Heilige im September

 

1. September

 

Die heilige Verena, Jungfrau und Einsiedlerin in Zurzach, Schweiz,

+ 1.9.300 – Fest: 1. September

 

Verena, eine Jungfrau von adeliger Abkunft, kam mit der thebaischen Legion, die vom Kaiser Maximinian zum Kriegsdienst ausgehoben wurde, und deren Oberst Mauritius ihr Verwandter war, nach Mailand. Ihr Vormund, der ehrwürdige Greis Viktor, hatte die verlassene Waise bei einer angesehenen christlichen Familie untergebracht. Dort besuchte die fromme Jungfrau während der grausamen Christenverfolgungen voll des innigsten Mitleids die Gefangenen in ihren schauerlichen Gefängnissen, tröstete, ermutigte sie im Glauben an Christus und erquickte sie mit Speise und Trank. Bald aber erlaubte man dem Engel des Trostes nicht mehr, die Gefangenen zu besuchen, der christliche Familienvater Maximus, bei dem Verena mehrere Jahre gewohnt hatte, wurde gefangen genommen, sie selbst als eine Fremde aus der Stadt vertrieben.

 

Um sich eine stille Zufluchtsstätte zu suchen, überstieg sie die Alpen, kam in das Rhonetal, in die Gegend von Martinach und vernahm, dass hier die thebaische Legion, mit ihr auch ihr geliebter Vormund Viktor, wegen ihres christlichen Glaubens von den heidnischen Soldaten des römischen Kaisers ermordet worden sei. Verena benetzte den blutgetränkten Boden mit ihren Tränen und pries die starkmütigen Märtyrer glücklich.

 

Von den Heiden vertrieben, setzte Verena ihre Schritte weiter über Wadt und Bern und kam an die Aar bei Solothurn. Hier verbarg sie sich in einer Felsenhöhle. Niemand wusste ihren Aufenthalt, außer einer christlichen Witwe, die sie von Zeit zu Zeit mit Speisen versah und dafür Handarbeiten entgegennahm, in denen Verena sehr geschickt war.

 

Nicht lange blieb Verena in ihrer Felsenhöhle verborgen. Christliche Frauen und Jungfrauen suchten bei der Heiligen Rat und Trost, Kranke und Gebrechliche flehten sie um Hilfe an, denn Gott hatte sie mit der Wundergabe begnadet. Verena belehrte die Heiden im Glauben an Christus und viele nahmen die Wahrheit und das Glück des Christentums an. Allen leuchtete die Klausnerin durch unablässigen Gebetseifer, durch rastlose Arbeitsamkeit und Wohltätigkeit vor. Viele gingen von ihr zurück geheilt an Leib und Seele.

 

Der Ruf von der wundertätigen Christin kam auch zu den Ohren des römischen Landpflegers Hyrtacus. Sogleich ließ er Verena vor seinen Richterstuhl führen und suchte sie mit Spott ihrem Glauben abtrünnig zu machen, sie aber wusste ihren Glauben so überzeugend zu verteidigen, dass der Heide kein Wort entgegensetzen konnte. Er ließ sie in ein schauerliches Gefängnis werfen und kündigte ihr Folter und Hinrichtung an, wenn sie dem Christentum nicht abschwöre. Die heldenmütige Jungfrau freute sich, um des Namens Christi willen Schmach zu leiden und flehte inbrünstig zu Gott nicht um Befreiung aus dem Kerker, sondern um Starkmut im Martertod. Im Traum erschien ihr der heilige Mauritius im weißen Kleid und Purpurmantel, umgeben von einer großen Schar verklärter Jünglinge mit Palmzweigen in den Händen, und sprach zu ihr: „Verena, vertraue auf den Herrn, er wird mit dir sein! Halte dich an sein Wort und du wirst erfahren, dass sein Arm nicht verkürzt ist. Er wird dich erretten.“ Verena wurde mit wunderbarem Mut erfüllt und erwartete freudig jede Stunde den Martertod. Gott fügte es aber anders.

 

Hyrtacus fiel in ein heftiges Fieber. Vergebens rief er die Kunst der Ärzte und die Hilfe seiner Götter an. In seiner höchsten Not ließ er Verena rufen und sprach zu ihr: „Verena, ich habe von dir gehört, du hast durch dein Gebet viele Kranke gesund gemacht. Wohl habe ich es nicht verdient, dass du dich meiner annehmest, aber verzeih mir und bete zu deinem Gott, dass er mir helfe!“ Sie erhob Augen und Herz zum Himmel und betete mit großer Inbrunst. Der Kranke genas von Stund an, ließ die Gefangene frei und gestattete ihr, nach ihrem Glauben zu leben, wo und wie sie wolle.

 

Verena sammelte nun die christlichen Jungfrauen um sich und die Mütter sandten ihr täglich ihre Töchter, damit sie im christlichen Glauben und in weiblichen Handarbeiten unterrichtet würden. So entstand eine Art Frauenkloster, deren Vorsteherin in die jugendlichen Herzen den Keim der Tugend und Gottesfurcht pflanzte und für die Mit- und Nachwelt außerordentlich segensreich wirkte.

 

Einst brach eine große Hungersnot über das Land herein, und Verenens Mitschwestern jammerten laut, weil ihre Handarbeiten nicht ausreichten, um Brot zu kaufen. Verena verwies ihnen ihren Kleinglauben und tröstete sie mit den Worten des Psalmisten: „Ich war jung und bin alt geworden und habe vieles erlebt, aber niemals habe ich den Gerechten verlassen, noch seine Kinder um Brot betteln gesehen. Vertraut auf Gott, er wird tun, was ihm zur Ehre und uns zum Heil gereicht.“ Verena betete inbrünstig zu Gott, und siehe da! Am Morgen standen mehrere Säcke voll Mehl vor ihrer Klause. Alle dankten Gott, und das Mehl reichte aus, bis die Teuerung vorüber war.

 

Als der Zudrang der Menschen zu Verenens Höhle immer mehr zunahm, so dass sie in ihren frommen Übungen gestört wurde, und wegen der vielen Ehrenbezeugungen Eitelkeit befürchtete, wanderte sie längs des Aarflusses hin bis zu seinem Einfluss in den Rhein. Dort soll sie auf einer einsamen Insel bei dem Dorf Koblenz lange Zeit unbekannt in einer Hütte gelebt haben. Als sie vernahm, dass in dem benachbarten Dorf Zurzach eine Christengemeinde sei, ging sie dorthin und betete in der dortigen Kirche unter heißen Tränen zu Gott, er möge sie den Ort finden lassen, wo sie den Rest ihrer Pilgerschaft in Ruhe vollenden könne. Zugleich setzte sie ein kleines Gefäß mit Wein zum heiligen Opfer auf den Altar.

 

Während Verena inbrünstig betete, trat der Pfarrer herein und fragte sie, woher sie komme und warum sie so traurig sei. Sie erzählte ihm ihre Schicksale, und ihre Demut und Sittsamkeit rührte ihn so sehr, dass er ihr sein Hauswesen anvertraute. Verena erfüllte gewissenhaft ihre Pflichten und fand ihre größte Freude, wenn sie die Kranken des Spitals besuchen und pflegen konnte. Ein gewissenloser Knecht des Pfarrers verklagte sie, dass sie das Gut ihres Herrn an Bettler und schlechte Menschen verschwende. Der Priester sah nach, fand alles in bester Ordnung und einen solchen Segen des Himmels, wie er ihn nie gekannt hatte. Der boshafte Knecht bekam die Fallsucht und schätzte sich glücklich, unter die Kranken im Spital aufgenommen zu werden, denen er die Wohltaten Verenas missgönnt hatte.

 

Der neue Knecht des Pfarrers war noch boshafter als sein Vorgänger, und sann auf das Verderben Verenas. Er stahl dem Herrn einen kostbaren Ring, warf ihn in den Rhein und verklagte die unschuldige Haushälterin als die Diebin. Der Priester verlangte von ihr den Ring, den er ihr zum Aufbewahren anvertraut hatte. Sie weinte bitterlich und flehte den ganzen Tag und die ganze Nacht, Gott wolle ihre Unschuld und den Ring an den Tag kommen lassen. Am nächsten Morgen ging der Pfarrer an den Rhein, wo eben Fischer einen großen Salm gefangen hatten. Sie schenkten ihm den Fisch. Als der Fisch aufgeschnitten wurde, fand man in seinen Eingeweiden den vermissten Ring. Der boshafte Knecht bekannte nun reuig sein Vergehen.

 

Im vorgerückten Alter wünschte Verena in ungestörter Einsamkeit Gott dienen zu können. Der Pfarrer ließ ihr nahe bei der Kirche eine Zelle bauen, wo sie den Rest ihres Lebens frommen Übungen und Werken der christlichen Barmherzigkeit widmete. Eines Tages sah sie in einer Verzückung die allerseligste Jungfrau, umgeben von vielen heiligen Jungfrauen und Engeln. Maria blickte ihre treue Verehrerin unbeschreiblich wohlwollend an und sagte zu ihr: „Du treue Magd des Herrn und reine Braut Christi, komm nun mit uns und empfange die Krone, die er dir bereitet hat!“ Darauf verschied sie sanft im Herrn. Ihr Leichnam wurde in Zurzach unter großem Zulauf des Volkes begraben.

 

Erzherzog Rudolf IV. von Österreich erbat sich im Jahr 1308 die Reliquien der heiligen Verena und ließ sie feierlich im St. Stephansdom zu Wien beisetzen, wo sie Gott durch viele Wunder verherrlicht hat. An ihren Namen knüpfen sich viele anmutige Sagen, die sie als Mutter der Armen und Trösterin der Unglücklichen preisen. Über dem Grab der heiligen Verena wurde bald nach ihrem Tod eine Kapelle gebaut, an deren Stelle Kaiser Karl der Dicke ein prachtvolles Münster aufführte nebst einem Kloster. Kamm und Krüglein auf den Bildnissen der Heiligen deuten ihre Wohltätigkeit an. Für das Krüglein der heiligen Verena überließ ein Abt von St. Blasien die Einkünfte von zehn Pfarreien dem Chorherrnstift in Zurzach. Ihre heilkräftige rechte Hand, in einer Silberkapsel verwahrt, wird am Osterdienstag in Prozession umhergetragen.

 

Der heilige Ägidius, Abt bei Narbonne, Frankreich,

+ 725 - Fest: 1. September

 

Ägidius heißt auf französisch Gilles. Die Franzosen sagen aber nicht Gilles, sondern Schill. Als es einmal in Köln am Rhein eine Zeit gab, da es zum vornehmen Ton gehörte, französisch zu sprechen, den Kölnern die feine französische Aussprache trotz aller Mühe aber nicht recht gelang, da wurde aus dem Schill ein Schääl.

 

Über zwölfhundert Jahre ist es her, da ritt einmal, wie die Legende erzählt, der Gotenkönig Wamba auf die Jagd. Es war in einem großen Wald in Südfrankreich . Plötzlich sichtete der königliche Jäger einen prachtvollen Hirsch. Sofort hetzte er mit seiner kläffenden Meute über Berg und Tal hinter dem Tier her, bis sich der Hirsch vor einer Felsenhöhle niederwarf. Da sirrte im gleichen Augenblick des Königs Pfeil klingend durch die Luft.

 

Als sich dann Wamba der Höhle näherte, zeigte sich für ihn ein unerwartetes Bild. Da lag der Hirsch zitternd und schutzsuchend zu Füßen eines alten Mannes mit wallendem weißen Bart. Von dem Pfeil war das Tier nicht getroffen, sondern der alte Mann. Bei diesem Anblick erschrak der König. Während der Hirsch ins Dickicht flüchtete, untersuchte der unglückliche Schütze die Wunde, die er verursacht hatte. Gottlob, dass es nur eine Fleischwunde von geringfügiger Art war.

 

Darüber kamen die beiden, der König und der Einsiedler, denn ein solcher war der alte Mann, ins Gespräch. Bald stellte der König staunend fest, dass der andere ein gebildeter und tiefsinniger Mann war. Kurz entschlossen bat Wamba den alten Mann, die Einsiedelei aufzugeben und ihm als Ratgeber auf sein Schloss zu folgen. Doch er schüttelte verneinend den Kopf, schaute den König an und sagte ihm folgende schwerwiegende Worte:

 

„König Wamba! Wenn du wünschst, dass ich dir diene, so nimm von mir diesen Rat: Geh hin und bekenne die Sünde, die du bisher im Beichtstuhl verschwiegen hast, dann wird dein Herz endlich jene Ruhe finden, die du schon lange vergeblich suchst.“

 

Da erschrak der König zum zweitenmal an diesem Tag. So hatte noch keiner in seiner Seele gelesen. Tief beschämt verneigte er sich vor dem, der ihm die Wahrheit ins Gesicht geworfen hatte, entfernte sich schweigend, tat wie ihm gesagt und fand die Ruhe des Herzens zurück. Dieser Einsiedler aber war der heilige Ägidius.

 

In einem fremden Land war der heilige Ägidius in Frankreich, denn in Griechenlands vornehmer Hauptstadt Athen war er geboren. Ein liebes Herz besaß er schon als Junge, denn als er einmal ohne Mantel heimkam und man ihn nach dem Kleidungsstück fragte, sagte er so nebenbei, als sei es die natürlichste Sache der Welt, er habe den Mantel einem Armen geschenkt, der ihn auf der Straße um ein Almosen in Christi Namen angesprochen habe.

 

Nach dem frühen Tod seiner Eltern verteilte er sein nicht geringes Erbe unter die Armen. Weil er den Ruhm und die Ehre scheute, die ihm wegen seiner guten Taten überall hin folgten, verließ er heimlich die Heimat und begab sich nach Frankreich. Dort wollte er als unbekannter Einsiedler ein heiliges Leben führen.

 

Nach dem Zusammentreffen mit dem König Wamba änderte sich für Ägidius allerdings die Lage. Viele Jünger sammelten sich um ihn und ein Kloster entstand, das der Heilige als Abt bis an sein Lebensende im Jahr 725 leitete. Nach seinem Tod wuchs um das Kloster herum eine Stadt, und seine Grabstätte gehörte viele Jahrhunderte hindurch zu den besuchtesten Wallfahrtsorten der Christenheit.

 

Der heilige Ägidius war „Gottes und der Menschen Liebling, und sein Andenken ist gesegnet“. Zwei alte deutsche Städte, Nürnberg und Osnabrück, verehren ihn als Schutzherrn. Auch ist er, der wegen seiner vielseitigen Hilfe zu den Vierzehn Heiligen Nothelfern gehört, der Patron der Hirten, der Viehhändler und Bettler. Gegen Krebs, Aussatz und Pest wird er angerufen, ebenso in Gewissensängsten. Ganz besonders soll man sich an ihn wenden um die Gnade einer guten heiligen Beichte dann, wenn man versucht ist, eine Sünde, die gebeichtet werden muss, aus falscher Scham zu verschweigen.

 

2. September

 

Der heilige Stephan, Bekenner und König von Ungarn,

+ 15.8.1038 - Fest: 2. September

 

Mit Stephans Vater, dem Fürsten Geisa, war nicht viel los. Zwar hatte er sich kurz vor Stephans Geburt im Jahr 969 die christliche Taufe spenden lassen, aber das Leben änderte er deswegen nicht, sondern blieb wie ein Ungläubiger, so wie er es bisher gewesen war. Protzig meinte er: „Ich bin reich genug, um den Göttern zu opfern und zugleich dem Christengott zu dienen.“ Dass aus solch einem Stamm ein Heiliger kommt, geschieht nicht alle Tage, aber bei Geisas Sohn war es der Fall.

 

Wegen der religiösen Gleichgültigkeit des Vaters empfing Stephan erst im Alter von fünf Jahren die Taufe, aber auch bei ihm war das Taufwasser scheinbar wirkungslos geblieben, denn wie Geisa, so war Stephan, wenigstens bis zum beginnenden Mannesalter, ein Heide.

 

Früh übte der junge Mann Stephan sich in den ritterlichen Künsten, im Reiten und Jagen und Kämpfen, wurde sehr groß, stark wie ein Bär und schnell wie eine Gemse, die wie der Wind durch die Alpenländer streicht. Bald überragte Geisas Sohn herrlich und herrisch alle Männer im Land. Von seinen Heldentaten in Kampf und Krieg redete man rühmend an den Lagerfeuern der Hirten, in den Waldhütten der Jäger und bei den Zelten der Krieger. Aber etwas Christliches war bis auf den Namen an Stephan nicht, bis er als Sechsundzwanzigjähriger einem Heiligen begegnete.

 

Es war dieser Heilige der Bischof Adalbert von Prag. Adalbert reiste damals durch Ungarn. Stephan war ausersehen, den berühmten Bekennerbischof auf dem Zug durch das Land sicher zu geleiten. Lieber hätte der junge Fürst anderes getan. Kaum aber hatte er kurz mit dem Heiligen gesprochen, da merkte er und merkten alle, dass eine Änderung in ihm vorging. Und als ihm Adalbert das Sakrament der Firmung spendete, war nach wenigen Wochen aus dem Namenschristen ein wirklicher Christ des Herzens und des Willens geworden. Noch im gleichen Jahr, als die denkwürdige Begegnung stattfand, heiratete Stephan die Prinzessin Gisela von Bayern, deren Bruder später als der heilige Kaiser Heinrich II. ruhmvoll in die Geschichte einging. Als zwei Jahre später Geisa starb, folgte ihm in der Regierung ein Heiliger, der gerecht und gut, aber auch zielbewusst und streng war. Sehr wichtig war es ihm, dass die Menschen in seinem Land bis auf die letzte Hütte nicht nur äußerlich, sondern auch von innen her Christen wurden.

 

In wenigen Jahren ließ Herzog Stephan sechzig Kirchen im Land erbauen, gründete Klöster in Menge und richtete zehn Bistümer ein. Da ernannte der Papst den Herzog zum König und schickte ihm eine goldene Krone, mit der Stephan genau im Jahr 1000 nach Christi Geburt, am Mariä Himmelfahrtstag, feierlich gekrönt wurde. Diese Krone war die Stephanskrone mit dem geneigten Kreuz, die nach ihm alle Könige in Ungarn trugen und die heute noch wie eine heilige Reliquie vom ungarischen Volk verehrt wird.

 

Als der heilige König Stephan über dreißig Jahre lang regiert hatte, wollte er im Jahr 1031, am Tag von Mariä Geburt, seinen Sohn Emmerich zum Nachfolger krönen lassen. Emmerich war ein Heiliger wie sein Vater, er war der Liebling des Volkes und die Hoffnung des Landes. Wie schwer mag es da den alten Vater getroffen haben, dass Emmerich wenige Tage vor der Krönung, am 2. September, schnell und plötzlich starb. Gottes Wege sind oft unergründlich.

 

Sieben Jahre später, wieder am Tag von Mariä Himmelfahrt, starb auch Stephan, der nicht nur der erste König, sondern auch der Apostel seines Landes war. Er war also ein apostolischer König, der ein halbes Jahrhundert später zugleich mit seinem Sohn Emmerich heiliggesprochen wurde, was in der zweitausendjährigen Geschichte der katholischen Kirche ein einmaliger und einzigartiger Fall ist.

 

Der heilige Justus, Bischof und Bekenner von Clermont, Frk,

+ 2.9. um 390 – Fest: 2. September

(14. Oktober Übertragung der Gebeine des Heiligen von Ägypten nach Lyon)

 

Der heilige Justus wurde um das Jahr 350 auf den bischöflichen Sitz von Lyon erhoben. Seine Amtsführung bewies, dass er nur Gott fürchtete und auf ihn allein seine Hoffnungen baute. Erhaben über alle menschlichen Rücksichten sah er nur auf die Bedürfnisse der ihm anvertrauten Herde. Mit edler Freimütigkeit redete er gegen alle Missbräuche. So sehr er aber für die Aufrechterhaltung der Kirchenzucht und guten Ordnung eiferte, ebenso sehr war er auch besorgt für die Bewahrung des Friedens und der Eintracht. Im Jahr 381 wohnte er dem Konzil von Aquileja bei. Der heilige Ambrosius von Mailand behandelte ihn mit großer Auszeichnung. Es geschah um diese Zeit, dass ein rasender Mensch in einem Anfall von Wut mehrere Personen in den Straßen Lyons tötete und hierauf Zuflucht in einer Kirche suchte. Justus, besorgt über den deshalb entbrennenden Aufruhr, lieferte ihn der Obrigkeit aus, unter der Bedingung jedoch, dass man seiner Geisteskrankheit Rechnung trage und gegen ihn nicht nach der Strenge der Gesetze verfahre. Das Volk in seiner Wut aber entriss den Unglücklichen seinen Wächtern und nahm ihm auf grausame Weise das Leben. Von Schmerz über diese Gräueltat durchdrungen sah sich der Heilige als Mitschuldigen an und glaubte nicht mehr würdig zu sein, dem bischöflichen Amt vorzustehen. Er entfloh während der Nacht aus der Stadt, schlug den Weg nach Marseille ein und bestieg dort mit einem Lektor seiner Kirche, namens Viator (21. Oktober) ein nach Alexandria segelndes Schiff. In Ägypten angelangt ging er in ein Kloster, ohne sich zu erkennen zu geben. Einige Jahre nachher wurde er durch einen Pilger aus seiner Diözese entdeckt, der andachtshalber die Mönche des Morgenlandes besuchte. Kaum hatte die Kirche von Lyon den Aufenthaltsort ihres Bischofs erfahren, so sendete sie den Priester Antiochus (15. Oktober) an ihn ab, um ihn zur Rückkehr zu bewegen. Er ging aber nicht darauf ein, sondern starb kurze Zeit danach um das Jahr 390. Sein Leichnam wurde in der Folge nach Lyon gebracht.

 

3. September

 

Die heilige Serapia, Jungfrau und Martyrin von Rom,

+ 29.7.117 – Fest: 3. September

 

Antiochia, die Hauptstadt von Syrien, war der Geburtsort der heiligen Serapia. Als Kaiser Trajan die Christen im Morgenland zu verfolgen begann, nahm die Mutter ihr Töchterlein und floh mit ihr nach Rom. Hier erzog sie Serapia voll Liebe und Eifer für Jesus und begeisterte ihr junges Herz zu dem Entschluss, ihm ganz anzugehören und seine Braut zu werden. Als die Mutter starb, und die Jungfrau nun allein, ohne Vermögen, ohne Stütze in dem großen Rom dastand, verdingte sie sich als Magd bei einer edlen Witwe, namens Sabina (siehe 29. August). Dieser, einer Heidin, lehrte sie Jesus, den Gott der Liebe und Wahrheit, kennen und fand an ihr eine bereitwillige Schülerin. Um ungestörter ihrem Glauben sich hingeben zu können, verließen sie Rom und zogen aufs Land, wo sie einen Kreis heilsbegieriger Seelen um sich sammelten. Auch Hadrian, Trajans Nachfolger, war ein Feind der Christen. Als sein Statthalter Berillus vernahm, was im Haus Sabinas vorging, forderte er selbe vor Gericht, begnügte sich aber aus Rücksicht auf ihren Stand, sie mit Vorwürfen zu überschütten und dann wieder zu entlassen. Serapia aber behielt er in Verwahrung, und als sie seinem Verlangen, den Göttern zu opfern, mutig widerstand, war er Unmensch genug, sie der wilden Lust böser Menschen preisgeben zu wollen. Doch der Herr beschützte durch Wunder die Reinigkeit seiner Dienerin und spendete ihr die Krone. Sie wurde nach schrecklicher Marter enthauptet. Sabina bestattete die Überreste ihrer Freundin in ihrem eigenen Grab am Platz des Vindicianus.

 

Die heilige Basilissa, Jungfrau und Martyrin von Nikomedia,

+ 3.9.284? – Fest: 3. September

 

Die heilige Basilissa, eine neunjährige Jungfrau und Martyrin zu Nikomedia in Bithynien unter Diocletian, ertrug die grausamsten Peinigungen mit solcher Freude und Standhaftigkeit, dass der Statthalter Alexander, der die Gerichtsverhandlung leitete, in sich ging, ihr zu Füßen fiel und den Wunsch ausdrückte, ein Christ zu werden. Als sie später im Gebet ihren Geist Gott empfahl, verschied sie im Herrn.

 

 

Der heilige Gregor der Große, Papst und Kirchenlehrer von Rom,

+ 12.3.604 - Fest: 3. September (12. März)

 

Sankt Gregors Lebenslauf ist von nicht gerade alltäglicher Art, denn dass einer zunächst Oberbürgermeister von Rom und später Papst wird, ist nur ein einziges Mal in der Weltgeschichte vorgekommen, und das war bei Gregor der Fall.

 

Vornehm und reich waren Gregors Eltern. Weit mehr jedoch als Vornehmheit und Reichtum war für die innere Entwicklung ihres Sohnes von Gewicht, dass die Eltern ein christgläubiges Leben führten. Anfänglich verfolgte Gregor die Beamtenlaufbahn und brachte es bei seiner Tüchtigkeit mit dreißig Jahren zum Oberbürgermeister der Weltstadt Rom. Weil er von rechter Römerart war, klug und umsichtig, versah er das Amt zum Segen für das Volk. Als er aber nach dem Tod des Vaters zum Erben eines Riesenvermögens wurde, verschenkte er zunächst einige Millionen an die Armen, mit dem Rest gründete er sechs Klöster auf der Insel Sizilien. Dann trat er zum allgemeinen Bedauern von seinem Posten zurück und bat um Aufnahme in das siebte von ihm gestiftete Kloster zu Rom. Derjenige, der bisher in Samt und Seide gekleidet einherging, fühlte sich glücklich, ein schlichtes Mönchsgewand zu tragen.

 

Kurze Zeit nur durfte Gregor in der Stille des Klosters leben, denn bald danach schickte ihn der Papst als seinen Gesandten an den Kaiserhof nach Konstantinopel. Nachdem er dort einige Jahre erfolgreich zum Segen der Kirche gewirkt hatte und heimgerufen wurde, erwählten ihn die Mitbrüder zum Abt.

 

Als in jener Zeit Abt Gregor einst über den Marktplatz in Rom ging, stieß er auf eine Gruppe von Männern, die als Sklaven zum Verkauf angeboten wurden. Damals war es nämlich der Kirche noch nicht geglückt, die Sklaverei abzuschaffen. Die Männer aber, die, als Gregor über den Platz ging, gerade angeboten wurden, waren stattliche Gestalten. Gleich erkundigte sich der Abt nach ihrer Herkunft, und als er hörte, dass es Angelsachsen aus dem heutigen England seien, und außerdem erfuhr, dass dieses Inselvolk noch im Heidentum lebte, sprach er das vielsagende Wort, dann wolle er aus den Angeln Engel machen. Schon am nächsten Tag war Gregor als ein Mann der frischen, frohen Tat auf dem Weg nach England, um dort als Missionar zu wirken. Nur drei Tage weit reiste er, dann rief ihn der Papst durch Eilboten in die Ewige Stadt zurück, denn auf einen solchen Mann wollte der Stellvertreter Christi nicht verzichten.

 

Kurze Zeit später war Gregor selbst Papst, und eine der ersten Amtshandlungen, die er vornahm, bestand darin, dass er Missionare nach England schickte, die das Volk zum Christentum bekehren sollten. Und wenn später englische Missionare die deutschen Volksstämme für Christus eroberten, so verdanken wir das Glück, Christen zu sein, dem heiligen Gregor.

 

Überhaupt hat Sankt Gregor als Papst so großartig gewirkt, dass er mit Papst Leo I. allein in der langen Reihe der Päpste den Beinamen „der Große“ erhielt. Streng war er und gütig und heilig in seiner Lebensführung. Gregor war es auch, der den nach ihm benannten Gregorianischen Gesang in der Kirche einführte, wie wir ihn beim feierlichen Hochamt singen. Vor 1400 Jahren, im Jahr 604, starb Papst Gregor der Große.

 

Im Blick auf die Universalkirche vertrat Gregor den Grundsatz liturgischer Vielfalt. Der Gedanke, die römische Liturgie als Einheitsliturgie für die ganze katholische Kirche zu propagieren, lag ihm fern. Gregor der Große war vielmehr ein Anwalt regionaler Vielfalt. Als "Mönchspapst" nannte sich Gregor "Knecht der Knechte Gottes", was bis heute Bestandteil der päpstlichen Titel blieb.

 

Die Armenfürsorge wurde ein wichtiges Element seines Pontifikats. Die Getreideversorgung der damals wohl noch immer etwa einige Zehntausend Einwohner zählenden Stadt Rom, die eigentlich dem Kaiser oblag, war mangelhaft, weshalb er die riesigen Ländereien der Kirche in Süditalien und Sizilien neu organisierte und bewirtschaften ließ. Zu Anfang jeden Monats fand eine allgemeine Verteilung von Lebensmitteln statt. Ebenso mahnte Gregor die anderen Bischöfe, dass der Hungernde nur dann für die Predigt empfänglich sei, wenn ihm zuvor eine "helfende Hand" gereicht wurde. Almosen betrachtete er als Gott dargebrachtes Opfer, das letztlich Gnade im Gottesgericht erwirkt.

 

Gregor schrieb den Begriff "Papst" als ausschließliche Amtsbezeichnung für den Bischof von Rom fest. Mit ihm trat das Papsttum von der Spätantike ins Mittelalter über.

 

Die Heiligsprechung erfolgte 1295 durch Papst Bonifatius VIII. Seine Attribute sind die Tiara, Buch, Taube, Arme bedienend. Er ist Patron des kirchlichen Schulwesens, der Bergwerke; des Chor- und Choralgesanges; der Gelehrten, Lehrer, Schüler, Studenten, Sänger, Musiker, Maurer, Knopfmacher; gegen Gicht und Pest.

 

4. September

 

Die heilige Ida von Herzfeld, Herzogin von Sachsen, Witwe,

+ 4.9.815-825? – Fest: 4. September

 

Im Heer Karls des Großen war einer seiner liebsten und tüchtigsten Feldherrn der Graf Egbert, durch Klugheit, Eifer, Ausdauer und Tapferkeit ausgezeichnet. Auf einem Zug Karls nach Gallien erkrankte Egbert schwer. Der besorgte Kaiser übergab seinen Liebling seinem Oheim Bernhard zur Pflege, und der bot mit seinem ganzen Haus alle Sorgfalt, Mühe und Liebe auf, um den ihm anvertrauten Pflegling genesen zu lassen. Vor allen zeichnete sich durch unverdrossene Mühewaltung Ida aus, die einzige, geliebte Tochter Bernhards, eine Jungfrau schön von Gestalt und anmutigem Antlitz. Gott belohnte die Opferliebe der edelmütigen Jungfrau und erhörte ihre Bitten für den leidenden jungen Mann. Die Lebensgefahr ging vorüber und allmählich kehrte die Gesundheit Egberts zurück.

 

Kaiser Karl kehrte zurück, besuchte Egbert und freute sich seiner Genesung. Egbert rühmte die Gastfreundschaft Bernhards und die liebevolle Pflege seiner Wirtin, besonders ihrer hochherzigen Tochter Ida und bat ihn, seinen Einfluss aufzubieten, dass ihm die junge Frau zur Ehe gegeben werde. Die Eltern willigten gern in den Antrag ein und der Kaiser schenkte ihm reiche Güter in Westfalen und ernannte ihn zum Herzog der Sachsen zwischen dem Rhein und der Weser. Darauf nahm der ebenso fromme als tapfere Herzog Egbert die christliche Jungfrau zur Ehe und reiste mit ihr nach seinem Besitztum.

 

Auf ihrer Reise kamen sie an den Lippefluss zu der Stätte, die Herzfeld heißt. Hier schlugen sie ein Zelt auf und überließen sich der nächtlichen Ruhe. Während alle, von der Anstrengung des Tages ermüdet, in tiefem Schlaf lagen, erschien Ida ein Engel Gottes und mahnte sie, dort eine Kapelle zu bauen, um in ihr Gott eifrig zu dienen und nach vollendetem Lebenslauf dort mit ihrem Mann zu ruhen.

 

Als Ida früh morgens ihrem Gemahl die nächtliche Erscheinung des Engels mitteilte, stimmte er dem göttlichen Auftrag gern zu und erbaute bei seinem Wohnsitz, Hovestadt genannt, eine schöne Kapelle zu Ehren der Mutter Gottes Maria und des heiligen Bischofs Germanus. Dort pflegte Ida am liebsten zu verweilen und ihre geschickte Hand schmückte die Stätte der Andacht mit prächtigen Zierraten. Bei all ihrer Andacht und ihrem religiösen Eifer unterließ sie aber keine ihrer Pflichten ihrem Gemahl und ihrem Hauswesen gegenüber, gemäß dem Wort des Apostels (Tit 2): Die Ehefrauen sollen klug, nüchtern, häuslich und ihren Männern untertänig sein!“ Müßiggang und Trägheit hielt sie wie eine Pest von ihrem Hauswesen fern. Sie selbst spann, webte, flickte, nähte für ihr Haus und arme Leute. Ihre zahlreiche Dienerschaft hielt sie zu einem ehrbaren, sittenreinen, frommen Leben an, unanständige Reden, unsittliches Benehmen duldete sie niemals. Ihrem Gemahl Egbert gehorchte sie in allen Dingen und er liebte sie wie sich selbst, eingedenk des apostolischen Wortes: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat.“

 

Die Ehe Egberts und Idas wurde mit fünf Kindern gesegnet. Ludolph, Herzog von Westfalen, der noch einen großen Teil von Ostfalen hinzugewann, und Cobbo, Graf von Tecklenburg, wurden die Stammväter vieler deutschen Regentenhäuser, Warin wurde Abt von Corvey, Hadwig Äbtissin von Herford, die andere Tochter hieß Adila.

 

Welches Glück hätte in dieser Welt Bestand? Nach wenigen Jahren löste der unerbittliche Tod diese überaus glückliche Ehe im Jahr 800. Ida empfand den tiefsten Schmerz, aber sie unterwarf sich demütig dem Willen Gottes und wandte fortan ihr ganzes Herz dem Allerhöchsten zu. Sie übte sich in strengen Bußübungen, mied den Prunk und den Ruhm der Welt, legte ihre kostbaren Gewande ab und vertauschte sie mit ärmlicher Kleidung und verwendete ihre jährlichen Einkünfte für die Armen, fürchtend, dass, wer sparsam säe, auch kärglich ernte. Alle ihre freie Zeit verwendete sie auf christliche Liebeswerke, Betrachtung und Gebet. Um ungestörter den frommen Übungen obliegen zu können, baute sie an ihre Kapelle zu Herzfeld eine Zelle. Um immer an den Tod erinnert zu werden, ließ sie sich einen steinernen Sarg machen und in ihrer Zelle aufstellen. Diesen Sarg füllte sie zweimal im Tag mit Lebensmitteln, Kleidungsstücken und Geld und leerte ihn in die Hände der Armen. Alles Lob und Menschengunst verabscheute sie wie Mottenfraß, damit nicht auch sie das Wort des Herrn treffe: „Sie haben ihren Lohn dahin.“ Ihre Zelle verließ sie nur, um Armen Werke der Barmherzigkeit zu tun. Alle ihre Werke hauchten Heiligkeit aus, ihr einziges Ziel war Gott und die ewige Vereinigung mit ihm.

 

Nach geduldig ertragener Krankheit starb Ida unter den Gebeten ihres Kaplans Bertger und des trauernden Volkes am 4. September um 815, im Alter von 58 Jahren.

 

Die Leiche wurde in den steinernen Sarg gelegt, der durch ihre vielen Liebesgaben geheiligt war, und mit großen Ehren beigesetzt. Viele Wunder verherrlichten ihr Grab. Infolge ihrer Anrufung erhielten Blinde ihr Gesicht, Taube ihr Gehör, Lahme gerade Glieder, Kranke mancherlei Art ihre Gesundheit. Beim Einfall der Ungarn wollten rohe Soldaten die Kirche zu Herzfeld berauben und niederbrennen, aber durch ein Wunder wurde die Kirche nebst Glocken und übrigem Eigentum gerettet. Wegen der zahlreichen Wunder, die die Heiligkeit Idas bestätigten, wurde sie am 26. November 980 vom Bischof Dodo von Münster heiliggesprochen. Bei der feierlichen Eröffnung des Grabes verbreitete sich der süßeste Wohlgeruch und erfüllte das zahlreich versammelte Volk mit seligem Entzücken. Ein Teil ihrer Reliquien wurde in die Benediktinerkirche zu Verden übertragen.

 

Die heilige Rosalia Sinibaldi, Einsiedlerin von Palermo,

+ 4.9.1160 - Fest: 4. September

 

Die heilige Rosalia wurde zu Palermo in Sizilien von adeligen, mit der königlichen Familie verwandten Eltern im Anfang des 12. Jahrhunderts geboren. Da ihre Mutter bei der Königin in Sizilien in großem Ansehen stand, so wurde auch die kleine Rosalia am Hof standesgemäß erzogen. Dass sie aber besonders zur Erkenntnis und Liebe Gottes angeleitet wurde, beweist ihre weitere Geschichte.

 

In ihren Jugendjahren bot ihr die Welt alle ihre Freuden, Güter und Genüsse an. Da von Natur das Herz eines jeden Menschen mehr zum Bösen als zum Guten geneigt ist, so war auch wohl sie von Versuchungen nicht frei. Dessen ungeachtet folgte sie mit einer solchen Entschlossenheit einem außerordentlichen Ruf der Gnade, dass sie, um den Gefahren der Welt zu entfliehen, ihre Eltern und den Hof unbemerkt verließ, und von nun an in jeder Beziehung ein in Gott verborgenes Leben führte.

 

Einige tausend Schritte von Palermo liegt der Berg Montreal, mit dichtem und finsterem Gehölz bedeckt. In einer abhängigen Lage des Berges sieht man eine zweifache Höhle, in deren Öffnung man einen langen, etwas von der Erde erhabenen Stein in Gestalt eines Bettes wahrnimmt. Dieser Stein ist von beiden Seiten mit Felsen umgeben, und durch sie vor Regen und Wind geschützt. Das Tageslicht fällt, außer dem engen Eingang, nur durch einige Ritzen ein. Diesen Aufenthalt zog die heilige Rosalia den prächtigen, mit jeder Bequemlichkeit versehenen Palästen der sizilianischen Könige vor, wie es in einer Inschrift heißt, die dort gefunden wurde. Sie lautet: „Ich Rosalia, eine Tochter Sinibalds, Herrn von Montreal und Roses, habe aus Liebe zu Jesus Christus, meinem Heiland, diese Höhle bewohnt.“

 

Von hier begab sie sich auf den Berg Pelegrino, der drei Meilen von Palermo entfernt liegt, wahrscheinlich, um mit der erweiterten Freiheit ihres Gemütes auch ihrem körperlichen Auge einen Blick ins Unermessliche der zu ihren Füßen liegende Schöpfung zu verschaffen. Denn seine Höhe gewährt eine herzerhebende Aussicht. Auf einer Seite sieht man das Meer, dessen Wellen donnernd und schäumend an seine Felsen schlagen; und an der Landseite liegen kleine Hügel mit Waldungen und blumenreichen Wiesen. Auf dem Gipfel des Berges eröffnet sich eine mehr als hundert Schuh tiefe Höhle, die sich in der Tiefe noch mehr ausbreitete, und im Grund eine kleine Öffnung bildet.

 

Von dem Augenblick an, als Rosalia am Hof unsichtbar geworden war, bemühten sich die Eltern unaufhörlich, ihren Aufenthalt zu erforschen. Als sie auf dem Berg Montreal die genannte Inschrift gefunden hatten, verdoppelten sie ihren Eifer. Gott fügte es aber, dass sie Rosalia in der eben beschriebenen Höhle nicht mehr am Leben fanden. Sie lag auf der Erde, unterstützte mit einer Hand ihr Haupt, und hatte die andere auf ihr ruhen, gleich einer schlafenden Person.

 

Sie vollendete dort das Opfer ihres Herzens durch Abtötung, Gebet und beständige Vereinigung mit Gott im Jahr 1160.

 

Als im Jahr 1624 Palermo, die Hauptstadt des Königreiches Sizilien, von der Pest hart mitgenommen wurde und dadurch sehr viele Einwohner verlor, gefiel es dem Herrn, einen Schatz bekannt zu machen, den seine Vorsehung auf dem nicht weit von dieser Stadt gelegenen, sogenannten Peregriniberge verborgen hielt. Dieser Schatz war der Leib der heiligen Rosalia, der über 400 Jahre in einer Kluft dieses Berges in der Höhlung eines Steines begraben lag, ohne dass man ihn sonst, ungeachtet aller angewandten Mühe, gefunden hatte. Am 15. Juli 1624 aber wurden die Reliquien der Heiligen auf wunderbare Weise gefunden und mit allgemeinem sehr großen Jubel in die Stadt Palermo gebracht, die mit Gelübden und Bitten diese heilige Jungfrau um ihren Schutz beim Allerhöchsten anflehte, damit sie von dem Pestübel befreit würden. Und sie erlangte die gewünschte Gnade, die Stadt wurde in kurzer Zeit von der ganzen Seuche frei. Die Heilige wurde daher zur Beschützerin und Patronin der Stadt gewählt, und von dieser Zeit an wurde sie allzeit sowohl zu Palermo, als auch in den übrigen Städten Siziliens und an anderen Orten, ganz besonders verehrt.

 

Als im Jahr 1743 die Pest zu Messina wütete und in kurzer Zeit sehr viele Einwohner dort hinwegraffte, nahm die Stadt Palermo, die in der Nähe von Messina liegt, durch eifriges Gebet wieder ihre Zuflucht zu ihrer Mitbürgerin Rosalia, um vor der bevorstehenden Seuche bewahrt zu werden. Sie gebrauchten dabei aber auch alle Vorsicht, die man in solchen Fällen gebrauchen soll, um Gott nicht zu versuchen und sich nicht unbesonnen einer Gefahr auszusetzen. Und ihr Bitten war nicht vergeblich: denn die Pest kam bis nach Palermo nicht, sie drang nicht einmal in die übrigen Städte Siziliens ein, denn auch sie riefen die heilige Rosalia um ihren Schutz an. Fast alle Orte besitzen Reliquien von ihr, die nach Auffindung ihres Leibes verteilt und eine Quelle des Segens bei allen Drangsalen wurden.

 

Gott hat wirklich auf die Fürbitte dieser heiligen Jungfrau an allen Orten vielen Menschen unzählige Gnaden verliehen. Dies zeugt denn hinreichend von ihrer besonderen Heiligkeit, obwohl uns einige Umstände aus ihrem Leben und ihren Tugenden nicht bekannt sind.

 

Wie unendlich gut ist der Herr! Schon in dieser Welt verherrlicht er seine Heiligen, wie und wann es ihm gefällt. Er zieht, wie der heilige Augustinus sagt, aus seinem verborgenen Schatz die Reliquien seiner Dienerinnen und Diener hervor, damit die Gläubigen ihnen Ehre erweisen, ihren Glauben dadurch wecken, und durch sie die ihnen notwendigen Gnaden von seiner Barmherzigkeit erlangen.

