Heilige im Mai

 

1. Mai

 

Der heilige Josef, der Arbeiter, Nähr- und Pflegevater Jesu Christi,

+ 30 ? - Fest: 19. März

 

„Es hat Heilige gegeben“, schreibt Kardinal Newman, „die unserem Herrn näher standen, als Märtyrer oder Apostel. Doch da eben diese heiligen Personen ganz aufgingen in dem Strahlenglanz seiner Glorie und in ihm sich ganz verloren, und da sie während ihres irdischen Wandels sich nach außen nicht hervortaten, so schenkte man ihnen lange Zeit weniger Aufmerksamkeit. Als aber verhältnismäßig ruhige Tage kamen, stiegen allmählich jene leuchtenden Gestirne am kirchlichen Himmel empor. Sie mussten deshalb so spät erst aufsteigen, weil sie so ganz besonders herrlich waren.

 

Der heilige Joseph bietet das treffendste Beispiel für das Gesagte. Hier ist das klarste aller Beispiele für den Unterschied zwischen Glaubenslehre und Andacht. Wer hatte durch die Vorzüge seiner Stellung (zu Christus) und das Gewicht der (in den Evangelien uns überlieferten) Zeugnisse einen größeren Anspruch, schon frühzeitig unter den Gläubigen eine Anerkennung zu finden, als er? Ein Heiliger der Heiligen Schrift, der Pflegevater unseres Herrn, war er der Gegenstand allgemeinen und unbedingten Glaubens für die ganze christliche Welt von Anfang an. Und doch ist die Andacht zu ihm verhältnismäßig späten Ursprungs.“

 

In der Liste der kirchlich und festlich verehrten Heiligen tritt der heilige Joseph erstmals in einem Martyrolog der schwäbischen Benediktinerabtei Reichenau um das Jahr 850 auf. Erst im 15. Jahrhundert wird seine Verehrung volkstümlich. Sein Fest erscheint 1479 zum erstenmal im römischen Brevier. Papst Pius IX. erklärte im Jahr 1870 den heiligen Joseph zum Schutzpatron der Kirche; sein Schutzfest am Mittwoch nach dem 2. Sonntag nach Ostern wurde seit 1847 in der ganzen Kirche gefeiert. „Weil nun der 1. Mai in der heutigen Welt als Tag der Arbeit begangen wird, hat Papst Pius XII. diesen Tag zum Fest des heiligen Joseph des Arbeiters bestimmt. Damit soll er geehrt, aber auch die Würde der menschlichen Arbeit bewusst gemacht werden. Joseph hat als Handwerker gearbeitet und für seine Familie das Brot verdient. Die Arbeit, wie sie heute von der Masse der Arbeiter getan und auch erlitten wird, ist sehr verschieden von der Arbeit in der alten Welt. Aber immer geht es darum, dass der Mensch, indem er die Kraft seines Körpers und seines Geistes einsetzt, sein eigenes Leben verwirklicht, seine Persönlichkeit entfaltet und das Leben in dieser Welt lebenswert oder doch erträglicher macht. Der Christ weiß außerdem, dass er seine Arbeit von Gott her und zu Gott hin tut.“ (Schott)

 

Fromme Andacht und Verehrung nimmt gerne ihre Zuflucht zu ihm, als dem mächtigen und hilfsbereiten Schutzheiligen des inneren (religiösen) Lebens und eines guten Todes.

 

Wie gut man daran tut, sollen uns heute zwei große Josephsverehrer aus der Welt der lieben Heiligen, die hl. Theresia von Jesus und der hl. Alfons von Liguori, lehren.

 

I.

 

Welche großen Gnaden die hl. Theresa (+1582) vom hl. Joseph für sich und ihre Schwestern erlangt hat.

 

Im 6. Kapitel der Selbstaufzeichnungen aus ihrem Leben schreibt die Heilige unter anderem:

 

„.... Zu meinem Fürsprecher und Herrn erwählte ich den glorreichen hl. Joseph und empfahl mich ihm recht inständig. Und in der Tat: ich habe klar erkannt, dass dieser mein Vater und Herr es gewesen ist, der mich sowohl aus meiner damaligen Not, als auch aus anderen noch größeren Nöten, die meine Ehre und das Heil meiner Seele betrafen, gerettet und mir sogar mehr noch verschafft hat, als ich ihn zu bitten gewusst.

