Die heilige Anastasia, Martyrin von Rom, + 253-260 - Fest: 28. Oktober

 

Diese Heilige war die Tochter einer vornehmen römischen Familie, verließ aber ihr elterliches Haus und alle Ansprüche an die Welt, um in einem Kloster Gott zu dienen. Hier bekam sie von einer heiligen Lehrerin, namens Sophia, alle Unterweisung und Anleitung zu einem gottgefälligen, vollkommenen Leben. Es scheint aber, dass die Angehörigen der heiligen Anastasia noch Heiden waren, denn nachdem sie sie vergebens aufgefordert hatten, wieder in die Stadt zurückzukehren, klagten sie Atanasia bei dem Statthalter Probus an, sie bete einen gewissen Christus als Gott an, sie verachte die Ehe, führe eine besondere Lebensweise und verleite auch andere Mädchen dazu.

 

Die abgeschickten Gerichtsdiener brachen mit viel Lärm die Tür des Hauses auf, wo die christlichen Jungfrauen beisammen wohnten und fragten nach Anastasia. Die Vorsteherin Sophia ahnte sogleich, was dies zu bedeuten habe und bat die Soldaten, ein wenig zu warten. Dann eilte sie mit Tränen zu Anastasia und sprach ungefähr so: „Liebste Tochter, seit du als Mädchen zu mir gekommen bist, habe ich nichts unterlassen, dich zur Gottseligkeit anzuleiten. Jetzt bist du darin mündig geworden, gehe nun dem Herrn fröhlich entgegen. Ich verlobe dich dem Herrn; siehe, die Brautführer sind schon da. Gehe auf dem schmalen Weg des Martyriums zur seligen Ruhe. Denn es ist billig, liebe Tochter, nicht nur für Christus zu leiden, sondern, wenn es sein muss, hundertmal zu sterben. Wenn er als Herr für uns gestorben ist, warum sollen wir als Diener nicht von Herzen gern auch für ihn sterben? Aber für Christus sterben ist eigentlich kein Tod, sondern ist Fröhlichkeit, Freude, Lust, Ruhm, Schönheit und viel süßeres Leben als das irdische. Denn dort ist alles verderbensfrei, fest und beständig, ewig und unaufhörlich. Siehe, meine Tochter, nicht auf die Grausamkeit der Marter, denn dein Heiland Christus wird selbst da sein, die Schmerzen erleichtern und dir beistehen. Und wenn du auch dabei Qualen fühlst, damit dein Glaube und deine Geduld erprobt werden, so wird er am Ende doch die Schmerzen erleichtern und dafür wird dir aufgehen Trost, Licht, Leben und Herrlichkeit.“ – Darauf antwortete die Jungfrau, sie wolle mit der Gnade Gottes den Martern entgegengehen und bitte nur ihre geistliche Mutter recht sehr, ihr die Gnade der Standhaftigkeit vom Herrn zu erflehen.

 

Während beide sich noch unterredeten, stürzten die Soldaten ins Zimmer, rissen die heilige Anastasia wie ein Lamm von der Mutter, legten ihr ein Halseisen an und führten sie zum Statthalter. Hier nun stellte sie sich im Geist vor ihren geliebten Heiland und schaute seine unbeschreibliche Herrlichkeit an. Alle Umstehenden betrachteten mit Erstaunen die Schönheit und würdevolle Haltung der Jungfrau. Probus redete sie an und sprach: „Wie ist dein Name?“ - Sie antwortete: „Anastasia (Auferstehung), denn Gott machte mich aufstehen, damit ich dich und deinen Vater zuschanden mache.“ – Da Probus gleich im Anfang die Jungfrau so entschlossen und scharf antworten hörte, wollte er ihr mit Schmeichelei beikommen und ihre Härte erweichen, denn er ahnte nicht den diamantfesten Glauben dieser jungfräulichen Seele; er sprach deshalb zu ihr: „Ich rate dir, o Tochter, wähle das Vorteilhafte; halte dich zu den großen Göttern und opfere ihnen mit uns. Man wird dich dann auch mit einem der vornehmsten Männer verehelichen, Gold und Silber, Kleider, Sklaven wirst du im Überfluss haben und du wirst in großem Ansehen stehen. Überlege nun und wähle das, was einer so schönen und edlen Person geziemt; reize aber meinen Zorn nicht und lerne nicht aus Erfahrung kennen, was für Unheil die Gottlosigkeit bringt. Ich meine es gut mit dir wie ein Vater; wenn du aber auf meinen Rat nicht hören willst, so wirst du ebenso meine Strenge inne werden, wie du jetzt noch meine Güte siehst; wenn es dich dann auch reuen wird, so wird es dir vielleicht nichts mehr helfen.“

 