 

Wir lernen aus diesen Wundern auch, dass die Verehrung, die man nach der Lehre der katholischen Kirche den Heiligen und ihren Reliquien erweist, Gott wohlgefällig ist. Rufen wir daher in unseren Nöten zu ihnen, und hoffen wir, dass uns Gott auf ihre Fürsprache erhören wird. Nur vergessen wir dabei nie, was der heilige Augustinus sagt, dass die Heiligen sich unser lieber annehmen und die Gnaden, um die wir bitten, leichter erlangen, wenn wir uns bemühen, die Tugenden nachzuahmen, die sie während ihres Lebens auf dieser Erde ausgeübt haben.

 

Die heilige Hadwiga, Äbtissin von Herford,

+ 875 – Fest: 4. September

 

Wie ein veredelter Baum reiche und köstliche Früchte zu tragen pflegt, so finden wir auch im Menschenleben, dass edle, fromme und gottesfürchtige Eltern ehrenwerte und heilige Kinder erziehen. Wie der Same, so die Frucht. Wie könnte es auch anders sein? Die Tugend zieht mit gewaltigen Banden die Herzen an, umso mehr, wenn sie am Vater und der Mutter dem empfänglichen Herzen des Kindes entgegenlacht. Glücklich das Kind, das sich echt christlicher Eltern zu erfreuen hat! Ein solches glückliches Kind war die heilige Hadwig.

 

Die heilige Hadwig erblickte das Licht der Welt zu Hovestadt, nicht weit von Lippstadt, wo ihre sehr frommen Eltern, der Graf Egbert und die heilige Ida, von ihrem Verwandten, dem Kaiser Karl dem Großen, einen Herrschaftssitz angewiesen erhalten hatten, den man in jener Zeit Hofstätte nannte. Von früher Jugend an folgte das Kind dem musterhaften Leben ihrer Mutter und gab sich ganz dem Dienst Gottes hin. Weil in dieser Zeit das Jungfrauenstift Herford in großer Blüte stand, so verzichtete sie auf eine reiche Heirat und alle irdischen Hoffnungen, und eilte in das Kloster, um dort ihr Leben unter steten Andachtsübungen rein und unbefleckt von jedem Anflug des Lasters zu bewahren. In keiner Weise begehrte sie die Reize und Eitelkeit der Welt, ihr einziges Vergnügen war, Gott zu dienen und den heiligen Pflichten nachzukommen. Immer schwebte ihrem Geist das Wort Barlaams an Josaphat vor: „Zu den Jahren des Lebens rechne ich nicht diejenigen, die in Eitelkeiten dieser Welt aufgewandt sind.“ Von dieser Andachtsglut ließ sie auch dann nicht ab, als sie in demselben Stift die Würde und höchste Herrschaft einer Äbtissin erlangt hatte.

 

Hadwigs erste Sorge war, zu ihrem eigenen und ihrer Untergebenen geistlichem Fortschritt für ihre Kirche die Reliquien irgend einer heiligen Jungfrau zu gewinnen, die außerhalb des Klosters ein gottseliges Leben geführt habe und allen gottgeweihten Jungfrauen als nachahmungswürdiges Beispiel vor Augen gestellt werden könnte. Schließlich wurde ihr der Leib der heiligen Pusinna angeboten, einer Jungfrau und Einsiedlerin aus dem 5. Jahrhundert, die in Bansion, in der Nähe von Corbei in Frankreich, durch ihre Wunder berühmt war (Fest: 23. April). Diese heilige Jungfrau hatte von den frühesten Jahren an unter der Leitung des Priesters Eugen zugleich mit ihren sechs leiblichen Schwestern das Gelübde der steten Keuschheit abgelegt. Obgleich sie keine Nonne war, diente sie Gott im Glauben, in der Hoffnung und Liebe, in Fasten, Nachtwachen, Gebet und Almosengeben. Niemals, außer in höchster Not, ging sie in die Öffentlichkeit, sondern nur zur Kirche, um dem Gottesdienst beizuwohnen. Ihre Augen bewahrte sie vor aller Neugier, ihre Ohren vor unnützen Reden, ihre Zunge vor Geschwätz, ihren Geist vor jeder unreinen Regung des Fleisches. Die Zeit, die ihr nach den Gebeten und frommen Betrachtungen noch blieb, widmete sie der Handarbeit oder der Lesung heiliger Bücher, immer voll Furcht, es würde eine Minute ohne Frucht und Nutzen der Seele vorübergehen. Nur mit solchen Menschen hielt sie Freundschaft, die sie den geistlichen Übungen geneigt fand. Niemals legte sie sich abends zur Ruhe, ohne ihr Gewissen aufs sorgfältigste erforscht zu haben. So war sie allen, außerhalb des Klosters Gott dienenden Jungfrauen ein Muster geworden, das um so herrlicher war, weil es viel schwerer ist, in der Welt die Annehmlichkeiten der Welt nicht zu verkosten.

 

Da Hadwig erkannte, dass ein solches Leben den Jungfrauen ihres Stiftes zum herrlichen Vorbild dienen werde, erbat sie vom König Karl dem Kahlen den Leib der heiligen Pusinna. Es wurde ihr nicht schwer, ihren Wunsch erfüllt zu sehen, weil sie mit dem König verwandt war und ihr Bruder Cobbo am Hof des Königs lebte. Die Reliquien der heiligen Pusinna wurden ihr geschenkt, nach Westfalen übertragen und mit großer Freude empfangen. Unter ungeheurem Zulauf des Volkes wurde das heilige Unterpfand nach Herford gebracht und dort von dem heiligen Bischof Badurad von Paderborn und dem Frauenkloster beigesetzt im Jahr 860. Niemand war froher über den gewonnenen Schatz, als die Äbtissin Hadwig, denn von dieser Zeit an wuchs dort lebendig die Verehrung der heiligen Patronin, und Hadwig selbst richtete ihr Leben nach dem Vorbild der heiligen Pusinna so ein, dass sie selbst als ein lebendiges Spiegelbild jener Heiligen erschien. Der Tag und das Jahr des Todes der heiligen Hadwig, sowie die Zeugnisse für ihre Tugenden und Heiligkeit sind durch die Ungunst der Zeiten in Vergessenheit geraten. Ihre Gebeine waren zur öffentlichen Verehrung ausgesetzt bis zum Jahr 1531, wo das Luthertum in jener Stadt zur Herrschaft gelangte. Eine edle Frau sammelte die heiligen Gebeine und diese wurden später dem Jesuitenkloster zu Münster übergeben.

 

5. September

 

Der heilige Bertin aus Konstanz, Abt von Sithiu, Frankreich,

+ 5.9.709 – Fest: 5. September

 

Der heilige Bertinus, Abt des Benediktinerklosters Sithin bei St. Omer in der Grafschaft Artois, um das Jahr 597 im Bezirk von Konstanz aus edler Familie geboren, weihte sich nach dem Beispiel seines Vetters Audomar mit seinen zwei Freunden Mommolenus und Ebertranus zu Luxeuil dem Herrn durch die Gelübde. Da um 637 Audomar zum Bischofssitz von Terouane erhoben wurde, bekam er als Gehilfen in Bearbeitung seines noch wilden Weinberges die drei Geistesbrüder, die auf einer Insel bei St. Omer ein Kloster erbauten, und Mommolenus als der ältere stand ihm als Abt vor. Als er aber im Jahr 659 zum Bischof von Noyon und Tournai erwählt wurde, musste Bertinus die Leitung übernehmen. Es blühte unter ihm die schönste Ordenszucht, weshalb sich auch die Schenkungen vermehrten. Der Heilige gründete auch das Kloster St. Winnoch. Bertin hatte den Trost, die Zahl der Brüder sich sehr mehren zu sehen, besonders durch den Andrang vieler bekehrter Edelleute. Als er sich endlich unter der Last der Jahre gebeugt fühlte, trat er im Jahr 700 sein Amt an seinen Jünger Rigobert ab und zog sich in eine Klause zurück, wo er 709 sein verdienstliches Leben beschloss. Viele Wunder verherrlichten sein Grab.

 

Die heiligen Urbanus, Theodorus, Menedemus und siebenundsiebzig andere Priester, Martyrer von Konstantinopel,

 + 5.9.370 – Fest: 5. September

 

Sie sind Martyrer für den katholischen Glauben. Die Arianer in Konstantinopel, vom Hof begünstigt, erlaubten sich die schmählichsten Gewalttätigkeiten gegen die Rechtgläubigen und erpressten von ihnen große Geldbußen oder warfen sie willkürlich in die Kerker. Da suchten die Bedrückten eine Gesandtschaft von achtzig der ausgezeichnetsten Geistlichen der Hauptstadt aus, an deren Spitze die Obengenannten standen, und schickten sie an den damals zu Nikomedia in Bithynien weilenden Kaiser Valens. Dort angekommen legten die Abgeordneten ihre Beschwerden getreulich vor und fanden anscheinend geneigtes Gehör, denn der Kaiser, einen Aufstand der Katholiken befürchtend, wagte seinen Groll nicht offen zu zeigen. Insgeheim aber gab er dem Präfekten Modestus den Befehl, die ihm lästige Gesandtschaft ohne Aufsehen aus dem Weg zu räumen. Der bereitwillige Höfling fand leicht einen Vorwand, die Arglosen auf ein Schiff zu locken, dessen Besatzung er angewiesen hatte, es auf hoher See in Brand zu stecken. Man segelte in der Richtung gegen den Hellespont ab, und als der Meerbusen Astacenus erreicht war, legten die Matrosen Feuer an, warfen sich schleunigst ins Boot und überließen die Diener Gottes ihrem Schicksal. Ein heftiger Gegenwind schleuderte das brennende Schiff auf die Gestade Bithyniens zurück, wo es versank. Dies ereignete sich im Jahr 370.

 

6. September

 

Der heilige Magnus von St. Gallen, Abt in Füssen,

+ 6.9.750 – Fest: 6. September

 

Um das Jahr 610 erschienen am Bodensee die aus Irland herübergekommenen Missionare Kolumban und Gallus und verweilten einige Zeit bei dem Pfarrer Willimar in Arbon. Dann zogen sie nach Bregenz, wo sie um das Kirchlein der heiligen Aurelia Hütten bauten, Gärten anlegten und fruchtbare Bäume pflanzten, noch mehr aber dem Unterricht der Heiden oblagen. Nach drei Jahren unermüdlicher Arbeit ging der heilige Kolumban, von Bregenz vertrieben, nach Italien und gründete dort das Kloster Bobbio. Seinen erkrankten Schüler und Freund Gallus empfahl er der Gastfreundschaft Willimars, der zwei jungen Priesterkandidaten, Magnus und Theodor, die sorgsame Pflege des hochverdienten Glaubensboten übertrug. Bei seinem Abschied segnete Kolumban den Magnus und sprach im prophetischen Geist: „Die Hand des Herrn wird über dir sein, und du wirst im deutschen Land seinen Namen durch Verkündigung des Evangeliums verherrlichen.“ Dann fügte er noch bei: „Meine Zeit ist nur noch kurz gemessen. Hörst du, dass ich gestorben bin, so eile nach Bobbio, hole dort meinen Hirtenstab und bringe ihn Gallus zum Zeichen, dass er des Gehorsams gegen mich entbunden ist.“

 

Nach seiner Genesung zog Gallus mit Magnus und Theodor in eine Wüstenei, machte sie urbar, säuberte sie von wilden Tieren und gründete das über tausend Jahre so hochberühmte und an Männern der Wissenschaft und Tugend so reiche Benediktinerkloster St. Gallen. Als Magnus durch göttliche Eingebung den Tod Kolumbans erfuhr, stieg er ohne Säumen über die Alpen, betete am Grab seines geliebten Lehrers und kehrte mit dessen Stab zu Gallus zurück, der diese kostbare Reliquie bei seinem Tod dem treuen Jünger hinterließ.

 

Nach Gallus Tod wurde Magnus der zweite Abt von St. Gallen. Bald darauf überfiel Herzog Othwin von Schwaben das Kloster, plünderte und brannte es nieder, zerstörte das Grab des heiligen Gallus, misshandelte und verwundete Magnus, dennoch blieb er und baute mit Holfe des Bischofs Boso von Konstanz das zerstörte Kloster wieder auf. Als die Mönche ihre Tätigkeit wieder begannen, kam aus der Diözese Augsburg der Priester Tosso zum Grab des heiligen Gallus und bat Magnus, mit ihm ins Allgäu zu kommen, um dort das Evangelium zu verkünden und Klöster zu gründen. Magnus und sein Jugendfreund Theodor folgten der Aufforderung. Bei Bregenz bettelte ein Blinder sie um ein Almosen an. Magnus sagte zu ihm: „Gold und Silber hab ich nicht, aber ich bitte Jesus, den Herrn des Lichtes, für dich und vertraue, er werde dich wieder sehend machen.“ Hierauf bestrich er die Augen des Blinden mit seinem Speichel und sogleich erhielt der sein Augenlicht zurück. Gott dankend, fiel er Magnus zu Füßen und bat ihn, sein Begleiter sein zu dürfen. Seine Bitte wurde ihm gewährt. Alle vier wanderten nun dem Waldgebirge zu und kamen nach dem heutigen Kempten.

 

An die Missionsreise des heiligen Magnus knüpfen sich viele schöne Legenden und deuten auf den mächtigen Schutz Gottes. Die frommen Männer trugen ein wunderbares Licht mit sich, das sich bei einbrechender Nacht von selbst entzündete, weder im Sturm noch im Regen erlosch und fortbrannte, ohne dass die kleiner wurde – ein liebliches Sinnbild des Evangeliums, das die Finsternis erleuchtet und wunderbare Wirkungen hervorbringt. Wilde Tiere, insbesondere eine furchtbare Riesenschlange, verbreiteten Schrecken ringsumher. Magnus sah das schnaubende Ungeheuer jenseits des Flusses, sprang über die Kluft, bezeichnete sich mit dem heiligen Kreuzzeichen und tötete das Untier mit seinem Stab. Den übrigen Ungetümen gebot er, das Land zu verlassen und sie entflohen. Die dankbaren Bewohner des Landes nahmen bereitwillig das Evangelium an. Theodor blieb in der neuen Gemeinde und der Sehendgewordene wurde ihm zum Gehilfen gegeben.

 

Magnus wanderte mit Tosso weiter in das Gebirge des Allgäus bis nach Epfach. Hier baute er ein Klösterlein, nahm einige Brüder auf, bebaute das Land und gewann die Bewohner für den Glauben an Jesus Christus. Ackerbau, Viehzucht und Bergbau gewöhnten die wilden Eingeborenen an ein ruhiges, sesshaftes Leben und der Wohlstand des Volkes mehrte sich zusehens. Der heilige Magnus, der schon so vielen zeitlichen und ewigen Segen um sich verbreitet hatte, empfing trotz seines demütigen Widerstrebens zu Epfach am Lech vom Bischof Wikpert von Augsburg die Priesterweihe und die kirchliche Vollmacht für seine Mission.

 

Mit Tosso weiter ziehend, kam Magnus nach Kempten und predigte dem durch Kriege verwilderten Volk das Evangelium mit solchem Feuer und solcher Liebe, dass man ihm bereitwillig Ohr und Herz lieh. Er half den Leuten, die zerstörte Stadt wieder aufzubauen und setzte eine Kirche nebst Klösterchen mitten hinein, von wo aus sich über ein Jahrtausend unermesslicher Segen über die Umgegend verbreitete.

 

Von dort wandte sich Magnus mit mehreren Gefährten gen Osten und kam durch die Waldgebirge auf mühsamen und gefährlichen Wegen nach Waldhofen in der Nähe von Hohenschwangau. Hier befestigte er an einem Apfelbaum ein Kreuz, flehte inbrünstig Gottes Beistand für sein apostolisches Werk an und begann dann das verwahrloste, aber gutmütige Volk in den christlichen Glaubens- und Sittenlehren zu unterrichten, und er hatte die Freude, eine neue Christengemeinde zu gründen, der er eine schöne Marienkirche baute. Tosso leitete die neue Gemeinde.

 

In seinem glühenden Seeleneifer reiste Magnus am rechten Lechufer aufwärts dem Hochgebirge zu und gelangte an die Stelle, wo der Strom durch einen schmalen Engpass brausend zwischen steilen Felsen dahinjagt. Dort wollte Magnus seinen Kampf mit den Mächten der Finsternis zu Ende führen und bis an sein Ende für die Verbreitung des wahren Lichtes arbeiten. Noch zeigt man am rechten Lechufer die in den Felsen eingedrückten Fußstapfen, wo der Heilige über den schauerlichen Abgrund gesprungen sein soll, „St. Magni Tritt“ genannt. Unfern davon erbaute Magnus um das Jahr 638 ein Kirchlein und eine Zelle und legte damit den Grund zu dem nachmals so berühmten Benediktinerstift St. Mang in Füssen. Hier arbeitete er noch zwanzig Jahre mit rastlosem Eifer an der Bekehrung der Heiden. Überall verschwanden die Gräuel der Abgötterei, und die milde Religion Jesu Christi schuf die wilden Menschen in fromme, gesittete Christen, fleißige Landleute und kunstfertige Handwerker um. Er half ihnen mit Wort und Tat die Raubtiere vertreiben, Sümpfe austrocknen, Wiesen und Äcker anlegen, Straßen bauen, den Wohlstand fördern und durch gute Werke heiligen. Am Säulingsberg entdeckte er ein Eisenerzlager und lehrte die Leute, es zu fördern. Das dankbare Volk schätzte seinen Wohltäter sehr hoch.

 

Im hohen Alter von mehr als siebzig Jahren schickte sich Magnus zur letzten Reise in das Land der ewigen Ruhe und gerechten Vergeltung an. Er berief seinen Lieblingsjünger Theodor von Kempten, damit er ihm die Sterbesakramente spende. Auch sein Freund Tosso, der nach dem Tod Wikperts Bischof von Augsburg geworden war, eilte herbei. In den Armen dieser lieben Freunde verschied Magnus sanft und ruhig im Jahr 655. Bei seinem Sterben hörten alle Anwesenden eine himmlische Stimme: „Komm, Magnus, empfange die Krone, die der Herr dir bereitet hat!“ Sein Freund Theodor legte einen kurzen Abriss seiner Taten unter das Haupt des Verstorbenen, dessen Leiche in der von ihm erbauten Kirche zu Füssen beigesetzt wurde. Im Jahr 845 wurde vom Bischof Hanto von Augsburg das Grab des Heiligen eröffnet und man fand den Leichnam noch unversehrt. Viele Wunder geschahen an seinem Grab durch Berührung seines Stabes und seiner priesterlichen Gewande. Papst Johann IX. sprach ihn heilig und das Schwabenland verehrt ihn als seinen Apostel.

 

Der heilige Eleutherius, Abt und Bekenner von Rom,

+ 6.9.586 - Fest: 6. September

 

Der heilige Gregor, jener berühmte Papst erzählt selbst in seinen Schriften das Leben des heiligen Eleutherius in folgenden Worten:

 

„Eleutherius, der Vater des Klosters vom heiligen Evangelisten Markus, welches vor den Mauern von Spoleto liegt, hat lange in dieser Stadt in einem Kloster mit mir Umgang gehabt und ist daselbst gestorben. Seine Schüler erzählen von ihm, dass er durch sein Gebet einen Toten erweckt habe. Er war aber ein Mann von solcher Einfachheit und Zerknirschung, dass nicht zu zweifeln ist, dass die Tränen, die aus einem so demütigen und einfachen Herzen kamen, bei dem allmächtigen Gott vieles erlangen konnten. Ich will nun ein Wunder von ihm erzählen, welches er mir auf meine Fragen einfach selbst erzählt hat:

 

Als er eines Tages auf der Reise war und am Abend sonst keinen Ort zur Unterkunft fand, kehrte er in einem Kloster von Jungfrauen ein; in diesem war ein kleiner Junge, den der böse Geist jede Nacht zu plagen pflegte. Da aber die gottgeweihten Frauen den Mann Gottes aufnahmen, fragten sie ihn und sprachen: darf jener Junge heute Nacht bei dir bleiben? Eleutherius nahm ihn gütig auf und erlaubte, dass er die Nacht hindurch bei ihm liege. Als es Morgen geworden war, fragten die Klosterfrauen den genannten Vater sorgfältig aus, ob ihm der Junge, den sie ihm beigegeben hatten, in der Nacht etwas getan habe. Verwundert, warum sie ihn so fragten, antwortete er: „Nichts.“ Nun teilten jene den Umstand des Jungen mit und erzählten, dass der böse Geist keine Nacht von ihm weiche und baten inständig, Eleutherius möge ihn mit sich in sein Kloster nehmen, weil sie bereits sein Elend nicht mehr sehen könnten. Der Greis willigte ein; er führte den Jungen in das Kloster. Als dieser nun schon lange Zeit im Kloster war und bisher der alte Feind nicht mehr sich getraute zu kommen, wurde das Herz des Greises über die Befreiung des Jungen etwas übermäßig von Fröhlichkeit erfasst; denn er sagte einst zu den Brüdern: Brüder, der Teufel trieb seinen Spaß mit jenen Schwestern; da nun aber der Junge zu den Dienern Gottes gekommen ist, wagt jener nicht mehr den Jungen anzufallen. Kaum war das Wort gesprochen, so wurde in dieser Stunde und in diesem Augenblick der Junge vor allen Brüdern von dem Teufel ergriffen und gequält. Über diesen Anblick brach der Greis in Wehklagen aus. Da ihn die Brüder zu trösten versuchten, antwortete er: Glaubt mir, es wird heute keiner einen Bissen Brot in den Mund bekommen, wenn nicht jener Junge dem Teufel entrissen wird. Hierauf begab er sich mit allen den Brüdern zum Gebet, und es ist so lange gebetet worden, bis der Junge von der Besessenheit befreit war. Und zwar ist er so vollkommen geheilt worden, dass der Teufel keinen neuen Anfall mehr wagte.“

 

Es ist eine schon tausendmal gemachte Erfahrung, dass, wenn man von Gott irgendeine Gnade empfangen hat und sich dieser Gnade rühmt oder überhaupt unnötigerweise davon spricht, man sie gewöhnlich verliert. Selbst Weltmenschen wissen dies. Sobald nämlich an einer Gnade Gottes, die wir besitzen, Selbstgefälligkeit und Eitelkeit sich einstellt, wird uns die Gnade Gift an der Seele, gleichsam Nahrung für die Sünde. Deshalb nimmt sie Gott dann hinweg. Sei deshalb besorgt und schweige über die Gnaden Gottes; wo du aber glaubst davon reden zu müssen, tue es in einer Absicht und Art, dass nicht du, sondern nur Gott Ehre davon habe. – Die kleine Eitelkeit, die den heiligen Eleutherius beschlichen hat, wurde wieder gesühnt, durch die Reue, Demütigung und das eifrige Gebet. Andere haben keinen so heiligen Wandel und das Gebet frommer Brüder in die Waagschale zu legen, dass sie gleich dem heiligen Eleutherius die verscherzte und entzogene Gnade wieder zurückrufen könnten.

 

Der heilige Gregor erzählt weiter: „Wie groß die Gewalt des Gebetes dieses Mannes war, habe ich an mir selbst erfahren. Denn als ich zu einer gewissen Zeit im Kloster an großer Entkräftung litt und durch häufige Beengungen stündlich meinem Ende mich nahte, und die Brüder nur durch öftere Darreichung von Stärkungsmitteln verhinderten, dass mir der Lebensfunke nicht ganz ausging, kam der Ostertag. Da nun am heiligen Karsamstag, wo alle, selbst kleine Kinder fasten, ich nicht fasten konnte, so fing ich an, mehr durch den Kummer darüber, als durch die Leibeskrankheit dahinzuschmachten. Aber das traurige Gemüt fand bald Rat; ich führte den Mann Gottes heimlich in den Betsaal und bat ihn, er möge beim allmächtigen Herrn durch seine Bitte die Kraft zu fasten mir erflehen. Das geschah auch. Auf sein Gebet hin bekam mein Magen eine solche Stärkung, dass mir Speise und Krankheit ganz aus dem Sinn kamen. Ich fing an, mit Verwunderung zu betrachten, wer ich jetzt sei und wer ich gewesen war, weil ich nichts mehr von dem fühlte, woran ich vorher litt. Ja, als es Abend wurde, war ich so kräftig, dass ich das Fasten, wenn ich gewollt hätte, bis an den anderen Tag hätte aushalten können. Ich machte auf diese Art an mir die Erfahrung, dass auch das von Eleutherius wahr sein werde, was ich nicht selbst mit eigenen Augen gesehen habe.“

 

Außer dem, was der heilige Gregor hier erzählt, weiß man vom heiligen Eleutherius keine genaueren Lebensumstände; dagegen findet sich in den Schriften des großen Papstes noch folgende Nachricht über den Bruder des heiligen Eleutherius: „Es pflegt meistens zu geschehen, dass die Seele beim Abscheiden diejenigen erkennt, mit welchen sie vermöge der Schuld oder der Verdienste dem nämlichen Aufenthaltsort zugewiesen wird. Denn der verehrungswürdige Greis Eleutherius hatte in seinem Kloster einen Bruder, namens Johannes, der 14 Tage vorher den Brüdern sein Ende ankündigte. Als er nun täglich die abnehmenden Tage zählte, wurde er drei Tage, bevor er starb, vom Fieber ergriffen. Beim Herannahen des Todes empfing er das Geheimnis des Leibes und Blutes unseres Herrn, ließ die Brüder herbeirufen und forderte sie auf, vor ihm Psalmen zu singen. Während des Gesanges rief er plötzlich: Ursus komm! Kaum hatte er das gesagt, da starb er. Die Brüder wunderten sich, weil sie nicht wussten, was jener Ausruf des Sterbenden zu bedeuten habe. Im Kloster war aber große Traurigkeit über sein Abscheiden. Den vierten Tag aber brauchten die Brüder etwas, wegen dessen sie zu einem anderen, weit entfernten Kloster sandten. Die abgesandten Brüder fanden dort alle Brüder des Klosters sehr traurig. Gefragt, was sie hätten, dass sie so niedergeschlagen seien, antworteten sie: Wir beklagen die Verwaisung dieses Ortes, indem ein Bruder, dessen Leben im Kloster uns erbaute, vor vier Tagen hinweggerafft worden ist. Als die Brüder, die angekommen waren, fragten, wie jener geheißen habe, antworteten sie: Ursus. Da sie nun auch genauer über die Stunde seines Todes sich erkundigten, erfuhren sie, dass er im gleichen Augenblick seinen Geist aufgegeben habe, da er durch Johannes, der bei ihnen gestorben ist, gerufen worden war. Hieraus schließt man, dass das Verdienst beider gleich war und ihnen gegeben wurde, dass sie in einer und derselben Wohnung gemeinsam leben, denen es zusammentraf, gemeinsam den Leib zu verlassen.

 

7. September

 

Die heilige Regina, Jungfrau und Martyrin bei Autun, Frankreich,

+ 7.9.251 – Fest: 7. September

 

Die heilige Regina, Jungfrau und Martyrin, war die Tochter eines vornehmen Heiden zu Alize, jetzt ein kleines Dorf in Burgund, damals aber eine ansehnliche Stadt, deren Name in der Geschichte durch die von Cäsar unternommene Belagerung bekannt ist. Da die Mutter nach der Entbindung starb, wurde das Kind einer Amme auf dem Land übergeben, die insgeheim Christin war und auch ihren Pflegling in den Lehren des Evangeliums unterrichtete. Als aufblühendes Mädchen kehrte Regina zu ihrem Vater zurück, der an ihrer Eingezogenheit und ihrem Abscheu vor den Freuden der Welt bald erkannte, dass sie dem ihm verhassten neuen Glauben huldige und außer sich vor Zorn ihr die Wahl stellte, entweder dem Christentum zu entsagen oder das Haus zu verlassen. Die Jungfrau, die das Himmlische mehr liebte als das Irdische, entschied sich ungesäumt für das Letztere und ging zu ihrer Pflegemutter, wo sie die Lämmer hütete und dabei des guten Hirten der Seelen gedachte. Zugleich mit ihrer Frömmigkeit entwickelte sich ihre körperliche Schönheit von Tag zu Tag immer mehr, und jedermann bewunderte die holdselige Schäferin. Als sie fünfzehn Jahre alt war, begab es sich, dass Olybrius, der für Frankreich vom Kaiser Decius bestellte Statthalter, in die Gegend kam, Regina erblickte, in leidenschaftlicher Liebe zu ihr erglühte und, nachdem er den Stand ihrer Eltern erfahren hatte, den Entschluss fasste, um ihre Hand zu werben. Demnach ließ er sie nach Alize führen und machte ihr die geeigneten Anträge, die aber von der dem himmlischen Bräutigam verlobten Jungfrau entschieden abgewiesen wurden. Nun forderte er den Vater auf, dass er mit seinem Ansehen für ihn einschreite. Aber auch das war vergeblich, und so wurde Regina schließlich in den Kerker geworfen und dort so hart gefesselt, dass sie weder liegen noch sich bewegen konnte. In dieser peinlichen Lage schmachtete die Dulderin einen ganzen Monat lang. Nach Verlauf dieser Zeit brachte man sie wieder vor Olybrius, der sich schmeichelte, sie nun gefügiger zu sehen. Allein er täuschte sich und geriet darüber so in Wut, dass er die zarte Jungfrau grausam geißeln und dann neuerdings einkerkern ließ. Im Gefängnis heilten über Nacht wunderbar ihre zerfleischten Glieder, und sie erschien folgenden Tages mit erhöhter Schönheit vor dem Statthalter, der wiederholt mit Schmeichelworten in sie drang, sie aber nur umso standhafter im Glauben fand. Jetzt ließ er die treue Dienerin Jesu mit eisernen Krallen und brennenden Fackeln martern und zuletzt enthaupten. Solches geschah im Jahr 251. Die Reliquien wurden 864 in die Abtei Flavigny bei Alize gebracht, wo man sie ehrfurchtsvoll aufbewahrte. Unfern davon hat sich ein Städtchen gebildet, das den Namen der Heiligen trägt.

 

8. September

 

Das Fest Mariä Geburt

 

Der heilige Disibod, Mönch, Missionar und Bischof bei Trier,

+ vor 700 – Fest: 8. September

 

Die Liebe zum angestammten Mutterland hat viele Nachkommen der Angelsachsen bewogen, die christliche Religion, die sie nach ihrer Einwanderung in Altengland annahmen, ihren daheimgebliebenen Brüdern und Schwestern als kostbarste Liebesgabe zu schenken, und sie dadurch zum höchsten Glück in Zeit und Ewigkeit zu befähigen. Zu diesen Glaubensboten aus England gehört auch der heilige Bischof Disibod. Er stammte aus Irland, das bis zum heutigen Tag den Ruhm bewahrt hat, der katholischen Kirche trotz allen Verfolgungen und Knechtungen immer treu geblieben zu sein. Im elterlichen Haus legte er den Grund zu seinem heiligen Leben und in den ausgezeichneten Klosterschulen seiner Heimat empfing er nebst einer tüchtigen Ausbildung in den Wissenschaften die glühende Begeisterung, sein Leben ganz der Vervollkommnung und dem Seelenheil seiner Mitmenschen zu weihen.

 

Da in seinem Geburtsland bereits ein reges christliches Leben blühte, so schiffte er sich mit drei gleichgesinnten Gefährten, namens Giswald, Klemens und Salust, ein und kam um das Jahr 670 nach Franken. Nachdem er zehn Jahre an verschiedenen Orten das Evangelium gepredigt und glückliche Erfolge erreicht hatte, begab er sich in das Nahetal und baute sich in der Waldwildnis eine Hütte. Von hier aus verkündigte er den Talbewohnern den christlichen Glauben, und der Kraft seiner Predigt und seiner gewinnenden Güte gelang es, die Herzen der schlichten Leute für die Wahrheit und Gnade Jesu Christi zu erobern. Mit Freuden erbauten sie ihm eine Kapelle, und mehrere fromme Jünglinge und Männer baten ihn, sie als Jünger anzunehmen. Gern willfahrte Disibod dem edlen Streben der Neubekehrten und so entstand mitten in der Wildnis gar bald ein Kloster, das im Lauf der Zeit zu großer Pracht und Blüte gelangte.

 

Disibod behielt immer das Einsiedlerkleid, aber seinen Jüngern und Schülern gab er die Ordensregel und das Kleid des heiligen Vaters Benedikt, und leitete sie durch Wort und Beispiel zu einem vollkommenen Leben an. Er beschränkte aber seine Tätigkeit nicht auf das Kloster, sondern brachte auch fortwährend den Unwissenden Belehrung, den Betrübten Trost, den Notleidenden Hilfe, und wurde von allen, die ihn kannten, geliebt und verehrt. So gütig er gegenüber anderen war, so streng war er gegen sich selbst. Nicht begnügte er sich mit den Abtötungen und Bußübungen, wie sie die Ordensregel des heiligen Benedikt vorschreibt, sondern er kreuzigte sein Fleisch mit außerordentlicher Härte, um möglichst hohe Vollkommenheit zu erringen. Trotz den vielen Fasten und Kasteiungen erreichte Disibod ein Alter von 81 Jahren. Am Fest Mariä Geburt, den 8. September, um das Jahr 700 folgte er dem Ruf seines lieben Heilandes: „Komm her, du guter und getreuer Knecht. Weil du über weniges treu gewesen, so will ich dich über vieles setzen. Geh ein in die Freude deines Herrn.“ Sein heiliger Leib wurde in der Kapelle neben seiner Klause beigesetzt und fünfzig Jahre später vom heiligen Bonifatius in die neue und prächtige Kirche übertragen. Die zahlreichen Wunder am Grab des heiligen Disibod gaben jahrhundertelang Zeugnis, in was für einem Ansehen der Heilige bei Gott stand.

 

Die alte Pracht und Kunstherrlichkeit des ehemaligen Klosters Disibodenberg ist längst in Schutt verfallen, aber selbst die ansehnlichen Trümmer zeugen noch von der einstigen Blüte der Stiftung des heiligen Disibod.

 

Der heilige Thomas von Villanova, spanischer Erzbischof,

+ 8.9.1555 - Fest: 8. September

 

Meistens deutet bereits das Kirchengebet auf das hin, was den Tagesheiligen jeweilig kennzeichnet und verherrlicht. Da heißt es heute vom heiligen Thomas von Villanova, dass er in hervorragender Weise die Tugend der Barmherzigkeit gegen die Armen geübt habe. So sehr zeichnete sich in der Tat dieser Spanier durch die Nächstenliebe aus, dass man heute noch ganz allgemein seinem Namen Thomas den ehrenden Zusatz „der Almosengeber“ beifügt.

 

Thomas, im Jahr 1488 geboren, war eines Müllers Sohn, der alles, was er am Donnerstag mahlte, am folgenden Tag, am Freitag, zu Ehren des leidenden Heilandes unter die Bedürftigen verteilte. Es war oft nicht wenig, was der gutherzige Mann an einem einzigen Tag weggab, aber er fuhr trotzdem gut dabei, denn Almosengeben armet bekanntlich nicht, und überdies wurde des Müllers Wohltun dadurch überaus reich belohnt, dass Gott ihm einen Sohn schenkte, der sich, durch des Vaters Vorbild und Beispiel angeregt, zu einem Caritashelden erster Größe entwickelte.

 

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr, aber früh übt sich, wer ein Meister werden will. Auch der Müllerssohn von Villanova hat früh das Wohltun gelernt und sich darin geübt, wenn er Brot und Obst, Kleider und Schuhe und die Hühner aus dem Stall verschenkte, und als er beim Tod des Vaters ein Haus erbte, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als das Gebäude zu einem Spital herzugeben.

 

Zur Zeit, da dies geschah, besuchte Thomas die Hochschule zu Alcala. Der junge Mann war ein glänzender Student, der später Professor wurde, aber in den Augustinerorden eintrat und Mönch wurde, der zur eigenen Heiligung in der Abgeschiedenheit der Klosterzelle verschwand, bis er nach dem Empfang der Priesterweihe wieder auftauchte und als ein gottbegnadeter Redner die Kanzeln der heimatlichen Städte zierte, ein Prediger, zu dem die Gläubigen in Massen strömten, der alle hinriss und selbst die lauesten Christen aufzurütteln verstand. Darauf wurde Thomas von Kaiser Karl V. zum Hofprediger ernannt, und dann dauerte es nicht mehr lange, bis er, ob er in seiner Demut wollte oder nicht, den erzbischöflichen Stuhl von Valencia besteigen musste.

 

Nie hatte die Stadt Valencia solch einen Erzbischof besessen, wie sie ihn in Thomas von Villanova erhielt, der sich beispielsweise nicht dazu verstehen konnte, bischöfliche Kleidung anzulegen, sondern bis zum Tod die gleiche, von ihm selbst geflickte und zerflickte Mönchskutte trug, der sich persönlich aus freien Stücken große Entbehrungen in Wohnung und Nahrung auferlegte, der mit jedem Groschen und Heller geizte, der aber auf der anderen Seite von einem hochherzigen Wohltätigkeitssinn beseelt war. Gleich vom ersten Tag an war es so, denn als das Domkapitel dem neuen Erzbischof, der doch nur ein Müllerssohn und ein Ordensmann war, für die Instandsetzung des Bischofshauses viertausend Dukaten schenkte, schickte der Beschenkte das Geld, ohne es auch nur in die Hand zu nehmen, ins städtische Spital als Almosen für die Kranken.

 

Das war der Anfang, und so ging es weiter. Restlos flossen die Einkünfte des Erzbischofs den Armen zu, den Gefangenen, den unbemittelten Studenten, den Findlingen, den Waisen, der gefährdeten Jugend, den alten Leuten, den Kranken und den Bettlern. Unsummen waren es, die Thomas von Villanova verschenkte, und immer meinte er und ängstigte er sich, dass er noch nicht genug getan habe und noch mehr tun müsse, und als es mit ihm zum Sterben kam, an Mariä Geburt des Jahres 1555, da hatte er nichts mehr, was ihm gehörte, denn selbst das Bett, auf dem er entschlief, war ihm nach seiner Meinung nur geliehen, weil er es vorher bereits dem Gefängnis geschenkt hatte.

 

Ganz arm ist der Almosengeber Thomas von Villanova aus dieser Welt geschieden, aber in der jenseitigen Welt gehört er zu den Reichen, denn alles, was man um Christi willen den Armen gibt, erhält man im Jenseits tausendmal verdoppelt und verzehnfacht zurück. Gott zahlt die höchsten Zinsen, und wer den Armen gibt, macht sich den reichsten Herrn, dem Himmel und Erde gehört, zum Schuldner.

 

Der heilige Hadrian, Soldat und Martyrer von Nikomedia,

+ 4.3.306 – Fest: 8. September

 

Im Jahr 306 kam der grausame Maximian, der unter Diokletian das morgenländische Kaisertum beherrschte, nach Nikomedia und erregte eine heftige Verfolgung gegen die Christen. Er ließ ein Gesetz bekannt machen, worin er allen Einwohnern der Stadt unter den strengsten Strafen gebot, jeden bei Gericht anzuzeigen, der den Göttern nicht opfert. Aus Furcht vor dem Martertod und gereizt durch die anlockenden Versprechungen verriet damals ein Freund den anderen, Väter ihre Kinder und Kinder ihre Eltern. Viele Christen verließen heimlich die Stadt und flüchteten sich in die Höhlen wilder Tiere und in die abgelegensten Wüsteneien, wo sie sich nährend von Kräutern und Wurzeln ihr Leben zu retten suchten. Aber sie wurden entdeckt und mit Ketten gefesselt dem Maximian vorgeführt. Glühend vor Zorn bei dem Anblick der Christen schrie er ihnen entgegen: „Elende Verbrecher! Habt ihr die Strafen vergessen, die ich gegen jeden anzuwenden befahl, der es wagt, sich einen Christen zu nennen?“ Die Bekenner antworteten: „Deine Verordnungen sind uns bekannt, aber als Anbeter des wahren Gottes verachten wir sie, weil sie uns das größte aller Verbrechen, den Abfall vom Glauben, befehlen.“ Da rief der Tyrann: „Bei den unsterblichen Göttern sei es geschworen, dass ich alle Qualen und Peinen gegen euch verfügen will! Doch“, setzte er höhnisch bei, „euer mächtiger Gott wird euch ja aus meinen Händen zu befreien wissen.“ Sogleich befahl er seinen Henkern, die Unschuldigen bis auf das Blut zu schlagen. Aber sie jubelten während der Marter und riefen: „Feind Gottes, ersinne neue Peinen! Denn je grausamer du gegen uns wütest, desto glänzender werden unsere Kronen.“ Auf diese Worte ließ ihnen Maximian ihre Zähne mit Steinen zerschlagen, ihre Gebeine zerbrechen und sie in das Gefängnis werfen. Auf dem Weg dahin frohlockten sie und dankten Gott, dass er sie des Martertums gewürdigt habe und sangen zum Staunen der Heiden heilige Psalmen.

 

Einen besonderen Eindruck machte der Heldenmut dieser Martyrer auf den Hadrian, der der Marter beigewohnt hatte und einer der ersten Minister des Kaisers war. Er begab sich heimlich in den Kerker und fragte die Christen, welchen Lohn sie zu erwarten haben, der sie entschädigen könne für so grausame Peinen und einen so gewaltsamen Tod. Sie antworteten ihm einmütig: „Der Lohn, den wir bei Gott im ewigen Vaterland empfangen für diese kurzen und vergänglichen Leiden, kann mit Worten nicht ausgedrückt und in diesem Leben nicht empfunden werden.“ Sie sprachen mit heiliger Sehnsucht noch vieles über die Freuden im Himmel und Hadrian wurde so sehr gerührt, dass er Jesus bekannte und sich taufen ließ. Einer der Gefängniswächter hinterbrachte dieses Geheimnis dem Kaiser und der ließ sogleich den Beschuldigten zu sich rufen und sprach: „Hadrian, mein getreuer Diener und Freund! Welcher Unsinn hat dich befallen, dass du dich zu der mir so verhassten Religion der Christen bekennst und dich dadurch in grenzenloses Verderben stürzt?“ Ihm antwortete Hadrian freimütig: „Nicht durch Unsinn, sondern durch meine Vernunft werde ich von der Wahrheit des Christentums überzeugt, für das ich Blut und Leben zu opfern bereit bin.“ Maximian erschrak heftig über diese Standhaftigkeit und gebrauchte alle Mittel, ihn zum Widerruf zu bewegen. „Opfere den Göttern“, sprach er, „und bekenne deinen Fehler vor dem Volk und ich will alles vergessen.“ Aber Hadrian erwiderte: „Nur vor Gott, o Kaiser, werde ich mein ganzes Leben hindurch meine vorherige Verblendung und die Missetaten meines Lebens bekennen.“ Hierauf wurde er gefesselt und in das Gefängnis zu den anderen Märtyrern gebracht, wo sich die Heiligen durch Beten und Wachen auf ihren Tod vorbereiteten.

