Der heilige Bernhard von Corleone, Kapuziner-Laienbruder, Italien, + 12. Januar 1667 - Fest: 12. Januar

 

Zwei Wege führen die Menschenseele auf ihrer Erdenpilgerschaft heimwärts zum ewigen Vaterland – der Weg der Unschuld und der Weg der Buße. Weiße Lilien und rote Rosen umsäumen den Engelsweg der Unschuld, während auf dem schmalen Büßersteig viel Dornen und Passionsblümlein stehen. Doch aus den Dornen der wahren Buße blüht auch die herrliche Christrose echter Tugend und Vollkommenheit.

 

Da klopfte einst im Jahr 1632 an die Pforte eines armen Kapuzinerklosters der berühmte und berüchtigte Philipp Latini, der „beste Haudegen“ auf der Insel Sizilien.

 

Groß und stark, kühn und ehrgeizig, hatte ihm einst das ruhige Sitzen auf dem Schusterdreibein seines Vaters nicht behagt. Die friedliche Schusterahle gefiel ihm weniger als der klingende Degen. Mit dem Waffenhandwerk dachte er eher sich Ruhm, Reichtum und Weltglück zu erobern. Bald war der junge Mann als der beste Raufer weit und breit gefürchtet. Jeden Kampf nahm er auf und immer blieb er Sieger. Waffenruhm und Ehrgeiz berauschten den „tollen Philipp“. In dieser Selbsttäuschung betrachtete er die wilden und ärgerlichen Streiche seines unchristlichen Lebenswandels als „Heldentaten“, die immer mehr überboten werden mussten.

 

Und doch war in dem wilden Fechtmeister noch ein Fünklein christlicher Gesinnung. Zur Sühne seiner Sünden und Taten stiftete er eine stets brennende Lampe vor einem Kruzifixbild. Kaum hatte Philipp von Klagen gehört, dass arme Mädchen und Frauen, die abends von der Arbeit auf den Feldern in die Stadt zurückkehrten, von der verwilderten Soldateska schwere Übergriffe zu erleiden hätten, so übernahm er ritterlich ihren Schutz. Wo ein Hilferuf erscholl, war er zur Stelle. Klingen kreuzten, Funken sprühten. Mit schwerer Wunde bezahlte jeder Frevler sein Unterfangen. Allein Gottes Vorsehung hatte den Haudegen zu Höherem bestimmt. „Jedem ist sein Tag beschieden!“ und auch der Fechtmeister brachte Kampf und Streit zu rechtem Frieden. Bei einem Waffengang mit einem Gegner lieferte er noch ein Meisterstück, so dass dieser schwer verwundet liegen blieb. Philipp musste aus der Stadt Palermo flüchten – gerade in die Arme Gottes. Eine Gnadenerleuchtung ließ ihn erkennen, dass der Mensch nicht über dem Leib die Seele, nicht über der Erde den Himmel vergessen dürfe, nicht über der kurzen Zeit die lange, lange Ewigkeit. Auf demütiges und inständiges Bitten hin empfing dann der Haudegen das arme Ordenskleid der Kapuziner und wurde mit dem Ordensnamen Bernhard der großen Armee der Streiter Jesu Christi einverleibt, um unter dem sieghaften Zeichen des heiligen Kreuzes ein stilleres, aber noch rumvolleres Heldentum zu beginnen.

 

Mit heldenmütigem Erstlingseifer brach Bruder Bernhard mit seinen bisherigen Weltleben in Ehrsucht, Vergnügungssucht und dem Streben nach irdischem Reichtum. Die drei Ordensgelübde der heiligen Armut, des Gehorsams und der Keuschheit nahm er sich als Richtpunkte in dem schweren, langwierigen Kampf gegen den Weltgeist in seinem Leib und in seiner Seele. Auf diesem harten Kreuzweg der Buße musste er den Himmel mit heiliger Gewalt erstürmen.

 

In welche Gefahr hatte er doch bisher seine Keuschheit gebracht durch allzu große Weichlichkeit und Sinnlichkeit seines Lebens! Zur Buße dafür ließ er jeden Tag siebenmal seine schreckliche Bußgeißel auf das verweichlichte Fleisch niedersausen. Im Eifer der Selbstüberwindung und Abtötung verwandelte Bruder Bernhard sein ganzes Leben in eine beständige Fastenzeit, sühnte seine frühere Lüsternheit durch das Versagen jeglicher Ergötzung der Gaumenlust und freudige Hinnahme von körperlichen Schmerzen. Einige mitleidige Mitbrüder ersuchten den Büßer einst, sein Folterbett für die drei Stunden Nachtruhe etwas bequemer zu gestalten, allein der Heilige gab zur Antwort: „Der Weg zum Paradies ist auch eng und schmal.“ Strenge Behutsamkeit der Augen, Leben in Gottes Gegenwart, heilige Zurückhaltung und die körperlichen Bußwerke bildeten den Dornenzaun, in dessen Schutz die Lilie der Keuschheit wohlverwahrt blühte. Diese Tugend der Herzensreinheit gab dem demütigen Bruder auch oft eine heilige Energie ein und flammenden Eliaseifer, wenn er mit den Donnerworten prophetischer Strafdrohungen lasterhafte Menschen von ihrem Sündenleben abschreckte.