Bei diesen Worten dachte Anastasia an die mütterlichen Ermahnungen ihrer Lehrerin Sophia und antwortete darauf: „Mir, o Richter, ist Christus Bräutigam und Reichtum und Leben. Den Tod aber für ihn leiden, das ist mir lieber als alle Freuden der Welt. Feuer aber und Schwert, Geißeln und Abreißen der Glieder und was ihr sonst an Martern ausdenken möget, all dieses ist mir eher eine Lust als eine Pein im Andenken an Christus, und ich wünsche nicht nur solches für ihn zu leiden, sondern auch, wenn es sein könnte, tausendmal zu sterben. Du brauchst dich nicht anzustellen als habest du Bedauern mit der Schönheit meines Leibes, welche wie die Blume des Feldes verwelkt; tue nur, was in deiner Gewalt und deiner grausamen Gemütsart liegt, denn ich werde niemals hölzerne oder steinerne Götter anbeten.“ – Ergrimmt über diese Antwort schlug ihr der Statthalter ins Gesicht, dann riss er ihr die Kleider herab und sprach zu ihr: „Solche Schmach und Schande gebührt dir, aber besinne dich noch, lass von deinem Unsinn, wende dich zu den gütigen Göttern und richte deine Schönheit nicht vor der Zeit elend zugrunde. Denn wenn du nicht gehorchst, wird dich niemand meinen Händen entreißen, sondern, stückweise zerschnitten, werde ich dich den wilden Tieren zum Fraß vorwerfen. Das darfst du mir sicher glauben.“

 

Bevor wir mit der Erzählung fortfahren, betrachten wir zuerst den Zustand, in dem Anastasia sich befand. Alles, was vor der Welt Schande bringt, häufte sich bei ihr aufeinander. Eine sittsame Jungfrau von vornehmer Familie wird von Soldaten wie eine Verbrecherin mit einem Halseisen über die Straßen ihrer eigenen Vaterstadt geführt, wo man sie kennt. Vor Gericht wird sie vom höchsten Beamten ins Gesicht geschlagen – und was am ärgsten und unerträglichsten zu sein scheint, sie wird der Kleider beraubt im Angesicht aller, die bei der Gerichtssitzung anwesend waren. Dies war allerdings eine ganz entsetzliche Behandlung und, wie es scheint, die größte Schmach und Schande. Überlegt man aber die Sache genauer, so verhält es sich also: Es gibt Dinge, welche vor Gott und der Welt eine Schande sind, z.B. grobe Betrunkenheit, Diebstahl; ferner gibt es Dinge, die vor Gott eine Schande sind, aber vor der Welt nicht, z.B. Üppigkeit, Hoffart, Unbotmäßigkeit; schließlich aber gibt es Dinge, welche große Schande vor der Welt sind, vor Gott und wahren Christen aber die höchste Ehre. Dies war der Fall bei Anastasia, weil sie gerade wegen ihres standhaften Glaubens und ihrer treuen Liebe zu Christus so schmachvoll behandelt wurde. Vor Gott ist eigentlich nur die Sünde eine Schande; wenn du dagegen der Religion wegen Spott oder Verachtung oder schmachvolle Behandlung zu tragen hast, so wird das deinen Ruhm und deine Ehre im Himmel sein. Wer sich aber aus Furcht vor Schande von religiösen Übungen oder offenem Bekenntnis abhalten lässt, der wird einmal vor dem höchsten Gericht, vor Gott, zuschanden werden.

 

Anastasia antwortete dem Statthalter: „Dass ich entkleidet bin, das ist für mich keine Schmach und Schande, der Herr bekleidet mich dafür mit Gerechtigkeit und Wahrheit. Übrigens da du mir mit dem Tod drohst, so sage ich dir, er ist mir ganz erwünscht und ich bin bereit dazu, und du erweist mir eine Wohltat, wenn du mir die Glieder zerreißen lässt. Denn wie ich da bin, so gehöre ich meinem Schöpfer und wünsche, dass er in allen meinen Gliedern verherrlicht werde, damit sie vor seinem Richterstuhl durch das Bekenntnis verklärt erscheinen.“ Über diese Rede war der Richter mit allen Zuschauern höchst betroffen; dann aber schritt er zur Marter. Er ließ sie über der Erde an vier Pfählen waagrecht anbinden, unter dem Leib ein Feuer aus Reis, Öl, Pech und Schwefel anzünden, zugleich mussten drei Männer auf ihren Rücken mit Gerten hauen.