 

Ich erinnere mich nicht, ihn bis jetzt um etwas gebeten zu haben, was er mir nicht gewährt hätte. Ja, es ist zum Erstaunen, welch große Gnaden mir Gott durch die Vermittlung dieses Heiligen verliehen, und aus wie vielen Gefahren Leibs und der Seele er mich durch ihn befreit hat. Anderen Heiligen scheint der Herr die Gnade gegeben zu haben, nur in einem bestimmten Anliegen helfen zu können; dieses glorreichen Heiligen aber habe ich in allen Stücken als Nothelfer kennen gelernt. Ich glaube, der Herr will uns zeigen, dass er ihm auch im Himmel alles gewähre, was er von ihm begehrt, gleichwie er ihm auf Erden als seinem Pflegevater untertänig war. Dies haben auch einige andere Personen erfahren, denen ich geraten habe, sich ihm zu empfehlen.

 

Jetzt ist die Zahl derer, die diesen Heiligen aufs neue verehren, schon groß, und sie finden alle die Wahrheit des hier Gesagten an sich bestätigt. Seinen Festtag trachtete ich stets mit aller Festlichkeit zu begehen, soweit mir dies nur möglich war.

 

Ich möchte jedermann zureden, diesen glorreichen Heiligen zu verehren, weil ich aus vieler Erfahrung weiß, wie viele Gnaden er bei Gott erlangt. Niemals habe ich jemand kennengelernt, der eine wahre Andacht zu ihm trug und durch besondere Übungen ihm diente, an dem ich nicht auch einen größeren Fortschritt in der Tugend wahrgenommen hätte; denn er fördert die Seelen, die sich ihm anempfehlen, gar sehr. Ich glaube, es ist schon etliche Jahre her, dass ich jedesmal an seinem Festtag etwas von ihm begehre, und immer sehe ich meine Bitte erfüllt. Ist sie nicht ganz rechter Art, so lenkt er sie zu etwas Besserem für mich.

 

Wäre ich eine Person, deren Schriften ein Ansehen hätten, so wollte ich gern die Gnaden, die dieser glorreiche Heilige mir und anderen Personen schon erwiesen hat, im Einzelnen recht umständlich erzählen. Ich bitte nur um der Liebe Gottes willen: wer immer meinen Worten nicht glauben will, wolle es selber versuchen; dann wird er aus Erfahrung innewerden, welch großen Nutzen es bringt, wenn man sich diesem glorreichen Heiligen empfiehlt und ihn andächtig verehrt.

 

Insbesondere sollten jene, die dem innerlichen Gebot ergeben sind, ihm allzeit mit Liebe zugetan sein; denn ich weiß nicht, wie man sich der Königin der Engel erinnern und jener Zeit gedenken kann, in der sie mit dem Kind Jesus so vieles ausgestanden hat, ohne dem hl. Joseph für die Wohltat des Beistandes, den er ihnen geleistet hat, Dank zu erstatten. Wer etwa seinen Lehrmeister zur Unterweisung in der Übung des innerlichen Gebetes findet, der wähle sich als solchen diesen glorreichen Heiligen und er wird keinen Irrweg gehen.

 

Soweit die hl. Theresia in dem von ihr selbst geschriebenen Leben; es gehört zum Schönsten und Tiefsten, was je über die Josephsverehrung gesagt wurde. Fügen wir dem noch einen Denkspruch aus ihren „Geistlichen Ermahnungen“ hinzu:

 

„Wenn du auch viele Heilige zu Fürbittern hast, so verehre doch als solchen ganz besonders den heiligen Joseph; denn er verlangt viel von Gott.“

 

Von diesem Vertrauen beseelt, weihte die hl. Theresia 15 ihrer neugegründeten Klöster dem hl. Joseph. Und nicht ohne sichtbaren Erfolg!

 

Gar oftmals erfuhr die Heilige den Vaterschutz des hl. Joseph an sich und an den ihr Anvertrauten. So berichtet eine der Nonnen, die ehrw. Anna von Jesus, von einer gefahrvollen Reise nach Beas im Jahr 1575 unter anderem:

 

„Am letzten Tag dieser Reise verirrten sich die Führer inmitten der Sierra-Morena, so dass sie sich nicht mehr zurechtfanden. Die Wagenführer versicherten, dass wir verloren seien und unmöglich aus diesen gewaltig hohen Felsen, in die wir uns verirrt hatten, herauskommen könnten. Da befahl unsere heilige Mutter Theresia den acht Nonnen, die sie begleiteten, Gott und unseren heiligen Vater Joseph zu bitten, unser Führer zu sein. Eben hatte sie uns diese Mahnung gegeben, als aus dem Hintergrund einer tiefen Höhle, die man vom Gipfel der Felsen aus kaum unterscheiden konnte, ein Mann, seiner Stimme nach ein Greis, kräftig zu rufen begann: Haltet an, haltet an! Ihr seid verloren! Wenn ihr weiter fahrt, stürzt ihr in die Abgründe.

