Heilige im Oktober

 

1. Oktober

 

Der heilige Melar, Martyrer von Kornubia, England,

+ 1.10.411 - Fest: 1. Oktober

 

Vor vielen Jahren ging ich einsam auf dem großen Kirchhof in Karlsruhe umher und las viele Inschriften auf Kreuzen und Grabsteinen. Nur ein einziger Spruch hat mich angerührt und ist mir im Gedächtnis geblieben; er steht auf dem Totenkreuz eines fünfjährigen Kindes und lautet:

 

„Leb wohl, du liebes, treues Herz!

Dein kurzes Leben war ein langer Schmerz.“

 

An dieses Kind und diesen Vers erinnerte mich wieder die Legende des heiligen Melar, der auch eine so traurige Kindheit gehabt hat. Die alte Sage über ihn berichtet folgendes:

 

1. „Da im Anfang der Religion die apostolische Lehre sich über den Erdkreis bei allen Völkern verbreitete, wurde auch die Völkerschaft von Britannien zum Glauben bekehrt, und viele, die dem Herrn glaubten und die apostolischen Vorschriften befolgten, glänzten durch verschiede Tugendwunder; zu ihrer Zahl hat auch der selige Melar nach unserer festen Überzeugung gehört.“

 

2. „Er war nämlich von edlem britannischen Geschlecht, und sein Vater, Melian, besaß das Herzogtum von Cornubia, zu dessen Zeit sieben Jahre lang kein Regen auf Erden fiel. Da aber im siebten Jahr eine Ratsversammlung der Vornehmsten des Landes gehalten wurde, wie der allgemeinen Not abzuhelfen sei, kam Rinold, vom bösen Geist getrieben, und tötete seinen Bruder Melian und riss die Regierung an sich.“

 

3. „Es hatte aber Melian einen kleinen Sohn von sieben Jahren, den der Oheim nach des Vaters Mord zu töten versuchte aus Furcht, dass, wenn der Junge übrigbleibe und zum Mannesalter käme, er ihm das Herzogtum wieder entrisse. Rinold, im Zweifel, was er machen solle, führte den Jungen mit sich nach Cornubia; dort war eine Versammlung von Bischöfen und vielen anderen zusammengekommen; auf das Bitten und Flehen der Versammelten wurde der Junge nicht getötet, sondern ihm nur die rechte Hand und der linke Fuß abgehauen. Später machte man aber dem seligen Melar eine silberne Hand und einen Fuß aus Messing; und er nahm fromm und unschuldig von Tag zu Tag in den Tugenden zu, wurde in einem Kloster von Cornubia ernährt und beschäftigte sich mit Lesen der heiligen Schriften bis zum vierzehnten Jahr.“

 

4. „Da versprach aber sein Oheim dem Pfleger Cerialtan viele Geschenke und Besitzungen, wenn er seinen Zögling töte; und sie wurden des ruchlosen Handels einig, dass Cerialtan den Kopf des Unschuldigen abhaue, dem Rinold brächte und den versprochenen Lohn erhalten solle. Als der Junge enthauptet war, sollte der Sohn des Cerialtan den Kopf unbemerkt fortbringen; da er aber über die Mauer steigen wollte, stürzte er durch Fügung des gerechten Gottes von der Mauer, brach das Genick und starb.“

 

5. „Nun fasste Cerialtan den Kopf und floh damit zu Rinold. Dieser empfing ihn mit großer Freude und sprach: „Mach dich auf und besteige den Gipfel des Berges, und so weit du das umherliegende Gebiet überschauen kannst, werde ich dir es gern zum Besitz geben.“ Jener aber stieg auf den Berg und, indem er sich umschauen wollte, wurde er des Lichtes beider Augen beraubt und starb dann eines schnellen Todes. Sein Fleisch aber wurde flüssig wie Wachs in der Nähe des Feuers.“

 

6. „Da nun der Leib des heiligen Melar an dem Ort seines Martertums begraben wurde, wurde er den folgenden Tag über dem Erdboden gefunden; und da der Körper an drei verschiedenen Orten begraben wurde und jedes Mal das gleiche geschah, so wurde Rat geschlagen. Man legte den heiligen Leib auf einen Wagen, an den zwei wilde Stiere gespannt wurden. Und sieh, die Tiere zeigten sich auf einmal zahm, zogen den Leichnam bis zu einem gewissen Ort und blieben dann stehen. Da aber der Volksmenge dieser Ort nicht gefiel als Ruhestätte des Heiligen, so legten sie Hände, Arme und Schultern an die Räder, um sie in Bewegung zu setzen; aber der Wagen war durch höhere Einwirkung so fest und unbeweglich, dass er durch keine menschliche Kunst oder Kraft vom Platz zu bringen war. Da sie nach öfteren Versuchen nichts ausrichteten, sagten sie Gott Dank und beerdigten an eben diesem Ort ehrerbietig den Leichnam. Die, die seinen Beistand anflehten, pflegten aber mit Gewährung der gewünschten Hilfe erfreut zu werden.“

 

7. „Drei Tage danach, als dem Rinold der Kopf des Märtyrers gebracht worden war und er ihn angerührt hatte, starb der Tyrann eines unglückseligen Todes. Der Kopf wurde zu dem übrigen Leib begraben, aber nach Verlauf von vielen Jahren in die Kirche zu Ambrisburia gebracht und als Reliquie verehrt. Einmal brachen Räuber nachts in die Kirche von Ambris buria ein und trugen den Schrein des heiligen Melar mit sich fort; sie rissen die goldenen und silbernen Spangen hinweg und warfen dann das Behältnis mit den Reliquien in eine Höhle. Ein Priester aber, der vor Tag aufgestanden war, sah eine strahlende Lichtsäule, die vom Himmel zu der Höhle herabhing; er näherte sich dem Ort, fand den Schrein und trug ihn zur Kirche zurück.

 

Melar starb am 1. Oktober 411.“

 

So weit geht der alte Bericht. Es wird wohl jeder herzliches Mitleid mit dem armen Waisenkind fühlen, dem der Vater hingemordet wird, dem Hand und Fuß abgehauen, und dem sieben Jahre später auch noch das Leben gewaltsam genommen wird. Warum aber wird der junge Melar ein Märtyrer genannt, da er doch nicht um des Glaubens willen den Tod gelitten hat, sondern durch die Herrschsucht des unmenschlichen Rinold? Wenn ein Kind getauft ist, so ist seine Seele rein und schön vor Gott und wenn es stirbt, steht ihm nichts im Weg, alsbald in den Himmel zu kommen. Aber eine solche Kinderseele hat eben nichts aufzuweisen als das Verdienst Jesu Christi. Wenn hingegen ein Kind so weit herangewachsen ist, dass es auch Gott und den Heiland erkennt und liebt, und einen frommen Wandel führt, so ist eben eine solche Seele noch höher gestiegen und ein besonderer Gegenstand des Wohlgefallens Gottes, und wenn es stirbt, kann man es wohl um seine Fürbitte beim himmlischen Vater anrufen. Wenn aber ein unverdorbenes, gottesfürchtiges Kind erst noch schwere Leiden dulden muss, sei es infolge von Armut oder Krankheit, sei es durch böse Menschen, so sind diese Leiden nicht, wie gewöhnlich bei uns erwachsenen Menschen, ein Zuchtmittel für Sünden und Fehler, sondern sie sind ein besonderes Ehrenzeichen für das fromme Kind. Gott will ihm damit einen höheren Rang im Himmel verleihen; es soll größere Ähnlichkeit mit Christus bekommen, der auch unschuldig gelitten hat. Ein solches Kind, das mit christlicher Geduld Schweres leidet, wird von Gott mit einer unaussprechlichen Liebe geliebt und bekommt den Rang eines Märtyrers. Dies hat sich bei dem heiligen Melar auch erwiesen durch die Wunder, die bei seinen Reliquien geschehen sind.

 

Wenn du daher siehst, dass dein eigenes oder ein fremdes Kind schwer leiden muss, so lass keine Zweifel an Gottes Vorsehung oder Güte in dir aufkommen; schau im Licht des Glaubens über die Erde hinaus und bedenke, dass Gott dem Kind mit dem Kreuz gleichsam ein Guthaben, eine Verschreibung schenkt, die ihm ganz besondere Güter und Freuden jenseits zusichert. Hilf du dem Kind nur, dass es in seinem Leiden viel nach dem himmlischen Vater und Jesus Christus seine junge Seele wende; dann wirst du an ihm einen kräftigen Beistand im Himmel haben. Es scheint sogar, dass Gott solchen jungen Märtyrern gleichsam zur Freude und zum Spiel es vergönnt, zuweilen Hilfe auf die Erde zu bringen, wie christliche Eltern oft durch ihr Kind das Almosen schicken, das sie einem Armen zugedacht haben. Es wird gerade ein solches Ereignis in der Geschichte des heiligen Melar erzählt, das ich hier noch beifüge. Der heilige Melar erschien einmal dem Sakristan und sprach: „Godrich, stehe auf, das Gewölbe der Kirche hat Risse und ist nahe daran, einzustürzen.“ Dieselbe Erscheinung kam in der nächsten Nacht wieder; beim dritten Mal sprach sie: „Godrich, steh schnell auf und nimm die Bilder und den Schmuck des Altars und gehe möglichst geschwind hinaus, denn du stehst in ganz naher Todesgefahr.“ Kaum war der Sakristan zur Schwelle der Kirche hinausgetreten, so stürzte hinter ihm das Gewölbe der Decke herab und verschüttete den inneren Raum der Kirche.

 

2. Oktober

 

Der heilige Schutzengel

 

Im Sommer des Jahres 1951 machte die Familie Ferrand, Vater, Mutter, ein Kleinkind und eine sechsjährige Tochter mit dem französischen Vornamen Nicole, eine Reise mit dem D-Zug. Die Eltern waren müde und schliefen ein wenig ein. Da ging Nicole unbemerkt aus dem Abteil und schlenderte durch den Gang. Da sie zum ersten Mal mit der Eisenbahn fuhr, kannte sie sich noch nicht aus. Gerade in dem Augenblick brauste der Zug in einen Tunnel hinein, und es wurde im Nu stockfinster. Nicole schrie vor Schreck laut auf, tastete sich einige Schritte vor, fasste eine Klinke, öffnete eine Tür und stürzte hinab in die Dunkelheit des Tunnels auf die Schienen. Schrecklich!

 

Gleich darauf merkten die Eltern, dass Nicole verschwunden war. Man kann sich vorstellen, welche Angst sie ausstanden. Weil zum Glück die nächste Haltestelle nicht weit war, stiegen sie aus und meldeten dem Bahnhofsvorsteher, man hätte ihnen im Zug ihr Kind geraubt. Der Beamte befragte sie, überlegte und schickte zunächst einmal zwei Bahnangestellte an den Tunnel, damit sie nachschauten, ob das Mädchen vielleicht aus dem Zug gefallen war. Und richtig, als sie am Ziel waren, tauchte Nicole im Eingang des Tunnels auf. Sie war ein wenig verschrammt, sonst aber heil und gesund.

 

„Es ist und bleibt uns unerklärlich“, haben später die Eisenbahner gesagt, „wie das Kind den Sturz überstehen konnte. Wir können auch nicht begreifen, dass Nicole im Tunnel nicht unter die Räder kam, denn während der Stunde, die sie brauchte, um den achthundert Meter weiten Weg ins Freie zurückzulegen, kamen sieben Züge durch. Und als wir sie im Tunneleingang sahen, war sie so verstört, dass sie kehrtmachte und fast in einen Schnellzug hineingerannt wäre, der gerade heranbrauste. Wir konnten sie erst zwanzig Meter vor der Lokomotive erreichen und zur Seite reißen.“

 

Das erklärten die Eisenbahner, und nicht weniger interessant ist das, was Nicole selbst sagte, als sie erzählte:

 

„Ich machte eine Tür auf, und dann fiel ich. Es war sehr dunkel. Als ich aufwachte hatte ich Angst und weinte. Dann dachte ich, jetzt muss ich gehen, sonst sehe ich Papa und Mama nie wieder. Die Züge waren furchtbar laut, es war sehr kalt und nass. Der Rauch war so dunkel, dass ich immer wieder fiel, aber ich fand den Weg, weil ich mit den Fingern die Wand berührte. Als es hell wurde, hatte ich noch mehr Angst, weil ich nicht wusste, wo ich war und zwei Männer gelaufen kamen. Sie wollten mich fangen, und ich kehrte schnell um, aber sie bekamen mich doch.“

 

So erzählte Nicole selbst. Was kann man nun dazu sagen? Was sich die Eisenbahner nicht erklären konnten, können wir uns sehr leicht klarmachen, denn es ist offensichtlich, dass der heilige Schutzengel das Mädchen Nicole gerettet hat. Allen Menschen hat Gott in seiner Güte solche Schutzengel gegeben. Sie sollen uns an Leib und Seele beschützen, wie es die Heilige Schrift sagt: „Seinen Engeln hat Gott befohlen dir zu dienen, sie sollen wachen über dich auf allen deinen Wegen. Auf ihren Händen sollen sie dich tragen, dass niemals dein Fuß an einen Stein stößt.“

 

Es ist ein großes Glück, dass unser Vater im Himmel ausdrücklich den Kindern einen Schutzengel gegeben hat. Kinder sind oft noch unerfahren und unvorsichtig, dass keines von ihnen groß würde, wenn es keine Schutzengel gäbe, die sie vor Autos und Eisenbahn, vor Pferden und Hunden, vor Flüssen und Unwetter, vor Blitz und Stürmen treu behüten, ihnen helfen und sie aus der Not erretten würden. Nie kann man daher dem heiligen Schutzengel genug danken für seine Hilfe auf allen Wegen und Stegen Tag und Nacht.

 

Der Schutzengel behütet aber nicht nur unseren Leib, sondern bewahrt auch unsere Seele vor dem Unglück der Sünde. Das alles tut unser Freund, der Schutzengel, zu dem wir beten: „Engel Gottes, mein Beschützer, Gott hat dich gesandt, mich zu begleiten. Erleuchte, beschütze und führe mich. Amen.“

 

3. Oktober

 

Die heilige Menna, Jungfrau von Fontenoy le Chatel bei Toul,

+ 4. Jhd. - Fest: 3. Oktober

 

Es gibt nur noch eine einzige alte Handschrift, die von dem Leben dieser heiligen Jungfrau berichtet und zwar auch nur vom Hörensagen; denn die heilige Menna war schon lange gestorben, als jemand anfing ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben:

 

„Die selige Jungfrau Menna, würdig, von allen Rechtschaffenen gepriesen zu werden, glänzte in ihrem Dorf Segont wie ein Leuchter an finsterem Ort. Die Mutter eines so herrlichen Abkömmlings hieß Lientrud und hat eine Grabstätte in der Kirche des Apostelfürsten Petrus in der berühmten Stadt Romarichsberg. Der Vater wurde Mansuns genannt; der besaß ein ansehnliches Gut und ein vorzügliches Schloss, das aber jetzt ganz zerfallen und gleichsam vernichtet ist.

 

Die selige Menna zeigte schon bei der Geburt durch den Liebreiz körperlicher Anmut, welcher Gestalt später die Schönheit ihrer Seele sein werde. Ihr Vater, als Herr des Gebietes, ersuchte den heiligen Bischof Memmius, er möge selbst dem Kind bei dem geheimnisvollen Brunnen der Wiedergeburt Taufpate sein. Der Bischof wurde das mit Freuden. Da er aber ein Mann von wunderbarer Erleuchtung war, so erkannte er im Heiligen Geist den innewohnenden Keim der künftigen Heiligkeit und begehrte, man solle ihm das Kind wieder bringen, wenn es fünf Jahre alt geworden war. Die Eltern taten, wie sie gebeten wurden und brachten dem heiligen Paten das geliebte Pfand zurück, indem sie ihn freundschaftlich baten, das kleine Mädchen in allem Guten zu erziehen und zu bilden. Sehr erfreut übergab Memmius das Kind einem Haus von Jungfrauen, die Tag und Nacht Christus dienten, damit es hier fünf weitere Jahre lang in Kenntnissen und Sittsamkeit sorgfältig unterwiesen werde. Die Dienerinnen Gottes liebten die junge Schülerin ganz einzig und unterrichteten sie vortrefflich im göttlichen Gesetz und den Wissenschaften des Heils, soweit das jugendliche Alter es fassen konnte.

 

Nachdem nun fünf Jahre in diesem Lernen gottseliger Kenntnisse abgelaufen waren, fingen die Eltern an, wie es die Natur mit sich bringt, ein sehnliches Verlangen nach ihrer geliebten Tochter zu bekommen und sie zurückzubegehren; der heilige Bischof konnte sie aber unter keinem Vorwand länger zurückbehalten; sein edles Gemüt hätte solches ebenso wenig ihm zugelassen, als die bedeutende Macht des hochgestellten Vaters. Da sonach jeder Versuch, das Mädchen zurückzubehalten vergeblich war, sandte er das Kind zurück, wohl ausgestattet mit Kenntnissen und Tugenden, gab ihr aber vorher noch viele eindringliche Ermahnungen, wie sie in dem Guten, das sie gelernt und gewonnen habe, standhaft beharren solle. So tat nun auch die fromme Menna; was sie in klösterlicher Abgeschlossenheit gelernt hatte, das übte sie nun, soweit möglich, an dem väterlichen Hof aus. Alle, die ihren Wandel sahen, wurden von Verehrung und Liebe zu ihr erfasst. Sie war von sehr schöner Leibesgestalt, aber doch schöner war sie durch Frömmigkeit und durch unermüdliche Ausübung guter Werke; und es war natürlich, dass von jedermann die geliebt wurde, die mit der Zierde ausgezeichneter Tugend geschmückt war. Menna wurde daher von vielen Männern aus edlem Geschlecht zur Ehe begehrt, und die Eltern hatten auch wirklich im Sinn, sie zu verheiraten.

 

Als dies zur Kenntnis der Jungfrau kam, weigerte sie sich standhaft, ihre Jungfräulichkeit mit dem Ehebündnis zu vertauschen. „Nur das Lamm“, sprach sie, „begehre ich zum Bräutigam, der die süße Freude der Himmelsbewohner ist und dessen Schönheit nicht in Verwesung übergeht, der selbst die Toten lebendig macht. Einen sterblichen aber suche ich nicht, irdischen Schmuck verachte ich wie Auskehricht, Reichtümer wie Unrat, Landgüter wie Dunghaufen; denn meine Seele hat die unendlich schöne und kostbare Perle gefunden.

 

Der Vater verachtete solche Rede als Weibergedanken und strebte auszuführen, was ihm im Kopf feststand; der Hochzeitstag wurde anberaumt, reiche, prachtvolle Zurüstungen gemacht. Unterdessen betete die gottselige Jungfrau inständig unter vielen Tränen zu Christus, empfahl ihm ihre Jungfräulichkeit, dass er diese nicht vernichten lasse durch eine aufgezwungene Ehe. Christus aber schaute herab auf den frommen Kampf seiner geliebten Dienerin und brachte ihr Hilfe, indem er ihr einen heilsamen Ratschluss einflößte. Starkmütig fasste sie den Vorsatz, heimlich zu entfliehen, und von einigen Vertrauten Dienerinnen begleitet, nahm sie den Weg zu ihrem Taufpaten und Erzieher, zu dem heiligen Memmius. Als sie bei ihrem gottseligen Beschützer ankam, hielt er gerade eine geistliche Ratsversammlung; er nahm sie mit Anstand und Würde auf; sie hielt aber die Ursache ihres Kommens noch zurück, und gedachte, erst am anderen Tag sie kund zu tun.

 

Am Morgen darauf, da der Bischof auf seinem bischöflichen Thron in der Versammlung saß, trat Menna vor ihn hin und begehrte von ihm eine Aussteuer oder ein Patengeschenk, was er ihr als Taufpate nicht verweigern könne. Die ganze Versammlung und der Bischof selbst wunderten sich und fragten, was sie damit meine? Da sprach sie: „Wie du weißt, mein Herr, habe ich es dir zu verdanken, dass ich den Weg des ewigen Lebens kennen gelernt habe; allein der Vater will das Vorhaben meines Herzens vernichten und will mich in die Banden der Ehe und die Angelegenheiten der Welt verstricken. Derartigen Dingen aber ist meine Seele ganz entgegen. Deshalb bin ich gekommen, um bei dir Hilfe zu suchen, überzeugt, dass wenn du ernstlich willst, du mich diesen Widrigkeiten entreißen kannst. Ich bitte daher deine Güte inständigst, vollende an mir das gute Werk, wozu du schon früher in mir den Grund gelegt hast; bedecke mein Haupt mit dem Schleier des Lammes, als Zeichen meiner unwiderruflichen, heiligen Verlobung mit Jesus Christus.“

 

Indem sie dieses sagte, zog sie den Schleier hervor, fiel auf die Knie nieder und bat unter vielen Tränen mit inbrünstigem Flehen, er möge sie doch unverzüglich einkleiden. Zwar zeigte sich das selige Kirchenhaupt stets begierig nach Rettung der Seelen, aber hier glaubte es, obschon ungern, sich weigern zu müssen, da die Macht und Gewalttätigkeit des Vaters, sowie auch desjenigen, welchem Menna schon zugesagt worden war, zu fürchten sei.

 

Während nun der Bischof zaghaft den Schleier ausgebreitet hielt, wurde er ihm von unsichtbarer Gewalt aus den Händen genommen und der Jungfrau über das Haupt gebreitet. Alle Anwesenden sahen es und sagten dem allmächtigen Gott unendlichen Dank, der an seiner Dienerin ein so wunderbares Zeichen tun wollte. Und es ist nicht zu verwundern, wenn diejenige von den Engeln zum Orden eingekleidet wurde, die durch so große Tugend in der Welt leuchten sollte. Das Gerücht von dem Wunderzeichen an seiner Tochter gelangte auch zu den Ohren des Vaters. Dieser, der vorher nicht gestatten wollte, dass Menna ausschließlich dem Herrn diene, gab nun freiwillig und gern seine Einwilligung dazu. Nachdem sie noch einige Zeit des Unterrichtes wegen bei dem heiligen Bischof verweilt hatte, sandte er sie zum Vater zurück, wo sie mit Liebe und Verehrung aufgenommen wurde.“

 

Die heilige Menna hatte es nach Gott hauptsächlich ihrem Taufpaten zu verdanken, dass ihr Geist eine so hohe gottselige Ausbildung bekam. Dies ist es gerade, weshalb die katholische Kirche die Anordnung getroffen hat, kein Kind zu taufen, ohne einen oder zwei Taufpaten. Diese sollen nicht bloß im Namen des Kindes versprechen, dass es den christlichen Glauben annehmen und ein christliches Leben führen wolle, sondern sie sollen auch darum besorgt sein, dass dieses Versprechen auch befolgt werde, sie sind Bürge vor Gott und der Kirche. Nun könnte man einwenden, die christliche Erziehung sei Sache der Eltern. Allein manchmal sterben die Eltern früh hinweg, oder sie sind unwissend, voll Weltsinn und führen selbst keinen guten Wandel; da sollen nun die Taufpaten sich um das Kind kümmern; sie sollen die Reserve der Eltern sein, oder vielmehr die geistlichen Eltern des Kindes selbst. Es ist darum ein schönes christliches Werk, ein Kind über die Taufe zu heben, aber nur dann, wenn du imstande und willens bist, dich ernstlich um das Seelenheil des Kindes anzunehmen, sobald es zu den Jahren der Vernunft kommt. Aus diesem Grund sollen aber auch Eltern bei der Wahl eines Taufpaten nicht vor allem fragen, ob er reich, angesehen, verwandt und dergleichen ist, sondern ob von ihm erwartet werden könne, dass er sich einmal wahrhaft um das Heil des Kindes annehme, und nicht die Sache mit einem Geldgeschenk abtue.

 

Sonst wird von der heiligen Menna noch weiter erzählt, dass sie nach dem Tod ihres Vaters mit einer Dienerin die Heimat verließ und am Fuß der Vogesen zu Fonteneto sich niederließ und dort ihr heiliges Leben vollendete. Ein Teil ihrer Reliquien wird in Metz aufbewahrt und verehrt.

 

Die beiden heiligen Ewalde, der Weiße und der Schwarze,

Priester und Märtyrer in Sachsen,

+ 3.10.695 – Fest: 3. Oktober

 

Von glühendem Eifer beseelt, ihr Leben der Verkündigung des Christentums im Land der Altsachsen, dem ihre Vorfahren entstammten, zu weihen, kamen aus England nach dem Vorangehen Willibrords, zwei Brüder, namens Heuwald oder Ewald, um im Land der Sachsen Christus zu verkündigen. Ihre Schicksale hat uns ihr Landsmann und Zeitgenosse, der ehrwürdige und wahrheitsliebende Beda, in kurzen Zügen gezeichnet.

 

Als der Mann Gottes, Eckbert, gesehen hatte, dass es ihm selbst nicht gestattet sei, hinzugehen und den Heiden zu predigen, weil er wegen eines anderen Nutzens der Kirche, worüber er durch eine Offenbarung belehrt worden war, sich gebunden fühlte, und dass auch Wictbert, der in jene Gegenden gezogen war, nichts ausrichtete, so versuchte er es noch, zum Bekehrungswerk heilige und tatkräftige Männer auszusenden, unter denen besonders Willibrord durch Priestertum und Verdienst hervorleuchtete. Als diese, zwölf an der Zahl, dorthin gelangt waren, wurden sie vom Frankenkönig Pipin freundlich aufgenommen und da er unlängst Friesland erobert und den König Radbot dort vertrieben hatte, so sandte er sie zur Verkündigung des Evangeliums dorthin und förderte sie durch einen königlichen Befehl mit dem Inhalt, dass keiner es wagen solle, der Predigt Hindernisse in den Weg zu legen, und sicherte zugleich denen, die sich zum Glauben bekehren würden, vielerlei Begünstigungen zu. Daher kam es, dass sich unter dem Beistand der göttlichen Gnade in kurzer Zeit viele vom Götzendienst zum christlichen Glauben bekehrten.

 

Ihrem Beispiel folgend, kamen zwei Priester vom Volk der Angeln, die, um das ewige Vaterland zu gewinnen, fern von ihrem Heimatland lange in Irland gelebt hatten, in die Provinz Altsachsen, ob sie vielleicht durch ihre Predigt einige für Christus gewinnen könnten. Beide besaßen aber, wie dieselbe Frömmigkeit, so auch denselben Namen, denn beide hießen Heuwald oder Ewald, mit dem Unterschied jedoch, dass nach der Farbe des Haupthaars der eine der schwarze, der andere der weiße Ewald genannt wurde. Beide besaßen eine gleiche Begeisterung für die Religion, dem schwarzen Ewald aber war eine größere Bekanntschaft mit den hl. Schriften eigen.

 

Als sie in die Provinz kamen, traten sie als Gäste bei einem gewissen Hofbesitzer ein und baten ihn, er möchte sie zu dem Häuptling, unter dem er stehe, bringen lassen, weil sie ihm etwas Wichtiges zu berichten hätten. Die Altsachsen haben nämlich keinen König, sondern eine Menge über das Volk gesetzter Häuptlinge, die, im Falle ein Krieg auszubrechen droht, gleichmäßig das Los darum werfen, und welchen von ihnen das Los trifft, dem folgen sie, so lange der Krieg dauert, als ihrem Feldherrn und sind ihm untertan. Ist der Krieg aber zu Ende, dann haben wieder alle Häuptlinge eine gleiche Gewalt. Der Hofbesitzer nahm sie also auf, und mit dem Versprechen, sie ihrem Wunsch gemäß zu dem Häuptling entsenden zu wollen, unter dem er stand, behielt er sie mehrere Tage bei sich.

 

Als nun die rohen Leute wahrnahmen, dass die Fremdlinge einer anderen Religion zugetan waren, da sie stets dem Psalmengesang und Gebeten oblagen und Gott dem Herrn täglich das heilige Messopfer darbrachten, zu dem Zweck sie die heiligen Gefäße und eine zum Altar geweihte Platte mit sich führten, wurden sie für verdächtig gehalten, und man befürchtete, wenn sie zu dem Häuptling kämen und mit ihm redeten, möchten sie ihn von seinen Göttern abwendig machen und zur Annahme der neuen Religion des christlichen Glaubens bewegen, und so allmählich ihre ganze Provinz genötigt sein, ihre alte Religion gegen eine neue zu vertauschen. Darum fielen sie plötzlich über sie her und erschlugen sie, den weißen Ewald rasch mit dem Schwert, den schwarzen aber unter langen Marterqualen und mit grausiger Verstümmelung aller seiner Gliedmaßen und warfen die Erschlagenen in den Rhein.

 

Als aber der Häuptling, den sie hatten aufsuchen wollen, dies erfahren hatte, geriet er in Zorn, dass man Fremde, die ihn aufsuchen wollten, daran hinderte, und schickte hin und ließ alle jene Dorfbewohner töten und das Dorf niederbrennen. Die beiden Priester und Diener Christi erlitten den Martertod am 3. Oktober 690.

 

Ihr Martertod blieb nicht ohne himmlische Wunderzeichen. Als nämlich die Leiber der Erschlagenen von den Heiden in den Fluss geworfen waren, trug es sich zu, dass sie gegen die starke Strömung des Flusses beinahe viertausend Schritte weit bis in die Gegend, wo ihre Gefährten sich befanden, hinaufgelangten. Ferner leuchtete ein übergroßer, zum Himmel hinaufreichender Lichtstrahl die ganze Nacht hindurch über dem Ort, wohin sie gerade gelangt waren, was sogar von den Heiden, die sie erschlagen hatten, gesehen wurde. Ja einer von ihnen erschien im nächtlichen Gesicht einem ihrer Gefährten, namens Tilmon, einem seinem früheren weltlichen Stand nach angesehenen Mann von Adel, der aber aus einem Krieger ein Mönch geworden war, ihm anzeigend, dass er an jener Stelle ihre Leichname finden könne. Dieses Traumgesicht ging wirklich in Erfüllung. Die aufgefundenen Leichname wurden mit der den Märtyrern gebührenden Ehre beigesetzt. Der Tag ihres Martyriums wird in jener Gegend mit schuldiger Verehrung gefeiert. Als endlich der ruhmreiche Frankenherzog Pipin Kunde davon erhalten hatte, ließ er die Leichname holen und mit großem Gepränge in der St. Kunibertskirche zu Köln am Rhein beisetzen. An der Stelle, wo sie erschlagen worden waren, sprudelte ein Quell hervor, der dort noch bis auf den heutigen Tag eine reiche Wasserfülle spendet.

 

Im Jahr 1074 erhob der Erzbischof Anno II. die Gebeine der heiligen Ewalde und überließ ihre beiden Häupter Münster in Westfalen, wo ihr Andenken noch heute gefeiert wird. Westfalen verehrt sie als Landespatrone.

 

4. Oktober

 

Der heilige Franziskus Bernardone von Assisi,

Diakon, Ordensstifter,

+ 4.10.1226 - Fest: 4. Oktober

 

Wie war die Jugend des heiligen Franziskus? Dass das einzigste Kind des reichen Kaufmanns Bernadone ebenfalls Kaufmann wird, war für den Vater eine ganz klare Sache. Zumal sich der Sohn durch eine angeborene ungezwungene Liebenswürdigkeit im Umgang mit Menschen für den Kaufmannsstand sehr gut eignete. So stand der junge Franz Bernadone hinter dem Ladentisch, ging mit Maß und Schere um, verkaufte Nähgarn, Samt und Seide. Aber sein Herz war von all dem weit entfernt, denn nicht Arbeit und Verdienst lockten ihn, ihn zog es vielmehr mit allen Sinnen, mit Auge und Ohr und Herz, zum Leben und zur Lust. So verlief für Franz Bernadone die Jugendzeit.

 

Dann kam eine andere Zeit für ihn, die war überreich an Freuden. Da kleidete sich der Kaufmannssohn von Assisi prächtig und prunkvoll. Um Freunde brauchte er nicht besorgt zu sein, denn viele kamen, weil seine Tasche immer mit Geld gefüllt war. Mit einer Gitarre im Arm und mit einem Lied auf den Lippen zogen sie scherzend und lachend über die Berge. Die Abende verbrachten sie bei Wein und Tanz in den Schenken der Weingärten. Die Eltern drückten beide Augen zu, denn sie freuten sich, dass der Sohn wie ein König unter den Gleichaltrigen geehrt wurde. Bemerkenswert ist es, dass sich Franz bei aller Lust am Feiern, mit der er das Leben in vollen Zügen genoss, der Armen annahm und sie reich beschenkte. Schön wie ein Lied war für Franz Bernadone dieses Leben.

 

Aber schon früh änderte sich sein Leben. Schwere Krankheit und kurze Kriegsgefangenschaft bildeten den Anfang. Von Äußerlichkeiten, von Spiel und Zeitvertreib, flüchtete sich der junge Mann in die Einsamkeit zum Gebet vor den stillen Kapellen an den Wegen und in den Weinbergen. Und als er einmal vor einem Kreuzbild in einem zerfallenen Gotteshaus kniete, glaubte er die Stimme des Gekreuzigten zu hören, der ihn aufforderte, die einstürzende Kirche wieder aufzubauen. Der Auftrag war bildlich gemeint, denn Franz hat später durch seinen Orden die Kirche Gottes auf Erden vor dem Zerfall gerettet. Im Augenblick verstand er aber den Befehl jedoch wörtlich. Mit eigener Hand trug er Steine und Mörtel herbei, um das Kirchlein draußen vor den Toren Assisis wiederaufzurichten. Und das Geld, das er für den Kirchbau brauchte, holte er sich aus der reichen Kasse daheim. Als ihn der Vater daraufhin enterbte, gab ihm der Sohn auch die Kleider zurück, die er am Leib trug, und zog die Lumpen an, die ihm ein Bettler schenkte. Nun stand Franz Bernadone, bisher der Liebling aller, im Gelächter aller.

 

Am 24. Februar 1208 hörte Bernadone bei einer Verlesung des Evangeliums jene Stelle, in der Jesus seine Jünger mahnt, dass sie weder Gold noch Silber noch zwei Röcke noch Schuhe noch Stab besitzen sollten. Wieder verstand Franz die Worte wörtlich. In der gleichen Stunde vermählte er sich mit der Armut um Christi willen. Bettelarm wurde er und nannte sich ab jetzt Bruder Franziskus, der die Sterne und die Blumen und die Tiere und alle Menschen, die Armen besonders, seine lieben Brüder und Schwestern nannte.

 

Doch aus dem scheinbar dürren Stamm zu Assisi keimte und wuchs neues Leben. Durch sein Beispiel zog der Heilige Männer und Frauen an. Drei Orden, die größten, die es je gegeben hat, bildeten sich, aus denen im Laufe der Zeit noch viele andere entstanden, so dass der Baum, der Franziskus ist, heute schon siebenhundertfünfzig Jahre lang die Kirche Christi auf der Erde stützt.

 

5. Oktober

 

Der heilige Plazidus, Mönch und Jünger des heiligen Benedikt,

+ 6. Jhd. - Fest: 5. Oktober

 

So sorglos und oberflächlich und unvorsichtig wie dieser Plazidus, was auf Deutsch Friedrich heißt, in seiner Kindheit eines Tages war, kann eben nur ein Junge sein. Doch bevor die Geschichte erzählt wird, soll sich der Held erst einmal vorstellen.

 

Fritzchen, der Sohn eines reichen römischen Bürgers, ein südländisch lebhafter Junge, der nur aus Auge und Ohr zu bestehen schien, musste überall dabei sein, wo etwas lief, bei den Parademärschen der Soldaten, bei Pferderennen, bei Straßenaufläufen und ähnlichen Dingen mehr. Einmal wäre er um ein Haar unter einen schweren Lastzug gekommen, ein anderes Mal hatte ihn eine bissige Dogge recht übel zugerichtet, und ein drittes Mal erhielt er von einem Pferd einen Tritt, dass ihm Sehen und Hören verging. Keiner glaube aber, dass er dadurch klüger geworden ist. So sind nun einmal manche Jungen.

 

Der Vater Anizius Tertullus ließ daher eines Tages anspannen und brachte den hoffnungsvollen Sprössling mit Sack und Pack nach Subiaco aufs Land. Da gab es weder Lastzüge noch Doggen noch Pferde. Er brachte ihn zum heiligen Benedikt, der damals dort das erste Kloster des nach ihm benannten Ordens gründete und wo sich bereits ein anderer Junge aus der Stadt Rom, der zwölfjährige Maurus, aufhielt. Eindringlich bat Tertullus die Mönche, neben Maurus auch seinen Sohn als Schüler aufzunehmen.

 

Gern bewilligten die Benediktiner den Wunsch des besorgten Vaters, und ihre Arbeit mit den beiden Jungen, die an sich nicht schlecht waren, machte schnell gute Fortschritte. Auch Fritzchen gab sich Mühe, aber von heute auf Morgen legt man Oberflächlichkeit und Unvorsichtigkeit nicht ab. Eines Tages hatte sich folgendes Ereignis zugetragen:

 

Abt Benedikt gab dem damals Neunjährigen den Auftrag, schnell vom nahen See einen Krug Wasser zu holen. Fritzchen sah sich das große Gefäß erst einmal an und schätzte mit den Augen ab, ob er es, wenn es mit Wasser gefüllt war, auch tragen kann. Und als er feststellte, dass es wohl gehen könnte, lief er mit lustigen Sprüngen, pfeifend und flötend, den Hang hinab. Am Ziel angelangt, legte er sich der längelang auf ein Brett, das, von Pfählen getragen, ein wenig in den See hinausragte, und ließ den Krug hinab. Gluck, gluck, gluck machte da beim Füllen das Wasser so lustig und drollig, dass Fritzchen vor Freude laut auflachte und sich vergnügt auf dem Brett noch ein Stück weiter nach vorn schob. Im gleichen Augenblick bekam er Übergewicht und kippte, den Kopf voraus, in den See, und die Wellen spülten ihn schnell vom Ufer weg. Da hatte das arme Fritzchen gewiss nichts mehr zu lachen.

 

Man muss es schon ein Glück nennen, dass Abt Benedikt vom Zellenfenster aus den Vorgang beobachtet hatte. So machte er denn zunächst mit der Hand das Kreuz, und wenn Heilige das tun, so wohnt dem Segen eine noch weit stärkere Kraft inne. Dann rief Benedikt dem Maurus zu, der auf dem Hof stand, er solle dem Freund zu Hilfe eilen und ihn aus dem Wasser ziehen. Kaum war das Wort gefallen, da war Maurus schon am See und ging hinein und merkte nicht einmal, dass das Wasser ihn trug, als sei es fester Boden, und half Fritzchen ans Land.

 

Wunderbar war das, und am wunderbarsten war noch dieses, dass der Gerettete nachher fest behauptete, nicht Maurus habe ihn aus dem Wasser gezogen, sondern Abt Benedikt, denn den habe er bei sich gesehen und nicht den Maurus.

 

Egal wie, fest steht jedenfalls die Tatsache, dass an diesem Tag aus Fritzchen ein Plazidus geworden war, ein ernster Junge, gläubig und gewissenhaft, der sich später den Mönchen beigesellte. Sein Eifer wurde sehr groß und als erster verpflanzte er den Benediktinerorden auf die Insel Sizilien, wo er nahe der Küste bei Messina ein Kloster gründete.

 

Nur fünf Jahre war Plazidus Abt, denn eines Nachts, als die Mönche im Klosterchor die Psalmen sangen, stiegen mohammedanische Seeräuber aus Afrika ans Land, legten den Abt und die Brüder in Ketten und quälten sie auf alle erdenkliche Weise, um sie zum Abfall vom christlichen Glauben zu bewegen.

 

Ihre Gebete aber wurden erhört und Gott hat sie aus allen ihren Nöten befreit. Als nämlich die Mohammedaner sahen, dass sie die mutigen Männer nicht vom Glauben abbringen konnten, töteten sie alle und führten sie durch den Martertod als die ersten Martyrer des Benediktinerordens ein in die ewigen Freuden des Himmels.

 

Der selige Gerwich, Einsiedler von Siegburg, Cisterziensermönch,

+ 5.10.1133 – Fest: 5. Oktober

 

Viele Liebhaber der Einsamkeit, die unter wilden Tieren ein himmlisches Leben im Lobpreis Gottes führten, wurden erst von pirschenden Fürsten entdeckt, so Macedonius in Syrien, Ägidius in Gallien, Iwan in Böhmen, Gerwich in Bayern, nicht weit von Eger in Böhmen. Gerwich stammte aus der sehr alten, reichen und edlen Familie der Dynasten von Volmestein (Volmarstein) an der Ruhr in der Grafschaft Mark. Von Jugend auf tummelte er sich sehr gern auf Pferden und kannte nichts Ehrenvolleres und Rühmlicheres, als Turnier und Lanzenstechen. Bei einem solchen Kampfspiel lernte er Theobald auch Diepold genannt, den Markgrafen von Cham und Vohburg kennen, und schloss mit ihm ein so inniges Freundschaftsbündnis, wie es einst zwischen Theseus und Pirithous bestand. Obgleich Theobald verehelicht war und viele Kinder besaß, zog er doch mit seinem Herzensfreund an die Höfe des deutschen Adels, um in den üblichen Wettkämpfen ihre Kraft und Geschicklichkeit zu erproben.

 

Als einst viele Ritter zusammen im heftigen Anprall wie blind auf einander losrannten, durchbohrte Gerwich ohne Arg den Halsring seines Gegners und brachte ihm eine tödliche Wunde bei. Als das Visier gelüftet wurde, sah Gerwich zu seinem höchsten Schrecken, dass er seinen liebsten Freund schwer verwundet hatte. Fast verzweifelnd verfluchte er die gefährlichen Spiele und Feste, begab sich sofort in das Kloster Siegburg unweit von Köln und nahm in tiefster Zerknirschung das Ordenskleid des heiligen Benedikt. – Der Markgraf Theobald kehrte nach seiner Heilung zu seiner Familie zurück. Gern wäre er dem Beispiel seines Freundes gefolgt, aber er durfte nicht auf seine Herrschaft verzichten. Um einigermaßen seinem religiösen Eifer zu genügen, gründete er einige Meilen von Regensburg das Kloster Reichenbach und stattete es mit reichen Besitztümern aus.