 

Am Tag ihrer Hinrichtung ermahnte Maximian den Hadrian und seine 23 Gefährten noch einmal dringend, den Göttern zu opfern, und als sie sich dessen einmütig weigerten, ließ er sie zuvor so grausam foltern, dass sie ihre Eingeweide vergossen, und dann befahl er, ihnen nach der Reihe Hände und Füße abzuhauen, unter welchen Martern sie sämtlich ihren Geist aufgaben am 4. März des Jahres 306.

 

Der heilige Korbinian, 1. Bischof und Bekenner von Freising,

+ 8.9.730 – Fest: 8. September / 9. September in Bozen und Brixen / 20. November im Erzbistum München-Freising

 

Bayern verehrt als einen seiner verdientesten Apostel und als ersten Bischof von München-Freising den heiligen Korbinian. Chartres im Bistum Paris ist seine Vaterstadt. Sein Vater starb schon vor seiner Geburt (um 680), seine fromme Mutter leitete das empfängliche Gemüt ihres Sohnes zur Gottesliebe. Als seine Mutter gestorben war, verkaufte er sein Erbe, gab den Erlös den Armen und baute sich neben der Kapelle des heiligen German eine Hütte, und übte sich vierzehn Jahre in Bußwerken, Gebet, Betrachtungen. Mehrere fromme Männer gesellten sich ihm zu und empfingen seinen Unterricht, durften aber nicht in seine Zelle kommen. Bald kamen zahllose Hohe und Niedrige, um bei ihm Rat einzuholen oder geistige Hilfe von ihm zu erlangen. Selbst Pipin von Heristal bat ihn um sein Gebet. Um in seinen Andachtsübungen nicht gestört zu werden, verließ er seine Zelle und reiste über die Alpen nach Rom, um daselbst bei der Kirche des heiligen Petrus in einer einsamen Zelle Gott zu dienen. Der Papst Konstantin durchschaute seinen Geist und sein Herz und sprach: „Das Licht darf nicht unter den Scheffel gestellt werden, sondern auf den Leuchter. Ich werde dich zum Priester und zum Bischof weihen für solche Gegenden, die noch keinen Bischof haben.“ Der demütige Korbinian unterwarf sich dem Willen des Papstes und kehrte als Bischof und mit dem Pallium beehrt in seine Zelle bei Chartres zurück. Mit dem Flammenschwert des Wortes Gottes traf er die herrschenden Laster aufs Haupt und gewann herrliche Siege unter Adel und Volk. Selbst der Großhofmeister des Königs von Frankreich lud ihn ein, nach Paris zu kommen.

 

Auf der Reise dahin kam er an einem Galgen vorbei, wo eben ein berüchtigter Dieb, namens Adalbert, aufgeknüpft werden sollte. Voll Mitleid mahnte Korbinian den Verbrecher zur Reue, hörte des Zerknirschten Beichte und bat die Gerichtsdiener, mit der Hinrichtung zu zögern, weil er Begnadigung für ihn erbitten wollte. Während er zu Pipin eilte und wirklich Begnadigung für den Missetäter erhielt, hatte man ihn bereits aufgeknüpft. Der rückfahrende Bischof war sehr betrübt, ließ den Leichnam vom Galgen nehmen, betete über ihn, und siehe, der Unglückliche kehrte zum Leben zurück, führte fortan ein gottseliges Leben und starb eines heiligen Todes.

 

Die Wunder und Predigten Korbinians verschafften ihm immer größere Verehrung, gegen die sich seine Demut und Weltverachtung sträubte. Deshalb reiste er nach sieben Jahren zum zweiten Mal nach Rom, um den Papst zu bitten, dass er ihm gestatte, seine Würde niederzulegen und den Verkehr mit der Welt abzubrechen. Um nicht unterwegs aufgehalten zu werden, nahm er seinen Weg durch Schwaben und Bayern, predigte das Evangelium mit dem besten Erfolg und fand liebevolle Aufnahme beim Herzog Theodo II., der vor kurzem den heiligen Rupert nach Bayern berufen hatte und nun auch Korbinian in Regensburg zu behalten wünschte. Aber weder die Bitten des Herzogs Theodo, noch die seines Sohnes Grimoald, der in Freisingen residierte, konnten den demütigen Bischof zum Bleiben bewegen.

 

Auf seiner Reise durch Tirol übernachtete er am Fuß des Brenners. Ein Bär zerriss ihm sein Maultier. Korbinian peitschte den Bären tüchtig, lud ihm dann sein Gepäck auf und befahl ihm im Namen Gottes, es bis nach Rom zu tragen.Der Bär gehorchte willig. Zur Erinnerung an diese Begebenheit trägt Freisingen noch heute einen Bären im Stadtwappen. Papst Gregor II. nahm Korbinian sehr gütig auf, schlug ihm aber entschieden die Bitte ab, als Einsiedler dort zu bleiben, befahl ihm vielmehr nach Bayern zurückzukehren und dort den Glauben zu verbreiten.

 

Korbinian gehorchte demütig. Auf seiner Rückreise hielten ihn die Bewohner von Mais bei Meran in Südtirol fest, weil sie vom Herzog Grimoald den Befehl erhalten hatten, ihn nicht anderswohin ziehen zu lassen. Während ein Bote vom Herzog weitere Maßregeln einholte, besuchte Korbinian die Umgegend und erkor sich bei der Kirche des heiligen Valentin ein Plätzchen, um dort seine Tage zu beschließen.

 

Unterdes kehrten die Boten mit dem Auftrag zurück, Korbinian an den herzoglichen Hof zu begleiten. In Freising erklärte er aber mutig, wie ein Johannes der Täufer, dem Herzog: „Es ist dir nicht erlaubt, des Bruders Frau zu haben.“ Grimoald bestand einen harten Kampf zwischen sinnlicher Leidenschaft und heiliger Pflicht, denn Piltrud war sehr schön und liebte ihn sehr. Endlich siegte die Gnade Gottes über das Herz des Fürsten, er fiel dem Heiligen reuig zu Füßen und entließ seine Schwägerin.

 

Der Herzog Grimoald wünschte, Freising zu einem Bistum zu erheben, und übergab ihm zu diesem Ende die schon vorhandene Marienkirche auf dem Berg zu Freising nebst den umliegenden Wohnungen und Gründen zum Unterhalt der Geistlichen. Korbinian fing an, die Felder urbar zu machen, Getreide zu säen, Reben und Obstbäume anzupflanzen, und wurde so der Wohltäter des ganzen Landes. Mit dem Herzog reiste er nach dem lieb gewonnenen Meran und gewann dessen Freundschaft in dem Maß, dass er bedeutende Güter daselbst als Geschenk erhielt zum Unterhalt seines neuen Bistums. Auf dem Berg Tetmans (heute: Weihenstephaner Berg) erbaute er eine Kirche zu Ehren des heiligen Stephanus mit einem Kloster, das unter dem Namen Weihenstephan zu sehr hohem Ansehen gelangte. Jede Nacht pflegte er dort mit den Mönchen das Chorgebet zu singen und sich für seinen heiligen Beruf neue Kraft zu sammeln.

 

Während der heilige Bischof für die geistige und leibliche Wohlfahrt seines Volkes segensreich wirkte und die Liebe aller Edeldenkenden gewann, sann die verstoßene Piltrud auf sein Verderben. Mit ihrem gleichgesinnten Geheimschreiber Ninus dang die gottlose Frau Meuchelmörder, die zur Nachtzeit in das Schlafgemach Korbinians drangen, aber der hatte den Mordplan entdeckt und war nach Mais entflohen. Dort war er unter dem Schutz des Longobardenkönigs Luitprand sicher. Als der Herzog von der Flucht erfuhr, ließ er den Bischof dringend um Rückkehr bitten, aber der sah voraus, dass er in Freising nicht mehr nützen könne, denn Grimoald lebte wieder mit Piltrud in Blutschande. Bald traf die Rache Gottes die Unbußfertigen. Die Franken fielen ins Bayernland, erschlugen Grimoald, erdolchten Ninus, beraubten Piltrud aller ihrer Schätze und führten sie gefangen nach Frankreich. Dann wurde sie auf einem Esel nach Italien geführt und starb im größten Elend.

 

Auf die Einladung des neuen Herzogs Huchert und den Wunsch des ganzen Bayernvolkes kehrte Korbinian in sein Bistum zurück, und arbeitete zum Segen des Landes mit aller Kraft. Da ihm Gott die Stunde seines Todes offenbarte, ließ er den König Luitprand bitten, er möge die Güter in Mais der Kirche in Freising als Eigentum bestätigen und seine Leiche in der St. Valentinskirche begraben lassen, wozu der gern seine Einwilligung gab. Am Sterbetag feierte er morgens die Heilige Messe, kehrte dann in seine Wohnung zurück, legte sich entkräftet nieder, ermahnte die Geistlichen, treu im Glauben auszuharren, bezeichnete sich mit dem heiligen Kreuz und gab schmerzlos seinen Geist auf am 8. September 730.

 

Seinem Wunsch gemäß wurde Korbinian in der von ihm restaurierten Valentinikirche zu Mais begraben. Nachdem jedoch die Longobarden den Leib des heiligen Valentin nach Trient und später Herzog Tassilo II. nach Passau überführt hatte, ließ Bischof Aribo Korbinians Leiche, die noch völlig unverwest und rotwangig war, nach Freising bringen und in der Domkirche feierlich beisetzen. Als die Leiche eingesetzt wurde, sprudelte zu Weihenstephan die Quelle wieder, die der Heilige bei einem Besuch der dortigen Kirche mit seinem Stab hervorgerufen hatte, und die versiegte, als man seinen Leib nach Mais ausführte.

 

9. September

 

Der heilige Peter Claver, Priester und Missionar in Süd-Amerika,

+ 8.9.1654 - Fest: 9. September

 

Peter, der eigentlich Claver hieß und von Geburt ein Spanier war, hat laut und kräftig und mächtig gegen die Sklaverei gekämpft und hat sich dadurch einen unsterblichen Ruhm erworben.

 

Zäh und lange kämpfte das Christentum gegen die Unmenschlichkeiten der Sklaverei, aber kaum war es ihm gelungen, in Europa wenigstens die schlimmsten Missstände dieser Menschenschinderei abzustellen, da gab es nach der Entdeckung Amerikas einen Rückfall bösester Art. Zu Millionen wurden Menschen in Afrika auf regelrechten Menschenjagden gefangen. Sie wurden unter den unwürdigsten Umständen auf Schiffen nach Amerika verfrachtet, wo sie in harter Fronarbeit auf großen Landgütern oder in Gold- und Silberbergwerken ein unmenschliches Dasein fristeten. Ein Unrecht war es, das laut zum Himmel schrie.

 

Peter Claver wurde der Helfer und Retter in der Not. Mit jungen Jahren war er zu Hause in den Jesuitenorden eingetreten. Und als er von den Grausamkeiten gegen die Sklaven hörte, hielt es ihn nicht mehr in der friedlichen Ruhe der heimatlichen Klöster. Noch bevor er die Priesterweihe empfangen hatte, siedelte er nach Cartagena über, einem der Haupthandelsplätze der Sklavenjäger, an der Ostküste Südamerikas. Er lebte und litt und schaffte und sorgte vierzig Jahre lang unter unvorstellbaren Schwierigkeiten und ungezählten Opfern für das leibliche und geistliche Wohl der Sklaven. Es war ein Dienst, der weder Geld noch Ehre einbrachte, denn niemand entlohnte den Heiligen für seine Mühen. Die vornehmen Leute verachteten ihn. Die Sklavenhändler hassten ihn sogar, weil er ihnen, wo es nur möglich war, auf die Finger klopfte und ins Handwerk pfuschte. Nichts jedoch konnte den eigentlich schwachen Mann, der so dünn wie ein Gerippe war, aber ein liebendes und starkes Herz besaß, davon abhalten, stets und überall für seine Schützlinge eine Lanze zu brechen und als ein Ritter ohne Furcht für sie aufzutreten.

 

Sooft, und es geschah leider all zu oft, ein Schiff mit Menschenfracht im Hafen in Cartagena einlief, war Peter Claver zur Stelle. Er verteilte an die Hungernden viele Gaben, Kleider und Lebensmittel, holte die Kranken an Deck, bediente und betreute sie und sorgte für den Transport ins Spital. Alle diese Hilfeleistungen waren allerdings nur Tropfen auf einen heißen Stein. Erst als es dem Heiligen gelungen war, bei den Behörden eine Vorschrift durchzudrücken, nach der die Sklaven bei der Ankunft aus Afrika erst eine Zeitlang in Cartagena bleiben mussten, bevor sie ins Landesinnere zur Zwangsarbeit verschleppt wurden, konnte sich seine Hilfstätigkeit nachhaltiger auswirken. Da es ihm mit seinem priesterlichen Herzen auch um die Bekehrung der Sklaven ging, hat Peter Claver auch über dreihunderttausend von ihnen mit eigener Hand getauft. Damit wollte er ihnen vor allem ihr trauriges Schicksal etwas erleichtern und ihnen den Herzensfrieden vermitteln, der sie stärkte, das harte Los etwas leichter zu tragen. Nicht zu wiegen ist der Segen, der von diesem Mann mit dem Herzen auf dem rechten Fleck ausgegangen ist.

 

Im Jahr 1650 zog sich Peter Claver im Dienst der Liebe die Pest zu. Zwar wurde er wieder gesund von der Krankheit, aber von da an war er gelähmt, so dass er weder gehen noch stehen noch die heilige Messe feiern noch allein essen konnte. Da ließ er sich zur Kirche tragen und hörte alle Tage Beichte früh und spät, bis ihn nach vier leidvollen Jahren die von ihm innig verehrte Mutter Gottes an ihrem Geburtstag von allen Leiden erlöste und in die ewige Freude holte.

 

Der heilige Gorgonius,

kaiserlicher Beamter und Martyrer von Nikomedia,

+ 9.9.303 - Fest: 9. September

 

Mitten im Sachsenland, nicht weit von der sogenannten Westfälischen Pforte, in einem der schönsten Landstriche Deutschlands, steht in der ehemaligen Bischofsstadt Minden ein Dom, dem unter allen deutschen Hallenkirchen aus dem Mittelalter die Krone gebührt. Zu den kostbarsten Schätzen des herrlichen Gotteshauses gehören Reliquien des heiligen Gorgonius, dessen Gedächtnis wir heute begehen und von dem es im Kirchengebet heißt, dass seine Feier uns froh machen möge.

 

Wer war der heilige Gorgonius?

 

Über siebzehn Jahrhunderte weit müssen wir in die Vergangenheit zurückwandern, bis wir auf Gorgonius stoßen, der am Hof des römischen Kaisers Diokletian eine einflussreiche Stelle innehatte. Wir müssen uns Gorgonius demgemäß vorstellen als einen hohen Herrn, der in Samt und Seide gekleidet ging, dessen Wort bei manchen Staatsgeschäften schwer in die Waagschale fiel und vor dem sich viele Rücken tief beugten. Gorgonius war ein Mann von Welt und heimlicherweise ein Christ edelster Art.

 

Warum Gorgonius den christlichen Glauben nicht öffentlich zeigte, ist unbekannt. Dass nicht Feigheit der Grund war, ergibt sich klar aus dem, was nachher noch von ihm erzählt wird. Obwohl also Gorgonius nicht öffentlich als Christ auftrat, fühlten doch alle aus seinen Worten und Werken heraus, dass er ein solcher sein müsse, denn so fein und vornehm und hochherzig und sittenrein, wie er sich gab, konnte nur ein Christ sein.

 

Bald machte des edlen Mannes Beispiel Schule. Einer nach dem anderen der hohen Hofbeamten aus seiner Umgebung bekehrte sich. Sogar des Kaisers Gattin Priska und seine Tochter Valeria standen damals dem Christentum sehr nahe, und alle diese Erfolge erzielte Gorgonius einzig durch das gute Beispiel, das er gab. Das gute Beispiel ist eine große Macht. Mit Recht sagt Eckehart, ein berühmter Mann im Mittelalter: „Ein Lebemeister ist besser als tausend Lesemeister.“ Das will sagen, dass derjenige, der durch das Beispiel zeigt, wie man ein gutes Leben führt, weit mehr tut als eine Menge Menschen, die anderen nur das Lesen beibringen.

 

Doch wie geht die Legende vom heiligen Gorgonius weiter? Das ist schnell gesagt. Kaiser Diokletian, der lange den Christen freundlich gesinnt war, wurde später ihr ärgster Feind. Da ist mancher Held in großartiger Treue zu Christus aus freien Stücken über die Klinge gesprungen. Auch bei Gorgonius war es so, denn als er eines Tages in der Gegenwart des Kaisers Zeuge sein musste, wie ein Glaubensbruder grausam gemartert wurde, sprang er vor und bekannte rank und frank den Glauben an Christus.

 

Ein Leisetreter war also Gorgonius auf keinen Fall.

 

Nein, kein Leisetreter, aber ein Held war er, denn als er auf das tapfere Bekenntnis hin so brutal gegeißelt wurde, dass ihm die Haut buchstäblich in Fetzen vom Leib hing, und als man dann die schrecklichsten Wunden mit Salz und Essig übergoss, da hielt er die Marter mannhaft und standhaft aus, bis ihn schließlich der Tod von den Leiden erlöste und in die ewigen Freuden des Himmels geleitete.

 

10. September

 

Der heilige Nikolaus von Tolentino, Italien, Priester,

+ 10.9.1306 - Fest: 10. September

 

Da lebten vor mehr als siebenhundert Jahren in dem italienischen Städtchen Tolentino ein Mann und eine Frau, deren Ehe zu ihrem größten Leidwesen kinderlos blieb. Erst als sie eine Wallfahrt nach Bari an das Grab des heiligen Nikolaus gemacht hatten, legte ihnen der liebe Gott auf die Fürsprache des kinderlieben Heiligen zum nächsten Nikolausfest einen kleinen Jungen in die leere Wiege, und die Eltern freuten sich so herzlich, wie sich die Kinder am Nikolausfest freuen. Selbstredend wurde der Junge auch auf den Namen Nikolaus getauft.

 

Der Kleine wuchs heran, und als er Verstand bekam und hörte, dass er ein Nikolauskind war, fragte er Eltern und Lehrer und alle Leute, die es wissen konnten, nach dem Namenspatron aus, und in allen Heiligenlegenden, die er bei Verwandten und bei den Bekannten auftreiben konnte, studierte er das Kapitel unter dem Datum vom 6. Dezember, und alles, was er da hörte und las, übte und tat er selbst, weil er es sich in den Kopf gesetzt hatte, geradeso zu werden wie der Namenspatron.

 

Als der Junge beispielsweise erfuhr, dass der heilige Nikolaus ein Frühaufsteher war, sprang auch er morgens mit dem ersten Sonnenstrahl aus dem Bett, und nie mehr brauchte ihn die Mutter ein zweites Mal zu wecken und zu rufen. Weil der heilige Nikolaus streng gegen sich selbst war und drei Tage in der Woche fastete, um den Leib in Zucht und Ehrbarkeit zu halten, machte es Nikolaus von Tolentino auch so, und als er mit zwanzig Jahren ins Kloster ging, fügte er noch einen weiteren Fasttag zu Ehren der Mutter Gottes hinzu. Vor allem war es des jungen Nikolaus von Tolentino eifriges Bestreben, so lieb und gütig und von Herzen gut zu allen Leuten und vorzüglich zu den Kindern zu sein, wie es wieder der große heilige Nikolaus gewesen war. Das alles hört sich leicht an, aber einfach war es nicht, denn auch Nikolaus von Tolentino hatte einen jähen Sinn und ein heißes Blut, und auch ihm blieben lange und harte Kämpfe gegen den Eigenwillen und die sündige Weltlust nicht erspart, aber er hielt sich tapfer und wacker, und als er im Jahr 1279 die heilige Priesterweihe empfing, stand sein Leben in voller Blüte, und mit den Früchten der Heiligkeit labte er auf der Kanzel und im Beichtstuhl ungezählte Menschen, Männer, Frauen und Kinder.

 

Auf diese Weise wirkte Nikolaus von Tolentino als seeleneifriger Priester gut fünfzig Jahre lang bis zu seinem Tod im Jahr 1336 segensreich am Heil der Seelen, und allen, die mit ihm zu tun hatten, sprangen besonders seine Wohltätigkeit, Güte, Milde und Abgeklärtheit angenehm in die Augen, so dass er dadurch seinem großen Namenspatron zum Verwechseln ähnlich war.

 

11. September

 

Die heiligen Märtyrer Felix, Martyrer von Zürich, + 11.9.300,

und Regula, Martyrin von Zürich, + 11.9.300 - Fest: 11. September

 

Zuweilen fällt ein Samenkorn, wie man glaubt, über seinen gehörigen Platz hinaus, geht aber nicht verloren, sondern bringt am Ort, wohin es gekommen ist, nur desto mehr Frucht. Im Reich Gottes weißt der Heilige Geist jedem Gläubigen nicht nur seinen Platz zu, sondern auch seine größere Wirksamkeit an. Denn er ist es, der in den Heiligen leuchtet, und durch sie das Finstere erleuchtet, und was tot ist, belebt. So ging es auch mit den beiden Heiligen Felix und Regula. Felix war aus der Thebäischen Legion und Regula war ihrem Bruder aus schwesterlicher Liebe gefolgt. Sie waren bei Agaun, jetzt Marrinach, dem Tod entgangen, und schlugen den Weg nach den Gegenden Deutschlands ein. Sie kamen durch Oberwallis durch den Furkapass in das Land Uri, und von da in das Land Glarus, das noch wenig bewohnt war. Dort wohnten sie eine Zeitlang und machten durch ihr Beispiel und die Gespräche mit den Landesbewohnern diese bekannt mit der Milde, Gnade und Heiligkeit des Evangeliums, was von einigen von ihnen mit Wohlgefallen und Folgsamkeit angenommen wurde. Von da gingen sie durch die Leitung Gottes in die alte Stadt Zürich, wo schon einige Christen waren, und nahmen dort Wohnung. In dieser Stadt wurden sie zu einer Leuchte des Evangeliums für alle, die der Herr berufen hatte, Gläubige und Heiden. Denn Jesus Christus war das Licht, die Freude und der Gewinn ihres Lebens, ihm dienten sie Tag und Nacht im Wachen und Beten, im Enthalten von den Lüsten der Welt, in Ermunterung der Gläubigen und in froher Verkündigung des Heils für alle, die zu ihnen kamen, und die Wege des ewigen Lebens suchten. Indessen hatte der dortige Landvogt Dezius vom KaiserMaximinian Befehl erhalten, die Christen zu verfolgen, und besonders die Thebäer aufzuspüren und sie zum Götzenopfer zu zwingen. Der Landvogt gehorchte; aber Gott schlug seine Kundschafter mit Blindheit, dass sie diese Heiligen nicht sofort fanden. Felix ermutigte seine Schwester zum heiligen Kampf und zum freudigen Bekenntnis im Leben und im Tod. Beide beteten zu Gott um die Gnade des Martertums und um Standhaftigkeit; ihr Gebet wurde durch den Drang des Herzens so laut und hörbar, dass sie schließlich von den Kundschaftern erkannt und vor den Landvogt geführt wurden. Dieser fragte sie, ob sie Christen und aus der Gesellschaft des Maurizius wären. Sie bekannten sich freimütig als Christen und Gefährten der Thebäer, und gestanden, dass sie große Hoffnung haben, diese mit der Gnade Jesu Christi im Himmel wieder zu finden. Dezius befahl, sie sollten den Göttern opfern. Die Heiligen antworteten, dass sie den Göttern nicht opfern, die mit jenen, die sie verehren, ewig unselig sein werden. Der Landvogt drohte im Zorn mit schrecklicher Folter. Sie aber bedenkend die Worte des Herrn: „Fürchtet jene nicht, die nur den Leib töten, aber die Seele nicht treffen können,“ erwiderten: „Der Leib steht in deiner Gewalt, die Seele aber in der Hand dessen, der Himmel und Erde erschaffen hat.“ Dezius ließ sie schlagen, am anderen Tag auf ein eisernes Rad flechten, mit zerlassenem Blei und Pech begießen, und alle Arten von Qual und Marter an ihnen versuchen, um sie von Christus abwendig zu machen. Die Heiligen aber lobten Gott mitten in der Qual und beteten um Beistand und ihre Vollendung. Der Landvogt sah, dass aller Versuch und die Peinigung fruchtlos ablaufe, und befahl hierauf, sie zu enthaupten. Freudig im Herrn gingen die Heiligen unter Gebet der Richtstätte zu. Da wurde eine Stimme vom Himmel vernommen: „Kommt ihr Auserwählte meines Vaters, nehmt Besitz von dem Reich, das euch von Anbeginn der Welt bereitet war.“ Als sie auf dem Richtplatz (zwischen dem Helm- und Kaufhaus) angekommen waren und das Urteil an ihnen vollzogen wurde, hörte man wieder eine Stimme: „Die Engel begleiten euch in das Paradies, und die heiligen Märtyrer empfangen und führen euch in die Stadt Gottes.“ Dies geschah im Jahr Christi 303. Zur Verherrlichung der Märtyrer wird ihrem glorreichen Tod in der alten Legende beigesetzt: „Hierauf (nach Vollzug des Urteils) haben sich die Leiber aufgerichtet, ihre Häupter aufgehoben, und vierzig Schritte weit auf jene Anhöhe getragen, wo sie nachher begraben wurden.“ Dieser Auferstehung der enthaupteten Leiber geschieht Meldung in dem Schenkungsbrief an das Stift zum großen Münster dieser Stadt von Karl dem Großen; und Notger ein Gelehrter des neunten Jahrhunderts aus dem Kloster St. Gallen erzählt dies Wunder als eine stete Überlieferung in der Legende dieser Heiligen.

 

Diesen Blutzeugen wird von den späteren Legendenschreibern der heilige Exuperanz auch als Märtyrer beigezählt. Dieser ist mit Felix und Regula in das Stadtsigill aufgenommen. Seine Reliquien sind von Kaiser Karl dem Großen nach Trier übersetzt worden. Felix und Regula wurden im großen Münster aufbewahrt, bis sie im Jahr 877 von Pantecho, Bischof zu Konstanz auf die Bitte Berthas, der Äbtissin zum Frauenmünster, erhoben und dorthin übersetzt worden sind.

 

12. September

 

Das Fest Mariä Namen

 

 

Der heilige Guido, der Arme zu Anderlecht, Brabant,

+ 12.9.1012 – Fest: 12. September

 

Eines Morgens sah der Pfarrer des Dorfes Laken in Belgien einen Jungen vor dem Altar der Mutter Gottes knien, und in tiefster Andacht versunken beten. Lange schaute ihm der Pfarrer zu; die tiefe Andacht, die er noch nie an einem Jungen so beobachtet hatte, erbaute und rührte ihn: er konnte sich an dem lieblichen, unschuldigen Gesicht nicht satt sehen, und als nun der Junge sich erhob und fortgehen wollte, winkte er ihn zu sich, und befragte ihn, woher er sei, wie er heiße und was er treibe. Der Junge erzählte ihm aufrichtig die Umstände seines Lebens, und da der Pfarrer an ihm ein frommes Gemüt, ein noch reines Herz und klaren Verstand bemerkte, nahm er ihn zu sich und machte ihn zum Sakristan oder Messner der Kirche, die damals wegen der Andacht zur allerseligsten Jungfrau eine der berühmtesten des Landes war. Der Junge aber war der in Belgien heutzutage noch berühmte heilige Guido.

 

Er war in einem Dorf bei Brüssel geboren. Seine armen, aber frommen Eltern erzogen ihn in der Furcht des Herrn, und oft hörte er aus ihrem Mund die Worte des frommen Tobias: „Wir sind reich genug, wenn wir den Herrn fürchten und die Sünde meiden.“ Diese Worte merkte sich der gute Junge und befolgte sie auch wie seine tugendhaften Eltern. Er war zufrieden mit seinem niedrigen Stand und dem Wenigen, was ihm die Eltern geben konnten. Hörte er Arme klagen und murren, so mahnte er sie zur Geduld, damit sie den Schatz nicht verlieren möchten, den sie in den Händen hatten. Denn den Armen im Geist, d.h. jenen, die ergeben in Gottes Willen mit dem zufrieden sind, was ihnen Gott gibt und nicht nach Reichtum streben, ist ja die Seligkeit versprochen. Er ließ es aber bei Worten nicht bewenden, sondern teilte auch seine geringe Habe mit den Notleidenden und Kranken, die er oft und gerne besuchte. In seinem vierzehnten Lebensjahr verlor er durch den Tod seine geliebten Eltern. Verlassen in der Welt, vertraute er fest auf Gott, der ihn nicht verließ. Um diese Zeit war es, wo ihn der Pfarrer in Laken in der Kirche fand und ihn zu sich nahm. – Als er hörte, dass er das Amt eines Sakristans in der Kirche Unserer Lieben Frau verwalten dürfe, freute er sich ungemein. Schon lange hatte er den Wunsch, sich dem Dienst des Herrn zu weihen. Sein Geschäft war nun, die Altäre zu reinigen und zu zieren, die Messkleider abzustauben und zu bewahren, die Kirchengefäße zu putzen und alles, was zum Gottesdienst gehörte, zu bereiten. Er stellte alles so nett und sauber her, dass es eine Freude war, in die Kirche zu gehen. Da sah man keinen Schmutz und Staub, alles glänzte, alles war in schönster Ordnung. Die Kirche war fast seine Wohnung und er hielt es für die größte Ehre, das Haus des Herrn zu reinigen und zu zieren und seine heiligen Altäre, wo er im Tabernakel thront, zu schmücken. Wie das ewige Licht in der Lampe, das er Tag und Nacht unterhielt, so brannte auch sein Herz in Liebe vor der Gegenwart des Herrn Jesus Christus. Wenn ihm seine Arbeit Zeit ließ, lag er auf den Knien vor dem hochwürdigsten Gut oder dem Gnadenbild der heiligsten Gottesmutter. Auch die Nächte brachte er in der Kirche zu und, wenn der Schlaf ihn überwältigte, nahm er das Kirchenpflaster zu seiner Ruhestätte.

 

Weil er sich für einen armen Sünder hielt, so sah man ihn fast immer mit Tränen in den Augen, die er aus Reue über seine Sünden weinte. Was aber seine schönste Zierde war, ist seine Liebe zu den Armen. Seinen Lohn und was er sonst erhielt, das verteilte er unter die Notleidenden. Er selbst behielt nur so viel, als er zur Notdurft brauchte.

 

Diese Liebe zu den Armen war es auch, die ihn zu einer unüberlegten und gefährlichen Handlung verführte. Ein Kaufmann von Brüssel, der seine Mildtätigkeit kannte und bewunderte, machte ihm den Vorschlag, mit ihm Handel zu treiben und von dem Gewinn dann die Armen zu unterstützen. Guido, ohne zu überlegen, dass dies für ihn eine Schlinge sein könnte, um ihn von Gott abzuziehen, suchte seine wenigen Kreuzer zusammen, verband sich mit dem Kaufmann und kaufte Waren, um damit Handel zu treiben. Allein Gott vereitelte seinen Plan. Schon das erste Schiff, das der Kaufmann absendete und worauf auch Guido mit seinen Waren sich befand, blieb im Sand stecken und auch er selbst war in Gefahr, dabei sein Leben zu verlieren. Mit genauer Not rettete er sich noch an einem Balken des zertrümmerten Schiffes, den er im Schrecken ergriffen hatte, stieß sich aber einen Splitter tief in die Hand, so dass er sie lange nicht mehr brauchen konnte.

 

Noch ärmer als zuvor und dazu noch mit einer Wunden Hand, trennte er sich von dem Kaufmann und dankte Gott, dass er ihn aus der Gefahr, Leib und Seele zu verlieren, gerettet habe. Er bereute es tief, sein Vertrauen mehr auf weltliche Klugheit als auf Gott gesetzt zu haben, und beschloss, wieder in Armut und stiller Zurückgezogenheit Gott zu dienen. Da aber die Wunde seiner Hand nicht heilen wollte und er daher den Dienst als Sakristan nicht verrichten konnte, so machte er eine Wallfahrt nach Rom zu den Gräbern der heiligen Apostel und nach Jerusalem zu dem Grab des Heilandes. Als er von Jerusalem wieder nach Rom zurückkam, traf er dort den Dechant von Anderlecht an, der ebenfalls mit mehreren Personen nach Jerusalem pilgern wollte. Sogleich bot sich ihm Guido zum Wegweiser an und zog nun zum zweiten Mal nach Jerusalem. Auf dem Rückweg starben der Dechant und seine Gefährten an einer ansteckenden Krankheit. Guido tat ihnen alles Gute und sorgte für ein ehrliches Begräbnis. Nachdem er 7 Jahre als ein armer Pilger im Bußgewand die heiligen Orte besucht hatte, kehrte er endlich wieder in sein Vaterland zurück. Der sterbende Dechant hatte ihm seinen Ring gegeben, damit er ihn zu Hause vorzeige und Aufnahme fände. Wirklich nahm ihn auch der Unterdechant von Anderlecht freudig in sein Haus auf und ließ ihn nicht mehr nach Laken zurückkehren.

 

Hier nun in Anderlecht vollbrachte Guido im Frieden seine noch übrigen Tage. Wieder nahm er sich der Armen an und teilte mit ihnen alles, was man ihm gab. Er bedurfte wenig und war mit der schlechtesten Kleidung und der geringsten Kost zufrieden. Alt und kraftlos geworden, seufzte er herzlich nach der Auflösung und eine himmlische Offenbarung kündigte ihm auch die Stunde seines Todes an. Er bereitete sich durch würdigen Empfang der heiligen Sakramente sorgfältig darauf vor, und als der Augenblick seines Hinscheidens kam, sah man in seinem Kämmerlein ein himmlisches Licht und eine Stimme rief: „Fürwahr: - heute noch wirst du bei mir im Paradies sein!“ Die Stiftsherren begruben ihn mit großen Ehren und da in der Folge viele Wunder an seinem Grab geschahen, baute man eine Kirche und setzte seine Reliquien zur Verehrung aus.

 

13. September

 

Die heilige Notburga, Dienstmagd von Rattenberg, Tirol,

+ 14.9.1313 - Fest: 13. September

 

Die heilige Notburga lebte um das Jahr 1300. Die gläubigen Eltern waren arme Leute. Sie gaben ihrem Kind eine gute und christliche Erziehung, weil sie wussten, dass sie Notburga damit für Zeit und Ewigkeit glücklich machen konnten. Alle Eltern, ob reich oder bettelarm, die so handeln, tragen unsichtbar einen Heiligenschein, der sie verehrungswürdig macht lebenslang und sogar über den Tod hinaus.

 

Mit achtzehn Jahren trat Notburga den Dienst an bei dem Grafen Heinrich und der Gräfin Gutta auf Schloss Rottenburg. Da sie in ihrem Dienst sehr fleißig war, sorgsam und sparsam, ehrlich und redlich, kam es dazu, dass ihr bald die Leitung des gesamten Hauses übertragen wurde. Gerne gestattete ihre Dienstherrschaft, dass Notburga, die gute Magd, den Armen und Bettlern am Schlosstor aus der Küche etwas zu essen brachte. Das sprach sich natürlich schnell herum, dass auf der Rottenburg eine Magd ist, die ein gutes Herz hat. So verging kein Tag mehr, an dem nicht Hungernde und Arme kamen und um eine Gabe baten.

 

Auf dem Schloss lebte aber auch der junge Graf Heinrich und seine Frau Ottilia. Ottilia war eine stolze und strenge, geizige und gierige, ruppige und sogar böse Frau. Und so kam es, als der alte Graf und die gute Gräfin gestorben waren, dass sie es Ottilia, der heiligen Dienstmagd, verboten, den Armen Essen zu geben. Sie taten dies mit der bösen Bemerkung, dass alles, was an Essen und Trinken übrig bleibt, den Schweinen zum Fraß zu geben sei.

 

Notburga fügte sich mit schwerem Herzen diesem Befehl. Um aber trotzdem den Armen auch weiter helfen zu können, sparte sie sich die Bissen vom Mund ab. Doch auch das verbot die harte Herrin und beschimpfte und verspottete stattdessen die Heilige an jedem Tag. Als die anderen Knechte und Mägde im Haus merkten, wie es Notburga ging, hackten auch die mit Sticheleien und bösen Worten auf sie ein. Jeder Tag war für sie eine Qual und schließlich wurde sie auch noch von heute auf morgen aus dem Dienst entlassen. Alle Beschimpfungen ertrug Notburga, sie klagte nicht und lehnte sich auch nicht dagegen auf, sondern sie blieb ruhig und freundlich. Das musste ja auch so sein, denn sonst wäre sie ja auch keine Heilige.

 

Notburga nahm wenig später einen Dienst bei einem Bauern an. Auch dort tat sie ihr Bestes. Allerdings bestand sie darauf, dass ihr nicht viel, aber immerhin genug Zeit blieb, um ihre Andacht zu verrichten. Besonders hatte sie es mit einem Vertrag festlegen lassen, dass sie an den Vorabenden der Sonn- und Feiertage, wie es damals noch Brauch war, vom ersten Ton der Aveglocke ab nicht mehr zur Weiterarbeit verpflichtet sei. Treu richtete sich der Bauer jahrelang nach diesem Vertrag und es ging ihm dabei nicht schlecht. Nur einmal zur Erntezeit, als die Arbeit allzu sehr drängte, verlangte er mit strengen Worten, Notburga soll nach dem Läuten der Betglocke weiter arbeiten. Die Magd weigerte sich. Und als der Bauer darauf schimpfend und drohend auf sie einredete und ganz wütend auf sie wurde, warf Notburga mit den Worten: „Meine Sichel soll richten über mein Recht!“ die Sichel in die Höhe. Die Legende berichtet, dass die Sichel daraufhin frei schwebend an einer Stelle in der Luft stehen blieb. Allen, dies es sahen, gingen jetzt weit die Augen auf und niemand wagte es mehr, der heiligen Dienstmagd Vorschriften für ihre Andacht zu machen.

 

Mittlerweile ging die Wirtschaft auf Schloss Rottenburg immer mehr zugrunde, denn mit Notburga war auch Gottes Segen aus dem Haus gegangen. Eines Tages aber fasste sich Graf Heinrich ein Herz und holte die heilige Dienstmagd zurück. Die Gräfin Ottilia hatte sich durch das Gebet Notburgas schnell von ihrer Hartherzigkeit bekehrt und starb bald darauf einen guten Tod. Achtzehn Jahre lang diente Notburga noch auf Schloss Rottenburg. Sie durfte wieder wie früher gut zu den Armen sein und wirkte wie ein Priester und Seelsorger bei allen, die sie traf, so dass ihr Leben zu einer langen und breiten Segensspur wurde.

 

Uns erinnert die heilige Notburga daran, dass der Sonn- und Feiertag Gott gehört, dass wir an diesen Tagen in die Kirche gehen und, wenn möglich, nicht arbeiten sollen.

 

Der heilige Amatus, Bischof und Bekenner bei Sens oder Sitten,

+ 13.9.690 – Fest: 13. September

 

Dort, wo im Schweizerkanton Wallis der höchste Berg Europas, der Mont Blank, sein schneebedecktes Haupt gen Himmel erhebt, liegt tief im Tal am Ufer der Rhone die Benediktinerabtei St. Moritz, gegründet an jener heiligen Stätte, wo der heilige Mauritius mit seinen Soldaten um des christlichen Glaubens willen den Martertod erlitt. Dort lebte im 7. Jahrhundert ein heiliger Mönch, dem die weiße Spitze des benachbarten Berges ein Fingerzeig zum Himmel schien und der sich die höchste Vollkommenheit zur Lebensaufgabe stellte.

 

Amatus – so hieß jener Mönch – stammte aus einer ebenso frommen, als reichen Familie und machte in seiner Jugend glänzende Fortschritte in der wissenschaftlichen Bildung, besonders aber in der Kenntnis göttlicher Dinge, die ihm als die köstlichste und nützlichste erschien. Schon früh zog es ihn zum stillen, beschaulichen Leben hin. Deshalb ging er in das Kloster St. Moritz, wo Gelehrsamkeit und strenge Zucht herrschte. Da seinem Eifer die klösterliche Zucht nicht streng genug erschien, zog er sich mit Erlaubnis seines Abtes in eine kleine Felsenzelle zurück. Nach seinem Wunsch brachte man ihm nur alle drei Tage Wasser und Brot zu seiner Nahrung. Bald darauf rodete er Waldbäume, bearbeitete mit unsäglicher Mühe den Boden und Säte Korn hinein, um von seiner eigenen Hände Arbeit zu leben. Überfiel ihn bei seiner Andacht Schläfrigkeit, dann mahlte er mit einem kleinen Mühlstein das Korn.

 

Der Bischof von Wallis ehrte den heiligen Amatus sehr hoch und besuchte ihn öfters in seiner Einöde. Einst brachte er ihm eine Summe Geldes mit der Aufforderung, es für die Armen oder für sich zu verwenden. Amatus sprach: „Gib es jenen, die es notwendiger haben. Ich verachte die Umstrickung der Welt. Nackt bin ich aus der Mutter Schoß hervorgegangen, nackt werde ich in die Erde zurückkehren.“ Desungeachtet legte der Bischof bei seinem Weggehen das Geld auf den Altar des kleinen Bethauses „zu Unserer Lieben Frau am Felsen“. Als Amatus das Geld fand, warf er die Lockspeise des bösen Feindes in die tiefste Schlucht mit den Worten: „Der Herr ist mein Erbteil, Geld gebrauche ich nicht.“

 

Die ausgezeichneten Tugenden des abgetöteten Einsiedlers sollten auf den Leuchter gestellt werden. Trotz seines Widerstrebens wurde er um das Jahr 670 auf den bischöflichen Stuhl von Sitten erhoben. Mit der größten Gewissenhaftigkeit erfüllte er seine hohen Pflichten, unterwies das Volk mit regem Eifer, tröstete die Gebeugten, nahm die Sünder liebreich auf und spendete reichliche Almosen unter die Armen. Er selbst fastete streng, begnügte sich in der Fastenzeit täglich mit fünf Nüssen und einem Becher Wasser. Zuweilen aß er drei Tage lang nichts. „Er war heiteren Angesichts, klar und gewandt in der Rede, vorsichtig und bestimmt im Ratgeben, voll Zerknirschung, reich an Tränen, gemäßigt im Glück, sanft und fröhlich in Widerwärtigkeiten, in den Sitten ausgezeichnet, in der Heiligkeit hervorleuchtend, in Liebe allen ergeben.“ Durch die Macht seiner Rede wie durch sein glänzendes Beispiel gewann er viele Seelen für Gott.

 

Auf seinen Missionsreisen kehrte der heilige Amatus einst bei einem reichen Edelmann namens Romarich ein, den er in seinem Entschluss, in den Orden des heiligen Benedikt einzutreten, bestärkte, und den er bewog, ein Kloster zu gründen, in das er mit seinen Dienern und Bediensteten eintrat. Außerdem gründete Romarich noch ein Kloster für Frauen und Amatus richtete es ein, dass alle Klosterfrauen in sieben Abteilungen, die einander ablösten, Tag und Nacht unaufhörlich Gott priesen mit frommen Psalmengesang.

