Der selige Alkuin, Abt, Diakon und Gottesgelehrter, + 19.5.804 – Gedenktag: 19. Mai

 

Der Titel „selig“ kommt Alkuin nicht zu auf Grund einer kirchlichen Verehrung, denn eine solche hat er in eigentlichem Sinn nie besessen. Wohl aber haben ihn schon die Schriftsteller der folgenden Jahrhunderte mit diesem Titel ausgezeichnet und der hochgelehrte Benediktiner Mabillon hat nach ihrem Vorgang seine Lebensbeschreibung in sein großes Werk über die Heiligen des Benediktinerordens aufgenommen. Auch in unserer Legende dürfte er da mit Recht einen Platz behaupten, denn abgesehen von der Lauterkeit seines Charakters und der Reinheit seines Strebens hat er auch der Kirche Gottes in Deutschland mannigfache Dienste erwiesen.

 

Alkuin war ein Angelsachse, ein Landsmann der heiligen Bonifatius. Von seinen Eltern ist nichts weiter bekannt. Er wuchs auf an der Klosterschule in York, wo er den Unterricht zweier berühmter Lehrer, der späteren Erzbischöfe Egbert und Aelbert, genoss. Aelbert insbesondere schenkte er das ganze Vertrauen und die Liebe seines jugendlichen Herzens. Sein Gehorsam gegen diesen seinen Lehrer war musterhaft, nichts tat er ohne sein Wissen. Ihm offenbarte er die geheimsten Regungen seines Herzens, so dass er ohne Schaden über die Klippen der Entwicklungsjahre hinwegkam. Aelbert hinwiederum schätzte in Alkuin seinen begabtesten und gebetseifrigsten Schüler. Naturgemäß weckte das den Neid der Mitschüler, die es Alkuin auch fühlen ließen. Er nahm auch da seine Zuflucht zu seinem väterlichen Freund und der riet ihm, „glühende Kohlen auf das Haupt seiner Widersacher zu sammeln“. Alkuin folgte diesem Rat, und wenn er merkte, dass einer gegen ihn etwas habe, warf er sich nach der Regel des heiligen Benedikt sofort seinem Mitschüler zu Füßen und bat ihn seinerseits um Verzeihung. Auf die Dauer konnten sie einer solchen Demut nicht widerstehen. Und als Alkuin zum Diakon geweiht und selbst als Lehrer aufgestellt wurde, war die Freude allgemein. Im Jahr 778 endlich, als Aelbert den erzbischöflichen Stuhl bestieg, übernahm Alkuin die Oberleitung der Klosterschule.

 

Das Jahr 781 brachte den Wendepunkt seines Lebens. Auf einer Reise nach Rom lernte ihn zu Pavia des Frankenreiches Herrscher, Karl der Große, kennen und suchte ihn sofort zu gewinnen. Aber alle Schätze, die er ihm anbot, wies Alkuin zurück. Einzig die Rücksicht auf den Nutzen, den er der Kirche Gottes mit seinem Wissen bringen konnte, bewog ihn schließlich an den Hof Karls des Großen überzusiedeln; seit 793 hat er seine Heimat überhaupt nicht mehr gesehen. Zuerst leitete Alkuin die Palastschule in Aachen und Karl der Große selbst ließ sich von ihm in die ersten Geheimnisse der Buchstaben und Zahlen einweihen. Seine fruchtreichste Tätigkeit aber entfaltete er später als Abt von St. Martin in Tours, nachdem Karl ihn seinem Wunsch gemäß endlich hatte dorthin ziehen lassen. Die meisten gelehrten Bischöfe und Mönche von Deutschland und Frankreich empfingen dort aus seinem Mund die Lehren der Weisheit. Sein berühmtester Schüler ist wohl Rhabanus Maurus, der spätere Erzbischof von Mainz, den selbst wieder der Ehrentitel „Deutschlands Schulmeister“ ziert.