 

Unterdes hatte Gerwich mehrere Jahre im Kloster Siegburg sehr fromm und demütig verlebt und es wurde ihm die Sorge für die ankommenden Pilger und Reisenden anvertraut. Zu der Zeit traf Cuno, der erwählte Bischof von Regensburg, auf seiner Reise dort ein, unterhielt sich mit Gerwich und wurde durch seine Tugenden und Weisheit so wunderbar eingenommen, dass er den Abt inständigst bat, ihn mit in sein Bistum nehmen zu dürfen, damit er ihm mit Rat und Tat beistehe. Der Abt und auch Gerwich willigten ein, als Gerwich aber in Regensburg die Beschwerden und Unruhe am bischöflichen Hof schmeckte, ließ er sich durch keine Beweggründe bestimmen, länger so ein unruhiges Dasein zu führen, indem er in seinem Inneren das Wort hörte, das einst dem heiligen Arsenius am Hof des Kaisers Theodosius von Gott zugerufen wurde: „Fliehe, schweige, ruhe!“ Er ließ mit Bitten nicht nach, bis Cuno ihm einen Geleitsbrief ausstellte und gestattete, in seinem Bistum einen geeigneten Platz aufzusuchen, den er für eine Niederlassung von Mönchen für geeignet halte.

 

Mit einigen Genossen begab sich Gerwich auf den Weg und kam in einen dichten Wald, wohin kaum ein Jäger dringen konnte. Dort fällte er einige Bäume und fing an, für sich und die Seinigen eine kleine Wohnung nebst Bethaus zu bauen. Siehe da, eines Tages kam der Markgraf Theobald aus seiner Stadt Eger auf der Jagd zu dieser Stelle, und als er einen Teil seines Waldes gerodet sah, ergrimmte er sehr und fragte die arbeitenden Brüder, wie sie sich unterstehen könnten, ohne sein Wissen und Wollen dort ein Gebäude zu errichten? Alle fürchteten sich und beendeten die Arbeit, nur Gerwich behielt die ruhige Geistesgegenwart, warf sich dem ihm unbekannten Herrn zu Füßen, nannte ihm auf Verlangen seinen Namen und seine Herkunft, und erklärte ihm mit wenigen und bescheidenen Worten, auf wessen Rat und mit wessen Erlaubnis er sich in diese Einöde begeben habe und zeigte ihm das Schreiben des Bischofs Cuno. Wer war verwirrter als Theobald? Er hatte nach Wild ausgespäht und stieß auf einen Menschen, den er nicht mehr unter den Menschen gesucht haben würde, auf seinen teuren und durch heilige Bande Gott verbundenen Freund Gerwich. Unverzüglich sprang er vom Pferd, umarmte aufs zärtlichste seinen alten Freund, zeigte ihm die Narbe seiner alten Wunde, hieß ihn frohen Mutes sein und billigte nicht nur seinen Plan, eine Einsiedelei zu gründen, sondern schenkte ihm auch aus alter Freundschaft einen so großen Teil des Waldes, als er in einem Tag umgehen könnte. Welch eine unerwartete Freude durchbebte die Herzen der beiden ehemaligen Kampfgenossen. Sogleich machten sie sich ans Werk, fällte Bäume, fuhren Steine herbei, und fingen an, dort an dem anmutigen und fischreichen Fluss ein Kloster zu bauen, das man „Waldsassen“ nannte.

 

Weil in jener Zeit der heilige Bernhard von Clairvaux den Zisterzienserorden gestiftet hatte, eilte Gerwich zu ihm und bat ihn inständig um Mönche, damit er in sein neues Haus seine Ordensregel einführen könnte. Dem heiligen Bernhard gefiel die Absicht Gerwichs sehr, aber weil er fast alle seine Ordensleute ausgesandt hatte, um neue Niederlassungen zu gründen, konnte er ihm für den Augenblick keine Mönche überlassen. Deshalb wandte sich Gerwich an die Abtei Walkenried in Thüringen und erhielt drei Mönche von ausgezeichneter Heiligkeit. Mit denen kehrte er sofort nach Waldsassen zurück und vollendete nicht nur die im Bau begriffenen Wohngebäude, sondern unterwarf auch sich und seine Genossen der Ordensregel des heiligen Bernhard. Von allen Seiten erhielt die junge Genossenschaft reichliche Geschenke von frommen Leuten, damit sie sorgenlos leben könne. Dies war der Anfang des berühmten Klosters Waldsassen, das die Zisterzienser das hundertste Ei nannten, weil es die hundertste Niederlassung des gerade gestifteten Ordens war.

 

Wieviel Jahre der selige Gerwich noch lebte, in welchem Jahr und an welchem Tag er zum ewigen Leben abberufen wurde, ist nicht ganz sicher zu bestimmen. Mehrere Kirchengeschichtsschreiber nehmen das Jahr 1133 oder 1134 als sein Sterbejahr an. Sein Gedächtnis wird am 5. Oktober gefeiert.

 

Der heilige Meinolf / Meinulph,

Erzdiakon und Bekenner von Paderborn,

+ 847 – Fest: 5. Oktober

 

Etwa drei Stunden von Paderborn entfernt, in der Nähe der alten und malerischen Wevelsburg und des ehemaligen Klosters Böddeken steht im engen Talgewinde eine uralte Linde. Dort erblickte der Sage nach der heilige Meinolf auf der Flucht seiner Mutter das Licht der Welt um das Jahr 793. Seine Eltern waren in dortiger Gegend reich begütert und sehr angesehen, beide zum Christentum gelangt, indes fiel der Vater bald nach der Geburt seines Sohnes im Kampf, die Mutter, namens Wichtrud, zog sich während der Kriege Karls des Großen gegen die aufrührerischen Sachsen mit ihrem Kleinen in die einsame Gegend von Altenböddeken zurück. Hier verlebte sie einige Jahre in Ruhe, als eine andere Verfolgung sie aus diesem Zufluchtsort vertrieb. Der Bruder ihres verstorbenen Gemahls kam in verbrecherischer Absicht zu ihr, und da er sie durch scheinbare Güte nicht erreichen konnte, versuchte er sie durch Gewalt zu erlangen. Die edle Wichtrud entfloh zum Frankenkönig Karl, um bei ihm Schutz für sich und ihren Sohn zu suchen. Der König nahm sie freundlich auf und übernahm bei ihrem vierjährigen noch nicht getauften Sohn die Patenstelle. Er gab dem Knaben den Namen Meinolf, d.h. meine Hilfe. Vielleicht sah der König im prophetischen Geist in dem Täufling ein gottgegebenes Werkzeug zur Befestigung des christlichen Glaubens in dieser Gegend.

 

Die Erziehung des jungen Meinolf übertrug der König dem ersten Bischof von Paderborn, Hathumar, der, wie sein Nachfolger Badurad, in Würzburg ausgebildet, im Jahr 795, den neuerrichteten Bischofssitz von Paderborn einnahm. Von diesen beiden heiligen Lehrern erzogen, lernte Meinolf die Güter der Welt verachten, und er wünschte nichts sehnlicher, als unter die Zahl der in klösterlicher Gemeinschaft lebenden Geistlichen der Paderborner Domkirche aufgenommen zu werden. Der Bischof Badurad entsprach seinem sehnlichsten Wunsch. Meinolf leuchtete durch seine vortrefflichen Geistesgaben, seine große Bescheidenheit und sein freundliches Wesen so sehr, dass ihn der Bischof zu seinem innigsten Freund und beständigen Gefährten erkor.

 

Einst legte der heilige Bischof seinen Geistlichen die Frage vor, was der Heiland wohl mit den Worten bei Matthäus 8 habe sagen wollen: „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester, der Menschensohn aber habe nicht, wohin er sein Haupt hinlege.“ Einer der Umstehenden erklärte die Worte des Heilandes dahin: „Der Heiland trage ein inniges Verlangen, in unserem Herzen zu wohnen, allein der Zugang zu ihm sei durch unsere Sünden verschlossen. Darüber beklage sich der Heiland in der angeführten Stelle.“ Der heilige Meinolf war von diesen Worten innigst gerührt, und er beschloss, damit die Klage des Herrn nicht auch auf ihn Anwendung finde, nicht nur sein Herz durch die sorgfältigste Vermeidung jeder, auch der geringsten Sünde, Christus zur Wohnstätte zu geben, sondern auch einen Tempel und ein Kloster zu bauen, wo der Herr mitten unter gottgeweihten Personen seinen Sitz aufschlagen möchte.

 

In Ungewissheit über einen geeigneten Platz, wurde ihm durch eine wunderbare Erscheinung der Ort offenbart. Zuerst sah ein Hirt im Waldesdickicht ein wunderbares Licht. Der Hirt verkündete dem heiligen Meinolf die seltsame Erscheinung und der teilte sie dem Bischof mit. Der fromme Badurad sprach: „Der geringe Stand des Hirten soll uns nicht verächtlich erscheinen, da selbst die Geburt des Heilands zuerst den Hirten verkündigt wurde.“ Zugleich riet er seinem Archidiakon, er möge Gott um ein wiederholtes Zeichen innigst anflehen. Der Heilige begab sich mit dem Hirten an die bezeichnete Stelle und verharrte dort die ganze Nacht unter inbrünstigem Gebet. Da gewährte ihm Gott die Gnade, die Erscheinung ebenso zu sehen, wie vorhin der Hirt. Es zeigte sich ihm ein prächtiger Hirsch, zwischen dessen Geweih das Zeichen der Erlösung strahlte. Welche Freude gewährte dieser Anblick dem Meinolf. „Jetzt hege ich die sichere Hoffnung – sprach er – dass der, der einst mit derselben Kreuzeswaffe die Pforten der Hölle zerbrach, sich auch als Beschützer dieser Stätte bewähre, wenn sich auch die Höllenschar widersetzte.“ Er erbat und erhielt die kaiserliche Bestätigungsurkunde und schritt rüstig zum Bau des Klosters. Die Einweihung der Kirche zu Böddeken fand am 10. November (vermutlich 827) statt. Gottgeweihte Jungfrauen nahmen die Zellen des Klosters ein. Meinolf beschenkte das Kloster reichlich aus seinen umherliegenden Gütern. Auch verlieh der Heilige sechs in der Nähe wohnenden Rittern ansehnliche Einkünfte und Lehen, um aus diesen zu gewissen Zeiten des Jahres dem Kloster alle Bedürfnisse zum Unterhalt und zur Bekleidung zu reichen, und gegen feindliche Überfälle zu schützen. Das Recht der Belehnung übergab er den Klosterfrauen.

 

Nach Gründung des Klosters Böddeken war der Heilige unablässig bemüht, die christliche Religion unter seinen Landsleuten auszubreiten und mit dem Licht der Wahrheit das Dunkel zu verscheuchen, das noch öfters in die Herzen der jungen, kaum dem Heidentum entwachsenen, Sachsen seine Schatten warf. In diesem unermüdlichen Unternehmen zeichnete sich der Heilige so sehr aus, dass er als einer der vorzüglichsten Lehrer des christlichen Glaubens im Paderborner Land und als einer der heiligsten Männer hoch verehrt wurde.

 

Wie hoch der Archidiakon Meinolf bei seinem Bischof und dem Volk in Ansehen stand, geht unter anderem daraus hervor, dass er von Badurad im Jahr 836 nebst einigen anderen Klerikern an den Bischof Alderich zu Mans in Frankreich gesendet wurde, um die Reliquien des heiligen Liborius, des Freundes des heiligen Martinus, für die Domkirche in Paderborn zu erbitten. Die zahlreichen Wunder, die bei der Übertragung der Überreste des heiligen Bischofs Liborius geschahen, haben ohne Zweifel noch vieles dazu beigetragen, den eifrigen Diener Gottes für höhere Vollkommenheit zu erglühen. Reich an Tugenden und Verdiensten, brennend vor Verlangen nach der unauflöslichen Vereinigung mit Jesus Christus, ging er am 5. Oktober 847 in die Freude des Herrn ein.

 

Wie Meinolf sein ganzes Leben lang durch Heiligkeit glänzte, so wurde er auch nach seinem Tod durch Zeichen und Wunder von Gott verherrlicht. Das verdient besonders Erwähnung, dass, als seine Leiche in der Kirche zu Böddeken zu Grabe getragen wurde und nach dem Totenamt mit Erde bedeckt werden sollte, er sich noch einmal zum höchsten Erstaunen der Anwesenden aus dem Sarg erhob. Zu den gewaltig Ergriffenen sprach er: „Geht zum Bischof, erinnert ihn an meine Bemühungen für dieses Kloster und sagt, dass er, welche auch immer aus dieser Jungfrauen-Genossenschaft zur Äbtissin gewählt würde, nicht hindere, ihr Amt zu übernehmen, wäre sie auch nach ihrem Ursprung und ihrem Stand nur eine Magd, denn ich, des Körpers entledigt, habe gelernt, was von denen geschehen muss, die in der Kirche das Hirtenamt führen.“ Nach diesen Worten neigte er sein Haupt wieder zurück und schloss seine Augen im Tod. Kaum hatte sich das Gerücht von diesem Wunder verbreitet, so fing man weit und breit an, das Grab zu besuchen, ihn zu verehren und anzurufen und gar viele erhielten Beweise von seiner wundertätigen Rechten, denn Lahme, Blinde, Gichtbrüchige und von allen möglichen Krankheiten Heimgesuchte fanden an seinem Grab Genesung. Es kann nicht mit Stillschweigen übergangen werden, was sich 50 Jahre nach dem Tod des heiligen Meinolf ereignete. Am 16. Januar 897 feierten die Priester der Böddeker Kirche zur gewöhnlichen Zeit das heilige Messopfer. Als der Diakon das Evangelium sang, zersprang mit großem Krachen der Stein auf dem Grab in vier Stücke und nach der Wandlung zerbarst er in noch mehrere kleine Teile, so dass sich der ganze Sarkophag dem Anblick darbot. Zugleich drang ein so süßer Wohlgeruch aus dem Grab hervor, als ob Gott andeuten wolle, man solle einen so heiligen Körper erheben. Man überbrachte die Nachricht von dieser wunderbaren Erscheinung dem Bischof Biso. Der befahl, das Grab wieder herzustellen und mit einem Stein zu bedecken. Bald darauf wiederholte sich dasselbe Ereignis. Eine unsichtbare Gewalt schleuderte den Stein vom Grab. Auch diesmal musste dasselbe auf Befehl des Bischofs wieder hergestellt werden. Bald darauf erschien der heilige Meinolf dem Pfarrer von Atteln, namens Meinhard, und forderte ihn auf, den Bischof um Versetzung seiner Gebeine an eine ehrenvollere Stelle zu ersuchen. Wiewohl sich diese Erscheinung mehrmals wiederholte, so achtete doch Meinhard wenig darauf und hielt sie für Täuschung oder ein Traumgebilde. Zum dritten Mal erschien ihm der Heilige und verkündete ihm den Verlust des Augenlichtes, von dem er nicht eher befreit werden sollte, bis er den ihm gegebenen Auftrag vollzogen hätte. Da endlich wurde Meinhard durch Schaden klug. Erblindet schlug er den Weg ein, den er sehend nicht gehen wollte. An der Hand ließ er sich nach Paderborn zum Bischof führen und meldete ihm, was geschehen war und was der heilige Meinolf mit seinem Grab wolle. Da bekam der Bischof selbst Furcht. Er reiste sofort mit einigen Priestern nach Böddeken, ließ die Überreste des Heiligen aus dem Grab erheben und zur Verehrung öffentlich ausstellen. Kaum war dies geschehen, so erhielt Meinhard den Gebrauch seiner Augen wieder.

 

Der Ruf der Heiligkeit des heiligen Meinolf und der Wunder, die an seinem Grab geschahen, verbreitete sich mehr und mehr und lockte viele Pilger zu seiner Ruhestätte. Besonders waren die Klosterfrauen zu Böddeken hoch erfreut, im Besitz der Reliquien des gefeierten Heiligen zu sein.

 

Das Kloster des heiligen Meinolf blieb von Heimsuchungen nicht verschont. In der Bengeler Fehde (1384-1394) wurde Böddeken, wie das benachbarte Benediktinerkloster Dalheim verwüstet und niedergebrannt, die Lehnsherrn betrachteten die Einkünfte des Klosters als ihr Eigentum, verkauften sie oder behielten sie für sich. Die Nonnen flüchteten in sichere Asyle, nur die Äbtissin Walburga blieb in dem verfallenen Kloster zurück. Auf den Mauern von Kirche und Kloster sprossten Bäume hervor. Nur das Chordach wurde notdürftig hergestellt. Die Geistlichen hatten den unglücklichen Ort verlassen.

 

Im Jahr 1406 trug das Domkapitel zu Paderborn bei dem Bischof Wilhelm, Herzog von Berg, darauf an, die Reliquien des heiligen Meinolf nach Paderborn zu versetzen und die noch übrigen Klostergüter mit der Domkirche zu vereinigen. Die Versetzung der Reliquien genehmigte der Bischof, nicht aber die Einverleibung der Güter. Er selbst begab sich mit dem Dompropst Heinrich von Büren, einigen Geistlichen und 40 Reitern nach Böddeken. Als zwei Frauen ihre Ankunft und Absicht erfuhren, eilten sie in die Kirche und verbargen den Sarg des Heiligen in einer an den Kirchturm stoßenden Stallung unter der Streue. Der Bischof suchte in der Kirche vergebens nach den Reliquien und zog unverrichteter Sache nach Paderborn zurück.

 

Die Ritter Friedrich und Raveno von Brenken, Herren zu Wevelsburg, entrüstet über diesen Vorfall, brachten die Reliquien ihres geliebten Heiligen auf ihre Burg, fest entschlossen, sie gegen Entführer zu verteidigen. Als aber dort eine Viehseuche ausbrach, erachteten die Ritter ihre Tat als missfällig vor Gott. Sie schickten den Reliquienschrein nach Böddeken zurück, und sogleich hörte die Seuche auf.

 

Um das zerstörte Kloster des heiligen Meinolf wieder herzustellen, berief der Bischof Wilhelm von Zwolle in Holland des Augustiner-Prior Johannes Wael, damit er auf den Trümmern ein neues Kloster aufbaue und mit Mönchen seines Ordens bevölkere. Nur ungern ließ er sich zur Übernahme des so tief gesunkenen Klosters bereden. Die letzte Äbtissin Walburga von Walde verzichtete gegen ein Jahrgehalt und am 17. Juli 1409 ging das Kloster laut Übertragungsurkunde des Bischofs Wilhelm von Paderborn in den Besitz der regulären Chorherrn über.

 

Die eifrigen Augustinermönche versetzten die Reliquien des heiligen Meinolf in eine kleine Kapelle auf dem Kirchberg und hielten dort ihren Gottesdienst. Erst im Jahr 1485 wurde die neue Kirche vollendet und vom Weihbischof eingeweiht. Der Hochaltar hatte früher an der Stelle gestanden, wo dem heiligen Meinolf der Hirsch erschienen war. Er wurde weiter nach Osten gesetzt und an der eben bezeichneten Stelle ein steinernes Denkmal errichtet. Durch die Wiederherstellung des Klosters und der Kirche wurde die Verehrung unseres Heiligen neu belebt, und Gott verherrlichte die Ruhestätte seines heiligen Dieners durch mehrere Wunder. So wurden beim Kirchenbau einem 14jährigen Jungen durch einen schwer mit Steinen beladenen Wagen beide Beine abgefahren, aber durch die Fürbitte des heiligen Meinolf geheilt. Gelähmte erhielten an seinem Grab plötzlich den Gebrauch ihrer Glieder. Selbst ein Toter erstand auf die Fürbitte des Heiligen wieder zum Leben. Mehrere andere Wunder erzählt uns ein Schriftsteller damaliger Zeit als Augen- und Ohrenzeuge.

 

Kaum 400 Jahre hatte das Kloster Böddeken unter der segensreichen Wirksamkeit der Augustiner-Chorherrn geblüht, als der Sturm der Säkularisation im Jahr 1803 vernichtend auch für diese Stätte dahinfuhr. Der Staat zog die Klostergüter ein, die Hüter des Heiligtums wurden verjagt, das Kloster in eine königliche Domäne verwandelt und die Pächter gaben sich alle Mühe, das Andenken der Vorzeit gründlich zu zerstören. Die Kirche wurde ihres Schiffes beraubt, nur das feste Chor mit seinen Spitzbogenfenstern trotzte den Zerstörern.

 

Die Reliquien des heiligen Meinolf wurden am 26. August 1806 aus dem silbernen Sarg genommen und in einem Schrank der Bußdorfkirche zu Paderborn niedergelegt. Der kostbare Heiligenschrein ging mit zahllosen anderen kostbaren Heiligtümern in das königliche Museum, manche in die Hände jüdischer Trödler. Das Glöckchen, das man im Grab des heiligen Meinolf fand und von dem die Sage erzählt, dass es, ohne von Menschenhand berührt zu sein, jedes Mal getönt habe, sooft der Tod eines Konventualen nahe bevorstand, hat man vor einigen Jahrzehnten nach Böddeken zurückgebracht.

 

Zur tausendjährigen Jubelfeier unseres Heiligen im Jahr 1847 verfertigte ein junger Künstler einen kostbaren Sarg aus Mahagoniholz, in dem die Gebeine des heiligen Meinolf noch heute in der Bußdorfkirche ruhen, hochverehrt vom katholischen Volk Paderborns, wo der Heilige seine Liebe und Kraft dem Dienst Gottes und dem Heil der Seelen geweiht hatte.

 

Um das Jahr 1852 beschloss der jetzige katholische Besitzer von Böddeken, der Herr von Mallinckrodt, neben der Meinolfslinde eine Kapelle nebst Eremitage für einen Einsiedler zu bauen. Da ein Ast der Meinolfslinde zu weit hinausragte und den Bau hinderte, wurde ein Taglöhner beauftragt des Ast abzuhauen. Aber kaum hatte er die Axt zum Schlag geschwungen, da sah er innerhalb der Trümmer der alten Kapelle einen Mann mit vollem Bart und im Ordenshabit, der streng zu ihm aufsah und mit dem Finger drohte. Der Taglöhner stieg totenbleich vom Baum, erzählte die Erscheinung und war nicht zu bewegen, den Ast abzuschlagen. Der Ast blieb verschont. Als der Bau vollendet war, berief der Besitzer aus Italien einen Eremiten zum Hüter des Heiligtums. Sobald der Taglöhner den Einsiedler erblickte, rief er staunend aus: „Das ist derselbe, den ich in der alten Kapelle sah!“ Mit neuen Ästen und Zweigen grünt noch immer die tausendjährige Meinolfslinde und beschattet die Stätte, wo der Heilige seine irdische Laufbahn begann. Es bewahrheitet sich hier, was ein deutscher Dichter singt:

 

„Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,

Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt

Sein Wort und seine Tat in Liedern wieder.“

 

6. Oktober

 

Die heilige Fides, Jungfrau und Martyrin von Agen,

+ 284-305 - Fest: 6. Oktober

 

In Frankreich gibt es viele Kirchen, die auf den Namen dieser Heiligen geweiht sind, und in einem alten Messbuch ist eine eigene Messe am Tag der heiligen Fides; darin lautet die Sekret so: „Gott, der du immer glorreich bist in deinen Heiligen, und auch in den Schwächsten die Tugend deiner Macht zeigst, um alles Starke der Welt zu beschämen, nimm an dieses Opfer, das wir dir zum Gedächtnis der heiligen Fides, deiner Jungfrau und Märtyrerin, darbringen, und verleihe, dass bei dir uns helfe das Gebet derjenigen, deren heiliges Leben und herrliches Leiden dir gefallen hat. Durch Jesus Christus, deinen Sohn, unsern Herrn. Amen.“ Es gibt nämlich keine furchtsameren Geschöpfe als junge Mädchen; eine Kleinigkeit bringt sie oft in Schrecken und Angst. Deswegen konnte auch an niemand deutlicher sichtbar wurden, was die Kraft Gottes vermag als an Jungfrauen, die den Mut hatten, sich einem Martyrium zu unterziehen, vor dem auch der stärkste Mann zurückbebt. Die alten Akten berichten folgendes:

 

„Die heilige Fides war aus Agen gebürtig von sehr angesehenen Eltern; ein Kind des Ortes durch die Herkunft, ist sie geworden dessen Patron durch den Märtyrertod; adelig durch ihre Abstammung, ist sie noch edler geworden durch die Gnade Christi. Sie ist nämlich in der Stadt Agen allen Christgläubigen zuerst eine Zierde und ein Vorbild des Märtyrertums geworden; sie wollte das zeitliche Leben verlieren, damit sie das ewige besäße, da sie von Kindheit an den Herrn Jesus Christus geliebt und als ihren Gott und Schöpfer anerkannt hat. Sie war zwar jung an Jahren, aber in Gesinnung und Tat war sie alt; schön von Angesicht, war sie noch schöner dem Geist nach, wohlgestaltet im Glanz der Jungfrauschaft und anmutig durch die Heiterkeit ihres Antlitzes.

 

Zu jener Zeit wurde der ruchlose Oberrichter Dacian von den heidnischen Kaisern Diokletian oder Maximinian, die damals in Rom die Herrschaft führten, in die Stadt Agen gesandt. Vom Teufel gehetzt, hatte er den Plan gefasst, die Abgefallenen mit Geschenken zu belohnen und den Christen, die sich aus Furcht vor ihm verbargen, die grausamsten Strafen anzutun. Unverzüglich befahl er, auch die selige Jungfrau Fides aufzusuchen und ihm vorzuführen. Aber diese stellte sich ihm freiwillig, bezeichnete ihren Leib an der Stirn, Mund und Brust mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes, betete zu dem Herrn und sprach: „Herr Jesus Christus, der du den Deinigen immer in allem beistehst, hilf nun deiner Dienerin und gib meinem Mund die rechte Rede, wie ich antworten soll vor dem Angesicht dieses Tyrannen.“ Hierauf ging sie gestärkt durch den Heiligen Geist und mit fröhlichem Mut.

 

Als sie vor dem Richter stand, sagte er in freundlicher Ansprache: „Wie ist dein Name?“ Die heilige Fides antwortete ihm ohne alle Furcht: "Ich heiße Fides (Fides heißt auf Deutsch: Der Glaube) dem Namen und der Tat nach.“ – Der Richter sagte: „Was übst du für eine Religion und welchen Glauben hast du?“ Darauf erwiderte die heilige Fides: „Seit meiner Jugend bin ich eine Christin und diene dem Herrn Jesus Christus mit aller Hingabe des Herzens, seinen Namen bekenne ich und ihm überlasse ich mich gänzlich.“ – Der schlaue Richter aber antwortete mit scheinbarer Ruhe und Güte: „Junges Mädchen, nimm Rücksicht auf deine Schönheit und Jugend und lass dir raten, lass ab von dieser Religion und opfere der heiligsten Göttin Diana, da sie selbst eurem Geschlecht angehört, und ich will dich mit vielen Geschenken reich machen.“ – Die Jungfrau Christi achtete dieses Versprechen wie nichts und antwortete: „Aus der Väter Überlieferung habe ich gelernt, dass alle Götter der Heiden Teufel sind, und du willst mir durch Schmeicheleien einreden, dass ich ihnen opfere?“ – Der Richter, von Zorn ergriffen, sprach zu ihr: „Was, du hast dir herausgenommen, unsere Götter Teufel zu nennen? Entweder wirf dich nieder und opfere den Göttern, oder ich lasse dich peinigen.“

 

Die heilige Fides gestärkt durch das Beispiel der großen Märtyrer und voll Verlangen nach der himmlischen Herrlichkeit, rief bei diesen Drohungen: „Ich bin nicht nur bereit für den Namen meines Herrn Jesus Christus Qualen zu dulden, sondern ich wünsche auch in seinem Bekenntnis den Tod zu leiden.“ – Da befahl der Richter, noch ärger aufgebracht, seinen Dienern, die heilige Jungfrau auf ein metallenes Bett zu legen, mit Ketten an Händen und Füßen darauf auszustrecken und Feuer darunter anzuzünden. Der Befehl wurde vollführt, und die unmenschlichen Diener warfen noch Öl und Fett in das Feuer, so dass die Flammen an ihren Seiten hinaufloderten.

 

Als die Anwesenden das sahen, riefen sie wie mit einer Stimme: O Ruchlosigkeit und Ungerechtigkeit! Warum wird eine Unschuldige und Verehrerin Gottes von angesehenem hohem Stand, ohne alles Verbrechen, so gestraft? Es waren nämlich viele, die, da sie die Standhaftigkeit der heiligen Fides sahen, ihren Nacken von dem verfluchten Joch der Teufel lösten, an den Herrn Jesus Christus glaubten und auch die herrliche Krone des Märtyrertums erlangten. Jener grausame Henker suchte sie zwar auch durch Schmeicheleien und Drohungen zuerst abwendig zu machen; als er sie aber in keiner Weise beugen konnte, gab er zuletzt das Urteil, dass sie gleich der seligen Jungfrau Fides in den Tempel geführt werden sollten, um entweder den Göttern zu opfern, oder enthauptet zu werden. Da die Streiter Christi nun durchaus nicht zum Opfern zu bringen zu waren, so wurden sie enthauptet und erlangten miteinander glücklich die Krone des Märtyrertums und ewiger Herrlichkeit.“

 

Wenn du von dem Gewissen, von dem Beichtvater, durch eine Predigt, durch ein Buch oder durch das Beispiel oder die Ermahnung eines wahren Christen aufgefordert worden bist, dich ernstlich zu bekehren oder tugendhafter zu leben, da ist dir vielleicht der Gedanke und das Gefühl gekommen: ich kann nicht. Und wenn man es genau nimmt, so ist es auch wahr; du kannst nicht aus eigener Kraft dich besser machen. Darum bist du aber nicht entschuldigt, denn was du nicht aus dir kannst, das kannst du durch Gott. Wer eine schwache Jungfrau, wie die heilige Fides gewesen ist, mit Mut und Kraft erfüllt hat, den furchtbarsten Martern freudig entgegen zu gehen, der kann auch dir die Kraft geben, schlimme Gewohnheiten zu überwinden und tugendhafte Werke auszuüben. Tue nur, was auch die heilige Fides getan hat, rufe inständig Gottes Beistand an durch Jesus Christus unseren Heiland und Fürsprecher, voll Demut in Rücksicht auf deine Schwachheit, voll Vertrauen auf Gottes Kraft in den Schwachen; dann wird Gottes Gnade dir helfen, dass du seinen heiligen Willen im Schweren wie im Leichten auszuüben vermagst.

 

Der heilige Bruno Hartefaust von Köln, Priester, Ordensstifter,

+ 6.10.1101 – Fest: 6. Oktober

 

Kraft und Zähigkeit im ritterlichen Kampf gegen die Feinde des Heils, Treue und Frömmigkeit, hoher Sinn und himmlisches Streben nach den erhabensten Zielen zeichnen einen Mann aus, der die Welt und die schnöde Lust verachtete und dennoch von der Welt zu allen Zeiten wird bewundert werden, der der Ärmste und Niedrigste sein wollte und die höchsten Ehren und den reichsten Gewinn davongetragen hat. Wer bewundert nicht den heiligen Bruno, den Stifter des Kartäuserordens? Von Deutschland aus strahlte seine Heiligkeit und sein gesegnetes Wirken nach Frankreich und Italien hinüber, und noch heute lebt sein Geist und sein himmlisches Streben in seinem Orden fort.

 

Bruno, entsprossen aus der altadeligen Familie, von der harten Faust“, erblickte das Licht der Welt um das Jahr 1035 zu Köln am Rhein. Schon als Kind zeigte er männlichen Ernst und verschmähte Spiel und Kurzweil. Unter den besorgten Augen seiner frommen Eltern und der tüchtigen Lehrer an der St. Kunibertsschule entfalteten sich die bedeutenden Geistesanlagen Brunos so herrlich, dass ihm seine Zeitgenossen die Ehrennamen: „Dichter, Philosoph und Theologe“ beilegten und dass sich der Ruhm seines Wissens und seiner Klugheit in allen Ländern Europas verbreitete. Wegen seiner Wissenschaften und Tugenden ernannte ihn der heilige Bischof Hanno von Köln zum Kanonikus seiner Domkirche. Nach dem Tod Hannos begab sich Bruno zu seiner weiteren Ausbildung an die berühmte Schule zu Rheims und überragte bald alle seine Studiengenossen derart an Wissen, Frömmigkeit und Bescheidenheit, dass ihn der Erzbischof Gervasius zum Domherrn von Rheims ernannte und ihm die oberste Leitung sämtlicher Bildungsanstalten übertrug. Mit hoher Weisheit, glühender Beredsamkeit und heiligem Eifer entzündete er die Herzen seiner Zuhörer und diese trugen seinen Geist in ihre Wirkungskreise hinüber. Man nannte ihn „eine Leuchte der Kirche, einen Lehrer der Lehrer, die Zierde seiner Zeit, das Muster aller Rechtschaffenen.“

 

Nach dem Tod des Erzbischofs Gervasius, der Bruno die Kanzlerwürde anvertraut hatte, wusste sich ein Unberufener durch Ränke und Bestechungen das Oberhirtenamt von Rheims zu erschleichen. Bruno mit noch zwei anderen Domherrn führte auf einer Kirchenversammlung Klage gegen den unwürdigen Eindringling Manasses, um den Gräuel der Verwüstung von heiliger Stätte abzuwehren. Erzürnt ließ der entartete Kirchenfürst die Häuser seiner Ankläger niederreißen, ihre Einkünfte einziehen und ihre Stellen verkaufen. Bruno entging persönlichen Misshandlungen durch die Flucht.

 

Schon lange hatte Bruno das Verlangen genährt, die arglistige und eitle Welt zu verlassen und in einem verborgenen Winkel der Erde die Tage in strengen Bußübungen, in Gebet und Betrachtung zu leben. Deshalb legte er sein Amt nieder, gerade in dem Augenblick, als man ihn an Stelle des abgesetzten Manasses auf den Bischofsstuhl erheben wollte, entsagte allem, was er hatte, und begab sich mit sechs gleichgesinnten Freunden im Jahr 1084 nach Grenoble zum heiligen Bischof Hugo, um von ihm ein Plätzchen in stiller Abgeschiedenheit zu erbitten. Hugo nahm die Gottesmänner freundlich auf, denn in einem wunderbaren Gesicht sah er, wie er in einer Einöde seines Sprengels, Kartaus genannt, einen schönen Tempel baute und wie sieben zirkelrunde Sterne aus der Erde emporstiegen und ihm den Weg zum Tempel zeigten. Er führte nun die heilsbegierigen Männer in die wilde Gebirgskluft, von schroffen Felsen umragt, von Schnee und Nebel umzogen. Dort baute Bruno eine Kirche und für je zwei seiner Gefährten eine Zelle, bald aber erhielt jeder seine eigene. Nach dem Namen der Wildnis hießen die Einsiedler Kartäuser.

 

Bruno und seine Genossen führten in der Kartause ein sehr strenges Leben. Sie beobachteten das strengste Stillschweigen, trugen ein härenes Bußkleid, lagen auf harter Streu, nur mit Schaffellen bedeckt, hielten beständiges Fasten, aßen niemals Fleisch, selbst in der Krankheit nicht, dreimal in der Woche genossen sie nur Wasser und Brot, am Dienstag und Samstag gekochte Kräuter, nur am Sonntag und Donnerstag Eier und Käse. Außer an Festtagen genossen sie nur einmal am Tag ihr spärliches Mahl. In ihrer Zelle beschäftigten sie sich mit Bücherabschreiben, im Garten mit Handarbeit, Graben und dergleichen. Nur zum Chorgebet um Mitternacht und zur Vesper am Nachmittag versammelten sie sich in der Kirche. Kam ein Bruder zum Sterben, so wurde er auf geweihte Asche gelegt, und war er unter den Gebeten der Brüder gestorben, so wurden dreißig Tage lang Heilige Messen für ihn gelesen.

 

Ungeachtet der außerordentlichen Strenge des Ordens kamen von nah und fern Männer herbei und baten um Aufnahme, um für ihre Sünden zu büßen oder dem heiligen Bruno in seiner strengen Lebensweise nachzuahmen. Der heilige Bischof Hugo besuchte öfters die frommen Brüder und bediente sich Brunos als Gewissensrates.

 

Sechs Jahre lang hatte Bruno in seiner Einöde glücklich gelebt, als ihn sein ehemaliger Schüler Eudo, jetzt Papst Urban II., nach Rom berief, um sich seines weisen Rates zu bedienen. In Demut brachte der fromme Ordensmann das Opfer des Gehorsams und nahm rührenden Abschied von seiner geliebten Kartause. Einige Brüder begleiteten ihn. Der Papst nahm ihn mit größter Hochachtung auf und wies ihm eine Wohnung in seinem Palast an, allein er sehnte sich nach seiner stillen Kartause zurück, wie ein Fisch nach dem Wasser. Der Papst wählte Bruno zum Erzbischof von Reggio, aber der Heilige war zur Annahme dieser Würde nicht zu bewegen. Erst nach langem Bitten erhielt er die Erlaubnis, sich in einer Wüste Kalabriens, la Torre genannt, eine neue Kartause zu bauen und das stille Einsiedlerleben fortzusetzen. Der Graf Roger von Sizilien baute ihm eine Kirche und mehrere Zellen, denn bald schlossen sich gleichgesinnte Männer dem heiligen Ordensstifter an und wetteiferten mit den Bewohnern der ersten Kartause, die er durch häufige Briefe und liebreiche Ermahnungen in der Verachtung der Welt bestärkte. Der Heilige verfasste auch Erklärungen der Psalmen und der Briefe des heiligen Paulus, sowie eine Elegie über die Verachtung der Welt. Dem Papst blieb er ein treuer Ratgeber und auf mehreren Kirchenversammlungen bekundete er seine Weisheit und seinen Seeleneifer aufs herrlichste.

 

Dem Grafen Roger blieb seine Fürsorge und Liebe zu Bruno nicht unbelohnt. Als er nämlich Capua belagerte, um seinen ungerechterweise gefangenen Verwandten, den Fürsten Richard von Aversa, zu befreien, hatte einer seiner Anführer heimlich sich bestechen lassen, in der Schlacht zum Feind überzugehen. In der Nacht vor dem Entscheidungskampf sah der Graf im Traum den heiligen Bruno mit zerrissenen Kleidern und bitter weinend vor sich stehen, sprechend: „Steh auf, ergreife die Waffen und rette dein und deiner Soldaten Leben!“ Der Graf springt auf, ruft seine Kriegsobersten und befiehlt ihnen, unter die Waffen zu treten. Der Verräter Sergius ergreift die Flucht und der Graf dankt Gott für seine Rettung. Als er einige Zeit später den Heiligen besuchte, wies dieser den Dank auf seinen schirmenden Schutzengel ab.

 

Dem Kloster la Torre stand Bruno jahrelang mit weiser Umsicht vor und er konnte mit Genugtuung auf sein schönes Werk zurückschauen. Als ihm eine schwere Krankheit sein baldiges Sterben ankündigte, ermahnte er seine versammelten Jünger zur Liebe und Opferfreudigkeit, legte eine öffentliche Lebensbeichte ab, betete feierlich das Glaubensbekenntnis und hob besonders seinen Glauben an das heiligste Altarsakrament hervor. Am 6. Oktober 1101 vertauschte er seine arme Zelle gegen einen Himmelsthron. Als man nach 400 Jahren (1515) seine Leiche in la Torre erhob, fand man sie völlig unversehrt. Sein Geist lebt noch heute in alter Kraft und Reinheit segensreich im Kartäuserorden fort.

 

7. Oktober

 Rosenkranzfest

 

Die heilige Ositha (Osgith), Äbtissin und Martyrin von Chich, England,

+ 7.10.870 - Fest: 7. Oktober

 

Die heilige Ositha, eine Prinzessin von England, ist wahrscheinlich im Anfang des neunten Jahrhunderts auf die Welt gekommen. Friedebaldus und Wilteberga, ihre Eltern, weil sie selbst zu aller Andacht geneigt waren, haben ihre Tochter frühzeitig in ein Kloster geschickt, damit sie dort gottesfürchtig erzogen würde. Die heilige Editha, eine leibliche Schwester des Königs Alfridus, stand diesem Kloster, in dem die kleine Ositha sich aufhalten sollte, als Oberin vor. Gleichwie sie nun selbst einen heiligen Lebenswandel führte, so bemühte sie sich, auch Ositha zu aller Tugend anzuweisen. Ositha zeigte sich bereit zu allem, und ließ schon in ihren zarten Jahren einen solchen Eifer verspüren, dass man von einer erwachsenen Klosterfrau kaum mehr hätte erwarten können. Das Beispiel ihrer heiligen Oberin und anderer gottgeweihten Frauen stand ihr beständig vor Augen, und nach diesem versuchte sie ihr Leben einzurichten.

 

Nach einigen Jahren wurde sie vom Vater aus dem Kloster an den Hof berufen. Sie vermerkte dort sehr viele Gefahren, ihre Unschuld zu verlieren, wusste sich aber dem entsprechend zu verhalten, so dass sie allen Gefahren widerstand. Die Mittel, die sie dazu gebrauchte, waren vor allem Gebet, Betrachtung und der häufige Empfang der heiligen Kommunion. Auf dem Weg der Tugend, den sie im Kloster zu gehen angefangen hat, blieb sie standhaft, und ließ sich keineswegs durch die Ausgelassenheit des Hoflebens einnehmen.

 

Mit der Zeit geschah es, dass Sigerius, ein mächtiger Beherrscher der Sachsen, Ositha zur Ehe begehrte. Die Eltern willigten ohne weitere Bedenken ein; Ositha aber, die sich schon vorher durch ein Gelübde mit dem jungfräulichen Leben verbunden hatte, konnte durch alle möglichen Zureden und Versprechungen nicht zur Einwilligung gebracht werden. Schließlich gebrauchten die Eltern Gewalt und Ositha wurde gezwungen das Jawort zu geben. Die Hochzeit wurde mit königlicher Pracht vollzogen. Die königliche Braut aber sandte ihre Seufzer zu Gott und bat inständig um mächtigen Schutz ihrer Jungfräulichkeit. Gott gab ihr auch besondere Gnade, dass sie ihren Gemahl unter allerhand Vorwand abhielt von dem, wodurch ihr Gelübde verletzt werden konnte. Es ereignete sich auch unversehens ein Zufall, der Sigerius an einen anderen Ort berief. Kaum hatte er sich entfernt, da lief Ositha heimlich vom Hof weg, floh in ein Kloster, ließ sich dort die Haare abschneiden und ein geistliches Kleid anlegen. Dann nahm sie ihre Zuflucht mit größerer Zuversicht zu Gott, demütigst bittend, er möge das Herz ihres Mannes so leiten, dass sie von dem, was sie aus Liebe zur Jungfräulichkeit getan hatte, nicht mit Gewalt hinfort geholt werde. Das Gebet ist erhört worden; denn als Sigerius alles vernahm, was sich zugetragen hatte, zeigte er zwar einen heftigen Schmerz über den Verlust seiner so liebenswürdigen Gemahlin, wollte sie aber nicht von ihrem Vorhaben abhalten, sondern wünschte ihr Glück zu dem Stand, den sie erwählt hatte. Er baute ihr sogar ein besonderes Kloster und unterhielt es dann auch mit reichlichen Einkünften, damit sie dort mit allen, die ihrem Beispiel folgen wollten, Gott dem Herrn desto ruhiger dienen könnte. Das Vergnügen, mit dem das Herz der keuschen Ositha deswegen ganz erfüllt wurde, war größer, als dass man es mit Worten erklären könne.