 

Fünf Jahre lang hatte der heilige Amatus den Oberhirtenstab von Sitten geführt, als eine schwere Prüfung über ihn verhängt wurde. Zu dieser Zeit saß Theodorich III. auf dem fränkischen Thron. Sein ruchloser Hausmeier Ebroin ermordete den heiligen Bischof Leodegar, vertrieb die pflichttreuen Bischöfe von ihren Sitzen, verleumdete den Bischof Amatus, der wahrscheinlich das schändliche Treiben am fränkischen Hof getadelt hatte, und der König verbannte ihn, ohne seine Rechtfertigung zu hören, in das Kloster Peronne. Hier wurde er von dem heiligen Abt Ultanus ehrenvoll empfangen. Amatus sah die Verfolgung als eine Gnade Gottes an, die ihm Gelegenheit bot, in stiller Zurückgezogenheit seinen strengen Bußübungen nachzugehen. Nie ließ er eine Klage über die Ungerechtigkeit seiner Verfolger hören, nie seufzte er über die ihm entrissene Würde. Nur eines schmerzte ihn, nämlich dass man seiner geliebten Herde einen unwürdigen Afterbischof als einen Wolf im Schafspelz übergeben hatte.

 

Nach dem Tod des heiligen Ultanus nahm dessen Nachfolger, der heilige Mauront, den verbannten Bischof mit sich in das Kloster Hamay, dann in die von ihm gestiftete Abtei Breuil oder Mervilla und übertrug ihm dort die Leitung. Nach langem Bitten und Zureden willigte Amatus ein und brachte die ihm anvertraute Genossenschaft durch seine Ermahnungen und sein Beispiel zur treuen Übung der evangelischen Vollkommenheit.

 

Als Amatus eine vollkommene Ordnung im Kloster eingeführt hatte, verschloss er sich in eine kleine Zelle neben der Kirche, um sich unter Gebet und Betrachtung auf einen seligen Tod vorzubereiten. Einen Bruder bat er, ihm ein Lager von Asche zu bereiten. Der Bruder entgegnete: „Wie willst du jetzt noch so etwas aushalten, da du durch schweres Fasten und lange Mühseligkeiten ganz abgehärmt bist?“ Amatus erwiderte: „Das habe ich heimlich schon lange getan und der Herr hat mich immer gestärkt. Jetzt aber, da ich aus diesem Leben scheide, will ich auch eine öffentliche Buße tun.“ So geschah es denn auch. Vor den versammelten Brüdern legte er ein öffentliches Bekenntnis aller seiner Sünden ab und erteilte den Brüdern und frommen Klosterfrauen heilsame Ermahnungen. Die Umstehenden beklagten, einen so heiligen Lehrmeister zu verlieren. Er aber freute sich auf die Krone der Gerechtigkeit und entschlief sanft im Herrn um das Jahr 690. Wie er es dringend begehrt hatte, wurde seine Leiche außerhalb der Kirche begraben. Da aber an seinem Grab viele Wunder geschahen, öffneten die Brüder nach einem Jahr das Grab und brachten die Gebeine des Heiligen mit großer Verehrung in die Kirche. Bei den verheerenden Einfällen der Normannen nahmen die Ordensleute von Breuil die Reliquien des Heiligen mit sich und gingen zuerst nach Soissons, dann nach Douai, wo sie sich niederließen und ein neues Kloster gründeten. Dies geschah im Jahr 870. Seit dem wird der heilige Amatus als Patron und Fürsprecher der Stadt Douai verehrt. Die Verfolger des Heiligen erhielten schon in diesem Leben die verdiente Strafe. Ebroin fiel durch Meuchlerhand, der König Theodorich wurde jahrelang von Gewissensbissen gemartert. Um sein ungerechtes Verfahren gegen den heiligen Amatus zu sühnen, beschenkte er die Abtei Breuil reichlich.

 

14. September

 

Das Fest Kreuzerhöhung

 

Goldene Fäden hat die Legende um das heutige Fest Kreuzerhöhung gewoben.

 

Dreihundert Jahre nach der Auffindung des wahren Kreuzes Christi durch die heilige Kaiserin Helena, eroberte der Perserkönig Chosroe die Stadt Jerusalem und raubte aus der Grabeskirche das dort aufbewahrte und hochverehrte Kreuz des Herrn, das er in der Hoffnung auf ein hohes Lösegeld nach Persien in Sicherheit bringen ließ. Als dann die Kunde von dem Raub des größten Kleinods, das die Christenheit besitzt, in der Hauptstadt des Oströmischen Reiches Konstantinopel bekannt wurde, erhoben sich die Gläubigen Mann für Mann, schlugen den persischen Eindringling blutig aufs Haupt, verfolgten ihn bis weit ins eigene Land und holten das Kreuz des Herrn zurück.

 

Ein Jubel ohne Ende erfüllte die gesamte christliche Welt. Nach einem einzigartigen Triumphzug des heiligen Kreuzes durch Städte und Dörfer gelangte der siegreiche Kaiser Heraklius mit dem Heer eines Tages am frühen Abend vor Konstantinopel an. Priester und Bürger gingen mit Palmzweigen und brennenden Kerzen den Heimkehrern entgegen. Die ganze Stadt war auf den Beinen. Alle Häuser schmückten sich im Nu mit kostbaren Teppichen, und breite Blumenketten schlangen sich durch die Straßen. Lichter glühten auf, jauchzend stieg Lied um Lied zum nächtlichen Himmel empor, und alles Volk sank in die Knie, sobald das heilige Kreuz, von Bischöfen geleitet, unter goldgewirktem Traghimmel herannahte. Alle Ehren, die Menschen ersinnen können, wurden damals dem Zeichen der Erlösung zuteil, und das war recht getan.

 

Im Jahr 629 folgte dem großartigen Kreuzfest noch ein zweites, das nicht minder schön zu nennen ist. Im feierlichen Zug führte nämlich Kaiser Heraklius das heilige Kreuz an den Ort der Erlösung zurück, nach Jerusalem. Auf dem Weg dorthin wiederholte sich der Triumph des Kreuzes vom vorhergehenden Jahr, bis man endlich am 14. September vor der Heiligen Stadt anlangte. Eine gewaltige Prozession bildete sich, und in ihrer Mitte trug Kaiser Heraklius selbst, in Pracht und Prunk gekleidet, die größte Kostbarkeit der Christenheit. Doch plötzlich stockte der Fuß des kaiserlichen Trägers, nicht einen Schritt konnte er mehr tun, wie festgebannt stand er auf der gleichen Stelle, und es nahte sich ihm der Bischof von Jerusalem und sprach:

 

„Bedenke, Kaiser, ob du wohl demjenigen ähnlich bist, der als erster auf diesem Weg das Kreuz trug. Dein Gewand strahlt von Gold, Perlen und Edelsteinen, Christus aber schritt im blutgetränkten Linnenkleid einher. Auf deinem Haupt glänzt die kaiserliche Krone, und um Christi Stirn schlang sich der schmerzvolle Dornenkranz. Deine Füße stecken in kostbaren Schuhen, und Christus ging barfuß über harten Steinen.“

 

So sprach der Bischof zu dem Kaiser, der daraufhin allen fürstlichen Schmuck ablegte, und sogleich konnte er auch den Weg fortsetzen und vollenden bis zu der Grabeskirche, und als er dort das heilige Kreuz niederlegte und Bischöfe es hoch auf den Altar hoben, brach wieder ein Jubel ohne Ende aus, der noch lauter wurde, als sich auch Wunder ereigneten; Blinde sahen, Taube hörten, Aussätzige wurden rein, und Kranke erhoben sich gesund von den Tragbahren.

 

Das war das zweite große Ehrenfest des heiligen Kreuzes, dem am Ende der Welt ein drittes folgen wird, das noch unbeschreiblich herrlicher sein wird als die beiden ersten. Wenn nämlich in jenen Tagen der Trübsal die Sterne vom Himmel fallen wie ein Funkenregen vom Amboss, wenn das Meer Wellen bis in die Wolken wirft, wenn sich die Gräber öffnen und alle Menschen zur letzten Befehlsausgabe antreten müssen, wenn die Engel mit durchdringendem Posaunenschall zum Gericht der Ewigkeit rufen, wenn alle wehklagend verschmachten vor banger Erwartung der Dinge, dann wird das Zeichen des Menschensohnes, das hochheilige Kreuz, am Himmel erscheinen, und der Menschensohn wird kommen mit großer Macht und Herrlichkeit, und vor ihm und seinem Zeichen werden sich alle Rücken neigen und alle Knie beugen. Knirschend tun es die Verworfenen, hell und leuchtend die Gesegneten. Das wird das letzte Kreuzerhöhungsfest der Weltgeschichte sein, so gewaltig und herrlich, dass sein Ruhm die Ewigkeit erfüllt.

 

Der heilige Maternus, Apostelschüler und Bischof von Trier,

+ 14.9.128? - Fest: 14. September

 

Der heilige Maternus war vermutlich der erste Bischof des Bistum Köln. Mehr weiß die Geschichte nicht von ihm. Aber die Legende vom heiligen Maternus gehört zu den schönsten, die es gibt. Ganz nebenbei erklärt sie auch die Tatsache, warum der Papst keinen Hirtenstab trägt, den er doch als Bischof von Rom und als der oberste von allen Bischöfen der Welt eigentlich führen müsste. Auf alle Fälle ist die Legende vom heiligen Maternus sehr interessant.

 

Die Legende vom heiligen Maternus beginnt bereits in grauer Vorzeit, in jenen Tagen nämlich, als der heilige Petrus, der erste Papst, noch den Bischofsstuhl zu Rom innehatte. Einmal schickte Petrus drei Missionare aus, damit auch in den Ländern jenseits der Alpen die Frohbotschaft verkündet wird. Unter den ersten Glaubensboten, die zum Norden zogen, befanden sich ein Bischof, ein Priester und ein Diakon. Ihre Namen waren Eucharius, Valerius und Maternus.

 

Froh und mutig wanderten die drei aus Rom durch Italien über die Alpen und gelangten schließlich ins Elsass an den Rhein. Dort predigten sie mit Erfolg weit und breit das Evangelium. Bald war in der Gegend die Hauptarbeit getan und die drei Missionare wollten nun den Rhein entlang weiterziehen. Da erkrankte Maternus tödlich und starb nach drei Tagen. Eucharius und Valerius begruben unter Tränen den Mitbruder. Weil sie durch den Tod des lieben Freundes und Weggefährten entmutigt waren, kehrten sie sofort nach Rom zurück, um erst einmal dem heiligen Petrus zu berichten, was geschehen war.

 

Petrus war aber nicht verärgert, als er die beiden so bald schon wiedersah. Nachdem er ihre Erlebnisse gehört hatte, lobte er ihren Eifer, beglückwünschte sie zu den Erfolgen, ermunterte sie und schickte sie zurück an den Rhein. Auch gab er ihnen den eigenen Bischofsstab mit auf die Reise und trug ihnen auf, den Stab dem toten Maternus aufzulegen und ihn im Namen Gottes aufzufordern, das Grab zu verlassen und ins Leben zurückzukehren.

 

So sprach der heilige Petrus. Vierzig Tage später waren Eucharius und Valerius wieder am Rhein, ließen mitten in einer großen Volksmenge die Gruft des Verstorbenen öffnen, legten dem Leichnam den Hirtenstab des heiligen Petrus auf und befahlen dem Toten im Namen Gottes das Grab zu verlassen und ins Leben zurückzukehren, was sogleich auch geschah. Maternus stand von den Toten auf, und alle lobten und priesen Gott und seine große Herrlichkeit. Daraufhin bekehrten sich auch die Menschen in dieser Gegend, die vorher nicht geglaubt hatten.

 

Dann zogen die drei Missionare den Rhein entlang in die heutige Pfalz. Nachdem sie auch dort mit Erfolg gewirkt hatten, trennten sie sich. Eucharius und Valerius gelangten an die Mosel nach Trier, wo Eucharius das Bistum Trier gründete, dessen erster Bischof er selbst und dessen zweiter nach seinem Tod Valerius wurde. Maternus dagegen errichtete das Bistum Köln. Als er erfuhr, dass in Trier mittlerweile auch Valerius gestorben war, übernahm er als dritter Bischof von Trier ebenfalls dieses Bistum. Sehr alt starb Maternus im Jahr 128 nach Christi Geburt und wurde im Hohen Dom zu Trier unter dem Hauptaltar beigesetzt.

 

Doch die Legende ist noch nicht zu Ende, denn sie weiß weiter zu berichten, dass der heilige Maternus niemand anders gewesen ist als der Jüngling von Naim, den unser Herr Jesus Christus von den Toten auferweckte. Somit wäre also der heilige Maternus drei mal gestorben und zwei mal ins Leben zurückgekehrt. Schließlich bleibt noch zu erwähnen, was Papst Innozenz III. gut tausend Jahre später in einem Buch über das heilige Messopfer niedergeschrieben hat. Darin heißt es, dass die Päpste deswegen keinen Hirtenstab führen, weil der heilige Petrus seinen nach Trier geschickt hatte. Nur wenn einmal ein Papst sich in Trier aufhält, trage er den Hirtenstab.

 

Das ist die Legende vom heiligen Maternus. Es ist eine schöne Legende, die uns mit Dank dafür erfüllen muss, dass unseren Vorfahren schon zu Lebzeiten des heiligen Petrus der Glaube verkündet worden ist.

 

15. September

 

Das Fest der Sieben Schmerzen

der allerseligsten Jungfrau Maria

 

Die heilige Katharina von Genua, Witwe, Nonne,

+ 15.9.1510 – Fest: 15. September

 

Katharina ist 1447 geboren. Sie war eines der 5 Kinder des Grafen Jakob Fieschi von Lavagna und seiner Gattin, der vornehmen Genuesin Francisca de Negri. Das Haus der Fieschi (Flisci) leitet seinen Ursprung auf das bayrische Fürstenhaus des 11. Jahrhunderts zurück. Es zählte zu den ältesten und angesehensten Genuas, es hat dem Vaterland Helden und Staatsmänner in großer Zahl und der Kirche 2 Päpste gegeben, Innocenz IV. und Hadrian V. Es stand um diese Zeit – hundert Jahre vor der unglücklichen Verschwörung gegen die Doria – in seiner vollsten Größe da. Katharinas Vater starb als Vizekönig von Neapel und ein Niccolo Fieschi war zu Lebzeiten der Heiligen ein hervorragendes Mitglied des Kardinalkollegiums.

 

Katharina wurde sorgfältig erzogen. Das war auch eine dankbare Arbeit, denn früh zog sie der Herr an sich, so dass das Kind diesem Zug in ernster Frömmigkeit folgte, insbesondere in der Betrachtung des Leidens Christi. Zwölf Jahre alt wurde sie mit einer besonderen Gebetsgabe begnadigt und ein Jahr später verlangte sie, in den Orden der Augustinerinnen aufgenommen zu werden, dem ihre ältere Schwester Limbiana bereits angehörte. Aber der Wille der Eltern und der Rat derer, die sie als Verkünder des göttlichen Willens ansah, hielten sie zurück.

 

3 Jahre später, am 13. Januar 1463, gaben die Eltern die wunderbare junge Frau dem genuesischen Patriziersohn Julian Adorno zur Ehe, um dadurch nach langem Familienzwist die Versöhnung mit diesem Haus zu besiegeln. Damit begann für Katharina eine schwere Leidenszeit. Adorno war ein gottvergessener Wüstling. Er hielt seine Frau wie eine Sklavin, während er selbst in Saus und Braus dahinlebte und sein und ihr Vermögen verschwendete. Er verhöhnte ihre Sittsamkeit und Frömmigkeit und erwiderte ihre unerschöpfliche Geduld und Sanftmut nur mit Rohheit. Katharina betete Tag und Nacht für den Unglücklichen. Doch alles schien umsonst, so dass Katharina schließlich in solche Schwermut verfiel, dass sie ganz abmagerte und allen Verkehr mit Menschen mied.

 

Nach 5 harten Jahren ließ sie sich durch den Rat ihrer Freundinnen bewegen, den Frieden in Gesellschaft und weltlichen Belustigungen zu suchen. Aber das machte das Maß ihres Elends voll. Sie erzählte später selbst, wie es ihr erging. „Die Seele“, sagt sie, „willigte in alles ein, was der Leib begehrte. Aber die Begierlichkeit des Leibes wurde von Tag zu Tag größer. Wenn die Seele nicht täglich in neue Belustigungen, die der Leib begehrte, einwilligte, so murrten die Begierden und ließen ihr keine Ruhe. Schließlich überließ sich die Seele gänzlich den Belustigungen der Welt, ohne mehr dagegen zu streiten. Aber sie konnte darin nicht satt werden, und je mehr sie glaubte, durch den Genuss von immer neuen Freuden befriedigt werden zu können, desto mehr fand sie sich betrogen.“ Katharina hatte im Gegenteil nun auch den Frieden mit sich und den Trost im Herrn verloren, denn obwohl sie von größeren Verirrungen frei blieb und nie in eine schwere Sünde willigte, so ging es doch auch nicht ohne viele Fehler und Sünden ab.

 

Ganz zerknirscht und zerschlagen besuchte sie eines Tages ihre Schwester Limbania und klagte ihr Leid. Die Schwester riet ihr, dem Beichtvater des Klosters, einem frommen, heilserfahrenen Mann, ihr Herz zu eröffnen. Sie folgte. Und als sie vor dem Beichtvater kniete, traf ein so heller Strahl des Lichtes von oben in ihr ganzes Sündenelend, dass sie ausrief: „Ach, nicht mehr die Welt! Nicht mehr Sünden! Keine Sünde mehr!“ Nicht mehr imstande, auch nur ein Wort hervorzubringen, musste sie ihre Beicht verschieben und kehrte nach Hause zurück. Noch größer wurde ihr Schmerz, als ihr der leidende Heiland erschien und zu ihr sprach: „Siehe, all dies Blut ist dir zu lieb und zur Tilgung deiner Sünden geflossen.“ „O Liebe! Keine Sünde mehr, keine mehr in Ewigkeit!“ rief sie, und: „O Liebe, wenn es nötig ist, bin ich bereit, meine Sünden öffentlich zu beichten.“ In solcher Gesinnung legte sie am Fest Mariä Verkündigung eine Lebensbeichte ab und besiegelte das Werk der Gnade mit dem Empfang der heiligen Kommunion.

 

Das vollkommene, gottinnige Leben, das Katharina jetzt begann, wurde nicht gestört durch den Bankrott des Gatten und völlige Verarmung, so dass sie beide im Spital leben mussten. Im Gegenteil gewann sie endlich das Herz des Unglücklichen und verwandelte ihn so, dass er Mitglied des III. Ordens des heiligen Franziskus wurde und seitdem mit ihr in Enthaltsamkeit lebte. Die treueste Liebe und Fürsorge Katharinas verließen ihn nicht bis zu seinem gottseligen Ende. Überhaupt suchte die glühende Gottesliebe der Heiligen ihre Betätigung in Werken der Menschenliebe. Da sie kein Vermögen mehr hatte und doch den Armen helfen wollte, stellte sie sich ganz einem damals zu Genua bestehenden Frauenverein „Dienst der Barmherzigkeit“ zur Verfügung. Ihre Dienste wurden auch gerne angenommen und bald hochgeschätzt und so war sie vom Jahr 1479 an Krankenpflegerin im Spital Pammatone. 1491 wurde sie Vorsteherin des Spitals und legte neben heldenmütiger Aufopferung ein ebenso großes Verwaltungstalent an den Tag. Besonders während der großen Pest 1493 hat sie beides betätigt, und dann wieder 1501, nachdem sie unterdessen 1497 wegen Kränklichkeit das Vorsteheramt im Spital schon wieder niedergelegt hatte. Katharina starb am 15. September 1510 nach ganz ungewöhnlichen Leiden, zu denen sie selbst eine ganz ungewöhnliche Strenge der Lebensweise fügte. 23mal (1478-1500) hat sie den Advent und die Fastenzeit ohne jede Nahrung zugebracht. Nur die heilige Kommunion empfing sie täglich und zuweilen nahm sie einen Becher Wasser mit Salz und Essig, um die innere Glut zu kühlen. Wegen dieser Glut hieß sie die Seraphische und Josef von Görres nennt sie die große Meisterin der Gottesminne. Katharina hat auch zwei hochgeschätzte Bücher hinterlassen: Die Abhandlung über das Fegefeuer und das geistliche Wechselgespräch zwischen der Seele und Gott. Wie eine heilige Genovefa, wie die heilige Katharina von Siena und die heilige Katharina von Ricci, übte auch die heilige Katharina von Genua gewaltigen Einfluss auf die Mitwelt aus, und ausgezeichnete Männer und Frauen gingen bei ihr in die Schule des Geistes. Auch Wunder werden in ihrer Lebensgeschichte erzählt. Als man 18 Monate nach ihrem Tod ihren Leichnam erhob, war an demselben noch kein Zeichen der Verwesung sichtbar. Damals fing man schon an, Katharina zu verehren, bis sie Clemens XII. feierlich unter die Zahl der Heiligen versetzte, 1737.

 

Wie die heilige Monika, so gibt uns auch die heilige Katharina das Beispiel des Gebetes der Fürbitte und einen Beweis für die Kraft desselben. Wie die frommen Tränen Monikas Augustinus gerettet haben, so hat auch Katharina dem Herrn in Gebet und Tränen die Seele ihres unglücklichen Gatten abgerungen. Noch in seiner letzten Krankheit musste die Heilige fürchten, dass er verloren gehe, weil ihn die Schmerzen oft in große Ungeduld versetzten. Da verschloss sie sich in eine Kammer und betete unter Tränen zu Jesus: „O meine Liebe, ich verlange diese Seele von dir; schenke mir diese Seele, denn du kannst sie mir schenken.“ Sie hatte etwa eine halbe Stunde so im Gebet angehalten, als sie innerlich sich versichert fühlte, erhört zu sein. Sie ging zum Kranken und fand ihn ganz umgeändert und ruhig in Gottes Willen ergeben. Er starb, mit den heiligen Sakramenten versehen, als reumütiger Büßer.

 

Auch durch ihre Andacht zum allerheiligsten Altarsakrament ist uns die heilige Katharina ein großes Vorbild. Gleich nachdem der Herr in ihrer Bekehrung sie so wunderbar an sich gezogen hatte, fühlte sie in sich das Verlangen, ihn täglich in der Kommunion zu empfangen. Und gleichsam wie durch ein neues Wunder fügte es sich, dass sie es konnte, ohne es auch nur zu begehren: nicht sie brauchte sich an die Priester zu wenden, sondern die Priester wandten sich an sie und riefen sie zum Tisch des Herrn. Da wuchs nun ihre Liebe und mit der Liebe die Reue, mit der Reue die Buße, mit der Buße der Eifer im Dienst der Armen und Kranken – und nach allem wieder der Hunger und das Verlangen nach der heiligen Kommunion. Stand der Priester am Altar und zeigte er, bevor er die heilige Kommunion austeilte, den Gläubigen die Hostie, da seufzte sie: „Ach, doch schnell damit zum Herzen her; es ist ja seine Speise!“ „Ich habe kein Herz wie die andern“, pflegte sie öfters zu sagen, „denn mein Herz erfreut sich an nichts als an seinem Herrn, und darum gebt mir ihn.“ Als sie einst so krank war, dass man um ihr Leben fürchtete, sagte sie zum Beichtvater: „Wenn ihr mir 3mal meinen Herrn gebt, so werde ich wieder gesund.“ Und so geschah es. „O Herr, ich meine“, sagte sie wieder, „selbst wenn ich gestorben wäre, ich würde erwachen, um dich zu empfangen.“ Konnte sie zur Zeit der Krankheit sonst auch gar nichts mehr genießen und behalten, so machte doch der Empfang der heiligen Kommunion nie eine Schwierigkeit, und immer fühlte sie sich darauf gekräftigt und voll Freude und Jubel, „ein schnelles Übergehen der Himmelsspeise vom Mund zum Herzen“, wie sie sagte. Als die Stadt Genua vom Papst mit dem Interdikt belegt wurde und darum die Kommunion nicht mehr gespendet werden durfte, wusste sie gleich Rat. Sie ging täglich in die eine Meile weit entfernte Franziskanerkirche del Monte. Auch 5 Meilen wären ihr nicht zu viel gewesen, um das Brot des Lebens zu empfangen. Und doch, als ihr einst ein Führer im geistlichen Leben erklärte, es scheine ihm ihre Gewohnheit, täglich zu kommunizieren, bedenklich, ließ sie gleich davon ab, bis der Geistesmann, durch solche Demut erbaut, ihr sagen ließ, sie möge nur wieder jeden Tag zum Tisch des Herrn gehen. Sie tat es fortan mit desto größerer Freude. In der letzten Nacht ihres Lebens fragte man sie, ob sie die heilige Kommunion empfangen wolle. Als sie merkte, dass die Stunde, wo sie sonst zu kommunizieren pflegte, noch nicht gekommen sei, deutete sie mit dem Finger zum Himmel. Als die Stunde kam, sprach sie plötzlich: „In deine Hände empfehle ich meinen Geist“, und entschlief sanft und ruhig, um ewig bei ihrer Liebe zu leben.

 

16. September

 

Die heilige Ludmilla, Herzogin, Witwe und Martyrin in Böhmen,

+ 15.9.921 - Fest: 16. September

 

Ludmilla wurde um das Jahr 873 von heidnischen Eltern in Böhmen geboren. Ihr Vater, Slaviborig, war Graf und Erbherr zu Melnik und in den umliegenden Orten. Ihre Mutter, Lidoslava, war ebenfalls aus einer alten adeligen und reichen Familie entsprossen. Borzivojus, Sohn des damals regierenden Herzogs in Böhmen, wählte sie wegen ihrer guten Eigenschaften zur Gemahlin. Nicht lange danach fügte es Gott, dass ihr Gemahl mit vielen Vornehmen dem König der Markomannen einen Besuch abstattete, wo eben die zwei mährischen Apostel, Cyrillus und Methodius, anwesend waren. Sie predigten auch vor ihnen Christus den Gekreuzigten, außer dem kein Heil ist; und ihre Worte wirkten durch Gottes Gnade in den erzen des Herzogs und seiner Großen eine solche Überzeugung, dass er und viele von ihnen die heilige Taufe empfingen. Er nahm die heiligen Apostel mit sich an seinen Hof, und durch sein Beispiel und ihre salbungsvollen Worte wurde Ludmilla von der Lehre Jesu so überzeugt, dass sie mit ihren Kindern, ihrem Vater und ihren Brüdern zu Melnik vom heiligen Methodius feierlich die Taufe empfing.

 

Von diesem Augenblick an führte sie ein heiliges Leben, täglich beweinte sie ihre bisherige Blindheit, sie lag am Tag und des Nachts oft auf ihren Knien vor Gott, verweilte gern im Haus des Herrn, empfing oft die heiligen Sakramente, und wurde, gestärkt durch die göttliche Kraft, immer eifriger im Guten. Sie ließ die Götzenbilder zerschlagen, beschenkte die Kirchen, besonders zu Melnik und Bunzlau, mit verschiedenen Kirchengefäßen, und war die zärtlichste Mutter verlassener Armen.

 

Sie hatte ein großes Verlangen, Gott noch eifriger zu dienen, und ihr Leben fern von allen irdischen Freuden und dem Umgang mit Menschen zuzubringen. Sie trug dieses Verlangen ihrem Gemahl vor, der, von gleichem Geist beseelt, ihr den Wunsch äußerte, selbst genau das zu tun. Borzivojus übergab daher die Regierung seinem Sohn Wratislaus, der schon die Mündigkeit erreicht hatte, und ging mit Ludmilla und einem alten Priester, Namens Paulus, in die Einöde von Tetin, um da, fern von den Gefahren und den Zerstreuungen des Hofes, Gott allein zu dienen.

 

- Wratislaus wurde mit einer heidnischen Gattin, Drahomira, vermählt, in der Hoffnung, sie werde für ihn zu Jesus Christus gewonnen werden. Aber sie wollte die Religion Jesu Christi nicht annehmen. Indessen wurde dem Wratislaus von seiner Gemahlin ein Sohn, Wenzeslaus, der von der Kirche als ein Heiliger verehrt wird, geboren. Diesen ließ Ludmilla mit seiner christlichen Säugamme sogleich zu sich bringen, um ihn selbst im Christentum und in der wahren Frömmigkeit zu unterrichten und aus ihm einen Fürsten zu bilden, der für die Verbreitung des Christentums, welches das erste Augenmerk ihrer Sorgfalt war, stets eifern würde. Der unvermutete Tod des Wratislaus aber machte in der Regierungsfolge eine Abänderung notwendig. Der sterbende Fürst empfahl Böhmens Schicksal und besonders die Aufrechthaltung der christlichen Religion seiner Mutter Ludmilla, da sein Vater schon gestorben war. Hierüber war Drahomira äußerst aufgebracht; sie konnte es nicht ertragen, dass sie keinen Teil an der Regierung haben, und die gänzliche Zerstörung des Götzendienstes ansehen sollte. Sie sann daher auf eine Gelegenheit, ihre Schwiegermutter auf eine meuchelmörderische Weise los zu werden. Gott zeigte der Heiligen den Tag des ihr bevorstehenden Todes an. Ohne Gedanken an Rache brachte sie zuerst ihre zeitlichen Angelegenheiten in Ordnung. Sie gab jedem aus ihrer Dienerschaft, nebst einigen sehr nützlichen Lehren und Ermahnungen, den noch rückständigen Lohn, verteilte das noch übrige Geld unter die Armen, empfing dann die heiligen Sakramente und erwartete, voll Zuversicht auf den Beistand Gottes, ihre Mörder. Es erschienen zwei heidnische Fürsten, Tuman und Kuman. Sie bewirtete die beiden mit aller Freundlichkeit und Sanftmut. Während der Nacht brachen sie in ihr Schlafgemach, wo sie Ludmilla im Gebet antrafen und erwürgten sie mit dem Schleier ihres Hauptes im Jahre 927. Man begrub sie anfangs zu Tetin; nach einigen Jahren aber wurde ihr ganz unverwesener Leib von ihrem Enkel, dem heiligen Wenzeslaus, erhoben und in der Kirche des heiligen Georgius zu Prag beigesetzt.

 

Man nannte die heilige Ludmilla eine Mutter der Armen, einen Fuß der Lahmen, das Auge der Blinden, eine Trösterin der Betrübten und Waisen. Leuchtet die Liebe zu den Armen auch an uns hervor?

 

Der heilige Kornelius, Papst und Martyrer von Rom,

+ 14.9.253 - Fest: 16. September

 

Heute treten, mit Siegespalmen in den Händen, nicht weniger als fünf Blutzeugen vor uns hin, drei Männer und zwei Frauen, ein Papst, ein Bischof, eine Jungfrau, eine Witwe und ein Laie. Alle sind gleich groß und herrlich, und es fällt schwer, einen einzelnen aus der Heldengruppe für die Tageslegende auszuwählen, und wenn die Wahl schließlich auf den heiligen Papst Kornelius fällt, so geschieht es aus dem Grund, weil die Reliquie seines Hauptes in unserem Vaterland die letzte Ruhestätte gefunden hat und im deutschen Volk weithin verehrt wird, denn Kornelius ist der himmlische Beschützer der bäuerlichen Ställe. Die Überreste seines Hauptes aber befinden sich in der Abteikirche zu Cornelimünster bei Aachen.

 

Kornelius, zu Rom geboren, entstammte einer hochgeachteten Familie aus dem römischen Bürgeradel, die der Stadt und dem Staat seit langem eine Reihe von vortrefflichen Beamten und Offizieren gestellt hatte. Als sich aber die Kornelier dem Christentum zuwandten, wurde ihnen der Religionswechsel von den hohen Staatsbehörden übel vermerkt, und die Spannung zwischen dem kaiserlichen Hof und dem Kornelierpalast am Tiber steigerte sich fast zur Unerträglichkeit, als es hieß, ein Mitglied der Familie, der Priester war, sei im geheimen zum Papst gewählt worden und leite aus den Katakomben die Kirche.

 

Stürmisch war in der Tat die Zeit, da Kornelius im Jahr 251 das Steuerruder des Schiffleins Petri in die Hand nahm. Vierzehn Monate vorher war eine Christenverfolgung ausgebrochen. Alle Einwohner der Stadt erhielten eine Vorladung von der Polizei, an einem bestimmten Tag in Gegenwart der Behörden den Göttern zu opfern. Wer sich fügte, war gesichert, und wer sich nicht fügte, war dadurch als Christ erkannt und wurde der Folter übergeben, bis er entweder opferte oder der Marter erlag. Nicht alle bestanden die Probe, manche wurden schwach, streuten den Göttern Weihrauch und verleugneten dadurch den Glauben.

 

Einer der ersten, die der Verfolgung zum Opfer fielen, war der heilige Papst Fabian, und nach seinem Tod kam eine solche Verwirrung über die Christen, dass es gut ein Jahr dauerte, bis ihnen in Kornelius wieder ein Führer und Hirt erstand. „O Gott“, so heißt es heute im Eingangsgebet der heiligen Messe, „Heiden drangen ein und schändeten dein Heiligtum, sie machten Jerusalem – das ist die Kirche – zur elenden Obstwächterhütte.“

 

Es war also eine traurige Erbschaft, die Papst Kornelius übernahm, und wenn auch bald darauf die Verfolgung durch den Tod des Kaisers Dezius merklich abflaute, so tauchte doch gleich hinterher eine neue Schwierigkeit auf, die das Herz des obersten Hirten der Kirche mit Gram und Bitterkeit erfüllte, denn als Kornelius die abgefallenen Christen in Huld und Gnaden wieder in die kirchliche Gemeinschaft aufnahm, erhob sich gegen ihn ein Priester, Novatian mit Namen, der katholischer sein wollte als der Papst selbst, indem er erklärte, dass ein Christ, der einmal den Glauben verleugnet habe, für immer und ewig ausgeschlossen bleiben müsse. Es kam so weit, dass Novatian sich zum Gegenpapst aufwarf und in der Herde Christi große Verwirrung anrichtete. Über diese Glaubensspaltung wollte dem guten Hirten Kornelius fast das Herz brechen, der übrigens kurz nachher ergriffen, aus Rom verbannt und am 14. September 253, am Fest Kreuzerhöhung, um des Glaubens willen mit Bleiruten zu Tod gepeitscht wurde. Seinen heiligen Leichnam begrub man in den Katakomben zu Rom.

 

„Die Leiber der Heiligen sind bestattet in Frieden, doch ihre Namen leben fort von Geschlecht zu Geschlecht.“ Heute noch wird der Name des heiligen Papstes Kornelius täglich in ungezählten heiligen Messen kurz vor der Wandlung erwähnt.

 

17. September

 

Die heilige Hildegard, Jungfrau und Äbtissin von Bingen,

+ 17.9.1179 - Fest: 17. September

 

Während die Weltkirche heute in der heiligen Messe jener gnadenvollen Stunde gedenkt, da der heilige Franz von Assisi an seinem Leib die heiligen fünf Wunden des Gekreuzigten empfing, feiern wir in unserem Vaterland das Gedächtnis einer großen Frau.

 

Hildegard heißt die Frau, die im Jahr 1099auf Schloss Böckelheim in der gottgesegneten Pfalz als zehntes Kind des Burggrafen Hildebert von Bermersheim und seiner Gattin Mechtild das Licht der Welt erblickte.

 

Hildegard war ein sonderbares, schon früh von der Gnade gezeichnetes Kind. Seit dem dritten Lebensjahr hatte sie eine innere Schau und ein durchdringendes Verstehen der übernatürlichen Dinge. Alles, was andere mühsam aus der Biblischen Geschichte und aus dem Katechismus lernen, und alles, was unsichtbar immerwährend zwischen Himmel und Erde geheimnisvoll geschieht, sah Hildegard klar mit den leiblichen Augen. In einem hellen Licht sah sie es, das sie den Schatten des Lichtes nannte.

 

Wie? Kann denn ein Licht zum Schatten werden? Bei Hildegard war es anscheinend so, denn zuweilen sah sie ein anderes Licht, das noch unendlich leuchtender war, so dass sich im Vergleich zu ihm jenes Licht, das ihr gewöhnlich leuchtete, wie ein Schatten ausnahm, und es kann wohl sein, dass dieses zweite Licht der liebe Gott selbst war, der ja das ewige Licht ist. Dass dem so gewesen sein mag, ergibt sich vielleicht auch aus dem Umstand, dass Hildegard eine unaussprechliche Freude empfand, wenn das hellere Licht sich zeigte, und in tiefe Betrübnis geriet, wenn es wieder verschwand. Je näher nämlich ein Mensch bei Gott ist in Gebet und guten Werken, desto froher und friedvoller ist er, und je weiter er sich durch Fehler und Sünden von Gott entfernt, desto unruhiger und unheimlicher fühlt er sich oft.

 

Die innere Schau machte Hildegard indessen nicht zu einer weltfremden Schwärmerin und Träumerin und hinderte sie in keiner Weise, eine tüchtige Frau und eine hervorragende Wirtschafterin zu werden. Mit acht Jahren kam sie zu ihrer Tante, der Gräfin Jutta von Spanheim, die auf dem Disibodenberg, sechs Wegstunden vom Rhein an der Nahe, als Vorsteherin eines Klosters wirkte. Dort lernte Hildegard lesen und singen und mit Nadel, Faden, Fingerhut, Spannrahmen und Stopfei umgehen, lernte spinnen und weben und stricken und häkeln und kochen und Arzneien bereiten und Kranke pflegen, so dass sie, die mit fünfzehn Jahren ebenfalls Ordensfrau geworden war, vierzigjährig nach dem Tod der Tante Jutta einstimmig zur Äbtissin gewählt, es wohl verstand, das Kloster mehr in der Freude als in der Furcht des Herrn zu leiten und bei der wachsenden Zahl der Schwestern noch zwei weitere Klöster zu gründen, das eine auf dem Rupertsberg bei Bingen am Rhein und das andere rechtsrheinisch gerade gegenüber zu Eibingen.

 

Sankt Hildegard war also eine Frau, die, obwohl ganz Gott hingegeben, mitten im Leben stand. So muss es ja auch sein, denn Frömmigkeit und Lebenstüchtigkeit sollen stets Hand in Hand gehen, und das eine ohne das andere ist ein Unding, wie es schon das Sprichwort sagt: „Faul in der Arbeit und fleißig im Beten ist Orgelspiel ohne Bälgetreten.“ Bei beidem schaut nichts heraus.

 

Ihren Schwestern war die heilige Hildegard wie eine gute Mutter, treu und immer mildreich und hilfreich, und weil sich in ihrem Herzen noch weit mehr Liebe vorfand, als die Untergebenen brauchten, verschenkte sie die überschüssige Güte an Arme und Bedrängte, die sich in jenen notvollen Zeiten so zahlreich an der Klosterpforte einfanden, dass an manchen Tagen einer dem anderen die Klinke in die Hand gab. Namentlich waren die Arzneien der Äbtissin sehr geschätzt, die sie aus Kräutern und Wurzeln selbst bereitete und die nicht selten wunderbare Heilungen zur Folge hatten. So wurde Sankt Hildegard, die liebevolle Mutter ihrer Schwestern, auch zur guten Volks- und Landesmutter.

 

Wie indessen eine rechte Mutter bei Unordnungen und Zügellosigkeiten nicht stillschweigt, so hat auch die heilige Hildegard gehandelt. Ohne Furcht und Menschenscheu ist sie vor Papst und Kaiser hingetreten und hat Bischöfen und Fürsten und allen, wenn sie Unrecht begingen, so ernst und eindringlich ins Gewissen geredet und mit Gottes Strafgericht gedroht, dass selbst der mächtige Kaiser Barbarossa vor ihr zitterte. Da sieht man also, dass das bloße Fingerdrohen einer rechtschaffenen Frau auch starke Männer in Schrecken jagen kann.

 

Der heilige Baduard (Badurad), 2. Bischof von Paderborn,

+ 17.9.862 – Fest: 17. September

 

In dem quellenreichen, anmutig gelegenen Paderborn verweilte Karl der Große gern. Dort ließ er schon im Jahr 777 eine christliche Kirche bauen. Dort errichtete er mit päpstlicher Bevollmächtigung im Jahr 780 ein Bistum, das vorläufig dem Bischof von Würzburg zur Verwaltung übergeben wurde. Aber wegen der weiten Entfernung beider Städte erhielt Paderborn schon 795 in dem heiligen Hathumar seinen ersten eigenen Bischof. Er begann den Bau des Domes, dessen Altar Papst Leo III. bei seiner Anwesenheit in Paderborn, wo er bei Karl Hilfe suchte, im Jahr 799 konsekrierte und mit einer Rippe des heiligen Erzmärtyrers Stephanus beschenkte. Als der heilige Hathumar 815 starb, folgte ihm als Bischof von Paderborn der heilige Baduard.

 

Unter den Geiseln, die aus dem westfälischen Adel Karl dem Großen übergeben wurden, befand sich auch der edle junge Mann Badurad. Zu Würzburg bildete er sich unter sehr frommen und ausgezeichneten Lehrern so sehr in Wissenschaften und Tugenden aus, dass ihn Kaiser Ludwig wegen des vorzüglichen Adels seiner Sitten, wegen seiner Hochherzigkeit und seines religiösen Eifers zum Freund erwählte und nach dem Tod Hathumars mit der Insel Paderborns beschenkte. Baduard zeigte sich dieser Auszeichnung würdig. Unter seinen Tugenden leuchteten in hellem Glanz seine mildreiche Freigebigkeit gegenüber den Armen, seine seltene Unbescholtenheit, seine Demut und Bescheidenheit, sein Eifer in Verbreitung der Religion, seine unermüdliche Tätigkeit für das Seelenheil seiner Untergebenen. Beständig bereiste er sein Bistum, predigte dem Volk, errichtete Pfarreien in Städten und Dörfern, erbaute Kirchen und Kapellen, befestigte und vollendete, was sein Vorgänger Hathumar begonnen hatte. Den vollendeten Dom weihte er feierlich ein, legte daneben ein Domkloster an, worin er mit seinen Geistlichen ein gemeinsames Leben führte und begründete die Domschule, die schon zu seiner Zeit die sächsische Jugend zu Priestern und Gelehrten ausbildete und später zu großer Blüte gelangte. Unter ihm kamen die Benediktiner von Corbie in Frankreich und ließen sich zuerst im Sollinger Wald nieder. Da sich aber der Platz nicht zur Ansiedelung eignete, ließen sie sich sieben Jahre später an der Weser nieder und gründeten die berühmte Abtei Corvey, die Baduard am 25. August 822 feierlich einweihte.

 

Ein großes Verdienst erwarb sich Baduard, indem er durch seinen Einfluss einen blutigen Bürgerkrieg verhütete. Als sich nämlich Lothar gegen seinen Vater, Kaiser Ludwig den Frommen, empörte und ihn schmachvoll behandelte, erhob sich fast ganz Deutschland und Frankreich für Ludwig, und beide Heere standen sich schlachtbereit gegenüber. Da sandte im Jahr 834 der Kaiser seinen vertrauten und lieben Freund Baduard zu seinem pflichtvergessenen Sohn, um ihn zur Sinnesänderung zu bewegen. Der heilige Bischof hielt Lothar die Unwürdigkeit seiner Tat vor, drohte ihm mit den Strafgerichten Gottes und beschwor ihn bei Gott und allen Heiligen, die gottlosen Verführer zu meiden und schnell zu seinem Vater zurückzukehren. Seine eindringliche Rede und sein hohes Ansehen bewogen den aufrührerischen Sohn, dass er demütig seinem Vater zu Füßen fiel und Verzeihung von ihm erflehte und erhielt.