 

Auf diesen Ruf hin hielten wir an. Die Priester und Weltleute, die uns begleiteten, schenkten der Stimme Gehör und fragten: Vater, was ist zu tun, um dieser Gefahr zu entrinnen? Und die Stimme antwortete, man müsse sich nach einer bestimmten Seite hinwenden. Alle erblickten darin ein Wunder, dass die Wagen jene Stelle passieren konnten. Einige wollten beim Anblick dieses Wunders die Person suchen, die in so liebenswürdiger Weise gesprochen hatte.

 

Unterdessen sagte die Mutter mit großer Rührung und unter Tränen zu uns: Ich weiß nicht, warum wir sie gehen ließen; es war ja mein heiliger Vater Joseph. Sie werden ihn nicht finden! Wirklich kamen die Leute mit dem Bemerken zurück, sie könnten nichts von diesem Mann finden, obwohl sie in der Höhle gewesen seien, aus der die Stimme gekommen war.“

 

II.

 

Was der hl. Kirchenlehrer Alfons von Liguori vom Tod des heiligen Joseph schreibt.

 

Kostbar ist in den Augen des Herrn der Tod seiner Heiligen (Psalm 113,15). Betrachte wie der hl. Joseph, nachdem er Jesus und Maria so treu gedient hatte, im Haus zu Nazareth auf dem Sterbebett lag. Engel umgaben ihn; der König der Engel, Jesus Christus, saß auf der einen, Maria auf der anderen Seite des armen Bettes, und in so süßer und so heiliger Gesellschaft verließ er voll himmlischen Friedens diese elende Welt.

 

Sanft und kostbar war sein Tod in Gegenwart Mariens, in Gegenwart eines solchen Sohnes, der zugleich sein Erlöser war. Wie hätte auch der Tod dem bitter vorkommen können, der in den Armen des ewigen Lebens starb? Niemand ist imstande auszudrücken oder zu begreifen, welche Akte der Ergebung, welche Flammen der Liebe die Worte des ewigen Lebens, die ihm bald Jesus, bald Maria, in diesen letzten Augenblicken seines Lebens zusprachen, im Herzen des heiligen Joseph bewirkt haben.

 

Deshalb scheint die Meinung des hl. Franz von Sales, der hl. Joseph sei aus reiner Liebe zu Gott gestorben, sehr wohl begründet. Weil Joseph immer heilig gelebt hatte, so war sein Tod ruhig, sanft, ohne Angst, ohne Furcht. Selig ist der, dem dieser große Heilige in solch entscheidenden Augenblicken beisteht. Da der hl. Joseph in den Armen Jesu und Mariens gestorben ist und da er das Jesuskindlein bei der Flucht nach Ägypten vom Tode errettet hat, so hat er das Recht erlangt, unser besonderer Sterbepatron zu sein und seine treuen Diener gegen die Gefahren des ewigen Todes zu schützen.

 

Mit Recht, heiliger Joseph, ist dir ein so seliger Tod zuteil geworden, nachdem du dein ganzes Leben hindurch so heilig gelebt hast. Ich verdiene um meiner vielen Sünden willen einen unseligen Tod; aber wenn du mir beistehst, werde ich nicht verloren gehen. Du warst nicht nur der Freund, sondern sogar der Beschützer und Nährvater dessen, der mich dereinst richten wird. Jesus wird mich nicht verdammen, wenn du ein gutes Wort für mich einlegst. Nach Maria wähle ich dich, o heiliger Joseph, zu meinem Fürsprecher und Beschützer.

 

Um der süßen Gesellschaft willen, die Jesus und Maria dir auf Erden leisteten, beschütze mich solange ich lebe, und bewirke, dass ich mich nie wieder von Gott durch den Verlust seiner Gnade trenne! Um des Beistandes willen, den Jesus und Maria dir in den letzten Augenblicken deines Lebens leisteten, steh mir bei in meiner Todesstunde, damit ich einst von dir und Jesus und Maria in den Himmel geleitet, dir daselbst danken und in deiner Gesellschaft Gott die ganze Ewigkeit hindurch loben und preisen könne!

 

Heiligste Jungfrau Maria, meine Hoffnung! Du weißt es, dass ich durch die Verdienste Jesu Christi und durch deine Vermittlung einen seligen Tod und das ewige Leben hoffe. O meine Mutter! Verlass mich nie und steh mir besonders in der Stunde meines Todes bei. Erlange mir die Gnade, dass ich dich und Jesus alsdann anrufe und liebe!