 

Stolz und selbstbewusst hatte der frühere Fechtmeister als „Herrenmensch“ sich aufgespielt, jede vermeintliche Beleidigung blutig gerächt und sich darob wegen seiner scheinbaren Selbstherrlichkeit bewundert. Im Orden des heiligen Franziskus lernte er nun allmählich die schwere Kunst, demütig und sanftmütig zu werden und sich unter das christliche Joch des freiwilligen Gehorsams zu beugen. Nicht als ob diese Umwandlung ohne Schwierigkeiten und Wehen bei Beleidigungen wieder auf, allein Bruder Bernhard strafte sich für gereizte Worte so schwer, dass diese Äußerungen des Hochmutes schließlich ganz verschwanden. Bei all seinem Tugendstreben ließ er sich von einer erleuchteten Klugheit leiten und vermied so die Gefahren des aszetischen Eigensinnes und Tugendstolzes, der oftmals vor dem Fall kommt. Sobald der Gehorsam ihm Fasten und Bußübungen verbot, ließ er mit heiliger Gleichmütigkeit davon ab. Wurde der Befehl wieder zurückgenommen, begannen sie wieder in heldenmütiger Freude.

 

Woher nun schöpfte der ungelehrte Bruder diese Wissenschaft der Heiligen? Unkundig des Lesens gab er sich einst auf den guten Rat anderer hin viel Mühe, die Anfangsgründe zu erlernen, um geistliche Bücher lesen zu können. Um die gleiche Zeit betete Bernhard vor einem Bild des Gekreuzigten, ganz in Andacht und mystische Ekstase versunken, da hörte er aus dem Mund des Gekreuzigten deutlich die Worte: „Bernhard, dein Buch seien meine Wunden!“ Diese Vision entfachte aufs Neue den Eifer, in dem großen Buch des Leidens Christi recht zu lesen, bis sich ganz die Loslösung von dem sündhaften Selbst und die Umbildung in Christus vollzogen hätten.

 

Einstmals suchte Philipp Latini sein Lebensglück in den Scheingütern dieser Welt, als Bruder Bernhard fand er das wahre Glück in dem geistlichen Reichtum der freiwilligen Armut. Aus dem Schatz dieser seiner christlichen Welt- und Himmelserfahrung teilte er gerne aus, um kleinmütige Seelen zu trösten und aufzumuntern. "Höret", sagte er bei einer geistlichen Unterredung einmal, „der Ordensstand ist ein schöner Garten, der den Augen der göttlichen Majestät in seiner Mannigfaltigkeit sehr angenehm ist. Unter den Religiosen soll darum der eine sich auszeichnen in der Demut, der andere in der Armut, jener in der Bußfertigkeit und Abtötung, dieser im Gehorsam und in der Unterwürfigkeit, einige obliegen den Werken der Liebe, andere der Betrachtung und dem hohen geistlichen Leben. Sei nun einer minder oder mehr, so sind doch alle dem himmlischen Gärtner angenehm und wohlgefällig. Lasst uns daher seinem göttlichen Willen uns ergeben und jenen geistlichen Weg gehen, den er selbst uns zeigt, auch zufrieden sein mit dem, was er uns gibt, das Verlangen aber nach dem, was er zu größerem Nutzen uns entzieht, ihm zum Opfer bringen.“

 

Fünfunddreißig Jahre büßte der frühere Fechtmeister in seiner heroischen Weise die Fehler seiner wilden Jugendjahre, schritt auf dem Weg der Buße stetig vorwärts, aufwärts, himmelwärts, bis er dann kurz nach seinem Tod einem großen Diener Gottes in strahlender Himmelsherrlichkeit erschien und jubelnd ausrief: „O selige Verleugnung des eigenen Willens! O seliges Fasten und Wachen! O selige Bußfertigkeit!“

 

Auf dem Weg der Unschuld oder auf dem Weg der Buße muss jede Seele zum Himmel pilgern. Ach wie viele lassen sich vor täuschenden Irrlichtern weglocken vom Unschuldspfad und müssen langsam und mühsam auf dem Bußweg sich emporarbeiten. Nur Mut und Vertrauen, liebe Seele! Du findest schon den rechten Himmelsweg:

 

„Hast den ersten du verlassen,

Walle standhaft auf dem andern!

Hier auch wird es einmal tagen,

Und die Friedenssonne grüßen.

Harre! Hoffe! Bald siegst du!

Selig sind, die reuvoll büßen!“

 

Bernhard von Corleone wurde am 5. Mai 1768 seliggesprochen und von Papst Johannes Paul II. am 10. Juni 2001 heiliggesprochen.