Die heilige Berthilla (Bertila), Jungfrau und Äbtissin von Chelles, Frankreich, + 5.11.705 (692) - Fest: 5. November

 

Die heilige Berthilla, aus einem edlen Geschlecht in Soissonnais entsprossen, erblickte das Tageslicht unter der Regierung Dagoberts I., und erlangte durch ihre Frömmigkeit den wahren Adel der Kinder Gottes. Von frühester Jugend an entzog sie ihre Neigungen dem Irdischen, um sie ans Himmlische zu heften. Sie floh, so viel sie vermochte, die eitlen Lustbarkeiten der Welt, und beschäftigte sich einzig mit ernsthaften Gegenständen und besonders mit dem Gebet. Die Köstlichkeiten, die sie in der Unterhaltung mit Gott häufiger kostete, flößten ihr das Verlangen ein, gänzlich der Welt zu entsagen. Da sie sich aber hierüber ihren Eltern nicht zu eröffnen wagte, fragte sie den heiligen Audónus um Rat, der sie in ihrem frommen Vorhaben bestärken zu müssen glaubte. Inzwischen vereinigten sich beide im Gebet zum Vater der Erleuchtung, damit er sich würdigen möchte, seinen Willen auf eine deutlichere Weise kund zu tun; denn der Heilige wusste wohl, dass nichts wichtiger sei, als die Standeswahl; und dass man nicht ohne große Gefahren auf einem Weg gehen könne, den die göttliche Vorsehung nicht vorgezeichnet hat; dass uns die Eigenliebe durch ihre Truggewebe nur zu oft die wahren Beweggründe unserer Handlungen verschleiert; und dass der Geist der Finsternis sich nicht selten in einen Engel des Lichtes gestalte, um uns desto sicherer zu täuschen.

 

Nachdem sich Berthilla überzeugt hatte, dass ihr Beruf vom Himmel komme, zögerte sie keinen Augenblick mehr ihren Eltern zu offenbaren, was in ihrer Seele vorging. Gerührt durch die gottseligen Gesinnungen ihrer Tochter, erlaubten sie ihr, dem Ruf der Gnade zu folgen. Sie führten sie in das Kloster Jouarre in Brie, das kurz vorher der gottselige Ado, der ältere Bruder des heiligen Audónus, im Jahr 630 gestiftet hatte: da wurde sie mit mehreren Jungfrauen von Stand eingekleidet.

 

Die heilige Thelchilda, die man für eine in Faremoutier gebildete Klosterfrau hält, stand damals diesem Haus als erste Äbtissin vor. Sie nahm Berthilla mit Freude auf und unterrichtete sie in den Wegen der Vollkommenheit. Die junge Schwester, die die Einsamkeit als einen sicheren Hafen betrachtete, dankte unaufhörlich dem Herrn, dass er sie durch seine Barmherzigkeit aus den gefahrvollen Stürmen des Weltmeeres errettet hatte, dabei bedachte sie aber auch, dass sie nur in so ferne verdiene, eine Braut Jesu zu sein, als sie sich bemühen würde, den mühevollen Weg der Demütigungen und Selbstverleugnungen zu gehen, auf dem er allen, die ihm folgen wollen, vorangegangen war. Sie suchte sich daher tief unter all ihre Schwestern zu erniedrigen, sich unwürdig erachtend unter ihnen zu leben. Da inzwischen ihre Klugheit und Tugend ihren Jahren weit vorangeschritten waren, vertraute man ihr das Amt an, die Fremden zu empfangen, dann für die Verpflegung der Kranken zu sorgen, und endlich über das Betragen der Kinder zu wachen, die im Kloster auferzogen wurden. Alle diese Ämter verwaltete sie so gut, dass man sie hierauf zur Priorin erwählte, um die Äbtissin in der Leitung der Genossenschaft zu unterstützen. Nun erstrahlte ihr Gottseligkeitseifer in neuem Glanz. Ihr Beispiel ermunterte alle Schwestern, und sie würden nicht ohne Schamröte eine Satzung übertreten haben, die ihre Priorin mit so viel Treue beobachtete.