 

Während also ihr Rücken zerfleischt, das Eingeweide aber gebraten wurde, so dass das Blut von dem Feuer vertrocknete, da war Anastasia ganz in das Gebet und in Gott versunken und löschte damit die Glut der Schmerzen aus. Da befahl nun der Wüterich sie auf das Rad zu leben. Dieses wurde durch eine Maschine in Bewegung gesetzt, so dass ihr die Gebeine davon zerbrochen und Nerven und Muskeln so auseinandergezogen wurden, dass der ganze Körper seine natürliche Gestalt verlor. Sie aber betete: „Gott der Götter, Gott der Stärke, Gott meines Heils, von dem meine Geduld kommt, auf den meine Seele vertraut, Burg meiner Tapferkeit, meine Zuflucht, gib nun auch Hilfe in der Not! Gott, der du mich gürtest mit Kraft, mein Gott, verlass mich nicht!“

 

Nachdem Anastasia so gebetet und wieder von dem Rad herabgekommen war, sah man keine Wunden mehr an ihr. Obschon aber dem verblendeten Richter ob diesem Wunder die Augen hätten aufgehen sollen, blieb er dennoch blind und verstockt und gleichsam trunken vor Wut und Grausamkeit befahl er, sie wieder an das Holz zu legen und mit eisernen Haken zu zerfleischen. Während sie aber ihre Seele zu Gott wandte, wurde ihr wieder wunderbare Hilfe zuteil; sie selbst fühlte keine Schmerzen, während die Henkersknechte schon von dem Martern müde waren. Darüber kam der Statthalter ganz außer sich, er wusste nicht, was er machen sollte, sprang mehrmals von seinem Sitz auf und raste förmlich.

 

In seiner Verwirrung verfiel er auf eine Grausamkeit, die ihm der Teufel eingab, er ließ nämlich der Jungfrau, wie es einst der heiligen Agatha geschehen war, die Brüste abschneiden. Aber die Liebe Jesu war so groß in Anastasia, dass sie diese Qual verachtete. Um alles zu versuchen, ließ ihr der Tyrann die Nägel ausreißen. Aber wie wenn sie keinen Schmerz empfände, dankte sie Gott noch lauter, dass er sie gewürdigt habe, für ihn zu leiden; zugleich nannte sie die heidnischen Götter Geister der Finsternis und des Verderbens. Dies konnte der Statthalter nicht mehr anhören und gab deshalb den Befehl, ihr die Zunge herauszureißen, ebenso auch die Zähne. Zuvor sagte die Jungfrau Gott ihren letzten Dank und bat ihn um Hilfe, das Martyrium gut zu enden, streckte selbst die Zunge heraus und ließ sie mit dem Messer abschneiden, ebenso wurden ihr die Zähne ausgebrochen. Und der Mund, welcher vorher das Lob Gottes in Worten verkündet hatte, verkündete es jetzt durch einen Strom von Blut.

 

Da sie ohnmächtig zu werden drohte, reichte ihr ein Christ namens Cyrillus Wasser. Mit diesem Becher frischen Wassers kaufte er ein kostbares Gut, nämlich die Marterkrone. Denn als der Statthalter Probus sah, dass jener nicht sowohl aus natürlichem Mitleid der Jungfrau zu trinken gegeben habe, als vielmehr weil er ein Glaubensgenosse war, ließ er ihn auch mit dem Tod bestrafen, und dann die Märtyrerin mit dem Schwert enthaupten; der Leichnam wurde aber aufs freie Feld hinausgeworfen.

 

Als die heilige Anastasia ergriffen und zur Marter geführt wurde, wurde ihre Lehrerin Sophia von großer Bangigkeit und Angst gequält, ob die zarte Jungfrau sich schwach zeige und aus Schrecken vor den Qualen den Glauben verleugne. Deshalb warf sie sich zur Erde und flehte in feurigem Gebet und mit heißen Tränen inständigst zu dem Herrn, dass das Mädchen nicht wankend werden möge. Da aber Anastasia durch den Martyrertod die herrliche Krone gewonnen und zur himmlischen Heimat eingegangen war, wurde das der angstvollen Lehrmeisterin geoffenbart und ihr Herz mit Trost und Freude erfüllt. Sie suchte und fand dann auch die Überreste, warf sich darüber hin, küsste alle Glieder, benetzte sie mit ihren Tränen und rief: „Süßeste Tochter, die ich in Übungen, im Stillschweigen und Arbeiten schön erzogen habe, ich sage dir Dank, dass du die mütterlichen Vorschriften nicht verachtet hast, dass du gehalten, was du versprochen. Jetzt stehst du vor deinem Bräutigam Christus, im Kleid der Jungfrauschaft, geziert mit den Zierden des Martyriums, gekrönt mit dem Diadem kostbarer Edelsteine. Nun wohnst du im Haus der Herrlichkeit Gottes. Darum bitte ich dich, liebste Tochter und geistliche Mutter – denn so dich zu nennen ist mir angemessener, - sei mir in diesem kurzen, hinfälligen Leben eine gute Pflegerin meines Alters und bitte für mich, dass ich auf dieser Wanderschaft in das ewige Leben zu unserem gemeinsamen Herrn gelange.“ Hierauf beerdigte sie mit Hilfe zweier Männer die heiligen Überreste der Märtyrerin.