 

Geliebter Heiland! Der du eines Tages mein Richter sein wirst, vergib mir alle Beleidigungen, die ich dir zugefügt habe. Ich bereue sie von ganzem Herzen; aber vergib mir alsbald, vergib mir, ehe die Stunde meines Todes eintrifft, die zugleich die Stunde des Gerichtes ist. O, ich Unglückseliger! Wie viele Jahre habe ich verloren, in denen ich dich nicht geliebt habe! Gib mir die Gnade, dass ich dich liebe, dass ich in der Zeit, die mir noch übrig bleibt, eine große Liebe zu dir trage! Und wenn die Stunde kommt, in der ich dieses Leben verlassen und in die Ewigkeit eingehen soll, dann lass mich in brennender Liebe zu dir sterben. Ich liebe dich, meinen Heiland, meinen Gott, meine Liebe, mein Alles! Ich bitte um nichts anderes als um die Gnade, dich zu lieben; ich wünsche, ich begehre in den Himmel zu kommen, um dich aus allen Kräften die ganze Ewigkeit hindurch lieben zu können. Amen.

 

Am Fest des heiligen Joseph liest man in der Kirche die Geschichte des Joseph, der Erlöser Ägyptens genannt wurde, weil er dieses Land von den Schrecknissen der Hungersnot befreit hatte. Aber unser Heiliger hat noch weit größeren Anspruch auf diesen Titel, weil ihn Gott auserwählt hatte, dem Erlöser der Welt, den ein grausamer Machthaber töten wollte, das Leben zu retten.

 

„Gehet zu Joseph“, sagte der Pharao zu den Ägyptern. Ist es nicht so, als würden wir eine innere Stimme vernehmen, die auch uns sagt: gehe zu Joseph, wende dich mit Vertrauen an ihn? Welche Bitte wird der menschgewordene Gott dem ablehnen, der für ihn Vater war und dem er auf der Erde gehorsam sein wollte?

 

Welch ein gottseliges Leben führten Maria und Joseph in ihrer Hütte! Immer genossen sie die liebenswürdige Gegenwart Jesu! Immer glühte die zärtliche Liebesflamme aus ihrem Herzen ihm entgegen! Immer arbeiteten und lebten sie für ihn! Sie allein könnten uns sagen, welchen Eindruck das Glück, ihn zu sehen, ihn zu hören, ihn zu besitzen, auf ihre Seele machte. Was für ein himmlisches Leben! Ein Vorgeschmack der himmlischen Ewigkeit! Welch göttliche Unterhaltung! Aber auch wir können ungeachtet unserer Schwachheit, Maria und Joseph nachahmen und an ihrem Glück, wenigstens einigermaßen, Anteil nehmen. Dies geschieht, wenn wir immer in Gottes Gegenwart leben, die heilige Gewohnheit uns aneignen, uns oft mit Jesus zu unterhalten und über seine unendliche Güte Betrachtungen anzustellen, um in uns das heilige Feuer seiner Liebe zu entzünden. Lieben wir Jesus Christus? Die ihn lieben, nehmen seinen Geist an, ahmen sein Beispiel nach, suchen in allem Gott und sehen die Zeit als verloren an, die sie nicht für ihn oder zu seiner Ehre verwendet haben.

 

Wie viele nützliche und heilsame Lehren können wir aus den wenigen Handlungen ziehen, die wir vom heiligen Joseph wissen. Wo kann man die Sanftmut, die Liebe und die Klugheit besser kennen lernen, als wenn man sein Betragen betrachtet, das er zur heiligsten Jungfrau hatte, als er sie schwanger sah, ohne das Geheimnis zu kennen? Wie ergeben war er da in den göttlichen Willen! Wie schnell und blind gehorchte er den Befehlen, die er von Gott empfing! Wie fest musste sein Glaube sein, mit dem er die Menschwerdung des göttlichen Wortes, dieses wunderbarste aller Geheimnisse, glaubte, ungeachtet all dessen, was die Sinne dagegen sagen mochten! Wie arm und zufrieden lebte er als Handwerker von der Arbeit seiner Hände, obwohl er doch den König der Herrlichkeit in seinem Haus und die Mutter Gottes, die Königin der Engel, zur Gemahlin hatte! Mit einem Wort: Alles war groß an diesem Heiligen.