 

Was seine Schüler so zu Alkuin hinzog, war nicht bloß sein ausgebreitetes Wissen und seine ausnehmende Lehrbefähigung, sondern vor allem die sittliche Kraft seines ganzen Wesens. Schon sein Unterricht und seine vielen Briefe zeigen einen starken sittlichen und religiösen Einschlag, bei ihm selbst wog letzterer durchaus vor. Gewiss, er schätzte die Wissenschaften, „ungestört an den Bücherschreinen zu sitzen“ galt ihm „ein süßes Leben“ und darum wollte er von Politik oder gar von einer Herrschaft nichts wissen. Auch der Reichtum übte keinen Reiz auf ihn aus. Als Abt von St. Martin hatte er über 20.000 Knechte zu gebieten, er war einer der begütertsten Großherren des Reiches. Aber er sah in seinem Reichtum nur eine Gefahr für sein Seelenheil und fühlte sich frei von jeder Anhänglichkeit daran. „Es ist etwas anderes die Welt besitzen, etwas anderes von ihr gefangen sein. Man kann Reichtümer haben und doch nicht haben, entbehren und doch haben,“ erwidert er einmal auf den Vorwurf eines Gegners. Die Freiheit des Geistes gegenüber all dem Vergänglichen und Irdischen ist wohl der hervorstechendste Zug von Alkuins Persönlichkeit. Selbst die Wissenschaft vermochte ihm diese Geistesfreiheit nicht zu beschränken; sie war ihm nur Mittel zum Zweck, eine Dienerin der ewigen Weisheit. „Der menschlichen Seele Schönheit und Zier ist das Streben nach jener Weisheit, in der Gott geehrt und geliebt wird.“

 

Alkuins Geistesfreiheit hatte seine Wurzel in seiner Demut. Nach außen offenbart sich uns dieselbe vor allem in seiner schriftstellerischen Bescheidenheit. Der gefeiertste Gelehrte Europas ist dankbar für jedes Wort der Kritik: „Nie blieb ich mit der Gnade Gottes hartnäckig auf einem Irrtum bestehen und traute eigener Einsicht; nie war ich so, dass ich besserer Einsicht nicht gefolgt wäre.“ In seinem Innenleben und seinem Verkehr mit Gott zeigte sich die Demut des seligen Alkuin als tiefgewurzeltes Bewusstsein der eigenen Sündhaftigkeit, als aufrichtige Herzenszerknirschung. Dem heiligen Benedikt von Aniane sagte er, er bete täglich: „Herr, verleihe mir meine Sünden zu erkennen und rechte Buße zu tun, und dann verzeih mir meine Sünden!“ Mit dem Alter wuchs sein Armsündergefühl und bestimmte ihn schließlich dazu, die letzten Tage seines Lebens ganz dem Gebet und der Bußübung zu weihen. Kein Wunder, wenn Gott seinen Diener jetzt auch mit äußeren Zeichen der Heiligkeit begnadete, ihm die Geheimnisse der Menschenherzen und der Zukunft entschleierte und seinem Segen krankheitverscheuchende Kraft gab. Auch einen großen Brand seines Klosters löschte er einmal durch sein Gebet. Für seine Mönche waren solche Gnadenerweise ein Grund mehr, in ihrem Abt Christus den Herrn zu ehren und zu lieben. An und für sich wirkte ja schon die bloße Persönlichkeit des nahezu blinden Greises derart, dass jeder Mönch und Klosterschüler sich hütete ihm irgendwie zu missfallen.

 

Schön ist, was uns vom Tod des seligen Alkuin berichtet wird, es ist der Tod eines heiligen Gelehrten. Jeden Tag betete er in der Kirche an dem Platz, den er sich für sein Begräbnis ausersehen, das Magnifikat mit der Adventantiphon: „O clavis David . . . O Schlüssel Davids, komm und führ aus dem Kerkerhaus den Gefangenen, der sitzt in Finsternis und Todesschatten!“, dann ein Vaterunser mit dem Psalmvers: „Wie ein Hirsch nach den Wasserquellen, so lechzt meine Seele nach dir, mein Gott!“ Sein sehnlichster Wunsch war, am Tag des Heiligen Geistes aus dieser Welt zu scheiden. Und wirklich, am hohen Pfingstfest nach dem Frühchor, zur selben Stunde, wo er sonst zur Heiligen Messe sich zu bereiten pflegte, entschwebte seine Seele in den Himmel, um vereinigt mit allen heiligen Diakonen Gottes unergründliche Tiefen zu erforschen und zu preisen.

 

Ein Gelehrter gleich Alkuin kann nicht jeder Christ sein, die Gaben des Geistes sind verschieden. Aber Hochschätzung für wahre Wissenschaft soll jeder hegen und ihre Pflege befördern, denn wahre Wissenschaft führt zu Gott. Wir wollen darum unsere katholischen Gelehrten und Studenten unterstützen, auch durch materielle Hilfe. Vor allem aber wollen wir mannhaft eintreten für die christliche Schule. Christliche Schulen wollte ja der große Kaiser Karl und sein Lehrer Alkuin dem deutschen Volk schenken, christliche Schulen als feste Bollwerke gegen das germanische Heidentum.