei seiner Ankunft zur Verurteilung auszuliefern, unter ihnen die jugendliche Sklavin Blandina, die zugleich mit ihrer Herrin im Kerker schmachtete. Gerade von Sklaven und Sklavinnen suchte man durch Anwendung grausamer Marter das Geständnis jener Verbrechen zu erpressen, die man den Christen zur Last legte. So kam es, dass Blandina, wie jenes Gemeindeschreiben ausdrücklich hervorhebt, besonders unmenschlichen Folterqualen unterworfen wurde. Doch statt des gewünschten Geständnisses gab sie auf alle Fragen nur die eine Antwort: „Ich bin Christin, bei uns geschieht nichts Böses.“

 

Ihre Gebieterin und die übrigen Mitgefangenen waren tief bekümmert, sie möchte sich, da sie klein und schwächlich war, den furchtbaren Folterqualen nicht bis zum Ende gewachsen fühlen. Doch wie staunten sie und priesen sie Gott, als sie jede neue Pein mit neuer Standhaftigkeit und Opferfreude überstand. „Durch sie“, bemerkt mit Recht der Bericht, „tat Christus kund, dass das in den Augen der Welt Niedere und Unscheinbare und Verächtliche von Gott der höchsten Ehre gewürdigt wird ob der übergroßen Gottesliebe, die in Macht und Kraft sich erweist und nicht mit eitlem Schein prunkt.“ Die Folterknechte quälten sie mit allen erdenklichen Folterarten und Foltergraden von der Frühe bis zum Abend. Sie mussten schließlich aufhören, weil der Leib der Dulderin bereits ganz zerfetzt und zerrissen war. Erstaunt fragten sie sich, wie es denn möglich sei, dass sie nach solchen Foltern überhaupt noch leben konnte. Doch es schien, als ob in den Feuergluten ihrer Christusliebe jeder noch so brennende Schmerz von außen untergegangen, als ob aus dieser Christusliebe mit jeder Folter neue Kraft zu deren Überwindung zugeströmt wäre.

 

Die Martyrer wurden wiederum in den Kerker zurückgebracht. Ohne Licht und Luft, ohne Ruhe und Schlaf mussten sie, die Füße in unnatürlicher Lage in die Löcher eines Balkens eingezwängt und eingeschraubt, die qualvollen Stunden in den dumpfen Gelassen zubringen. Viele von ihnen starben an den Folgen der Martern. Darunter auch der neunzigjährige Bischof Pothinus. Vor den Richter geschleppt, war er zuvor nach dem Verhör von der tobenden Menge ergriffen, mit Fäusten geschlagen und mit Füßen getreten, sodann halbtot ins Gefängnis eingeliefert worden.

 

Von den am Leben gebliebenen wurden mehrere dazu verurteilt, im Amphitheater zur Augenweide des Volkes den wilden Tieren vorgeworfen zu werden. Zu ihnen zählte Blandina. Während zwei ihrer Leidensgenossen von den Bestien zerfleischt wurden, stand sie mit ausgespannten Armen an einen Pfahl gebunden und betete mit lauter Stimme. Die übrigen glaubten in ihr die Gestalt des Gekreuzigten zu erblicken, der sie zur Standhaftigkeit im Leiden ermuntere. Keine der Bestien berührte die Heilige. Sie wurde daher in den Kerker zurückgeführt. Ihr Beispiel sollte noch länger die Glaubensbrüder zum Ausharren im Martyrium bestärken.

 

Am letzten Tag der Schauspiele wurde Blandina zusammen mit Pontikus, einem fünfzehnjährigen Knaben, wiederum ins Amphitheater geschleppt. Beide blieben standhaft. In der rührendsten Weise sprach die starkmütige Blandina dem Pontikus inmitten seiner Marter Trost und Mut zu, bis er unter den Händen seiner Peiniger den Geist aushauchte. Sie selbst wurde, nachdem sie mancherlei neue Qualen erduldet hatte, in ein Netz gespannt und einem wütenden Stier vorgeworfen. Dieser stürzte mehrmals auf sie los und schleuderte sie mit den Hörnern in die Luft. Ein Dolchstich in die Kehle machte dem grausamen Schauspiel ein Ende.

 

Die Leichen der heiligen Blutzeugen blieben sechs Tage unbeerdigt liegen. Sodann wurden sie auf einem Scheiterhaufen verbrannt und ihre Asche, um sie der Verehrung der Christen zu entziehen, in die Rhone geworfen.

 

Die Wut der Feinde hatte noch den letzten Erdenrest der heiligen Martyrer vernichtet. Den Lohn des Himmels und die Hoffnung der Auferstehung konnten sie ihnen nicht rauben. Welcher Trost für die ganze Kirche und für jeden einzelnen Bekenner Christi, der „um der Gerechtigkeit willen Verfolgung leidet“. Denn „fürchte nicht die, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchte vielmehr den, der Leib und Seele ins Verderben der Hölle stürzen kann“ (Mt 10,28).