Der selige Alois Stepinac, Erzbischof von Zagreb, Kardinal, Martyrer, + 10.2.1960 – Gedenktag: 10. Februar

 

Der Gefangene von Lepoglava

 

(von Dr. Franz Bergmann, aus „Die Furche, Wien, 1.1.1951)

 

So manchem Pilger, der im Heiligen Jahr (1950) nach Rom kam, mag im Straßenbild der Ewigen Stadt eine Gruppe von jungen Männern in hellroten Talaren aufgefallen sein. Es waren Theologiestudenten des „Germanicums“, die nach alter Tradition rot bekleidet sind. „I Rossi“, „die Roten“, nennt sie der römische Volksmund.

 

Während der Kriegsjahre beherbergte das Innsbrucker Canisianum die Studierenden und Professoren des „Collegium Germanicum“, des „Deutschen Kollegs“. Als sie nach Kriegsende nach Rom zurückkehrten, hielt man es, um nicht eine antideutsche Stimmung beim Anblick der Theologen des Collegium Germanicum zu wecken, für geraten, ihren roten durch den üblichen schwarzen Talar zu ersetzen. Doch die Stadtväter von Rom waren anderer Ansicht und ersuchten bald den Rektor des Hauses, die Germaniker sollten doch wieder ihre roten Talare tragen, sie gehören nun einmal so sehr zu Rom, dass man ihren Anblick nicht missen wolle. Seit dieser Zeit ist der hellrote Theologentalar wieder zu den Eigentümlichkeiten Roms geworden. Wenn man im Frühling über den Pincio wandert, hat es einen eigenen Reiz, gelegentlich dem leuchtenden Rot einer Gruppe raschen Schrittes zwischen den Büschen der Anlagen wandernder Germaniker zu begegnen. Ihre Tracht, der rote Talar mit dem schwarzen Zingulum, geht noch auf die Gründungszeit des berühmten Instituts vom Jahr 1552 zurück. Sie ist ein Unikum in der buntbewegten Stadt, so wie überhaupt das „Deutsche Kolleg“ ein Unikum ist. Es gibt in der Ewigen Stadt neben den großen Ordenszentralen 30 Nationalkollegien, die Priesterseminare der Franzosen, Engländer, Nord- und Südamerikaner, Portugiesen, Spanier, Griechen, Schotten und Ruthenen. Ihre Studierenden unterscheiden sich durch die verschiedene Farbe des Zingulums, aber nicht ihre Talare. Sie alle erhalten hier im Zentrum der katholischen Kirche in Harmonie mit der Überlieferung und im Geist ihres Heimatlandes ihre religiöse und geistige Formung. Von den meisten Studenten der Kollegien werden die theologischen Vorlesungen an der „Gregoriana“, der großen internationalen päpstlichen Universität, besucht. Diesen vielen nationalen theologischen Studienanstalten gegenüber ist das Germanicum eine Besonderheit dadurch, dass es im Grunde gar kein Nationalkollegium ist wie die anderen. Abgesehen davon, dass etwa 30 Jahre nach der Gründung des Germanicums mit ihm das Collegium Hungaricum vereinigt worden war – daher der offizielle Titel „Collegium Germanicum et Hungaricum“ – beherbergt es auch Studenten, die aus nichtdeutschen Gebieten stammen, sogar aus Ländern, für die ein eigenes Nationalinstitut besteht. Diese Auffallende Erscheinung findet ihre Erklärung darin, dass das Germanicum geschichtlich eben noch das letzte Wahrzeichen des alten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ist und dass es daher heute noch immer im Sinne seiner alten Überlieferung seine Pforten den Studenten aus solchen Diözesen öffnet, die aus diesem ursprünglich eine große Einheit bildenden Gebiet, dem übernationalen Reich von einst, stammen.

 

Wenn ich einen „Rosso“ in Rom anspreche, so steht es deshalb durchaus nicht von vornherein fest, dass er einer deutschen oder österreichischen Diözese angehört. Er kann ebenso ein Norditaliener mit italienischer Muttersprache, ein Ungar oder Schweizer, ein Slowake, Slowene oder Kroate sein, er kann aus dem westlichen Polen, dem Elsass, aus Siebenbürgen oder Ermland und sogar in einem seltenen Fall aus der holländischen Diözese Roermond oder aus Riga stammen.

 

Da die Leitung und der überwiegende Teil der Hausgemeinschaft aus Deutschen besteht, ist auch die Umgangssprache deutsch, die den Theologen auferlegte Probepredigt wird von den Studierenden aller Nationen in deutscher Sprache gehalten. So formt sich hier ein kleines Abbild der Völker und Sprachen umspannenden Ecclesia Catholica, eine lebendige Erinnerung daran, dass es schon einmal so etwas wie die Vereinigten Staaten von Europa gab.