 

Zu dieser Zeit ließ die heilige Bathilde, Clodwigs II. Gemahlin, die Abtei Chelles, im Bistum Paris, die von der heiligen Clotilde gestiftet worden war, wieder aufbauen. Um nun in dieser neuen Genossenschaft eine vollkommene Lebensweise einzuführen, bat sie die Äbtissin von Jouarre, ihr einige ihrer Schwestern zu schicken, die durch ihre Tugend und ihre Erfahrung den beabsichtigten Zweck befördern könnten. Berthilla wurde demnach an die Spitze einer neuen Pflanzung gestellt, und gegen das Jahr 646 zur ersten Äbtissin von Chelles gewählt; und bald verbreitete sich ihr Ruf in weiter Ferne. Sie zählte unter ihren Mitschwestern mehrere ausländische Prinzessinnen. Unter diesen war auch Hereswitha, Königin der Ostangeln, eine Tochter Hererichs, Bruder oder Schwager desw hl. Edwin, des Köänigs der Northumberer. Der fromme König Anna, an den sie verehelicht war, gab seine Einwilligung, dass sie sich von ihm trennte, um dem Klosterleben sich zu widmen. Sie ging herauf nach Frankreich im Jahr 646, und starb im Ruf der Heiligkeit zu Chelles, wo sie den Schleier genommen hatte. Ihr Fest ist im englischen Martyrologium von Wilson auf den 20. September verzeichnet.

 

Die heilige Bathilde war 655 Witwe geworden, und stand nun als Regentin dem Reich vor; da aber ihr Sohn, Clotar III., seine Volljährigkeit erreicht hatte, zog sie sich nach Chelles zurück, und legte die Gelübde ab. Sie lebte unter der Leitung der heiligen Berthilla bis in das Jahr 680, wo der Herr sie in das bessere Leben rief.

 

Obgleich auch die Genossenschaft zu Chelles sehr zahlreich und die meisten Klosterfrauen von hohem Adel waren, wurde der Friede doch niemals gestört. Alle strebten mit heiligem Wetteifer, sich wechselseitig in der Demut, Sanftmut, Abtötung und Liebe zu übertreffen. Berthilla, die unter ihren Töchtern zwei große Königinnen sah, suchte sich durch nichts als ihre Liebe zur Vollkommenheit auszuzeichnen. Sie bewies durch ihr Beispiel, dass man nicht wohl zu befehlen verstehe, wenn man nicht wisse gehorsam zu sein. Diese glückliche Seelenstimmung bewahrte sie vor dem Stolz, und allen damit verbundenen Fehlern. 46 Jahre lang stand sie der Genossenschaft mit ungeschwächter Kraft und gleicher Klugheit vor. Die Gebrechen des Alters, weit entfernt ihren glühenden Eifer zu vermindern, steigerten ihn vielmehr mit jedem Tag. Sie starb 692 (705).

 

Wer wahrhaft der Welt entsagt hat, lässt sorgenlos ihre Herrlichkeit seinen Blicken vorübergehen; verachtet ihre nichtigen Bestrebungen; betrachtet ihr tausendfaches Elend, das unter allen Gestaltungen erscheint, ist auf seiner Hut vor ihren verführerischen Schlingen, und weist ihre schmeichelnden Lockungen samt allen Reizen ihrer unseligen Freuden zurück, wodurch so viele Seelen in das ewige Verderben gestürzt werden. Wie einer, der den sicheren Hafen erreicht hat, betrachtet die Gott geweihte Seele das stürmende Meer, von dessen Fluten die unglücklichen Weltkinder, nach mühevollem Kampf, verschlungen werden. Nur die retten sich vom Untergang, deren Seele den Flug nach dem Himmlischen nimmt, ohne sich von irdischen und ungeordneten Leidenschaften zurückhalten zu lassen.