 

So ist auch die Herrlichkeit groß, die er im Himmel genießt. Groß ist schließlich die Kraft seines Schutzes im Leben und im Tod für alle, die zu ihm ihre Zuflucht nehmen, und sich vornehmen, seine Tugenden nachzuahmen. Was wird dieser große Heilige vom menschgewordenen Sohn Gottes nicht für uns erhalten, dem er auf Erden gerne und froh gehorcht hat?

 

Jesus sehen, ihn hören und ihn besitzen, was für ein Glück war das für Maria und den hl. Joseph! Aber auch wir können dieses Glück bis zu einem gewissen Grad haben, wenn wir in Gottes Gegenwart leben, wenn wir uns bei der heiligen Messe, bei der hl. Kommunion und vor dem Tabernakel mit Jesus unterhalten. Betrachten und erwägen wir Josephs Liebe, ahmen wir seine Beispiele nach, suchen wir in allem Gott. Bitten wir diesen Heiligen, dass er uns von Gott eine glückliche Sterbestunde erlange.

 

Heiliger Vater Joseph, ich bitte dich, stehe mir bei wenn ich sterbe und erlange mir die Gnade, dass Jesus und Maria mir und meinem letzten Hinscheiden zu Hilfe eilen und meine Seele zu sich in die ewige Wohnung aufnehmen wollen!

 

Die heilige Isidora, Jungfrau und Nonne zu Tabena, Ägypten,

+ 1.5.365 - Fest: 1. Mai

 

Wenn man im Sommer über Feld und Flur geht, so sieht man unter allen Gewächsen keine, die eine so unscheinbare und geringe Blüte haben wie das Getreide und der Weinstock. Aber keine Pflanze in der Welt ist für die Menschheit kostbarer, als gerade diese zwei, denn aus ihnen kommt Brot und Wein, sie verwandeln sich im Menschen zu Fleisch und Blut, und verwandeln sich auf dem Altar in den lebendigen Leib Jesu Christi. Dass nun der Schöpfer gerade den Pflanzen, die das Kostbarste erzeugen, die kleinste, schier farblose Blüte gegeben hat, wird gewiss seine Bedeutung haben. Diese arme Blüte bedeutet die Demut und bedeutet, dass, wo etwas Kostbares und Herrliches wird, es jedes Mal in Demut anfängt und erscheint.

 

In Ägypten gibt es eine Gegend, die Thebais heißt. Dort waren in den ersten Jahrhunderten des Christentums eine Menge Klöster und Einsiedler, die ein gottseliges Leben führten. Auch ein Kloster für Frauen befand sich dort, in dem mehr als dreihundert Frauen beisammen wohnten, um Gott zu dienen. Unter diesen lebte eine Frau, namens Isidora, oder wie sie von anderen genannt wird, Amma. Es scheint nun, dass in diesem Kloster mit all seinen Frömmigkeitsübungen eben doch nicht bei allen der wahre, christliche Geist durchgedrungen war. Isidora wurde nämlich hier so verächtlich behandelt, dass die anderen Klosterfrauen nicht einmal mit ihr essen wollten, man hielt sie für halb blödsinnig, für ein ungeschicktes Geschöpf, an dem jeder seine üble Laune auslassen zu dürfen glaubte. Isidora blieb allezeit in der Küche. Sie begnügte sich zu ihrer Nahrung mit dem, was noch in dem Geschirr übrig geblieben war, das sie nach dem Essen der übrigen in der Küche ausspülte. Statt des Schleiers, wie ihn die übrigen Nonnen trugen, hatte Isidora nur einige alte Tuchfetzen um den Kopf gewickelt.

 

Bei aller verächtlichen Begegnung von anderen hörte man aber die gute Jungfrau niemals murren oder klagen, viel weniger aber hat sie je eine andere im geringsten beleidigt. Allein obschon sie still und geduldig jedem zu Diensten war, wurde sie dennoch oft hart behandelt. Manche Klosterfrauen schimpften sie eine dumme Person, eine Närrin und gaben ihr zuweilen sogar Stöße und Schläge, ja, manche sagten ihr den größten Schimpf ins Gesicht, sie sei vom Teufel besessen.