 

In dem neu erbauten Kloster führte die heilige Ositha ein mehr engelhaftes, denn menschliches Leben so lange, bis ein dänischer Seeräuber mit etlichen Schiffen in der Nähe ihres Klosters angelandet und mit seinen Kumpanen an Land gestiegen ist. Die ganze Gegend, wo der Barbar hinkam, wurde durch Rauben und Plündern, durch Feuer und Schwert verheert. Die größte Wut ergoss sich über das das Kloster. Der Seeräuber, als er eingedrungen war und die heilige Ositha zu Gesicht bekommen hatte, ließ sich von ihrer außerordentlichen Schönheit ganz einnehmen. Und als er hörte, dass sie von königlicher Herkunft war, verlangte er sie zur Ehe. Die keusche, Gott verlobte Jungfrau, beteuerte ohne jede Zaghaftigkeit, dass sie sich niemals mit ihm in eine Ehe einlassen könnte noch wollte, sowohl weil sie eine Christin und er ein Heide sei, als auch weil sie sich schon mit dem himmlischen Bräutigam vermählt hätte. Der Barbar wollte nicht weichen, setzte ihr mit Liebkosen und Versprechen lange Zeit zu. Da er aber merkte, dass dies umsonst wäre, verkehrte er die Liebe in eine Raserei und verlangte mit vielen Drohungen: wenn sie sich nicht mit ihm verehelichen wollte, so sollte sie wenigstens den Glauben Christi verlassen, sonst würde sie keine Stunde mehr zu leben haben. Die heilige Ositha, ganz erfreut über die Gelegenheit, Christus zu Liebe ihr Leben zu lassen, rief ganz unerschrocken, dass sie bereit wäre, eher nicht nur einmal, sondern hundertmal zu sterben, als von dem Glauben Christi abzuweichen. Einen so unerwarteten Heldenmut konnte der Unmensch nicht ertragen, sondern zog voller Wut sein Schwert aus der Scheide und schlug der keuschen christlichen Heldin mit eigener Hand das Haupt ab. Mit einem so glorreichen Ende beschloss die heilige Ositha ihr unschuldiges Leben. Gott hat ihr Grab durch viele Wunderwerke bei der Nachwelt herrlich gemacht.

 

Der Christ ist stark, aber nur in Gott. Je näher mit Gott verbunden, desto stärker wird er. Darum seufzen fromme Seelen so sehr nach der Liebe Gottes, nach der Vereinigung mit Gott; darum lieben sie die Andacht, die zu Gott hinauf zieht, die Einsamkeit, die Gottes Gegenwart in der Seele vor Zerstreuung bewahrt. Die öftere Kommunion ist den liebenden Seelen die Vereinigung mit Gott und die Quelle aller Gnade, aller Stärke, alles Trostes und allen geistigen Lebens; denn in Christus sind alle Schätze der Gnade und des Lebens verborgen.

 

8. Oktober

 

Die heilige Pelagia Pönitens, Büßerin von Jerusalem,

+ 8.10.457 – Fest: 8. Oktober

 

Die heilige Pelagia, eine Büßerin, in Antiochia in Syrien geboren, hatte vom gütigen Schöpfer eine ungewöhnliche Leibesschönheit und einen reich ausgestatteten Geist zum Wiegengeschenk erhalten. Schmählich aber missbrauchte sie diese Gaben, frönte der Weltlust, verlor sich in Eitelkeit und Genusssucht und wurde Schauspielerin und ein dienstbares Werkzeug der Unzucht. Nun geschah es, dass im Jahr 426 der Patriarch Maximian zu Antiochia eine Synode von Bischöfen versammelte, unter denen sich auch der heilige Nonnus von Heliopolis befand. Er predigte eines Tages im Vorhof der Kirche St. Julian den Gläubigen, und während er sprach, ritt Pelagia von Gold und Edelsteinen funkelnd auf einem Maultier vorüber. Große Störung trat dadurch ein, und Nonnus musste sogar seine Rede eine Weile unterbrechen. Bei dieser Pause seufzte er im Innersten des Herzens, dass der Herr nach seiner unendlichen Güte auch an dieser Frau Barmherzigkeit üben möge. Am anderen Morgen fühlte Pelagia einen unwiderstehlichen Drang, in die Kirche zu gehen, deren Schwelle sie schon lange nicht mehr betreten hatte. Nonnus predigte abermals über das schreckliche Gericht, das Gott über die unbußfertigen Sünder halten wird. Pelagia fühlte sich tief erschüttert, und nach beendigten Gottesdienst setzte sie sich hin und schrieb einen Brief an den Heiligen, in dem sie ihn nachdrücklich um Unterricht in der Lehre des Heils und um die Zulassung zur Taufe bat. Bisher war sie nur unter den Katechumenen eingeschrieben. Nonnus wollte in dieser Sache nicht für sich allein entscheiden, sondern trug der Reumütigen auf, nächsten Tages in die Versammlung der Bischöfe zu kommen. Wirklich erschien sie, bekannte auf den Knien liegend öffentlich ihre Sünden und wiederholte dann die Bitte um Erteilung des Sakramentes der Wiedergeburt. Nonnus, hierdurch von der Wahrheit ihrer Zerknirschung überzeugt, unterwies und taufte sie, worauf er sie der Obsorge einer frommen Witwe übergab. Pelagia schnitt sich die Haare ab, warf allen Schmuck beiseite, teilte ihr Gut unter die Armen aus und züchtigte ihren Leib mit Fasten und Geißeln. Schließlich hüllte sie sich in einen Bußsack, wallte nach Jerusalem, bezog am Ölberg eine Höhle und lebte da, fortwährend über ihre Sünden weinend und das bittere Leiden Jesu betrachtend, viele Jahre, bis sie um 457 der Tod von ihren Reuequalen erlöste.

 

9. Oktober

 

Der heilige Johannes Leonardi, Priester und Ordensstifter zu Rom,

+ 8.10.1609 - Fest: 9. Oktober

 

Der Italiener Johannes Leonardi starb im Jahr 1609, am 9. Oktober, und erst 1939 wurde er heiliggesprochen. Es werden wohl besondere Gründe vorliegen, warum es geschah.

 

Der Vater des Heiligen war der wohlhabende Herr Johannes Leonardi zu Lucca in Italien, und die Mutter hieß Johanna, eine geborene Lippi, und wo der Vater Johannes und die Mutter Johanna heißen, da muss doch auch eins der Kinder diesen Namen führen. Bei den Leonardi bekam ihn der Jüngste, das Nesthäkchen, der erklärte und verwöhnte Liebling aller im Haus, wie das ja bei dem Benjamin in einer Familie oft der Fall ist.

 

Da muss man schon von Glück reden, dass Johannes später trotzdem nie über die Strenge schlug, sondern ein ordentlicher Junge wurde, der es aus kindlicher Ehrfurcht sogar fertigbrachte, auf den Herzenswunsch zu verzichten. Gern wäre er nämlich Priester geworden, aber als es hieß, er solle Apotheker werden, sagte er ja und amen dazu. Später hat der junge Leonardi die Scheu, sich für den hohen Beruf ein- und durchzusetzen, wohl bitter bereut, denn wenn Gott einen jungen Mann eindeutig für den Priesterstand bestimmt, so muss man ihm unbedingt folgen. Wohl ist Johannes nachher noch Priester geworden, aber manches Jahr ist darüber verlorengegangen.

 

Johannes Leonardi war also Apotheker, drehte Pillen, stellte Pülverchen her und stand tagein und tagaus hinter dem Ladentisch. Fleißig kamen die Kunden und zeigten die Rezepte vor, und wenn Johannes Leonardi die Medizinen herrichtete, in Fläschchen füllte oder in Papier einhüllte, so sprach er auch mit den Leuten vom Wetter, von den Viehpreisen und vom lieben Gott, und weil der junge Apotheker zu allen nett, freundlich, höflich, gefällig und hilfreich war, legte man ihm die Reden vom lieben Gott auch nicht übel aus, sondern manche nahmen aus der Apotheke zu Lucca außer den Heilmitteln für den Leib auch Medizinen für die Seelen mit, indem sie sich, angeregt durch das gute Wort vom Ladentisch her, vor der Sünde kräftiger hüteten und wieder anfingen, die täglichen Gebete regelmäßig zu verrichten. Johannes Leonardi ersetzte also einen Kaplan und war ein Laienapostel. Verstehst du jetzt, warum er gleich nach der späten Heiligsprechung im Jahre 1939 in den Schott kam? Deswegen wurde ihm die Ehrung zuteil, weil er als Vorbild dienen soll, denn zu keiner Zeit waren die Laienapostel, die ungeweihten Priester im Arbeitskittel oder im Sportdress oder sogar in Kinderkleidung, notwendiger als heutzutage. Heute muss sich jeder Katholik als Priester betätigen.

 

Zwanzig Jahre zählte Johannes Leonardi, als der Vater starb, und am Tag nach dem Begräbnis saß der alte Knabe schon auf der Schulbank bei den Zwölfjährigen. Keine zehn Pferde hätten ihn noch am Ladentisch festhalten können. Im Dezember 1571 wurde er zum Priester geweiht. Niemand war glücklicher als er, und weil er seine Kaplanszeit bereits im weißen Apothekerkittel hinter sich gebracht hatte, besaß er neben dem Wissen auch Weisheit genug, um in der Schule, auf der Kanzel und im Beichtstuhl mit Erfolg zu wirken. Besonders waren ihm die Männer zugetan. Schließlich gründete er einen Orden, den er nach der lieben Mutter Gottes benannte, und starb dann im Jahr 1609.

 

Johannes Leonardi war in jungen Jahren Laienapostel. Seine Bedeutung für die heutige Zeit geht jedoch noch weiter, denn weil er einen katholischen Blick, das will sagen einen weiten Blick besaß, sah er über die enge Heimat, über Italien, hinweg, und mit brennenden Augen schaute er die Not der Heidenvölker. Um auch ihnen zu helfen, gründete der seeleneifrige Priester eine Schule für künftige Missionare, und es war dies die erste sogenannte Missionsschule, wie wir sie heute in großer Anzahl besitzen. Es sind aber immer noch zu wenig, denn bei all den großen Missionserfolgen, die zweifellos zu verzeichnen sind, darf nicht übersehen werden, dass sich die Heidenvölker stark vermehren, so dass auf einen einzigen Neugetauften fünfzig andere kommen, die unter den Heiden dazugeboren werden. Da können die wenigen Missionare nicht Schritt halten, und deshalb ist es katholische Pflicht und Schuldigkeit, dass man die Missionsschulen unterstützt.

 

Der heilige Günther (Gunther) von Thüringen, Einsiedler von Rinchnach,

+ 9.10.1045 – Fest: 9. Oktober

 

Unter der Regierung des Kaisers Heinrich des Heiligen lebte in Thüringen ein angesehener Adeliger, namens Günther. Er war verwandt mit König Stephan von Ungarn und mit mehreren Fürsten. Er hatte seine Jugendzeit in weltlichem Treiben und Streben zugebracht und den höheren Adel verloren, den Gottes Gnade der gläubigen Seele erteilt, und der in den Augen Gottes einen ewigen Wert hat. Er war sehr reich und suchte den verlorenen Frieden anfangs in den Genüssen, die der Reichtum gewährt. Allein sein Herz blieb ohne Ruhe und ohne Freude. Während er auf den Irrwegen der Sünde Hilfe und Heil suchte, wurde er von einem Strahl der göttlichen Gnade berührt und auf jenen Weg gewiesen, der allein zum Frieden führt. Dem Licht der Gnade folgend, begab er sich in das Kloster Hersfeld zum heiligen Abt Gotthard, der eben damals vom Kaiser nach Hersfeld berufen wurde. Ihm eröffnete er das Innerste seines Herzens. Tief erschüttert bekannte er die Verirrungen und Sünden seines ganzen Lebens und den festen Entschluss, sich selbst und all das Seinige dem Herrn zu weihen. Der gottselige Abt nahm ihn mit väterlichem Erbarmen auf, tröstete ihn mit himmlischer Weisheit bezüglich seiner Vergangenheit und gab ihm den Rat, als Mönch in ein Kloster zu gehen. Der aufrichtige Büßer nahm die Belehrung, den Trost und den guten Rat des Heiligen mit gläubigem Herzen und gutem Willen hin und zeigte sogleich durch die Tat, wie ernst er das Werk der Bekehrung nehme. Sich selber misstrauend im Besitz seiner Güter, vermachte er all seine Habe der Kirche des heiligen Wigbert durch ein Testament und wollte nun in das Kloster Gelingen eintreten. Indessen sollte ihm nach der ursprünglichen Fassung des Testamentes noch eine Verfügungsgewalt über die Einkünfte seiner Güter in so weit bleiben, als er derselben für sich und seine Mitbrüder im Kloster bedürftig wäre. Der weise Abt war mit dieser Anordnung nicht zufrieden. Er glaubte, ein solcher Vorbehalt könnte der Seele eines Neubekehrten weit mehr Gefahr bringen, als das Kloster daraus zeitlichen Gewinn ziehen dürfte. Darum verschob er einstweilen dessen Eintritt in den Orden und nahm ihn mit sich in das Kloster Altaich, wo er in weltlichem Gewand leben und Gott dienen konnte.

 

Indessen verzichtete der wahrhaft reumütige Günther auf all seine Güter und bat den heiligen Abt um Aufnahme in das Kloster. Vorher aber wollte er noch die Gräber der heiligen Apostel in Rom besuchen. Durch ihre Fürbitte hoffte er Vergebung für alle Sünden seines früheren Lebens und den Segen des Himmels für seinen Eintritt in den Orden zu erlangen. Der Abt gab ihm auch hierzu die Erlaubnis, und nun wallfahrtete der ritterliche Held als armer Pilger zu Fuß nach Rom und von da wieder zurück nach Altaich. Nach seiner Rückkehr legte er seinen Gürtel auf dem Altar des heiligen Mauritius in der Kirche des Klosters nieder, ließ sich das Haupt und den Bart scheren und bat um Aufnahme in den heiligen Orden. Er wurde aufgenommen, hielt die Probezeit aus und empfing aus der Hand des heiligen Abtes Gotthard das Ordenskleid.

 

Nachdem er die feierlichen Gelübde abgelegt hatte, bat er den Abt um die Erlaubnis, in das Kloster Gelingen eintreten zu dürfen, wie es früher sein Vorhaben gewesen war. Gotthard erlaubte es. Günther kam dahin und lebte, wie seine Mitbrüder, in der bisher ihm ungewohnten Armut und fortwährend mit Arbeit beschäftigt. Ungeachtet seines festen Willens, nur allein das Heil seiner Seele zu suchen, wurde er doch von mannigfaltigen Versuchungen geplagt, die ihn aus dem Kloster vertrieben hätten, wenn er nicht durch die Liebe und Freundlichkeit des heiligen Gotthard immer wieder aufs Neue ermutigt und in seinem Vorhaben bestärkt worden wäre. Bald waren ihm die Entbehrungen zu groß, bald der Gehorsam zu lästig, bald ekelte ihn an den frommen Übungen. All diese Versuchungen offenbarte er treulich seinem geistlichen Vater und Führer, der ihn liebreich tröstete mit dem Wort des Apostels: „Dass wir nur durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen können.“

 

Einst kam der arme Günther wieder mit seinen Klagen und seinem Jammer über die Versuchungen zum Abt. Dieser sah ein, dass gute Worte verschwendet wären, und dass dieser Wankelmut endlich einmal ganz gebrochen werden müsse. Darum sprach er in heiligem Ernst: „Es gibt keinen Mittelweg. Entweder musst du dich in aller Demut ganz dem Gehorsam unterwerfen und von ganzem Herzen Gott dienen, oder du ziehst dein Ordensgewand aus und kehrst wieder zur Welt zurück.“ Durch diese Rede des Heiligen wurde Günther im Innersten seiner Seele erschüttert und gleichsam aus seinem Schlaf aufgeweckt. Zerknirscht warf er sich unter Tränen dem Abt zu Füßen, bat um Verzeihung seiner Sünden und gelobte ernstliche Besserung.

 

Der heilige Abt vertraute diese Angelegenheit mit Günther dem frommen Kaiser Heinrich II. an und bat ihn um Unterstützung in der Beruhigung dieses Mannes. Der fromme Kaiser ließ Günther zu sich kommen und redete gar freundlich mit ihm. Er stellte ihm vor, wie niemand zwei Herren dienen könne, und wie der Mönch nicht wieder zur Welt zurückkehren dürfe. Es gelang ihm, den aufrichtigen Büßer dahin zu bringen, dass er jetzt allen bisher noch gehegten Ansprüchen entsagte und beruhigt und getröstet in das Kloster nach Altaich zurückkehrte.

 

Indessen war auch Gotthard nach Vollendung der Klosterverbesserung in Hersfeld, Tegernsee und Kremsmünster wieder in sein heimatliches Kloster zurückgekehrt. Unter seiner Leitung machte Günther ausgezeichnete Fortschritte im geistigen Leben. In aufrichtiger Demut unterwarf er sich nicht bloß seinen Vorgesetzten, sondern auch allen seinen Mitbrüdern. Erleuchtet durch Gottes Gnade vollbrachte er alle seine Geschäfte und Übungen mit einer solchen Gelassenheit und Treue, dass ihn selbst seine Vorstände als Vorbild bewunderten.

 

Der Ruf von seinem heiligen Leben drang bis an den Hof des Königs von Ungarn. Durch die Königin Gisela, die Schwester Heinrichs II., war auch König Stephan für das Christentum gewonnen worden. Er wünschte seinen Verwandten bei sich zu haben und von ihm Unterweisung im christlichen Leben zu erhalten. Günther begab auf mehrmaliges Bitten sich endlich zum König, nachdem er von seinem Abt hierzu die Erlaubnis und den Segen erhalten hatte. Aber auch am Hof des Königs setzte der eifrige Mönch seine strenge Lebensweise fort. Er ließ sich selbst an der königlichen Tafel nicht bewegen, Fleischspeisen zu genießen, denn er wollte, seinem Gelübde getreu, in der Entsagung und Abtötung ausharren bis an sein Ende. Als Günther einst mit dem König und all seinen Hofleuten zu Tische war, brachte man unter anderen köstlichen Speisen auch einen gebratenen Pfau. Der König drang mit aller Zudringlichkeit in seinen Verwandten, er möchte doch auch von diesem Gericht etwas genießen. Als Günther immer weiter sich weigerte und mit Entschiedenheit erklärte, es wäre dies gegen sein Gelübde, befahl ihm der König mit all seiner Strenge, er müsse davon essen. Günther nahm in dieser Verlegenheit seine Zuflucht zu Gott. Er senkte sein Haupt, verhüllte es mit seinen Händen und flehte unter Tränen zum Herrn, er möchte in seiner Güte und Macht bewirken, dass er seinem Gelübde nicht untreu werden dürfe. Während der Diener Gottes so betete und dann das Haupt emporrichtete, sah er, wie der gebratene Pfau auf einmal sich erhob und davonflog. Alle Anwesenden waren voll Erstaunen und priesen Gott, der die Gewissenhaftigkeit und Treue seines Dieners durch ein solches Wunder belohnte.

 

Dieses und vieles andere verleidete dem frommen Diener Gottes gar bald den Aufenthalt am Hof seines königlichen Vetters. Das Lob und der Beifall der Menschen waren ihm zuwider. Er wollte von den Menschen verachtet sein und nur allein Gott gefallen. Selbst der Aufenthalt im Kloster, wo er schon große Verehrung genoss, schien ihm gefährlich. Er bat darum seinen Abt Gotthard um die Erlaubnis, in dem nahegelegenen böhmischen Wald ein Einsiedlerleben führen zu dürfen. Nachdem er die Erlaubnis erhalten hatte, begab er sich ungefähr eine Tagreise weit in den Wald hinein. Auf einer Anhöhe, die den Namen Rankin erhielt, erbaute er eine Zelle und ein Kirchlein zur Ehre des heiligen Johannes des Täufers. Hier lebte er ungefähr drei Jahre in äußerster Armut. Bald wurde sein Aufenthalt bekannt, und es kamen viele Gläubige dahin, um von ihm Belehrung und Trost zu erhalten. Alle erbauten sich an seinen Reden und an seinem strengen Büßerleben.

 

Je größer der Zulauf zu dieser Einsamkeit wurde, desto ernstlicher sann der fromme Einsiedler auf eine Änderung des Ortes und auf gänzliche Abgeschlossenheit von den Menschen. Er begab sich in den Nordwald, um daselbst ganz allein seinem Gott zu dienen und den Kampf gegen den Widersacher durchzukämpfen. In dieser Einsamkeit führte er ein noch ärmeres Leben als zuvor. In der ersten Zeit seines Aufenthaltes im Nordwald war einmal im strengsten Winter eine solche Schneemasse gefallen, dass man neun Tage lang nicht mehr in Günthers Einsamkeit kommen konnte, um ihm, wie gewöhnlich, das notwendige Brot zu bringen. Kein Mensch in der Umgegend wusste noch von ihm. Drei Tage lang war er schon ohne einen Bissen Brot. Jetzt wurde sein Hunger äußerst heftig. Günther grub den eisigen Schnee, der schon Mannshöhe erreicht hatte, auf und suchte Waldkräuter, um sie in einem Topf zu kochen. Er fand einige, goss Wasser daran und brachte sie über das Feuer. Allein am ersten Tag wurden die Kräuter kaum erweicht, und er verschob das Essen auf den folgenden Tag. An diesem Tag ließ er die Kräuter kochen und wollte sie essen, aber sie widerstanden ihm. Indessen wurde der Hunger immer schlimmer, und Günther sprach zu sich selbst: „Ich stolzer, verweichlichter Mensch will kein Behagen finden an diesem gemeinen Gericht. Das sollte mir willkommen sein zur Büßung für den verschwenderischen Genuss von Leckerbissen, von Geflügel und Wildpret, wodurch sich früher so sehr mich versündigte! Ich will es genießen im Namen Jesu Christi, des Erlösers aller Menschen, der arm geworden um meinetwillen, da er reich war. Ich will es genießen, um an ihm einen Teil zu gewinnen.“ Und nun aß er von diesen Waldkräutern und erhielt sich am Leben, bis ihm wieder vom Kloster Brot gebracht wurde. Umso inniger dankte er jetzt fortan dem Herrn für das übersendete Brot, und umso zufriedener war er mit der kärglichsten Nahrung.

 

Auch in diese Einsamkeit kamen Priester und Laien zu ihm, die mit ihm gemeinschaftlich durch Gebet und Arbeit Gott dienen und ihr Seelenheil sichern wollten. Günther musste die Leitung dieser Einsiedler übernehmen, und er tat dies mit solchem Erfolg, dass die einsame Wüste gar bald eine große Anzahl Geistesmänner in verschiedene Klöster absenden konnte. Der Abt von Altaich erlaubte den in sein Kloster aufgenommenen Brüdern, wenn sie dazu Lust bezeugten, sich zum gottseligen Günther zu begeben und von ihm jene himmlische Lebensweisheit zu lernen, die ihn selbst zu einem Lehrer und Führer der Gelehrten gemacht hatte.

 

Günther selbst hatte keine Studien gemacht. Er verstand nur einige Psalmen, die er betete. Und dennoch hatte er aus den Unterredungen mit den Brüdern und aus der emsigen Anhörung des göttlichen Wortes eine so tiefe Einsicht in die heiligen Schriften erlangt, dass er gar oft die schwierigsten Stellen mit bewunderungswürdiger Klarheit auslegen konnte. „Dies kann ich“, sagt sein Biograph Wolferus, „selbst bezeugen. Ich habe ihn selbst gehört, als er einst am Fest des heiligen Johannes des Täufers in seiner Zelle eine Ermahnungsrede an die Brüder hielt. Er erinnerte sie an die Lebensweise, an die Nahrung und Kleidung dieses Vaters der Mönche und forderte sie auf, nach dem Beispiel dieses Heiligen die Armut und Demut zu leben und in Übung dieser Tugenden das Wohlgefallen Gottes zu suchen. Dann würden auch sie gewürdigt werden, den Heiland zu schauen, der zu denjenigen komme, die demütigen Herzens sind und auf dem Weg der Selbstverleugnung ihm nachfolgen. Er sprach so eindringlich, dass alle Zuhörer in Tränen zerflossen. Unter diesen war der Abt Rathmund von Altaich und mehrere Brüder, die mit ihm angekommen waren. Ich selbst durfte nicht in die Versammlung der Brüder eintreten, weil ich nicht zum Orden gehörte. Allein der Abt erlaubte mir, dass ich mich außen an ein Fenster stellen durfte, wo ich, vom Redner nicht bemerkt, alle seine Worte deutlich vernehmen konnte. Wahrhaftig dieser Mann war, wie der heilige Papst Gregor den heiligen Benedikt nennt, ein einsichtsvoller Nichtwisser, und ein weiser Ungelehrter.“

 

Nicht bloß Laienbrüder, sondern auch Priester kamen in Günthers Einsamkeit, um von ihm Unterricht im Geistesleben zu erhalten. Unter diesen war auch ein Geistlicher aus Sachsen, namens Tammo. Denn der Ruf von Günthers Heiligkeit hatte sich bis nach Sachsen verbreitet. Tammo bat um Aufnahme. Günther führte ihn zum Abt nach Altaich, dass er daselbst die Gelübde auf die Regel des heiligen Benedikt ablegen sollte. Denn nur solche, die der Abt als die Seinigen anerkannte, nahm Günther unter seine Jünger auf. Der Abt aber übertrug alle seine Vollmacht auf den ehrwürdigen Einsiedler, dem sie während ihres Aufenthaltes in der Einsamkeit gerade so gehorsamen mussten, wie ihm selber. Der Geistliche kehrte dann zurück zu Günther und lebte längere Zeit in demütigem Gehorsam mit den übrigen Brüdern. Auf einmal wurde er aber ganz anders. Eitelkeit und Stolz verblendeten sein Herz, und er suchte die Brüder von Günther abwendig zu machen. „Wer ist denn dieser Günther,“ sprach er, „dass wir ihm gehorsamen sollen? Er ist ein Laie und ganz ungebildet. Sein Leben verdient nur Verachtung.“ Die Brüder entgegneten ihm: „Günther ist es, der das Kreuz Christi in dieser Einsamkeit aufgepflanzt hat. Er hat sein Leben ganz im Dienste des Herrn zugebracht und ist ihm bis in sein höchstes Greisenalter treu geblieben. Dich hat die Demut, die Wächterin aller Tugenden verlassen, und der Geist des Hochmuts hat dein Herz betört, sonst könntest du keine solchen Lästerungen gegen den heiligen Mann aussprechen.“ Der Geistliche ließ sich nicht zurechtweisen, sondern erklärte ihnen, er werde sich von ihnen trennen und für sich allein dem Herrn dienen, der ihm Weisheit und Kraft verliehen habe. Günther soll ihm nichts mehr einzureden haben.

 

Und so tat er auch. Bald wurden ihm Visionen und außerordentliche Ansprachen zuteil, und er kam auf den Wahn, ihm sei die Wundergabe verliehen, und er sei berufen, die bayerischen Klöster zu reformieren. Sein Hochmut hatte ihn so sehr verblendet, dass er die trügerischen Vorspiegelungen des Satans für göttliche Eingebungen hielt. Er kam zu Günther und erklärte ihm, der Herr habe ihm aufgetragen, sein krankes Auge durch ein Wunder zu heilen, die zwei Blinden, Remigius und Razo, aber wieder sehend zu machen. Günther antwortete ihm: „Glaube mir, Tammo, lieber wollte ich auch am andern Auge erblinden, als mich von dem heilen lassen, der dir solche Lügen verkündet hat.“ Darauf entfernte sich Tammo und führte den blinden Razo in die Kirche, um ihn durch sein Gebet sehend zu machen. Sechs Stunden lang blieb er mit ihm in der Kirche und wartete immer, dass Razo sehend werde. Allein Razo blieb blind, und der neue Wundertäter ward elend zu Schanden. Voll Verwirrung und Angst kam der elend Getäuschte wieder zu Günther, fiel vor ihm nieder und sprach: „Ich habe mich vom Satan verführen lassen. Ich habe aufgehört, eine Diener Jesu Christi zu sein. Wenn nicht dein Gebet und das Gebet der Brüder mich rettet, so bleibe ich in Satans Gewalt, denn ihn habe ich angebetet statt des einen Herrn und Heilandes. Ihm war ich gehorsam, statt meinem Obern.“ Darauf antwortete Günther: „Petrus, den die ewige Wahrheit selbst als den Felsen erklärt hatte, auf den er seine Kirche baute, Petrus hat den Herrn drei Mal verleugnet. Als ihn aber der Herr in Gnaden ansah, weinte er bitterlich und erhielt Vergebung von demjenigen, der Mitleiden zu haben weiß mit unserer Armseligkeit. Mache dem Teufel, nachdem du gefallen bist, seine Freude nicht zur vollkommenen, indem du verzweifelst. Suche in Demut die Erbarmung des allmächtigen Gottes, die größer ist, als alle Sünden der Menschen.“

 

Tammo blieb jetzt wieder bei den Brüdern, allein er fand keine Ruhe. Wenn er betete oder Psalmen sang, so war es ihm immer, als flüstere ihm der böse Feind zu: Das ist alles umsonst, das gehört alles mir, und du bist mein. Niemand kann dich aus meiner Hand entreißen, auch Günther vermag es nicht.

 

Diese Unruhe und Zuflüsterungen offenbarte er dem frommen Günther. Dieser erzählte den ganzen Vorfall dem Abt Rathmund und dem Bischof von Passau, um sich mit ihnen zu beraten, wie geholfen werden könne. Der Bischof erklärte: „Hier erfüllt sich das Wort des Evangeliums: Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden. Tammo hat den hochmütigen Einflüsterungen des Satans Gehör gegeben und muss nach den kirchlichen Gesetzen seiner priesterlichen Auszeichnung beraubt werden. Als Laie soll er büßen in dieser Einöde!“ Wie der Bischof befohlen hatte, so geschah es. Indessen beteten die Brüder mit Günther inständig für den büßenden Bruder zu Jesus, dem Heiland aller Sünder, dass er sich seiner erbarme und ihn von seinen schrecklichen Versuchungen befreie. Denn noch sechs Monate lang wurde Tammo entsetzlich geplagt. Oft kam er zu Günther, dem er jetzt mit kindlicher Liebe anhing, und rief: „Ich kann es nicht mehr aushalten, ich kann nicht mehr leben. Bete doch für mich, du Mann Gottes, bete für mich!“ Der fromme Greis beruhigte ihn immer mit den Worten: „Ich habe das Vertrauen zu dem gütigen Jesus, dass er dich noch ganz befreien wird. Sei geduldig und harre aus, die Stunde der Erlösung wird gewiss kommen. Zweifle doch nicht an der göttlichen Hilfe. Sie wird dir gewiss zuteilwerden zur rechten Zeit. Wird sie auch verschoben, so bleibt sie doch nicht aus. Der Satan hat nur insofern eine Gewalt, dich zu quälen, als Gott es ihm erlaubt. Nie würde Gott solches gestatten, wenn es nicht notwendig wäre, dich zu demütigen. Bisweilen tut er, der die Menschen so sehr liebt, als wisse er nicht, wie sehr wir leiden; er will aber nur umso wunderbarer und vollkommener uns helfen. Werde doch nicht verzagt, lieber Bruder, sondern steh fest im Glauben, handle männlich und sei stark im Namen desjenigen, der allein die menschliche Gebrechlichkeit zu heilen vermag. Wenn aber Satan sich rühmt, er kenne deine Gedanken, dein Wollen und dein Vermögen, so weißt du ja, dass er der Lügner von Anbeginn ist, und dass er die Kinder des Unglaubens, die ihm Glauben schenken, in den unheilvollen Abgrund der Verzweiflung stürzt. Weise den Satan mit all seiner Hoffart und Lüge in der Kraft Jesu Christi ab. In Einfalt und Demut können wir ihn, den hoffärtigen Lügner, überwinden durch denjenigen, der uns geliebt hat bis in den Tod. Durch ihn, durch die Macht Jesu Christi können wir die Macht des Teufels vernichten und über ihn siegen. Glaube mir, glaube dem Sünder Günther: Durch die Gnade Jesu Christi, der in die Welt gekommen ist, zu suchen und selig zu machen, was verloren war, wirst du von deiner Plage befreit und selig werden wider den Willen des bösen Feindes, der dich auf seine Zulassung jetzt noch plagen darf.“

 

Während einer solchen Unterredung mit dem gottseligen Greis, der immer Gebete und Fürbitten mit seinen Trostworten untermengte, wurde der arme Tammo nach sechsmonatlichen furchtbaren Anfechtungen endlich ganz beruhigt. Dann lebte er noch viele Jahre in gründlicher Demut, in pünktlichem Gehorsam und in der äußersten Entsagung unter der Leitung des frommen Günther.

 

Günther genoss der nächtlichen Ruhe auf einem harten Felsen liegend. Dieser Fels aber hatte sich unter dem Leib des gottseligen Eremiten erweicht und gleich einer Mulde solche Vertiefungen angenommen, dass er zu einem bequemen Lager für den Leib sich gestaltete, insoweit dies auf einem Stein sein kann.

 

Die ganze Zeit, die der ehrwürdige Diener Gottes in der Einsamkeit zubrachte, wird auf 37 Jahre angegeben. Die ersten drei Jahre lebte er, wie schon erwähnt, zu Ranking. Dann begab er sich auf den Nordwald und gründete daselbst das Kloster Rinchnach. Dies muss schon vor dem Jahr 1009 geschehen sein. Denn in diesem Jahr schenkte Heinrich der Heilige mit Zustimmung seiner Gemahlin Kunigunde und seines Bruders, des Bischofs Bruno von Augsburg, dem von Günther gegründeten Kloster einen größeren Bezirk in der Umgegend des Nordwaldes. Die Grenzen dieser Schenkung sind in der am 7. Juni 1009 zu Merseburg ausgefertigten Urkunde des deutschen Königs Heinrich II. genau angegeben. Im Jahr 1029 wurde dieser Bezirk durch die Freigebigkeit des Kaisers Konrad II. noch erweitert. In demselben Jahr wurde das Kloster durch Bischof Perenger von Passau zu Ehren des heiligen Kreuzes, der seligsten Jungfrau Maria und des heiligen Johannes des Täufers eingeweiht. Kaiser Heinrich III. bestätigte all diese Schenkungen und unterordnete das Kloster unter den Abt von Altaich im zwölften Jahr seiner Regierung nach Christi Geburt 1040.

 

Nachdem die Angelegenheiten des Klosters vollständig geordnet waren, verließ der ehrwürdige Günther seine Stiftung und begab sich in die tiefere Wildnis bei Brznau. Hier lebte er einzig den Übungen des Gebetes und der Kontemplation, voll Ergebung in den Willen des Herrn sein zeitliches Ende erwartend. Seine Nahrung waren Waldkräuter und die Milch von einer Hirschkuh, die sich ihm zugesellte. Auch in dieser Einöde wurde er entdeckt und von den Mönchen des Klosters Brznau als Abt begehrt. Nun entfloh er zum letzten Mal auf einen Berg, den man später Dobrawoda, Gutwasser, nannte, wo er ganz verborgen blieb, bis ihn Herzog Brzelislaw auf einer Jagd entdeckte. Eine zahme Hirschkuh von außerordentlicher Größe machte den Herzog auf den frommen Einsiedler aufmerksam. Die Hierschkuh weidete an einem Bächlein, das von lieblichen Grün umfangen war. In einiger Entfernung erblickte der Herzog auf einem Felsen eine von Holz erbaute Zelle. Schüchtern mit dem heiligen Kreuz sich bezeichnend näherte er sich der Zelle. In ihr erblickte er einen Greis mit Silberhaaren, dessen Angesicht leuchtete wie das Antlitz eines Engels. Voll Schrecken und Staunen blieb der Herzog stehen und konnte kein Wort reden. Der ehrwürdige Greis redete ihn an und sprach: Fürchte dich nicht, sondern lobpreise den Herrn, der dich hierher gesandt hat. Denn ich bin Günther, der dich aus der Taufe gehoben hat, und ich bedarf nun bald deiner Dienste. Der Herzog fasste endlich Mut und fragte ihn, wie und wann er in diese Wildnis gekommen sei, und warum er ein so strenges Leben in der Einsamkeit führe. Zugleich bat er ihn unter vielen Tränen, er möchte doch mit ihm in seine Residenz zurückkehren, wo er ihn mit kindlicher Liebe pflegen werde. Der ehrwürdige Greis erklärte ihm, Gottes Wille sei es, dass er hier lebe und ausharre bis an sein Ende. Dann sprach er noch zum Herzog: „Sieh, mein Sohn, du bist um meinetwillen hierher geleitet worden. Erhöre nun auch meine Bitte. Die Auflösung meines armseligen Leibes ist nahe. Ich will, dass mein Leichnam zu Brzenau begraben werde. Andere werden es anders wollen, allein ich habe die Zuversicht zu Gott und bitte ihn, dass meine zeitliche Ruhe in Brzenau sein möge. Sorge dafür, mein Sohn, dass dieser mein Wille erfüllt werde, und dass man daselbst meiner vor dem Herrn gedenke, dessen Ankunft zum Gericht ich dort erwarten will. Übrigens wisse, dass ich morgen um die dritte Stunde dahinscheiden werde.“ Als der Herzog über diese Erklärung bitterlich weinte und zu jammern anfing, sprach der Greis: „Tu nicht so, mein Sohn, sondern habe Zuversicht zum Herrn und fürchte nichts. Erfülle meinen Wunsch. Jetzt gehe hin und schweige über das, was du gesehen und gehört hast. Morgen aber komme bei guter Zeit, dass du bei meinem Ende gegenwärtig sein kannst.“ – Der Herzog nahm betrübten Herzens Abschied von dem edlen Greis. Am anderen Tag kam er gar früh mit dem Bischof Severus von Prag zur Zelle Günthers. Der Bischof feierte daselbst das heilige Opfer, reichte dem Sterbenden noch die heilige Wegzehrung, und um die dritte Stunde verschied der gottselige Greis selig im Herrn.

 

Kaum war die Seele des Heiligen aus dem Leib geschieden, so verbreitete sich von dem entseelten Leib ein so lieblicher Wohlgeruch, dass die Umstehenden in seligem Wonnegenuss voll Staunen Gott lobten und priesen. Dieser Wohlgeruch hielt an bis zur Beerdigung.

 

Nachdem die Zubereitungen zur Begräbnis getroffen waren, wurden die heiligen Überreste des Seligen abgeholt. Man spannte zwei ungezähmte Pferde an den Wagen, auf dem man die Leiche bringen sollte. Diese Pferde waren beim Zug so gelassen und fromm, dass man sich verwunderte, wie selbst die unvernünftigen Tiere dem Seligen ihre Ehrfurcht bezeugten. Der selige Günther starb am 9. Oktober 1045. Bei seinem Grab zu Brzenau wirkte der Herr eine Menge Wunder, wodurch die Verehrung des seligen Günther von Tag zu Tag wuchs und eine allgemeine wurde.

 

10. Oktober

 

Der heilige Viktor, Märtyrer von Köln oder Xanten,

+ 10.10.286 – Fest: 10. Oktober

 

Am Niederrhein erhebt sich in der uralten Stadt Xanten ein prachtvoller Dom, dessen himmelanstrebenden Türme weit über Land und Strom hinausschauen. Zu diesem Meisterwerk der christlichen Baukunst strömten im Herbst 1886 zahllose Pilgerscharen, nicht, um die schönen Formen des Bauwerks zu bewundern, vielmehr um das 1600jährige Jubelfest jener Heiligen zu feiern, die dort um des christlichen Glaubens willen ihr Blut vergossen haben, und über deren Reliquien jenes prunkvolle Grabdenkmal errichtet wurde. Es galt die Jubelfeier des heiligen Viktor und seiner 330 Genossen.

 

Der heilige Viktor mit seinen Gefährten gehörte zur Thebaischen Legion, die früher zu Theben in Ägypten stand, wo das Christentum zu jener Zeit allgemein verbreitet war. Damals herrschte auf dem römischen Kaiserthron der grausame Diokletian, der im Jahr 286 den ebenso grausamen Maximian zum Mitregenten erkor. In demselben Jahr wurde die Thebaische Legion nach Rom berufen, um einen Kriegszug an den Rhein mitzumachen. Das Hauptheer stand bereits in Agaunum, jetzt St. Mauritz im Kanton Wallis. Dort erging an die Legion der Befehl des Kaisers, den Göttern zu opfern, um ihre Gunst für den Feldzug zu gewinnen. Da erklärte der Anführer Mauritius im Namen der ganzen Heldenschar, sie seien bereit, für Kaiser und Reich ihr Blut zu vergießen, nie aber würden sie dem Götzenopfer beiwohnen. Der wütende Tyrann Maximian gab darauf den grausamen Befehl, die Legion zu dezimieren, d.h. den zehnten Teil hinzurichten. Freudig erlitten die auserwählten Soldaten, von ihrem tapferen Anführer Mauritius ermuntert, den Martertod. Nochmals forderte der Kaiser das Götzenopfer, aber die Christen blieben treu. Wieder wurde je der zehnte Mann ermordet. Als auch die dritte Aufforderung scheiterte, befahl der ruchlose Tyrann, die ganze Legion bis auf den letzten Mann niederzuhauen. Dies geschah am 17. September. An diesem Tag feiert die Kirche das Fest des heiligen Mauritius und seiner Genossen.

