Die heilige Agnes Segni, Oberin von Montepulciano, Italien, + 20.4.1317 - Fest: 20. April

 

„Die Reinheit führt ganz nah zu Gott“, sagt die Heilige Schrift, und dies bewährte sich, wie bei vielen anderen Heiligen, so auch im Leben unserer Agnes, die ihren Zunamen von ihrer Geburtsstadt Monte Pulciano im Toskanischen hat. Schon als ganz kleines Mädchen zeigte sie eine Neigung zur Andacht, denn kaum hatte sie das Gebet des Herrn und den Englischen Gruß gelernt, so kniete sie sich oft an irgend einem stillen Plätzchen hin, die gefalteten Händchen zum Himmel hin erhoben. Fragte man sie, was sie da mache, so war die Antwort: „Ich lerne meine Lektion, mein Gebet.“ Schon der bloße Anblick eines Bildes Christi oder der jungfräulichen Mutter erweckte in ihr eine selige Freude. Sie war noch nicht sechs Jahre alt, da äußerte sie schon ihren Eltern gegenüber, sie will einmal zu den Klosterfrauen, denn die befänden sich ständig bei dem lieben Heiland und der guten Mutter Maria. Je älter sie wurde, desto größer wurde ihr Verlangen nach dem geistlichen Stand. Ihre Eltern waren sehr angesehen und reich, aber zugleich auch fromm und gottesfürchtig. Deshalb hatten sie auch nichts gegen den Wunsch ihrer Tochter und brachten sie, als sie neun Jahre alt war, zu den Klosterfrauen ihrer Vaterstadt.

 

Man nannte diese Nonnen Sacchinen oder Sackträgerinnen, weil sie Skapuliere aus grobem Tuch in Form eines Sackes trugen. Sie führten ein sehr strenges Leben, aber die junge Agnes erschrak nicht vor der Strenge des Klosters, sondern unterwarf sich den Regeln mit Freude. Die fromme Nonne Margarita, deren besonderer Leitung die Novizin anvertraut worden war, erkannte bald, dass ihre Schülerin statt der Ermunterung vielmehr der Zurückhaltung bedürfe. Die Demut und den Gehorsam, diese Grundpfeiler der Vollkommenheit, übte Agnes in solch bewunderungswürdigem Grad, dass die erfahrensten Schwestern sich darüber verwunderten und sagten, das Mädchen müsse ohne alle Eigenliebe sein. Ein Wink der Oberin genügte ihr, das Beschwerlichste bereitwillig und fröhlich zu übernehmen und pünktlich zu verrichten. Alle Zeit, die ihr von der vorgeschriebenen Arbeit übrig blieb, widmete sie dem Gebet, der Betrachtung und anderen gottseligen Übungen. Mit ihren übrigen Tugenden verband sie Zurückgezogenheit und eine engelhafte Reinheit. Von ihrer frühesten Jugend an sah man an ihrem äußerlichen Tun und Lassen, in ihren Reden und ihrer Kleidung nie eine Spur von Unanständigkeit. So wurde sie trotz ihres zarten Alters bald das Muster und Vorbild des klösterlichen Lebens. Mit Ehrfurcht und Liebe schauten die Nonnen auf die heranblühende Jungfrau, und eine Äbtissin von großer Frömmigkeit und Erleuchtung, die einst auf Befehl des Bischofs das Kloster visitierte, erkannte in ihr deutlich die Zeichen künftiger Heiligkeit. Sie sagte: „Tragt, ich bitte euch, alle Sorge für diese junge Tochter; denn wahrlich, sie wird unserem Orden dereinst große Ehre bringen.“

 

Erst vierzehn Jahre alt wurde Agnes von den Nonnen als Schaffnerin bestellt und ihr damit die Sorge für Küche und Keller und für die Verwaltung des Zeitlichen übertragen. Sie verwaltete dieses Amt zur allgemeinen Zufriedenheit und wusste sich dabei in steter Vereinigung mit Gott zu erhalten und den Geist des Gebetes zu bewahren. In ihren Schwestern betrachtete sie die Person Christi und diente ihnen auch in diesem Geist. Aber während sie als geschäftige Martha die Hauswirtschaft besorgte, saß sie in ihrem Inneren mit Maria zu den Füßen ihres geliebten Meisters, nur „das eine Notwendige“ betrachtend. Von ihrem fünfzehnten Lebensjahr an fastete sie beständig bei Wasser und Brot und ging in der Übung anderer schwerer Bußwerke so weit, dass der Beichtvater ihrem Eifer Mäßigung gebieten musste, weil ihre Gesundheit darunter litt.