 

In den Jahren 1924 bis 1933 beherbergte das Collegium Germanicum einen kroatischen Alumnus Alois Stepinac. Sieben Jahre lang trug der spätere Erzbischof und jetzige Gefangene von Lepoglava den roten Talar. Er hatte zuvor in seiner Heimat die Hochschule für Bodenkultur absolviert. Er war deshalb etwas älter als der Durchschnitt seiner Konsemester. Da die Aufnahme ins Germanicum von gewissen wissenschaftlichen und charakterlichen Eignungen abhängig ist, die das Maturazeugnis und eine entsprechende Empfehlung des Bischofs oder eines ehemaligen Germanikers beweisen muss, so war es nicht ein bloßer Zufall, der Stepinac in das Germanicum führte, um dort seinen philosophischen und theologischen Studien zu obliegen. Nach den alten Traditionen des Hauses wird ein größeres Maß von Philosophie- und Theologiestudium gefordert, als es sonst in den Priesterseminarien üblich ist. Heute ist es zum Beispiel nur bei äußerster Ausnützung der Zeit möglich, innerhalb von acht Jahren die theologische Doktorwürde zu erwerben.

 

Stepinac war ein liebenswürdiger, gefälliger, hilfsbereiter und fröhlicher Kamerad, eifrig, ausdauernd und gründlich in seinen Studien, wie es dem Geist des Hauses entsprach. Ein klein wenig ernster schien er zu sein als die anderen. Seine Kameraden meinten, es sei das Kriegserlebnis des ersten Weltkrieges gewesen, das den jungen Leutnant reifer gemacht hatte. Jeder wusste, dass er sich darauf verlassen konnte, wenn „Step“ etwas versprach. – Der damalige Spiritual des Hauses war der alte Ketteler- und Windthorst-Biograph P. Otto Pfülf S.J., in dem noch etwas vom Kampfgeist jener Männer steckte, die er so meisterhaft geschildert hat. Es war uns aufgefallen, dass Pfülf damals schon eine besondere Hochschätzung für den „alten Soldaten“ aus Zagreb hatte. Er kannte dessen Charakter, seine männlich gerade Art noch besser als wir. Die kernige, kompromisslose Haltung des Spirituals dürfte nicht ganz ohne Einfluss auf Stepinac gewesen sein.

 

Wenn die heißen Tage in Rom kommen und die Mehrzahl ihre Prüfungen abgelegt hat, dann ziehen die Studenten des Germanicums in die kühlere römische Campagna hinaus, in die Nähe des alten Palestrina, der Stadt mit der eindrucksvollen Kathedrale, den Resten des großen Fortunatempels. Es ist der Geburtsort Pierluigi Palestrinas. Etwa 30 Kilometer östlich von Rom, in der Nähe der Albanerberge und an der alten Via Praeneste, liegt der alte Sommersitz des Germanicums. Dort verbringen an die hundert junge, ideale Menschen die Sommermonate, mit Frohsinn und Ferientreiben bis zum Rand gefüllt. Der im Jahr 1944 hingerichtete ehemalige deutsche Botschafter am Quirinal, Freiherr von Hassel (Christian August Ulrich von Hassel war ein deutscher Kommunalpolitiker, Diplomat und Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944. Er wurde am 8. September von den Nationalsozialisten in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Hassel wurde nach zweitägiger Verhandlung unter Vorsitz von Roland Freisler vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und zwei Stunden später in Plötzensee mit einer Drahtschlinge erhängt.), ist in den Jahren vor dem letzten Krieg oft und gern in seinem Auto nach San Pastore, dem Ferienhaus der Germaniker, hinausgefahren. Er, der Protestant, liebte es, sich von der Heiterkeit und Unbeschwertheit – wie er sich ausdrückte – dieser singenden, spielenden, sporttreibenden jungen Menschen anstecken zu lassen. Die Germaniker hatten immer eine kleine Überraschung für den deutschen Botschafter bereit: einmal war es ein Handball- oder ein Fußballwettspiel, ein andermal ein heiteres Theaterstück oder eine Freilichtaufführung, ein flottes Orchester, das im Refektorium zu Ehren des Gastes alte Soldatenmärsche spielte – v. Hassel war Ulanenoffizier gewesen -, oder es kamen ihm zwei Theologen hoch zu Ross ein Stück des Weges entgegen, um dann in gestrecktem Galopp das Botschaftsauto bis zur Einfahrt zu begleiten. Soviel „Martialität“, äußerte einmal der Botschafter, hätte er bei katholischen Theologen nicht vermutet.