 

Von heiligem Eifer entflammt, seinem Bistum einen heiligen Patron zu geben, der die Sachsen im Glauben befestigen und vor der Hinneigung zum alten Aberglauben bewahren sollte, schrieb Baduard ein allgemeines Fasten aus und erflehte inbrünstig von Gott ein heilige Unterpfand für seine Kirche. Sein Gebet war nicht umsonst, denn Gott offenbarte ihm, er solle nach Mans in Frankreich schicken, wo sich sein Wunsch erfüllen werde. Demzufolge sandte er seinen Erzdiakon, den heiligen Meinolf, und den Priester Ido mit mehreren vornehmen Laien nach Mans. Am 27. April 836 kamen sie dort an und wurden vom Bischof Alderich freundlichst aufgenommen. Nach begangenem Fasten ging der Bischof Alderich mit der Geistlichkeit und den Abgesandten in die Kirche und öffnete das Grab des heiligen Liborius, aus dem ein überaus lieblicher Wohlgeruch aufstieg. Sogleich verherrlichte Gott seinen Heiligen mit mehreren Wundern: ein Lahmer erhielt seine geraden Glieder, ein Stummer seine Sprache und ein Besessener wurde vom Teufel befreit. Die Bürger von Mans wollten den heiligen Leib gar nicht fahren lassen, bis ihr Bischof sich auf den kaiserlichen Befehl berief und ihnen bedeutete, dass es ein Irrtum sei, zu glauben, die Heiligen legten ihre Fürbitte bei Gott bloß da ein, wo ihre Leiber ruhen. Darauf gaben die Bürger nach und schlossen ein ewiges Freundschaftsbündnis mit Paderborn, dem die Erhaltung dieses Bistums unter der Herrschaft Napoleons zu danken ist. Am 1. Mai wurden die Gesandten mit dem Leib des heiligen Liborius entlassen und vom Klerus der Stadt Mans unter Psalmen und geistlichen Liedern auf die Reise begleitet. Als die Abgesandten an den Rheinkamen, erwartete sie eine ungeheure Menschenmenge aus Westfalen, staunend über die Wunder, deren sich bereits siebzig auf der Reise zugetragen hatten, und die sich noch fortwährend vermehrten. In feierlichem Triumphzug gelangten die Reliquien des heiligen Liborius am 28. Mai 836 nach Paderborn und wurden an dem gerade beginnenden Pfingstfest im Hochaltar beigesetzt. Der Fürbitte des heiligen Liborius dankt das Bistum Paderborn durch mehr als tausend Jahre die Reinerhaltung des katholischen Glaubens und viele andere Gnaden.

 

Hatte der heilige Bischof Baduard eine unermessliche Freude über den Gewinn der Reliquien des heiligen Liborius, der als Herzensfreund des heiligen Martinus den Bischofsstuhl zu Mans fast fünfzig Jahre geziert hatte und um 397 gestorben war, so wurde er noch mehr beglückt durch die Gründung des Klosters Böddeken im Jahr 837 und des Klosters Herford. Im Jahr 845 sah er seinen lieben Freund, Kaiser Ludwig, als Gast in seiner Stadt Paderborn, wo er eine Reichsversammlung hielt. Sechs Jahre später (851) berief ihn Ludwig nach Meinz und bestätigte die zahlreichen Geschenke und Vorrechte der Paderborner Kirche. An Verdiensten reich, vom Greisenalter gebeugt, starb Baduard im Jahr 862, nachdem er 44 Jahre dem Bistum Paderborn vorgestanden hatte.

 

Baduards Unbescholtenheit, unermüdliche Tätigkeit, Demut und christlicher Seeleneifer, seine Freigebigkeit gegenüber Bedürftigen, seine Liebe zu allen zeichnete ihn in so außerordentlichem Maß aus, dass ihn die Paderborner Bischöfe, Biso, Imad und andere der Ehre der Heiligen würdig erachteten. Als man nach 27 Jahren sein Grab öffnete fand man die Gewänder, in die der Leib gehüllt war, so rein und unversehrt, dass auch nicht einmal ein Stäubchen daran zu sehen war. Sein Todestag fällt auf den 17. September.

 

Der heilige Lambert, Bischof und Märtyrer von Lüttich,

+ 17.9.708 – Fest: 17. September

 

Der heilige Lambert oder Landebert war der Sohn edler, reicher und frommer Eltern zu Maastricht und wurde um die Mitte des 7. Jahrhunderts geboren. Schon als Junge verlegte er sich mit großem Eifer auf das Studium der Heiligen Schrift. Zum jungen Mann herangereift, wurde er dem heiligen und gelehrten Abt Theodard von Malmedi und Stablo anvertraut, der später als Bischof in Maastricht auf einer Reise im Jahr 669 gemeuchelt wurde. Ihm folgte auf dem bischöflichen Stuhl der einstimmig vom Volk gewählte Lambert, der durch seine Liebe, Keuschheit, Demut, Weisheit, Mäßigung und seinen Seeleneifer die Herzen aller für sich einnahm. Allen weltlichen Freuden war er gänzlich abgestorben und kannte kein größeres Vergnügen, als Sünder auf den rechten Weg zurückzuführen, die Bedrängten zu trösten, die Armen zu unterstützen und die Frommen im Guten zu bestärken.

 

Wie alle Heiligen, so blieben auch dem heiligen Bischof Lambert Leiden und Verfolgungen nicht erspart. Die Merowinger-Fürsten gingen ihren Sünden und Torheiten nach und ihre Hausmeier tyrannisierten das Volk. Bei einem Volksaufstand wurde König Childerich II. ermordet (673), Lambert, der ihm treu ergeben war, von seinem Bischofssitz vertrieben, auf den sich ein unwürdiger Eindringling, namens Faramund, erheben ließ. Lambert zog sich in das Kloster Stablo zurück, wo er der letzte in der Zahl der Mönche, aber der erste in der Andacht und Heiligkeit war. Als er einst zu nächtlicher Zeit sich zum einsam stillen Gebet erhob und ohne seine Schuld ein Geräusch entstand, so dass die Ordensbrüder erwachten, befahl ihm der Abt, er soll draußen vor dem Kreuz beten. Von der sehr scharfen Kälte fast erstarrt, mit Schnee bedeckt, verharrte er mit ausgespannten Armen solange im Gebet, bis der Abt sich seiner wieder erinnerte und ihn kniefällig um Verzeihung bat.

 

Sieben Jahre hatte Lambert in tiefster Demut und Frömmigkeit im Kloster Stablo zugebracht, glücklich und zufrieden in dieser Abgeschiedenheit, die nichts störte, als der Schmerz über die Bedrückung und das Sinken der Kirche in Frankreich. Denn der schlimme Hausmeier Ebroin ließ unseren Heiligen, wie alles Heilige, seinen Hass und seine Rache fühlen, bis ihn 681 Hermenfried, ein von ihm seiner Güter beraubter Edelmann, ermordete. An seine Stelle trat Pipin von Heristal, der Ebroins Missgriffe und Schändlichkeiten möglichst gut zu machen versuchte und unter andern verjagten Bischöfen auch Lambert wieder auf seinen Bischofssitz nach Maastricht zurückrief.

 

Mit neuem Eifer waltete Lambert seines Amtes, durchzog Seeland, Nordbrabant und Geldern, setzte sich mit Willibrord, dem Apostel der Friesen, in Verbindung, nahm ihn auf seinen Bekehrungsreisen mit und führte ihn tiefer in den Geist der Kirche ein. Beide unterstützten sich gegenseitig und blieben treue Freunde bis zum Tod, und hatten die Freude, viele Heiden zum Glauben an Christus zu bekehren.

 

Pipin schätzte beide Glaubensboten und ihre glücklichen Erfolge sehr hoch, aber bei all seiner kirchlichen Gesinnung blieb er nicht frei von den rohen Überresten des Heidentums, denn er befleckte seinen Ruhm als Förderer des Christentums, indem er seine rechtmäßige Gemahlin verstieß und mit Alpais ein ehebrecherisches Verhältnis einging. Lambert ließ es nicht an ernsten Einsprachen und Ermahnungen fehlen. Als er einst von Pipin zur Tafel geladen war und auch Alpais sich einfand, stand er auf und wollte durchaus nicht neben ihr Platz nehmen. Voll Zorn klagte Alpais die erlittene Rüge ihrem Bruder Dodo. Der Überfiel daraufhin mit einer Schar Bewaffneter bei dem Dorf Leodium, wo jetzt die Stadt Lüttich steht, den heiligen Bischof, der eben aus der Mette zurückkehrte. Lambert verbot seiner Umgebung alle Gegenwehr, indem er sprach: „Wenn ihr mich wahrhaft liebt, so liebt Jesus und bekennt ihm eure Sünden. Für mich ist es Zeit, dass ich hingehe, um vereint mit ihm zu leben.“ Nach diesen Worten kniete er nieder, betete mit ausgespannten Armen für seine Feinde und wurde von einem Wurfspieß durchbohrt am 17. September 708. So starb der heilige Lambert, nachdem er vierzig Jahre den Hirtenstab mit Ehren geführt hatte, als Opfer seiner Pflichttreue und der Kirchenzucht.

 

Lamberts Leiche wurde nach Maastricht gebracht und vom heiligen Willibrord in der Kirche zum heiligen Petrus beigesetzt. Als aber an der Stätte des Mordes viele Wunder geschahen, erbaute sein Nachfolger, der heilige Hubert, daselbst eine Kirche und übertrug 721 die irdischen Überreste des heiligen Lambert nebst dem bischöflichen Sitz nach Lüttich, wo der Tag seines Martertodes alljährlich am 17. September feierlich begangen wird.

 

Der heilige Robert Bellarmin aus der Gesellschaft Jesu,

Erzbischof, Kardinal und Kirchenlehrer,

+ 17.9.1621 – Fest: 17. September (früher am 13. Mai)

 

Am 13. Mai 1923 vollzog der Heilige Vater, Papst Pius XI., die feierliche Seligsprechung, die bereits im Jahr 1627 eingeleitet wurde, und am 29. Juni 1930 die Heiligsprechung eines Mannes, der durch seine seltene Gelehrsamkeit und Tugend eine wahre Zierde seines Ordens und der katholischen Kirche ist.

 

Die Wiege des großen Gelehrten, der von demselben Papst 1931 zum Kirchenlehrer erhoben wurde, stand in Montepulciano, einem Städtchen in der Toscana. Der 4. Oktober war sein Geburtstag. Er erhielt in der Taufe die Namen Robert Franz und Romulus. Zeitlebens hegte er eine besondere Verehrung zum hl. Franziskus von Assisi.

 

Die Familie Bellarmin stammte von altem Adel, war aber mit irdischen Gütern nicht besonders gesegnet. Umso größer war ihr Reichtum an religiösem Geist. Insbesondere die Mutter, Cinthia Corvini, eine Schwester des Papstes Marzellus II., war nicht bloß eine hochgebildete, sondern eine geradezu heiligmäßige Frau. Sie übte nach dem Zeugnis ihres Sohnes Almosengeben, Gebet, Betrachtung, Fasten und strenge Bußwerke. Dreimal in der Woche empfing sie die heilige Kommunion, für diese Zeit etwas ganz Ungewöhnliches. Von ihren zwölf Kindern widmeten sich zwei Söhne und drei Töchter dem geistlichen Stand.

 

Die vortreffliche Mutter hielt die Kinder an, täglich der Heiligen Messe beizuwohnen und oft zu den heiligen Sakramenten zu gehen. Schon als kleiner Junge kniete sich Robert gleich nach dem Aufstehen nieder, um die Tagzeiten der allerseligsten Jungfrau zu beten.

 

Noch schöner entfalteten sich seine Talente, als die Jesuiten in Montepulciano eine Schule eröffneten, die er mit seinen Brüdern besuchte. Daselbst reifte sein Beruf: nach langem Überlegen und ernstlichen Beratungen mit seinem Seelenführer entschloss er sich, in die Gesellschaft Jesu einzutreten. Der Vater widersetzte sich anfangs seinem Vorhaben, da er ganz andere Pläne mit seinem talentvollen Sohn hatte, aber schließlich ergab er sich in den Willen Gottes und ließ ihn mit seinem Segen ins Noviziat ziehen.

 

Die fromme Mutter gab dem Sohn an den Pater General Laynez einen Brief mit, in dem sie schreibt: „Ich danke der göttlichen Majestät, dass sie mich würdigte, denjenigen zu ihrem Dienst zu berufen, den ich mehr liebe als mich selbst. Es ist wahr, ich habe noch andere Kinder, aber ich liebte diesen mehr als die anderen. Ich hatte auf ihn meine schönsten Hoffnungen gesetzt wegen seiner Eigenschaften, seiner Frömmigkeit und seines Talentes. Aber sobald ich sein Verlangen erkannte, sich Gott zu weihen, habe ich mich darüber gefreut und tue es jetzt noch mehr, denn ich weiß, dass wir dem Herrn das Liebste geben müssen, das wir haben. Und doch konnte ich kaum meinen Schmerz bemeistern im Augenblick, wo ich mich von einem so lieben Sohn trennen musste. Nur der eine Gedanke tröstete mich, dass er nunmehr in der Gesellschaft Jesu eine bessere Mutter haben wird.“

 

Das große Opfer der Eltern wurde von Gott reich belohnt durch all das Große, das ihr Sohn bald zur Ehre Gottes wirken sollte.

 

Wegen seiner hervorragenden Begabung für das Predigeramt wurde Robert sofort nach den philosophischen Studien an verschiedenen Orten als Professor der Beredsamkeit und Prediger angestellt. Obschon erst 20 Jahre alt, musste er auch den eigenen Mitbrüdern, unter denen sich nicht wenige erfahrene Männer befanden, die regelmäßigen geistlichen Vorträge halten. Er tat es mit solchem Geschick und zugleich mit solcher Bescheidenheit, dass alle davon höchst erbaut waren.

 

Noch während der theologischen Studien wurde er nach Löwen in Belgien geschickt, um für die Universitätsstudenten zu predigen. Am 25. Juli 1569 bestieg er zum ersten Mal die Kanzel der St. Michaels-Kirche und gefiel so, dass künftig immer mehrere Tausende sich einfanden, wenn er predigte. Aus Holland und England kamen Protestanten, um ihn zu hören; viele entsagten dann dem Irrtum.

 

Am 25. März 1570 wurde er zum Priester geweiht und musste einen Lehrstuhl an der Universität übernehmen, als erster Jesuit, dem diese Ehre zuteilwurde. Sechs Jahre lang erklärte er nun das bekannte Werk des heiligen Thomas von Aquin, die „Theologische Summe“, eine ausführliche Darstellung aller Glaubenswahrheiten.

 

Mit Geist und Geschick widerlegte er die falschen Ansichten des Michael Bajus, der gleichzeitig an derselben Universität lehrte, in gewandter, bestechender Form gefährliche Lehren vortrug und bei der Studentenschaft großen Anhang besaß. Pater Bellarmin war bei der strengsten Rechtgläubigkeit so versöhnlich und schonend, dass er niemand abstieß. Er hatte keinen Gelehrtenstolz, wohl aber die Demut und Liebenswürdigkeit eines Heiligen.

 

Sein Ruf als Gelehrter drang bald in alle Welt. Die Universität von Paris und der heilige Karl Borromäus, Erzbischof von Mailand, bemühten sich, ihn zu erhalten. Pater General Mercurian rief ihn aber 1576 nach Rom, um ihm den von Papst Gregor XIII. neuerrichteten Lehrstuhl für Unterscheidungslehren anzuvertrauen. Es weilten an den großen Kollegien und Anstalten viele junge Leute aus den von der protestantischen Irrlehre angesteckten Ländern, die nach einer gründlichen theologischen Ausbildung verlangten, zumal in den Lehren, die von den Neuerern verworfen wurden; sie wollten sie in der Heimat widerlegen. Niemand war hierzu geeigneter als Bellarmin, dessen Hörsaal bald einer der stärksten Anziehungspunkte Roms wurde. Die Frucht seiner Vorlesungen war das große Werk über die Kontroversen oder Unterscheidungslehren, das heißt, wie er sich selbst ausdrückt, „jener Fragen, die zwischen der Kirche des lebendigen Gottes und ihren aufständischen und abtrünnigen Kindern zum großen Unheil für den ganzen Erdkreis erörtert werden“. Der erste Band erschien 1581 zu Ingolstadt. Das Werk fand reißenden Absatz und erlebte trotz seines bedeutenden Umfangs von drei großen Bänden über vierzig Auflagen. Bei den Katholiken herrschte großer Jubel wegen dieser lichtvollen, gründlichen Verteidigung ihres Glaubens, bei den Gegnern ebenso große Verwirrung. Kardinal Ubaldini sagte deshalb: „Man könnte Bellarmin den Athanasius oder Augustinus unserer Tage nennen, denn er war durch die göttliche Vorsehung gesandt zur Widerlegung der Irrlehre.“ Theodor Beza, der Führer der Kalviner in der Schweiz, rief aus: „Dieses Buch hat uns zugrunde gerichtet.“ In Heidelberg eröffnete ein lutherischer Professor 1600 eigene Vorlesungen gegen Bellarmin. In England errichtete Königin Elisabeth einen Lehrstuhl zur Abwehr der Bellarmingefahr.

 

Der gelehrte Verfasser blieb bei allen Erfolgen kindlich demütig. Er versah das Lehramt bis 1589, in dem Jahr er auf Befehl des Papstes Sixtus V. den Kardinallegaten Kajetan nach Paris begleiten musste. Nach dem Tod des Papstes im folgenden Jahr kehrte er nach Rom zurück. Da er unter heftigem Kopfweh viel zu leiden hatte, enthob ihn der Ordensgeneral der Lehrtätigkeit und bestimmte ihn zum geistlichen Leiter der studierenden Ordensjugend.

 

Zu seinen Zöglingen gehörte nun auch der heilige Aloisius von Gonzaga, mit dem ihn bald eine heilige Freundschaft verband. Noch als achtzigjähriger Greis erinnert sich Bellarmin mit Freuden an diese Zeit. Während seiner letzten Krankheit unterhielt sich Aloisius, so oft er nur konnte, mit dem geistlichen Vater über die Angelegenheiten seiner Seele. Dieser wich nicht von des jungen Klerikers Seite, bis sein Lebenslicht zu erlöschen begann. Er sprach ihm Trost zu und verrichtete die Sterbegebete mit ihm. Aloisius starb am 21. Juni 1591. Als er schon 14 Jahre später mit dem Titel eines Seligen ausgezeichnet wurde, veranlasste Bellarmin, dass das Sterbezimmer des engelreinen Jünglings in eine Kapelle umgewandelt wurde, und ließ es mit Darstellungen aus dem Leben des Heiligen schmücken.

 

Da Pater Bellarmin es so gut verstand, mit jungen Leuten umzugehen, wurde ihm am 16. Dezember 1592 die Leitung des ganzen großen Kollegs und nach zwei Jahren die Leitung der Ordensprovinz von Neapel übertragen. Hier hatte er unter seinen Untergebenen den seligen Bernardin Realino, der in dem Kollegium von Lecce weilte. (+ 1616 – Fest: 3. Juli)

 

Aber auch Neapel sollte sich nicht lange des heiligmäßigen Provinzials erfreuen. Papst und Kardinäle kannten die trefflichen Eigenschaften des großen Gelehrten nur zu gut und wussten, welch unschätzbare Dienste er als Ratgeber des Papstes der ganzen Kirche leisten konnte. Darum ernannte ihn auf Betreiben des Kardinals Baronius, der selbst den Ruf eines hervorragenden Gelehrten hatte, Klemens VIII. zu Anfang des Jahres 1597 zu seinem theologischen Berater und übertrug ihm verschiedene wichtige Ämter. Unter anderem musste er im Auftrag des Heiligen Vaters einen Katechismus verfassen, der ähnlich wie der des heiligen Kirchenlehrers Petrus Canisius eine weite Verbreitung fand. Das Büchlein erlebte zahllose Auflagen und wurde in mehr als 60 Sprachen übersetzt.

 

Am Quatembermittwoch der Fasten 1599 erklärte der Papst, dass er Bellarmin zum Kardinal erhebe. „Diesen erwählen wir,“ sagte er, „weil er an Gelehrsamkeit nicht seinesgleichen hat in der Kirche Gottes.“ Alle Versuche des bescheidenen Mannes, eine so hohe Würde von sich abzuhalten, fruchteten nichts, ja der Papst befahl ihm die Annahme des Kardinalates ausdrücklich, und zwar unter schwerer Sünde.

 

Die katholische Welt jubelte über die Ehrung dieses ausgezeichneten Mannes. Kardinäle äußerten sich, nicht Bellarmin sei eigentlich geehrt worden, sondern ihr Kollegium, da es eine solche Zierde erhalten habe.

 

Nur einer war darüber tief unglücklich und vergoss viele Tränen, er selbst. Er klagte sein Leid seinem Freund, dem seligen Bernardin Realino; er erhielt von ihm einen wundervollen Trostbrief. Nur der Gedanke an Gottes Wille erleichterte ihm das Herz.

 

Auch als Kardinal änderte Robert seine Bisherige einfache Lebensweise nicht, so dass von ihm der Jesuitengeneral bezeugen musste, er habe nur das Kleid gewechselt, aber nicht seine Gewohnheiten. Das rote Galakleid, das ihm der Papst geschenkt hatte, reichte die 22 Jahre aus, die er noch zu leben hatte. Umso freigebiger war er den Armen gegenüber. Notleidende oder Klöster, verschämte Arme, mittellose Studierende, Kranke in den Spitälern erfreuten sich seiner Großmut. Für sich verwandte er nur das Allernotwendigste. Als Bellarmin starb, musste der Papst die Begräbniskosten für ihn tragen.

 

Es ist unmöglich, all die vielfältigen Arbeiten des neuen Kardinals zum Besten der Kirche ausführlich zu schildern. Er war nach allen Seiten bemüht, der Kirche zu nützen, bald dadurch, dass er mit seiner gediegenen Feder die Rechte des Papstes verteidigte, neue wissenschaftliche und fromme Werke schrieb, bald durch Reformvorschläge zur Hebung des Klerus, die er dem Papst mit großem Freimut unterbreitete, dann wieder durch Briefe, die in alle Welt, bis in die fernen Missionen seiner Mitbrüder, ausgingen.

 

Eine Zeitlang, 1602 bis 1605, weilte Bellarmin außerhalb Roms, da der Papst die Verwaltung des Erzbistums Capua in seine Hände legte. Die drei Jahre, die er dort zubrachte, verwandte er mit allem Eifer dazu, den religiösen Stand der Diözese zu heben, was ihm auch in seltenem Grad gelang. Er predigte selbst an allen Sonn- und Feiertagen in der Kathedrale, sorgte für einen würdigen Gottesdienst, hielt den Klerus zu einem frommen, erbaulichen Leben an und visitierte alljährlich seine Diözese.

 

Als 1605 Klemens VIII. starb, hätte nicht viel gefehlt, so wäre Bellarmin zum Papst gewählt worden. M ersten Wahlgang hatte er die meisten Stimmen, aber er beschwor Gott und die Menschen, doch diese Last nicht auf seine Schultern zu legen. Es wurde Leo XI. gewählt, der aber leider schon vor Ablauf eines Monats verschied. Ein zweites Mal kam Bellarmin der Tiara sehr nahe, doch seine Demut blieb Sieger.

 

Der neue Papst Paul V., der nun die Kirche regierte, wollte den Kardinal Robert ganz in seiner Nähe haben, um stets seinen Rat einzuholen zu können. Er machte ihn zum Protektor des deutschen Kollegiums und anderer Institute und Orden und zum Administrator seiner Heimatdiözese Montepulciano. Bei fast allen kirchenpolitischen Fragen hatte Bellarmin die führende Rolle. So geschah es, dass er allmählich wie ein Weltwunder angestaunt wurde.

 

Inmitten seiner unzähligen Arbeiten wandte er stets eine besondere Sorge den großen Anliegen der Kirche in Deutschland zu. Er hatte die Verhältnisse dieses Landes schon früher kennengelernt. Als er in Löwen Professor war und als er in Rom lehrte, saßen viele deutsche junge Männer zu seinen Füßen. Sein Buch über die Kontroversen oder Streitfragen war hauptsächlich der Bekämpfung der deutschen Irrlehren gewidmet, weshalb es auch zuerst in Deutschland herausgegeben wurde. Kein Wunder, dass er zeitlebens die Entwicklung der Dinge in Deutschland nicht nur mit Aufmerksamkeit, sondern mit jener apostolischen Sorge verfolgte, die überall zur Hilfe bereit ist, wo sich die Gelegenheit dazu bietet. Unzählige Briefe an die deutschen Kurfürsten und Bischöfe, an hervorragende Führer der Katholiken und selbst an den Kaiser trachteten, die Wankenden im Glauben zu stärken, in schwierigen Verhältnissen Rat zu erteilen, das Überhandnehmen der Irrlehren zu verhindern und die mancherorts sich zeigenden Ansätze zum Besseren nach Möglichkeit zu kräftigen. „Wenn ich bald die Nachricht bekäme,“ schreibt er am Abend seines Lebens an den Herzog von Bayern, „dass das römische Reich in Frieden ist und dass der erlauchte Kurfürst von Sachsen sich zum katholischen Glauben bekehrt hat, dann würde ich, der fast achtzigjährige Greis, gern mit Simeon singen: „Nun entlässt du, o Herr, deinen Diener in Frieden.“ Kardinal Bellarmin gehört zu den größten Wohltätern des deutschen Volkes aller Zeiten und ist im Himmel gewiss auch sein Fürbitter und Beschützer, wie er im Leben der Protektor des Kollegiums Germanikum in Rom war.

 

Auch der heilige Franz von Sales stand zu dem Heiligen in enger Beziehung und charakterisierte ihn einmal treffend mit den Worten: „Dieser große Kardinal kann alles, nur nichts Böses tun. Das Böse kennt er zwar gut, da er es in seinen Schriften bekämpft. Und doch ist ihm nichts fremder als das Böse.“

 

Da der rastlos tätige Mann die Beschwerden des Alters immer mehr zu fühlen bekam, bat er den Papst, ihn von seinen Ämtern zu befreien und die letzten Tage im Noviziat der Gesellschaft Jesu zu St. Andrä auf dem Quirinal zubringen zu dürfen. Nach längerem Sträuben gestattete es der Heilige Vater. Im Noviziat wählte sich der Greis zwei einfache Zimmer und verbrachte seine Zeit fast ausschließlich mit Gebet, um sich auf den Tod vorzubereiten. Schon wenige Tage nach seiner Ankunft, Ende August 1621, erkrankte er. Da leuchteten noch einmal seine Tugenden im hellsten Glanz. Alle Besucher erbaute er durch seine Frömmigkeit, Ergebung in Gottes Willen, Demut, Gehorsam, Geduld und Liebe. Am 1. September erlebte er noch eine große Freude und Auszeichnung. Gregor XV. besuchte seinen hochverehrten Kardinal. Beim Eintritt des Papstes richtete sich der Kranke auf und sprach: „Ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach. Ich danke Euer Heiligkeit von ganzem Herzen, dass sie sich für einen so armen Menschen so sehr bemüht hat.“

 

Bei der Nachricht, dass sein Ende sich rasch nähere, rief der Kranke dreimal freudig aus: „O gute Nachricht!“ und verlangte sofort nach der heiligen Wegzehrung; er ließ es sich nicht nehmen, sie kniend außerhalb des Bettes zu empfangen. Am 17. September begann der Todeskampf; mit deutlicher Stimme legte der Sterbende nochmals das Glaubensbekenntnis ab, wiederholte oft den süßen Namen Jesus und hauchte ruhig seine reine Seele aus. Der Leichnam wurde unter ungeheurem Zulauf des Volkes in der Ordenskirche al Gesu bestattet. Der Seligsprechungsprozess wurde bald aufgenommen; durch die Ungunst der Zeiten und gewisse Anfeindungen gegen den Orden blieb er aber unvollendet, bis ihn Papst Benedikt XV. im Jahr 1920 wieder aufgriff und sein Nachfolger Pius XI. ihn am 13. Mai 1923 durch die Seligsprechung und am 29. Juni 1930 durch die feierliche Heiligsprechung vollendete. Am 21. Juni 1923 erfolgte nach Wunsch des Heiligen Vaters die feierliche Übertragung der Reliquien des Heiligen in die Ignatiuskirche, wo sie neben dem Altar des heiligen Aloysius beigesetzt wurden, wie der Heilige es sich stets gewünscht hatte. Es war damals schon zu erwarten, dass auch die Heiligsprechung nicht mehr fern ist.

 

Kurz vor seinem Hinscheiden dankte der Heilige dem göttlichen Heiland für alle empfangenen Wohltaten und besonders für den Beruf zur Gesellschaft Jesu, die er bis zum letzten Augenblick wie seine Mutter liebte: „Das ist eineunschätzbare Gnade; in der Schule der Gesellschaft habe ich nicht nur die Wissenschaft gelernt, sondern vor allem, was noch viel mehr wert ist, die Frömmigkeit eines Christen und Ordensmannes.“

 

Danken wir Gott, der seiner Kirche immer wieder große Menschen sendet, die ihre Talente und Kräfte ihr weihen, durch ihre Tugenden ihr zur größten Ehre gereichen und allen Menschen zu Vorbildern dienen. Schätzen, lieben wir diese eine, heilige katholische Kirche nach dem Beispiel des heiligen Robert Bellarmin und bleiben wir ihr treu bis zum Tod! Sie ist unsere geistige Mutter, bei ihr ist das Heil!

 

18. September

 

Der heilige Josef von Cupertino, italienischer Priester,

+ 18.9.1663 - Fest: 18. September

 

Der heilige Josef von Cupertino hat in der Jugend von seiner Mutter oft und gründlich und mit Recht Schläge bekommen. Aber bitte, kann denn einer heilig werden, der von den Eltern Schläge bekommen hat? Ja, das kann er. Warum aber hat Josef von Cupertino eigentlich so oft und gründlich und mit Recht Schläge bekommen?

 

Das war möglich oder sogar bitter notwendig, weil der Josef Desa, so hieß er mit Hausnamen, aus dem italienischen Städtchen Cupertino bei Neapel ein überaus wilder und eigensinniger Junge war, ein störrischer, unbändiger und unbeugsamer Trotzkopf, der sich lieber den Schädel einrannte und sich eher blau und braun und grün und gelb schlagen ließ, als dass er nachgegeben hätte. Der Mutter war der Junge, wie man sich denken kann, ein Rätsel und eine Not.

 

Die Sache wurde erst anders, als Josef Desa zu einem Schuster in die Lehre kam, der einen lockeren Leibriemen hatte und der ihm alle Tage die Hose spannte. Da wurde aus dem Wildling langsam ein stiller Junge, der sich, von den Menschen unverstanden, mit jedem Tag inniger an den lieben Gott schmiegte, bis er eines Tages den Schusterschemel mit einer Zelle im heimatlichen Kapuzinerkloster vertauschte, um als schlichter Laienbruder dem zu dienen, bei dem allein er Verständnis fand für seine innere und äußere Not.

 

Acht Wochen später war Josef Desa aus dem Kloster bereits wieder entlassen. Der Grund, warum man ihm den Stuhl vor die Tür setzte, ist darin zu suchen, dass der Novize alle Arbeiten, die man ihm übertrug, ausgesprochen schlecht verrichtete. Das geschah weniger aus Ungeschicktheit oder gar aus bösem Willen, sondern deswegen, weil er mit hingebender Lust immer nur betete und über dem Beten die Arbeit vergaß.

 

Es war ein harter Schlag für den Siebzehnjährigen, dass er die Füße wieder unter den Tisch der Mutter stellen musste, denn im Kloster hatte er sich glücklich gefühlt, und als er das Ordenskleid auszog, kam es ihm vor, als zöge man ihm die Haut vom Leib. So weh tat es ihm.

 

Fünf Jahre lang wanderte dann Josef Desa mit dem ihm angeborenen Eigensinn, der mittlerweile allerdings ein heiliger Eigensinn geworden war, von einem Kloster zum anderen und bat vergeblich um Aufnahme, bis er schließlich bei den Minoriten als dienender Bruder Unterschlupf fand. Da endlich war sein Verlangen nach dem Haus des Herrn erfüllt, das ihn, wie wir in der heutigen Messe beten, verzehrte, und voll und ganz verstand und empfand er das andere Wort im Eingangslied: „Wie lieb und traut ist deine Wohnung mir, o Herr der Heerscharen!“

 

Vor dem Evangelium heißt es weiter: „Gottes Auge sah ihn gütig an, er richtete ihn auf aus seiner Niedrigkeit und hob ihm das Haupt empor.“ Diese Worte deuten auf das hin, was weiter mit Josef Desa geschah, denn er blieb nicht Laienbruder, sondern wurde Priester. Schwer tat sich trotz allem Fleiß der alte Student im Lernen, aber ganz fest hat er sich ins Lernen verbissen, bis er schließlich im Jahr 1628 die Priesterweihe empfing, und dann ist er mit seinem starken Willen, der einzig mehr nach Heiligkeit strebte, ein heiliger Priester geworden, dessen Lust es war, beim lieben Heiland im Tabernakel zu verweilen, und wenn, besonders bei der Darbringung des heiligen Messopfers, die Glut der Gottesliebe ihn erfüllte, so konnte es geschehen, dass sein Körper alle Erdenschwere verlor und, von der Seele hochgehoben, über dem Boden schwebte. Der protestantische Herzog Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg, der einst auf einer Italienreise den Heiligen in diesem Zustand sah, kehrte daraufhin zur Mutterkirche zurück. Auch sah Josef von Cupertino die Zukunft voraus. Über dreißig Jahre lang lebte der Heilige so dahin, bis er am 18. September 1663 im Herrn entschlief und in das Haus voll Glorie einging.

 

Der heilige Josef von Cupertino ist dadurch heilig geworden, dass er seinen angeborenen Fehler, den Eigensinn, zu einem heiligen Eigensinn umgestaltete. Das war sehr klug und richtig getan, denn niemand kann seine angeborenen Anlagen ablegen, jeder aber kann sie heiligen und dadurch selbst ein Heiliger werden.

 

In einer alten Vita heißt es über den heiligen Josef von Cupertino: „Nachdem Josef im Jahre 1628 Priester geworden war, las er seine erste heilige Messe mit einem Glauben, mit einer Liebe und Ehrfurcht, die sich nicht ausdrücken lassen. Er nahm sich vor, nach der höchsten Vollkommenheit zu trachten, in einer gänzlichen Entäußerung vom Irdischen zu leben, alle evangelischen Tugenden auszuüben, besonders aber sich ganz zu verleugnen und eine sehr strenge Buße zu tun. Er versagte sich alles, was man den Geistlichen seines Ordens erlaubte; von Kleidungsstücken trug er bloß den Habit; er sonderte sich von dem Umgang mit Menschen ganz ab, und führte in der kleinsten und dunkelsten Zelle des Klosters ein stilles, einsames Leben; er genoss weder Fleisch, noch Milchspeisen, noch Wein; er nährte sich nur von Kräutern, von dürrem Obst, oder vom Gemüse, das mit etwas Bitterem bestreut war; er hielt, nach dem Beispiel seines heiligen Ordensstifters Franziskus, mehrere Male des Jahres eine lange, sehr strenge Fasten. Manche Woche nahm er nur am Donnerstag und am Sonntag eine Nahrung; er schlief auf einem harten, unbequemen Bett und sehr wenig; er geißelte sich und trug auf seinem Leib ein Bußhemd, das er mit einer eisernen Kette band; kurz, der Diener Gottes hielt seinen Körper so hart, dass man ihn mit Recht einen Martyrer der Buße nannte.

 

So streng aber der Heilige seinen Leib durch Bußwerke behandelte, die beinahe über die menschlichen Kräfte gingen, und die man nur einer besonderen Einsprechung des Herrn zuschreiben kann, der dadurch die übertriebene Zärtlichkeit, mit der manche ihrem Körper schmeicheln, beschämen wollte; ebenso köstlich nährte er seinen Geist durch das Gebet und die Betrachtung, wobei er durch Gottes Gnade in erstaunliche und unerhörte Entzückungen geriet, die so häufig waren, dass man ihn über dreißig Jahre nicht mit den übrigen Brüdern in den Chor, zu Prozessionen und in das Speisezimmer gehen ließ, weil sie dabei eine Störung verursachten. Er war siebzigmal entzückt, ohne die Entzückung bei der heiligen Messe dazu zu rechnen, die deswegen gewöhnlich über zwei Stunden dauerte.

 

Diese Entzückungen und die Heiligkeit seines Lebens brachten ihn in einen solchen Ruf, dass die Leute um die Wette liefen, ihn zu sehen und sich seinem Gebet zu empfehlen, von welchem viele durch die Erlangung besonderer Gnaden die Wirkung erfuhren. Aber eben dieser Zusammenlauf von Menschen war der Grund, warum der Vikar eines Bischofs den Heiligen bei der Inquisition als einen gefährlichen Menschen angab, der Neuigkeiten einführen und unruhige Auftritte unter dem Volk veranlassen könnte. Er ward daher im Jahre 1638 nach Neapel berufen, um Rechenschaft von sich abzulegen; von da ward er nach Rom geschickt, wo man sein Betragen untersuchte und selbes untadelhaft fand. Doch schickte man ihn nicht mehr in sein voriges Kloster, sondern in jenes zu Assisi. Daselbst ward er aus Gottes Zulassung von heftigen, sowohl äußeren als inneren Versuchungen bestürmt, durch welche seine Tugend stets mehr gereinigt wurde, denn der Obere dieses Klosters nahm ihn mit einer verdrießlichen Miene an, und behandelte ihn einige Zeit hindurch sehr hart; er gab ihm fortwährend bittere Verweise und beschuldigte ihn des Stolzes und der Gleisnerei. Der Heilige litt alles mit ungemeiner Geduld, Demut und Ergebung; dies aber kränkte ihn, dass er auf einmal alles himmlischen Trostes beraubt ward. Seinen Geist umwölkten dicke Finsternisse; sein Herz ward dürr und trocken; er fand keinen Geschmack am Psalmensingen; er hatte keine Freude mehr, wann er zum Altar ging und betete; der Himmel schien für ihn von Erz geworden zu sein; denn es viel nicht ein Tropfen von dem Tau desselben auf ihn herab. Er wurde zu eben der Zeit mit heftigen unreinen Versuchungen geplagt, wann er wachte, und mit den abscheulichsten Bildern, wann er schlief.

 

So brachte der Heilige seine Tage in Betrübnis und Tränen zu, er unterlies aber dabei nichts von seinen gewöhnlichen Übungen und Strengheiten. Dieser Kampf dauerte zwei Jahre. Nachher gefiel es dem Herrn, ihm die vorige Geistesruhe zu schenken und sein Herz mit häufigen Gnaden und Tröstungen zu erfüllen; er wurde auch, wie vormals, öfter, zum Erstaunen aller, auf eine außerordentliche Art entzückt. Wann er nur den Namen Gottes, Jesus oder Mariä nennen hörte, ward er wie entzückt. „Mein Gott“, rief er oft aus, „erfülle und besitze mein Herz ganz ... Jesus, Jesus, zieh mich an dich! Ich kann auf der Erde nicht mehr bleiben.“ Auch andere erweckte er oft zur Liebe Gottes. „Liebet Gott, sprach er zu ihnen; der in dem göttliche Liebe herrscht, ist reich, obgleich er es nicht bemerkt.“ Ängstlichen Personen, die sich an ihn wendeten, sagte er: „Ich will keine Skrupel und keine Melancholie; meint es aufrichtig, und fürchtet nichts.“

 

Es versammelte sich zu Assisi das Volk haufenweise um den Heiligen; jeder wollte die wunderbaren Dinge sehen, die der Herr an ihm wirkte. Papst Innocenz X. befahl daher dem Inquisitor der Stadt Perugia, man soll, um keinen Auflauf unter dem Volk zu veranlassen, den Josef in der Stille aus dem Kloster der Minoriten zu Assisi in das Kapuzinerkloster zu Pietrarossa bringen, das an einem ganz einsamen Ort im Gebirge lag. Dies geschah am 22. Juli 1653. Von da wurde er nach drei Monaten in ein anderes Kapuzinerkloster zu Fossombrone gebracht, und der demütige Diener Gottes gehorchte den Befehlen der Obern wie ein sanftes Lamm. Während seines dasigen, beiläufig dreijährigen Aufenthaltes führte er, den Augen der Menschen entrückt, und der Welt gleichsam abgestorben, ein sehr zurückgezogenes und seiner Gewohnheit nach bußfertiges Leben; er las täglich auf einem in diesem Kloster für ihn eigens errichteten Altar Messe, und ging im Gebet und in der Beschauung himmlischer Dinge unaufhörlich mit Gott um. Auch da ward er zum Erstaunen der Ordensmänner, die ihn sahen, öfter entzückt.