 

Der Ruf von der hohen Tugend und dem segensreichen Wirken der jungen Nonne drang über die Mauern ihres Klosters hinaus und es hörten davon die Einwohner der Stadt Proceno, die vor kurzem den Dominikanerinnen ein Haus errichtet hatten, in dem ihre Töchter Erziehung und Unterricht erhalten sollten. Sie wählten Agnes zur Vorsteherin dieses Institutes und Papst Nikolaus IV. erteilte ihr die Dispens, die sie wegen ihres Alters – sie war erst sechszehn Jahre alt – brauchte. Ihre Lehrerin Margarita wurde ihr als Gehilfin beigegeben. Die neue Würde war für Agnes eine Aufforderung zu noch höherer Vollkommenheit. Sie wollte ein Beispiel der Demut, der Abtötung, der genauen Beobachtung der Regeln und Ordenssatzungen für die Ihrigen werden, und mehr dadurch, als durch Worte, die Mitschwestern auf den Weg des Heiles leiten. Dem Gebet blieb sie fortwährend so ergeben, dass ihr die dazu bestimmte Zeit stets viel zu kurz vorkam, und es verursachte ihr immer Schmerz, wenn sie durch irgend ein Geschäft gestört oder abgerufen wurde. Ihre Vereinigung mit Gott war so innig, dass sie oft entzückt wurde. So verharrte sie an einem Sonntag einmal von fünf Uhr früh bis zum Abend ohne Unterbrechung im Gebet und war nicht wenig erstaunt, als man sie aufmerksam machte, wie weit der Tag schon vorgeschritten sei. Nun fühlte sie den tiefsten Kummer, dass sie die heilige Kommunion versäumt habe. Da soll der Herr seiner trauernden Tochter einen Engel gesandt haben, der ihr das Himmelsbrot reichte. Überhaupt spendete Gott seiner treuen Dienerin große Gnaden. Sie hatte nicht selten himmlische Offenbarungen und Erscheinungen und die Gabe der Weissagung und der Krankenheilung. Aus einem Ereignis ihres Lebens sehen wir auch, wie man sich zur heiligen Beichte nicht nur oberflächlich, sondern mit allem Fleiß vorbereiten müsse, wenn sie uns zum Heil gereichen soll. Agnes betete eines Tages für einen Wohltäter des Klosters, als ihr während der Andacht geoffenbart wurde, dass für ihn schon der Platz in der Hölle bereitet sei, weil er seit dreißig Jahren keine gute Beichte abgelegt habe. Die Heilige ließ den Unglücklichen sogleich rufen, teilte ihm ihre Erscheinung mit und brachte es durch eifriges Zureden dahin, dass er zur Beichte ging und seine Sünden reumütig und vollständig bekannte. Er starb nicht lange danach und seiner Retterin wurde eröffnet, dass er errettet worden sei.

 

Der Glanz der Tugenden unserer Heiligen verbreitete sich immer weiter, da setzten ihre Landsleute alles in Bewegung, sie wieder in Monte Pulciano zu besitzen, und gedachten deshalb ein eigenes Kloster zu errichten. Agnes willigte ein, machte aber zur Bedingung, dass ein Haus der Stadt, das bisher von Prostituierten bewohnt worden war, in das beabsichtigte Kloster umgewandelt werde. Der Magistrat willigte dazu gerne ein und Agnes übernahm es, aus dem Ort des Ärgernisses einen Ort der Erbauung zu schaffen. Die jungen Frauen, die sich unter ihrer Leitung hier versammelten, lebten nach der Regel des heiligen Dominikus.

 

Jetzt nahten die Tage, wo auch ihr der Kelch des Leidens gereicht wurde. Von einer schmerzlichen Krankheit heimgesucht, musste sie sich auf den Rat der Ärzte in ein nahes Bad begeben, wurde aber während ihres Aufenthaltes dort von einigen ausgelassenen Jungen verspottet und mit en schmutzigsten und unanständigsten Worten beschimpft. Ihrem reinen Sinn muss dies sehr schwer gefallen sein, schon nach dem Wort des heiligen Paulus: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde durch das Gute das Böse“ ertrug sie die Beleidigung mit aller Gelassenheit und beschenkte sogar die Jungen zum Dank, dass sie ihr Gelegenheit gegeben hatten, die Geduld zu üben. Ihre Gesundheit erhielt sie im Bad nicht, vielmehr kam sie ganz entkräftet ins Kloster zurück. Sterbend sprach sie zu ihren Schwestern: „Meine Kinder, liebt einander, denn die Liebe ist das Kennzeichen der Auserwählten Gottes.“ Es war am 20. April 1317, als die Engel Gottes ihre reine Seele zum Herrn geleiteten. Ihr Tod wurde der Stadt und der Grafschaft zuerst durch die unschuldigen Kinder übermittelt, denn sie riefen: „Agnes, die Heilige, ist gestorben!“ 1435 wurde ihr Leib zu den Dominikanerinnen nach Orvietto gebracht, wo er sich noch befindet. Papst Benedikt XIII. nahm sie im Jahre 1726 feierlich in das Verzeichnis der Heiligen auf.