 

In dieser Ferienzeit pflegte Stepinac ganz aus sich herauszugehen. Er entwickelte sich zu einem überdurchschnittlichen Handballspieler. Bei den Wettspielen zwischen „Philosophen“ und „Theologen“ war Stepinac das As der Theologenmannschaft und sicherte seiner Mannschaft als die Seele von „links rückwärts“ in der Regel den Sieg. Seine besondere Stärke war es, die flachen, aus dem Spielfeld springenden Bälle noch einmal zurückzuholen, sie zu „retten“. Ich erinnere mich noch an ein Wettspiel in den Ferien vor seiner Subdiakonatsweihe. Die zahlreichen roten Schlachtenbummler, die „Step“ damals in Hochform sahen, haben ihm lebhaft applaudiert. Neben den Handballspielern gehörte Stepinac zu den „Bergfexen“. Sowohl in Rom wie vor allem in San Pastore gehörte er zu jener Gruppe „Verwegener“, die sich von immer schwierigeren und ferneren Bergzielen im Apennin locken ließ. Je schwieriger die Tour, je größer die geforderte physische Anstrengung und je knapper die Zeit, desto größer war bei Stepinac die Freude. Die Meisterung der Schwierigkeiten, innen und außen, war damals schon ein Kennzeichen seines Lebens.

 

Nach seiner Priesterweihe im Jahr 1930 und nach Beendigung seiner theologischen Studien im Jahr 1931 kehrte er in seine Heimatdiözese nach Zagreb zurück. Der Abschied vom Germanicum, das ihm eine zweite Heimat geworden war, wie er sich ausdrückte, fiel ihm sehr schwer. Er sagte, dass er nur den einen Wunsch habe, mitten in schwierigste Seelsorgearbeit hineingeworfen zu werden, er wünschte nur eines nicht zu werden: bischöflicher Sekretär oder Hofkaplan beim Bischof. Stepinac kam in die Seelsorge. Aber bald holte ihn der damalige Erzbischof ausgerechnet als seinen Sekretär und Zeremoniär zurück. Es mag ihm dies ein großes Opfer gewesen sein. Später wurde erzählt, Stepinac habe seinem Bischof gegenüber den Wunsch geäußert, in einen strengen Orden einzutreten. Der Erzbischof antwortete, er werde dafür sorgen, dass er das nicht tue. Es waren noch nicht die vom Kirchenrecht geforderten fünf Jahre seit der Priesterweihe vergangen, als die Nachricht ins Germanicum kam, Stepinac sei zum Weihbischof cum jure successionis in Zagreb ernannt worden. Ich war damals gerade im letzten Jahr meines theologischen Studiums, als Stepinac einige Monate später mit den Abzeichen seiner neuen Würde im Germanicum erschien, von den Alumnen stürmisch begrüßt. An seiner Schlichtheit, an seiner männlich entschiedenen Art hatte sich nichts geändert. Am nächsten Tag ging er in den Vatikan, um sich dort in der üblichen Weise vorzustellen. Nach seiner Rückkehr erzählte er uns folgende köstliche Episode: „Ich ging am späten Vormittag allein über den Petersplatz. Plötzlich stand ein kleiner römischer Junge vor mir mit ungewaschenem Gesicht und wirrem Haar. Er fragte mich mit sichtbarer Neugierde: Padre, che ora fa? (Hochwürden, wie spät ist es?). Erstaunt über die merkwürdige Frage des Kleinen blieb ich stehen und öffnete meinen Mantel, um nach der Uhr in meinem Talar zu langen. In dem Augenblick, als beim Öffnen meines Mantels das rote Zingulum und das bischöfliche Brustkreuz sichtbar wurden, sprang der Kleine im Nu, ohne die Antwort auf seine Frage abzuwarten, mit behenden Sätzen davon und rief seinem in der Nähe stehenden kleinen Kameraden zu: „Adriano, è veramente un vescovo! (Du, Adrian, es ist tatsächlich ein Bischof!) – Die beiden Jungen konnten es offenbar nicht glauben, dass der gar so junge, schlanke Mann, der eine grüne Schnur als Zeichen seiner Würde auf seinem breitkrempigen, schwarzen Hut trug, sonst aber nur einen schwarzen geschlossenen Mantel über seinem Talar anhatte, wirklich ein Bischof sein sollte. Ihre Vorstellung von einem Bischof gab ihnen hier ein Rätsel auf. Sie lösten das Problem auf die geschilderte Art.

 

Der selige Erzbischof Stepinac bei einem Interview im jugoslawischen Gefängnis

 

(Am 3. Oktober 1998 wurde Alois Stepinac in Kroatien von Papst Johannes Paul II. als Märtyrer des Glaubens seliggesprochen.)

 

Ich stehe dieser Möglichkeit meiner Freilassung absolut gleichgültig gegenüber, ob ich in ein Kloster gehen oder hierbleiben werde. Es ist mir gleichgültig, was mit mir geschehen wird. Diese Dinge hängen nicht von Marschall Tito ab. Sie hängen nur vom Hl. Vater, vom Papst, ab und von niemandem andern in der Welt. Ich weiß, warum ich leide. Es ist für die Rechte der katholischen Kirche. Ich bin nötigenfalls bereit, jeden Tag für die Kirche zu sterben. Die katholische Kirche kann nicht und wird nie die Sklavin eines Regimes sein.