 

Zu derselben Zeit lebte nicht sehr weit von dem Kloster ein Einsiedler, mit Namen Pyoter. Der war überaus fromm und berühmt wegen seiner Heiligkeit. Es ist aber der Hochmut eine Sünde, der selbst solche Menschen oft schwer versucht und in große Gefahr bringt, die sonst mit allen anderen Sünden fertig sind, d.h. nicht mehr davon angefochten werden. So scheint auch dieser Einsiedler durch das große Ansehen, das im sein heiliger Wandel bei den Leuten erworben hatte, verleitet worden zu sein, bisweilen mit Wohlgefallen seine eigene Tugendhaftigkeit zu betrachten. Gott aber wollte seinen sonst treuen Diener nicht in der Gefahr zugrunde gehen lassen. Dem Einsiedler wurde deshalb eine Offenbarung zuteil, in der ihm gesagt wurde: „Warum bildest du dir etwas ein? Gehe in das Frauenkloster, dort wirst du eine Jungfrau finden, die ihren Kopf mit schlechten Tüchern eingebunden hat; diese ist besser als du. Denn obwohl sie fortwährend von vielen beschimpft und verhöhnt wird, so hat sie doch ihr Herz niemals von Gott abgewandt; du aber sitzt da in deiner Hütte still und kommst nirgends hin, durchstreichst aber mit Gedanken und Gemüt alle Städte und Länder.“

 

Pyoter machte sich alsbald auf den Weg und ersuchte die Vorsteher des Klosters um die Erlaubnis, hineingehen zu dürfen. Obwohl es nicht üblich war, dass Männer ein Frauenkloster betraten, wurde dennoch das Begehren des Einsiedlers bewilligt, nicht nur, weil er ein alter Mann war, sondern auch weil man ihm wegen seiner bekannten Heiligkeit großes Vertrauen schenkte. Als Pyoter in das Frauenkloster eingeführt war, begehrte er, dass ihm alle Schwestern des Klosters vorgeführt und gezeigt würden. Das geschah; er schaute sich um, fand aber unter den versammelten Frauen keine einzige, die so aussah, wie sie ihm die Offenbarung bezeichnet hatte. Schließlich sprach er: „Lasst mir sämtliche Schwestern herbeikommen, denn meines Erachtens sind nicht alle gegenwärtig.“ – Sie aber gaben ihm zur Antwort: „Wir haben nicht mehr als noch eine einzige Schwester, die jederzeit in der Küche sich aufhält, die ist aber nicht recht bei Verstand.“ – Der heilige Pyoter erwiderte: „Führt mir auch diese her, damit ich sie ebenfalls sehe.“ – Diesem Befehl nachzukommen, wurde Isidora aus der Küche hereingerufen. Sie wollte aber nicht gehen, wahrscheinlich aus Schüchternheit; da sprachen die Schwestern: „Komme nur herein, denn der Gottesmann Pyoter begehrt dich zu sehen.“

 

Als sie nun dem berühmten Einsiedler vorgeführt wurde und er die schlechten Tücher um ihren Kopf sah, warf er sich ihr zu Füßen und sprach: „Ich bitte, gib mir den Segen.“ – Die Jungfrau war über dieses Benehmen erschrocken und warf sich selbst auf die Erde nieder und sprach: „Vielmehr, Herr, gib du mir den Segen.“ – Hierüber verwunderten sich alle Schwestern und sagten: „Heiliger Vater, tue dir doch selbst keine solche Schmach an, denn diese Person ist ganz töricht.“ Pyoter versetzte hingegen: „Ihr vielmehr seid nicht gescheit, meine Schwestern, diese ist meine und eure Meisterin und ich bitte Gott, ihr am Tage des Gerichtes in den Verdiensten gleich befunden zu werden.“

 

Als die geistlichen Jungfrauen das aus dem Mund eines Mannes, der wegen seiner Heiligkeit so berühmt war, vernommen hatten, waren sie überaus erstaunt, besonders die, die mit der demütigen Jungfrau bisher so übel umgegangen waren. Auf einmal hatte sich, wie man im Sprichwort sagt, das Blatt gewendet. Isidora, die erst noch allgemein verachtete Klosterschwester, wurde jetzt von den anderen Nonnen mit den größten Ehrenbezeugungen behandelt. Die sie vorher für eine verächtliche Kreatur angesehen hatten, lagen jetzt vor ihren Füßen und baten sie um Verzeihung wegen der ihr zugefügten Schmach und Beleidigungen. Ja, die Bußfertigkeit und Reue war so groß, dass sie öffentlich bekannten, was sie gegen Isidora gesündigt hätten. Die eine sagte, dass sie die gottselige Jungfrau mit Spülwasser übergossen habe, die andere bekannte, wie sie ihr öfters Backenstreiche gegeben habe, die dritte beweinte herzlich, dass sie dieser unschuldigen Tochter manchmal aus Mutwillen scharfen Senf in die Nase gesteckt habe, andere bekannten offenherzig andere Arten von Quälereien und Lieblosigkeiten, die sie ihr zugefügt hatten.