 

Einige Abteilungen der thebaischen Legion standen bereits am Niederrhein in verschiedenen Militärstationen. Auch an sie ging der kaiserliche Befehl, den Götzen zu opfern, aber auch sie konnten und wollten dem sündhaften Ansinnen einer Glaubensverleugnung keine Folge leisten, und entflammt von dem heldenmütigen Martertod ihres Feldherrn und ihrer Kriegskameraden erklärten sie alle einstimmig, dass sie dem ungerechten Begehren des Kaisers niemals Folge leisten würden. Deshalb mussten sie das Bekenntnis ihres Glaubens mit dem Martertod besiegeln. Ursus nebst seinen Genossen wurde zu Solothurn am 30. September gemartert. Zu Trier erlitten 660 Thebäer nebst Tyrsus und Bonifacius, den beiden Anführern der Kohorten, am 4. Oktober den Martertod, Tyrsus auf dem Campus Martius, wo jetzt die Paulinuskirche steht, Bonifacius jenseits der Brücke. Es war an der Stelle, wo später die St. Viktorspfarrkirche stand und von wo der heilige Bischof Hildulph die Gebeine von 300 Märtyrern nach St. Maximin übertragen ließ. Am folgenden Tag, am 5. Oktober, wurde Palmatius, der Bürgermeister der Stadt, nebst sieben Ratsherrn um des Glaubens willen gemartert. Am 6. Oktober empfingen viele Bewohner der Stadt Trier, jeglichen Alters und Geschlechtes, die Marterkrone. Von den Thebäern starben weiter für den Christenglauben zu Bonn Cassius und Florentius mit 8 Genossen am 9. Oktober, zu Köln Gereon mit 316 Genossen am 10. Oktober und zu Xanten Viktor mit 330 Genossen ebenfalls am 10. Oktober.

 

Die Leichen des heiligen Viktor und seiner Kriegsgefährten wurden von den heidnischen Soldaten des ruchlosen Kaisers in einen Sumpf bei dem jetzigen Dorf Birten unweit von Xanten geschleppt. Dort ruhten sie, bis 50 Jahre später die erste christliche Kaiserin, die heilige Helena, die Gebeine der heiligen Blutzeugen aus ihrem unrühmlichen Grab erhob und zu ihrer Ehre einen herrlichen Tempel erbaute. Dieser erste Bau sank jedoch schon im Jahr 450 in Trümmer. Die neubekehrten Franken bauten ihn in königlicher Pracht wieder auf. Im Lauf der Jahrhunderte wurde die Kirche in Xanten mehrmals zerstört oder durch Feuersbrunst vernichtet, erstand aber immer glänzender aus der Asche. Im Jahr 1190 wurde der Grundstein zum jetzigen Dom gelegt, der im Jahr 1550 vollendet wurde. Groß prächtig und erhaben steht dieses Gotteshaus da, als ein würdiges Grabmonument für den hochherzigen Blutzeugen Christi und seiner heiligen Genossen, und als Denkmal der Dankbarkeit des niederrheinischen Volkes für ihren mächtigen Patron, unter dessen Schutz sich der katholische Glaube in allen Stürmen rein und unverfälscht erhalten hat.

 

Großartig gestaltete sich die 1600jährige Jubelfeier. Die ganze Stadt Xanten glich einem Laubgang mit duftenden Blumenkränzen und wehenden Flaggen. Von nah und fern pilgerten ganze Pfarrgemeinden mit ihren Geistlichen an der Spitze zum Grab des heiligen Viktor. In Gegenwart des Weihbischofs Dr. Cramer von Münster wurde der goldene Schrein aus einer Nische des Hochaltars entnommen und die Gebeine ihrer letzten Hülle entkleidet und in feierlicher Prozession umhergetragen. Zum Schluss der Festoktav hielt der hochwürdigste Erzbischof Dr. Philippus Krementz von Köln das Pontifikalamt, nach dem noch einmal in feierlicher Prozession der Reliquienschrein des heiligen Viktor umhergetragen wurde, begleitet von den Malteserrittern in scharlachroter Uniform, um dann wieder im Hochaltar beigesetzt zu werden. Mit welcher Andacht blickten die Christgläubigen auf ihren hochherzigen Vorkämpfer, und mit welcher Freude mochte der Heilige aus Himmelshöhen auf seine treuen Verehrer herabsehen.

 

Der heilige Gereon und seine Gefährten,

Märtyrer von Köln (Thebaische Legion),

+ 10.10.286 – Fest: 10. Oktober

 

Zu der thebaischen Legion, die mit ihren Anführern Mauritius, Exsuperius und Candidus in den agaunischen Engpässen an der Rhone den Martertod um Christi willen erlitt, gehörten noch einzelne Abteilungen, die in niederrheinischen Städten standen. Nach dem Martertod des Mauritius und seiner Gefährten sandte der grausame Kaiser Maximian den blutdürstigen Rictius Varus nach Trier, um auch dort die Christen, insbesondere zwei Kohorten der thebaischen Legion unter Tyrsus und Bonifacius, zu verfolgen. Er ließ am 4. Oktober die thebaischen Soldaten, an den zwei folgenden Tagen den Konsul Palmatius, mehrere Senatoren und viele christliche Bürger um ihres Glaubens willen hinrichten. Der heilige Bischof Felix von Trier ließ ihre heiligen Leiber gegen Ende des 4. Jahrhunderts in die Paulinuskirche übertragen, wo sie im Jahr 1071 aufgefunden wurden.

 

Cassius, Florentius und mehrere andere Soldaten der thebaischen Legion wurden bei Bonn gemartert, wo jetzt die sogenannte Marterkapelle steht, der heilige Viktor und seine Gefährten in Xanten.

 

Der heilige Gereon mit seinen 318 Gefährten erlitt den Martertod zu Köln am 10. Oktober. Die heilige Kaiserin Helena erbaute zu Ehren dieser Märtyrer eine schöne Basilika, die wegen ihrer reichen Vergoldungen „zu den goldenen Heiligen“ genannt wurde. Später wurde sie Stiftskirche, und ist gegenwärtig eine der Pfarrkirchen von Köln. Im Jahr 1121 wünschte der heilige Norbert Reliquien von diesen Heiligen. In Gegenwart des Abtes Rudolf von St. Pantaleon wurden einige Sarkophage in der Gereonskirche geöffnet und man fand die heiligen Leiber in ihren purpurnen Soldatenmänteln mit einem Kreuz auf der Brust nebst blutbespritztem Rasen, auf dem sie ihr Leben ausgehaucht hatten. Der Zisterzienser Heliand hat das Leben des heiligen Gereon in einer Rede ausführlicher beschrieben. Sein Fest wird am 10. Oktober gefeiert.

 

Bald nach dem Tod des heiligen Gereon wurden in Köln noch 360 Soldaten aus Mauretanien (Mauri), deren Anführer Gregor oder Georg hieß, um ihres Glaubens willen gemartert, in derselben Kirche beigesetzt, und später vom heiligen Erzbischof Anno erhoben. Ihr Fest wird am 15. Oktober gefeiert.

 

Der selige Tuto, Abtbischof von Regensburg,

+ 10.10.930 – Gedenktag: 10. Oktober

 

Der selige Tuto wird zum ersten Mal in einer Urkunde vom Jahr 889 aufgeführt als Mönch und Diakon des Klosters St. Emmeram in Regensburg. Die Jahrbücher nennen ihn einen ganz frommen Mönch und heiligen Mann. In den weltlichen Gegenständen und herkömmlichen Kenntnissen gebildet, hatte er bald ein Leben voll Unruhe und Gefahren, wie die Welt es ihm bot, verlassen, um sich ganz allein der Wissenschaft des Heils zu widmen. Einen edlen Geist ziehen die ewigen Wahrheiten an. Ausgezeichnete Tugenden empfahlen ihn bald zu wichtigen Diensten. Tuto verwaltete die Stelle eines Kustos (Bewahrer) in seinem Kloster. Als solcher hatte er zwar keine eigentliche klösterliche Würde inne, war aber als Vorstand der Sakristei, Schatzkammer, Bibliothek, des Archivs, als Aufseher über die Reliquien, Stiftungsgefälle usw. jedenfalls nach außen neben dem Klostervorstand die hervorragendste Persönlichkeit des Stiftes.

 

Noch höher sollte das Licht auf den Leuchter gehoben werden. Nach dem Tod des Abtbischofs Aspert (im Jahr 894) wurde Tuto zum Bischof von Regensburg erwählt. Er sträubte sich, seine stille Zelle zu St. Emmeram zu verlassen. Aber König Arnulf wandte sich an den Stiftsvorsteher und der befahl Tuto in kraft des klösterlichen Gehorsams die neue Würde anzunehmen.

 

Als Bischof lebte der selige Tuto für das Wohl der ihm anvertrauten Herde, aber auch für das Wohl der gesamten deutschen Kirche. An den Bestrebungen, sie zu verbessern, nahm Tuto lebhaften Anteil. Als bester Gönner und Helfer in diesem edlen Streben stand ihm König Arnulf zur Seite, der am liebsten und längsten in Regensburg Hof hielt. In allen wichtigen Reichsangelegenheiten nahm Arnulf seine Zuflucht zum frommen und weisen Regensburger Kirchenfürsten.

 

Arnulf hatte im Krieg gegen Swatopluk von Mähren die Hilfe des heiligen Emmeram erfahren. Nach seiner Rückkehr schenkte der König der Kirche St. Emmeram aus Dankbarkeit einen kleinen viereckigen Altar von einer Goldplatte bedeckt und mit Edelsteinen besetzt, von acht Säulen getragen, dazu einen silbernen Untersatz und ein kostbares Evangelienbuch, das einst Karl der Kahle 870 von zwei Brüdern, Berengar und Liuthard, mit Gold auf Purpurpergament hatte schreiben lassen. Die Zeitgenossen berichten, dass man damals kein Buch gekannt habe, das an Kunstwert und an Schönheit mit diesem Schatz hätte verglichen werden können. Dieses vorzügliche Werk westfränkischer Kunstfertigkeit wird zurzeit unter den Kleinodien der Münchener Staatsbibliothek aufbewahrt.

 

Um dem geistlichen Fürsten, dem kräftigsten Stützen des Thrones, größere Ansehen zu verschaffen, berief der König auf den 6. Mai 895 eine Synode nach Tribur bei Mainz. Tuto war anwesend. Diese Reichssynode, deren Vorsitzender Hatto von Mainz war, erließ 58 heilsame Vorschriften. Es wurde unter anderem bestimmt, dass ein Mönch zur Rettung seiner Seele oder um Seelen anderer zu gewinnen, mit Erlaubnis seines Bischofs, seines Abtes und seiner Mitbrüder sein Kloster verlassen und in ein anderes sich begeben dürfe. Wenn aber ein Mönch der geistlichen Zucht zu entfliehen trachte und deswegen den Abt verlassen wolle, so solle er von allen Brüdern gemieden und nirgends aufgenommen werden, damit er beschämt wieder zu seiner Pflicht zurückkehren müsse. Bei Gelegenheit der Triburer Reichssynode kam ein Gütertausch zwischen Tuto und einem Kleriker Heinrich zustande. Tuto überließ ihm durch seine Vögte Avo und Gundpert Güter zu Ittling und Denchling, erhielt aber dafür für „das Hochstift“ St. Emmeram und St. Peter die Güter zu Biebing und Denchling.

 

Nach Beendigung der Synode erlebte Tuto die Freude, tschechische Häuptlinge unter Führung des Spitihniev in Regensburg begrüßen zu können. Dieser Spitihniev, Sohn der heiligen Ludmilla von Böhmen (+ 927), war ein eifriger Förderer des Christentums. Bei dieser Gelegenheit wurden die Rechte des Regensburger Bischofstuhles auf Böhmen, die durch die mährisch-slavische Herrschaft gefährdet waren, wieder aufs Neue befestigt.

 

Tuto zeigte großen Eifer, in seinem weit ausgedehnten Sprengel neue Kirchen und Seelsorgstellen zu errichten, wobei ihn sein kaiserlicher Freund Arnulf treu unterstützte. Zu Roding (Rotagin) hatte Arnulf eine königliche Kapelle bauen lassen. Tuto weihte sie zu Ehren des heiligen Jakobus Minor und des heiligen Pankratius ein. Es war dies zweifelsohne eine Votivkirche des Kaisers für die auffällig rasche und glückliche Erstürmung Roms an der Kirche St. Pankratius.

 

König Arnulf starb 899 am 8. Dezember. Auch bei seinem Sohn, dem König Ludwig, zubenannt Ludwig das Kind, nahm Tuto eine einflussreiche Stelle ein. Nach dem frühen Tod Ludwigs, der 911 zu Regensburg erfolgte, wurde im selben Jahr Konrad der Salier zum deutschen König gewählt. Derselbe kam 916 nach Regensburg und wollte den Leib eines heiligen Dionysius, den er selbst von einer Reise nach Frankreich in der Begleitschaft Arnulfs mitgebracht haben soll, und das kostbare Evangelienbuch Karls des Kahlen mit sich nehmen. Den heiligen Leib fand er nicht. Von Tuto forderte der König auf den Rat seiner Kapläne, den Codex aureus (Das goldene Rechtsbuch) auszuliefern. Mit Freimut erklärte der Selige, dass er ihn nicht übergeben werde. Auf die Drohungen Konrads hin legte Tuto das Buch auf den Altar und rief zugleich den heiligen Emmeram um Rache über den Räuber des Schatzes an. Konrad ließ sich durch solche Worte nicht abschrecken. Er befahl seinen Dienern es zu nehmen und entfernte sich. Aber kaum hatte Konrad sich aufs Pferd gesetzt, da wurde er von heftigen Leibschmerzen befallen. Er erkannte dies als Strafe für den frevelhaften Raub und brachte das entwendete Buch wieder zurück. Allein die Krankheit ließ, wie erzählt wird, dessen ungeachtet nicht nach. Der Kaiser starb zwei Jahre später an einer Wunde, die er bei einem Feldzug erhalten hatte.

 

Von Tuto erhielt St. Emmeram einen goldenen Altarschmuck mit goldenem Kreuz aus Kronen Karls des Großen, Karlmanns und Kaiser Arnulfs gefertigt. Tausend Edelsteine haben ihn geziert. Derselbe war im Jahr 1633 noch vorhanden. In diesem Jahr wurde er zur Zahlung einer großen, vom Herzog Bernhard von Weimar auferlegten Brandsteuer verwendet.

 

Damals gehörte das Kloster Mondsee zum Bistum Regensburg. Es war ein Lieblingsaufenthalt des Bischofs Tuto. Als Tuto in Mondsee (Lunalacum) weilte, verkündete er den Mönchen einen schrecklichen Brand, durch den an einem gewissen Tag Regensburg vernichtet worden sei, so genau und umständlich, als wenn er ihn mit leiblichen Augen gesehen hätte. Die später ankommenden Boten bestätigten die Aussage des Bischofs.

 

In seiner letzten Lebenszeit erblindete Tuto. Dieses Leid ertrug er voll Ergebung in Gottes heiligen Willen. Er pflegte zu sagen: „Es sei ein kleiner Verlust, das leibliche Augenlicht zu entbehren, das wir mit den Mücken gemein haben; er sei zufrieden, wenn er die Augen des Geistes besitze, mit denen er Gottes Majestät betrachten könne.“

 

Der Selige starb im Kloster Mondsee am 10. Oktober 930 (931). Sein Leichnam wurde nach Regensburg gebracht und in St. Emmeram begraben. Sein Grabdenkmal steht im Südschiff der Kirche in nächster Nähe des Grabdenkmales des heiligen Wolfgang und ist eine einfache Steinplatte auf vier kleinen Pfeilern. Tuto hat den Regensburger Hirtenstab vierzig Jahre geführt. Arnold von Vohburg, um 1035 Prior von St. Emmeram, dessen Bücher über Leben, Tugenden und Wunder des heiligen Emmeram eine sehr wertvolle Quelle für die älteste Geschichte Regensburgs und Bayerns sind, nennt Tuto „einen Mann von großer Sanftmut und Frömmigkeit und von erleuchtetem Verstand“. Der gelehrte Abt Trithemius zählt ihn unter die Heiligen des Benediktinerordens; in der Regensburger Kirche wird aber kein Offizium von ihm gefeiert. Sein heiligmäßiges Leben beweist jedoch Arnold hinlänglich.

 

Sei ein treuer Kustos, ein Wächter und Bewahrer der Gnadengaben Gottes! Lasse sie nicht durch Trägheit im Guten, durch Halbheit und Gleichgültigkeit dir entschwinden, durch hochfliegenden Stolz sie nicht rauben. Die Tugenden, die Folgen beharrlicher Auswirkung der Gnaden, sind Kleinodien, deren Wert die Zeit überdauern.

 

11. Oktober

 

Mutterschaft Mariä

 

Der heilige Bruno, Prinz und Erzbischof von Köln,

+ 11.10.965 – Fest: 11. Oktober

 

Aus dem viel verschrienen, dunklen Mittelalter leuchten uns so schöne, hellglänzende Sterne entgegen, dass das Auge sich unwillkürlich zu ihnen erhebt und mit innigem Wohlgefallen darauf ruht. Unter diesen Sternen am Himmel glänzt als einer der schönsten der heilige Bruno, der unter so vielen ausgezeichneten Kirchenfürsten auf dem Kölner Bischofsstuhl eine hervorragende Stellung einnimmt.

 

Bruno wurde im Jahr 924 als der jüngste Sohn des deutschen Königs Heinrich I., des Finklers, und der heiligen Mathildis, geboren. Sein ältester Bruder wurde deutscher Kaiser, und hat sich als Otto I. einen ruhmvollen Namen in der Geschichte erworben. Sein anderer Bruder Heinrich erhielt das Herzogtum Bayern. Bruno prägte den Geist seiner heiligen Mutter am tiefsten seinem Gemüt ein und offenbarte frühzeitig Vorliebe für den geistlichen Stand. Unter der Leitung des ehrwürdigen Bischofs Balderich von Utrecht genoss er eine recht tüchtige Bildung und wurde nicht allein in der Heiligen Schrift und den Kirchenvätern, sondern auch in den übrigen Wissenschaften ausgebildet. Besonders zeichnete er sich in der Erklärung der Heiligen Schriften aus und drang durch vieles Beten und Betrachten tief in ihren Geist ein. Unter den Dichtern zog ihn am meisten der christliche Dichter Prudentius an. Einige Griechen, die an den Hof seines Bruders Otto gekommen waren, gaben ihm Unterricht in der griechischen Sprache, und er machte solche Fortschritte, dass er sich geläufig in darin auszudrücken vermochte. Seine wissenschaftliche Bildung vollendete der berühmte Bischof Ratherius von Verona, dem der dankbare Schüler in der Folge ein treuer Beschützer wurde.

 

Kaiser Otto I. ernannte seinen kaum zum jungen Mann herangereiften Bruder Bruno wegen seines asketischen Lebens, seiner hervorragenden Tugenden und Wissenschaften zum Abt von Lorsch bei Worms und Corvey an der Weser. In dieser Würde gab er sich alle Mühe, das Mönchsleben zu erneuern, den Geist der Frömmigkeit und Wissenschaft zu fördern und ging allen mit dem besten Beispiel voran. Wegen seiner Geschäftskenntnis, Klugheit und Umsicht erhob ihn der Kaiser zu seinem Erzkanzler und nach dem Tod Wigfrieds zu dessen Nachfolger auf dem erzbischöflichen Stuhl von Köln (953).

 

Um diese Zeit empörte sich Ludolph gegen seinen Vater, den Kaiser Otto, weil er befürchtete, es möchte ihm dessen Sohn Otto aus zweiter Ehe mit der heiligen Adelheid in der Thronfolge vorgezogen werden. In dieser Bedrängnis stand Bruno seinem gekrönten Bruder mit Rat und Tat aufs kräftigste bei, so dass Otto anerkennend zu ihm sprach: „Du bist mein einziger Trost, du meine einzige Hoffnung, nachdem der Sohn und Schwiegersohn (Herzog Konrad von Lothringen) zu Räubern und Vaterlandsverrätern geworden sind.“ Um solche Dienste zu belohnen und zugleich den Einfluss Brunos zu erweitern, übertrug ihm Otto auch die Verwaltung des Herzogtums Lothringen, das der aufrührerische Konrad verloren hatte. Bruno versammelte die deutschen Fürsten und die Großen Lothringens in Aachen, um sie in der Treue und Anhänglichkeit an Otto zu bestärken. Die Rebellen mussten sich unterwerfen. Durch Brunos gütige Vermittlung söhnte sich Ludolph wieder mit seinem Vater aus.

 

Ungeachtet der vielen weltlichen Geschäfte besorgte Bruno vor allem das Seelenheil seiner geistlichen Herde. Er predigte sehr fleißig und mit ergreifender Beredsamkeit, drang mit Eifer auf die gründliche Bildung der Geistlichen, gründete nützliche Anstalten und ging allen im Tugendeifer voran. Sein Haus war eine vortreffliche Schule der Tugend und Wissenschaft. Alle frommen und gelehrten Männer nahm er mit offenen Armen auf, während er Sittenlose aus seiner Umgebung verbannte. Staat und Kirche sind ihm zu hohem Dank verpflichtet, denn aus seiner Pflanzschule gingen viele Männer hervor, die tief eingriffen in das religiöse und nationale Leben Deutschlands, und der Nachwelt den Ruhm der Heiligkeit und unsterblicher Verdienste hinterlassen haben. Durch seine Empfehlung wurde Theodorich Bischof von Metz, Gerhard Bischof von Toul, Wigfried Bischof von Verdun, Heinrich und Egbert Erzbischöfe von Trier. Viele Klöster und geistliche Genossenschaften wussten von seiner Freigebigkeit und Fürsorge zu erzählen. Das Kloster St. Pantaleon zu Köln, gegründet im Jahr 956, ist seine Stiftung.

 

So reichlich Bruno den Armen und Notleidenden, Kirchen und Klöstern spendete, so einfach und arm lebte er selbst. Allem äußeren Gepränge und Aufwand abhold, lebte er wie ein Mönch. Bei all seinen umfangreichen Arbeiten für das Wohl der Kirche und des Staates blieb seine Hauptsorge die Heiligung seiner selbst, und seine Sehnsucht nach dem Himmel nahm von Tag zu Tag zu. Er, der sich in seiner hohen Stellung den Himmel auf Erden hätte bereiten können, kreuzigte sein Fleisch samt seinen Gelüsten, um die Himmelskrone nicht zu verlieren. Während er als Friedensstifter nach Frankreich gerufen wurde, starb er zu Rheims am 11. Oktober 965 in einem Alter von 40 Jahren. Sein Leichnam wurde nach Köln gebracht und im Kloster St. Pantaleon beigesetzt.

 

12. Oktober

 

Der heilige Seraphin Nikola von Montegrenario, Italien,

+ 12.10.1604 – Fest: 12. Oktober

 

Der heilige Seraphinus a Monte Granario, Laienbruder aus dem Kapuzinerorden, geboren 1540, war der Sohn armer Eltern und besaß von Kindheit an nichts, als Unschuld und Herzenseinfalt, ein Gut indes, das wünschenswerter ist, als Gold und Silber, Gelehrsamkeit und Macht. Seine Frömmigkeit nahm mit den Jahren zu, und so oft es seine Geschäfte erlaubten, begab er sich in die Kirche und breitete in Gottes Gegenwart sein Gemüt aus. Anfangs hütete er die Schafe, nach dem Tod seiner Mutter aber, die ihn in den frühesten Jahren schon zum Dienst des Herrn gebildet, arbeitete er als Maurer im Lohn seines Bruders, der ihn mit Härte behandelte, ohne dass jedoch der Dulder hierüber sich beklagte. Später wollte er sich dem Einsiedlerleben widmen, hielt es aber nach reifer Überlegung für besser, in dem Kapuzinerkloster auf dem Berg Granario unweit von Ascoli Aufnahme zu suchen. Anfänglich wollten die Väter von dem im Schulunterricht gänzlich Verwahrlosten nichts wissen, doch gaben sie endlich seinen wiederholten Bitten Gehör. Bald darauf legte er die Gelübde ab. Gewissenhaft beobachtete er die Regel seines Ordens, übte nebenbei außerordentliche Bußstrenge und leistete seinen Vorgesetzten unbedingten Gehorsam. Lange Zeit indes erregte er nichts weniger als Aufmerksamkeit und wurde sogar von einem Teil der Brüder mit Geringschätzung behandelt. Zuletzt aber erschien seine Tugend in so herrlichem Licht, dass er der Gegenstand der allgemeinen Hochachtung und Bewunderung seiner Klostergenossen wurde. Auch in die Umgegend verbreitete sich sein Ruf, und Personen hohen Ranges befragten ihn in wichtigen Angelegenheiten um Rat und nahmen seine Aussprüche zur Richtschnur. Die Notleidenden nahmen indes ganz vorzüglich seine Sorgfalt und Liebe in Anspruch, und er reichte ihnen jedes Mal die Hälfte von dem, was ihm von der Genossenschaft zum eigenen Bedarf gegeben wurde. Regelmäßig besuchte er die Kerker und Spitäler und sorgte für die geistigen und leiblichen Bedürfnisse der Gefangenen und Kranken. Das Leiden Christi war seinem Geist stets gegenwärtig. Streng gegen sich selbst war er nachsichtsvoll gegenüber anderen, wie es das Evangelium vorschreibt. „Es gefiel dem Herrn“, sagt die Bulle seiner Heiligsprechung, „dem armen, unwissenden und demütigen Laienbruder einen großen Einfluss auf die Bewohner der Nachbarschaft, namentlich von Ascoli, einzuräumen und seine erhabenen Tugenden mit himmlischen Gaben zu krönen. Er erleuchtete seinen Diener mit dem Licht von oben, so dass er die Zukunft weissagte und der verborgensten Falten der Herzen kundig war. Auch der Entzückungen hatte er sich zu erfreuen und der Gewalt, durch das bloße Kreuzzeichen die verschiedensten Krankheiten zu heilen.“ Seraphin verkündete das Ende seines Lebens vorher und entschlief selig am 12. Oktober 1604. Papst Clemens XIII. erließ 1767 den Beschluss seiner Heiligsprechung.

 

Der heilige Maximilian, Bischof und Märtyrer von Lorch, Österreich,

+ 12.10.288 – Fest: 12. Oktober

 

Von Rom, der damaligen Weltbeherrscherin, drang das Licht der christlichen Religion in alle Lande, die dem Zepter der römischen Kaiser unterworfen waren, denn unter den römischen Beamten und Soldaten in den eroberten Ländern befanden sich schon viele Christen, die voll Glaubenseifer auch manche Eingeborene der Kirche Jesu Christi zuführten. Auch in den Donauländern sehen wir schon in den ersten christlichen Jahrhunderten einige Christengemeinden aufblühen, und da konnte es nicht fehlen, dass zur Zeit der blutigen Verfolgungen unter den römischen Cäsaren Christenblut vergossen wurde.

 

Als der erste Bekenner des christlichen Namens in Österreich, der den heiligen Glauben mit seinem Blut besiegelte, erscheint der heilige Bischof Maximilian. Er war geboren zu Celeia in Noricum, dem heutigen Cilly in Untersteiermark, von frommen und reichbegüterten Eltern. Im Alter von sieben Jahren übergaben ihn seine Eltern dem gelehrten und gottseligen Priester Aranius, der die ausgezeichneten Geistes- und Herzensgaben des Jungen sorgfältig ausbildete und ihn mit besonderer Liebe zur Demut, Sanftmut, Keuschheit und Verachtung der irdischen Güter und Freuden erfüllte. Im Alter von neunzehn Jahren gelangte er durch den Tod seiner Eltern in den Besitz eines ansehnlichen Vermögens. Einzig auf die treue Nachfolge Christi und das Heil seiner Seele bedacht, verteilte er das ganze Vermögen unter die Armen und schenkte allen Sklaven die Freiheit.

 

Arm um Christi willen, reich an Tugenden, lebte Maximilian zu Laureacum, dem heutigen Lorch in Oberösterreich, still und zurückgezogen und gewann durch Wort und Beispiel viele Seelen für das Reich Gottes. Nach dem Tod des Bischofs von Lorch wählten Geistlichkeit und Volk den herzensguten, sittenreinen und wissensreichen Maximilian einstimmig im Jahr 257 zu ihrem Oberhirten. Er weigerte sich in seiner Demut, ein Amt zu übernehmen, das selbst Engelschultern zu schwer ist. Als er aber dem unaufhörlichen Drängen des Volkes nicht länger widerstehen konnte, willigte er ein, machte aber erst eine Reise nach Rom, um vom Papst Sixtus II. die Bestätigung und den apostolischen Segen einzuholen. Der Heilige Vater empfing ihn mit viel Liebe, weihte ihn zum Bischof, und mahnte ihn, sich der verfolgten Christen in Noricum und Pannonien anzunehmen.

 

Mit dem Segen des Heiligen Vaters kehrte Bischof Maximilian heim, zeigte sich als lebendiges Vorbild aller Christentugenden, zog im ganzen Land predigend umher, sammelte die zerstreuten Schäflein der Herde Christi, stürzte die Götzenbilder, pflanzte das Kreuz auf, verdrängte überall das Heidentum mit der Waffe des göttlichen Wortes und taufte die heilsbegierigen Heiden. Auf seinen apostolischen Reisen drang er bis nach Bayern und baute in der Gegend von Freising zu Ehren der Himmelskönigin Maria ein Kirchlein. Deshalb wird er beim oberbayerischen Volk noch immer als besonderer Patron verehrt.

 

Eine lange Reihe von Jahren hatte Maximilian unermüdlich für die Ausbreitung und Befestigung des Christentums gearbeitet, als er sich angetrieben fühlte, auch in seiner Vaterstadt Cilly dem noch immer nicht völlig ausgerotteten Götzendienst entgegenzuarbeiten. Um jene Zeit aber hatte der römische Kaiser Numerian eine grausame Verfolgung gegen die Christen begonnen. Sein Statthalter in Noricum, Evilasius, ein willfähriges Werkzeug des tyrannischen Kaisers, ließ den strengen Befehl ergehen, dass an einem bestimmten Tag bei dem ersten Schall der Posaune alle Einwohner von Cilly ohne Unterschied des Standes im Tempel des Kriegsgottes Mars sich einfinden und opfern sollten. Mit inniger Betrübnis sah Maximilian, dass sogar mehrere Christen aus Menschenfurcht dem Aufruf des Tyrannen Folge leisteten und dem Götzen opferten. Da entbrannte er in gerechtem Zorn, und nachdem er für sich und die Gläubigen Stärke von Gott erfleht hatte, predigte er auf öffentlichem Markt mit würdevollem Freimut gegen die Torheiten des heidnischen Götzendienstes, beschwor die Christen zur Treue und Standhaftigkeit im Glauben und versprach ihnen dafür die Himmelskrone. Evilasius geriet über die Kühnheit des Bischofs in unbändige Wut und ließ ihn von seinen Schergen in den Marstempel führen. Hier drückte Maximilian seinen Abscheu vor den heidnischen Torheiten noch entschiedener aus und warf dem Statthalter seine Ungerechtigkeit und Grausamkeit vor. Da schleppten ihn die Schergen des ergrimmten Evilasius zur Stadt hinaus und schlugen ihm das Haupt ab am 12. Oktober 288.

 

Während der Nacht trugen die Christen den Leichnam auf den gemeinsamen Kirchhof, von wo ihn der heilige Bischof Rupert nach Lorch bringen ließ. Als wegen der häufigen Einfälle der Avaren der Bischofssitz von Lorch nach Passau verlegt wurde, brachte man die Gebeine des heiligen Maximilian nach Passau, wo sie noch heute ruhen und verehrt werden. In Cilly zeigt man noch den Platz, wo des Märtyrers Blut floss, und einen Brunnen, der an seinem Todestag wunderbarerweise dem Erdboden entsprang.

 

13. Oktober

 

Der heilige Eduard der Bekenner, König von England,

+ 5.1.1066 - Fest: 5. Januar / 13. Oktober

 

Schwer hatte es während der irdischen Laufbahn der heilige König Eduard. Englands himmlischer Schirmer und Schutzherr, der um das Jahr 1000 lebte. Früh starb der Vater, die Dänen eroberten das Reich, und die Herrscherfamilie kam landflüchtig an den fränkischen Königshof. Wüste Sitten herrschten dort. Dass sich Eduard in dieser Umgebung in aller Lauterkeit erhielt, verdankt er neben dem besonderen Schutz Gottes und dem eigenen herrlichen Willen, dem aller Schmutz ein Ekel war, vornehmlich der innigen Verehrung und Nachahmung des heiligen Apostels und Evangelisten Johannes, des Lieblingsjüngers Jesu. Da sieht man, dass die Heiligen beim lieben Gott doch viel vermögen.

 

Eine Lilie, die weiß und rein am Straßenrand blüht, fällt allen, die vorübergehen, in die Augen, und auch Eduards Lauterkeit blieb im Schmutz des königlichen Hofes nicht unbeachtet, und während ihn die Gutgesinnten achteten und ehrten, wie es sich gebührt, hänselten ihn die anderen, die Dreck am Stecken hatten, und nannten ihn spöttisch den „Engel“. Das war gemein und unschön, aber Eduard fiel auf den Schwindel nicht herein, sondern war Manns genug, den Spott zu ertragen, und blieb, was er war, der edle, lautere junge Mann. Nur ein Schwächling lässt sich durch die Hänseleien zügelloser Jungen und Mädchen beirren, ein Held – nie!

 

Als Eduard volljährig geworden war, drängte man ihn, sich mit Waffengewalt sein angestammtes Reich zurückzuerobern. Da gab der König die wahrhaft königliche Antwort, er wolle keine Herrschaft, die mit Blut erkauft sei. Wenn alle hohen Leute so dächten, hätte es nie einen Krieg gegeben und unübersehbares Elend wäre der Menschheit erspart geblieben.

 

Dann jedoch fügte es sich, dass die Dänen aus England weichen mussten, und Eduard wurde auf den angestammten Thron zurückgerufen und am Ostertag des Jahres 1042 im Alter von dreißig Jahren unter großen Feierlichkeiten zum König gesalbt und gekrönt. Gut fünfundzwanzig Jahre führte er als Friedensfürst in der Nachfolge des Christkönigs, dessen Fest wir bald feiern, das Land, und brachte es zur Wohlfahrt und Ansehen vor allem dadurch, dass er die Ehrfurcht vor Gott im Volk hob. So war seine Regierung die denkbar glücklichste, weil er selbst das Gesetz seines Gottes im Herzen trug.

 

Vor allem ließ König Eduard es sich angelegen sein, wie der Heiland Wohltaten spendend einherzugehen. Unerschöpflich war seine Güte gegen die Armen, und schon zu Lebzeiten blühten Wunder an dem Weg, den er ging. Einmal beispielsweise, so berichtet die Legende, traf der König in den Straßen Londons einen Krüppel, dessen Beine so übel verwachsen waren, dass er sich nur mit Hilfe der Hände wie ein Tier fortbewegen konnte. Auf die Frage des Königs, wie er ihm wohl helfen könne, entgegnete der Krüppel: „Herr, es ist mir der Gedanke gekommen, dass ich sogleich gesund würde, wenn mich der König auf seinen Schultern zur Kirche tragen würde.“ Da hob Eduard den Bettler auf und trug ihn huckepack ins nächste Gotteshaus und setzte ihn vor dem Altar nieder, und da streckten sich die Glieder des Mannes, und in einem einzigen Augenblick war er ein wohlgewachsener Mann, stattlich und groß. Wunderbar ist Gott in seinen Heiligen.

 

Im Jahr 1066 vertauschte König Eduard die irdische Krone mit der himmlischen Krone, die über und über geziert war mit den Diamanten und Edelsteinen seiner Wohltätigkeit und seines heiligen Lebens.

 

Der heilige Koloman / Kolomanus / Kolomann von Schottland,

Pilger und Märtyrer zu Stockerau,

+ 13.10.1012 – Fest: 13. Oktober

 

Der heilige Koloman, ein Schotte von königlichem Geblüt, empfand frühzeitig einen Ekel an der sündigen Welt und verließ heimlich sein Vaterland, den Reichtum und die Annehmlichkeiten des Hoflebens, um fern von seiner Familie ein gottseliges Leben in der Einsamkeit zu leben. Zunächst wollte er die heiligen Stätten sehen, wo Gottes Sohn geboren wurde, wo er sein verborgenes, stilles Leben im armen Haus zu Nazaret führte, wo er lehrte und Wunder wirkte und zu unserer Rettung sein Versöhnerblut vergoss. Dann wollte er sich in einen abgeschiedenen Winkel der Erde zurückziehen und unter Betrachtung und Gebet, unter Abtötungen und Kasteiungen die Himmelskrone erobern.

 

Koloman führte heimlich seinen festen Entschluss aus, setzte über das Meer und pilgerte barfuß, staub- und schweißbedeckt, gestützt auf seinen Stab, durch Holland und Deutschland und kam an der Donau in die Gegend des heutigen Marktfleckens Stockerau. Die Einwohner waren damals mit ihren Nachbarn in Fehde verwickelt, hielten den frommen Pilger für einen Spion und warfen ihn unter vielen Misshandlungen ins Gefängnis. Darauf schlugen sie ihn mit Stöcken blutig und spannten ihn auf die Folter, um Geständnisse von ihm zu erpressen. Er ertrug alle Martern mit himmlischer Geduld, ohne Klagen und Murren. Als seine Peiniger sahen, dass er nicht zu erschüttern sei, hingen sie ihn zugleich mit zwei Straßenräubern an einem Baum auf im Jahr 1012, am 13. Oktober.

 

Da offenbarte Gott durch ein augenfälliges Wunder die Unschuld seines frommen Dieners, Während die Leichname der beiden Missetäter von Raubtieren angefressen und durch die Verwesung ganz entstellt wurden, blieb Kolomans Körper während fünfzehn Monate völlig unversehrt und lebensfrisch. Sogar der dürre Ast, an dem der heilige Leichnam, fing wieder an zu grünen und trieb Zweige und Äste. Jetzt kamen die Einwohner zur Erkenntnis, bereuten ihre Freveltat, bauten eine Kapelle und bestatteten darin den heiligen Fremdling mit großen Ehren. Sogleich offenbarte sich die Heiligkeit des Märtyrers: ein Kranker erhielt auf seine Fürbitte plötzlich die Gesundheit wieder. Als im folgenden Jahr die Donau die ganze Gegend überschwemmte, ragte die Grabstätte des Heiligen unversehrt und im grünen Schmuck aus den Fluten hervor. Dieses außerordentliche Ereignis bewog den Markgrafen Heinrich I. von Österreich, im Jahr 1015 den heiligen Leib zu seiner Residenz Melk bringen zu lassen. Im Sarg fand man en Heiligen ganz unverwest und von Wohlgeruch umgeben. Man baute ihm zu Melk eine prachtvolle Kirche und verehrte ihn als Landespatron von Österreich. Die Bewohner von Stockerau wählten ihn zu ihrem besonderen Schutzpatron und bauten ihm eine Kirche und ein Franziskanerkloster. Sein Fest wird in den Bistümern Passau, Wien und Salzburg gefeiert, und viele Kirchen sind zu seiner Ehre gebaut.

 

Der gottselige Reginbald von Speyer, Bischof,

+ 13.10.1039 – Gedenktag: 13. Oktober

 

Reginbald stammte aus einem adeligen Geschlecht in Schwaben. Einige sagen, er sei ein Graf von Dillingen, somit ein Verwandter des heiligen Ulrich gewesen. Er wurde im Kloster St. Gallen erzogen und trat in den Orden des heiligen Benedikt ein. Schon früh zeichnete er sich ebenso durch wissenschaftliches Streben, wie durch seine Frömmigkeit aus.

 

Im Jahr 1012 verwandelte Bischof Bruno von Augsburg im Einverständnis mit seinem Bruder, Heinrich dem Heiligen, Kollegiatstift St. Afra in ein Benediktinerkloster. Es wurden 12 Mönche vom Tegernsee dahin berufen, und Reginbald musste nach dem Willen des Bischofs im neuen Kloster das Amt eines Abtes übernehmen.

 

Reginbald war das Vorbild für seine ganze Gemeinde und leitete diese mit väterlicher Liebe und himmlischer Weisheit. Im unermüdlichen Streben nach christlicher Vollkommenheit erreichte er in kurzer Zeit eine so hohe Stufe der Heiligkeit, dass ihn alle hoch verehrten und ihm willig gehorchten. Alle bewunderten seine Demut, seinen Gebetseifer, seine nie ermüdende Geduld und Sanftmut. Der Herr hatte seinem treuen Diener eine Macht über die Herzen der Untergebenen verliehen, die in Ruhe und Frieden das das Ungestüme zu bändigen und das Unhandsame zu leiten vermag. Zudem hatte der Selige die Gabe, die Geister zu unterscheiden und einen jeden in der ihm zusagenden Weise auf die rechte Bahn zu führen. So gelang es ihm, das neugegründete Kloster in einen Zustand der freundlichsten Blüte zu erheben, der die segenreichsten Früchte versprach.

