Der heilige Bernardin von Siena, Priester und Bekenner, + 20.5.1444 - Fest: 20. Mai

 

An Mariä Geburt im Jahre 1380 kam Bernhardin als Kaufmannssohn zu Siena in Mittelitalien zur Welt. Weil er mit sechs Jahren bereits Vollwaise war, sorgten in der Folgezeit ein paar Tanten für den Jungen, der stets wie ein Wiesel umher lief, ständig heiter und fröhlich zwitscherte wie ein Spatz und immer auch einen Streich im Sinn hatte. Er war sozusagen der Schrecken seiner Tanten. Aber trotzdem konnte man ihm nicht böse sein, weil man über seine Ideen eher lachen musste. Nur wenn die Kameraden wüste Reden führten und fluchten, da machte Bernhardin nie mit. Solche Worte ekelten ihn förmlich an.

 

Als Bernhardin zwanzig Jahre alt war, kam die Pest nach Siena. Viele Menschen starben an dieser ansteckenden und damals unheilbaren Krankheit. Aus Furcht vor der Ansteckung kümmerte sich niemand um die Kranken. Das konnte Bernhardin nicht mit ansehen. Todesmutig pflegte er die Leidenden, stand den Sterbenden bei und begrub die Toten, wochenlang.

 

Man muss es als ein Wunder ansehen, dass der heldenhafte Krankenpfleger und Totengräber nicht selbst von der Pest ergriffen wurde. Aber wenn ihn die Seuche auch verschonte, so brach er doch infolge der Überanstrengung im Dienst der Nächstenliebe zusammen. Er schwebte lange Zeit zwischen Leben und Tod, und als er doch wieder gesund wurde, hatte er, der die Schrecken des Todes bei sich und bei vielen anderen erlebt hatte, von der Welt genug. Bernhardin trat in den Franziskanerorden ein. Mit vierundzwanzig Jahren erhielt er die heilige Priesterweihe, und dann vergrub er sich in die Einsamkeit und las das Buch der Bücher, die Heilige Schrift. Zehnmal las er das Buch von der ersten bis zur letzten Seite, langsam und besinnlich, und trank dabei den Strom des Gotteswortes in sich hinein, so dass er ganz davon erfüllt wurde. Dann verließ er die stille Klosterzelle und wanderte von Kanzel zu Kanzel durch Mittelitalien als der größte Prediger seiner Zeit.

 

Es war damals eine brutale und böse Welt. Hass und Feindschaft regierten überall. Mord und Totschlag galten als Alltäglichkeiten. Spielwut, Maßlosigkeit, Trunksucht waren die Regel. Die Armen wurden unterdrückt und getreten, und die Wucherer ließen sich Zinsen bis zu achtzig Prozent zahlen. Mit einem Wort gesagt, man hatte die Zehn Gebote Gottes abgeschafft und dadurch die Säulen umgestürzt, auf denen die Welt steht. Der Bankrott der Menschheit stand vor der Tür.

 

Bernhardin von Siena war es, der den drohenden Bankrott verhütete. Mit dem Ernst und der Wucht eines Propheten geißelte er auf ungezählten Kanzeln überall im Land die herrschenden Laster. In großen Scharen drängte sich das Volk zu den Predigten des feurigen Franziskaners, der unerschrocken und ohne Pause den Zehn Geboten durch sein Wort wieder Geltung verschaffte. Nicht selten ereignete es sich, dass die Leute nach Bernhardins zündenden Reden Spielkarten und Würfel, schlechte Bücher und Bilder und anderes unnützes Zeug auf den Marktplätzen öffentlich verbrannten.

 

Da traten an die Stelle der ausgelassenen Gelage kirchliche Festfeiern und an die Stelle brutaler Volksbelustigungen Prozessionen und Wallfahrten. Darlehnskassen, die Bernhardin einrichtete, unterbanden den grauenhaften Wucher. Für die Armen und Kranken gründete er Heime und Pflegestätten. Der Sittenlosigkeit begegnete er dadurch, dass er sich eifrig für die Verehrung der Gottesmutter Maria einsetzte. Und den weitaus größten Erfolg hatte er gegen das grobe Schimpfen und Fluchen zu verzeichnen, denen er den heiligsten Namen Jesus entgegenstellte. Bernhardin von Siena war es, der die Andacht zum Namen Jesus mächtig gefördert hat. Von ihm stammt übrigens das bekannte Namen-Jesus-Zeichen IHS, das in den katholischen und evangelischen Kirchen und auf Bildern oft zu finden ist und das man in Deutschland mit „Jesus, Heiland, Seligmacher“ deutet.

 

Im Namen Jesus hat Bernhardin von Siena stets gepredigt, und in diesem Namen hat er die großartigen Erfolge errungen, mit denen sein Wirken gesegnet war. Sein Wirken war aber auch deswegen begnadet, weil hinter den Worten des Predigers ein heiliger Mensch stand. Als ihn, den erfolgreichsten Redner seiner Zeit, einst ein Priester fragte, auf welche Art man am besten predige, gab Bernhardin die bedeutsame Antwort: „Tue selbst zuerst, was du lehrst, dann ist dein ganzes Leben eine Predigt.“