 

Endlich, nachdem der heilige Pyoter sein Gebet für alle diese Klosterjungfrauen verrichtet hatte, ging er wieder fort, seiner Zelle zu, bereichert mit einem neuen Schatz der himmlischen Weisheit, die er von einer um Christi willen törichten Jungfrau erlernt und gewonnen hat. Allein bei dieser Sache war niemanden übler zu Mute, als der heiligen Isidora selbst. Sie war des Ruhmes und der Ehre, die ihr in dem Kloster jetzt angetan wurde, nicht gewohnt. In ihrer Demut konnte sie die vielfältigen Entschuldigungen, das immerwährende „um Verzeihung bitten“ nicht ertragen. Damals aber waren die Klostersatzungen anders als jetzt, und es war nicht verboten, wozu Isidora sich nun entschloss. Damit sie nämlich ruhig in verborgener Demut und Vergessenheit leben könnte und ihre Tugend bei den vielen Ehrerweisungen nicht in Gefahr komme, hat sie sich heimlich davongemacht. Wo sie aber hingekommen ist, oder wie sie später gestorben ist, hat bis jetzt kein Mensch erfahren.

 

Wenn du für einfältig oder dumm von anderen gehalten wirst und darum manchmal Spottreden und verächtliche Begegnungen erleiden musst, so sei nicht betrübt darüber, viel weniger lasse Zorn und Gehässigkeit im Herzen aufkommen. Gerade, wenn du von der Welt so recht gering geachtet wirst und dabei fromm und brav lebst, giltst du desto mehr bei Gott. Denke nur zuweilen an die heilige Isidora und sei auch so still und willig und gut, wenn dich andere hochmütig behandeln. Wer aber mit Geistigbehinderten, Taubstummen, Körperbehinderten oder sonst von der Natur geringer ausgestatteten Menschen zu tun hat, der möge sie ja nicht geringschätzen. Vielleicht ist manches unter diesen scheinbar einfältigen Menschen, das mehr wert vor Gott ist wegen seiner Unschuld, Demut und Gutmütigkeit, als alle wir vermeintlich gescheiten und vornehmeren Leute. Vergiss ja die geringe Blüte des Getreides und der Rebe nicht. Die schöne blühende Rose gibt eine armselige Hagebutte als Frucht und die prächtig blühende Tulpe gibt gar keine Frucht.

 

2. Mai

 

Die heilige Jungfrau und Martyrin Wiborata, Reklusin von St. Gallen,

+ 2.5.926 - Fest: 2. Mai

 

Wiborata stammte aus einer alten Familie in Schwaben. Sie schien von ihren ersten Jahren an auf eine besondere Weise von der Gnade des Himmels begünstigt zu sein. Ihre Eltern bewunderten ihre erhabene Tugend und ließen ihr vollkommene Freiheit, sich allen Religionsübungen hinzugeben. Im väterlichen Haus lebte sie wie in einem Kloster und besuchte jeden Morgen barfuß die wohl eine halbe Stunde entlegene Kirche. Nach ihrer Heimkehr verschloss sie sich in ihrem Zimmer, um sich da in Gottes Gegenwart dem Lesen, dem Gebet und der Arbeit zu widmen. Sie mied nicht nur die auswärtigen Gesellschaften, sondern auch die unnützen Gespräche mit den Hausgenossen. Sie war aber in allem ihren Eltern gehorsam und unterstützte sie in ihrem Alter mit einer Bereitwilligkeit und Liebe, die bewunderungswürdig war. Die Eltern gestatteten ihr auch die Freiheit, ehelos zu bleiben, denn darum hatte Wiborata sie inständig gebeten.

 

Als ihr Bruder Hitto in den geistlichen Stand trat, empfand Wiborata die herzlichste Freude. Während seines Aufenthaltes im Kloster St. Gallen, in das er gegangen war, um sich da der Gottesgelehrtheit zu widmen, war sie ihm nicht nur Schwester, sondern wahre Mutter, indem sie für alle seine Bedürfnisse sorgte und ihn mit Kleidungsstücken versah, die sie selbst hergestellt hatte. Kaum erblickte sie ihn als Priester, so zog sie sich zu ihm zurück, in der Hoffnung, sich da besser dem Dienst Gottes und des Nächsten widmen zu können. Nichts war erbaulicher, als der Eifer, mit welchem Bruder und Schwester alles ausübten, was sie zur Vollkommenheit führen konnte. Ihre Wohnung verwandelte sich gleichsam in ein Krankenhaus. Die gottselige Wiborata bot jedem hilflosen Kranken ihre Pflege an, und nicht selten sah man sie auf ihren eigenen Schultern Sterbende herbeitragen und mit milder Hand bis zum Ende ihres Lebens pflegen. Sie erledigte die niedrigsten Krankendienste und wusste dennoch alle ihre Arbeiten in ein unablässiges Gebet umzuwandeln, so dass sie in ihrer Person Maria und Martha zugleich darstellte.