 

„Nachdem Reginbald zu Augsburg durch eindringliche Lehre und hinreißendes Beispiel die neue Pflanzschule des heiligen Benedikt zur schönsten Blüte erhoben hatte, wurde er vom Kaiser Heinrich III. auch der Abtei Ebersberg in Oberbayern zum Vorstand gegeben, um bei den dortigen Benediktinern eine erbaulichere Ordnung und bessere Zucht anzupflanzen und zu befestigen. Dieses Werk gelang ihm ebenfalls zum Heil der Brüder und zur Freude der Gläubigen.“

 

„Von Ebersberg erhielt Reginbald den Ruf in die alte Abtei des heiligen Nazarius zu Lorsch, um dort seinen geliebten Ordensbrüdern in Tugend und Weisheit vorzuleuchten und sie mit neuer Begeisterung für ein Gottgefälliges Leben zu erfüllen. Sein Wirken war auch zu Lorsch für das zeitliche und ewige Wohl seiner Brüder mit Segen begleitet. Es hatten daselbst namentlich zwischen den Dienstleuten der Abtei und denen des Bischofs von Worms die größten Feindseligkeiten geherrscht, die zu vielen Mordtaten Veranlassung gaben. Der Kaiser suchte diesem Hader durch scharfe Befehle zu steuern, noch mehr aber Reginbald durch liebevolles Ermahnen und einnehmendes Beispiel. In Lorsch zeichnete er sich durch besonderes Wohlwollen gegen die Armen und Notleidenden aus. Dabei besaß Reginbald noch Mittel genug, die dortige Kirche zu verschönern, den Chor zu erhöhen, den Kreuzaltar mit Gold und Silber zu schmücken und nebenbei den Schatz des Gotteshauses zu vermehren. Er hatte damals auch schon das Kloster Abrinsberg, Heidelberg gegenüber, zur Ehre des heiligen Erzengels Michael hergerichtet, es zu einer freundlichen Wohnung der Brüder erhoben und ausgestattet, wie auch die dortige Kirche mit dem nötigen Gerät und Schmuck versehen. Als Abt von Lorsch wohnte Reginbald 1022 der Synode zu Seligenstadt bei, sowie er auch auf jener zu Frankfurt 1027 anwesend war, auf der der Bruder des Kaisers, Gebehard, sein Wehrgehänge ablegen und sein Haupthaar sich scheren lassen musste.“

 

„Einem Mann von so ausgezeichnetem Geschick und Eifer konnte so wenig die hohe Verehrung der Geistlichkeit und des Volkes rings umher im Land, als die besondere Aufmerksamkeit des Herrschers im Reich fehlen. Ihm, dem hochverehrten Abt zu Lorsch und Augsburg überreichte darum Kaiser Konrad den Ring und Stab des oberhirtlichen Sitzes zu Speyer, dass er die dortige Herde in seiner himmlischen Weisheit leiten und die wichtigen Bauten zu Speyer und Limburg in seiner Klugheit und Energie fördern möchte. Reginbald erhielt zur Zufriedenheit der Speyerer Geistlichen und Gläubigen die oberhirtliche Weihe und entsprach vollkommen dem auf seine ungeheuchelte Frömmigkeit und tiefe Einsicht gesetzten Vertrauen. Unermüdlich oblag er seiner Hirtenpflicht. Durch persönlichen Eifer erhob er die würdevolle Feier des Gottesdienstes. Dabei versäumte er nicht, selbst durch Wort und Tat den Samen des Evangeliums in die Herzen seiner Pflichtempfohlenen auszustreuen und dessen Wachstum zu pflegen, zu unterstützen und seiner Herde durch jegliche Tugend vorzuleuchten.“

 

„So wurde Speyer durch das Tugendbeispiel seines Oberhirten eine Schule der Frömmigkeit, und durch den Baueifer des Kaisers ein Sammelplatz vieler Handwerker und Künstler. Aus der Weite und Breite einten sich Schüler, beim neuerstehenden Dom der geistlichen und weltlichen Wissenschaft zu obliegen. Die großartigen Bauten schritten allmählich voran. Im Jahr 1033 weihte Reginbald die St. Peterskapelle zu Weissenburg feierlich ein. Auf Limburg erhoben sich die stillen Zellen der Mönche, und längs dem östlichen Abhang des steilen Hügels die großartige Abteikirche, langsamer erstieg der neue Dom zu Speyer ob des Baues erhabener Größe.“

 

Nachdem der Bau schon ziemlich vorangeschritten war, weihte Bischof Reginbald die Gruft unter dem Kreuzchor und vielleicht auch einen Teil des übrigen Baues feierlich ein. Dem neuen Münster schenkte der Bischof eine großartige Krone von vergoldetem Kupfer, die zum ewigen Licht dienend in der Mitte des Hauptchores aufgehängt wurde.

 

Am 4. Juni 1039 verschied Kaiser Konrad, der treue Verehrer und Gönner des ehrwürdigen Bischofs. Dieser überlebte den Kaiser nur wenige Monate. Ein Muster eifrigster Berufstreue und aufrichtigster Gottergebenheit während seiner ganzen Lebens, blickte er dem Tod ruhig entgegen. Am 13. Oktober 1039 schied sein seliger Geist aus der verweslichen Hülle. Diese wurde in dem noch unvollendeten Dom beigesetzt. Bei seinem Grab geschahen viele Wunder an Kranken und Presthaften, die den Seligen um seine Fürbitte angefleht hatten. Desungeachtet wurde er von der Kirche nicht als Heiliger erklärt, weshalb er auch nicht unter der Zahl derjenigen erscheint, die im Speyerer Bistum besonders verehrt werden. Das Martyrologium der Benediktiner führt ihn als „gottseligen Bischof“ auf.

 

14. Oktober

 

Der heilige Burkard, Bischof zu Würzburg, im 8. Jahrhundert,

+ 2.2.752 - Fest: 2. Februar / 14. Oktober

 

Burkard verdankte sein zeitliches Leben und seine gute Erziehung frommen Eltern aus dem Adelsstand in England, Gott aber ein kindlich frommes Gemüt. Schon als Kind fand er keine Freude an den Kinderspielen, sondern am Beten und am Besuch der Gottesdienste. Unverdrossen erlernte er, was mit der Zeit ihm zu seinem Seelenheil und Beförderung der Ehre Gottes dienen konnte. An zeitlichen Dingen hatte er kaum ein Interesse. Seinen Leib versuchte er durch Enthaltsamkeit als Tempel des heiligen Geistes zu bewahren und mit Tugenden auszuschmücken. Er hatte ein immer größeres Verlangen, mit ungeteiltem Herzen Gott zu dienen. Etwa zu dieser Zeit suchte der heilige Bonifatius, der Apostel Deutschlands, tüchtige Arbeiter für seine große Mission und lud den heiligen Lullus und den heiligen Burkard zu diesem apostolischen Werk ein. Beide folgten dem Ruf und legten mit der Zeit die schönsten Proben ihrer Heiligkeit und ihres Religionseifers ab. Einige sagen, Bonifatius habe den Burkard mit sich nach Rom zum Papst Zacharias geführt und dort zum Bischof von Würzburg weihen lassen. Einige andere sind der Meinung, Bonifatius habe ihn konsekriert und nach Würzburg geschickt, obschon dadurch die Demut des Heiligen sehr gekränkt wurde. Würzburg zählte damals schon viele Gläubige seit der Zeit des heiligen Kilian und seiner Gehilfen. Burkard wurde von ihnen mit Freude im Herrn aufgenommen. In diesem Amt war der treue Oberhirt das Licht zur Erleuchtung der noch übrigen Heiden und der treue Haushalter der göttlichen Geheimnisse für die Gläubigen, indem er mit Nachdruck sowohl auf den heiligen Glauben, als auf die Erfüllung der Glaubensvorschriften drang, weil ohne beides die Erbarmung Gottes fruchtlos, ja nur zu größerer Verdammung sein würde. Seine Predigt wurde durch seinen Lebenswandel bestätigt und sein Hirtenamt durch sein eifriges Gebet von Gottes Geist gesegnet. An ihm sah man die christliche Sanftmut gegenüber jedermann, Geduld bei den Lästerungen böser Zungen, Mitleid gegenüber Armen und Betrübten, große Abtötung seiner selbst, Demut im ganzen Lebenswandel und bei der Hauseinrichtung, Gebets- und Seeleneifer, so dass sein geistliches Ansehen bei Großen und Kleinen vieles vermochte, wodurch die Ehre Gottes befördert wurde, weil der Heilige alles nur aus der Liebe zu Gott tat. Durch seine große Verehrung Gottes erhob Pipin die Bischöfe von Würzburg zu Grafen des Landes.

 

Um der Religion Kraft und Würde zu geben und die Gläubigen zur Dankbarkeit und Andacht zu ihren ersten Glaubensboten zu bewegen, fasste Burkard nach zwei Jahren seines Hirtenamtes den frommen Entschluss, die heiligen Leiber des heiligen Kilian und seiner Gehilfen zu erheben und der öffentlichen Verehrung auszusetzen. Für den guten Ausgang seines Vorhabens verordnete er einen Tag des Gebetes und des Fastens. Dann ging er mit der Geistlichkeit und dem Volk an den Ort, wo man glaubte das Heiligtum zu finden. Dort stach der erste in die Erde. Andere Arbeiter gruben die Erde aus und das Heiligtum wurde gefunden, das sich durch Wohlgeruch und Heilung vieler Pestkranken bei und nach der Entdeckung bewährte. Auf ihren Gräbern wurde eine Kirche erbaut und von nun an wurden diese Märtyrer öffentlich verehrt. Burkard stiftete auch mehrere religiöse Institute für Frauen und Männer. Seine Hirtentreue war von Gott so gesegnet, dass die ganze Umgegend zu Jesus Christus bekehrt wurde. Indessen nahmen bei seiner zehnjährigen Amtsführung seine Kräfte zusehends ab und er sehnte sich danach, die letzten Lebenstage enthoben von der Hirtenlast in stiller Ruhe zu verleben und sich zum Tod zu bereiten. Mit Bewilligung des heiligen Lullus (Bonifatius predigte damals in Friesland) und Pipins weihte er den zum Nachfolger bestimmten Megingaud oder Megingoz, einen Jünger des heiligen Wigbert, zum Bischof und übergab ihm den Hirtenstab. Darauf zog er nach Hohenbrug, einem einsamen Ort des Bistums, nahm den Büchervorrat mit sich, und verlebte da mit sechs Mönchen oder Priestern, die den frommen Eifer mit ihm teilten, den Rest seiner Tage im Wachen, Fasten und Beten. Er starb am 9. Oktober 752, wurde neben dem heiligen Kilian auf dem Marienberg begraben, wo er unter Anrufung des heiligen Andreas ein Kloster gebaut hatte. Hugo, Bischof zu Würzburg, erhob mit Erlaubnis und auf Befehl Papst Benedikts VII. die Gebeine des Heiligen im Jahr 983 am 14. Oktober, weshalb sein Andenken um diese Zeit gehalten wird. Die Ehre des Heiligen vor Gott wurde bekannt durch viele Wunderwerke.

 

Der heilige Kallistus, Papst und Martyrer von Rom,

+ 14.10.222 - Fest: 14. Oktober

 

Der heilige Papst Kallistus regierte die Kirche Gottes von 217 bis 222. Er ist als ein guter Hirte und als ein wahres Spiegelbild Jesu Christi in die Geschichte eingegangen. Er beachtete besonders das Wort im Neuen Testament, dass die Hirten der Kirche Mitleid haben müssen mit den Unwissenden und Irrenden.

 

Sein Lebenslauf und Aufstieg zur höchsten Würde, die es auf der Erde gibt, sind von ungewöhnlicher Art. Damals war die Sklaverei noch üblich, und Kallistus ist als Sklave geboren worden und blieb auch Sklave bis ins hohe Alter. Für ihn sollte es sogar noch schlimmer kommen, denn wegen einer geringfügigen Verfehlung wurde er zu harter Zwangsarbeit in den Bergwerken auf der Insel Sardinien verurteilt. Dort verbrachte er lange Zeit bei wenig Essen und unter den ständigen Peitschenhieben unbarmherziger Wachtmeister. Es war ein schlimmes Los, und manch einer ist in einer solchen Lage schon zugrunde gegangen. Kallistus hingegen hat sich mit dem schweren Geschick, das ihn als Fügung Gottes traf, in christlicher Geduld abgefunden. Er hat sogar durch die Not am eigenen Leib zu der Güte gefunden, die seine spätere Leitung der Kirche kennzeichnet.

 

Durch einen Gnadenakt des römischen Kaisers erhielt Kallistus die Freiheit und kehrte nach Rom zurück, wo er sich ganz dem Dienst Gottes weihte und von Papst Zephyrinus zum Diakon der römischen Kirche geweiht wurde mit dem Auftrag, die Martyrergräber in den Katakomben zu pflegen. Das tat Kallistus mit Freude und Geschick, und weil damals die Christen gerade einmal nicht verfolgt wurden, hatte er die Ruhe, um die weitzerstreuten Überreste der Heiligen in einer der größten Räume des unterirdischen Roms zu überführen und ehrenvoll beizusetzen. Dieser Raum trägt heute noch den Namen Kallistuskatakombe.

 

So erinnert uns der Heilige an den Allerseelentag im November, an dem wir nach altem christlichem Brauch die Gräber der verstorbenen Verwandten und Freunde schmücken.

 

Nach dem Tod des Papstes Zephyrinus stieg Kallistus zum Bischof von Rom und damit zum Stellvertreter Christi auf Erden empor. Ein ehemaliger Sklave wurde Papst. So etwas ist wohl nur in der Kirche möglich, in der nicht der Adel des Blutes und die Herkunft zählen, sondern viel mehr die Haltung des Herzens und der Seele.

 

Zu der Zeit, als Kallistus Papst war, konnte sich das Christentum ziemlich frei entfalten. Dafür jedoch hatte es der Heilige mit einer gefährlichen Irrlehre zu tun. Einige überstrenge Christen verlangten in unbarmherziger Weise, dass viele, die gegen die Gebote verstoßen hatten, für immer aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen blieben. Sie hatten offenbar keine Ahnung vom eigentlichen Wesen des Christentums, das doch die Liebe ist. Es war eine unchristliche Härte und in dieser Strenge lag natürlich ein großer Hochmut. Gegen diese unchristlichen Christen ist Papst Kallistus aufgetreten. Er hat kraft seiner Vollmacht feierlich bestimmt, erklärt, angeordnet und befohlen, dass alle Sünder ohne Ausnahme, wenn sie ihre Sünden bereuten, bekannten und büßten, in den Frieden Christi und der heiligen Kirche wieder aufgenommen werden sollten.

 

Das hat der heilige Papst Kallistus ganz sicher richtig getan, denn Jesus Christus ist doch nicht gekommen, um die Sünder zu vernichten, sondern um sie zu retten. Papst Kallistus war also wirklich ein guter Hirte und ein wahres Spiegelbild Jesu Christi, der keinen Menschen abwies, der voll Reue zu ihm kam. Wer ein neues Leben im Glauben beginnt, der soll auch mit ihm ewig beim Vater im Himmel leben.

 

15. Oktober

 

Die heilige Theresia von Jesus, von Avila, Spanien, Ordensstifterin,

+ 15.10.1582 - Fest: 15. Oktober

 

Theresia Sanchez wurde im Jahr 1515 in Avila in Spanien als Baronesse geboren. In nichts unterschied sich das Mädchen als Kind von anderen Kindern, sondern sie war, wie Mädchen eben sein können, empfindsam und raubeinig, wie es gerade kam und wie sie gerade Lust hatte, ein Mädchen also wie tausend andere auch. Allerdings war Theresia immer schon sehr religiös veranlagt. Das zeigt sich besonders bei einem Ereignis, das sich in ihrem siebten Lebensjahr zutrug.

 

Als nämlich Theresia gerade etwas lesen konnte, nahm sie die Legenden von den Heiligen zur Hand, die sie in einem Zug verschlang. Vor allem war sie von den heiligen Martyrern tief beeindruckt. So schnell und sicher wie diese wollte auch sie in den schönen Himmel kommen. Lange überlegte sie hin und her und verführte schließlich den vier Jahre älteren Bruder Rodrigo dazu, sich mit ihr ins Land der mohammedanischen Mauren zu begeben und sich dort kurzerhand um des Glaubens willen den Kopf abschlagen zu lassen. Rodrigo machte bei diesem Plan große Augen, und es war ihm gar nicht geheuer, aber weil er als Edelmann der Schwester den Wunsch nicht verweigern wollte und weil auch sonst noch wenig Verstand in ihm war, sagte er zu, natürlich – und das war das Schlimmste bei der Sache – ohne Wissen und Erlaubnis der Eltern.

 

Die beiden zukünftigen Martyrer steckten sich die Taschen dick voll Butterbrote und machten sich heimlich aus dem Staub. In drei Tagen würden sie es geschafft haben, meinten sie, dann wären sie bereits im Himmel. Als wenn das „Kopfabschlagenlassen“ so einfach wäre! Da war es schon ein Glück, dass den kleinen Wanderern nach kurzer Reise vor der Stadt ein Onkel begegnete, der sie wieder an die Hand nahm und zur Mutter heimführte. Dass ein Mädchen von sieben Jahren solch eine Dummheit begehen kann, ist immerhin noch verständlich, aber dass der ältere Bruder da mitmachte, geht schon ein wenig zu weit.

 

Nachdem sich Theresia und Rodrigo zunächst einmal ausgeweint hatten, versuchten sie es mit dem Einsiedlerleben, weil nach der Heiligenlegende gewöhnlich auch diese Leute sicher in den Himmel kommen. Die beiden bauten im Garten der Eltern zwei Häuschen, eins für Theresia, eins für Rodrigo, in denen sie – natürlich getrennt voneinander – beteten. Manchmal und mit der Zeit immer mehr spielten sie auch miteinander. Sie ernährten sich zum Teil mit Schokolade und Bonbons, die ja an sich keine Einsiedlerkost sind. Darüber aber zerfielen allmählich die beiden Klausen und stürzten ein, und wieder war ein Traum ausgeträumt.

 

Bald aber begann für Theresia ein neuer Traum. Diesmal war es ein Traum von ganz anderer Art, ein gefährlicher Traum. Denn als Theresia älter wurde, las sie plötzlich billige Romane, durch die man leicht den Boden unter den Füßen verlieren kann. Theresia kam dadurch zwar nicht auf irgendwelche Abwege, aber sie wurde eitel und putzsüchtig und streifte mit verwandten Mädchen und Jungen durch die Gegend, um sich zu zeigen und um zu glänzen. Dumm oder normal?

 

Kurz und gut, eines Tages übergab der Vater, weil er größeres Unheil verhüten wollte und weil die Mutter bereits gestorben war, die Tochter Ordensschwestern zur Erziehung. Das neue ernste Leben lag der Sechzehnjährigen anfangs natürlich überhaupt nicht. Sie tat sich schwer und weinte viel, aber dann kamen allmählich die guten Anlagen, die zutiefst in ihr saßen, zum Durchbruch. Die Lust am Beten kehrte zurück, an Einsamkeit und Stille fand sie immer mehr Gefallen, und mit achtzehn Jahren trat sie in den Karmel ein. Wenn es auch in ihrem Streben nach einem heiligen Leben noch lange Zeit bergauf und bergab ging, zuletzt wurde sie eine heilige Ordensfrau, die sich um die Kirche und um die Rettung der Seelen unsterbliche Verdienste erwarb. Aus dem flatterhaften und eitlen Mädchen wurde eine Heilige, so groß, dass sie schon zu Lebzeiten oft in Visionen Jesus Christus sehen durfte, bis sie im Jahr 1582 zu Alba in Spanien starb, wo heute noch ihr unverwester Leichnam zu sehen ist.

 

16. Oktober

 

Die heilige Hedwig von Andechs, Herzogin von Schlesien,

+ 15.10.1243 - Fest: 16. Oktober

 

Bevor wir diese Legende lesen, sollten wir eigentlich erst die Hände falten, denn sie ist wie ein Gebet, in dem Höhen und Tiefen, Trauriges und Frohes, Trübes und Sonnenklares vorgetragen wird. Über allem aber liegt die Heiligkeit einer großen Frau.

 

Aus Bayern kam Hedwig aus dem edlen Geschlecht der Grafen von Andechs, so wie auch die heilige Elisabeth und andere heilige Frauen und Männer. Ganz jung wurde die bayrische Grafentochter mit dem Herzog Heinrich dem Bärtigen von Schlesien vermählt. Ihr Mann war ein gutmütiger Mensch, aber ohne die feinen Formen des Umgangs, etwas bärbeißig und plump. Sechs Kinder hatten die beiden, drei Söhne und drei Töchter, und Hedwig war der Sonnenschein ihrer ganzen Familie. Immer wieder griff sie vermittelnd ein, um von der Familie und vom fürstlichen Hof Streit und Unfrieden fernzuhalten. Die Ehre des Hauses war ihr so wichtig, dass sie zügellosen Gesellen stets den Zutritt verweigerte. Sie war eine wahrhaft fürstliche Frau von christlicher Art.

 

Sehr groß war dazu die Wohltätigkeit der schlesischen Herzogin. Nicht zu zählen sind ihre guten Taten, die sie von Herzen gerne an den Armen und Notleidenden tat. Zusammen mit ihrem Mann stiftete sie das Frauenkloster Trebnitz bei Breslau und stattete es so reichlich aus, dass hundert Ordensfrauen und achthundert arme Mädchen sorgenfrei darin leben konnten. Auch um den Unterricht von jungen Menschen war die Landesfürstin bemüht. Sie nahm sich in Liebe der Witwen und Waisen an, und täglich bediente sie selbst als dienende Magd die Armen, damit sie etwas zu essen bekamen. In die Gefängnisse brachte sie saubere Wäsche, warme Kleider, Speisen und Kerzenlicht.

 

Wie gut und mitfühlend Hedwigs Herz war, zeigt ein Wort aus ihrem Mund. Einmal nämlich hatte Herzog Heinrich auf dem Kriegszug ohne ersichtliche Not ein Dorf niederbrennen lassen. Hedwig bat ihren Mann mit Tränen, den Geschädigten Schadenersatz zu leisten. Und als Heinrich ihr antwortete, dass es wohl genug sei, wenn er die Häuser wieder aufrichten lassen und das geraubte Vieh zurückgeben würde, gab seine Frau zur Antwort: „Ja, mein fürstlicher Herr, das verlorene Gut kannst du zurückgeben, aber wie willst du die Tränen wieder gut machen, die durch dich geweint wurden, und wie willst du das bittere Leid bezahlen, das du verschuldet hast?“ So dachte und fühlte Frau Herzogin Hedwig, und ihr Leben ist wie ein Spiegel, in den auch wir jeden Tag schauen sollten, ob wir ihr ein wenig gleichen könnten.

 

Wie ein Sonnenschein war Sankt Hedwig für die anderen. Über dem eigenen Leben lagen aber immer schwer und schwarz die Wolken des Leids. Sie hatte viel Kummer zu tragen: Drei ihrer Kinder starben schon als sie noch klein waren und sie musste weinend hinter den kleinen weißen Särgen her gehen. Hedwigs Schwester Gertrud wurde ermordet. Ihre Nichte Elisabeth von Thüringen wurde mit vier kleinen Kindern von der Wartburg vertrieben. Der eigene Sohn Konrad, ein unruhiger Mensch, zettelte einen Aufstand gegen den Vater an und brach sich bei einem Sturz vom Pferd das Genick. Ihr Mann vergriff sich in seiner wilden Art am Kirchengut, wurde gebannt und starb fern von seiner Frau. Und dann kam der härteste Schlag, den diese Mutter treffen konnte. Als nämlich Heinrich, der von den Kindern am meisten ihre Art hatte, auf dem Schlachtfeld in Wahlstatt im Kampf gegen die Tataren das Leben verlor. Wie groß Sankt Hedwig eigentlich war, wurde in dieser Stunde deutlich, als man ihr den Lieblingssohn bleich und entstellt in den Schoß legte, denn damals hat sie die bewunderungswürdigen Worte gesprochen:

 

„Ich danke dir, o Herr, dass du mir einen solchen Sohn geschenkt hast, der mich im Leben stets geliebt, mir große Ehrfurcht erzeigt und nie den geringsten Kummer verursacht hat. Und obwohl ich ihn sehr gern am Leben sehen möchte, freut es mich doch an ihm, dass er durch Vergießung seines Blutes dir, o Gott, schon im Himmel verbunden ist.“

 

Was war doch Sankt Hedwig für eine Frau! Stimmt es, dass ihre Legende wie ein Gebet ist, das man mit gefalteten Händen lesen soll?

 

Die letzten Lebensjahre verbrachte die Heilige bei ihrer Tochter Gertrud, die im Kloster in Trebnitz Äbtissin war. Dort blieb sie, betete sie und tat Gutes an den Armen, bis sie erlöst am 15. Oktober starb und vom Herrn in das Paradies geleitet wurde.

 

Der heilige Gallus, Gründer-Abt von St. Gallen,

+ 16.10.640 - Fest: 16. Oktober

 

Es ist Sankt Gallus, der oft mit einem Bären abgebildet wird. Nachher soll noch erzählt werden, wie der Heilige zu dem Bären kam, der übrigens auch sonst sehr gut zu ihm passt, denn Gallus war bei all seiner Gläubigkeit eine kraftstrotzende Gewaltnatur, ein Draufgänger, ein regelrechter Bär, das Wunschbild von vielen Jungen.

 

Irland, die Grüne Insel, die Insel der Heiligen, ist die Heimat des Christushelden Gallus. Um das Jahr 450 war Irland christlich geworden, und unausrottbar tief hatte sich Christi Lehre in den Herzen der Iren festgesetzt. Bald schmückte sich im ersten Glaubensfrühling das Land mit Klöstern in solcher Zahl, dass man von jedem vier oder fünf andere in der Nähe sehen konnte. Es war vor allem die wunderbare Lichtgestalt unseres Herrn Jesus Christus, welche die edlen Iren anzog und sie bewog, sich dem Gottessohn anzugleichen. Es machte einen großen Eindruck auf die heimatliebenden irischen Männer, dass Christus die Herrlichkeit seiner Himmelsheimat verließ und zu unserer Erlösung in die Fremde auf die Erde kam. Und so gaben auch viele von ihnen ihre Heimat auf, um im fremden Land Christus zu dienen. Als Gottsucher zogen sie übers Meer aufs Festland, und dort entwickelten sich aus den Gottsuchern ganz eifrige Glaubensboten.

 

Zu diesen Glaubensboten gehört der heilige Gallus. Unter Führung des heiligen Abtes Kolumban und in Begleitung von weiteren zehn Mönchen kam Gallus um das Jahr 590 zunächst an den Züricher See in der Schweiz. Niemand verbot dort den Fremden, nach ihrer Art zu leben, aber taub waren die Ohren der Leute, sobald die Mönche vom Christentum redeten. Als Gallus sie einmal tief im Wald beim heidnischen Opfermahl überraschte, stieg schnell der Unmut in ihm auf und riss ihn dazu hin, die wodangeweihten Bierkrüge zu zerschlagen und die vergoldeten Götzenbilder an einem Felsen zu zerschmettern. Das war entschieden unklug. Klug war es daher, dass Gallus mit seinen Genossen schnell die Flucht ergriff, sonst wären alle von den aufgebrachten Alemannen in Stücke zerrissen worden. Auch ein mutiger Mann vergibt sich nichts, wenn er nicht aus Feigheit, wohl aber aus Klugheit einen aussichtslosen Posten verlässt, denn Mut ist auch immer klug, während ein unkluger Mut weiter nichts als Dummheit ist.

 

Am Bodensee finden wir die Flüchtlinge wieder beim Bau einer Siedlung. Doch bald wiederholt sich dort das gleiche wie am Züricher See. Gallus, der als einzigster von den Mönchen die alemannische Sprache verstand, hielt in einer zündenden Predigt den Leuten ihren Aberglauben vor und warf die Götzenbilder in den See. Das ganze geschah aber mit einem anderen Ausgang. Denn die Zuhörer erkannten die Ohnmacht ihrer Götter und nahmen den Glauben an.

 

Nach drei Jahren trennte sich Gallus von Kolumban und wanderte mit einem Begleiter auf der Suche nach einer neuen Bleibe in die wilden Berge hinein, in denen sich damals nicht nur Füchse, sondern auch Bären und Wölfe gute Nacht sagten. Lange zogen die beiden des Wegs, und als sie an einen hohen Felsen gelangten, von dem sich die Steinach tosend herabstürzt, verwickelte sich Gallus in einem Brombeergestrüpp und fiel in die Dornen. Daran erkannte der heilige Mann, so berichtet die Legende, dass er sich genau dort niederlassen solle. Während in der folgenden Nacht der Begleiter schlief und Gallus den Ort der neuen Siedlung mit seinen Gebeten segnete und weihte, erschien ein Bär und fraß den Rest an Brot und Fisch, welche die Wanderer als Proviant auf die Reise mitgenommen hatten. Da stand Sankt Gallus auf und tadelte den Bären wegen seines Raubes und befahl ihm, sofort Holz für das Lagerfeuer herbeizuschaffen, da es ausgehen wollte. Das wilde Tier gehorchte, und es blieb der Bär von da an bei dem, der ihn in der Kraft Gottes bezwungen hatte, und folgte dem Heiligen wie ein Hund dem Herrn und trug Stämme und Steine herbei zum Bau des Klosters. Als sich später gleichgesinnte Männer dem Heiligen mit dem Bären anschlossen, rodeten sie unter ungezählten Entbehrungen das Land, legten Äcker und Gärten an, pflanzten Obstbäume, arbeiteten bei Tag und Nacht, und der Bär half ihnen treu. Um die Siedlung herum entstand allmählich eine Stadt, die heute noch als eine der schönsten unter den Städten der Schweiz gilt und die nach ihrem Gründer den Namen Sankt Gallen trägt. So ist es geschehen im Jahr des Heils 613.

 

Dann starb der heilige Gallus im Alter von fast hundert Jahren, aber sein Andenken bleibt auf der Erde unvergessen und wird im Himmel ewig währen. Das ist hier und im Himmel der Lohn der Glaubensboten. Auch heute noch gehen viele Männer und Frauen als Missionare und Missionarinnen zu den Menschen nach Asien und Afrika.

 

Der heilige Gerhard Majella, Laienbruder von Muro, Italien,

+ 16.10.1755 - Fest: 16. Oktober

 

Gerhard Majella kam als Sohn eines Schneidermeisters 1726 in dem Städtchen Muro bei Neapel zur Welt. Er war ein rechtes Sorgenkind, schwächlich und kränklich, und als er ins Ersthosenalter kam, hat man manchmal gemeint, er sei nicht recht gescheit und habe den Verstand nicht ganz beisammen, so ungeschickt konnte er sich anstellen oder dummes Zeug daherreden. Bald war Gerhard Majella der vielbelachte und vielbewitzelte Dorfnarr von Muro, der an allen Straßenecken von klein und groß gehänselt wurde. Das war unschön und unfein, denn mit solch armen Menschen muss man herzliches Mitleid haben und ihnen helfen, wo man kann, und sie nach Möglichkeit vor dem Spott der anderen in Schutz nehmen. Übrigens war Gerhard Majella durchaus kein Narr, er war nur auf einfältige Weise fromm, und wenn die Leute gewusst hätten, was der Junge als tiefstes Geheimnis im Herzen trug, dass er nämlich von jung an mit Erscheinungen der lieben Mutter Gottes begnadet wurde, so hätten sie wohl das lose Mundwerk besser zusammengehalten.

 

Was sollte nun aus dem ungeschickten Gerhard werden? Natürlich wurde er Schneider wie sein früh verstorbener Vater. Auf die Kindheit mit dem bitteren Spott folgte eine harte Lehrzeit. Lehrlinge haben es meistens nicht leicht, aber Gerhard Majella hatte es wegen seiner Untauglichkeit zu jeder Arbeit dreimal schwer. Der arme Schneiderling! Als es gar nicht mehr ging, erbarmte sich des unbeholfenen Lehrbuben ein Bischof und stellte ihn als Hausdiener an. Da hatte Gerhard wenigstens Ruhe vor dem Stock des Lehrherrn und mehr Zeit zu beten, und nichts tat er lieber als das, und dabei blieb seine einfältige Frömmigkeit stets die gleiche. Dass aber der Himmel an heiligen Narren von Gerhards Art eine helle Freude hatte, zeigt das folgende Begebnis.

 

Als einst der bischöfliche Herr verreist war, wollte der Hausdiener am Stadtbrunnen Wasser holen. Sorgfältig schloss er die Haustür zu, steckte den Schlüssel ein, ging auf den Markt, wo sich der Brunnen befand, und ließ den Schöpfeimer hinab. Dabei fiel ihm der Schlüssel aus der Brusttasche dem Eimer nach in die Tiefe. Wieder einmal lachten die Leute über den Tollpatsch. Was tat Gerhard? Er lief zur nahen Kirche, holte – es war gerade Weihnachtszeit – das Christkind aus der Krippe und schickte es an einer Schnur dem Eimer nach in den Brunnen, und als er das Christkind hochzog, hing an seinem Arm der verlorene Schlüssel. Da lachte niemand mehr, und der Brunnen heißt seitdem Gerhardsbrunnen. Von solcher Einfalt war des bischöflichen Hausdieners Frömmigkeit, aber der liebe Gott schaut auf das Herz, und wenn das Herz gut ist, ist er zufrieden.

 

Über alles gern wäre Gerhard Majella ins Kloster gegangen, aber die Kapuziner wiesen ihn zweimal ab. Wie die Zukunft zeigen sollte, waren sie da schlecht beraten, sonst hätten sie heute einen Heiligen mehr in ihrem an Heiligen übrigens reich gesegneten Orden. Schließlich fand Gerhard Majella Unterschlupf in dem eben gegründeten Redemptoristenorden.

 

Die Obern des neuen Klosterbruders waren einsichtig genug, den Dreiundzwanzigjährigen gewähren zu lassen, der immerhin als Gärtner, Küster und Pförtner einige Dienste leistete, der die Nächte vor dem Allerheiligsten verbrachte und der vor allem Gehorsam war bis zum Tüpfelchen auf dem i, und es offenbarte sich des einfältigen Mannes Heiligkeit von Tag zu Tag mehr. Wunder blühten auf, wo er ging und stand. Auf sein Gebet wurden Kranke geheilt, und Sterbende kehrten gekräftigt ins Leben zurück. Brot vermehrte sich auf sein Wort. Priester staunten über die Weisheit, die aus dem ehemaligen Dorfnarren sprach, und Bischöfe fragten den schlichten Ordensbruder um Rat, der selbst in den heikelsten Dingen stets die rechte Auskunft wusste. Auch schaute der Heilige mit seinen begnadeten Augen zutiefst in die Herzen der Menschen, und manchen hat er unter vier Augen verschwiegene Sünden ins Gesicht gesagt und sie zu einer ehrlichen Beichte gedrängt und verholfen. Die Leute aber, die ihn ehedem verlachten, verehrten ihn gleich nach dem Tod im Alter von erst dreißig Jahren als einen Heiligen, und der selige Papst Pius X. hat das Urteil des Volkes im Jahr 1904 dadurch bestätigt, dass er dem einfältigen Klosterbruder die Ehre der Altäre zuerkannte.

 

Die heilige Heriburg, Äbtissin zu Nottuln bei Münster,

+ 16.10.845 – Fest: 16. Oktober

 

Die beiden Grafen Roibart und Luibart von Nutlon (jetzt Nottuln) kämpften 779 bei Darup gegen Kaiser Karl den Großen, wurden aber besiegt. Luibart wurde verwundet und starb bald nach der Schlacht. Roibart kam als Kriegsgefangener nach Franken, lernte dort die christliche Religion kennen und ließ sich taufen. Der Kaiser schenkte ihm die Freiheit und gab ihm seine Güter zurück. In Franken hatte er Mechtildis, die Schwester des heiligen Ludgerus, kennengelernt und führte sie als Gattin in seine Westfälische Heimat. Heriburga, die andere Schwester des heiligen Ludgerus, zog mit ihnen nach Nottuln.

 

Nicht lange Widerstand Heriburga dem Drang ihres Herzens, ihr Leben und ihre Güter dem Herrn zu weihen. Ihr Bruder Ludger hatte um das Jahr 805 zu Nottuln, nicht weit von Münster, ein Kloster und eine Kirche gebaut. Dorthin zog sich Heriburga zurück, die von frühester Jugend unter Anleitung ihres heiligen Bruders eine außerordentliche Vorliebe zu einem vollkommenen Leben empfangen hatte. Luibarts junge Witwe und mehrere Jungfrauen gesellten sich ihr zu und begannen ein gemeinschaftliches Leben unter frommen Übungen. Der heilige Ludgerus entwarf die Klosterregeln und weihte die Stiftskirche zu Ehren der allerseligsten Jungfrau, der heiligen Martinus und Magnus und legte einen Teil der Reliquien, die er aus Rom mitgebracht hatte, dort nieder. Heriburga wurde zur ersten Äbtissin des Klosters erwählt.

 

Die genannten Heiligtümer blieben nicht lange im Besitz der Stiftskirche zu Nottuln. Gerfrid, der zweite Bischof von Münster und Neffe der heiligen Heriburga, erbat sie im Jahr 833 von ihr zurück und schenkte dem Stift dafür die beiden in Billerbeck gelegenen Haupthöfe Schulze Bockolt und Schulze Ölinghof.

 

Aus den stillen Klostermauern trat Heriburga nur einmal in die Öffentlichkeit. Als ihr Bruder, der heilige Bischof Ludger, im benachbarten Billerbeck am Sterben lag, sandte man nach Nottuln Boten zu seiner heiligen Schwester. In Begleitung ihres Neffen Gerfrid begab sie sich auf den Weg, traf ihn aber nicht mehr am Leben. Auf der Mitte des Weges sahen beide die heilige Seele, umgeben von großem Lichtglanz gen Himmel fahren. Eilends setzten sie ihren Weg fort. Als sie bei der Leiche ankamen, entquoll dem Mund eben frisches Blut. So hatte es der Heilige vorhergesagt und dies sollte ein Zeichen sein, dass er in Werden begraben sein wollte. Die heilige Heriburga fing mit Wolle das Blut ihres geliebten Bruders auf und nahm es mit nach Nottuln, wo es noch heute aufbewahrt wird.

 

Hatte zu Lebzeiten des heiligen Ludger Glück und Friede im Land geherrscht, so kamen bald außerordentliche Drangsale, wie sie der Heilige vorausgesagt hatte. Als er einst auf seinem Familiengut Werdina, nahe am Meer, verweilte, hatte er ein Traumgesicht über die nächste Zukunft Deutschlands, das er unter vielen Tränen seiner Schwester Heriburga mit folgenden Worten erzählte: „Ich sah etwas wie die Sonne über das Meer fliehen. Schwarzes Gewölk folgte ihr. Davonfliehend nahm sie immer mehr ab und indem sie über uns hinwegeilte, wurde sie je entfernter, desto bleicher und verschwand zuletzt ganz. Die Finsternis, die ihr folgte, nahm das ganze Meergestade ein. Nach langer Zeit aber kehrte die Sonne wieder, kleiner zwar und bleicher, als zuvor, und verscheuchte dieses schwarze Gewölk wieder über das Meer.“ – Während er das erzählte, zerfloss er in Tränen. Als seine Schwester ihn weinen sah, weinte auch sie und sprach: „Was bedeutet dieses Traumgesicht?“ Er antwortete ihr: „Es werden von den Normannen her große Verfolgungen und schreckliche Kriege und unermessliche Verwüstungen kommen, so dass alle diese lieblichen Gestade unserer Sünden wegen fast unbewohnbar werden. Darauf wird durch die Gnade des Herrn der Kirche Gottes der Friede zurückgegeben und die schreckliche Not, die auf diesen Gegenden lastete, auf die Normannen selbst zurückfallen.“ Seufzend sprach die Schwester: „O möchte mich der Herr würdigen, mich von dieser Welt zu nehmen, bevor diese Schrecknisse eintreffen!“ Er entgegnete ihr: „Nicht also, vielmehr wird das in deinen Tagen geschehen; ich aber werde jene Gräuel in diesem meinem Fleisch nicht mehr schauen.“ – Dieses Traumgesicht erfüllte sich, denn nach dem Tod des heiligen Ludger fielen die wilden Normannen sehr häufig in das Land ein, verbrannten die Kirchen, verwüsteten die Klöster, plünderten die Wohnungen und ließen eine entvölkerte Wüste hinter sich zurück. So berichtet uns Altfrid. Den ersten geschichtlich bekannten Einfall in Friesland machten die Normannen im Jahr 846. Demgemäß müsste die heilige Heriburga, die die Verwüstung des Landes durch diese Barbaren noch erleben sollte, erst nach dem Jahr 846 gestorben sein. Ihr Todestag ist der 16. Oktober.

 

Der heilige Lullus, Erzbischof und Bekenner von Mainz,

+ 16.10.786 – Fest: 16. Oktober

 

Einer der treuesten Schüler des heiligen Bonifatius und dessen nächster Nachfolger auf dem erzbischöflichen Stuhl zu Mainz war der heilige Lullus. Er stammte aus einem angelsächsischen, vornehmen Geschlecht in England. Schon als Junge von sieben Jahren wurde er einem Mönchskloster zur Erziehung anvertraut und gab sich mit allem Eifer dem Studium der Wissenschaften und religiösen Übungen hin, wie sie in den Klöstern von Lehrern und Schülern wetteifernd gepflegt wurden. Mit den zunehmenden Jahren übte er strenge Enthaltsamkeit, um das Fleisch dem Geist zu unterwerfen, und vertiefte sich so sehr in die heiligen Schriften, dass er die Bewunderung seiner Vorgesetzten und Mitschüler erregte.

 

Um diese Zeit verbreitete sich in England der Ruf von den außerordentlichen Erfolgen des heiligen Bonifatius, des Apostels der Deutschen, und sein dringendes Verlangen nach tüchtigen Mitarbeitern, um die reiche Ernte in die Scheune Christi einzubringen. Denn wenn auch dem heiligen Bonifatius einige Gehilfen zur Seite standen, so bedurfte er jetzt Männer, die durch Wissenschaft und Tugend ausgezeichnet, als Äbte und Bischöfe für die neugegründeten Klöster und Bistümer angestellt werden konnten. Mit freudigem Opfermut folgten viele gottbegeisterte Männer und Frauen der Aufforderung des heiligen Bonifatius und verließen ihre teure Heimat, um sich den Gefahren, Entbehrungen und Beschwerden einer apostolischen Wirksamkeit preiszugeben. Unter diesen Helden des Glaubens und der Liebe befand sich auch Lullus, ein Verwandter des heiligen Bonifatius, nebst seiner Mutter Schwester Chunihilt und deren Tochter Berathgit, die in den Wissenschaften sehr gut unterrichtet waren und als Lehrerinnen im Thüringer Land angestellt wurden. Lullus entschloss sich sogleich voll Begeisterung für den hohen Beruf eines Mitgehilfen im apostolischen Amt, empfing die Diakonatsweihe und unternahm mit Erlaubnis seiner Ordensoberen die Reise nach Deutschland.

 

Glücklich fuhr Lullus über das Meer und den Rhein aufwärts. Bonifatius freute sich ungemein über die Ankunft seines Verwandten, erkannte im Umgang mit ihm seine Frömmigkeit, seine gründliche Gelehrsamkeit, seinen glühenden Seeleneifer und seine innige Liebe zu Gott. Deshalb erteilte er ihm die heilige Priesterweihe und behielt ihn fortan immer bei sich. Lullus predigte eifrig das göttliche Wort und erprobte bei wichtigen Aufträgen seine Zuverlässigkeit, Geschäftsgewandtheit und rastlosen Eifer.