 

Es gefiel endlich dem Papst Alexander VII., der Innocenz X, auf dem apostolischen Stuhl nachfolgte, den heiligen Ordensmann dem Minoritenorden zurück zu stellen. Er wurde daher auf seinen Befehl im Juli 1657 aus dem Konvent der Kapuziner zu Fossombrone in das Konvent der Minoriten zu Osmo gebracht. So vollkommen der Heilige in allen Stücken in den Willen Gottes ergeben war, so war es doch für ihn eine große Freude und ein Trost, seine noch übrigen Lebenstage unter seinen Mitbrüdern zubringen zu können. Er hatte da nebst seiner Wohnung eine Kapelle für sich, wo er Messe las, und war, dem Befehl des Papstes zufolge, von dem Umgang mit Menschen ganz abgesondert; er ging, so lange er noch lebte, mit niemanden um, als mit dem Bischof und dessen Vikar, und mit den Geistlichen desselben Klosters. Er ging nie aus seinem Zimmer, außer um allenfalls einen kranken Mitbruder und einmal die Klosterkirche zu besuchen; und dies geschah zur Nachtzeit und bei verschlossenen Türen. Er lebte aber in seiner Einsamkeit so zufrieden, dass er zu sagen pflegte: „Ich wohne in einer Stadt; es kommt mir aber vor, als wenn ich in einem Wald oder vielmehr in einem Paradies wohnte“; und er konnte mit Wahrheit sagen, dass er im Paradies wohne; er war ja fast stets in Gott entzückt; und einige seiner Entzückungen dauerten sechs bis sieben Stunden. Als das Ende seiner Pilgerschaft, das ihm der Herr besonders offenbarte, heranrückte, ward sein Herz von der Liebe zu Gott und von heiligen Wünschen, aufgelöst und mit dem höchsten Gut im Himmel auf ewig vereinigt zu werden, stets mehr entflammt. Es überfiel ihn ein hitziges Fieber, das beiläufig einen Monat anhielt; dazu kam eine große Magenschwäche. So entkräftet er aber durch seine Bußwerke und seine Krankheit war, so verrichtete er doch das heilige Messopfer mit der größten Wonne seines Herzens fast bis an sein Ende. Und da seine Kräfte ganz erschöpft waren, und das Übel immer ärger wurde, merkte er, dass seine letzte Stunde nahe komme. Er empfing nun die heiligen Sakramente mit außerordentlicher Andacht, wiederholte oft mit einem von Liebe brennenden Herzen: „Ich wünsche, dass meine Seele von den Banden des Leibes befreit werde, um mit Jesu Christo vereinigt zu werden. Gott sei Dank und Lob! Gottes Wille geschehe! Gekreuzigter Jesus, nimm mein Herz und entzünde in selbem das Feuer deiner Liebe.“ Er entschlief am 18. September 1663 sanft in dem Herrn. Gleichwie Gott dem Heiligen während seines Lebens die Gnade verliehen hat, dass er entzückt wurde, künftige Dinge voraus sagte, die verborgenen Geheimnisse des Herzens erkannte, und erstaunliche Dinge tat; so gefiel es ihm auch, die Heiligkeit desselben durch Wunder nach seinem Tod zu verherrlichen. Er ward daher im Jahre 1753 in die Zahl der Seligen gesetzt, im Jahre 1767 aber feierlich heilig gesprochen.“

 

19. September

 

Der heilige Januarius,

Bischof und Martyrer von Benevent, Italien,

+ 19.9.305 - Fest: 19. September

 

Januarius war zur Zeit der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Diokletian um die dritte Jahrhundertwende nach Christi Geburt Bischof im süditalienischen Benevent. Sein Martyrium gleicht mit Verhaftung und Verhör eigentlich dem Martyrium anderer Blutzeugen. Nur dadurch unterscheidet es sich, dass Januarius und seine sieben Gefährten wie Zugtiere, wie Pferd und Esel, vor einen Wagen gespannt wurden, auf dem sie im schnellen Lauf den Obersten der Polizei nach Neapel ziehen mussten. Da sauste den Bedauernswerten ständig die Peitsche um die Ohren. Und an den Straßenrändern standen viele Neugierige und schlugen auf sie ein, bewarfen sie mit Steinen und verspotteten sie. Nach der Ankunft in Neapel warf man die mutigen Bekenner im Zirkus den wilden Tieren vor. Weil aber diese, die weniger blutdürstig als die Menschen waren, die Blutzeugen verschonten, schlugen ihnen die Henker den Kopf ab. So endete das Leben des heiligen Januarius, aber mit seinem Tod fing sonderbarerweise seine Geschichte erst recht an.

 

Schon immer war es bei den Christen Brauch, dass sie die sterblichen Überreste der Martyrer sammelten, ehrfurchtsvoll bestatteten und über ihren Gräbern Kirchen und Altäre zu errichten, auf denen sie das heilige Opfer feierten. Auch tauchte man oft ein Tuch in das frische Blut der Hingerichteten und bewahrte und verehrte das Tuch als kostbare Reliquie.

 

Bei Januarius geschah noch mehr. Es war nämlich bei seiner Hinrichtung eine Frau dabei, die zufällig zwei Fläschchen bei sich hatte. Als das Blut des heiligen Bischofs floss, füllte sie geistesgegenwärtig die beiden Fläschchen etwas über die Hälfte mit dem frischen Blut des Martyrers. Andere Christen holten in der Nacht nach der Hinrichtung auch die Leiber der Blutzeugen. Das geschah im Jahr 304.

 

Zwanzig Jahre später, als die dreihundertjährige Katakombenzeit der Kirche durch Kaiser Konstantin ihr Ende gefunden hatte, erbaute man über der Ruhestätte des heiligen Januarius und seiner Gefährten ein Gotteshaus. Die Gebeine der Martyrer wurden gehoben und in einem kostbaren Schrein beigesetzt. Dann kam auch jene Frau und brachte die beiden Fläschchen mit dem Blut des heiligen Januarius, das längst vertrocknet war. Als man aber die Fläschchen auf den Altar in die Nähe der anderen Reliquien stellte, wurde das vertrocknete Blut darin lebendig und flüssig und schaumig.

 

Eine sonderbare Geschichte! Was aber an der Sache noch sonderbarer ist, ist die Tatsache, dass sich vom Jahr 325 an bis in unsere Zeit dieser Vorgang mit dem Blut (1. Mai, 19. September, 16. Dezember) vor unzähligen Zeugen wiederholt. Und alle, die es sehen wollen, können aus nächster Nähe zuschauen, wie es geschieht.

 

Sollte dich also einmal der Weg an einem der drei genannten Tage dorthin führen, dann besuche die Kirche des heiligen Januarius in Neapel. Weil du fremd bist, erhältst du einen Platz gleich am Altar, damit du das Geschehen aus der Nähe sehen kannst. Ein Bischof oder ein Priester zeigt dir die beiden Fläschchen, die sich hinter bauchigem Glas in einer Art Monstranz befinden. Beide sind zur Hälfte mit geronnenem und getrocknetem Blut von rostbrauner Farbe gefüllt. Ihr Inhalt bewegt sich nicht, selbst, wenn man den Behälter auf den Kopf stellt. Wenn sich aber der Priester mit dem Fläschchen dem Reliquienschrein nähert, so braust das feste Blut auf, wird flüssig, dehnt sich aus und füllt die beiden Fläschchen fast bis an den Hals. Das alles kannst du ganz deutlich sehen, niemand kann dir aber erklären, wie das geschieht und wie das überhaupt möglich ist. Du wirst aber danach in dem Glauben fester stehen, für den der heilige Januarius und seine Gefährten den Martyrertod erleiden mussten.

 

20. September

 

Der heilige Eustachius, Jäger und Martyrer von Rom,

+ 20.9.118 - Fest: 20. September

 

Mit einer Jagd mit Hörnerklang und Hundegebell beginnt die Legende von Eustachius, die schön ist und auch ans Herz geht.

 

Da ritten vor bald zweitausend Jahren hohe kaiserliche Offiziere von Rom aus in den Wald und auf die Heide. Mancher Hase und manches Reh musste an diesem Tag ins Gras beißen und das Leben lassen.

 

Unter den jagenden Offizieren war einer, der Plazidus hieß. Bei der Eroberung Jerusalems im Jahre 70 nach Christi Geburt hatte er tapfer und mit Mut gekämpft, so dass ihn der Kaiser zum Generalfeldmarschall ernannte. Wenn überhaupt jemand, dann war Plazidus der hohen Ehrung würdig, denn er war nicht nur ein guter Krieger, sondern auch ein guter Mensch, der ein ordentliches Leben führte und viel für die Armen und Bedürftigen tat.

 

Solche guten Menschen liebt Gott sehr, und immer ist er mit der Gnade hinter ihnen her. Auch bei Plazidus war es so. Gerade auf der oben erwähnten Jagd hat Gottes Gnade den Mann gefangen.

 

Die Sonne ging fast schon unter und die Jagd ging langsam zu Ende, als vor dem Feldmarschall Plazidus im dunklen Wald plötzlich, wie aus dem Boden geschossen, ein prächtiger Hirsch auftauchte. Da freute sich der Jäger und Plazidus hetzte eine volle Stunde lang über Stock und Stein mit Begeisterung hinter dem Wild her. Aber er wusste nicht, dass er bei dieser Jagd nicht der Jäger, sondern der Gejagte war. Auf einmal blieb nämlich zwischen hohen Fichten das Tier in einer Lichtung auf einem Felsenvorsprung stehen und drehte sich um. Da sah Plazidus im breiten Geweih des Hirsches, von Glanz umleuchtet, ein strahlendes Kreuz, und von dem Kreuz ging eine Stimme aus, die sprach:

 

„Plazidus, warum jagst du mich? Ich bin Christus, der dir zuliebe am Kreuz gestorben ist. Lange schon bin ich hinter dir her, denn weil du barmherzig bist, will auch ich mit dir barmherzig sein. Geh in die Stadt zum Bischof der Christen und lass dich taufen, dich und deine Familie. Dann wirst du zwar viel erleiden müssen, aber dafür auch ewigen Lohn gewinnen.“

 

So sprach die Stimme aus dem Kreuz, und die Jagd war aus. Gottes Gnade hatte den Jäger gefangen. Noch am gleichen Tag ließ sich Plazidus auf den Namen Eustachius taufen. Mit ihm empfingen das Sakrament der Wiedergeburt die Frau und die beiden Söhne des Generalfeldmarschalls. Natürlich blieb er nicht mehr lange in der hohen Stellung, denn als bekannt wurde, dass er Christ geworden war, nahm der Kaiser ihm alle Ämter weg, zog sein Vermögen ein, und Eustachius konnte froh sein, dass er durch eine eilige Flucht sich und seiner Familie wenigstens das Leben retten konnte.

 

So wie gut hundert Jahre vorher die Heilige Familie vor den Soldaten des Herodes nach Ägypten floh, so zog auch Eustachius mit Frau und Kindern dorthin. Weil er aber die Schifffahrt über das Meer nicht bezahlen konnte, behielt der Kapitän seine Frau als Pfand zurück. Bei der Weiterreise verlor der Geprüfte auch noch die beiden Söhne, die von wilden Tieren verschleppt wurden. Da ging in Erfüllung, was bei der Bekehrung vorhergesagt wurde, dass Eustachius um des Himmels willen vieles erleiden muss.

 

Fünfzehn Jahre lang dauerte die Prüfungszeit, die Eustachius als Knecht bei einem Bauern am Nil in Ägypten verbrachte. Zuletzt wurde er bei einer großen Not des Vaterlandes noch einmal an die Spitze des Heeres gestellt. Gott fügte es, dass er zur gleichen Zeit auch seine Frau und die Söhne wiederfand. Dieses Glück war aber nur wie ein letzter Sonnenstrahl nach einem regnerischen Tag am späten Abend. Denn kaum hatte Eustachius die Feinde des Römischen Reiches besiegt, da wurde er mit seiner Frau und den Kindern wegen ihres christlichen Glaubens in einem eisernen Ofen verbrannt.

 

Wie hatte doch die Stimme aus dem Kreuz im Hirschgeweih gesprochen?

 

„Du wirst zwar vieles erdulden müssen“, so hat sie gesagt, „aber dafür auch ewigen Lohn gewinnen.“

 

21. September

 

Der heilige Matthäus,

Apostel und Evangelist und Martyrer in Äthiopien,

+ 1. Jhd. - Fest: 21. September

 

Da saß einmal einer an der Zollstätte. Der Mann hieß Matthäus, und die Zollstätte befand sich in oder bei Kapharnaum am See Genezareth.

 

Was ist denn eine Zollstätte? Eine Zollstätte war ein Büro, wo die Leute die Steuern bezahlten. Heute würde man Finanzamt sagen, und da mag man nun alle, die man kennt, Verwandte und Bekannte, fragen, nicht einen wird man finden, der für das Finanzamt etwas übrig hat, denn Steuern bezahlt niemand gern. So war es zur Zeit, da der Heiland auf Erden weilte, auch. Damals war es jedoch noch eher schlimmer als heute, denn die Angestellten auf unseren Finanzämtern sind pflichttreue Leute, zur Zeit Christi aber waren die Steuereinnehmer oder Zöllner, wie man sie auch nannte, vielfach unredlich und dazu regelrechte Beutelschneider, die, weil sie von den römischen Besatzungsbehörden weiter nicht beaufsichtigt wurden, den Bürgern und Bauern mehr Abgaben aufhalsten, als sie eigentlich zahlen mussten, und diesen ungerechten Aufschlag ließen dann die Zöllner in die eigene Tasche fließen. So wurden die Steuerpächter zwar schnell reich, aber ihr Ruf im Volk war der denkbar schlechteste. Man nannte sie Blutsauger, und größtenteils waren sie es auch. Es war eine ausgesprochen schlechte Gesellschaft.

 

Zu dieser Gesellschaft gehörte auch Matthäus. Er braucht deswegen nicht von vornherein als ein schlechter Mensch zu gelten, seine Berufung zum Apostelamt und seine spätere Bewährung im Martertod deuten eher auf das Gegenteil hin, aber auf alle Fälle klebt an seinem Namen der Flecken eines übelbeleumundeten Berufes.

 

Da saß also Matthäus wieder einmal eines Tages in seinem Büro bei offenem Fenster, durch das warm die Frühlingssonne schien, am Schreibtisch, prüfte die Steuerlisten und zählte das Geld in der Kasse, aber das Herz war nicht bei dem, was er trieb. Seit er drüben am Jordan den Mann, der sich von Heuschrecken und wildem Honig nährte, gesehen und seinen schwerwiegenden Worten von der Axt gelauscht hatte, die schon an der Wurzel der Bäume liege, und von der Schaufel, die bald die Tenne säubere, wobei der Weizen in die Scheune gebracht und die Spreu in einem unauslöschlichen Feuer verbrannt werde, seitdem der geldsatte Steuereinnehmer Matthäus das gehört hatte, war er zwiespältigen Sinnes geworden, und als er vor kurzem erst denjenigen gesehen, herrlich und her, dessen Kommen die Stimme des Rufenden in der Wüste angezeigt hatte, war es vollends um die innere Ruhe und bisherige Selbstsicherheit geschehen. Was sollte er tun? Auf der einen Seite das einträgliche Geschäft, das Schlösschen am See, Kleider von Samt und Seide, feine Mahlzeiten, perlender Wein, rauschende Feste bei Gesang und Tanz und auf der anderen Seite – Matthäus sah sehr klar und scharf -, auf der anderen Seite das Himmelreich. Was sollte er doch nur tun?

 

Sinnend erhob bei diesem Gedanken der Zöllner das Haupt, und da sah er draußen im Fensterrahmen ihn, den Einzigen, um den sich letztlich sein Wägen und Wählen drehte, und Jesus schaute ihn an – oh, was muss das für ein Blick gewesen sein, dieser Heilandsblick! – und dann sprach Jesus zu dem Staunenden die gnadenvollen Worte: „Du! Komm! Folge mir nach!“ Und sogleich stand Matthäus auf, ließ Geld und Geschäft und das Schlösschen am See und alles, was sein Leben bisher schön und angenehm gemacht hatte, im Stich und folgte dem Herrn nach.

 

Es gibt einen nachdenklichen lateinischen Spruch, der heißt: „Time Jesum transeuntem“, auf deutsch: „Fürchte Jesus, wenn er vorübergeht.“ Das will sagen, dass man vor dem Heiland trotz seiner unendlichen Güte Furcht haben muss, wenn man einen Gnadenblick von ihm, den er im Vorübergehen zuwirft, nicht auffängt und festhält.

 

Was wäre wohl aus Matthäus geworden, wenn er damals an der Zollstätte den Blick und das Wort des Herrn unbeachtet gelassen hätte? Die Freiheit dazu hatte er. Weil er aber die Gnade Gottes erfasste und bereitwillig annahm, deshalb wurde er einer aus der glorreichen Zwölfzahl, der, anstatt Steuern einzuziehen, Seelen rettete, der, anstatt Listen zu führen, das erste Evangelium, das seinen Namen trägt, schreiben durfte, der anstatt Geld sich unvergänglichen Ruhm erwarb, der, anstatt auf einer berüchtigten Zollbank zu enden, für immer einen der zwölf ersten Throne im Himmel einnimmt.

 

„O Herr“, so heißt es in der heutigen Festmesse, „du kröntest sein Haupt mit einer Krone von Edelstein. Leben erbat er sich von dir, und du schenktest es ihm.“

 

22. September

 

Der heilige Phokas, Gärtner und Martyrer von Synope,

+ 284-305 - Fest: 22. September

 

Eine glaubwürdige Nachricht von dem Martertod des heiligen Phokas findet sich in der Lobrede, die Osterius, der als Bischof von Amasea in Pontus am Ende des fünften und des sechsten Jahrhunderts lebte, auf diesen Martyrer gehalten hat.

 

Phokas, ein gottesfürchtiger Christ, lebte zu Sinope in Pontus. Er hatte einen Garten vor dem Tor der Stadt, den er mit großer Sorgfalt bebaute und von dem er durch seine Arbeit so viel erwarb, dass er seinen sparsamen Unterhalt davon haben und überdies noch den Armen wohltätige Unterstützung geben konnte. Sein kleines Haus stand allen offen, die in ihm Herberge nehmen wollten. Gott belohnte die Mildtätigkeit seines Dieners mit der Gnade des Martyriums. Er wurde, nachdem er sich viele Jahre hindurch, mitten unter einem abgöttischen und lasterhaften Volk, als ein zweiter Lot, gerecht erwiesen hatte, und nie eine Gelegenheit, die Werke der Liebe zu tun, versäumt hatte, sein Blut und sein Leben für Jesus Christus hinzugeben gewürdigt.

 

Während einer heftigen Verfolgung der Christen wurde er dem Statthalter als Bekenner Jesu angezeigt. Dieses vermeintliche Verbrechen wurde darum für hinlänglich erwiesen angesehen, weil es stadtbekannt war, und man glaubte deswegen, eine förmliche Untersuchung oder gerichtliche Verhandlung übergehen zu dürfen. Der Mann war in den Augen des stolzen Statthalters vielleicht zu gering, als dass es ihm der Mühe wert war, viele Untersuchungen angesichts seiner Verurteilung zu machen. Phokas war Christ und dieses war genug, ihn zum Tode zu verurteilen. Er war ein einfacher, ungeachteter Mann, und das reichte hin, das Urteil auf dem kürzesten Weg an ihm vollstrecken zu lassen. Es wurden daher Schergen losgeschickt, die ihn aufsuchen und sogleich töten sollten. Die Schergen suchten außerhalb der Stadt nach ihm, konnten ihn aber nicht auffinden. Weil sie nicht unverrichteter Dinge zurückkehren wollten, so traten sie in das nächste aus, ohne zu wissen, dass es das Haus des christlichen Mannes war. Phokas war eben mit seinen Blumen beschäftigt und sang sein Gartenlied:

 

Das Gartenlied des heiligen Phokas

 

Die Schergen näherten sich dem Gärtner in der Absicht, ihn nach dem Wohnort und der Person des Phokas zu befragen. Phokas nahm sie, wie er es bei allen Fremden zu tun gewohnt war, sehr liebevoll auf, und bewirtete sie so gut er es vermochte. Während der Mahlzeit befragte er sie nach ihren Absichten und sie erklärten ihm, nachdem sie sich das Versprechen strenger Verschwiegenheit von ihm hatten geben lassen, dass sie einen Christen, Phokas mit Namen, suchten, um ihn nach dem Befehl der Obrigkeit zu töten. Phokas war darüber so wenig betroffen, dass er sich vielmehr der nahen Marterkrone in seinem Herzen innigst freute. Er sagte zu den Schergen, dass er den, den sie suchten, sehr gut kenne und ihnen am folgenden Morgen sichere Auskunft über dessen Aufenthaltsort geben wolle. Die Schergen ließen sich, als sie dieses vernommen hatten, gerne bereden, bei ihm zu übernachten. Der Diener Gottes machte, nachdem sich seine Gäste zur Ruhe begeben hatten, sein Grab und bereitete sich auf den Tod vor. Als es Tag geworden war, sprach er zu den Schergen: „Phokas hat sich gefunden und ihr könnt ihn verhaften, wann immer ihr wollt.“ Hierüber sehr erfreut, fragten sie wo er sei? „Er ist nicht weit von hier,“ antwortete er. „Er steht vor euch. Ich selbst bin der, den ihr sucht. Tut, was euch befohlen ist!“ Erstaunt standen die Schergen da und konnten sich lange nicht entschließen, einem Mann das Leben zu nehmen, der sie so liebevoll aufgenommen und so gut bewirtet hatte. Die freudige Bereitwilligkeit, die Phokas zeigte, den Todesstreich zu empfangen, machte ihnen schließlich Mut, den Befehl zu vollziehen. Sie enthaupteten ihn, wahrscheinlich bei dem Grab, das er sich vorher gemacht hatte und in welches sie seine Leiche einsenkten. Über seinem Grab wurde in der Folge eine herrliche Kirche gebaut.

 

Auch der Handwerksmann, ja selbst der Arme kann Barmherzigkeit ausüben, wenn er Liebe im Herzen hat. Kann man die Notleidenden auch nicht mit Gaben unterstützen, so kann man ihnen doch dienen, ihnen helfen und sie trösten.

 

Schon zur Zeit des Bischofs Asterius wurde der heilige Phokas von den Schiffleuten, die den Pontus Euxinus, das ägoische und adriatische Meer befuhren, als vorzüglicher Patron verehrt. Es lässt sich mit Gewissheit nicht sagen, in welcher Christenverfolgung der heilige Phokas den Martertod gelitten hat, wahrscheinlich war es die dioklezianische.

 

Der heilige Emmeram, Bischof von Regensburg und Märtyrer,

+ 652 – Fest: 22. September

 

Schon frühzeitig waren einige Lichtstrahlen des Evangeliums nach Bayern gedrungen, denn unter den römischen Soldaten und Beamten, die das Land besetzt hielten, gab es viele Christen, von denen manche Einwohner Bayerns den christlichen Glauben annahmen. Severin, der Apostel Österreichs, verbreitete auch in Bayern das Christentum, Eustasius und Agilus durchwanderten predigend das Bayernland. Garibald, der erste bekannte Herzog von Bayern, war bereits ein Christ. Seine Tochter Theodolinde führte ihren Gemahl Agilulph, König der Langobarden, von der arianischen Irrlehre zum wahren Glauben zurück. Der heilige Rupert besonders begründete das Christentum unter dem bayerischen Volk, indes hingen noch viele dem heidnischen Aberglauben an. Zudem drangen öfters die heidnischen Avaren in das Land ein und verwüsteten, was die Christen aufgebaut hatten.

 

Zur der Zeit, als Herzog Theodo I. Bayern beherrschte, kam der heilige Emmeram nach Regensburg, der damaligen Residenz. Er war einer vornehmen Familie zu Poitiers in Frankreich entsprossen und wegen seiner Wissenschaft, Frömmigkeit und seines Glaubenseifers zum Bischof ohne Sitz erwählt. Man nannte ihn wegen seiner Wohltätigkeit den Vater der Armen, Witwen und Waisen, und verglich seine glühende Beredsamkeit mit einem erquickenden Regen auf die dürstende Au. Als er hörte, dass die wilden Ungarn noch in Abgöttereien lebten, verließ er sein Vaterland und seine teuren Angehörigen, um den fremden Völkern das Evangelium zu verkündigen. Sein Weg führte ihn durch Bayern. Zwei Priester, Vitalis und Wolflet, begleiteten ihn.

 

Sobald Herzog Theodo die Ankunft des Heiligen erfuhr, ließ er ihn zu sich einladen, empfing ihn aufs freundlichste in seiner Hofburg und beredete ihn, nicht zu den kriegerischen Hunnen zu gehen, sondern in seinem Land zu bleiben, wo sich ihm ein weites Feld der Wirksamkeit eröffnete, indem die Bewohner des Landes zwar Christen dem Namen nach waren, aber in der Tat noch vielfach der heidnischen Abgötterei ergeben waren. Emmeram ließ sich bewegen zu bleiben. Mit unermüdlichem Eifer arbeitete er im Weinberg des Herrn, belehrte die Unwissenden, stärkte die Schwachen, unterstützte die Armen, tröstete die Betrübten, besuchte die Kranken, zog segenspendend von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf und verbreitete überall das Licht der Wahrheit und die Schönheit der Tugenden. Unzählige Heiden ließen sich taufen, die Götzenaltäre fielen und auf ihren Trümmern erhoben sich Kirchen zum Dienst des dreieinigen Gottes.

 

Nach drei Jahren unausgesetzter apostolischer Arbeit sehnte sich Emmeram nach Rom, um an den Gräbern der Apostelfürsten neue Kraft zu erbitten und den Vater der Christenheit über wichtige Angelegenheiten um Rat zu fragen. Mit Erlaubnis des Herzogs reiste er ab, ohne zu ahnen, dass ihm der Martertod nahe bevorstand. Eine Tochter des Herzogs, die Prinzessin Uta, war von einem jungen Edelmann um ihre Ehre und Unschuld betrogen worden. In ihrer Angst vor dem strengen Vater und um sich und ihrem Verführer das Leben zu retten, kam sie auf den unseligen Gedanken, den Bischof Emmeram als Täter anzugeben. Sie dachte, die unerwartete Abreise Emmerams werde ihrer Lüge einen Schein von Wahrheit geben. Auch glaubte sie, er sei schon über die Grenzen des Landes und habe deshalb von der Rache ihres Vaters nichts zu fürchten. Sie hoffte auf diese Weise ihren geliebten Verführer von aller Entdeckung und Strafe frei zu halten und selbst um des hochverehrten Lehrers willen Gnade zu finden.

 

Wie sehr sich der Vater Theodo über die große Schmach seiner Tochter entsetzte, lässt sich begreifen, indes glaubte er ihrer Aussage nicht. Prinz Landpert dagegen, Utas Bruder, machte sich mit mehreren Kriegern wutschnaubend auf den Weg, um den vermeinten Verbrecher einzuholen und zu züchtigen. Emmeram war nicht so schnell gereist, als Uta gedacht hatte. Lehrend, tröstend, helfend ging er von Dorf zu Dorf. Eben befand er sich zu Helfendorf unweit von München, kehrte mit seinen beiden Begleitern Vitalis und Wolflet in einem Bauernhaus ein und betete mit ihnen vor einem Kruzifix die priesterlichen Tagzeiten, als Landpert wütend hereinstürzte, mit einem Stock dem frommen Bischof einen heftigen Schlag auf die Brust versetzte und ihn mit den abscheulichsten Schimpfworten überschüttete. Emmeram beteuerte seine Unschuld und bat, die Sache zu untersuchen. Allein der wutschäumende Prinz ließ ihn nicht weiter reden, sondern befahl seinen Kriegsknechten, ihm ein Glied nach dem anderen abzuhauen und so langsam zu Tode zu martern. Sogleich rissen ihm die Krieger die Kleider vom Leib, banden ihn auf eine Leiter und schnitten ihm mit der größten Grausamkeit und Schamlosigkeit nach und nach alle Glieder ab. Der Heilige erduldete die furchtbaren Qualen mit stiller Ergebung, blickte zum Himmel und betete: „O Herr, Jesus Christus, der du deine Arme am Kreuz ausgestreckt und mit deinem Blut uns Menschen erlöst hast, ich danke dir, dass ich nicht wegen des Verbrechens, dessen sie mich fälschlich beschuldigen, sondern aus Liebe zu dir mein Blut vergießen kann.“ Zwei Kriegsmänner erblassten und traten scheu zurück, die drei anderen aber, rohe Heiden, rissen dem Märtyrer, als nur noch der Rumpf übrig war, zuletzt noch die Augen aus.

 

Die Reisegefährten Emmerams waren entsetzt beim Anblick der grauenvollen Marter entflohen. Auf ihr Jammergeschrei eilten einige mitleidige Landleute herbei, sammelten die umhergestreuten Glieder und verbargen sie in einem hohlen Baum. Da erschienen zwei hellglänzende Ritter, nahmen die im Baum verborgenen Glieder an sich und verschwanden damit. Die herbeigeeilten Landleute luden den verstümmelten Leib auf einen Wagen, um ihn in der Kirche zu Aschheim zu begraben, weil sich in Helfendorf damals noch keine Kirche befand. Eine große Menge Volkes begleitete den Wagen unter Gebet und Tränen. Unterwegs fing Emmeram noch einmal zu seufzen an. Seine Begleiter nahmen ihn deshalb von dem unbequemen Wagen und legten ihn auf den grünen Rasen. Hier verschied er, während heller Glanz ihn umleuchtete, am 22. September 652.

 

Genau an dieser Stelle wurde der Heilige auch begraben. Später baute man über seinem Grab eine Kirche und unzählige Kranke erhielten dort auf die Fürbitte des Heiligen ihre Gesundheit, Blinde ihr Augenlicht, Lahme gerade Glieder.

 

Die Nachricht von dem grausigen Martertod Emmerams erfüllte das ganze Land mit Schauern und Entsetzen. Alle Christen trauerten über den Verlust eines solchen Mannes, selbst die Heiden waren entrüstet, dass man ihn ohne Untersuchung und Urteilsspruch so grausam gemordet habe. Die Prinzessin Uta erkannte jetzt die schrecklichen Folgen ihrer Verleumdung und offenbarte händeringendund wehklagend dem erschütterten Vater, dass der Bischof Emmeram ganz unschuldig sei. Da sie wusste, dass ihr Verführer Siegebald entflohen sei, so nannte sie seinen Namen. Der Herzog Theodo war über die Schmach seiner Tochter und die Gräueltat seines Sohnes sehr bestürzt. Utas verhängnisvolle Lüge betrübte ihn noch mehr, als ihr Fall. Er schickte sie nach Italien in ein Kloster, um dort für ihre Sünden zu büßen, und der nagende Wurm des Gewissens quälte sie peinlicher, als alle Henkersknechte es vermocht hätten. Den Prinzen Landpert erklärte er aller Güter und der Erbfolge verlustig und schickte ihn nach Ungarn, wo er im Krieg gegen die Hunnen und Avaren den Tod fand.

 

Herzog Theodo hielt es für seine heilige Pflicht, die Unschuld des schwer verleumdeten Bischofs vor dem ganzen Volk zu bezeugen. Er ließ schon nach vierzig Tagen den heiligen Leichnam heben und von Aschheim nach Regensburg bringen. Mit seinem ganzen Hofstaat ging er der Leiche entgegen und ließ sie in der St. Georgskapelle begraben, die in einem Wäldchen bei Regensburg stand, wo Emmeram viele Stunden im Gebet zugebracht hatte. Darauf ließ er zur Sühne des begangenen Frevels ein prächtiges Kloster erbauen und mit reichen Einkünften versehen. In der Folge vergrößerte sich die Stadt und schloss das Kloster in seine Mauern ein. Noch heute ruhen die Reliquien des heiligen Emmeram in einem silbernen Sarg unter dem Hochaltar dieses weltberühmten Stiftes, hochverehrt vom gläubigen Volk.

 

Der heilige Mauritius und seine Gefährten,

Soldaten und Märtyrer von Sitten, Schweiz,

+ 22.9.287 – Fest: 22. September

 

Im Jahr 287 zog der abendländische Kaiser Maximian mit einem großen Heer über die Alpen, um einen Aufstand der Gallier zu unterdrücken und die Christen zu verfolgen. In seinem Heer befand sich eine Legion (6666 Mann), die aus der Thebais in Oberägypten rekrutiert worden war. Diese Legion bestand ganz aus christlichen Soldaten, Mauritius war ihr Oberbefehlshaber, Exsuperantius der Oberaufseher des Lagers, Candidus Major. Bei Martinach an der Rhone ließ Maximian seine Kriegsheere von den Strapazen des Marsches in den unwegsamen Gebirgen ausruhen. Bevor er weiter zog, befahl er, dass das ganze Heer den Göttern opfere, um von ihnen einen glücklichen Ausgang des Feldzugs zu erflehen. Zugleich wurde bekannt gemacht, jeder Soldat habe sich eidlich zu verpflichten, dass er alle seine Kräfte aufbieten wolle, die Christen in Gallien zu vernichten. Da sich die Christen nicht am heidnischen Opfer beteiligen konnten, zog Mauritius mit seiner Legion drei Stunden weiter im Tal hinauf bis Agaunum, dem heutigen St. Mauritz. Auch im Krieg waren sie des göttlichen Wortes eingedenk: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist.“ Sobald der Kaiser von der Weigerung hörte, geriet er in den heftigsten Zorn und gab den Befehl, je den zehnten Mann jener Legion mit dem Schwert zu töten und den übrigen mitzuteilen, dass ihnen dasselbe Schicksal bevorstände, wenn sie nicht den Göttern opferten. Mauritius forderte seine Soldaten zur Treue gegenüber der heiligen Religion Jesu Christi auf und wies auf die Himmelskrone des Martertodes. Die Soldaten, die sich hätten mit Waffengewalt widersetzen oder entfliehen können, legten ihre Waffen ab und jeder zehnte Mann trat vor und beugte seinen Nacken dem Todesstreich. Der Kaiser wähnte, die übrigen durch diese Strafe eingeschüchtert zu haben, aber er hatte sich getäuscht. Einmütig erklärten sie: „Nie werden wir unsere Hände zu solchen Henkersdiensten bieten, nie unsere Brüder morden. Stets werden wir den eitlen Götzendienst verabscheuen. So lange wir leben, werden wir unserer heiligen Religion getreu bleiben und nur den einen wahren Gott anbeten. An ihn, den einen unsterblichen Gott glauben wir. Er verheißt uns das ewige Leben. Viel besser ist es zu sterben, als dem christlichen Glauben entgegen zu handeln.“ Maximian wütete wie ein blutdürstiger Tiger und ließ von neuem jeden zehnten Mann der thebaischen Legion niedermetzeln. Das furchtbare Blutbad erschütterte die Christen nicht. Mauritius, Exsuperantius und Candidus feuerten ihre Kampfgenossen an, den schönsten Sieg zu erringen, die Glaubenstreue zu bewahren und den bereits Verklärten im christlichen Heldenmut nicht nachzustehen. Dem Kaiser, der ihnen eine kurze Bedenkzeit gestattet hatte, schickten sie folgenden schriftlichen Bescheid:

 

„Kaiser, wir sind deine Soldaten, aber wir sind auch Diener Gottes. Dir sind wir verpflichtet, Kriegsdienste zu leisten, ihm aber sind wir schuldig, uns vor jedem Verbrechen rein zu bewahren. Du gibst uns Sold, er gab uns das Leben. Wir können dir also darin nicht gehorchen, dass wir unseren, ja auch deinen Schöpfer verleugnen. Solange du nicht befiehlst, uns ihm zu widersetzen, gehorchen wir dir gern, wie wir es bis auf diese Stunde getan haben, sobald du aber etwas so Trauriges und Unheilbringendes von uns forderst, so müssen wir ihm mehr gehorchen, als dir. Gegen jeden Feind unseres Vaterlandes bieten wir dir willig die Hand, allein unsere Hände mit dem Blut schuldloser Bürger zu beflecken, halten wir für ein Verbrechen. Unser Arm weiß wohl gegen Verbrecher und Feinde zu kämpfen, aber gute und friedliche Bürger zu zerfleischen, haben wir nicht gelernt. Auch erinnern wir uns wohl unseres Eides, die Waffen nicht gegen die Bürger, vielmehr für die Bürger zu führen. Für Recht und Pflicht, für das Vaterland, für das Heil rechtschaffener Bürger haben wir bisher immer gekämpft und fanden darin zugleich die Belohnung aller unserer Gefahren und Mühseligkeiten. Wir haben bisher aus Treue für dich gestritten. Wie würden wir sie aber dir, o Kaiser, halten können, wenn wir schlecht genug wären, sie gegen Gott zu brechen? Du befiehlst, wir sollen die Christen aufsuchen und zum Tod führen. Du hast nicht nötig, sie anderswo aufsuchen zu lassen. Siehe, wir sind Christen, wir bekennen einmütig Gott den Vater, den Schöpfer aller Dinge, und seinen Sohn Jesus Christus. Wir haben es mit Augen gesehen, wie unsere Mitstreiter, die treuen Genossen unserer Gefahren und Beschwerden, mit dem Schwert hingerichtet wurden, unsere Kleider wurden mit ihrem Blut bespritzt, allein wir wurden über den Tod unserer heiligen Streitgenossen nicht betrübt, wir weinten nicht bei dem Anblick ihrer Leichen, wir gelobten vielmehr Standhaftigkeit und freuten uns, dass sie würdig erfunden wurden, für Gott, ihren Herrn, zu leiden und zu sterben. Und nun, da auch wir nichts als den Tod vor Augen sehen, so erregt dieses unter uns keinen Aufruhr, die Verzweiflung selbst, die sich in solchen Umständen der Menschen bemächtigt und auch die schwächsten stark macht, vermag nichts über uns, sie vermag nicht, uns gegen dich zu empören. Sieh, wir haben die Waffen in Händen, allein wir widersetzen uns dir nicht. Wir wollen uns lieber töten lassen, als unsere Brüder, die Christen, töten. Wir halten es für besser und wünschenswerter, unschuldig zu sterben, als mit Schuld beladen zu leben. Wir bekennen freimütig, wir sind Christen und nie werden wir Christen- oder Bruderblut vergießen.“

 

Der blutdürstige Kaiser gab sofort den grausamen Befehl, die ganze Legion zu ermorden. Das ganze Kriegsheer umzingelte die frommen Christen, die Wehr und Waffe ablegten und an nichts weniger, als an Verteidigung dachten. Wie eine Schar grimmiger Wölfe über eine Herde Schafe, fielen die heidnischen Soldaten über ihre christlichen Kriegsgenossen her und richteten ein so schauerliches Blutbad an, dass das Tal ganz mit Leichen und Blut bedeckt war. Dann plünderten sie das Lager der Erschlagenen und verprassten die Beute in einem bacchantischen Festschmaus. Aber ein herrliches Freudenfest feierte die verklärte Legion im himmlischen Hochzeitssaal.

 

Ein christlicher Soldat, namens Viktor, kam auf seiner Heimreise gerade des Weges und sah mit Entsetzen das grausige Blutbad und üppige Gastmahl der Krieger. Sie luden den Vorübergehenden ein, an ihrem Saufgelage teilzunehmen. Viktor wies mit Abscheu ein solches Anerbieten zurück. Sie fragten ihn, ob er vielleicht auch ein Christ sei? Ruhig antwortete er: „Ja, ich bin ein Christ und will es immer bleiben.“ Kaum hatte er dieses Wort ausgesprochen, so hieben sie auch ihn nieder.

 

An dem Ort, wo die thebaische Legion den Martertod erlitt, wurde in der Folge ein prächtiger Tempel nebst Kloster gebaut und unter dem Namen Sankt Moritz weitberühmt. Viele der ältesten Kirchen in der Schweiz, in Deutschland, Frankreich und Italien sind seinem Andenken geweiht. Das Herrscherhaus Savoyen stiftete ihm zu Ehren einen Ritterorden und trägt sein Schwert und seinen Ring als erbliche Zeichen ihrer fürstlichen Würde.

 

23. September

 

Der heilige Linus, Papst und Martyrer von Rom,

+ 23.9.76 - Fest: 23. September

 

In der Reihenfolge der Päpste, die mit Petrus, Linus, Kletus, Klemens, Evaristus, Alexander, Sixtus beginnt und sich mit immer neuen Namen seitenlang bis in unsere Zeit fortsetzt, steht Linus an zweiter Stelle, gleich hinter dem Apostelfürsten und ersten Papst Petrus.

 

Linus, nach der Legende ein Beamtensohn, in der Umgebung von Rom geboren, durch den heiligen Petrus unterrichtet, getauft, zum Priester und später zum Bischof geweiht, übernahm als zweiter Papst in stürmischer Zeit die Leitung der Kirche. Vier Jahre vorher war unter dem berüchtigten Kaiser Nero die erste der zehn römischen Christenverfolgungen ausgebrochen. Ein römischer Schriftsteller aus dieser Zeit berichtet, dass damals eine zahllose Menge von Gläubigen zu Tod kam.

 

Vier Jahre lang wütete die Verfolgung, grausam und unmenschlich. Am 29. Juni des Jahres 67 nach Christi Geburt erreichte sie durch die Hinrichtung der Apostelfürsten Petrus und Paulus den Höhepunkt. Da wurde die Kirche an einem einzigen Tag zweimal haupt- und führerlos in einem Augenblick, wo alles auf eine sichere Leitung ankam. Wie muss doch dieser Schicksalsschlag die kleine Herde der Christen niedergeschmettert haben!

 

Linus war es, der damals die Gläubigen wieder aufrichtete. Wie die Legende erzählt, hat Linus dem heiligen Paulus am Vorabend des Martyriums in den Felsenkerker die heilige Kommunion gebracht. Am Tag darauf stand Linus dann unerkannt in der Menge, die bei der Kreuzigung des heiligen Petrus dabei war. In diesen harten Stunden wurde auch die Seele des zweiten Papstes so gefestigt, dass sie stark und fähig war, in schwerster Zeit elf Jahre, zwei Monate und dreiundzwanzig Tage lang die Kirche Gottes zu leiten und trotz der wütenden Verfolgung weiter auszubreiten. Auch er gab im Jahr 79 nach Christi Geburt im Martertod sein Leben für den Glauben hin.

 

Wie Petrus, der erste Papst, so ist also auch Linus, der zweite Papst, ein Martyrer geworden, und alle ihre nächsten Nachfolger waren mit sehr wenigen Ausnahmen ebenfalls Martyrer, drei Jahrhunderte lang.

 

Zehnmal ging damals wie eine schwere Walze, alles niederreißend und vernichtend, die Verfolgung über die junge Kirche hin. Kaiser und Statthalter, Dichter und Gelehrte, die Gerichte und das Militär und alle gewaltigen Hilfsmittel, die ein mächtiger Staat zur Verfügung hat, wurde gegen die Christen in Bewegung gesetzt. Auch Lüge und Verleumdungen wurden gegen sie aufgeboten und eigene Gesetze der Verfolgung gegen sie erlassen.

 

Wer Christ war, galt ohne weiteres als rechtlos und vogelfrei. Verhaftung, Geldstrafen, Beschlagnahmung des Vermögens, Ausweisung und Zwangsarbeit, Zuchthaus und Folter, Galgen und Rad, Feuer und Schwert, all das ist über die damalige Christenheit hereingebrochen. Aber die Kirche ist nicht untergegangen. Während der gewaltige Römerstaat wie eine Seifenblase zerplatzte und auseinander fiel, blieb das Reich Jesu Christi, die Kirche, bestehen. Die Kaiser starben aus, und die Päpste leben noch, leben immer noch, obwohl alle Jahrhunderte hindurch eine Verfolgung die andere ablöste bis auf den heutigen Tag. Die Päpste leben immer noch von Petrus über Linus und fast dreihundert andere bis auf den Papst heute und auch über diesen hinweg bis zum letzten Nachfolger des heiligen Petrus, der erst in der Stunde das Leben beschließen wird, wenn das Ende dieser Welt gekommen ist und Jesus Christus wiederkommt mit allen Engeln und Heiligen.