 

Als der heilige Bonifatius sich zur letzten Reise in das Land der Friesen entschloss, ernannte er mit Genehmigung des Papstes Zacharias seinen treuen Freund und erprobten Genossen Lullus zum Koadjutor seines Erzbistums. Den versammelten Vätern des Konzils zu Mainz stellte er den erwählten Oberhirten vor, und zu Lullus gewendet, sprach er: „Ich denke jetzt daran, wie ich meine Pilgerschaft vollenden will, und kann von dem Vorhaben meiner Reise nicht ablassen. Denn schon steht der Tag meines Sterbens bevor und die Zeit meines Todes naht. Ich werde die körperliche Hülle ablegen und in Empfang nehmen den Kampfpreis ewiger Belohnung. Du aber, innigst geliebter Sohn, führe zu Ende den Bau der von mir in Thüringen begonnenen Kirchen, rufe unablässig das Volk von Irrwegen zurück, vollende den Bau der zu Fulda begonnenen Kirche und bringe dorthin meinen unter der Last der Jahre erlegenen Leib.“ Nachdem er ihm noch andere heilsame Ermahnungen gegeben hatte, empfahl er ihm besonders die väterliche Fürsorge für seine Schüler und Freunde, und mahnte ihn schließlich: „Sorge nun auch, mein Sohn, mit deiner weisen Umsicht für alles, was auf der Reise dienlich ist und lege in meine Bücherkisten auch das Linnentuch, in das einst mein Leichnam gehüllt werden möge.“ Diese Worte gingen Lullus tief zu Herzen und er vergoss im Übermaß des Schmerzes einen Strom von Tränen. Mit ihm weinten alle Anwesenden. Zu gleicher Zeit ließ Bonifatius die Wahl des Lullus vom König Pipin bestätigen und empfahl ihn und seine Geistlichkeit dem väterlichen Schutz des edlen Herrschers.

 

Lullus verwaltete sein hohes Amt mit Weisheit und Eifer, lehrte, ermahnte, wies zurecht und leuchtete mit dem besten Beispiel vor, so dass er seinem geistlichen Vater alle Ehre machte. Nach dem Martertod des heiligen Bonifatius ließ er dessen Leiche durch eine Gesandtschaft nach Mainz führen und empfing mit unsäglicher Trauer und dennoch mit Freude und Jubel die heilige Leiche seines geliebten Lehrers. So gern Lullus und die Bewohner von Mainz den heiligen Leib in ihrer Mitte behalten hätten, so durften sie doch dem ausdrücklichen Verlangen des Heiligen nicht widerstreben. Lullus begleitete die heilige Leiche bis Fulda und setzte sie unter außerordentlichen Feierlichkeiten in einem steinernen Sarkophag des Domes bei. Dann brachte er die Leiche Adelars, des ersten Bischofs von Erfurt und Genossen des Martertodes des heiligen Bonifatius, zugleich mit dem Leichnam des heiligen Eoban, nach Erfurt.

 

Nachdem Lullus das weitausgedehnte, vierzehn Bistümer umfassende Erzbistum Mainz zweiunddreißig Jahre ehrenvoll verwaltet hatte, wurde ihm im Geist offenbart, dass der Tag seiner Heimkehr zu Gott bevorstehe. Deshalb trug er dem frommen Bischof Alboin auf, dass er das heilige Messopfer verrichte und ihm dann nach dem von ihm gestifteten Kloster Hersfeld vorausgehe. Alboin, völlig gesund und kräftig, feierte ohne Verzug das heilige Opfer, fiel aber nach der Heiligen Messe tot hin. Lullus nahm die Leiche auf sein Schiff, mit dem er den Main hinauffuhr, und begrub sie ehrenvoll im Kloster Hersfeld. Bald überfiel auch ihn ein heftiges Fieber und nach würdiger Vorbereitung entschlief er im Herrn am 16. Oktober 786. Als 60 Jahre später sein Leichnam aus der Erde erhoben wurde, fand man ihn völlig unversehrt im Glanz seiner Gewande, so dass man eher einen Schlafenden, als einen Toten zu sehen glaubte.

 

17. Oktober

 

Die heilige Margareta Maria Alacoque, Jungfrau, Nonne, Frankreich,

+ 17.10.1690 - Fest: 17. Oktober

 

Wie ein breiter länderverbindender und völkerbeglückender Strom, so zog gestern Sankt Hedwigs Leben an unserem staunenden Blick vorüber. Ganz anders ist die Geschichte der dritten aus dem Dreigestirn heiliger Frauen, das über diesen Tagen im Kirchenjahr glänzt, denn das Leben der heiligen Margareta Maria Alacoque ist wie das schwache Licht einer Kerze, die vor dreihundert Jahren irgendwo in Frankreich vom lieben Heiland selbst entzündet wurde, dann aber die Welt in Brand steckte und heute noch ungezählte Herzen erleuchtet und erwärmt, beglückt und beseligt.

 

Irgendwo in Frankreich wurde 1647 ein schwächliches Mädchen geboren. Der Vater, seines Standes Richter und Notar, starb früh und hinterließ fünf unmündige Kinder, für die sich eine gute Mutter von früh bis spät abrackerte, um sie für das Leben zu versorgen. Eines der Kinder, Margareta Maria, wurde einem klösterlichen Erziehungsheim übergeben, in dem sie sich glücklich fühlte. Doch nur zwei Jahre verblieb das Mädchen im stillen Frieden unter den gottgeweihten Frauen. Margareta Maria erkrankte, Lähmungserscheinungen traten auf, die Mutter holte sie heim, und vier weitere Jahre lag das Kind krank im Bett, kaum dass es die Glieder rühren konnte. Es war ein Jammer, der allen ins Herz schnitt, so dass auch die liebe Mutter Gottes Mitleid hatte und das Mädchen gesund machte, als es gelobte, sich dem Dienst Gottes im Kloster zu weihen.

 

Irgendwo in Frankreich lebte ein junges Mädchen, das sich vor Jahren auf dem Krankenbett Gott versprochen hatte. Es war ein schönes, anmutiges, liebreizendes junges Mädchen, das die Freuden der Welt, selbstverständlich in Ehren, mit vollen Zügen trank und davon nie genug bekommen konnte. Spiel und Scherz und Tanz und Lachen und Singen füllten die Tage aus, und wie wenig Klostergedanken Margareta Maria hegte, ersah man daraus, dass sie mit einem reichen jungen Mann verkehrte, und schon suchten Verwandte und Nachbarn im Kalender nach dem baldigen Hochzeitstag; da besann sich das junge Mädchen, das bei aller Lebenslust oft und manchmal stundenlang vor dem Tabernakel in der heimatlichen Dorfkirche knien und beten konnte, da besann sich also das Mädchen auf sein Gottesgelöbnis, und über Nacht ging Margareta Maria ins Kloster.

 

Irgendwo in Frankreich betete zur nächtlichen Stunde eine Ordensfrau vor dem Allerheiligsten in der Klosterkapelle. Es war eine schwächliche, kränkliche Ordensfrau, ungeschickt auch zu jeder Arbeit. Weil sie jedoch sehr fromm war, ernannten die Oberen sie zur Meisterin der jungen Schwestern. Als aber bekannt wurde, dass Schwester Margareta Maria Erscheinungen habe, wurde man misstrauisch, und die Mutter Priorin nahm die Zarte hart zwischen die Finger und drückte sie fest und befahl ihr, das Spinnen gefälligst zu unterlassen, dafür solle sie weniger fasten und besser essen, damit sich die Nerven wieder kräftigten, und als trotzdem die Erscheinungen weiterzugehen schienen, redete man allgemein im Haus von Einbildungen, Theater und höllischen Trugbildern. So schnell sind oft die Menschen mit dem Urteil fertig.

 

Irgendwo in Frankreich betet also zu nächtlicher Stunde eine Ordensfrau vor dem Allerheiligsten in der Klosterkapelle, und plötzlich steht vor ihr der Heiland in sichtbarer Gestalt und zeigt ihr, von Flammen umloht, von Dornen umwunden, vom Kreuz überragt, in der Mitte mit dem tiefen Lanzenstich sein heiligstes Herz. „Siehe da das Herz“, so redet der Herr die Begnadete an, „das die Menschen so sehr geliebt hat, dem aber von den meisten, selbst solchen, die besondere Beweise seiner Liebe empfingen, nur Kälte, Gleichgültigkeit und Undank zuteil wird.“ Und weiter sagt der Heiland zu der Seherin, dass er in der liebearmen Welt einen neuen Frühling der Hingabe an ihn durch die Verehrung seines Herzens, des Sinnbildes und des Sitzes der Erlöserliebe, wolle aufblühen lassen und sie, Margareta Maria, solle „den unergründlichen Reichtum Christi verkünden und allen die Verwirklichung des Geheimnisses aufdecken, das von ewigen Zeiten her verborgen war in Gott, dem Schöpfer des Alls.“

 

Irgendwo in Frankreich spricht die Novizenmeisterin Schwester Margareta Maria mit heller Begeisterung hinreißend schön von der Liebesglut des Heilandsherzens, und selbst in Brand, entzündet sie auch die Seelen der Novizinnen und steckt allmählich alle im Hause an, und weiter greift der Brand auf andere Klöster, auf ganze Länder, auf die gesamte katholische Welt. Leuchtend und wärmend steht seitdem die Sonne des Herzens Jesu über der Kirche, und ein neuer Frühling der Liebe ist erblüht. Die Herz-Jesu-Verehrung ist mit dem Herz-Jesu-Fest, mit der Sühnekommunion am ersten Monatsfreitag, mit der Heiligen Stunde und anderen gemütstiefen Übungen zur Lieblingsandacht all jener geworden, die dem Herrn zugetan sind.

 

Irgendwo in Frankreich glühte und verglühte vor dreihundert Jahren eine Kerze, welche die ganze Welt in Brand gesteckt hat und heute noch Ungezählte erleuchtet und erwärmt, beglückt und beseligt.

 

18. Oktober

 

Der heilige Justus, Junge und Martyrer von Sinomovic, Frankreich,

+ 18.10. 287 - Fest: 18. Oktober

 

Das Leben und Sterben des heiligen Justus wird in einer Schrift erzählt, die schon über tausend Jahre alt ist. Die Geschichte in unsere Sprache übersetzt lautet so:

 

„Es fängt an das Leiden des heiligen Märtyrers Justus. Zur Zeit, da der allmächtige Gott die Zahl der Heiligen anwachsen ließ, und Justus neun Jahre alt war, sprach er zu seinem Vater Justinus: „Mein Vater, ich habe einen Traum gehabt, dass ein reicher Mann, namens Lupus, meinen Oheim Justinian in der Stadt der Ambienser im Sklavendienst gefangen hält.“ – Der Vater sprach zum Sohn: „Was wollen wir also machen?“ – Da nun Justin in der Stadt Autisiodor einen Menschen um Geld zu dingen suchte, welcher ihn begleiten sollte, den Bruder aufzusuchen, sprach Justus zu ihm: „Ich bin bereit mit dir zu gehen.“ – Darauf sagte seine Mutter Felicia: „Sohn Justus, wie könntest du einen so weiten Weg antreten? Es könnte dir etwas widerfahren.“ – Er antwortete: „Wenn Gott will, werde ich gehen, und wenn es ihm gefällt, werde ich zurückkommen.“ – Und Justin sagte: „Nimm Brot und Geld und wir wollen unter Christi Leitung die Reise machen, welche wir beschlossen haben.“

 

Ungefähr um die dritte Stunde gingen sie fort aus der Stadt Autisiodor und kamen gegen Abend, als der Tag sich neigte, zu dem Kastell Melodun. Hier saß am Tor des Kastells ein Blinder und Lahmer und rief: „O seliger Justus, erquicke meine Seele, denn ich sterbe vor Hunger.“ Der Knabe sagte zu seinem Vater: „Nimm das Brot und erquicke ihn“ und zog sich dann ein Kleidungsstück ab und legte es dem Armen an; der Vater aber fing an, ihn darüber zu schelten. Justus antwortete: „Es steht geschrieben: Selig, wer sich erbarmt über den Dürftigen und Armen, in schlimmer Zeit wird ihn befreien der Herr.“ – Und in der Frühe gingen sie hinaus und setzten die Reise fort. Und als sie nach der Stadt Paris kamen, trafen sie einen sehr guten Mann, Hippolyt mit Namen. Er fragte sie, aus welcher Provinz sie wären; jene aber sagten, „aus der Stadt Autisiodor, wir suchen einen Gefangenen“, und es sagte Hippolyt zu ihnen: „Kommet in mein Haus, ich will euch erquicken mit Wein und Honigwasser.“

 

Als sie gesättigt waren und die Reise fortsetzten, kamen sie an den Fluss Isara, fanden aber kein Schiff; da sprach Justus zu seinem Vater Justin: „Sieh, durch Gottes Barmherzigkeit kommt ein Mensch den Fluss herab; wir wollen ihn bitten, dass er uns überfahre.“ Und da sie so redeten, kam er und sie sagten zu ihm: „Freund, tue uns den Gefallen und fahre uns über den Fluss; du bekommst Fährgeld dafür und Gewinn für deine Seele.“ Aber er fragte, wer und woher sie seien; und da sie ihm die Mitteilung machten, dass sie ausgehen, einen Gefangenen zu suchen, fuhr er sie umsonst über den Fluss. Als sie nun die angefangene Reise beschleunigten, kamen sie zu der Stadt Ambianis und fragten nach dem Handelsmann Lupus und wo sein Haus wäre. Und da sie ihn gefunden hatten, sagten sie zu ihm: „Unser Anverwandter ist in dieses Gebiet als Gefangener geführt worden und wir haben gehört, er sei bei dir.“ Aber er fragte, woher oder wer es sei oder was für einen Namen der habe, den sie suchten. Darauf antwortete Justinus: „Wir sind Christen aus der Stadt Autisiodor, und mein Bruder, den wir suchen, heißt Justinianus.“ – Und Lupus sprach zu ihnen: „Kommet in mein Haus und ich will euch Herberge geben und euch meine Sklaven zeigen, und wenn ihr den erkennet, den ihr sucht und das Lösegeld zahlet, könnt ihr euern Bruder heimführen.

 

Und da sie zur Abendstunde in das Haus des Lupus gegangen waren, führte er ihnen seine zwölf Sklaven vor. Allein der Gesuchte ward unter ihnen nicht gefunden; erst da er genauer nachsah, erblickte Justus den Justinian, wie er die Lampe hielt und sagte: „Siehe, der Sklave, welcher das Licht anzündet, ist unser.“ Aber dieser sprach: „Woher kennst du mich? Ich habe dich noch nie in dieser Gegend gesehen.“ Und indem er dieses redete, war ein junger Soldat des Verfolgers Riciovarus zugegen; der stand alsbald auf und brachte die Geschichte zu dem Tyrannen und sprach: „Es sind Menschen in der Stadt Ambianis, die sich auf Zauberkünste verstehen und bekennen, Christen zu sein; was ist mit ihnen zu machen?“ – Aber er sprach: „Gehet, und führet sie schnell zu mir, und wenn sie sich weigern zu kommen, sollen sie in den Kerker geworfen werden, bis sie mir vor Augen gebracht werden.“ – Da die Diener fortgingen in die Stadt und das Haus des Lupus aufsuchten, fanden sie jene nicht mehr daselbst, weil Lupus vorher in der Nachtzeit zu ihnen gesagt hatte: „Stehet auf und nehmet den Menschen, der euch angehört und euer Geld, damit nicht die Vorgesetzten euch ergreifen.“ Und da die Diener dem Riciovarus so meldeten, dass jene schon aus der Stadt entwichen wären, sagte der Tyrann zu ihnen: „Es sollen vier Knechte sich aufmache und sie schnell zu Pferd verfolgen, damit sie umkehren müssen und, wenn sie widerstreben, getötet werden.

 

Als die Knechte sie verfolgten, fanden sie dieselben bei der Quelle Sirica. Und es sprach zuerst Justinianus zu seinem Bruder Justinus: „Wir wollen ein wenig ausruhen, da wir Wasser hier haben und wollen Speise nehmen, damit wir besser die Reise fortsetzen können.“ – Und Justus sagte zu ihnen: „Esset geschwinder, weil der Gebieter Riciovarus vier Reiter schickt, die uns zurückführen oder töten sollen. Während ihr Speise nehmet, will ich achthaben, und wenn sie kommen, mit ihnen reden; ihr aber gehet in die Höhle und verberget euch.“ – Und wie er dieses sagte, sah er sie von weitem kommen; Vater und Bruder zogen sich in die Tiefe der Höhle zurück. Die Diener des Herrschers kamen nun herbei und fragten den Justus, wo die Alten seien oder was für Göttern sie opferten. Er antwortete, er sei ein Christ; und da er seine Angehörigen nicht verraten wollte, sagte einer zum andern: „Ziehe das Schwert und haue ihm den Kopf ab, und wir wollen ihn dem Herrscher bringen.“ Justus aber betete: „Gott Himmels und der Erde, nimm meinen Geist auf, weil ich unschuldig und reinen Herzens bin.“ Und da der Kopf abgeschnitten war, wurden die Diener von großem Schrecken ergriffen. Sie flohen davon und erzählten dem Tyrannen Riciovarus, wie der Hergang gewesen.

 

Da die Verfolger sich entfernt hatten, gingen die Angehörigen des seligen Justus aus der Höhle und fanden den Leichnam. Und es sagte Justinus zu seinem Bruder Justinianus: „Was machen wir mit diesem Leib?“ Sie fanden ein altes Gemäuer mit Efeu überzogen, hier beerdigten sie sorgfältig den Körper; das Haupt aber trugen sie mit sich fort. Und sie reisten eilig und langten am dritten Tag in der Stadt Autisiodor an. Und es sprach Felicia, seine Mutter: „Wo ist mein Sohn Justus?“ – Und Justinianus sein Oheim antwortete: „Er ist gestorben.“ – Sie sprach: „Ich sage dir Dank, Gott Himmels und der Erde, der du die unschuldige, reine Seele aufgenommen hast“; und sie setzte hinzu: „O seliger Sohn Justus, bitte für mich, der du verdient hast, das Martyrium zu erlangen!“ Aber indem sie dieses betete und weinte, hing der Kopf des Martyrers in Leinwand eingehüllt im Haus. Da es nun Nacht wurde, siehe da leuchtete das ganze Haus.

 

In jenen Tagen aber war Bischof jener Stadt ein Priester Gottes, namens Amator. Er ist aber ganz früh aufgestanden zu der Metten und sagte zu seinen Brüdern: „Ich habe große Lichter gesehen über dem Haus des Justinus; die ganze Stadt ist davon hell geworden; gehet geschwind und sehet, was dies gewesen.“ Da gingen drei Priester hin und fragten den Justinus, was das für eine Bedeutung mit dem Licht habe, das in der Nacht über seinem Haus erschienen sei. Und es sagte Justinus zu ihnen: „Mein Sohn Justus ist umgekommen in ferner Gegend; die Diener des Gebieters Riciovarus haben uns gemeinsam verfolgt, und indem wir uns geflüchtet haben, ergriffen sie meinen Sohn, hieben seinen Kopf ab und kehrten zurück. Und wir haben seinen Leib am nämlichen Ort begraben, neben der Quelle Sirica im Gebiet Bellovac, sein Haupt aber haben wir mitgenommen, damit seine Mutter ihn küssen könne. Und da er in unser Haus gebracht war, ist um die dritte Stunde der Nacht ein Licht vom Himmel gekommen, wovon das Haus und die ganze Stadt durch Fügung Gottes erleuchtet ward.

 

Erstaunt meldeten dies die Priester, welche vom Bischof gesandt waren, den Brüdern und dem heiligen Amator selbst, und jubelnd über ein so schönes Wunder sagten sie dem allmächtigen Gott Dank. Und der Bischof befahl, sie sollten eine Tragbahre und Leuchter nehmen, das Haupt zur Kirche tragen und in der Gruft des Hauses Gottes beerdigen, in welcher der Bischof selbst einst zu ruhen vorhatte. Und um das Zeugnis des guten Werkes zu vollenden, war in jener Stadt ein Mädchen von 16 Jahren, von Geburt an blind, und es rief und sprach: „Heiliger Justus, bitte zu deinem Gott, an den ich auch glaube und den ich bekenne, dass ich sehend werde.“ Und alsbald wurden durch göttliche Kraft seine Augen geöffnet, und es sahen die Priester die Herrlichkeit Gottes und alle lobten und priesen Gott, weil ihnen ein großes Wunder gezeigt worden. An ihn glauben die Völker, ihm sei Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen.“

 

Du siehst in dieser Legende, wie ein Kind von übernatürlicher, wunderbarer Seelenstärke durch gewaltsamen Tod seinen Eltern entrissen wird. Gewöhnlich sieht man unmäßigen Jammer bei den Eltern, wenn ihnen ein Kind stirbt, gar wenn es das einzige ist; dieser Jammer ist aber gerade ein Zeichen, wie wenig der christliche Glaube wahrhaftig und lebendig in solchen Eltern wohnt. Siehe an der Mutter des heiligen Justus, wie eine Christin den Tod des Kindes annimmt; sie weinte wohl, aber vor allem dankte sie Gott, dass er das Kind, da es noch unschuldig war, zu sich genommen und für die Ewigkeit gesichert habe; und sie sah von nun an das Kind als ihren Fürsprecher im Himmel an.

 

Die Reliquien vom heiligen Justus sind aber in vielen Hauptkirchen verteilt worden und stehen in großer Verehrung. In manchen Kirchen hat am heutigen Tag auch das Brevier eine eigene Lesung über den heiligen Justus, und in der Messe wird gebetet: „Gott, der du den seligen Justus, dem Alter nach ein Kind, dem Glauben nach aber groß, durch den Sieg des Leidens zur ewigen Herrlichkeit geführt hast, verleihe, bitten wir, dass seine verehrungswürdige Fürsprache uns helfe und wir Genossen seiner ewigen Herrlichkeit werden, durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Herrn. Amen.“

 

Der heilige Petrus von Alkantara, Priester, Ordensstifter,

+ 18.10.1562 - Fest: 18. Oktober

 

Alljährlich finden vielerorts Radrennen statt, die zuweilen wochenlang dauern und sich auf Tausende von Kilometern durch ein ganzes Land hinziehen. An allen Straßen der Rennstrecken stehen die Leute zuhauf, und die Zeitungen berichten spaltenlang vom Verlauf der Fahrt.

 

Frohgemut und siegesgewiss starten die Teilnehmer, doch bald macht hier einer schlapp, bald dort einer, andere stürzen und brechen sich die Knochen. Immer kleiner wird die Zahl der Fahrer, immer größer der Abstand der einzelnen voneinander, bis endlich der Sieger, von Tausenden umjubelt, am Ziel anlangt. Meistens gewinnt derjenige, der sich am eifrigsten, bereits wochenlang vorher, übend einfuhr, streng fastete, um das Federgewicht nicht zu verlieren, und dann vom Beginn der Fahrt ab mit eisernem Willen durchhielt.

 

Ist nicht auch das Leben des Christen eine Wettfahrt zum Himmel? Froh und leicht vollzieht sich in der Jugend der Start, aber je länger das Rennen währt und je schwieriger es wird, desto mehr Stürze gibt es und desto mehr Teilnehmer bleiben leider auf der Strecke. Nur die Heiligen halten eisern durch, bis sie, von Millionen im Himmel und auf Erden umjubelt, am Ziel anlangen.

 

Unter allen Himmelsstürmern ist der heilige Petrus von Alkantara, dessen Gedächtnis die Kirche heute begeht, einer der auffallendsten und ausgeprägtesten.

 

Petrus, ein Spanier, der Sohn des Statthalters Garavito, wurde im Jahr 1499 zu Alkantara geboren. Früh besuchte er die Schule, lernte spielend und war mit vierzehn Jahren bereits Universitätsstudent, ein vielbeachtetes Talent, dem die Zukunft glänzende Aussichten bot. Als daher der Sechzehnjährige die Welt verließ und ins Kloster ging, standen Lehrer und Mitschüler kopf. Wie konnte man nur so dumm sein?

 

Oder war Petrus doch der klügere? Sicher war er es, denn mit seinem klaren Verstand hatte er die Hohlheit und Nichtigkeit von irdischem Reichtum und weltlicher Ehre schnell und gründlich durchschaut, und deshalb fiel es ihm leicht, auf alles zu verzichten, was nach Ansicht der Leute das Leben schön und angenehm macht, um sich einzig nach dem zu strecken, was droben ist.

 

Wie ein Riese lief der junge Mönch seinen Weg, und es klingt fast unglaublich, was alte Bücher von seinem Fasten und Kasteien berichten. Im Winter ging er auch bei großer Kälte barfuß und im Sommer barhaupt trotz glutender Hitze. Nachts schlief er vierzig Jahre hindurch nur zwei Stunden lang, und alle drei Tage aß er bloß einmal. So behielt er stets das Federgewicht. Ein eiserner Wille herrschte in ihm, und der Leib mit seinen Sinnen konnte ihm beim Sturm auf den Himmel nicht hinderlich sein. Ganz hatte er sich in der Gewalt, und geradeaus ging der Weg dem Ziel entgegen, und wenn man ihn mahnte, von der allzu großen Strenge gegen sich selbst abzulassen, so entgegnete er:

 

„Ich habe mit meinem Leib einen Vertrag geschlossen, dass er während dieses Lebens leiden müsse, dafür werde er in der Ewigkeit für immer selige Ruhe genießen.“

 

Niemand ist selbstredend verpflichtet, das Tun des heiligen Petrus von Alkantara nachzuahmen. Man darf es nicht einmal, denn was der strenge Büßer tat, geht über die Kraft gewöhnlicher Menschen weit hinaus und verlangt eine besondere Berufung und Begnadung von seiten Gottes. Wohl aber mahnt dieses Heiligenleben, dass man doch nicht allzu weichlich sei, sondern um des ewigen Lohnes willen auch Kälte und Hitze, Hunger und Durst, Zahnschmerzen und Leibweh starkmütig ertragen soll. „Das Himmelreich leidet Gewalt“, sagt der göttliche Heiland, „und nur die Gewalt brauchen, reißen es an sich.“

 

Der heilige Petrus von Alkantara ermahnt uns also, wenigstens keine wehleidigen Jammerlappen zu sein, sondern starkmütig die kleinen Leiden und Lasten des Lebens zu tragen, damit wir nicht, vom Irdischen zu sehr beschwert, auf der Strecke bleiben, sondern das Rennen der Ewigkeit, wenn auch schließlich nicht als erste, so doch immerhin gewinnen.

 

19. Oktober

 

Der heilige Aquilinus, Bischof und Bekenner von Evreux, Frankreich,

+ 19.10.695 – Fest: 19. Oktober

 

Der heilige Aquilinus wurde um das Jahr 620 in Bayeux von adeligen Eltern geboren, die ihm eine vortreffliche Erziehung gaben. Als er das Mannesalter erreicht hatte, verband er sich mit einer würdigen Gattin. Er diente in den Heeren des Frankenkönigs Clodwig II. und kehrte nach beendigtem Feldzug in sein Vaterland zurück. Bei seiner Ankunft in Chartres traf er da seine Gemahlin, die ihm bis dahin entgegengekommen war. Beide dankten Gott, dass er sie wieder glücklich zusammengeführt hatte, fassten den Entschluss, ferner nur für ihn zu leben, und legten sogar das Gelübde ab, ihre übrigen Lebenstage in der Enthaltsamkeit zuzubringen. Sie zogen sich nach Evreux zurück, weihten sich dort gänzlich den Werken der Tugend und verwendeten ihre Güter zur Unterstützung der Armen und Notleidenden. Nach dem Tod des damaligen Bischofs von Evreux um das Jahr 663 wählte man unseren Aquilinus zu seinem Nachfolger, denn es war allgemein bekannt, dass er mit seiner Frau wie mit einer Schwester lebe. Mit aller Treue erfüllte er die Pflichten eines Oberhirten. Damit er aber durch seine Amtsgeschäfte in seinem Eifer für die Vervollkommnung nicht geschwächt werde, lies er sich in der Nähe seiner Kirche eine kleine Zelle erbauen und verschloss sich zuweilen in ihr, um in der Abgeschiedenheit sich mit Gott zu unterhalten und neue Kräfte zur Ausübung der Seelsorge zu sammeln. In seinen letzten Jahren verlor er das Augenlicht, betrachtete aber diesen Unfall für eine Gnade, da er den Herrn öfters um eine Heimsuchung gebeten hatte. Er starb um das Jahr 695. Seine Reliquien kamen in das Kloster Gigniac in Burgund, wurden aber 1794 von den Revolutionsmännern unter dem Freiheitsbaum verbrannt.

 

Die heilige Frideswida, Jungfrau und Äbtissin von Oxford, England,

+ 19.10.735 oder 727 oder 790 – Fest: 19. Oktober

 

Die heilige Frideswida, Äbtissin des Benediktinerordens zu Oxford in England, eine Fürstentochter von Geburt, erfasste frühzeitig die Wahrheit, dass außer Gott alles eitel Nichts sei, und bestrebte sich mit Hintansetzung ihrer Abkunft und Schönheit einzig nur ihm zu dienen. Zu dem Ende trat sie in das von ihrem frommen Vater Dida 750 zu Oxford gestiftete Kloster, übernahm dort die Leitung und war aus allen Kräften bestrebt, mit ihren Untergebenen auf dem Weg der Vollkommenheit voranzuschreiten. Doch hatte sie durch Gottes Zulassung eine schwere Prüfung zu bestehen. Algar, der Fürst der Mercier, versuchte sie mit Gewalt zu entführen, und sie entging seinen Händen nur durch ein Wunder, indem der Himmel im Augenblick des Angriffs den Räuber mit plötzlicher Blindheit schlug. Nach diesem Vorfall ließ sie sich in einiger Entfernung zu Thornbury ein Bethaus errichten, wo sie einzig der Betrachtung lebte, bis der Herr sie gegen die Mitte des 8. Jahrhunderts zum ewigen Lohn rief. In der katholischen Zeit wurde sie als Patronin der Stadt und Universität Oxford verehrt.

 

20. Oktober

 

Der heilige Wendelin, Einsiedler von Tholey bei Trier,

+ 20.10.617 - Fest: 20. Oktober

 

Der heilige Wendelin wird besonders als Patron der Bauern verehrt.

 

Aus ihm, dem Erstgeborenen des schottischen Königshauses, sollte einmal ein Krieger und Held werden. Er sollte der Krone würdig sein, die auf ihn wartete. So wuchs der Prinz heran, und als er ein junger Mann geworden war, ging er in Rüstung und Waffen und übte das Fechten mit Degen und Speer und wurde ein Kämpfer, hochgewachsen, kraftvoll und stark und gewandt wie der nordische Held Frithjof in den Heldenliedern der alten Saga, von dessen kriegerischem Ruhm ihm die königliche Mutter an der Wiege gesungen hatte.

 

Niemand ahnte, dass tief in Wendelins Seele die Sehnsucht hockte und klagte nach einem fernen Land, wo er nicht als Fürst in Pracht und Glanz, sondern als schlichter Gefolgsmann und treuer Knappe dem großen König Christus in Armut und Selbsterniedrigung dienen könne. Seit Wendelin gehört hatte, dass der Gottessohn die Herrlichkeit des Himmelreiches freiwillig verlassen, Knechtsgestalt angenommen und sich fern von der ewigen Heimat im Dienst der Armen und Bedrängten bis zum letzten Blutstropfen hingegeben hatte, hielt es den Königssohn nicht mehr daheim in Reichtum und Fülle. Eines Tages machte er sich aus dem Staub und verschwand und ging Christus nach.

 

Auf Nimmerwiedersehen entfernte sich Wendelin, segelte über das Meer und kam in die Gegend von Trier, wo er sich im tiefen Wald aus Birkenstämmen und Reisig eine Klause baute. Dort lebte und betete und sang er zum Lobpreis Gottes mit den Vögeln um die Wette.

 

Einmal pilgerte Wendelin aus dem Wald nach Trier zu den Gräbern der Heiligen, und als er unterwegs auf einem Hof um Nahrung bat, schimpfte ihn der Bauer ungeduldig an und sagte, er soll sich schämen, als Faulenzer und Tagedieb durch die Welt zu ziehen und anderen Leuten auf der Tasche zu liegen, anstatt zu arbeiten, was er bei seinen Bärenkräften doch wohl könne. Und wenn er keine Arbeit fände, so könne er gleich auf dem Hof bleiben und das Vieh hüten.

 

Da sauste dem königlichen Prinzen eine starke Rede scharf um die Ohren. Aber er hielt stand und war mutig genug, den angebotenen Dienst auf der Stelle zu übernehmen. Viele Jahre hütete Wendelin das Vieh, und er war gut zu den Tieren und sorgte für sie und nahm sich besonders der erkrankten Rinder und Schafe an und suchte heilkräftige Kräuter und Wurzeln und half den Tieren. So machte es Wendelin, und so verlangt es auch Gott, der in der Heiligen Schrift allen sagen lässt, dass sich der Gerechte des Viehs erbarmt. Stattlich gedieh da die Herde, und Wendelin stieg bei seinem Herrn hoch in Ansehen und Gunst.

 

Darüber wurden die faulen Mitknechte des Heiligen neidisch, und sie redeten schlecht über ihn beim Bauern, dass er das Vieh mal zu früh und mal zu spät austreibe und dass er vor lauter Beten, Singen und Kreuzschlagen nicht auf das Vieh achte und es herrenlos weit vom Hof weiden lasse. Und wirklich ertappte der Bauer eines Abends den Hirten mit der Herde meilenweit fern in der Wildnis, und er tadelte den Leichtfertigen und hielt ihm vor, dass er unmöglich vor der Nacht die Tiere heimbringen könne. Da entgegnete Wendelin: „Seid ohne Sorge, Bauer, wenn die Dunkelheit hereinbricht, bin ich daheim.“ So geschah es auch, denn als der Bauer nach scharfem Ritt auf schnellem Pferd im letzten Sonnenstrahl heimkehrte, trieb Wendelin gerade die Schafe in den Stall.

 

Da erkannten alle voll Staunen, dass ein Heiliger unter ihnen lebte. Der Bauer nahm die harte Rede zurück, mit der er damals den Gottesmann einen Faulenzer und Tagedieb geschimpft hatte, entschuldigte sich bei ihm und ließ für ihn eine Klause bauen, wo Wendelin noch lange Jahre wohnte und betete. Aus den Höfen ringsum kamen die Bauersleute mit dem kranken Vieh, und Wendelin heilte die Tiere mit seinen Kräutern und Wurzeln und mehr noch mit seinem kräftigen Segen. Und das tut er heute noch von seinem Grab aus in der Stadt Sankt Wendel im Saarland, wo er im Jahr 637 starb, unvergessen von allen Bauersleuten, deren Ställe er schirmend schützt.

 

Der Gerechte erbarmt sich also des Viehs, der Tiere überhaupt. Wer aber ein Tier quält, ist ein gefühlloser Mensch und versündigt sich schwer.

 

St. Wendelin – Von Pater Hangauer, Puchheim (1915)

 

St. Wendelin wurde nach der Überlieferung in der Mitte des 6. Jahrhunderts (554) in Schottland oder Irland geboren. Er war der älteste Sohn des Königs Frohardus und der Königin Evelina. Um jene Zeit wurden zahlreiche Söhne vornehmer Eltern jener Länder in den dortigen Klosterschulen erzogen und unterrichtet. Voll heiligem Glaubenseifer begaben sie sich dann über das Meer, um in den verschiedenen Gegenden Deutschlands als Einsiedler Gott zu dienen und das Christentum zu verbreiten. So kam St. Wendelin nach Trier und lebte in der Gegend lange Zeit als armer Hirt. Als solcher kam er auch in die Gegend des heutigen Sankt Wendel, wo damals noch eine große Einöde war. Als seiner Herde einst, wie die Überlieferung berichtet, das Wasser ausging, betete Wendelin voll Vertrauen zu Gott und stieß seinen Hirtenstab in die Erde. Da quoll auf einmal eine starke, klare Quelle hervor; es ist dies der St. Wendels Brunnen, ungefähr 20 Minuten von der Stadt entfernt. Die zahlreich nach St. Wendel kommenden Pilger versäumen es nicht, auch diese durch den hl. Wendelin geheiligte Stätte aufzusuchen und Wasser aus dem Wendelinus-Brunnen zu schöpfen.

 

Eine Zeitlang hielt der hl. Wendelin sich auch am Hof des berühmten Bischofs Magnerich zu Trier auf und trat dann in das neugegründete Benediktinerkloster Tholag bei St. Wendel ein, wo er von den Mönchen zum Abt erwählt wurde. Als Missionar konnte der selbstlose Mann erst recht einen großen Seeleneifer bekunden. Er bekehrte viele Heiden der Umgebung. Sein Leben war ein Leben des Gebetes und der Nächstenliebe. Auch als Abt behielt er seine strenge Lebensweise bei und befreite durch Wunderkraft die Viehherden der armen, frommen Landleute von großen Seuchen. Sein heiligmäßiger Tod fällt wahrscheinlich auf den 20. (21.) Oktober 617. Sein Leib wurde in der von ihm lange bewohnten Einsiedlerzelle beigesetzt. Gott verherrlichte sein Grab bald durch zahlreiche Wunder. Das Vertrauen, das die Landbewohner bei seinen Lebzeiten zu ihm gehabt hatten, wuchs infolgedessen nach seinem Tod. Bald entstand über seinem Grab eine Kirche. Der Zudrang zu seinem Grab wuchs von Jahr zu Jahr, so dass um die Kirche die Stadt St. Wendel entstand. An die Stelle der alten Kirche erbauten die Gläubigen zwischen 1300 und 1315 eine prachtvolle gotische Kirche, die heute noch steht. Die Gebeine des hl. Wendelin wurden in einem Holzsarg hinter dem Hochaltar so hoch aufgestellt, dass die Pilger nach alter Sitte unter ihm herziehen können. Der hl. Wendelin besitzt weit und breit ein sehr großes Vertrauen. In früheren Zeiten kamen die Pilger selbst aus Schottland herüber zum Grab des heiligen Königssohnes. Besonders pilgert das Landvolk gerne zum hl. Wendelin, um seine Hilfe gegen Viehkrankheiten anzurufen. Mittwochs nach Pfingsten und am 20. (21.) Oktober sind die Prozessionen fremder Pilger besonders stark. Als im Jahr 1896 die Reliquien feierlich zur Verehrung ausgestellt wurden, kamen über 100.000 Pilger dorthin, um den Schutz des hl. Wendelin zu erbitten. Zahlreiche Kirchen und Kapellen tragen seinen Namen.

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Der heilige Vitalis, Abt-Bischof von Salzburg,

+ 20.10. um 730 – Fest: 20. Oktober

 

Als der heilige Bischof Rupert von Worms dem Ruf des Herzogs Theodo von Bayern folgte und dort das Bistum Salzburg gründete, sah er bald ein, dass er allein die seelsorglichen Arbeiten in dem weitausgedehnten Bistum nicht bewältigen könne. Deshalb reiste er nach Worms zurück und erwählte aus der dortigen Missionsanstalt zwölf tüchtige und seeleneifrige Mitarbeiter, die er nach Bayern mitnahm. Unter diesen apostolischen Männern zeichneten sich drei durch außerordentliche Heiligkeit und segensreiche Erfolge vor den übrigen aus, nämlich die heiligen Priester Kislar, Kuniald und Vitalis. Die beiden ersten predigten das Evangelium an der Donau und drangen bis nach Wien vor. Ihre heiligen Reliquien ruhen neben denen ihres geliebten Bischofs Rupert im Dom zu Salzburg. Ihr Gedächtnis wird am 24. September gefeiert.

 

Der berühmteste Begleiter des heiligen Rupert war der heilige Vitalis. Als Rupert von seinen Missionsreisen müde und lebenssatt zurückkehrte und den Rest seines tatenreichen Lebens auf die würdige Vorbereitung zu einem seligen Tod verwenden wollte, übertrug er die bischöfliche Würde seinem würdigsten und geliebtesten Schüler, dem frommen und eifrigen Vitalis.

 

Der neue Bischof von Salzburg hatte einen schweren Stand, denn die barbarischen Hunnen und Slaven drangen von Osten her sengend und plündernd durch die Täler der Donau, Mur und Enns bis nach Salzburg und ließen Ruinen und Jammer hinter sich zurück. Vitalis scheute sich nicht, mit apostolischem Freimut den heidnischen Barbaren das Evangelium des Friedens und der Liebe zu verkünden, und es gelang ihm mit göttlicher Hilfe, einen Teil von ihnen zu bekehren, die sich dann häuslich niederließen und Christengemeinden bildeten. Nach dem Abzug der Slaven stellte er die zerstörte Maximilianszelle wieder her, wirkte mit dem segensreichsten Erfolg im Pinzgau und drang über die Salzach weiter vor nach Tirol und Bayern bis zum Bodensee. Überall streute er den Samen des Evangeliums eifrig aus und sein abgetötetes Leben, sein tugendreiches Beispiel unterstützte mächtig sein begeistertes Wort, so dass sich viele Heiden taufen ließen und viele laue Christen zum freudigen Bekenntnis ihres Glaubens und zu frommen Übungen wieder angeregt wurden. Wo Unfriede und Zwietracht lange Zeit geherrscht hatte, stellte er die Eintracht leicht wieder her, so dass sich die verhärtetsten Herzen erweichten und langjährige Feinde sich die Hand zur Versöhnung reichten.

 

Außer dieser Gabe der Friedensstiftung wird unter seinen Tugenden besonders die engelreine Keuschheit gerühmt. Die Legende erzählt, nach seinem Tod, der am 20. Oktober um das Jahr 730 erfolgte, sei eine Lilie aus seinem Herzen entsprossen und blühend durch den Deckel seines steinernen Sarges gedrungen. Das gläubige Volk erkannte in diesem Wunder ein göttliches Zeichen für die lilienreine Unschuld des Heiligen.

 

Im Jahr 1628 nahm Papst Urban VIII. den hochverdienten Bischof Vitalis unter die Zahl der Heiligen auf. Er wird besonders verehrt und gefeiert als „Apostel der Pinzgauer“.