 

„Du bist Petrus, der Fels“, hat der Herr gesagt, „auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.“

 

24. September

 

Das Fest der allerseligsten Jungfrau

von der Erlösung der Gefangenen

 

Der heilige Gerhard (Gerardus) Sagredo von Venedig,

Bischof und Märtyrer in Ungarn,

+ 24.9.1046 – Fest: 24. September

 

Der heilige Gerhardus, der nach dem Zeugnis des römischen Martyrologiums ein Apostel der Ungarn genannt zu werden verdient, wurde zu Anfang des 11. Jahrhunderts in Venedig aus einer adeligen Familie geboren und frühzeitig zum Dienst Gottes in einem Benediktinerkloster erzogen. Als er zu reiferem Alter gelangt war, erfasste ihn der damals allgemein herrschende Drang, eine Wallfahrt nach Jerusalem zum Grab des Erlösers zu tun. Den Heimweg schlug er aus besonderer Schickung Gottes über Ungarn ein. Bei dieser Gelegenheit lernte ihn der König Stephan I. kennen und fühlte sich von ihm so erbaut und angezogen, dass er ihn beredete, im Land zu bleiben und die begonnene Besiegung des Heidentums durchführen zu helfen. Gerhard willigte ein, aber am Hof verweilte er nicht, sondern baute sich um 1030 zu Beel im Bistum Veßprim eine Klause, die er mit seinem Gefährten Maurus sieben Jahre lang bewohnte. Mittlerweile hatte der König seine Feinde besiegt und den Frieden in Ungarn so weit hergestellt, um an seinem heiligen Werk fortarbeiten zu können. Nun zog er Gerhard aus der Einsamkeit hervor und trug ihm auf, seine Mission zu beginnen. Der Diener Gottes predigte die Lehre Jesu mit solcher Kraft und solchem Segen, dass zahlreiche Bekehrungen erfolgten. Darum erhob ihn Stephan nach einiger Zeit auf den bischöflichen Stuhl von Csanad. Unermüdlich und unter den größten Beschwerden setzte er sein apostolisches Wirken fort, ging gewöhnlich zu Fuß, den Leib stets in ein raues Bußkleid gehüllt, war klein mit den Kleinen, arm mit den Armen, unterrichtete Tag und Nacht, sorgte für die Kranken und Aussätzigen, die er sogar in seinem Bett liegen ließ, gründete Kirchen und Einsiedeleien und flehte unaufhörlich zu Gott um Erbarmen für sein Volk und zu Maria um ihre mächtige Fürbitte. So lange Stephan der Heilige lebte und mit aller Kraft die Bemühungen der Bischöfe unterstützte, machte das Christentum freudige Fortschritte in Ungarn. Aber nach dem Tod dieses trefflichen Fürsten kamen umso schlimmere Zeiten für die Kirche. Als nach mehrfachem Thronwechsel von der heidnischen Partei Andreas I. zum König erwählt worden war, unter der Bedingung, dass er die Abgötterei wieder herstelle, eilte Gerhard mit drei anderen gleichgesinnten Bischöfen nach Stuhlweißenburg, um dem neuen Herrscher ins Gewissen zu reden und ihn zu bewegen, sein sündhaftes Versprechen zu widerrufen und Buße zu tun. Auf dem Weg dahin prophezeite er seinen nahen Martertod, der auch nur allzu bald eintrat. Als er bei der Chiod über die Donau setzen wollte, stürmte der Herzog Batha, einer der grimmigsten Heiden, mit seinen Leuten heran. Gerhard wurde erst mit einem Steinhagel überschüttet, dann von einer Lanze durchbohrt. Er starb unter Gebeten für seine Mörder, und mit ihm fielen die Bischöfe Begterd und Buld. Den Bischof von Benetha rettete König Andreas, der zu dem Gemetzel kam und die blutdürstige Rotte vertrieb. Die Marter des heiligen Gerhard ereignete sich am heutigen Tag des Jahres 1046. Seine Reliquien erhielten nach mehrfachen Übertragungen zuletzt auf ihr inständiges Ersuchen die Venetianer, die sie in der Kirche Unserer Lieben Frau von Murano zur Verehrung ausstellten.

 

25. September

 

Der heilige Nikolaus von der Flüe, Schweizer Einsiedler,

+ 21.3.1487 – Fest: 25. September / 21. März

 

Klaus von der Flüe wurde am 21. März 1417 als Bauernsohn zu Sachseln im Herzen der Schweiz geboren, und auf den Tag siebzig Jahre später starb er als Heiliger am 21. März 1487. Seitdem wird am 21. März in der Schweiz der heilige Klaus hoch gefeiert und fromm verehrt.

 

Als Zwanzigjähriger musste Klaus von der Flüe den elterlichen Hof übernehmen, und Jahrzehnte hindurch hat er dort sich abgemüht, wo der Ackerbau wohl am schwierigsten ist. Uneben ist der Boden und steinig der Grund. Der harte Bergwinter behauptet sich oft bis weit ins Frühjahr hinein, und der warme Föhnwind löst bei der Schneeschmelze Lawinen vom steilen Hang, welche die Äcker und Wiesen unter Geröll begraben. Hart ist die Bauernarbeit in den Bergen, und ernst sind deshalb auch die Menschen, die dort leben.

 

Ernster noch als die anderen war Klaus von der Flüe, und der Zug des Herzens trieb ihn mit den Jahren immer mehr in die Stille zu Gebet und Buße. Gern blieb er bei der Heimkehr von der Arbeit am Abend hinter den anderen zurück, um ungestört mit Gott reden zu können. Als junger Mann schon pflegte er mitten in der Nacht aufzustehen, um zu beten. Viermal in der Woche fastete er streng bei harter Arbeit, und in der eigentlichen Fastenzeit aß er nur Brot und gedörrte Früchte. Der junge Mann Klaus von der Flüe ist sicherlich nicht nach jedermanns Geschmack, aber Hochachtung müssen ihm alle entgegenbringen.

 

Zweimal zog Klaus von der Flüe zur Verteidigung der heimatlichen Scholle in den Krieg. Nach dem Wunsch der Eltern verehelichte er sich. Zehn Kinder schenkte ihm die Gattin, die alle unter der strengen Hand des ernsten Vaters zu prachtvollen Menschen gediehen. Öffentliche Ämter wurden dem ehrenhaften Mann angetragen. Zwanzig Jahre lang war Klaus von der Flüe Richter und Ratsmann. Unbestechliche Redlichkeit zeichnete seine Amtsführung aus. Unerbittlich verfocht er die Rechte der kleinen Leute auch gegen die Reichen und Großen. Bald war er der Schrecken aller Rechtsbrecher, die ihn mit Hass verfolgten, bis sich der befehdete Richter und Ratsherr, angeekelt durch die Ungerechtigkeit, die ihn von allen Seiten umgab, aus den weltlichen Händeln zurückzog und sich wieder einzig der Bauernarbeit widmete.

 

Lange jedoch blieb er nicht mehr auf dem Hof. Immer mächtiger und unwiderstehlicher zog es den fünfzigjährigen Mann zu Gebet und Buße in die Einsamkeit, und eines Tages, nachdem er daheim alles wohl geordnet hatte, nahm Klaus von der Flüe schweren Herzens Abschied von seiner Familie und wurde Einsiedler, um in stiller Bergklause zu beten und zu büßen.

 

Ein heiliges Leben folgte. In einem armseligen Rock, der vom Hals bis auf die Fußknöchel niederfällt, geht der Einsiedler Klaus barfuß und barhaupt einher. Die Zelle ist drei Schritte lang und zwei Schritte breit und so niedrig, dass der hochgewachsene Mann nicht aufrecht darin stehen kann. Kein Ofen und kein Bett sind in der Klause. Als nächtliche Ruhestatt dient ein Brett, und ein Holzklotz ersetzt das Kopfkissen. Bald vergisst der Einsiedler vor lauter Beten und Büßen das Essen. Die Geschichte berichtet, dass Klaus von der Flüe nachgewiesenermaßen fast zwanzig Jahre einzig vom Genuss der heiligen Kommunion lebte. Alle Tage erhebt er sich kurz nach der Mitternacht und betet bis zur Mittagszeit. Am Nachmittag kommen Leute zu ihm, von nah und fern, und allen dient der gotterleuchtete heilige Mann höflich und heiter mit gutem Rat und weiser Lehre zwei Jahrzehnte hindurch, bis Bruder Klaus, bereits zu Lebzeiten als Heiliger verehrt, siebzigjährig stirbt.

 

Klaus von der Flüe gehört unstreitig zu den ernsten Heiligengestalten, und es mag sein, dass die heutige Welt ihn nicht mehr versteht, aber eine Mahnung zu Gebet und Einkehr während der heiligen Fastenzeit möge er allen sein, wenn er alljährlich an seinem Festtag von Ernst und Buße zu den Herzen redet.

 

Ein Jubiläum

 

Die katholische Schweiz feiert im Jahr 2017 ein Fest, das wie kein anderes für unsere Zeit sich eignet. Am 21. März 2017 waren es nämlich 600 Jahre, dass der heilige Friedensstifter Nikolaus von der Flüe geboren wurde.

 

Die Heimat des Heiligen ist der kleine Ort Flüe im Ländchen Obwalden, das südlich des wunderschönen Vierwaldstätter Sees liegt. Schon früh trat in dem Jungen eine außergewöhnliche Neigung zu einem ganz innerlichen Leben zutage, und der kleine Nikolaus hatte keinen sehnlicheren Wunsch, als ein Einsiedler zu werden. Doch erkannte er bald, dass ihn der Wille Gottes zunächst zu etwas anderem, nämlich zum tätigen Leben und zum Wirken in der Welt, bestimmt habe. So widmete sich denn Nikolaus dem Beruf eines Landwirtes, und er trat auch, dem Wunsch seiner Eltern entsprechend, in den Ehestand, in dem ihm der Herr zehn Kinder schenkte, die er mit seiner gottesfürchtigen Gemahlin Dorothea aufs sorgfältigste und gewissenhafteste erzog. Der tüchtige junge Mann lenkte aber bald die Aufmerksamkeit seiner Mitbürger auf sich, die ihm die höchsten Ehrenstellen des Landes anvertraut hätten, wenn Nikolaus sie nicht in seiner Demut abgelehnt hätte. Wir erfahren jedoch aus der Geschichte, dass Nikolaus im Krieg seinen Landsleuten als Hauptmann voran zog und seinem Land als Richter diente.

 

So erreichte Nikolaus sein fünfzigstes Lebensjahr. Nun aber empfand und erkannte er, dass die Zeit gekommen sei, dem nie in seinem Inneren erstorbenen Drang nach der Einsamkeit und der ausschließlichen Hingabe an Gott zu folgen. Schweren aber doch starken Herzens nahm er Abschied von seiner zärtlich geliebten Familie und führte von da an in einem engen und tiefen Waldtal in einem kleinen Häuschen ein Leben möglichster Zurückgezogenheit von Menschen und des vertrautesten Umganges mit Gott. Vollständig von den Menschen sich zu trennen, war ihm freilich nicht möglich, denn die Bekümmerten und Leidtragenden des ganzen Landes fanden den Weg zu seiner Zelle, von der sie nie ohne ein Wort des Trostes und der Belehrung schieden.

 

Welch großes Ansehen der Einsiedler Nikolaus in der ganzen Schweiz genoss, bezeugt der Umstand, dass er in einem gefährlichen Streit, in dem der Schweizerbund in die Brüche zu gehen drohte, von beiden streitenden Parteien als Vermittler gerufen wurde und dass diese sich auch seiner Entscheidung fügten. Und wie hoch der demütige Einsiedler bei Gott dem Herrn in Ehren stand, bezeugt die weitere, aufs Beste beglaubigte Tatsache, dass Nikolaus nahezu zwanzig Jahre lang sich nur vom Himmelsbrot ernährte, also keiner leiblichen Nahrung bedurfte.

 

Das ganze Leben des Heiligen lässt sich wohl am kürzesten und schönsten zusammenfassen in dem Gebetchen, das er täglich verrichtete und das da lautet:

 

O Herr, nimm alles von mir,

Was mich hindert zu dir!

O Herr, gib alles mir,

Was mich fördert zu dir!

O Herr, nimm mich mir

Und gib mich ganz zu eigen dir!

 

Nikolaus schied aus diesem Leben an seinem 70. Geburtstag, am 21. März 1487. Möge die Fürbitte des Heiligen auch das sich einigende Europa Gott, dem christlichen Glauben und dem Schutz des Lebens näher bringen, und möchte er so auch für uns heute ein Friedensstifter werden!

 

26. September

 

Die heiligen Cyprian, Zauberer, Martyrer von Nikomedia,

und Justina, Jungfrau und Martyrin von Nikomedia,

+ 26.9.304 - Fest: 26. September

 

Zu Antiochien in Kleinasien hat Sankt Paulus auf der ersten Missionsfahrt eine christliche Gemeinde gegründet. Zweihundert Jahre später war die Gemeinde noch vorhanden, aber die Mitglieder waren kaum zahlreicher geworden. Unglaublich langsam hat sich, wohl wegen der zehnfachen harten Verfolgung, das Christentum in den ersten drei Jahrhunderten ausgebreitet. Die Anhänger des Gekreuzigten waren verachtet, wurden belacht, besaßen nicht den geringsten Einfluss und mussten froh sein, dass man sie zeitweilig wenigstens duldete, und in einer solchen Zeit der Duldung beginnt die heutige Legende.

 

Zu Antiochien lebte um das Jahr 300 ein heidnisches Mädchen, reich und schön, Justina mit Namen, das wie die meisten Leute in der Stadt vom Christentum zwar nichts verstand, wohl aber spöttelnd darüber zu witzeln wusste. Eines Tages fügte es sich dann, dass Justina zufällig einer Glaubensstunde beiwohnte, und was sie da hörte, gefiel ihr nicht schlecht. Bald nahm sie regelmäßig am christlichen Unterricht teil und empfing schließlich, als sie genügend unterwiesen war, die heilige Taufe und anschließend gleich auch die erste heilige Kommunion und das Sakrament der Firmung. So war sie gewappnet und gerüstet für die Kämpfe, denen sie entgegenging und von denen die heutige Lesung ein anschauliches Bild entwirft.

 

Es lebte nämlich zu jener Zeit in Antiochien ein berühmter und berüchtigter Zauberer, Cyprian mit Namen, der offensichtlich mit den bösen Geistern im Bunde stand und mit ihrer Hilfe durch Sprüche, Beschwörungen und Zaubertränke die unglaublichsten Dinge zuwege brachte und sogar Scheinwunder wirkte, um sich die Mitmenschen gefügig und untertänig zu machen.

 

Auch gegen Justina wandte der Magier, wie man die Leute nannte, Besprechungen an, denn nur zu gern hätte er gesehen, dass gerade sie, die vornehme Christin, ihm hörig werde. Sooft nun Cyprian seinen Zauber wirken ließ, fühlte sich Justina in der Tugend arg bedrängt, so dass ihr der Atem auszugehen und der Herzschlag zu stocken drohte. So heftig können in der Tat zuweilen die Versuchungen werden. Justina wehrte sich mit aller Kraft gegen das Böse, das auf sie einstürmte, indem sie immer wieder das heilige Kreuzzeichen machte, und dadurch blieb sie stark in den Bedrängnissen, denn in jedem Kreuzzeichen, das man andächtig über sich schlägt, ist eine geheimnisvolle Kraft gegen die Anfechtungen des Teufels enthalten.

 

In einer Zeit, es ist noch nicht lange her, da die Kirche manche Verfolgungen erlitt, wollte einmal einer auf dem großen Domplatz einer Stadt, der bis in die letzte Ecke von Zuhörern besetzt war, eine gehässige Rede gegen die Priester und die treuen Gläubigen halten. Als er zu sprechen anfing, begann ungesehen und unbemerkt im Dom ein Priester die Teufelsbeschwörung vorzunehmen, in der eine ganze Reihe von Kreuzzeichen vorkommen, und siehe da, der Redner kam nicht zum Zug, verhedderte sich in einem fort und babbelte etwas daher, was keiner verstand, so dass die Worte einfachhin verpufften.

 

So ähnlich erging es auch damals zu Antiochien dem Magier Cyprian. Seine teuflischen Machenschaften prallten an Justina wirkungslos ab. Erst wunderte sich der Zauberer, dann ärgerte er sich, und schließlich stellte er die bösen Geister zur Rede, die ihm winselnd erklärten, dass sie gegen das Kreuzzeichen und gegen alle, die es andächtig verrichteten, vollkommen machtlos seien.

 

Von dieser Auskunft war Cyprian nicht wenig überrascht, viel dachte er über die Sache nach, und schließlich nahm auch er christlichen Unterricht, ließ sich taufen und wurde ein ganzer Christ. Als bald darauf die Verfolgung unter Kaiser Diokletian ausbrach, waren Cyprian und Justina bei den ersten, die Mutvoll die Blutprobe des Martyriums bestanden.

 

Der heilige Warin, Abt und Bekenner von Korvey an der Weser,

+ 26.9.856 – Fest: 26. September

 

Hatte schon Karl der Große den Plan gefasst, in der bewohntesten und fruchtbarsten Gegend des Sachsenlandes, bei seiner königlichen Villa Huxori (Höxter) ein Kloster zu gründen, in dem die neubekehrten Söhne der vornehmen Sachsen erzogen werden sollten, so verzögerte sich doch die Ausführung wegen der fortwährenden Kriege. Erst seinem Sohn, Kaiser Ludwig dem Frommen, war es vergönnt, den Plan ins Werk zu setzen. Zu diesem Ende ließ er aus der berühmten Abtei Corbeille in Frankreich den dortigen Abt Adelhard nebst ausgezeichneten Mönchen herüberkommen und an dem genannten Platz ein Kloster aufbauen im Jahr 822. Wenngleich Adelhard bis zu seinem Tod der jungen aufblühenden Stiftung die liebevollste und tatkräftigste Sorge zuwandte, so behielt er doch die Abtwürde von Alt-Corvey. Zum ersten Abt in Neu-Corvey an der Weser wurde Warinus erwählt, der Sprössling einer der berühmtesten Grafengeschlechter Westfalens. Sein Vater, Graf Egbert, hatte seinen Herrschaftssitz zu Hovestadt an der Lippe, seine Mutter war die heilige Ida, eine nahe Verwandte des Kaisers und Stifterin der Kirche zu Herzfeld. Am kaiserlichen Hof erzogen, verlobte sich der höchst angesehene und reiche junge Mann Warin mit einer sehr edlen und schönen jungen Frau, verzichtete aber bald auf die Freuden des Weltlebens, verließ den Hof, um fortan nicht einem sterblichen König, sondern dem ewigen Herrn zu dienen. Die Pforte des Klosters Corbeille öffnete sich ihm und er widmete sich mit einem solchen Eifer dem Ordensleben nach der Regel des heiligen Benedikt, dass ihn der heilige Adelard schon damals zum Vorsteher des Klosters Neu-Corvey ausersah, denn obgleich er noch jung war, versprach doch sein reifes Urteil und ausgezeichnete Geistesanlage, dass er mit nicht geringerem Ruhm vollenden werde, was er mit solcher Vollkommenheit und Weltverachtung begonnen. Bald zeigte sich, dass sich Adelard nicht getäuscht hatte, denn als der heilige Abt bald am Fieber starb, wählten die Mönche in Alt-Corvey Walo, den Bruder des heiligen Adelard, die westfälischen aber Warin zum Abt, weil sie ihn für den heiligsten und verdienstvollsten unter den Ordensgenossen hielten.

 

Wie viele Vorteile diese Wahl nach sich zog, lehrten die folgenden Jahre. Denn abgesehen von seiner Gelehrsamkeit, seiner Weisheit, Unbescholtenheit und seinem Eifer in klösterlicher Zucht und Religiosität, wodurch er den heiligsten Vorstehern seiner Zeit zugezählt werden muss, stattete er durch seinen Einfluss bei Königen und Kaisern sein Kloster mit so viel Gütern aus, dass man ihn mit Recht den zweiten Gründer desselben nennen muss. Gleich beim Antritt seines Amtes erlangte er von Ludwig dem Frommen das königliche Landgut Huxori, aus dem später die Stadt Höxter entstand, samt allen Äckern, Wäldern, Weiden und Gewässern ringsumher. König Lothar schenkte ihm die ganze Insel Rügen in der Ostsee, König Ludwig noch viele Villen, Güter und Besitzungen, wodurch Corvey allmählich zu fürstlichem Besitztum und Ansehen gelangte. Mit dem steigenden Wachstum der Klostergüter nahm indes Warins Eifer nicht ab, himmlische Güter zu gewinnen.

 

Jahrelang bemühte sich Warin eifrig, für seine Kirche die Reliquien eines Heiligen zu erhalten. Vergebens bat er die Einwohner von Amiens in der Picardie, ihm Reliquien vom heiligen Märtyrer Viktorinus zu überlassen. Endlich bot ihm Hilduin, der Abt von St. Denis zu Paris, eingedenk der außerordentlichen Wohltaten des Bittstellers, den Leib des heiligen Märtyrers Vitus an, den einst Abt Fulrad von Rom nach Frankreich gebracht hatte. Warin nahm mit großem Dank das dargebotene Geschenk an, besonders da er erfahren hatte, dass seit der Zeit, wo der Leib in St. Denis ruhte, Blitz und Ungewitter niemals den Äckern und Menschen in der Umgegend geschadet hätten. Ohne Verzug eilte Warin mit einer auserwählten Schar von Mönchen und Vasallen nach Frankreich. Mit Zustimmung des Bischofs wurde in Paris das Grab des heiligen Vitus geöffnet, Warin empfing des heiligen Schatz am 19. März, und von Hilduin eine Strecke Weges begleitet, führte er unter den Gesängen der Mönche ihn zunächst zum Kloster Rebais, das Ludwig der Fromme jüngst der Leitung Warins übergeben hatte. Von da reiste der Zug über Aachen, Soest und Brakel und kam am 13. Juni 830 in Corvey an.

 

Aus ganz Sachsen waren die Menschen zusammengeströmt, da der Ruf unzähliger Wunder, die auf der ganzen Reise dem heiligen Leichnam gefolgt waren, sich schnell verbreitete. Tausende von edlen Frauen und Männern hatten sich auf den Feldern rings um das Kloster geschart, und aus keinem Mund hörte man einen Scherz oder ein anstößiges Wort, vielmehr waren sie Tag und Nacht im Gebet vertieft und sangen beständig Gott Lob und Dank.

 

Warin überlebte die Feier der Übertragung der Reliquien des heiligen Vitus 20 Jahre. Am 26. September 856 ging er zur ewigen Glorie, nachdem er 30 Jahre und 5 Monate dem Kloster Corvey höchst heilig vorgestanden hatte.

 

Mit den Gebeinen des heiligen Vitus kam das Zepter des Römischen Reiches, das mit dem Leib des heiligen Vitus in die Hände der Franken gekommen war, nach Sachsen zu den Deutschen, und von der Zeit an hörten bei den Franken die Bürgerkriege und äußeren Fehden nicht mehr auf. Deshalb sang man:

 

Freue dich, glückliches Sachsen, des teuren und heiligen Pfandes,

Welches das gütige Frankreich in Vitus Gebeinen dir schenkte.

 

 

 

Die heiligen Kosmas und Damianus,

Ärzte und Martyrer von Ägea, Cilicien,

+ 26.9.303 - Fest: 26. September

 

Die heiligen Kosmas und Damianus werden in der gesamten Christenheit hoch verehrt. Den Deutschen sind die beiden auch deshalb sehr lieb und vertraut, weil ihre heiligen Überreste in München in der herrlichen Michaelskirche ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

 

Kosmas und Damianus stammen aus Arabien und lebten im 3. Jahrhundert. Von fünf Jungen waren sie die jüngsten ihrer Eltern und Zwillinge. Wie die Kletten hingen sie aneinander, und immer waren sie ein Herz und eine Seele. Was der eine wollte, wollte der andere auch, und so kam es, dass sie auch den gleichen Beruf ergriffen. Beide wurden Ärzte. In Antiochien in Syrien studierten sie Medizin. Dass sie im Lernen fleißig waren, bezeugt die spätere erfolgreiche Praxis. Als tüchtige Ärzte hatten sie keine Werbung nötig. Die Kranken kamen aus eigenem Antrieb zu ihnen, denn schnell hatte es sich herumgesprochen, dass sie keine Kurpfuscher und Quacksalber waren, sondern Könner und Künstler in ihrem Fach. Was nämlich einer in der Jugend aus sich macht, das ist er später.

 

Kosmas und Damianus waren also tüchtige Ärzte. Dazu kam noch etwas anderes. Die beiden Brüder zeichneten sich nämlich nicht nur durch hohes berufliches Können, sondern auch dadurch aus, dass sie in ihrer heidnischen Umwelt dem christlichen Glauben die Treue hielten und ein vorbildliches Leben führten.

 

Das religiöse Leben der beiden Ärzte blieb aber nicht bloß im Beten allein stecken, sondern wirkte sich auf ihr ganzes Tun und Lassen aus. Beide waren nicht nur mit dem Mund fromm, sondern auch in der Tat. Ihre Frömmigkeit mit der Tat äußerte sich zunächst darin, dass sie sehr wohltätig waren. Weil sie von Haus aus genug hatten, um leben zu können, behandelten sie die Patienten kostenlos. Als Damian einmal von einer Frau, die er geheilt hatte, nur um sie nicht zu kränken, einen Lohn annahm, wäre es zwischen ihm und Kosmas fast zu einem Zank gekommen, dem ersten in ihrem Leben. Man muss sich tatsächlich freuen, dass der drohende Streit nicht ausbrach, denn so bleiben die beiden für alle Zeiten ein lebendiges Beispiel dafür, dass es zwischen Geschwistern nicht notwendig zu Streit kommen muss.

 

Die Tatfrömmigkeit der beiden Ärzte Kosmas und Damianus zeigte sich auch darin, dass sie, was eigentlich das beste Zeichen für einen wirklich guten Arzt ist, nicht nur für den Leib, sondern auch für die Seele der Kranken besorgt waren. Leib und Seele sind im Menschen so eng miteinander verbunden, dass mit dem Leib immer auch die Seele leidet und umgekehrt. Das wissen gute Ärzte, und deshalb ist es ihnen wichtig, vor allem die Seele mit Freundlichkeit und Fröhlichkeit zu behandeln. Um so eher wird dadurch der Leib wieder gesund.

 

So machten es Kosmas und Damianus. Mit Fröhlichkeit erfüllten sie die Herzen der Patienten durch die Frohbotschaft des Evangeliums, die sie ihnen verkündeten und vorlebten. Die beiden waren nicht nur Leibes-, sondern auch Seelenärzte, Missionare und Apostel, und groß war die Zahl derjenigen, die auf ihr Wort und Beispiel hin den Glauben annahmen. Während die heidnischen Tempel sich leerten, füllte sich das christliche Gotteshaus. Dadurch zogen sich Kosmas und Damianus den Neid und den Hass der Götzenpriester zu, von denen sie gleich beim Ausbruch der diokletianischen Verfolgung als die ersten aus der Stadt dem Scharfrichter überliefert wurden. Im Jahr 303 gesellte sich bei den beiden Brüdern zu dem Ruhm des heiligen Lebens die Glorie des Martertodes, und groß ist ihr Lohn im Himmel.

 

27. September

 

Der heilige Vincenz von Paul,

Priester und Ordensstifter von Paris,

+ 27.9.1660 - Fest: 27. September

 

Seitdem Jesus durch sein Wort und Beispiel und durch den Tod am Kreuz die Menschen die Nächstenliebe gelehrt hat, ist die lange Reihe jener Christen nicht mehr abgerissen, die im Dienst der christlichen Barmherzigkeit Großes und Herrliches vollbracht haben. Und einer der größten und herrlichsten unter ihnen ist sicherlich der heilige Vincenz von Paul. Allein die bloße Aufzählung dessen, was der Heilige für die Armen, die Waisen, die Schwerstkranken, die Sträflinge, die Geisteskranken, die alten Leute und so weiter getan hat, gäbe eine Aufstellung, die fast so lang ist wie die Allerheiligenlitanei.

 

Wie aber kann einer nur Vincenz von Paul heißen?

 

Paul ist der Familienname des Heiligen. Wie andere Leute den Namen Walter oder Werner oder Wilhelm als Familiennamen führen, so hieß Vincenz von Haus aus Paul. Und das Wörtchen „von“ bei dem Namen Paul zeigt an, dass es sich um eine adlige Familie handelte.

 

Als Vincenz geboren wurde, waren der Familie von dem Adel allerdings nur noch Name und Edelsinn übriggeblieben. Von Wohlstand konnte keine Rede sein. Die Leute besaßen einen kleinen Bauernhof mit wenig Vieh und schlechtem Ackerboden. Alle im Haus, Vater, Mutter und Kinder, mussten schwer arbeiten, um durchzukommen. Als Fünfjähriger hat Vincenz das Vieh gehütet und als Zwölfjähriger den Pflug geführt. Früh hat er das Arbeiten gelernt, und was Faulheit war, blieb ihm zeitlebens unbekannt. Deswegen hat Vincenz auch viel geschafft und geleistet.

 

Weil Vincenz studieren wollte, um Priester zu werden, verkaufte der Vater, der anders die Studienkosten für den Sohn nicht aufbringen konnte, die zwei Ochsen, die er hatte. Da musste er mit der Mutter und den anderen Kindern auch noch die Arbeit der beiden Zugtiere auf sich nehmen. Gern haben er und die Seinen sich der zusätzlichen Mühe unterzogen, denn als gute Christen wussten sie, dass die Ehre, einen Priester in der Familie zu haben, alle Opfer aufwiegt.

 

Als Vincenz später die heilige Priesterweihe empfangen hatte, versuchte er als dankbarer Sohn und Bruder die Eltern und Geschwister zu entschädigen. Alles wollte er daran setzen, dass seine Familie wieder zu Reichtum komme. Damals wusste er nämlich noch nicht, dass das Glück nicht in Geld und Gut, sondern in der Rechtschaffenheit und in dem Erfüllen von Gottes Willen besteht. Und weil diese Tugenden ohnehin in der Familie Paul blühten, so war sie ohne Reichtum glücklich genug. Reicher brauchte sie gar nicht zu werden.

 

Es wäre auch schade gewesen, wenn Vincenz sich in der Sorge für die Seinen verloren hätte, denn dann wäre er nicht der Vater aller Armen vom kleinsten Kind bis zum ältesten Menschen geworden.

 

Um den jungen Priester von seinen falschen Gedanken und Plänen abzubringen, ließ Gottes Weisheit es zu, dass er auf einer Schiffsreise von Seeräubern gefangen und als Sklave an die Mohammedaner in Nordafrika verkauft wurde. Damit begann für Vincenz eine harte Zeit. Weil der priesterliche Sklave durch Krankheit geschwächt war und deshalb nur wenig arbeiten konnte, war kein Besitzer mit ihm zufrieden und einer verkaufte ihn an den anderen. Unaufhörlich wurde er zur Arbeit in der mörderischen Hitze Afrikas angetrieben. Man schlug ihn und ließ ihn hungern. Ganz arm und elend und krank und verachtet und verstoßen und verlassen war Vincenz geworden. Aber all das musste nach Gottes Fügung so sein, denn damals lernte der spätere Apostel der christlichen Nächstenliebe am eigenen Leib kennen, wie bittere Not und Armut schmecken.

 

Als Vincenz daher nach zwei unbeschreiblich schweren Jahren mit Gottes Hilfe aus der Sklaverei entfliehen konnte, hatte er eine neue Familie gefunden. Er fand die große Familie Jesu Christi, zu der die Armen, die Behinderten, die Kranken, die Waisen und alle gehören, die an Leib oder an der Seele in Not sind.

 

Unglaublich viel ist es, was Vincenz von Paul im Dienst der christlichen Barmherzigkeit geleistet hat. Und heute noch, dreihundertfünfzig Jahre nach seinem Tod, setzt er in Tausenden von Barmherzigen Schwestern sein Wirken segensreich fort. Er war der Stifter dieser Gemeinschaft von Frauen, die ihm zu Ehren den Namen Vincentinerinnen führen. Aller Segen, der seitdem bis heute von den Krankenhäusern katholischer Ordensschwestern ausgeht, hat seine Quelle im Herzen des großen Caritasapostels Vincenz von Paul.

 

28. September

 

Der heilige Wenzel (Wenceslaus),

Herzog und Martyrer von Böhmen,

+ 28.9.936 - Fest: 28. September

 

Die Stadt Prag, die wegen ihrer Schönheit das Goldene Prag genannt wird, besaß vor der Machtübernahme der zerstörerischen und glaubensfeindlichen Kommunisten nach dem zweiten Weltkrieg über hundert Kirchen, unter denen die herrlichste der Dom zum heiligen Veit war, der von einem Hügel her stattlich die Stadt überragte. In Sankt-Veit befand sich eine Seitenkapelle, deren Wände mit Halbedelsteinen in Goldmörtel bedeckt waren, und in diesem schimmernden Glanz ruhten in einem kostbaren Schrein, weithin im Land Böhmen hochverehrt, die Überreste des heiligen Königs Wenzel.

 

All das war im Dom vom heiligen Veit zu Prag wohl eine große Herrlichkeit, allerdings eine späte Herrlichkeit, und das Fundament dieser Herrlichkeit legt das Evangelium offen, das man heute nachlesen mag und worin es heißt, dass des Menschen Feinde die eigenen Hausgenossen sind.

 

Jung noch war das Christentum in Böhmen, und eben erst hatte der heilige Methodius Eltern und Großeltern getauft, da erblickte Wenzel im Jahr 907 als erstgeborener Sohn des Landesfürsten das Licht der Welt. Früh starb der Vater, und an des Erbprinzen Statt nahm die Mutter, die nur äußerlich das Christentum angenommen hatte, eine herrschsüchtige und gewalttätige Frau, die Zügel der Regierung in die Hand. Da war es wohl ein gütiges Geschick, dass Wenzel der milden und frommen Großmutter Ludmilla übergeben wurde, die ihn trefflich erzog.

 

Darüber verstrichen die Jahre, und in dieser Zeit lastete die Hand der harten Mutter schwer auf Land und Volk, aber als die Frau es so weit trieb, dass sie die eigene Schwiegermutter Ludmilla heimtückisch ermorden ließ, musste sie der Volkswut weichen, und sechzehnjährig wurde Wenzel unter dem Jubel aller zum Landesfürsten ausgerufen.

 

An jenem Tag, da das geschah, bestieg ein Heiliger den Thron. Vor allem ging es dem jungen Herrscher darum, das Christentum in Böhmen, das eben erst Wurzel geschlagen hatte, zu festigen. Von Bayern her ließ er Priester kommen, Kirchen und Klöster schossen wie über Nacht aus dem Boden. Dazu kam das überzeugende und anregende Beispiel eines heiligmäßigen Lebens, das Wenzel dem Land gab. Der König hielt es, um nur auf eins hinzuweisen, nicht unter seiner Würde, den Armen auf den eigenen Schultern Brennholz zuzutragen, weil auch Gottes Sohn sich zum Menschen erniedrigte und sich im Allerheiligsten Altarsakrament aus Liebe zu uns so tief herablässt.

 

Überhaupt war es gerade der Heiland im Sakrament, der es dem König Wenzel angetan hatte, so dass sich sein Sinnen und Sorgen vorzugsweise um die heilige Eucharistie drehte. Gern und andächtig diente der herrliche junge Mann auf dem Thron – welch ein Vorbild für die Messdiener – den Priestern beim heiligen Opfer. Selbst säte und erntete er den Weizen und las er die Trauben, aus denen er ebenso mit eigener Hand die Opfergaben Brot und Wein für die Feier der heiligen Messe bereitete.

 

Gern weilte Wenzel bei Tag und Nacht, sooft er Zeit fand, im Gotteshaus, um für sein Volk zu beten und um für die Sünden zu sühnen, die im Land geschahen. Dabei erfüllte ihn die Liebe zu Gott bisweilen so sehr, dass die innere Glut sich dem Körper mitteilte. Einst ging er, wie die Legende berichtet, in strenger Winterkälte, nur von einem Diener begleitet, um Mitternacht zum Gotteshaus, und als der Heilige bemerkte, dass der Begleiter vor Frost zähneklappernd zitterte, wies er ihn an, in seinen Fußspuren durch den Schnee hinter ihm herzugehen, und als der Diener es tat, war alle Kälte verschwunden, und eine sommerlich warme Luft umwehte ihn.

 

Dass Wenzels Frömmigkeit keine Frömmelei war, bewies er dadurch, dass er tatkräftig gegen alles Unrecht vorging, das im Land geschah, und dass er mutig und ungescheut auch die Mächtigen strafte. Es ist verständlich, dass er sich dadurch den Hass der gewalttätigen Adelsherren zuzog, die sich schließlich gegen ihn verschworen. An der Spitze der Rebellen stand des Königs eigener Bruder, der den Heiligen bei einer Kindtaufe neben dem Taufbrunnen und nahe dem Tabernakel meuchlings mit einem Dolch niederstieß. Da erfüllte sich das Wort im heutigen Evangelium, dass des Menschen Feinde die eigenen Hausgenossen sind.

 

An seinem Todestag war Wenzel neunundzwanzig Jahre alt, und dreizehn Jahre war er König gewesen – ein heiliger König.

 

Die heilige Lioba, Jungfrau und Äbtissin von Schornsheim,

+ 28.9.772 – Fest: 28. September

 

Die apostolische Missionstätigkeit des heiligen Bonifatius brachte so segensreiche Früchte hervor, dass er allein die Arbeit nicht mehr bewältigen konnte. Deshalb berief er aus seiner Heimat England seeleneifrige Mitarbeiter, die ihn in seinen Bemühungen unterstützen sollten. Mit freudigem Eifer kamen fromme und wissenschaftlich gebildete Männer, unter denen besonders Burchard, Lullus, die Brüder Willibald und Wunibald, Witta und Gregor hervorleuchten und wirkten unermüdlich für die Ausbreitung des Christentums. Nachdem der heilige Bonifatius für die männliche Jugend Klosterschulen gegründet hatte, lag ihm daran, auch die weibliche Jugend sorgfältig erziehen zu lassen, denn sein praktischer Blick erkannte die hohe Bedeutung solcher Mädchenschulen für die dauernde Begründung christlicher Lehre und Zucht. Deshalb erbat er sich aus den berühmten englischen Klosterschulen erprobte Lehrerinnen und erhielt Chunihilt, Berathgit, Chunidrut, Tekla, Waltburgis und Leobgytha oder Lioba. Chunihilt und Berathgit wirkten als Lehrerinnen in Thüringen, Tekla als Äbtissin der Klöster Kitzingen und Ochsenfurt, Leobgytha im Kloster Bischofsheim. Das Leben der letzteren hat der berühmte fuldasche Mönch Rudolf im 9. Jahrhundert auf Geheiß seines Lehrers Rhabanus Maurus geschrieben.

 

Der Name der Heiligen ist eigentlich Truthgeba, den Beinamen Leobgytha oder Lioba – die Liebe, Gütige – erhielt sie erst später, „weil sie so lieb war“. Sie war die einzige Tochter ihres Vaters Dimo oder Tinne und ihrer Mutter Ebba im angelsächsischen Königreich Wesser. Die ebenso frommen als vornehmen Eltern übergaben ihre heranwachsende Tochter, die sie erst im hohen Alter empfangen hatten, ihrem Gelübde getreu, der Äbtissin Totta im Kloster Winburn zur Erziehung. Die junge und talentvolle Lioba beschäftigte sich in der Klosterschule mit Gebet und frommen Übungen, mit weiblicher Handarbeit und der Erlernung heilsamer Kenntnisse. Von der gelehrten Klosterfrau Eadburga lernte sie auch die lateinische Sprache und die Dichtkunst, und zeichnete sich von Tag zu Tag mehr aus durch Fortschritte in den Wissenschaften und durch Heiligkeit des Lebens.

 

Einst sah Lioba im Traum einen Faden von glänzender Purpurfarbe aus ihrem Mund hervorgehen. Als sie versuchte, ihn herauszuziehen, wurde er immer länger und schien kein Ende nehmen zu wollen, so dass sie anfing, ihn zu einem Knäuel aufzuwickeln. Als sie erwachte, schien ihr dieser Traum nicht ohne Bedeutung. Damals lebte im Kloster eine alte Nonne, die im Ruf einer besonderen göttlichen Erleuchtung stand. Lioba hätte sich gerne an sie gewendet und ihren Traum offenbart, aber ihre Bescheidenheit hielt sie zurück. Nun erzählte sie ihren Traum einer vertrauten Mitschwester. Diese trug der alten Nonne den Traum vor und zwar so, als hätte sie ihn selbst gehabt. Die erleuchtete Nonne sprach: „Die Erscheinung ist wahr und hat eine gute Bedeutung, aber was lügst du, als wäre es dir vorgekommen? Es gilt der Auserwählten Gottes, Lioba. Der Purpurfaden, der aus ihrem Mund hervorging, bedeutet die Lehre der Weisheit, die aus Liobas Mund hervorströmen wird. Dass sie ihn zu einem Knäuel wand und in der Hand hielt, bedeutet, dass sie das, was sie lehrt, auch selbst ausüben und durch ihre eigenen Handlungen bestätigen wird. Der runde und leicht bewegliche Knäuel ist ein Bild des göttlichen Wortes, das seine Kraft äußert teils nach unten im irdischen Wirken, teils nach oben im beschaulichen Leben. Durch dieses Zeichen hat Gott zu erkennen gegeben, dass Lioba einst durch ihre Lehre und ihr Beispiel Großes leisten wird.“

 

Nach erlangter Bildung und sorgfältiger Vorbereitung legte Lioba das feierliche Ordensgelübde ab und empfing aus der Hand des Bischofs den Schleier.

 

Um diese Zeit hat der heilige Bonifatius in einem dringenden Schreiben die Äbtissin Tetta im Kloster Winburn, ihm seine Verwandte Lioba und andere tüchtige und fromme Klosterfrauen für seine Mission in Deutschland zu schicken. Nach einer weiten und beschwerlichen Reise kam Lioba im Jahr 725 nach Thüringen und Bonifatius wies ihr als Wirkungskreis das Kloster Bischofsheim an der Tauber an. Die neue Äbtissin gewann durch ihre Liebenswürdigkeit, Sanftmut, Frömmigkeit und Gelehrsamkeit gar bald eine große Anzahl Jungfrauen, die der Welt entsagten, um sich dem vollkommenen Leben zu weihen und alle Kraft auf die Heranbildung der Jugend zu verwenden. Auch die benachbarten Frauenklöster erbaten sich Äbtissinnen und Lehrerinnen von Bischofsheim. Liobas segensreicher Einfluss erstreckte sich über alle von Bonifatius gestifteten Frauenklöster. Mit allem Eifer erfüllte sie die Aufgaben ihres Berufes. Gegenüber allen war sie freundlich und zuvorkommend. Niemals hat man sie zornig gesehen, oder einen Fluch oder ein Schmähwort von ihr gehört. Täglich las sie in der Heiligen Schrift, studierte die Werke der Kirchenväter und das Kirchenrecht. In ihrer Demut hielt sie sich für die geringste unter ihren Klosterschwestern. Fremden gewährte sie Obdach und Nahrung, den Armen wusch sie die Füße. Ihr Geschichtsschreiber sagt von ihr: „Sie war von engelgleichem Angesicht, sanft in ihrer Rede, von klarem Verstand und großer Umsicht, katholisch in ihrem Glauben, unerschütterlich in ihrer Hoffnung, unbegrenzt in ihrer Liebe. Sie war immer heiteren und fröhlichen Sinnes, jedoch ohne die Grenze der einer Jungfrau und Ordensvorsteherin geziemenden Wohlanständigkeit im geringsten zu überschreiten.“

 

Schon zu ihren Lebzeiten ehrte Gott seine geliebte Tochter Lioba durch Wunder, die er auf ihre Fürbitte wirkte. Bei einem furchtbaren Gewitter nahm das geängstigte Volk seine Zuflucht zu ihr. Sie stellte sich auf die Schwelle der Kirchentür, machte gegen das schreckliche Gewitter das heilige Kreuzzeichen, rief den Namen des dreieinigen Gottes und die Fürbitte der Jungfrau Maria an, und sogleich zerrissen die schwarzen Wolken, Sturm und Donner hörten auf und die Sonne schaute wieder freundlich herab. Bei einer furchtbaren Feuersbrunst, die ganz Bischofsheim einzuäschern drohte, nahmen die Einwohner ihre Fürbitte in Anspruch, und sogleich erlosch das Feuer. Als man einst ein neugeborenes Kind in der Tauber ertränkt fand und verleumderisch das Kloster der bösen Tat beschuldigte, ließ die Äbtissin drei Tage lang den Psalter von allen Nonnen mit ausgespannten Händen beten und Prozessionen um das Kloster halten. Am dritten Tag hob Lioba vor dem Altar ihre Hände gen Himmel und betete laut unter Seufzen und Weinen: „Herr Jesus Christus, König der Jungfrauen, Liebhaber der Unschuld, unüberwindlicher Gott. Zeige deine Macht und errette uns von dieser Schmach, denn die Beschimpfungen deiner Feinde sind auf uns gefallen.“ Da wurde auf einmal eine verkrüppelte Bettlerin innerlich vom Feuer ergriffen, fing an zu schreien und legte öffentlich vor allem Volk das Geständnis ab, dass sie, und nicht eine Nonne, das Verbrechen begangen habe. Alles Volk pries die Macht Gottes und die Heiligkeit der hocherfreuten Äbtissin.