 

21. Oktober

 

Die heilige Ursula, Jungfrau und Martyrin in Köln,

+ 453 - Fest: 21. Oktober

 

Der Name Ursula ist nicht, wie es wohl den Anschein haben könnte, lateinischen, sondern germanischen Ursprungs und bedeutet Pferdchen, und das war die Königstochter Ursula aus England auch, munter wie ein Füllen und schön von Gestalt und rein von Herzen.

 

Da kam ein Prinz, um Ursula zu freien, aber Ursula bat sich drei Jahre aus, weil sie noch zu jung sei, und in den drei Jahren wolle sie die goldene Jugendzeit bis zum letzten Tropfen auskosten, fromm und froh und fröhlich sein, und es sollten ihr elf Gefährtinnen gegeben werden, jede von ihnen mit tausend Gespielinnen, und elf Schiffe sollte man bauen, denn nicht nur auf dem Land, sondern auch auf dem Meer wolle sie sich vergnügen, wie sie gerade Lust verspüre. Das waren Ursulas Wünsche, und Vater und Bräutigam säumten nicht, sie restlos zu erfüllen.

 

Wo elftausend junge Mädchen sind, da ist Leben, Leben, Leben, da ist Spiel und Lied und Lautenschlag und Reigen und Tanz. Es war eine goldene Zeit für Ursula und ihre Gefährtinnen, und als die drei Jahre voll Sang und Klang und Jugendlust zu Ende gingen, geschah es eines Tages, als die Gespielinnen auf dem Meer fuhren, dass ein starker Sturm sich erhob und die elf Schiffe allesamt von Englands Küste weg an Deutschlands Ufer getrieben wurden in die Mündung des Rheins hinein, und am folgenden Tag in der Früh war Ursula mit ihrer Sippschaft bereits in Köln.

 

Da beredete sich die Königstochter mit den anderen, und einstimmig beschloss man, weil man doch schon in Köln sei, gemeinsam weiter nach Rom zu pilgern an Sankt Peters Grab, und sie lösten die Anker und hissten die Fahnen mit dem Bild der lieben Mutter Gottes und fuhren rheinaufwärts am Siebengebirge vorbei und an der Loreley durch das Binger Loch über Mainz nach Basel und noch eine Strecke aufwärts bis zu der großen Römerstadt Kaiseraugst, die damals noch stand. Dort verließen sie die Schiffe, weil der Rhein sie nicht mehr trug, und wanderten zu Fuß singend und betend über die Alpen nach Italien bis Rom und hielten ihre Andacht und empfingen den Segen des Heiligen Vaters und kehrten froh und glücklich den gleichen Weg zurück bis Kaiseraugst zu Fuß und von dort zu Schiff den Rhein abwärts und gelangten zum Schluss wieder nach dem heiligen Köln.

 

In Köln hatten sich während der Abwesenheit der elftausend Jungfrauen schlimme Dinge ereignet, denn wie ein Hui waren die Hunnen übers Land gekommen, das wilde Volk aus dem Osten auf den kleinen hurtigen Pferden. Überall sengten und brannten und mordeten die grausamen Krieger mit der gelben Hautfarbe, den Schlitzaugen und dem drollig geknoteten Schopf auf dem Kopf, und gerade als Ursula mit den Gefährtinnen nichtsahnend landete, feierten die zügellosen Horden des Hunnenkönigs Etzel zu Köln ein Fest, das schon zehn Tage dauerte. Aus tausend Fässern floss der Wein, und alle waren trunken, und als die wüsten Gesellen Ursula und ihre Gespielinnen erblickten, wollten sie dem Leib der Jungfrauen mit Gewalt Unehre antun, und da begab sich das staunenswerte Ereignis, dass elftausend junge und edle Mädchen freiwillig und froh lieber in den Tod gingen, als dass sie sich das Krönlein der Ehre rauben ließen, das alle Kinder, die von Herzen rein sind, unsichtbar, wo sie gehen und stehen, auf dem Haupt tragen.

 

Da lagen auf blugetränktem Boden elftausend Leichen, wie Lilien weiß und rein, die der Sturm geknickt hatte, und liebkosend strich die Abendsonne noch einmal darüber hin, und es kamen die Leute aus Köln und begruben die Toten und bauten eine Kirche über dem großen Grab, und es wallfahrteten zu der Kirche im Lauf der Jahrhunderte Ungezählte, auch Kaiser und Könige, und bis auf den heutigen Tag freuen sich die Leute darüber, dass elftausend junge, frohe Mädchen lieber sterben als die Ehre einbüßen wollten.

 

Der selige Petrus Kapucci von Tiferno, italienischer Priester,

+ 21.101445 - Fest: 21. Oktober

 

Geboren im Jahr 1390, war der Selige schon als Kind von der Gnade ergriffen und uninteressiert an den Kinderspielen, den göttlichen Dingen dagegen zugetan, dass sich daraus wohl ganz leicht auf die künftige große Heiligkeit schließen ließ. Die Welt mit ihren Eitelkeiten war ihm verhasst und um ihren Schlingen zu entgehen, eilte er schon im fünfzehnten Lebensjahr dem Ordensleben zu und erhielt im Prediger-Konvent seiner Vaterstadt das Kleid des heiligen Dominikus. Nach Ablegung der feierlichen Gelübde zeichnete er sich wunderbar durch seine Unschuld und Sittenreinheit aus, sowie nicht minder durch den Eifer, mit dem er alles betrieb, was zum Dienst Gottes gehört, und ebenso durch seine Liebe, Selbsterniedrigung und Treue in Befolgung der Ordensgesetze. Ein Freund der Zurückgezogenheit und voll Begeisterung für den Verkehr mit Gott im innerlichen Gebet, schien er kein anderes Ziel zu verfolgen, als die glühendste Liebeseinigung mit Gott, sowie das Streben nach Bereicherung seines Geistes mit der kirchlichen Wissenschaft, um dann nicht bloß durch Gebet und Beispiel, sondern auch durch erleuchteten Eifer nach Vorschrift seines Ordens dem Heil der Seelen nutzbringend sich zu weihen.

 

Die Obern schickten ihn nach Cortona, wo er nach Empfang der Priesterweihe aller Augen durch den Glanz seiner Tugenden auf sich zog. Dabei blieb er aber so demütig, dass er, obgleich von adeliger Abstammung und bei allen Bürgern hoch angesehen, die geringsten Dienstleistungen in und außer dem Kloster freudig übernahm. In der Stadt Almosen sammeln, sowie den Armen und Kranken dienen, war sein Lieblingsgeschäft. Dabei glühte er vor Eifer für das Heil der Seelen und gewann nicht wenige verkommene Menschen für ein besseres Leben. Darunter waren zwei große Verbrecher, die bereits im Kerker und ganz in Verzweiflung an ihrer Seligkeit sich befanden, und die er nach ihrer Bekehrung wie durch ein Wunder vom gewaltsamen Tod rettete, zu dem sie verurteilt waren. Ebenso bewog er einen zügellosen jungen Mann, der auf Verbrechen aus war, die Petrus durch höhere Erleuchtung erkannte und ihm zur rechten Zeit vorhielt, wobei er ihm auch für den nächsten Tag seinen Tod voraussagte, damit er noch seine Sünden bereuen konnte. Der Ruf seiner Heiligkeit drang weithin, wozu die Gaben der Weissagung, Entzückungen und Wunder viel beitrugen. So ist eigens aufgezeichnet, dass er den verdorrten Arm einer Frau durch das bloße Kreuzzeichen geheilt, und dass man ein leeres Weinfass auf sein Wort und Gebet ganz voll gefunden habe.

 

Reich an Verdiensten sah er dem Tod, den er so oft gepredigt und selbst betrachtet und dessen Bild er beim Gebet und bei der Predigt öfters in der Hand gehalten hatte, freudig entgegen. Und seine Seele flog nach andächtigem Empfang der heiligen Sakramente zum himmlischen Vaterland auf im Konvent des heiligen Dominikus zu Cortona am 21. Oktober 1445. Kaum war er gestorben, als auch schon die Einwohner von Cortona und Tiferno, die des seligen Petrus Tugenden zu beobachten Gelegenheit gehabt hatten, ihn wie einen Heiligen zu verehren begannen und ihn um Fürbitte anriefen. Später wurde sein heiliger Leib, der anfänglich bloß an ehrenvollem Ort beigesetzt gewesen, um der Andacht der Gläubigen zu genügen, auf den Hochaltar übertragen im Jahr 1597, wo er bis zum Jahr 1786 verblieb. In diesem Jahr erwirkte der Infant von Spanien Ferdinand I. aus Liebe zum Predigerorden, dessen Bußregel er angenommen hatte, und aus besonderer Verehrung für den seligen Petrus seine Übertragung in die Kirche des heiligen Liborius zu Colurno bei Parma. Kaum aber war er gestorben, so übernahm der Bischof von Cortona aus besonderer Vorliebe für den Orden und den seligen Petrus Sorge und Kosten der Zurückbringung an die ehemalige Stätte und reichte beim Heiligen Stuhl ein dringendes Gesuch um Gestattung seiner Verehrung en, worauf nach reiflicher Untersuchung Papst Pius VII. gestattete, dass in den Diözesen Cortona und Tiferno und im ganzen Predigerorden sein Fest gefeiert werde am 22. Oktober. Das Kirchengebet für diesen Tag lautet:

 

O Gott, der du verkündet, dass deine Gläubigen, wenn sie die letzten Dinge betrachten, niemals sündigen werden; lass uns durch die Fürbitte und nach dem Beispiel des seligen Petrus, deines Bekenners, den zeitlichen Tod so vor Augen halten, dass wir durch stete Reue über die begangenen Sünden dem ewigen Tod entgehen, durch Christus, unseren Herrn. Amen.

 

22. Oktober

 

Die heilige Kordula,

Jungfrau und Märtyrin von Köln (Gesellschaft der hl. Ursula),

+ 451 – Fest: 22. Oktober

 

Die heilige Kordula, eine Märtyrin aus der Gesellschaft der heiligen Ursula, versteckte sich beim Anblick des grausamen Hinmordens ihrer Gefährtinnen im unteren Raum des Schiffes, nicht denkend an die Worte des Herrn: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, aber die Seele nicht töten können, sondern fürchtet euch vielmehr vor demjenigen, der Leib und Seele in das Verderben der Hölle stürzen kann.“ Als sie aber den mutigen Tod der anderen beherzigte und bedachte, fühlte sie schmerzliche Reue über ihre Feigheit und über den Verlust der Marterkrone und trat gestärkt durch die göttliche Gnade am folgenden Tag aus ihrem Schlupfwinkel hervor, wurde sogleich ergriffen und, da sie allen schändlichen Anträgen ebenfalls widerstand, als die letzte der heiligen Schar getötet.

 

Die heiligen Nunilo und Alodia, Jungfrauen und Märtyrinnen in Spanien,

+ 22.10.851 – Fest: 22. Oktober

 

Die heiligen Jungfrauen Nunilo und Alodia, Märtyrinnen in Spanien, waren Schwestern, die einen Mohammedaner als Vater, aber eine christliche Mutter hatten, von der sie in der wahren Lehre unterrichtet wurden. Als die Mutter aber, Witwe geworden, sich zum zweiten Mal mit einem Ungläubigen verheiratete, flüchteten sie sich, um der Wut ihres fanatischen Stiefvaters zu entgehen, in den Schutz einer Tante, bei der sie unangefochten die Übungen der Frömmigkeit ausführen konnten, bis die Christenverfolgung unter dem König Abderaman II. begann. Nun wurden sie verhaftet und am 22. Oktober 851 ihrer Standhaftigkeit im Glauben wegen enthauptet. Ihr Gedächtnis wird zu Bosca und Huesca alljährlich festlich begangen.

 

23. Oktober

 

Der heilige Johannes von Kapistran,

Priester und Bekenner in Italien,

+ 23.10.1456 - Fest: 23. Oktober

 

Zum Unterschied von den zahlreichen anderen Heiligen gleichen Namens wird der heutige Tagesheilige nach seinem Geburtsort, einem Dorf in Italien, Johannes von Capistrano genannt. Sein Vater soll ein Deutscher unbekannten Namens gewesen sein, der auf einem Kriegszug in Capistrano hängenblieb und sich dort verehelichte. Nach glänzenden Studien wurde Johannes, sehr jung noch, Bürgermeister und oberster Richter der Stadt Perugia, und hervorragend bewährte er sich in beiden Ämtern. Sein Ansehen stieg, der Reichtum vermehrte sich, und schon war der Tag der Hochzeit mit einem Edelfräulein angesagt, da brach ein Aufstand aus, und ehe sich der verbissene Streber nach irdischem Glück versah, fand er sich in einem tiefen, fensterlosen Turmverließ wieder, mit Ketten angeschmiedet zur lebenslänglichen Haft. Da gingen dem Dreißigjährigen die Augen auf über die Flüchtigkeit und Nichtigkeit von Erdenglanz und Menschengunst, und als es ihm später gelang, sich gegen ein hohes Lösegeld die Freiheit zu erkaufen, sagte er der trügerischen Welt leichten Herzens ade, ging ins Kloster und wurde Franziskaner.

 

Es war ein Glück für den Neuling, dass sein Lehrer im Ordensleben ein Heiliger war, der heilige Bernardin von Siena, der als gewaltiger Bußprediger durch die Städte und Dörfer Italiens zog, und Johannes durfte den Meister auf den Missionsreisen begleiten und von ihm lernen, bis er selbst ein Redner war, so mächtig, wie es alle Jahrhunderte nur einmal einen gibt.

 

Vierzig Jahre lang predigte Johannes von Capistran mit Erfolg in Italien, Ungarn und Deutschland. In Augsburg hat er gepredigt, in Eichstätt, Regensburg, Nürnberg, Bamberg, Erfurt, Weimar, Jena, Halle, Magdeburg, Leipzig, Dresden, Breslau und vielerorts anderswo. Weil der Prediger der deutschen Sprache nicht mächtig war, redete er lateinisch, drei Stunden lang. Drei weitere Stunden dauerte es, bis ein Mitbruder die Worte des Heiligen verdeutscht hatte, und sechs Stunden lang harrten die Zuhörer aus, nicht zwanzig oder dreißig oder sechzig, sondern zwanzig- und dreißig- und sechzigtausend, Menschenmengen, die kein Gotteshaus fassen konnte, die, weil die Predigten unter freiem Himmel gehalten wurden, die größten Plätze der Städte füllten wie Trauben an den Bäumen hingen und dichtgedrängt auf den Dächern der Häuser saßen. Es war aber nicht Zuckerbrot, was der Prediger den Massen reichte, sondern die bittere Kost der ewigen Wahrheiten. Trotzdem nahm der Zulauf des Volkes nicht ab, und wo der kleine, schmächtige Mönch mit den glutvollen Augen auftrat und mit hinreißenden Worten die Laster geißelte, da erlitt Christi Widersacher, der Teufel, Schlappe auf Schlappe, so dass beispielsweise die Nürnberger nach einer aufwühlenden Predigt des wortgewaltigen Mannes sechs große Wagen voll von Spielkarten, Würfeln, eitlem Tand und schlechten Büchern öffentlich verbrannten.

 

Capistrans größte Stunde sollte jedoch noch schlagen. Es war damals, als nach dem Fall von Konstantinopel im Jahre 1453 die Türken siegreich vordrangen. Bei der Uneinigkeit der christlichen Fürsten, die sich nicht zur Gegenwehr aufraffen konnten, wäre Europa auf ein Haar von den grausamen Janitscharen des Sultans überrannt und versklavt worden, wenn nicht Johannes von Capistran gewesen wäre, der mit weltweitem Blick die Gefahr, die dem christlichen Abendland für alle Zeiten drohte, überschaute und der in unablässigem Bemühen aus Bauern und Bürgern ein Heer von sechzigtausend Mann auf die Beine brachte, an deren Spitze er mit dem Kreuz in der Hand am 2. Juli 1456 bei Belgrad die Türken aufs Haupt schlug.

 

Ein siebzigjähriger Mönch hat damals Europa vor Untergang und Verderben gerettet. Wie war das nur möglich? Ganz einfach, denn Johannes von Capistran war ein mutiger Mann und ein Heiliger dazu. Solchen Menschen ist der Teufel, der bloß mit Schwächlingen fertig wird, von vornherein unterlegen.

 

Der heilige Severin, Bischof und Bekenner von Köln,

+ 23.10.399 – Fest: 23. Oktober

 

Nach der dreihundertjährigen Verfolgung der Kirche durch die römischen Tyrannen sehen wir den von Jesus Christus gepflanzten Baum sich zu einer nie geahnten Kraft und Blüte entfalten. Eine glänzende Reihe heiliger und gelehrter Männer zierte die Bischofsstühle in allen Ländern und verteidigte die von Christus überlieferte Wahrheit gegen die Arianer und anderen Ketzer der damaligen Zeit. Zu diesen Leuchten der katholischen Kirche gehört auch der heilige Severin, Bischof von Köln.

 

Severin entstammte einer adeligen Familie zu Bordeaux in Frankreich. In seiner Jugend hatte er das große Glück, ein Schüler und Freund des heiligen Bischofs Martin von Tours zu sein. Da der bischöfliche Stuhl zu Köln unbesetzt war, der damals zu Gallien gehörte, sah man sich nach einem Mann um, der streng am katholischen Glauben festhielt, die Wahrheit gegen die Irrlehre der Arianer zu verteidigen wusste, durch tugendhaften Wandel sich auszeichnete und mit Eifer für seine Herde wirkte. Niemand wusste einen würdigeren, als den heiligen Severinus. Um das Jahr 365 wurde er zum Bischof von Köln gewählt.

 

Die erste Sorge Severins war, das verderbliche Unkraut der gottlosen Irrlehre überall auszurotten und trotz Mühen und Gefahren erreichte er glücklich sein Ziel. Die Wundergabe, mit der ihn Gott bei seinem apostolischen Werk ausgestattet hatte, unterstützte sein Bekehrungswerk. Die Blinden, die er sehend, die Kranken, die er gesund machte, öffneten auch den geistig Blinden die Augen und führten die Irrenden zur Wahrheit zurück.

 

Während der heilige Bischof das Reich Gottes in den Herzen seiner Bistumsangehörigen befestigte, sorgte er auch mit regem Eifer dafür, dass würdige Gotteshäuser erbaut und mit seeleneifrigen Priestern ausgestattet wurden. Auf der Burgstraße vor der Hohenpforte des alten Kölns, unweit des Rheinufers, erbaute er die Kirche zu Ehren der heiligen Cornelius und Cyprianus. Im Jahr 376-78 stiftete er ein Münster von Chorgeistlichen und bestimmte zu dessen Unterhalt fast den ganzen Umfang der Dörfer, Weiler und Gärten, die zu beiden Seiten der Burgstraße lagen und sich bis zur hohen Pforte hin erstreckten.

 

Eine heilige Sehnsucht trieb einst den frommen Bischof, seinen edlen Freund und Lehrer, den heiligen Martinus, zu besuchen. Er fand ihn auf dem Sterbebett, vernahm noch seine liebreichen Ermahnungen an die umstehenden Mönche, sah seine geläuterte Seele im glückseligen Tod dahinscheiden und hörte den himmlischen Lobgesang der Engel, die die auffahrende Seele zu den ewigen Wohnungen begleiteten. Welch ein sehnliches Verlangen mochte in seiner Seele erwachen, mit seinem geliebten Freund am Thron des Allerhöchsten wieder vereinigt zu werden.

 

Noch einmal wollte der heilige Severin seine teure Heimat Bordeaux wiedersehen. Er reiste hin und wurde vom heiligen Amandus, der damals Bischof von Bordeaux war, mit brüderlicher Liebe aufgenommen, aber Gott gefiel es, ihn aus dieser Zeitlichkeit zur ewigen Ruhe abzuberufen um das Jahr 399, nachdem er fast ein halbes Jahrhundert den bischöflichen Stuhl von Köln geziert hatte.

 

Amandus ließ den Leichnam des heiligen Severin in der Domkirche zu Bordeaux beisetzen, aber die Einwohner von Köln ruhten nicht, bis sie einen ansehnlichen Teil der Reliquien ihres verehrten Bischofs erhalten hatten. Bei der Ankunft der ehrwürdigen Gebeine fiel ein langerwünschter Regen, der nach dreijähriger Dürre der Hungersnot ein Ende machte. Das dankbare Volk verehrte von nun an den Heiligen in öffentlichen Andachten und empfahl sich in Nöten seiner Fürbitte. Das Sprichwort: „Der Heilige ist wieder zu Hause“ pflanzte sich über die Grenzen des Bistums in die Nachbarländer fort.

 

Als im Jahr 799 Papst Leo III. durch Köln nach Westfalen zog, um Kaiser Karl den Großen gegen seine Bedränger um Hilfe anzurufen, besuchte er das Grab des heiligen Severin und sagte zu seinen Begleitern: „Severin, der Schützer dieses Ortes, ist hier zu Hause; ich darf nicht vorübergehen, ohne ihn zu verehren.“ Durch dieses Beispiel und durch den verbreiteten Ruf des wundervollen Beistandes des heiligen Severinus vermehrte sich der feierliche Besuch dieser Kirche. Die Kölner versammelten sich allwöchentlich an den Montagen beim Grab ihres geheiligten Schutzpatrons, um durch ihn die Gnade und Hilfe Gottes in ihren Nöten für die ganze Woche zu erbitten.

 

Der Erzbischof Wischfried im 10. Jahrhundert und danach HerrmannI. und II. erneuerten und vergrößerten das Gebäude und die Kirche erhielt den Namen ihres Erbauers. Mochte im Lauf der Zeit manche Umwandlung an dem ehemaligen Stift vorgenommen werden, die uralte montägige Andacht der Bürger Kölns ist beibehalten und mit einer Nachmittagsandacht erhöht worden. Möge Köln stets in seinem heiligen Glauben erhalten werden durch die Fürbitte seines ehrwürdigen Patrons, des heiligen Severin.

 

24. Oktober

 

Der heilige Raphael, Erzengel (Arznei Gottes),

Fest: 24. Oktober (29. September)

 

Einst hatte ein fremder König das Reich Israel erobert und alle Juden, Männer, Frauen und Kinder, als Sklaven in sein Land verschleppt. Unter den Gefangenen befand sich ein Mann mit Namen Tobias, seine Frau hieß Anna, und der einzige Sohn wurde nach dem Vater ebenfalls Tobias genannt. Alle drei waren gute Leute, gläubige Israeliten, die sich auch um arme Menschen kümmerten. Fast das ganze Vermögen schenkten sie her, so dass sie selbst arm wurden. Und trotzdem ließ es Gott als Prüfung zu, dass der Vater ausgerechnet bei einem Dienst an armen Leuten blind wurde.

 

In dieser großen Not erinnerte sich der alte Tobias, dass er einmal einem Bekannten, der in der fernen Stadt Rages wohnte, Geld geliehen hatte. Da beschloss er den Sohn hinzuschicken, damit er das Geld zurückhole. Der junge Tobias aber wusste nicht den Weg nach Rages, und gerade als er sich bei den Nachbarn erkundigen wollte, kam am Haus ein gleichaltriger junger Mann vorbei. Die beiden grüßten sich und kamen ins Gespräch. Da stellte es sich heraus, dass der Fremde ebenfalls nach Rages reisen wollte. Außerdem sagte er, dass er den Schuldner kenne und sein Haus sogar mitten in der Nacht mit geschlossenen Augen finden könne.

 

Da freuten sich alle, und nachdem der alte Tobias dem jungen Tobias Ratschläge erteilt hatte, machten sich die jungen Männer, von den Segenswünschen des Alten begleitet, auf die Reise. Kaum aber waren sie eine Viertelstunde gegangen, da sauste etwas wie der Wind hinter ihnen her, und sie sahen, dass es der Haushund war, der sich im letzten Augenblick losgerissen hatte und hinter ihnen her stürmte. Es war ein Spitz, ein weißer Spitz mit schöner spitzer Schnauze, mit lustigen spitzen Ohren, mit klugen Augen und mit einem prachtvoll gerollten Schwanz, der wie eine Fahne hoch im Wind stand. Es war also ein reinrassiger Spitz. Unbeschreiblich war die Freude des Hundes, dass es ihm geglückt war, auszureißen und mitzureisen, denn nichts tun Hunde lieber als laufen und rennen. Und so lief und rannte damals der Spitz, dass er mit seinem Hin und Her den weiten Weg wenigstens dreimal gemacht hat.

 

Die jungen Männer unterhielten sich gut, und weil ein sich unterhaltender Wanderfreund wie ein Wagen mit schnellen Pferden ist, kamen sie gut voran. Am Abend des ersten Tages lagerten sie unter freiem Himmel am Tigris, und als Tobias ein Fußbad nahm, geschah es, dass plötzlich vor ihm ein großer Fisch aus dem Wasser tauchte und nach ihm schnappte. Hui, da schrak er zusammen. Laut rief er den Gefährten zu Hilfe. Der aber sagte: „Greif zu und zieh den Fisch ans Land!“ Ermutigt tat Tobias, wie er ihm gesagt hat. Nachdem sie den Fisch getötet hatten, nahm ihn der Reisebegleiter kunstgerecht auseinander und briet ihn ebenso kunstgerecht auf dem Lagerfeuer. Beide aßen davon, und auch Spitz bekam seinen Teil ab. Nur die Leber und die Galle des Tieres bewahrten sie auf, denn der Begleiter erklärte, sie seien ein gutes Heilmittel für kranke Augen. Tobias solle damit nach der Rückkehr die Augen des blinden Vaters bestreichen, dann werde er wieder sehen.

 

Nach dem Essen legten sich beide nieder und schliefen gut, während Spitz Wache hielt. Am anderen Morgen zogen sie frischgestärkt und froh weiter. Am Abend des zweiten Reisetages fanden sie bei einem Bauern gastliche Aufnahme und wurden beim Essen von der Tochter des Hauses namens Sara sehr gut bedient. Auf einmal gab der Begleiter seinem Schützling einen Schupps und flüsterte ihm zu: „Du, schau dir die Sara einmal gut an, ich glaube, sie ist die Richtige für dich.“ Tobias schaute also Sara an, und Sara schaute Tobias an, und sie erkannten auf den ersten Blick, dass sie füreinander bestimmt waren, und kamen schnell überein, bald zu heiraten. Während die Vorbereitungen für die Hochzeit getroffen wurden, holte der Begleiter, um Tobias in seinem jungen Glück nicht zu stören, die Schuldsumme in Rages ab. Dann wurde die Hochzeit gefeiert, und alle begaben sich auf den Rückweg. Spitz war natürlich stets weit voraus.

 

Daheim sorgten sich die alten Eltern über das lange Ausbleiben des Sohnes. Täglich ging die Mutter auf einen nahen Berg, um Ausschau zu halten. Endlich erblickte sie ihn in der Ferne und lief heim, um dem blinden Vater Bescheid zu geben. Als sie es tat, war der Spitz schon da, bellte laut vor Freude, sprang immer wieder hoch, leckte nach den Händen, und sein Schwanz flatterte wie eine Fahne im Sturm. In diesem Augenblick traten die Heimgekehrten ein, und alle freuten sich. Der junge Tobias bestrich die Augen des Blinden mit der Leber und der Galle des Fisches, und nach einer halben Stunde konnte der Vater wieder sehen.

 

Als man dann den Begleiter mit reicher Gabe beschenken wollte, lehnte er dankend ab und sagte, er sei der Engel Raphael, extra von Gott gesandt, den jungen Tobias auf der Reise zu beschützen. Nun habe er den Auftrag ausgeführt und wolle wieder heim in den Himmel. Bei diesen Worten entschwand er den Blicken, und vier gute Menschen blieben im hellen Glück zurück. Nur Spitz ließ die Ohren hängen und zog den Schwanz ein, denn zutiefst hatte er den lieben Reisegefährten in sein Hundeherz eingeschlossen. Erst drei Tage später fraß er wieder.

Seit jener Zeit ist der heilige Erzengel Raphael der Patron der Reisenden.

 

Der heilige Antonius Maria Claret,

Erzbischof von Kuba und Ordensstifter,

+ 24.10.1870 – Fest: 24. Oktober

 

Enge Stuben und Kleinstadtgeschwätz sind nicht jedermanns Sache. Der junge Pfarrverweser von Sallent in Nordspanien hielt es eines Tages nicht mehr aus, vor leeren Bänken zu predigen und ein paar Schulkindern Beicht zu hören, während jenseits der Meere Millionen von Heiden unerlöst dahinlebten. Die Sehnsucht nach den Missionen verführte ihn zu einem kühnen Husarenstück: Er reiste kurzerhand nach Rom und stellte sich der Kongregation de propaganda fide zur Verfügung. Gleichzeitig trat er in das Noviziat der Jesuiten ein. Allein der Wille Gottes zerschlug ihm diese selbstherrlichen Pläne. Krank kehrte er zurück.

 

Aber Männer wie Anton Claret lassen sich nicht entmutigen. Wollte Gott nicht, dass er bei den Heiden für ihn kämpfte – nun wohl, auch in der Heimat gab es Arbeit genug. Er begann den großartigen Feldzug der Glaubenserneuerung, der ihn durch ganz Katalonien führte. Fünf- bis achtmal am Tag sprach er zu einer ständig wechselnden Hörerschaft von der Liebe Gottes, sprach mit der gleichen Ergriffenheit, die ihn selbst durchbebte, und weckte den schlummernden religiösen Eifer seines Volkes zu einer Massenbewegung, wie man sie seit den Tagen des heiligen Vinzenz Ferrer nicht mehr erlebt hatte. Sein Beichtstuhl war Tag und Nacht umlagert, stadtbekannte Kirchenfeinde schworen in seine Hände ihre Verirrungen ab, und wenn er nach kurzem Schlaf auf einem Stuhl in der Morgenfrühe, ein Bündel mit seinen Habseligkeiten am Stock über der Schulter tragend, zu Fuß dem nächsten Ort zuwanderte, läuteten schon die Glocken, und alles Volk erwartete ihn wie einen Propheten und Heiligen.

 

Eben hatte er in Vich die „Missionsgesellschaft der Söhne vom Unbefleckten Herzen Mariä“ gegründet, als er zum Erzbischof von Kuba ernannt wurde. Spanien war ein heißer, steiniger Acker, aber immerhin ein Acker gewesen. Das Land seiner Bestimmung aber war ein brodelnder Hexenkessel, aufgerührt von politischem Hass, wucherischer Ausbeutung und einer fast beispiellosen Verwilderung der Sitten. 125 Priester auf einer Fläche, halb so groß wie Spanien, das Priesterseminar seit Jahrzehnten ausgestorben – wer hier einst ernten wollte, musste den Boden sehr tief umpflügen. Wieder spannte Anton Claret das Netz seiner Volksmission über die ganze Insel, arbeitete bis zur Erschöpfung, gründete Sparkassen, Schulen für das Landvolk und eine Schwesterngenossenschaft zur Erziehung der Kinder, ging scharf gegen den Sklavenhandel vor, schützte die Einheimischen gegen die Willkür der spanischen Behörden, erzog sich eine neue, tapfere Schar von einheimischen Priestern und schuf in sechs Jahren das verlotterte Kuba trotz hartnäckiger Verfolgung durch die Freimaurer zu einem blühenden Gottesreich um.

 

Doch die Heimat rief ihn zurück. Königin Isabella II. von Spanien verlangte ihn zu ihrem Seelenführer. Der Sohn eines armen Handwerkers am glanzvollsten Hof Europas – würde er den Mut haben, dort die Botschaft Christi ebenso offen zu verkünden wie auf den Dorfkanzeln Kataloniens? Bald wird sein Einfluss auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens spürbar, früher als andere erkennt er die Macht des gedruckten Wortes und wirft Flugblatt auf Flugblatt unter das Volk. Nur von der Politik hält er sich fern. Dennoch erreichen seine Feinde, dass er im hohen Greisenalter außer Landes gehen muss, nachdem er sich sein Leben lang für Spanien aufgeopfert hat. Auf Kuba hatte ihm ein Attentäter mit dem Rasiermesser die Wange aufgeschlitzt. Jetzt ist die Verbannung sein Los. Am 24. Oktober 1870 ereilt ihn in einem französischen Kloster der Tod. Auf seinem Grabstein stehen die Abschiedsworte Gregors VII.: „Ich habe die Gerechtigkeit geliebt und das Unrecht gehasst, darum sterbe ich in der Verbannung.“

 

25. Oktober

 

Die heiligen Chrysanthus und Daria, Martyrer von Rom,

+ 25.10.284 - Fest: 25. Oktober

 

Die Legende der Heiligen Chrysanthus und Daria ist eine Liebesgeschichte unter Christen, so ganz anders als die Liebesgeschichten, die heute vielfach angeboten werden.

 

Übrigens beginnt diese Liebesgeschichte der beiden Heiligen mit einem Buch. Einmal fand nämlich der Student Chrysanthus, der Sohn des nichtchristlichen Stadtrichters Polemius zu Rom, bei einem Freund zufällig ein zerlesenes Buch, überflog einige Zeilen, die sein Interesse weckten, lieh sich das Buch aus und las darin die ganze Nacht hindurch mit steigernder Aufmerksamkeit. Und als es Morgen wurde, war in seinem Leben strahlend die Sonne aufgegangen, die Christus ist, das Licht der Welt. Das Buch war nämlich das Evangelium gewesen, von dem er bisher noch keine Ahnung hatte.

 

Zum Entsetzen des Vaters, der um seine einträgliche Stellung fürchtete, wurde Chrysanthus Christ. Er wurde aber nicht nur ein Christ dem Taufschein nach, sondern einer, in dem die Liebe zu Christus wie Feuer glühte. Der Vater ließ, um dem Sohn den christlichen Glauben auszutreiben, eine der hochgeachteten Priesterinnen der Göttin Vesta, Daria mit Namen, ins Haus kommen. Sie sollte den jungen Mann belehren. Dann aber trat das ganze Gegenteil ein, denn Chrysanthus bekehrte die Priesterin. Und in den Stunden, in denen beide miteinander redeten, spannen sich sogar Fäden von Herz zu Herz und verbanden schließlich beide in unzerreißbarer Liebe miteinander. Auch Daria ließ sich taufen und etwas später heirateten beide.

 

Mittlerweile war es bekannt geworden, dass Chrysanthus und Daria den christlichen Glauben angenommen hatten. Und weil damals die Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian begann, verhaftete die Polizei das junge Ehepaar und führte es dem Richter vor. Unerschütterlich bekannten die beiden den Glauben, trotz aller Drohungen. So wurden sie der Folter übergeben. Aber – so die Geschichte – die eisernen Ruten, mit denen man sie schlagen wollte, verwandelten sich in Wolle, und die Ketten, in die man sie schmiedete, zerbrachen, als wären sie aus Glas.

 

Darüber erstaunte der Richter natürlich sehr und wurde ebenso ein Christ. Er ließ sich von Chrysanthus unterrichten und taufen, er und seine ganze Familie. Daraufhin mussten sich Chrysanthus und Daria vor dem Kaiser persönlich verantworten, und weil sie dem Glauben treu blieben, begrub man sie nach weiteren schlimmen Misshandlungen lebendig in einer Sandgrube.

 

Das heilige Martyrerehepaar Chrysanthus und Daria waren auch im Leid erfüllt von dem Glück der Menschen, die Jesus Christus folgen im Leid und in der Freude. Aber aller Ruhm und alle Ehre, die ihnen für immer zuteil wurden, hatten ihren unscheinbaren Anfang beim Lesen eines Buches.

 

26. Oktober

 

Der heilige Evarist, Papst und Martyrer von Rom,

+ 26.10.121 - Fest: 26. Oktober

 

Heute noch könnte einem die Galle überlaufen, wenn man daran denkt, mit welchen Verleumdungen und üblen Nachreden die ersten Christen überschüttet wurden. Abtrünnige und Ungläubige wurden sie von den Heiden genannt. Man warf ihnen vor, dass sie beim Gottesdienst Kinder töteten, ihr Fleisch aßen und das Blut tranken. Die neue Religion sei ein staatsgefährdender Aberglaube. Zauberer seien die Christen, Feinde der Götter, des Kaisers, der Gesetze und der guten Sitten. Regnete es längere Zeit einmal nicht, so waren die Christen daran schuld, und regnete es ein anderes Mal zu lange, so waren sie es wieder, die das Unheil veranlasst hatten. Kurzum, man ließ kein gutes Haar an den Christgläubigen, sie waren der Kinderschreck und das heimliche Grauen aller ängstlichen Gemüter, und dass man ihnen auch noch in die Schuhe schob, sie predigten und verbreiteten den Hass, setzt allen Gräuelmärchen herrlich die Krone auf. Trotzdem nahm die Zahl der Gläubigen von Tag zu Tag zu.

 

Dieser Zulauf mag den heiligen Evarist, dessen Gedächtnis wir heute begehen und der als fünfter Papst in den Jahren 100-109 die Kirche leitete, veranlasst haben, die römische Christengemeinde in sieben Bezirke oder, wie wir heute sagen, in sieben Pfarreien aufzuteilen mit eigenen Pfarrgeistlichen, die für den Gottesdienst zu sorgen hatten und die heiligen Sakramente spenden sollten. Evarist schärfte ferner den Gläubigen erneut die von den Aposteln her bestehende Vorschrift ein, dass Brautleute die Ehe vor Zeugen vor einem Priester müssen einsegnen lassen. Von solch ehrwürdigem Alter ist also auch dieser Brauch in unserer heiligen Kirche.

 

Während der dritten römischen Christenverfolgung unter Kaiser Trajan erlitt Papst Evarist den Martertod für den König Christus und wurde unter dem heutigen Datum auf dem Vatikanhügel in der Nähe des Petrusgrabes beigesetzt. „Selig der Mann“, so sagt die Epistel heute, „der in der Prüfung standhält.“

 

Es ist also leider nicht viel, was uns die Geschichte vom Tagesheiligen zu berichten weiß. Schließlich hatte man damals in den harten Zeiten der Verfolgung auch anderes zu tun, als alles genau aufzuschreiben, was geschah. Eins aber wollen wir dem Papst Evarist nicht vergessen, denn er war es, der uns jenen Namen gab, der zu allen Zeiten und vielfach heute noch als das größte Schimpfwort gilt, das man uns wie Dreck nachwirft und dabei meint, man hätte uns eine Unehre angetan, aber was man uns mit dem Wort wirklich antut, ist gerade das Gegenteil, denn nichts kann uns mehr ehren als das Wort „Katholik“, und diesen Ehrennamen hat uns als erster Papst Evarist gegeben. Dafür sei ihm wahrhaftig Dank gesagt.

 

Es gibt keinen anderen Namen, der besser für uns passt, als eben der Name Katholik, denn unsere Kirche ist katholisch, das heißt auf Deutsch allgemein und allumfassend, sowohl in der Zeit wie im Raum.

 

Allumfassend ist die katholische Kirche in der Zeit, denn seit dem Augenblick, da Christus die Kirche stiftete, war bis heute kein Tag und wird es bis ans Ende der Welt keinen geben, an dem es keine Katholiken gab oder geben wird. Nenn mir eine Kirche, die älter ist als die katholische Kirche. Du findest keine, denn alle anderen Bekenntnisse, die sich christlich nennen, datieren von gestern und vorgestern. Im Anfang war die katholische Kirche, und sie allein.

 

Allumfassend ist die katholische Kirche ferner dem Raum nach. Siehe da, das Senfkörnlein! Es ist das kleinste unter allen Samenkörnern. Wenn es aber erwachsen ist, wird es zu einem Baum, in dessen Zweigen die Vögel des Himmels wohnen. Das Kind in der Krippe – bald ist wieder Weihnachten – war das Senfkörnlein, das bis in unsere Zeit über die ganze Welt hinausgewachsen ist von Pol zu Pol und rund um die Erde mit vielhundert Millionen Gläubigen.

 

Unsere Kirche ist also katholisch, und man kann uns keine größere Ehre antun, als dass man uns Katholiken nennt. Man muss dem lieben Gott täglich auf den Knien dafür danken, dass er uns im Gegensatz zu den Irrgläubigen und Heiden den wahren katholischen Glauben als kostbarstes Gnadengeschenk bereits in die Wiege gelegt hat.

 

27. Oktober

 

Der heilige Frumentius von Tyrus, Bischof von Aksum, Abessynien,

+ 4. Jhd. - Fest: 27. Oktober

 

Dreihundert Jahre nach Christus machte ein Gelehrter namens Merope eine Reise nach Indien, um dieses ferne Land kennen zu lernen. Er hatte zwei Jungen bei sich, die mit ihm verwandt waren, und die er in den Wissenschaften unterrichtete. Der eine hieß Frumentius, der andere Edesius. Nachdem Merope in Indien sich genug umgesehen und seine Wissbegierde befriedigt hatte, begab er sich auf ein Schiff und wollte nach Hause reisen. Im Verlauf der Seefahrt nun musste das Schiff einmal in einem Hafen von Äthiopien landen, weil das Trinkwasser und die Lebensmittel ausgegangen waren. Da nun Merope und die übrigen Leute vom Schiff an Land gegangen waren, wurden sie alsbald von den Heiden angefallen und sämtlich ermordet. Nur die beiden Jungen, die von nichts wussten, saßen sorglos unter einem Baum und lernten ihre Lektion. Als die Heiden die Kinder fanden, mögen sie Mitleid über ihre Unschuld gefühlt haben; sie taten ihnen nicht zuleide, sondern führten sie zu dem König des Landes.

 

Der König ließ den fremden Kindern eine sorgfältige Erziehung geben, und da sie hierbei besondere Tauglichkeit zeigten, gab er ihnen bedeutende Hofämter, als sie das entsprechende Alter erreicht hatten. Edesius wurde königlicher Mundschenk, und da Frumentius besonders vielen Geist und Charakter zeigte, wurde er zum Schatzmeister und Staatsschreiber ernannt. Sie standen beide in großer Achtung bei dem König, so lange er lebte und wurden von ihm mannigfach ausgezeichnet. Als er nach einiger Zeit starb, verordnete er, Frumentius und Edesius sollten vollständige Freiheit haben zu tun, was ihnen beliebte. Allein die Königin, deren Kinder noch sehr jung waren und die nun die Regierung des Landes zu übernehmen hatte, wusste wohl, dass sie keine treueren und zuverlässigeren Diener finden könne als diese beiden. Sie bat deshalb Frumentius und Edesius mit großer Inständigkeit, die Sorgen der Regierung mit ihr zu teilen, bis ihre Kinder erwachsen wären; die Brüder gaben ihrer Bitte nach und blieben. Besonders war ihr daran gelegen, dass Frumentius blieb, weil sie seine besondere Tüchtigkeit in Regierungsgeschäften kannte, während Edesius nicht ebenso begabt war, aber doch auch ein großer Segen für das Land war wegen seiner großen Treue und ruhigen Besonnenheit.

 

Auf diese Art erneuerte sich an beiden das Wunder, das Gott einst zugunsten des Joseph und des Daniel gewirkt hatte, dass sie nämlich aus Gefangenen die höchsten Staatsbeamten wurden. Auch hatte Gott in Bezug auf Frumentius nicht geringere Pläne wie einstens mit jenen zwei Propheten des Altertums. Denn Frumentius war nicht nur darauf bedacht, den Staat gut zu regieren, der ganz seiner Leitung übergeben war, sondern Gott erleuchtete auch sein Herz und seinen Geist ganz besonders. Er fing an, sich sorgfältig zu erkundigen, ob unter den römischen Kaufleuten, die des Handels wegen nach Äthiopien kamen, sich keine Christen befänden. Wenn er dann einige gefunden hatte, gab er ihnen alsbald sehr große Rechte und ermahnte sie, an allen Orten, wo es ihnen gefiele, sich zu versammeln, um nach Gebrauch und Übung der Christen Gott anzubeten. Dasselbe tat er auch seinerseits mit noch größerer Andacht und Eifer wie die anderen. Er selbst ermunterte die fremden Christen, zog sie durch Begünstigungen und Wohltaten an, gab ihnen alles, wessen sie bedurften, schenkte ihnen Bauplätze, um Kapellen zu errichten und was sie sonst dazu brauchten; kurz, Frumentius zeigte durch sein ganzes Benehmen, dass ihm nichts auf der Welt mehr am Herzen liege, als dass der Same der christlichen Religion im Königreich ausgesät werde und gedeihe. Die römischen Christen hielten dann Gottesdienst, und es kamen auch einige Landesbewohner, die von den Fremden im Christentum unterrichtet worden waren, um daran teilzunehmen.

 

Da die jungen Fürsten herangewachsen waren, übergaben Frumentius und Edesius ihnen die Regierung des Landes und kehrten in das römische Reich zurück, obwohl die Königin und ihre Söhne alles aufboten, um sie zurückzuhalten und sie zu bewegen, in Äthiopien zu bleiben. Das Verlangen des Edesius, Vater und Mutter wiederzusehen, bewog ihn, nach Tyrus zurückzureisen, wo er später Priester wurde. Frumentius dagegen nahm den Weg nach Alexandria; er sagte nämlich, es sei nicht gut, das Werk Gottes zu verbergen. Er erzählte deshalb gleich dem heiligen Athanasius, der damals Bischof in Alexandrien war, alles, was sich in Äthiopien ereignet hatte und forderte ihn auf, jemanden auszusuchen, der die nötigen Eigenschaften hätte, um als Bischof nach Äthiopien gesandt zu werden. Es waren nämlich jetzt die Christen in jenem heidnischen Land schon sehr zahlreich, sie hatten schon mehrere Kirchen daselbst gebaut und hungerten und dürsteten überaus nach Nahrung der Seele.

 

Der heilige Athanasius vernahm mit großer Freude den Bericht des heiligen Frumentius, und nachdem er die Sache ernstlich überlegt hatte, ließ er die Priester und Frumentius zusammenkommen und sprach dann, indem er sich an letzteren wandte: „Wen können wir finden, in dem der Geist Gottes sich so offenbar zeigt wie in dir, und der so tauglich wäre, ein so wichtiges Unternehmen durchzuführen?“ Darauf weihte er den heiligen Frumentius zum Bischof und befahl ihm, mit der Gnade des Herrn zurückzukehren in das Land, woher er gekommen war. Der heilige Frumentius, statt heimzukehren wie Edesius, opferte Vaterland und Familie und wanderte als Bischof nach Äthiopien zurück. Gott aber soll ihm außerordentliche Gnaden verliehen haben, so dass er gleich den Aposteln seine Lehre mit Wundern bestärkte und eine zahllose Menge von Heiden zum christlichen Glauben bekehrte. Ja, seine Bemühungen hatten einen so glücklichen Erfolg, dass ganze Völkerschaften christlich wurden und eigene Kirchen bildeten. Gott räumte auch das größte Hindernis hinweg, das die Verbreitung in Christenländern oft so schwer macht, nämlich den Hass der Landesfürsten. Beide fürstlichen Brüder in Äthiopien nahmen selbst das Christentum an und lebten so fromm, dass sie von den Äthiopiern als Heilige verehrt werden; sie hießen Aizan und Sazan. Der heilige Frumentius selbst wird aber als der Apostel des Landes angesehen.

 

Auf den heutigen Tag fällt auch noch das Fest eines anderen Heiligen aus Äthiopien und zwar eines Königs, namens Elesbaan. Dieser regierte zweihundert Jahre später, als Frumentius das Christentum im Land verbreitete. Er führte ein musterhaft tugendhaftes Leben und übertrug in späteren Jahren die Regierung seinem Sohn, der auch sehr fromm und eifrig im Dienst des Herrn war. Sein kostbares Diadem sandte er als Opfer nach Jerusalem, ging nachts verkleidet zur Stadt hinaus, begab sich in ein Kloster und lebte daselbst wie ein gemeiner Klosterbruder. Brot und zuweilen ungekochte Kräuter war seine einzige Nahrung, Wasser sein einziger Trank, und er war immer der erste bei allen religiösen Übungen. Mit Weltleuten verkehrte er niemals mehr, um ganz allein für Gott in Gebet und Betrachtung zu leben.

 

Überhaupt hat nicht leicht ein Land so rasch und allgemein das Christentum angenommen wie gerade Äthiopien. Es war auch ein Äthiopier, der durch besondere Leitung Gottes von dem Diakon Philippus belehrt und getauft wurde, wie schon die Apostelgeschichte im Kapitel 8 erzählt. Wie sieht es aber jetzt aus in jenem großen Land? In einem Teil davon, in Rubien, ist das Christentum erloschen, und das übrige Äthiopien glaubt zwar noch an Christus, befindet sich aber schon länger als tausend Jahre in falscher Lehre und Lostrennung vom wahren lebendigen Stamm, von der katholischen Kirche. – In ähnlicher Weise hat sich England in den frühesten Zeiten durch einen außerordentlichen Glaubenseifer ausgezeichnet, so dass fast ganz Deutschland durch apostolische Männer zum Christentum bekehrt worden ist, die aus England kamen. Und jetzt ist dort die christliche Religion seit einigen hundert Jahren verstümmelt; so z.B. hat man beim Abfall vom katholischen Glauben die Zeremonien der heiligen Messe behalten, dagegen das Wesen, die Wandlung und Gegenwart Christi verworfen – gleich einem Menschen, der, im Besitz einer Geldkasse, das Geld wegwirft und die Kiste sorgsam bewahrt. So gibt es noch manche Länder, in denen die katholische Religion einst geblüht hat und später wieder erloschen ist. Ist dieses aber nicht gegen die Verheißung des Herrn, der gesagt hat, er habe seine Kirche auf einen Fels gegründet und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen? – Nein, es widerspricht dieser Verheißung nicht, denn der Herr hat nur versprochen, dass die katholische Kirche bis ans Ende der Welt auf Erden bestehen werde, nicht aber, dass sie in jedem Land und bei jedem Volk, wo sie einmal gegründet ist, stets bestehen werde. Ein Baum steht doch, wenn auch da und dort ein Zweig verdorrt oder abgehauen wird. Der Heiland drohte schon zur Zeit der Apostel (siehe Offenbarung des Johannes, Kap. 2), einigen Landeskirchen in Asien, dass der Leuchter von ihnen weggerückt werde, wenn sie sich nicht treu und eifrig erweisen; das ist auch geschehen, so dass dort jetzt die Türken ihre Religion üben. Darum dürfen wir doch nicht ohne Besorgnis sein, es könnte auch in unserem Vaterland noch der Leuchter der katholischen Kirche hinweggenommen werden, wenn wir uns derselben nicht würdig erweisen durch lebendigen, in Liebe tätigen Glauben und selbst auch mitwirken an allem, was die katholische Kirche im Land befestigen und fördern mag.

 

28. Oktober

 

Die heilige Anastasia, Martyrin von Rom,

+ 253-260 - Fest: 28. Oktober

 

Diese Heilige war die Tochter einer vornehmen römischen Familie, verließ aber ihr elterliches Haus und alle Ansprüche an die Welt, um in einem Kloster Gott zu dienen. Hier bekam sie von einer heiligen Lehrerin, namens Sophia, alle Unterweisung und Anleitung zu einem gottgefälligen, vollkommenen Leben. Es scheint aber, dass die Angehörigen der heiligen Anastasia noch Heiden waren, denn nachdem sie sie vergebens aufgefordert hatten, wieder in die Stadt zurückzukehren, klagten sie Atanasia bei dem Statthalter Probus an, sie bete einen gewissen Christus als Gott an, sie verachte die Ehe, führe eine besondere Lebensweise und verleite auch andere Mädchen dazu.

 

Die abgeschickten Gerichtsdiener brachen mit viel Lärm die Tür des Hauses auf, wo die christlichen Jungfrauen beisammen wohnten und fragten nach Anastasia. Die Vorsteherin Sophia ahnte sogleich, was dies zu bedeuten habe und bat die Soldaten, ein wenig zu warten. Dann eilte sie mit Tränen zu Anastasia und sprach ungefähr so: „Liebste Tochter, seit du als Mädchen zu mir gekommen bist, habe ich nichts unterlassen, dich zur Gottseligkeit anzuleiten. Jetzt bist du darin mündig geworden, gehe nun dem Herrn fröhlich entgegen. Ich verlobe dich dem Herrn; siehe, die Brautführer sind schon da. Gehe auf dem schmalen Weg des Martyriums zur seligen Ruhe. Denn es ist billig, liebe Tochter, nicht nur für Christus zu leiden, sondern, wenn es sein muss, hundertmal zu sterben. Wenn er als Herr für uns gestorben ist, warum sollen wir als Diener nicht von Herzen gern auch für ihn sterben? Aber für Christus sterben ist eigentlich kein Tod, sondern ist Fröhlichkeit, Freude, Lust, Ruhm, Schönheit und viel süßeres Leben als das irdische. Denn dort ist alles verderbensfrei, fest und beständig, ewig und unaufhörlich. Siehe, meine Tochter, nicht auf die Grausamkeit der Marter, denn dein Heiland Christus wird selbst da sein, die Schmerzen erleichtern und dir beistehen. Und wenn du auch dabei Qualen fühlst, damit dein Glaube und deine Geduld erprobt werden, so wird er am Ende doch die Schmerzen erleichtern und dafür wird dir aufgehen Trost, Licht, Leben und Herrlichkeit.“ – Darauf antwortete die Jungfrau, sie wolle mit der Gnade Gottes den Martern entgegengehen und bitte nur ihre geistliche Mutter recht sehr, ihr die Gnade der Standhaftigkeit vom Herrn zu erflehen.

 

Während beide sich noch unterredeten, stürzten die Soldaten ins Zimmer, rissen die heilige Anastasia wie ein Lamm von der Mutter, legten ihr ein Halseisen an und führten sie zum Statthalter. Hier nun stellte sie sich im Geist vor ihren geliebten Heiland und schaute seine unbeschreibliche Herrlichkeit an. Alle Umstehenden betrachteten mit Erstaunen die Schönheit und würdevolle Haltung der Jungfrau. Probus redete sie an und sprach: „Wie ist dein Name?“ - Sie antwortete: „Anastasia (Auferstehung), denn Gott machte mich aufstehen, damit ich dich und deinen Vater zuschanden mache.“ – Da Probus gleich im Anfang die Jungfrau so entschlossen und scharf antworten hörte, wollte er ihr mit Schmeichelei beikommen und ihre Härte erweichen, denn er ahnte nicht den diamantfesten Glauben dieser jungfräulichen Seele; er sprach deshalb zu ihr: „Ich rate dir, o Tochter, wähle das Vorteilhafte; halte dich zu den großen Göttern und opfere ihnen mit uns. Man wird dich dann auch mit einem der vornehmsten Männer verehelichen, Gold und Silber, Kleider, Sklaven wirst du im Überfluss haben und du wirst in großem Ansehen stehen. Überlege nun und wähle das, was einer so schönen und edlen Person geziemt; reize aber meinen Zorn nicht und lerne nicht aus Erfahrung kennen, was für Unheil die Gottlosigkeit bringt. Ich meine es gut mit dir wie ein Vater; wenn du aber auf meinen Rat nicht hören willst, so wirst du ebenso meine Strenge inne werden, wie du jetzt noch meine Güte siehst; wenn es dich dann auch reuen wird, so wird es dir vielleicht nichts mehr helfen.“

 

Bei diesen Worten dachte Anastasia an die mütterlichen Ermahnungen ihrer Lehrerin Sophia und antwortete darauf: „Mir, o Richter, ist Christus Bräutigam und Reichtum und Leben. Den Tod aber für ihn leiden, das ist mir lieber als alle Freuden der Welt. Feuer aber und Schwert, Geißeln und Abreißen der Glieder und was ihr sonst an Martern ausdenken möget, all dieses ist mir eher eine Lust als eine Pein im Andenken an Christus, und ich wünsche nicht nur solches für ihn zu leiden, sondern auch, wenn es sein könnte, tausendmal zu sterben. Du brauchst dich nicht anzustellen als habest du Bedauern mit der Schönheit meines Leibes, welche wie die Blume des Feldes verwelkt; tue nur, was in deiner Gewalt und deiner grausamen Gemütsart liegt, denn ich werde niemals hölzerne oder steinerne Götter anbeten.“ – Ergrimmt über diese Antwort schlug ihr der Statthalter ins Gesicht, dann riss er ihr die Kleider herab und sprach zu ihr: „Solche Schmach und Schande gebührt dir, aber besinne dich noch, lass von deinem Unsinn, wende dich zu den gütigen Göttern und richte deine Schönheit nicht vor der Zeit elend zugrunde. Denn wenn du nicht gehorchst, wird dich niemand meinen Händen entreißen, sondern, stückweise zerschnitten, werde ich dich den wilden Tieren zum Fraß vorwerfen. Das darfst du mir sicher glauben.“

 

Bevor wir mit der Erzählung fortfahren, betrachten wir zuerst den Zustand, in dem Anastasia sich befand. Alles, was vor der Welt Schande bringt, häufte sich bei ihr aufeinander. Eine sittsame Jungfrau von vornehmer Familie wird von Soldaten wie eine Verbrecherin mit einem Halseisen über die Straßen ihrer eigenen Vaterstadt geführt, wo man sie kennt. Vor Gericht wird sie vom höchsten Beamten ins Gesicht geschlagen – und was am ärgsten und unerträglichsten zu sein scheint, sie wird der Kleider beraubt im Angesicht aller, die bei der Gerichtssitzung anwesend waren. Dies war allerdings eine ganz entsetzliche Behandlung und, wie es scheint, die größte Schmach und Schande. Überlegt man aber die Sache genauer, so verhält es sich also: Es gibt Dinge, welche vor Gott und der Welt eine Schande sind, z.B. grobe Betrunkenheit, Diebstahl; ferner gibt es Dinge, die vor Gott eine Schande sind, aber vor der Welt nicht, z.B. Üppigkeit, Hoffart, Unbotmäßigkeit; schließlich aber gibt es Dinge, welche große Schande vor der Welt sind, vor Gott und wahren Christen aber die höchste Ehre. Dies war der Fall bei Anastasia, weil sie gerade wegen ihres standhaften Glaubens und ihrer treuen Liebe zu Christus so schmachvoll behandelt wurde. Vor Gott ist eigentlich nur die Sünde eine Schande; wenn du dagegen der Religion wegen Spott oder Verachtung oder schmachvolle Behandlung zu tragen hast, so wird das deinen Ruhm und deine Ehre im Himmel sein. Wer sich aber aus Furcht vor Schande von religiösen Übungen oder offenem Bekenntnis abhalten lässt, der wird einmal vor dem höchsten Gericht, vor Gott, zuschanden werden.

 

Anastasia antwortete dem Statthalter: „Dass ich entkleidet bin, das ist für mich keine Schmach und Schande, der Herr bekleidet mich dafür mit Gerechtigkeit und Wahrheit. Übrigens da du mir mit dem Tod drohst, so sage ich dir, er ist mir ganz erwünscht und ich bin bereit dazu, und du erweist mir eine Wohltat, wenn du mir die Glieder zerreißen lässt. Denn wie ich da bin, so gehöre ich meinem Schöpfer und wünsche, dass er in allen meinen Gliedern verherrlicht werde, damit sie vor seinem Richterstuhl durch das Bekenntnis verklärt erscheinen.“ Über diese Rede war der Richter mit allen Zuschauern höchst betroffen; dann aber schritt er zur Marter. Er ließ sie über der Erde an vier Pfählen waagrecht anbinden, unter dem Leib ein Feuer aus Reis, Öl, Pech und Schwefel anzünden, zugleich mussten drei Männer auf ihren Rücken mit Gerten hauen.

 

Während also ihr Rücken zerfleischt, das Eingeweide aber gebraten wurde, so dass das Blut von dem Feuer vertrocknete, da war Anastasia ganz in das Gebet und in Gott versunken und löschte damit die Glut der Schmerzen aus. Da befahl nun der Wüterich sie auf das Rad zu leben. Dieses wurde durch eine Maschine in Bewegung gesetzt, so dass ihr die Gebeine davon zerbrochen und Nerven und Muskeln so auseinandergezogen wurden, dass der ganze Körper seine natürliche Gestalt verlor. Sie aber betete: „Gott der Götter, Gott der Stärke, Gott meines Heils, von dem meine Geduld kommt, auf den meine Seele vertraut, Burg meiner Tapferkeit, meine Zuflucht, gib nun auch Hilfe in der Not! Gott, der du mich gürtest mit Kraft, mein Gott, verlass mich nicht!“

 

Nachdem Anastasia so gebetet und wieder von dem Rad herabgekommen war, sah man keine Wunden mehr an ihr. Obschon aber dem verblendeten Richter ob diesem Wunder die Augen hätten aufgehen sollen, blieb er dennoch blind und verstockt und gleichsam trunken vor Wut und Grausamkeit befahl er, sie wieder an das Holz zu legen und mit eisernen Haken zu zerfleischen. Während sie aber ihre Seele zu Gott wandte, wurde ihr wieder wunderbare Hilfe zuteil; sie selbst fühlte keine Schmerzen, während die Henkersknechte schon von dem Martern müde waren. Darüber kam der Statthalter ganz außer sich, er wusste nicht, was er machen sollte, sprang mehrmals von seinem Sitz auf und raste förmlich.

 

In seiner Verwirrung verfiel er auf eine Grausamkeit, die ihm der Teufel eingab, er ließ nämlich der Jungfrau, wie es einst der heiligen Agatha geschehen war, die Brüste abschneiden. Aber die Liebe Jesu war so groß in Anastasia, dass sie diese Qual verachtete. Um alles zu versuchen, ließ ihr der Tyrann die Nägel ausreißen. Aber wie wenn sie keinen Schmerz empfände, dankte sie Gott noch lauter, dass er sie gewürdigt habe, für ihn zu leiden; zugleich nannte sie die heidnischen Götter Geister der Finsternis und des Verderbens. Dies konnte der Statthalter nicht mehr anhören und gab deshalb den Befehl, ihr die Zunge herauszureißen, ebenso auch die Zähne. Zuvor sagte die Jungfrau Gott ihren letzten Dank und bat ihn um Hilfe, das Martyrium gut zu enden, streckte selbst die Zunge heraus und ließ sie mit dem Messer abschneiden, ebenso wurden ihr die Zähne ausgebrochen. Und der Mund, welcher vorher das Lob Gottes in Worten verkündet hatte, verkündete es jetzt durch einen Strom von Blut.

 

Da sie ohnmächtig zu werden drohte, reichte ihr ein Christ namens Cyrillus Wasser. Mit diesem Becher frischen Wassers kaufte er ein kostbares Gut, nämlich die Marterkrone. Denn als der Statthalter Probus sah, dass jener nicht sowohl aus natürlichem Mitleid der Jungfrau zu trinken gegeben habe, als vielmehr weil er ein Glaubensgenosse war, ließ er ihn auch mit dem Tod bestrafen, und dann die Märtyrerin mit dem Schwert enthaupten; der Leichnam wurde aber aufs freie Feld hinausgeworfen.

 

Als die heilige Anastasia ergriffen und zur Marter geführt wurde, wurde ihre Lehrerin Sophia von großer Bangigkeit und Angst gequält, ob die zarte Jungfrau sich schwach zeige und aus Schrecken vor den Qualen den Glauben verleugne. Deshalb warf sie sich zur Erde und flehte in feurigem Gebet und mit heißen Tränen inständigst zu dem Herrn, dass das Mädchen nicht wankend werden möge. Da aber Anastasia durch den Martyrertod die herrliche Krone gewonnen und zur himmlischen Heimat eingegangen war, wurde das der angstvollen Lehrmeisterin geoffenbart und ihr Herz mit Trost und Freude erfüllt. Sie suchte und fand dann auch die Überreste, warf sich darüber hin, küsste alle Glieder, benetzte sie mit ihren Tränen und rief: „Süßeste Tochter, die ich in Übungen, im Stillschweigen und Arbeiten schön erzogen habe, ich sage dir Dank, dass du die mütterlichen Vorschriften nicht verachtet hast, dass du gehalten, was du versprochen. Jetzt stehst du vor deinem Bräutigam Christus, im Kleid der Jungfrauschaft, geziert mit den Zierden des Martyriums, gekrönt mit dem Diadem kostbarer Edelsteine. Nun wohnst du im Haus der Herrlichkeit Gottes. Darum bitte ich dich, liebste Tochter und geistliche Mutter – denn so dich zu nennen ist mir angemessener, - sei mir in diesem kurzen, hinfälligen Leben eine gute Pflegerin meines Alters und bitte für mich, dass ich auf dieser Wanderschaft in das ewige Leben zu unserem gemeinsamen Herrn gelange.“ Hierauf beerdigte sie mit Hilfe zweier Männer die heiligen Überreste der Märtyrerin.

 

29. Oktober

 

Der heilige Narzissus, Bischof und Bekenner zu Jerusalem,

+ 29.10.212 - Fest: 29. Oktober

 

Narzissus, der mit der Zeit eine der schönsten Zierden des Patriarchenstuhls zu Jerusalem geworden, war in Jerusalem geboren worden und liebte, was des Menschen schönste Zierde ist und sein Heil ausmacht, von Jugend an Weisheit und Frömmigkeit. Er wurde mit der Zeit Priester, obgleich diese Würde seiner Demut zuwider war. Er war eines so sanftmütigen Charakters und unschuldiger Seele, dass man ihn gewöhnlich nur „den heiligen Priester“ nannte. Mit Ehrfurcht und sichtbarer Freude nannte man nach anderthalb hundert Jahren nach seinem Tod seinen Namen. Als er 80 Jahre alt war, starb der dortige Patriarch Dolichianus ungefähr im Jahr 180; da wurde er einhellig zum Bischof erwählt, musste der allgemeinen Zudringlichkeit nachgeben und die Würde annehmen. Gottes Geist war mit seinem demütigen Diener, denn er pflegte des heiligen Amtes mit allem Eifer und mit Treue. Während seines Hirtenamtes wurde der Streit wegen der Osterfeier, der schon lange währte, auf einem Konzil in Palästina beendigt. Der heilige Narzissus und der heilige Theophilus, Bischof zu Cäsarea, führten den Vorsitz, und der Beschluss war ganz einstimmig mit dem Beschluss und der Übung der Abendländischen Kirche. Unter den vielen Wundern, womit Gott seinen Diener verherrlichte, hat Eusebius folgendes aufgezeichnet. Als einst die Gläubigen nach frommer Sitte des Altertums die Nacht vor dem Fest der Auferstehung Jesu Christi in andächtiger Feier durchwachten, bemerkten die Diakonen, dass es zur Nahrung der Lampen an Öl gebreche. Das Volk, welchem die vollständige Feier des Festes am Herzen lag, wurde darüber sehr betroffen. Narzissus aber blieb ruhig und befahl, wie der Herr auf der Hochzeit zu Kana, den Kirchendienern, dass sie aus dem nächstgelegenen Brunnen Wasser schöpfen und herbringen sollten. Es geschah. Er betete über dem Wasser und ließ diejenigen, die es herbeigetragen hatten, mit echtem Glauben an den Herrn, die Lampen damit füllen. Und siehe da, das Wasser war in Öl verwandelt. Noch zur Zeit des Eusebius (140 Jahre nach dem Tod des Heiligen) hatten einige Gläubige in Jerusalem noch etwas von demselben Öl, das sie aufbewahrt behalten hatten. Gott schickte seinem Diener aber auch Leiden zu, und zwar von solcher Art, dass es ihm sehr wehtun musste. Nämlich die Heiligkeit seines Wandels, der mutige Eifer, mit dem er allem Bösen Widerstand leistete, und die Forderung an die Gemeinde: „Ihr sollt heilig sein, weil Gott heilig ist“, zog ihm Feinde zu. Es waren da drei Männer, die trotz dem Zeugnis des Himmels für den heiligen Oberhirten in ihrer Bosheit so weit gingen, dass sie den heiligen Mann eines großen Verbrechens beschuldigten, und, da man ihnen nicht glauben wollte, ihre lügenhafte Aussage sogar mit einem Eidschwur und schrecklichen Verwünschungen gegen sich selbst bekräftigten. Der eine verwünschte sich, wenn seine Aussage nicht wahr wäre, zum Tod durchs Feuer, der andere zum Tod durch eine grauenvolle Krankheit, der dritte zur Erblindung.

 

Obschon nun die falsche Aussage und selbst der Eidschwur nur bei wenigen Glauben fand und die Christengemeinde mit Zutrauen an ihrem Hirten hing, so verließ doch der Heilige sein hohes Amt, entzog sich in der Stille seiner Gemeinde und bezog einen ganz einsamen Ort, um nur Gott bekannt zu leben. Er glaubte sich des Amtes unwürdig, wenn auch nur ein Schatten des Verdachtes, er möchte so gräulich gesündigt haben, in einigen Herzen bleibe. Gott trat indessen als mächtiger Richter auf und rächte auch öffentlich die öffentliche Schmach der Unschuld. Die Verwünschungen der frechen falsch Schwörenden gingen an ihnen in Erfüllung, und völlig traf einen jeden das Wehe, das er über sich herabgerufen hatte. Der erste verbrannte mit den seinigen in einer Feuersbrunst, die des Nachts schnell sein Haus zu Asche brannte; der zweite wurde von den Fersen bis zum Scheitel mit grauenvoller Plage getroffen, und starb; der dritte, erschreckt durch den traurigen Ausgang der beiden ersten, legte in einem öffentlichen Bekenntnis die Unwahrheit ihrer Aussage und ihre arge Tücke an den Tag. Er bereute von Herzen seine Bosheit, vergoss Tränen der Buße, wodurch er erblindete – glücklich darin, dass er mit dieser Strafe in Buße seine Schuld bezahlen konnte. Gott ist ebenso gerecht, als barmherzig. Er kann sowohl strafen, als verzeihen, sagt Jesus Sirach. Narzissus war so heimlich und an einen so verborgenen Ort entwichen, dass niemand wusste, wo er sei, oder ob er noch lebe. Es schritten also die benachbarten Bischöfe zur Wahl eines anderen. Diese traf einen gewissen Dius, dem dann Germanion, und diesem schließlich Gordius nachfolgte. Nach ungefähr achtjähriger Abwesenheit kam auf einmal, wie von den Toten auferstanden, der heilige Narzissus wieder zum Vorschein. Einstimmig baten ihn die Gläubigen, das Hirtenamt wieder zu übernehmen. Aber der Heilige fühlte sich seines hohen Alters wegen zu schwach dazu, und Gott hatte auch schon einen anderen dazu bestimmt. Alexander, Bischof zu Flavia in Kappadozien, ein heiliger Bekenner, hatte eine nächtliche Erscheinung, die ihn antrieb, nach Jerusalem zu gehen und die heiligen Orte zu besuchen. Er tat es und wurde dort von den Brüdern mit herzlicher Liebe aufgenommen. Als er heimkehren wollte, ließen sie das nicht mehr zu. Denn Narzissus und die Heiligsten unter den Gläubigen hatten schon zuvor eine göttliche Offenbarung gehabt und eine Stimme hatte sich laut vor den Ohren der Gemeinde vernehmen lassen, die ihnen befahl, vor die Stadttore zu gehen, um den ihnen von Gott bestimmten Bischof zu empfangen. Da begegnete ihnen Alexander, der nun genötigt wurde, als Bischof in Jerusalem zu bleiben. Nach einiger Zeit schrieb er an die Gläubigen zu Artinoe, einer Stadt in Ägypten: „Es grüßt euch Narzissus, der vor mir den Bischofssitz einnahm, jetzt mir beisteht mit seinem Gebet, schon hundertsechzehn Jahre alt ist, und euch ermahnt, dass ihr eines Sinnes sein sollt.“ Dieser ehrwürdige alte Mann war also des neuen Bischofs weiser Ratgeber und Stütze im Geist und ein mehr und mehr verklärter und segensvoller Beter für das Volk, bis der Herr ihm seine irdische Lebenslast abnahm und ihm sein Angesicht zeigte im ewigen Licht.

 

30. Oktober

 

Die heilige Zenobia, Märtyrin von Ägäa, Cilicien,

der heilige Zenobius, Bischof und Märtyrer von Ägäa, Cilicien,

+ 30.10.285 – Fest: 30. Oktober

 

Der heilige Bischof Zenobius, und seine Schwester, die heilige Zenobia, Märtyrer von Ägäa in Cilicien unter dem Kaiser Diokletian und dem Statthalter Lysias. Zenobius war ursprünglich Arzt und führte schon in seiner weltlichen Stellung ein ungemein erbauliches und wunderreiches Leben. Er heilte die Kranken weniger durch seine Kunst, als durch die Kraft Gottes, und nahm für seine Bemühungen nie Geld an. Wegen seiner Tugenden zum Bischof von Ägäa erwählt, predigte er eifrig das Evangelium und setzte dabei seine Wunderheilungen fort. Als die diokletianische Verfolgung ausbrach, wurde er verhaftet und, an einen Block gebunden, auf vielerlei Weise gemartert. Da eilte seine Schwester Zenobia herbei und bekannte öffentlich, dass sie ebenfalls Christin sei, worauf der Statthalter sie wie ihren Bruder der Pein unterzog und letztlich beide enthaupten ließ. Ihre Leiber warf man vor der Stadt hin. Nachts aber kamen die Priester Hermogenes und Cajus und begruben sie in einer benachbarten Höhle.

 

Der heilige Marcellus, Hauptmann und Märtyrer in Mauritanien,

+ 30.10.298 - Fest: 30. Oktober

 

Beim römischen Heer war es Sitte, die Geburtstage der Kaiser mit großem Gepränge zu feiern, und die Opfer, die man den Göttern des Reiches darbrachte, bildeten den Hauptteil dieser Feierlichkeiten. Solches geschah nun auch im Jahr 298 zu Ehren des Kaisers Maximian Herculeus von den Soldaten der trjanischen Legion, die damals in Spanien lag. Als die Opfer beginnen sollten, trat plötzlich ein Hauptmann namens Marcellus aus dem Glied, warf die Waffen samt den Zeichen seines Ranges von sich und rief: "Wenn es das Los des Soldaten ist, toten Götzen und sterblichen Fürsten göttliche Ehre erweisen zu müssen, so entsage ich der Fahne und will nicht mehr dienen." Dieser Vorfall erregte ungeheures Aufsehen und wurde von dem Obersten der Legion, Anastasius Fortunatus, dem Oberbefehlshaber Aurelianus Agricolaus, der sich damals zu Tingis (Tanger) in Afrika aufhielt, berichtet. Dahin führte man auch den Angeklagten unter Bewachung ab. Das Todesurteil ließ nicht lange auf sich warten, und Marcellus, hoch erfreut, der Marterkrone gewürdigt zu werden, sagte zu seinem Richter: "Gott wolle es dir mit Gutem vergelten!" Unmittelbar darauf wurde er enthauptet.

 

31. Oktober

 

Der heilige Alfons Rodriguez, Laienbruder von Palma, Mallorca,

+ 31.10.1617 - Fest: 31. Oktober

 

Am vorletzten Tag des Rosenkranzmonates feiert man heute, vornehmlich im Jesuitenorden, das Fest eines Mannes, der als inniger Marienverehrer ungezählte Male den Rosenkranz gebetet hat. Alfons Rodriguez ist der Name des Mannes, der ein Spanier war und im 16. Jahrhundert lebte.

 

Als Alfons noch Kind war, kniete er oft vor dem Marienaltar seiner Pfarrkirche zu Segovia. Der feurige Spanierjunge hatte die liebe Mutter Gottes so gern, dass er aus jugendlichem Unverstand einmal das kühne Wort wagte und sagte: „Maria, ich liebe dich mehr, als du mich lieben kannst.“ So sprach Alfons, aber gleich antwortete ihm die Mutter Gottes und entgegnete: „Junge, das kannst du unmöglich, denn ich liebe dich weit mehr, als du überhaupt lieben kannst.“

 

Einige Jahre ging Alfons auf die höhere Schule. Ob er ein guter Schüler war, weiß man heute nicht mehr, weil alle Zeugnisse verlorengingen. Wie mancher Junge und wie manches Mädchen wären froh, wenn auch ihre Zeugnisse glücklich verlorengingen! Allerdings ist diese Freude eine verdächtige Freude, und besser ist es schon, wenn man nicht zu denen gehört, die sich über verlorene Zeugnisse freuen.

 

Es ist also unbekannt, ob Alfons Rodriguez zu den Ersten oder zu den Letzten der Klasse gehörte, wohl aber weiß man, dass er mit dem Lernen vor der Zeit Schluss machte. Es starb nämlich der Vater, und da musste er das elterliche Geschäft übernehmen und Reis und Mais und Kaffee und Kakao und Tabak und Teigwaren und Butter, Eier, Wurst, Schmalz und hundert andere Dinge an die Kunden verkaufen, gramm- und pfundweise, wie es die Leute wünschten.

 

Mit den Jahren kam der schmucke Kaufmann Alfons Rodriguez ins heiratsfähige Alter, und da heiratete er ein Mädchen aus der Nachbarschaft, Maria Suarez mit Namen. Dürfen denn die Heiligen auch heiraten? Warum denn nicht? Die Ehe hat Gott bereits bei der Erschaffung der Welt im Paradies eingesetzt, und der Heiland hat sie zur Würde eines Sakramentes erhoben, und weil sich die Eheleute nach göttlichem Willen in Liebe und Treue und durch ein rechtschaffenes Leben gegenseitig heiligen sollen, sind schon viele Männer und Frauen durch die Ehe heilig geworden.

 

Alfons Rodriguez heiratete also Maria Suarez, und dann kamen bald auch die Kinder, die wie helle Kerzen der Eltern Herz und Heim erleuchteten, und das Geschäft blühte und warf guten Gewinn ab, und zum Reichtum gesellte sich Ansehen, und aus allen Fenstern des Hauses lachte froh das Glück hinaus in die Welt.

 

Dann kam das Unglück. Das Geschäft ging zurück, die Gattin und die Kinder starben, und alles geschah gleichsam über Nacht, so schnall ging es zu. In jenen Tagen legte Gott den reichen und angesehenen Kaufmann Alfons Rodriguez auf die Waage, um zu prüfen, ob er nur ein Stäubchen sei oder ob er Gewicht und Gehalt habe.

 

Gott sei Dank, Alfons Rodriguez hatte Gewicht und Gehalt. Kein Schicksalsschlag konnte den christlich denkenden Mann verbittern. Auch im Unglück hielt er dem Herrgott die Treue, und festen Schrittes trug er das Kreuz, das ihm auferlegt wurde. Zum Lohn für den christlichen Edelmut, den Alfons Rodriguez zur Zeit der Prüfung an den Tag legte, öffnete ihm Gott weit die Augen für die Nichtigkeit der Erdendinge. Bald darauf trat der Vierzigjährige in den Jesuitenorden als Laienbruder ein. Fast fünfzig Lebensjahre waren ihm noch beschieden, fünfzig gnadenvolle Jahre, in denen er durch die Übung aller klösterlichen Tugenden zum Heiligen heranreifte. Pförtner war er. Neben der Haustür hatte er sein Zimmer, und wenn es läutete, so öffnete er und fragte die Leute liebevoll nach dem Begehr und half allen mit Rat und Tat und war vorzüglich den Armen gut, und was er da an Brot und Suppe und Kleidern und Schuhen verteilt hat, weiß heute keiner mehr, aber es ist viel gewesen. Die Engel haben es aufgeschrieben, und als Bruder Alfons am 31. Oktober 1617 starb, war er reich an Verdiensten, von denen er in alle Ewigkeit noch zehren wird.

 

Der heilige Wolfgang, Bischof und Bekenner von Regensburg,

+ 31.10.994 - Fest: 31. Oktober

 

An den drei letzten Oktobertagen findet man nur wenige Heiligenfeste verzeichnet. Es ist, als halte die Kirche gleichsam den Atem an und sammle sich für das morgige Hochfest, an dem sie aller ihrer Heiligen gedenkt. Weil es aber in der Runde des Kirchenjahres keinen einzigen Tag ohne das Gedächtnis zahlreicher Heiligen gibt, soll die Legende dem Andenken des heiligen Bischofs Wolfgang geweiht sein, dessen Fest in den Erzbistümern und Bistümern Bamberg, München, Salzburg, Wien, Breslau, Augsburg, Linz, Rottenburg, Seckau, Trier und besonders in Regensburg heute begangen wird.

 

Mit einer Jungenfreundschaft beginnt die Wolfgangslegende. Wolfgang wurde 924 in Schwaben geboren und studierte in der Weltberühmten Klosterschule der ältesten deutschen Benediktinerabtei rechts des Rheins, auf der Insel Reichenau im Bodensee. Zwölf Jahre weilte Wolfgang dort, von den Lehrern gern gesehen und bei den Mitschülern beliebt, weil er kein Außenseiter war, sondern ein echter Kamerad. Mit allen Mitschülern ohne Ausnahme stand Wolfgang auf gutem Fuß, engste Freundschaft aber verknüpfte ihn mit dem jungen Grafen Heinrich von Babenberg. Wie eine Seele waren die beiden, gleich im Denken, Reden und Tun. Alle Jungenfreude und alles Jungenleid trugen sie gemeinsam, und sie halfen einander, wo sie konnten. Solch eine echte Jungenfreundschaft ist wie eine Gnade, die nicht allen gegeben ist. Diejenigen aber, denen sie gegeben ist, sollen Gott dafür danken und lebenslang daran festhalten.

 

Heinrich von Babenberg wurde mit jungen Jahren Erzbischof von Trier. Da nahm er selbstredend Wolfgang mit an die rebenumkränzte Mosel. Viele Ehrungen hatte er dem Freund zugedacht, aber Wolfgang begnügte sich damit, dass er die Domschule leitete und für einen tüchtigen Priesternachwuchs sorgte. So gut hat er das Amt verwaltet, dass bald die Geistlichen im Bistum Trier an Frömmigkeit und Wissen weithin leuchteten. Mit dem Erzbischof ging Wolfgang stets Schulter an Schulter. Aus der schwärmerischen Jungenfreundschaft war längst eine kernige Mannesfreundschaft geworden, die wie ein Segen über dem Trierer Land stand, die aber leider allzu früh zerriss, weil Heinrich von Babenberg vor der Zeit vom Tod hingerafft wurde.

 

Der vereinsamte Wolfgang verließ Trier, trat in das Kloster Einsiedeln in der Schweiz ein, ging als Missionar nach Ungarn und wurde schließlich Bischof von Regensburg. Als solcher sorgte er wie vordem in Trier für gute und tüchtige Priester, erbaute Kirchen, gründete Klöster für Männer und Frauen, predigte überall, und die Armen nannte er in seiner liebenswerten christlichen Art seine Herren und Brüder. Als einmal eine Hungersnot ausbrach, öffnete er den Notleidenden in seinem Haus Speicher und Keller und alle Kammern und alle Schränke, und ein jeder durfte nehmen und forttragen, was und wie viel er wollte. So sind die Heiligen.

 

Nachdem auf diese Weise Trier und Regensburg von Wolfgang reichen Segen empfangen hatten, fügte es sich, dass der Heilige auch für das gesamte Vaterland eine rühmenswerte Bedeutung erhielt. Der Bayernherzog Heinrich übertrug ihm nämlich die Erziehung seiner vier Kinder Heinrich, Bruno, Gisela und Brigida. Bei einem Meister vom Fach, wie es Wolfgang in der Erziehung war, mussten die Jungen und Mädchen gut heranwachsen, und sie gediehen wirklich gut, denn Gisela wurde Königin von Ungarn und Brigida Äbtissin in Regensburg, und beide werden heute als Selige verehrt. Bruno war später Bischof von Augsburg, während Heinrich, der Erstgeborene, später den Kaiserthron bestieg und als der heilige Kaiser Heinrich II. in den Herzen der Deutschen und im Andenken der Kirche fortlebt.

 

Nach dem Tod setzte Bischof Wolfgang seine Erziehung fort, denn er erschien dem jungen Heinrich im Traum und schrieb die beiden Worte „Nach sechs“ an die Wand und verschwand wieder. Sogleich wachte der Träumer auf und legte sich die rätselhaften Worte so aus, dass er nach sechs Tagen sterben werde, und mit Ernst und Bedacht bereitete er sich auf den Tod vor. Weil Heinrich indessen die sechs Tage überlebte, glaubte er, es handele sich um sechs Wochen und dann um sechs Monate und schließlich um sechs Jahre. Sechs Jahre lang dachte er ständig an den nahen Tod, und als auch diese Zeit vorüber war, wurde der junge Fürst am ersten Tag des siebten Jahres zum deutschen König erwählt, und Heinrich wurde ein guter Herrscher, denn wer sechs Jahre lang ständig mit Ernst an den Tod denkt, kommt dadurch von selbst auf rechte Gedanken und tut nichts Unrechtes mehr.