 

Bevor Bonifatius seine letzte Missionsreise nach Friesland antrat, ließ er Lioba zu sich kommen und ermahnte sie zur Ausdauer in ihrem schweren Beruf. Da empfahl er sie seinem Nachfolger und Freund Lullus und traf die Anordnung, dass einst ihr Leichnam neben seinem in Fulda begraben werden sollte, auf dass die, die in gleichem Streben und mit dem gleichen Wunsch in ihrem Leben Christus gedient hätten, beide zusammen die Auferstehung der ewigen Vergeltung erwarten. Hierauf übergab er an Lioba seine Kapuze und ermahnte sie wiederholt, doch ja nicht das Land, in das sie ausgewandert sei, zu verlassen.

 

Nach dieser letzten Zusammenkunft (754) mit Bonifatius lebte Lioba noch ungefähr 25 Jahre. Die Ermahnungen ihres geistlichen Oberhirten und Freundes blieben fortan die Richtschnur ihres Lebens und Wirkens. Sie fuhr fort, dass Kloster Bischofsheim zu leiten mit Frömmigkeit, Kraft und Weisheit und segensreich auch auf andere Klöster einzuwirken. Die Sorge für den Lebensunterhalt ihrer Schwestern drückte sie oft schwer, indes ließ sie ihr Gottvertrauen nie sinken. Wegen ihrer Weisheit und Heiligkeit erwarb sich Lioba das Vertrauen und die Liebe bei hoch und niedrig. König Pipin und sein Sohn Karl der Große, besonders des letzteren Gemahlin Hildegardis hielten sie hoch in Ehren. Die Königin ließ sie bitten, nach Aachen zu kommen. Lioba kam dem Wunsch ihrer hohen Freundin nach und begab sich in das königliche Hoflager. Nach kurzem Aufenthalt nahm sie für immer Abschied von Hildegardis mit den bewegenden Worten: „Lebe wohl auf ewig, geliebte Frau und Schwester. Christus, unser Schöpfer und Erlöser möge uns gewähren, dass wir am Tag des Gerichtes uns ohne Beängstigung wiedersehen. In diesem Leben werden wir uns nicht wiedersehen.“

 

Liobas Weissagung erfüllte sich bald. Nach Schonersheim, vier Meilen von Mainz, zurückgekehrt, wo sie sich mit Genehmigung des Erzbischofs Lullus unter Fasten und Beten auf den Tod vorbereiten wollte, fiel sie in eine schwere Krankheit. Aus der Hand des ehrwürdigen Priesters Torabert empfing sie die letzte Wegzehrung und ihre reine, unbefleckte Seele ging mit seliger Freude zu ihrem himmlischen Bräutigam am 28. September 772. Ihre Leiche wurde neben dem heiligen Märtyrerbischof Bonifatius im Dom zu Fulda beigesetzt.

 

In frommen Gebeten und heiligen Liedern ruft das dankbare Volk die Heilige um ihre Fürbitte in allen Nöten und Bedrängnissen an, besonders zur Heilung kranker Kinder und in Gewitterstürmen.

 

Der heilige Thiemo, Erzbischof von Salzburg,

Märtyrer beim Kreuzzug,

+ 28.9.1101 – Fest: 28. September

 

In dem vielgeschmähten und verkannten „dunkeln“ Mittelalter sehen wir am deutschen Sternenhimmel viele hellfunkelnde Sterne, deren Glanz und Schönheit noch der spätesten Nachwelt leuchtet und gerechte Bewunderung hervorruft. Einer dieser Sterne am deutschen Heiligenhimmel war der heilige Erzbischof und Märtyrer Thiemo, auf den das Salzburger Erzstift mit Recht stolz sein kann.

 

Thiemo stammte aus dem Geschlecht der reichen und mächtigen Grafen von Medlingen in Schwaben und genoss unter der Leitung des heiligen Gotthard in der berühmten Klosterschule zu Niederaltaich eine gründliche und vorzügliche Erziehung, so dass er nicht nur durch Frömmigkeit und Gottesfurcht glänzte, sondern auch in den Wissenschaften, sogar in Malerei und Bildhauerei bedeutende Fortschritte machte. Der Welt und ihren Freuden längst abgestorben, trat er in den Orden des heiligen Benedikt und kam den Ordensregeln mit strenger Gewissenhaftigkeit nach. Sein glühender Eifer zu einem vollkommenen Leben ließ ihn den Entschluss fassen, als Einsiedler in stiller Klause, ganz zurückgezogen vom Umgang mit Menschen, seine Tage in frommen Betrachtungen und den strengsten Bußübungen zu verleben. Demütig und gehorsam folgte er indes einer göttlichen Weisung, er kehrte zu seinen Ordensbrüdern zurück und leuchtete allen im Tugendeifer voran.

 

Um diese Zeit legte der Abt Irimpert von St. Peter in Salzburg sein mühevolles Amt nieder und der dortige Erzbischof Gebhard wusste für das verwaisten Kloster keinen besseren Hirten, als den hochgebildeten, klugen und umsichtigen Mönch Thiemo von Niederaltaich. Dieser hielt sich in seiner Demut eines so hohen Amtes unwürdig und sträubte sich lange. Auch das Kloster wollte eine solche Perle nicht hingeben, aber schließlich musste der Abt von Altaich nachgeben und dem Erzbischof seinen geliebten Thiemo überlassen, der im Jahr 1079 als Abt in das Benediktinerkloster St. Peter zu Salzburg eintrat.

 

Kaiser Heinrich IV. führte damals gegen den Papst den Investiturstreit, setzte willkürlich die rechtmäßigen Bischöfe ab, übergab willfährigen Kreaturen Ring und Stab und verursachte dadurch die unseligsten Verirrungen in Kirche und Staat. Der Erzbischof Gebhard von Salzburg musste als treuer Anhänger des päpstlichen Stuhls flüchten und irrte neun Jahre, von der kaiserlichen Partei verfolgt, in Schwaben, Franken, Sachsen, zuletzt sogar in Dänemark umher, während zu Salzburg der aufgedrungene Bernhard von Moosburg auf die empörendste Weise schaltete. Thiemo flüchtete sich nach Hirschau zum Abt Wilhelm, der allen treuen Verfechtern der gerechten Sache ein gastliches Obdach bot. Da er aber befürchtete, seine geistlichen Söhne könnten durch seine Abwesenheit geschädigt werden, so kehrte er zu ihnen zurück. Um aber mit dem unrechtmäßigen Bischof nicht in Berührung zu kommen, verließ er nach einiger Zeit sein Kloster wieder, begab sich nach Steiermark und blieb in Admont bis zum Tod des rechtmäßigen Bischofs Gebhard im Jahr 1090.

 

Für den erledigten erzbischöflichen Stuhl zu Salzburg wussten die treuen Anhänger der Kirche keinen würdigeren und geeigneteren Mann als Thiemo und wählten ihn einstimmig zum Nachfolger Gebhards. Trotz allen Bitten und Widerstreben musste er einwilligen. Der heilige Bischof Altmann von Passau erteilte ihm unter Assistenz der Bischöfe Adalbero von Würzburg und Meginhard von Freising am 7. April 1090 die bischöfliche Weihe. Kaum hatte Thiemo sein mühevolles Amt angetreten, so bot der gottlose Eindringling Bernhard alle Mittel auf, um den rechtmäßigen Erzbischof mit Gewalt zu vertreiben. Thiemo flüchtete, wurde aber gefangen genommen und in Ketten gelegt.

 

In seiner Gefangenschaft auf einer Burg in Kärnten erlitt Thiemo die brutalsten Misshandlungen und wurde unaufhörlich mit einem qualvollen Tod bedroht. Alle seine teuren Verwandten wurden vor seinen Augen niedergemetzelt, um ihn einzuschüchtern und zum Verrat an seiner Kirche zu zwingen, aber unerschütterlich erklärte er das eine wie das andere Mal: „Mein und meiner Verwandten Leben gilt mir lange nicht so viel, als mein Eid, den ich dem heiligen Rupert geschworen habe und den ich nicht brechen kann.“

 

Nach fünfjährigem Kerker und unsäglichen Leiden und Entbehrungen wurde Thiemo für eine schwere Geldsumme losgekauft, konnte aber nicht auf seinen erzbischöflichen Sitz zurückkehren, musste vielmehr unstet und heimatlos umherirren, gleich seinem edlen Vorgänger.

 

Im Jahr 1099 schloss sich Thiemo dem Kreuzzug an, den die Herzoge Wilhelm von Aquitanien und Welf I. von Bayern mit einem Heer von 160 000 Mann in das Heilige Land unternahmen. Dort geriet er mit vielen anderen Christen in die Gewalt der Sarazenen und musste als Sklave die schwersten Dienste leisten, bis seine hohe Würde entdeckt und ihm die Wahl gestellt wurde, entweder Christus zu verleugnen oder einen furchtbaren Martertod zu sterben. Da der heilige Diener Gottes unerschütterlich seinen Glauben bekannte und die Zumutung einer Glaubensverleugnung entschieden abwies, wurde er zuerst blutig gegeißelt, dann wurden ihm die Arme Glied für Glied abgehauen und endlich noch der Leib aufgeschlitzt. Mit den Worten: „In deine Hände, o Herr, empfehle ich meinen Geist.“ Hauchte er seine schöne Seele aus am 28. September des Jahres 1101, fern von seiner Heimat und seiner geliebten Erzdiözese, aber nahe dem Himmel, für den er sein Blut und Leben freudig geopfert hatte.

 

29. September

 

Der heilige Erzengel Michael (Wer ist wie Gott)

 

Der heilige Erzengel Michael ist der glorreiche Streiter gegen die Mächte der Finsternis.

 

Von den Engeln machen wir uns im Allgemeinen eine verkehrte Vorstellung. Schuld daran sind vielfach Bilder, auf denen die Engel im langen weißen Kleid, mit weiten Flügeln, frisch frisiert, zart und zierlich dargestellt sind, zuckersüß und puppenhaft. In Wirklichkeit sind die Engel alles andere als das. Man denke nur einmal an die Namen der vier mittleren von den neun Engelheeren. Nach dem Bericht der Heiligen Schrift erschlug ein einziger Engel in einer einzigen Nacht die gesamte Erstgeburt der Ägypter. Ein anderer Engel streckte in einer Nacht einhundertfünfundachtzigtausend Assyrier nieder. Weiter heißt es in der biblischen Geschichte von dem Engel auf Bethlehems Fluren, dass ihn die Herrlichkeit des Herrn umleuchtete, und von dem Osterengel wird berichtet, dass sein Antlitz wie der Blitz war. Loderndes Feuer nennt sie die Heilige Schrift. In den Engeln wohnen unerhörte Herrlichkeiten und unvorstellbare Kräfte.

 

Es war im Anfang der Schöpfung, noch gab es keinen Menschen und keine Erde. Da erschuf Gott in wunderbarer Pracht die neun Chöre der Engel, zahlreicher und glänzender als die Sterne am Himmel, vollkommen und schön. Kaum war es jedoch geschehen, da erhob sich Luzifer, einer der herrlichsten Fürsten im himmlischen Heer, und stieß die schlimmen Worte aus: „Zum Himmel will ich aufsteigen, über die Sterne des Himmels will ich meinen Thron erheben, dem Höchsten will ich gleich sein.“ So sprach Luzifer, und viele Engel stimmten ihm zu.

 

Es war eine offene Empörung, ein Aufstand gegen den Schöpfer, ein unbegreiflicher Übermut. Zunächst trat eine Stille ein, wie vor einem Gewitter, drückend und atemberaubend, aber dann erscholl eine Stimme, die Stimme eines einzigen Engels. Die Stimme klang, als brausten tausend Orgeln zugleich auf, als stürzten tausend Berge krachend zusammen. Nur drei kurze Worte sprach der Engel: „Mi cha El“ – „Wer ist wie Gott?“ Diese drei Worte waren wie ein Signal. Ein Kampf begann, wie es auf der Erde nie einen gab und nie geben wird. Ungeheure, unvorstellbare Kräfte prallten aufeinander. „Michael und seine Engel stritten gegen den Drachen, und der Drache samt seinen Engeln erhob sich im Gegenstreit, aber sie gewannen nicht die Oberhand, und ihre Stätte war ab jetzt nicht mehr im Himmel. Und es wurde hinab geworfen der große Drache, die alte Schlange, welche Satan genannt wird.“

 

Der Engel aber, dessen Stimme den Kampf eröffnete und bis zum Sieg führte, wird seitdem nach seinem Schlachtruf Michael genannt, Sankt Michael, der unüberwindlich starke Held im Heer Gottes bis zum Ende der Welt.

 

Man muss nämlich wissen, dass der Kampf, der sich zu Beginn der Schöpfung abspielte, noch nicht beendet ist. Unsichtbar setzt er sich fort, und um jeden Menschen tobt der ununterbrochene Krieg zwischen Michael und Luzifer, zwischen den guten und den bösen Engeln, zwischen Gott und Satan. Erst dann wird der Kampf zu Ende sein, wenn sich nach einem letzten gewaltigen Streit am Jüngsten Tag die Pforten der Hölle für immer schließen und nie mehr öffnen werden. Dann erst wird Friede sein.

 

Auf welcher Seite mag da wohl unser Platz sein? Bei Michael oder bei Luzifer? Wir wollen auf der Seite Michaels stehen! Deshalb ist es gut und wichtig, dass wir oft ein Gebet zum heiligen Erzengel Michael sprechen.

 

„Großer Fürst der himmlischen Heere, heiliger Erzengel Michael, verteidige uns im Kampf gegen alles Böse. Komm den Menschen zu Hilfe, die Gott nach seinem Bild erschaffen hat und die Christus so teuer erkauft hat. Dich verehrt die Kirche als Wächter und Beschützer. Dir übergab der Herr die Seelen der Erlösten, dass du sie geleitest zur himmlischen Freude. Bitte den Gott des Friedens, er möge den Bösen vernichten, damit er nicht weiter die Menschen bedroht und der Kirche schadet. Bring unsere Gebete vor den himmlischen Vater, damit wir Barmherzigkeit erlangen. Amen.“

 

Der heilige Erzengel Gabriel, Bote Gottes

 

Dreimal am Tag läutet die Aveglocke, um die Gläubigen zu erinnern, jenes Gebet zu verrichten, das wir nach seinen Anfangsworten den „Engel des Herrn“ nennen. Es ist aber dieser Engel des Herrn der heilige Erzengel Gabriel, welcher der allerseligsten Jungfrau neun Monate vor dem Weihnachtsfest die frohe Botschaft brachte, dass sie die Mutter des Christkinds werden solle. Gabriel ist überhaupt jener Engel, der immer dann von Gott ausgesandt wurde, wenn es sich um Botschaften handelte, die den Erlöser betrafen.

 

Zum ersten Mal geschah es bereits lange vor der Geburt des Heilandes. Es erschien Gabriel nämlich dem Propheten Daniel im Gebet und kündete ihm an, dass nach siebzigmal sieben Jahren der Messias kommen werde, damit „der Frevel getilgt, der Sünde ein Ende gemacht, die Bosheit gesühnt, das Gesicht und die Prophezeiung erfüllt und der Heilige der Heiligen gesalbt werde“.

 

Zum zweiten Mal wurde der Erzengel Gabriel ausgesandt, um im Tempel zu Jerusalem dem Priester Zacharias die Geburt des Vorläufers Jesu, des heiligen Johannes des Täufers, anzumelden. Er tat es mit den Worten: „Fürchte dich nicht, Zacharias! Dein Gebet ist erhört. Elisabeth, deine Frau, wird dir einen Sohn schenken, und du sollst ihn Johannes nennen.“ Als Zacharias bei diesen Worten zweifelte, hat der Engel ihn gemahnt und gesagt: „Ich bin Gabriel, der vor Gott steht, und bin gesandt, mit dir zu reden und dir diese frohe Botschaft zu bringen. Siehe, du sollst stumm sein und nicht reden können bis zu dem Tag, da dieses eintritt.“ So sprach der Engel zu Zacharias, und Zacharias blieb stumm bis zu dem Tag, an dem Johannes geboren wurde.

 

Sechs Monate nach diesem Vorfall schlug dann die große Gnadenstunde, als nämlich der Erzengel Gabriel von Gott ausgesandt wurde in eine Stadt in Galiläa zu einer Jungfrau, die verlobt war mit einem Mann namens Josef aus dem Hause Davids, und der Name der Jungfrau war Maria. Ihr, der Hochgebenedeiten, überbrachte der Engel jene frohe Botschaft, nach der sich die Menschen seit vielen tausenden von Jahren sehnten und über die sich Himmel und Erde seitdem und bis in alle Ewigkeit freuen werden, jene Botschaft, dass Maria als jungfräuliche Mutter dem Christkind das Leben schenken soll. Nie hat es eine frohere Botschaft gegeben.

 

Weitere Nachrichten über den Erzengel Gabriel enthält die Heilige Schrift nicht, aber die Legende weiß noch etwas mehr von ihm, denn nach der Legende war es wieder Gabriel, der in der Heiligen Nacht, von der Herrlichkeit des Herrn umleuchtet, den Hirten auf freiem Feld die frohe Botschaft von der Geburt des Christkinds überbrachte, und als er es getan hatte, erschien bei ihm eine große Schar des himmlischen Heeres, alle in strahlendes Licht getaucht, und dann begann Gabriel mit herrlichem Klang in der Stimme das Gloria, und alle Engel stimmten jubelnd ein: „Ehre, Ehre, Ehre sei Gott in der Höhe!“, und wenn die einen weiter sangen: „und Friede den Menschen auf Erden!“, begannen die anderen wieder mit: „Ehre, Ehre, Ehre sei Gott in der Höhe!“ und so fort, bis nach einer langen Weile die Engel wieder in den Himmel zurückkehrten und der Gesang ferner und leiser klang und schließlich verstummte.

 

Gabriel war es nach der Legende auch, der den heiligen Josef in der Nacht weckte und ihm ausrichtete, dass er mit dem Kind und seiner Mutter nach Ägypten fliehen solle, und wieder war er es, der die Heilige Familie aus der Fremde in die Heimat nach Nazaret zurück rief. Später hat Gabriel den lieben Heiland im Garten Getsemani gestärkt, als sein Schweiß wie Blutstropfen zur Erde rann, und schließlich hat Gabriel am Ostermorgen den Stein vom Grab Jesu weggewälzt. Da war sein Aussehen wie ein Blitz, und seine Kleider waren weiß wie Schnee, und als die frommen Frauen kamen, um den Leichnam des Herrn zu salben, hat Gabriel zum letzten Mal eine Botschaft verkündet, die wirklich frohe Botschaft, dass Jesus Christus wahrhaft auferstanden ist.

 

Der heilige Erzengel Gabriel ist also tatsächlich der Engel des Herrn, der stets dann von Gott ausgesandt wurde, wenn es sich um Botschaften handelte, die den Erlöser betrafen. Daran denke man, sooft man den „Engel des Herrn“ betet.

 

Der heilige Raphael, Erzengel (Arznei Gottes)

 

Einst hatte ein fremder König das Reich Israel erobert und alle Juden, Männer, Frauen und Kinder, als Sklaven in sein Land verschleppt. Unter den Gefangenen befand sich ein Mann mit Namen Tobias, seine Frau hieß Anna, und der einzige Sohn wurde nach dem Vater ebenfalls Tobias genannt. Alle drei waren gute Leute, gläubige Israeliten, die sich auch um arme Menschen kümmerten. Fast das ganze Vermögen schenkten sie her, so dass sie selbst arm wurden. Und trotzdem ließ es Gott als Prüfung zu, dass der Vater ausgerechnet bei einem Dienst an armen Leuten blind wurde.

 

In dieser großen Not erinnerte sich der alte Tobias, dass er einmal einem Bekannten, der in der fernen Stadt Rages wohnte, Geld geliehen hatte. Da beschloss er den Sohn hinzuschicken, damit er das Geld zurückhole. Der junge Tobias aber wusste nicht den Weg nach Rages, und gerade als er sich bei den Nachbarn erkundigen wollte, kam am Haus ein gleichaltriger junger Mann vorbei. Die beiden grüßten sich und kamen ins Gespräch. Da stellte es sich heraus, dass der Fremde ebenfalls nach Rages reisen wollte. Außerdem sagte er, dass er den Schuldner kenne und sein Haus sogar mitten in der Nacht mit geschlossenen Augen finden könne.

 

Da freuten sich alle, und nachdem der alte Tobias dem jungen Tobias Ratschläge erteilt hatte, machten sich die jungen Männer, von den Segenswünschen des Alten begleitet, auf die Reise. Kaum aber waren sie eine Viertelstunde gegangen, da sauste etwas wie der Wind hinter ihnen her, und sie sahen, dass es der Haushund war, der sich im letzten Augenblick losgerissen hatte und hinter ihnen her stürmte. Es war ein Spitz, ein weißer Spitz mit schöner spitzer Schnauze, mit lustigen spitzen Ohren, mit klugen Augen und mit einem prachtvoll gerollten Schwanz, der wie eine Fahne hoch im Wind stand. Es war also ein reinrassiger Spitz. Unbeschreiblich war die Freude des Hundes, dass es ihm geglückt war, auszureißen und mitzureisen, denn nichts tun Hunde lieber als laufen und rennen. Und so lief und rannte damals der Spitz, dass er mit seinem Hin und Her den weiten Weg wenigstens dreimal gemacht hat.

 

Die jungen Männer unterhielten sich gut, und weil ein sich unterhaltender Wanderfreund wie ein Wagen mit schnellen Pferden ist, kamen sie gut voran. Am Abend des ersten Tages lagerten sie unter freiem Himmel am Tigris, und als Tobias ein Fußbad nahm, geschah es, dass plötzlich vor ihm ein großer Fisch aus dem Wasser tauchte und nach ihm schnappte. Hui, da schrak er zusammen. Laut rief er den Gefährten zu Hilfe. Der aber sagte: „Greif zu und zieh den Fisch ans Land!“ Ermutigt tat Tobias, wie er ihm gesagt hat. Nachdem sie den Fisch getötet hatten, nahm ihn der Reisebegleiter kunstgerecht auseinander und briet ihn ebenso kunstgerecht auf dem Lagerfeuer. Beide aßen davon, und auch Spitz bekam seinen Teil ab. Nur die Leber und die Galle des Tieres bewahrten sie auf, denn der Begleiter erklärte, sie seien ein gutes Heilmittel für kranke Augen. Tobias solle damit nach der Rückkehr die Augen des blinden Vaters bestreichen, dann werde er wieder sehen.

 

Nach dem Essen legten sich beide nieder und schliefen gut, während Spitz Wache hielt. Am anderen Morgen zogen sie frischgestärkt und froh weiter. Am Abend des zweiten Reisetages fanden sie bei einem Bauern gastliche Aufnahme und wurden beim Essen von der Tochter des Hauses namens Sara sehr gut bedient. Auf einmal gab der Begleiter seinem Schützling einen Schupps und flüsterte ihm zu: „Du, schau dir die Sara einmal gut an, ich glaube, sie ist die Richtige für dich.“ Tobias schaute also Sara an, und Sara schaute Tobias an, und sie erkannten auf den ersten Blick, dass sie füreinander bestimmt waren, und kamen schnell überein, bald zu heiraten. Während die Vorbereitungen für die Hochzeit getroffen wurden, holte der Begleiter, um Tobias in seinem jungen Glück nicht zu stören, die Schuldsumme in Rages ab. Dann wurde die Hochzeit gefeiert, und alle begaben sich auf den Rückweg. Spitz war natürlich stets weit voraus.

 

Daheim sorgten sich die alten Eltern über das lange Ausbleiben des Sohnes. Täglich ging die Mutter auf einen nahen Berg, um Ausschau zu halten. Endlich erblickte sie ihn in der Ferne und lief heim, um dem blinden Vater Bescheid zu geben. Als sie es tat, war der Spitz schon da, bellte laut vor Freude, sprang immer wieder hoch, leckte nach den Händen, und sein Schwanz flatterte wie eine Fahne im Sturm. In diesem Augenblick traten die Heimgekehrten ein, und alle freuten sich. Der junge Tobias bestrich die Augen des Blinden mit der Leber und der Galle des Fisches, und nach einer halben Stunde konnte der Vater wieder sehen.

 

Als man dann den Begleiter mit reicher Gabe beschenken wollte, lehnte er dankend ab und sagte, er sei der Engel Raphael, extra von Gott gesandt, den jungen Tobias auf der Reise zu beschützen. Nun habe er den Auftrag ausgeführt und wolle wieder heim in den Himmel. Bei diesen Worten entschwand er den Blicken, und vier gute Menschen blieben im hellen Glück zurück. Nur Spitz ließ die Ohren hängen und zog den Schwanz ein, denn zutiefst hatte er den lieben Reisegefährten in sein Hundeherz eingeschlossen. Erst drei Tage später fraß er wieder.

 

Seit jener Zeit ist der heilige Erzengel Raphael der Patron der Reisenden.

 

Der heilige Alarich (auch: Adalrich, Adelrich, Alaricus, Adalricus),

Einsiedler von der Insel Ufenau bei Zürich,

+ 29.9.973 – Fest: 29. September

 

Von jeher haben viele fromme Seelen das beschauliche Leben in stiller Einsamkeit den Annehmlichkeiten und dem Gepränge der Welt vorgezogen, um, ganz in Gott versenkt, das einzig Notwendige nicht aus den Augen zu verlieren und nach möglichster Vollkommenheit zu streben. Zu diesen gottinnigen Seelen müssen wir auch den heiligen Alarich rechnen, der seinem Namen „reich an Adel“ alle Ehre gemacht hat.

 

Alarichs Vater war der regierende Herzog Burkhard von Schwaben, Graf von Buchhorn, Rheintal und dem oberen Thurgau, seine Mutter Regulinde stammte aus dem angesehenen Geschlecht der Grafen von Nellenburg. Die fromme Mutter flößte ihren drei Kindern Burkhard, Bertha und Alarich eine gründliche Gottes- und Nächstenliebe ein. Ihre Bemühungen wurden mit dem schönsten Erfolg gekrönt, besonders bei ihrem Liebling Alarich, dessen tiefes Gemüt sich frühzeitig den göttlichen Dingen zuwandte und an religiösen Übungen größere Freude fand, als an dem geräuschvollen Treiben der Welt. Frühzeitig keimte in ihm der heilige Entschluss, auf die Freuden und den Glanz seiner hohen Stellung zu verzichten und in stiller Einsamkeit seine Tage gänzlich Gott zu weihen.

 

Sobald Alarich nach vielen Bitten die Einwilligung seiner lieben Eltern erlangt hatte, begab er sich auf die unwirtliche Insel Ufenau im Zürichsee und baute sich dort eine armselige Einsiedlerhütte. Von aller Welt geschieden, widmete er sich Tag und Nacht dem Gebet und frommen Betrachtungen. Seine kärgliche Nahrung erhielt er wahrscheinlich von dem nahegelegenen Pfäffikon. Wenn aber der See stürmte und jede Annäherung an die Insel unmöglich machte, soll ihm sein Schutzengel das nötige Brot gebracht haben.

 

Nur ein einziges Mal verließ Adalrich seine liebe Zelle, um im Auftrag Gottes ein Werk der christlichen Nächstenliebe zu üben. Er wurde nämlich von Gott zu der heiligen Klausnerin Wiborata geschickt, die in der Nähe von St. Gallen ein höchst strenges und abgetötetes Leben führte, um sie vor übermäßiger Strenge zu warnen. Eilends suchte er die fromme Klausnerin auf und belehrte sie im Auftrag Gottes: „Jeder Baum kann nur so lange sein frisches Grün erhalten, nur so lange Knospen treiben und Früchte tragen, als seine Wurzeln sich von der Erde ernähren. Werden aber die Wurzeln von der nährenden Erde losgerissen und entblößt, dann stirbt der Baum ab. Wisse also, dass Gott dich ermahnt, das Fasten zu mäßigen, damit dein Leib wieder erfrischt und kräftig werde, seinen Dienst wahrzunehmen.“

 

Als Alarichs Oheim, der heilige Abt Eberhard, über der Zelle des heiligen Meinrad eine Kirche und daneben ein prächtiges Kloster errichtete und Ordensgenossen nach der Regel des heiligen Benedikt um sich sammelte, bat auch Alarich um das Ordenskleid und um Aufnahme in das Kloster Einsiedeln. Gern wurde er aufgenommen und gewann durch seinen Eifer in Befolgung der Ordensregeln, durch seine tüchtigen Kenntnisse und die Liebenswürdigkeit seines Charakters eine solche Hochachtung, dass ihn der Abt mit der Verwaltung des Kirchenschatzes betraute.

 

Alarichs Mutter hatte sich nach dem Tod ihres Gemahls Burkhard mit dem fränkischen Herzog Hermann vermählt, der auch das Herzogtum Schwaben vom Kaiser Otto I. zum Lehen erhielt. Nach dem Tod ihres zweiten Gemahls entschloss sich die verwitwete Regulinde, gänzlich der Welt zu entsagen und sich in die kleine Klause auf der Insel Ufenau zurückzuziehen, die ihr Sohn zwanzig Jahre bewohnt und mit dem Glanz seiner Heiligkeit erfüllt hatte. Sie baute dort eine Kapelle zu Ehren des heiligen Bischofs Martinus, und als sie erkannte, dass dies kleine Gotteshaus für die vielen zerstreuten Christen der Umgegend nicht mehr genügte, begann sie den Bau einer größeren Kirche. Aber bevor sie ihr schönes Werk vollendet sah, starb sie selig im Herrn am 20. August 956, betrauert von allen, die ihr edles Herz kannten, besonders von den Armen, denen sie so viele Wohltaten erwiesen hatte.

 

Um das begonnene Werk seiner Mutter auszuführen, kehrte Alarich auf seine liebe Insel Ufenau zurück, und übernahm, als die neue Pfarrkirche zu Ehren der Apostelfürsten Petrus und Paulus von dem heiligen Bischof Konrad von Konstanz eingeweiht worden war, die Seelsorge für die Umwohner des mittleren Sees. Dort waltete er noch vierzehn Jahre seines Amtes zur Ehre Gottes und zum Heil der ihm anvertrauten Herde, und zog sie durch die Kraft seiner Rede, durch die Heiligkeit seines Lebens und die Gabe der Wunder mächtig zu Gott.

 

Als ihm Gott sein nahes Ende offenbarte, ließ er den Abt Gregor von Einsiedeln zu sich kommen, empfing aus dessen Hand die heilige Wegzehrung und entschlief sanft am 29. September 973. Nach reiflicher Prüfung der vielen Wunder, die auf die Fürbitte Alarichs geschahen, wurde er im Jahr 1141 unter die Zahl der Heiligen versetzt.

 

30. September

 

Der heilige Hieronymus,

Priester, Einsiedler und Kirchenlehrer von Betlehem,

+ 30.9.420 - Fest: 30. September

 

In fast lebenslänglichem Bemühen hat der gelehrte heilige Hieronymus die gesamte Heilige Schrift in die lateinische Sprache übersetzt und ist dadurch, wie das heutige Evangelium sagt, das Salz der Erde und das Licht der Welt geworden. Wer aber meint, der Heilige sei ein versponnener Stubenhocker gewesen, der ist auf dem Holzweg, denn wenn einer, dann war Hieronymus ein Abenteurer.

 

Falls es im vierten Jahrhundert bereits Reisepässe gegeben hätte, in denen heutzutage jeder Grenzübertritt abgestempelt wird, so wäre der Pass des heiligen Hieronymus sicher eine Sehenswürdigkeit gewesen. Bei der Personalbeschreibung wäre da zunächst vermerkt gewesen, dass Hieronymus aus Stridon auf dem Balkan, hart an Ungarns Grenzen, stammte. Von den Eltern hätte es im Ausweis geheißen, dass sie Christen waren, während seine eigene Konfession mit heidnisch hätte bezeichnet werden müssen.

 

Dann wären seitenlang die Stempel gekommen, der erste mit der Unterschrift Rom, wo Hieronymus als Student der weltlichen Wissenschaften jahrelang lebte und strebte und zuletzt auch die Taufe empfing. Der zweite Stempel hätte auf Trier gelautet. Der dritte Stempel wäre zu Antiochien in Syrien ausgestellt gewesen mit der bedeutsamen Eintragung, dass der Passinhaber die Priesterweihe erhielt. Der vierte Stempel hätte aus der Wüste hergerührt, wo Hieronymus als Einsiedler lebte. Ein fünfter Stempel wäre in Konstantinopel, ein sechster wieder in Rom, ein siebter in Ägypten und ein achter und letzter endlich in Bethlehem, wo der Heilige 420 starb, in den Pass hineingekommen.

 

Ein Unrast war Hieronymus, ein Mann, dem die weite Welt zu klein war, ein ewiger Wanderer auf allen Straßen, Flüssen und Meeren, und dabei durchaus kein Heiliger von der landläufigen Art, so dass man ihn mit einem anderen über einen Leisten schlagen könnte.

 

Heidnisch begann das Leben desjenigen, der heute zu den Vier Großen Kirchenvätern des Abendlandes zählt. Des jungen Mannes Studentenzeit in Rom ist nicht ohne Schatten. Wohl war Hieronymus der Liebling der Lehrer, denn einen begabteren und fleißigeren Schüler als ihn hatten sie noch nie auf der Schulbank vor sich gesehen, aber das lockere Studentenwesen im leichtlebigen Rom der damaligen Zeit ließ auch in seinem Leben Spuren zurück.

 

So ist der Tagesheilige ein dankbarer Beweis für die Tatsache, dass eine unrühmliche Jugendzeit durch Gottes Gnade und des Menschen Streben ausgelöscht und abgelöst werden kann von einem späteren Leben in Heiligkeit. Selbst aus dem letzten Sünder kann immer noch einer der Großen im Himmelreich werden.

 

Gleich nach Empfang der Taufe hat Hieronymus allerdings mit dem bisherigen lockeren Leben Schluss gemacht und hat in harter Kasteiung, in Fasten, Beten und Nachtwachen gegen den Satan und seine Lockrufe zur Rückkehr in die Sünde Stellung bezogen und standgehalten. Deswegen war er aber noch lange kein Heiliger. Solange nämlich der Mensch lebt, muss er um des Guten willen kämpfen, auch der heilige Mensch.

 

Mit dem Stolz und der Eitelkeit bekam es Hieronymus zu tun. Sicher war er hochbegabt, vielseitig gebildet und geistreich, ein Sprachenkenner und ein Wunder an Gelehrtheit; doch all diese Vorzüge stiegen ihm in den Kopf und machten ihn trunken und ließen ihn in seinen Schriften und Reden alles Maß vergessen, so dass er in unchristlicher Weise polternd und schimpfend über Andersdenkende und Widersacher herfuhr. Bis an sein Lebensende im Alter von neunzig Jahren hatte Hieronymus mit diesen menschlichen Unzulänglichkeiten zu kämpfen, und so ist er ein zweiter dankbarer Beweis für die andere Tatsache, dass man die Heiligkeit eines Menschen nicht allein in den Erfolgen in der Tugend, sondern zumeist im guten Willen und ehrlichen Streben suchen muss.

 

Gott verlangt nicht, dass man ein Tugendreich sei. Bloß das verlangt er, dass man das Gute will und ständig danach strebt, und sollte einer auch lügen wie gedruckt und naschen wie eine Maus und schimpfen wie ein Rohrspatz und stehlen wie eine Elster und streitsüchtig sein wie ein verbissener Köter und störrisch wie ein Esel und stolz wie ein Pfau und kratzig wie eine Katze und faul wie ein Siebenschläfer, das alles und tausend andere unschöne Dinge mehr können ihn nicht hindern, heilig zu werden, wofern er sich nur mit gutem und ehrlichem Willen bestrebt, seine Fehler abzulegen.

 

Der heilige Franz von Borgia, Vizekönig, General SJ,

+ 30.9.1572 - Fest: 30. September

 

Äußerst ungnädig war die Gnädige Frau Herzogin Johanna von Gandia in Spanien, als sie eines Tages ihren achtjährigen Franz zum soundsovielten Mal dabei ertappte, wie er, anstatt zu reiten und zu fechten, um sich auf seine spätere hohe Stellung in der Welt vorzubereiten, wieder mit Heiligenbildchen spielte und ein Altärchen baute.

 

„Junge!“ herrschte die Mutter unbeherrscht den Verdutzten an, „nun lass doch einmal das fromme Getue! Raus mit dir! Aufs Pferd!“

 

Das waren unschöne Worte, die besser ungesprochen geblieben wären, denn das kindliche Spiel der Jungen mit Altärchen und das der Mädchen mit dem Nonnenschleier ist der anmutsvolle Widerschein einer edlen, heiligen Kinderseele, und die Eltern sollten sich über einen solchen Zeitvertreib der Kinder eher freuen als ärgern. Kinder, die das tun, sind bestimmt noch unverdorbene Kinder.

 

Die Herzogin von Gandia konnte übrigens mit ihrem Franz später zufrieden sein, denn aus dem Jungen wurde ein weltgewandter Höfling und ein hervorragender Staatsmann, der sich in den feinen Sitten, in allen ritterlichen Künsten und in den verwickeltsten Regierungsgeschäften mit jedem anderen messen konnte, und nachher wurde noch weit Größeres aus ihm, denn er wurde Priester, Ordensgeneral und ein Heiliger.

 

Mit achtzehn Jahren kam Franz Borgia nach Madrid an den Hof Kaiser Karls V., dessen Reichsgrenzen Europa und Amerika durchschnitten und den Atlantischen Ozean in sich einschlossen. Bald schon schenkte der mächtige Herrscher dem Junker von Gandia seine Zuneigung, und zwischen den beiden blühte eine edle Mannesfreundschaft auf. Borgias Heirat mit der schönen Eleonora de Castro, die dem Gatten im Lauf der Jahre acht Kinder schenkte, brachte das Glück des Edelmannes zum Überfließen, aber im Herzensgrund zutiefst weinte trotz allem die Sehnsucht nach Gott, und dann trat im Jahr 1539 jenes Ereignis ein, das dem Dreißigjährigen den letzten Schleier vor der Nichtigkeit aller weltlichen Ehre und irdischen Glückes hinwegriss und seinem Leben ein klares Ziel gab.

 

Zu Toledo in Spanien feierte Kaiser Karl V. in unerhörter Pracht ein Fest mit Musik und Spiel und Tanz, mit prächtigen Rittern in goldglänzenden Rüstungen und schönen Frauen in Samt und Seide und Edelsteinen, tagelang, und als das Fest den Höhepunkt erreichte, starb über Nacht nach kurzem hitzigem Fieber die junge strahlende Kaiserin, die tags zuvor noch getanzt, gescherzt und gelacht hatte, und da war mit einem Schlag das Fest vorüber.

 

Franz Borgia wurde ausersehen, die Leiche zur Königsgruft in Granada zu überführen, und als er dort, zwei Wochen später, vor der Beisetzung zur Beurkundung vorschriftsgemäß den Sarg noch einmal öffnen ließ, prallte er entsetzt zurück, und ein Grauen erfasste ihn vor der Verwesung, die ihm entgegenstarrte. War das der Rest von aller Erdenpracht? Dann waren Macht und Majestät nur elender Plunder, und alles irdische Glück war wie eine schillernde Seifenblase, die zerplatzt und verdunstet und keine Spur zurücklässt. Dann war alles Irdische nichtig und nur das Ewige wichtig, dann lag des Lebens letzter Sinn einzig darin, dass man die Seele für den Himmel rettete auf dem sichersten Weg, den es gab, rückhaltlos und rücksichtslos, zielstrebig, verbissen und zäh.

 

In jener Stunde erkannte Franz Borgia des Lebens letzte Weisheit, und als sieben Jahre später der Tod auch ihm die Gattin nahm, zog er aus seinem letzten Wissen um die Erdendinge die letzten Folgerungen, er verließ die Welt mit dem Scheinglück, und beim Eintritt in den Jesuitenorden stellte er sich den Obern für jedes beliebige Amt zur Verfügung, sei es Pförtner oder Koch oder was immer.

 

Das war gut gemeint und ehrlich gewollt, aber schwer getan, denn ein Mann, der lebenslang befehligt hat, kann sich erst in Jahren zum Diener aller machen. Wo indessen guter Wille herrscht, wie es bei Franz Borgia der Fall war, da gelingt mit Gottes Gnade das schwierige Werk der Selbstbezwingung, und so meisterlich hat der frühere Herzog von Gandia sich selbst bezwungen, dass er alles Ungestüm und alle Reizbarkeit und alle Herrschsucht ablegte und gegen Schluss des Lebens sanft- und demütig von Herzen wurde, ein Spiegel jeglicher Tugend und ein Vorbild für die Ordensbrüder, die ihn im Jahr 1565 als zweiten Nachfolger ihres Stifters Ignatius von Loyola zum Ordensgeneral wählten.

 

Mit Klugheit und Geschick und unleugbarem Erfolg hat der Heilige sieben Jahre lang bis an das Lebensende das hohe Amt geführt. In seiner letzten Krankheit wies er alle Besuche, auch den Besuch von Kardinälen, ab mit dem Bemerken, er habe es nur mehr mit dem Herrn über Leben und Tod zu tun. Seit der Leichenschau zu Granada hatte Franz Borgia zu tief in die letzten Abgründe des Lebens hineinblickt, als dass ihn irdische Ehre noch hätte blenden können.