 

Um diese Zeit unternahmen die zwei frommen Geschwister miteinander eine Wallfahrt nach Rom, um die Gräber der heiligen Apostel zu besuchen. Auf dieser Reise übte Wiborata alle Bußwerke, und was sie von ihrem Unterhalt ersparen konnte, verteilte sie unter die Armen. In der Hauptstadt der Christenheit flossen heiße Tränen auf die Gräber der Heiligen, deren Fürbitte sie erflehten.

 

Nach ihrer Rückkehr sprach die Heilige zu ihrem Bruder so kraftvoll über die Gefahren, denen man in der Welt ausgesetzt ist, dass er sich dazu entschloss, diese auf immer zu verlassen. Er nahm daher das Ordenskleid in der Abtei zum hl. Gallus. Wiborata blieb in der Welt, ohne jedoch ihren Regeln und ihrem Geist zu erliegen. Sie kasteite ihren Leib durch Enthaltsamkeit, Wachen und Fasten. Die Prüfungen, denen ihre Treue durch Verleumdung ausgesetzt wurde, dienten nur dazu, die Neigungen ihres Herzens immer mehr und mehr zu läutern.

 

Auf einer Reise, die sie um das Jahr 887 in die Abtei St. Gallen mit Salomon, dem Bischof von Konstanz, machte, entschloss sie sich, ihrem alten Wohnort zu entsagen. Sie ließ sich nieder auf einem Berg in der Nähe der Abtei und schloss sich in eine Zelle neben der Kirche des heiligen Georgius ein. Die Zerstreuungen, denen sie hier durch häufige Besuche ausgesetzt war, erregten in ihr das Verlangen, sich der Lebensweise der Klausnerinnen zu widmen. Der Bischof von Konstanz weihte demnach für sie eine Zelle neben der Kirche zum heiligen Magnus, in einiger Entfernung von der Abtei St. Gallen, und schloss sie auch mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten in diese ein. Ihre Wunder und Weissagungen machten ihren Namen bald berühmt.

 

Hier nahm sie auch ein Mädchen von vornehmem Stand, namens Rachilda, zu sich, das mit einer Krankheit, die man für unheilbar erklärte, behaftet war. Ihre Eltern wollten sie in der Hoffnung nach Rom führen, sie würde da durch die Fürbitte der heiligen Apostel ihre Gesundheit erhalten. Als Wiborata von diesem Vorhaben erfuhr, ließ sie Rachilda zu sich führen und nahm sie als ihre geistliche Tochter an. Sie tröstete sie und erbat ihr von Gott die vollkommene Gesundheit. Rachilda, die von ihrer geistlichen Mutter an die Übungen der Beschauung gewöhnt worden war, lebte danach auch als Klausnerin weiter.

 

Wiborata nahm noch Wendilgardis auf, die Enkelin des Kaisers Heinrich, die man für eine Witwe hielt, in der Meinung, dass ihr Gemahl, Graf Udalrich oder Vodalrich, im Krieg getötet worden sei. Es kostete sie anfangs sehr viel Mühe, sich an die strengen Übungen der Lebensweise zu gewöhnen, die sie sich gewählt hatte. Endlich gelang es ihr, sich zu besiegen; und mit Freude übte sie die härtesten Abtötungen. Der Bischof von Konstanz gab ihr den Schleier und weihte sie gänzlich dem Herrn. Plötzlich erschien der bisher für tot gehaltetene Udalrich, als man ihn am wenigsten erwartete. Er hatte endlich seine Freiheit von den Ungarn oder Slaven erlangt, die ihn zum Gefangenen gemacht hatten. Die Bischöfe hielten eine Synodalversammlung und entschieden, dass das klösterliche Gelübde nicht verhindere, ihm seine Gemahlin wiederzugeben. Wendilgardis kehrte daher wieder in die Welt zurück, versprach jedoch, ihre Gelübde zu halten, wenn sie ihren Gemahl überleben sollte. Sie starb aber, als sie einen Sohn gebar, der dem Herrn geweiht und später Abt zu St. Gallen wurde.

 

Da die Ungarn ihre Überfälle in das Land erneuerten, wollte Wiborata nicht, wie man ihr geraten hatte, die Flucht ergreifen; und das kostete sie das Leben. Die Barbaren wurden, weil sie bei ihr kein Geld fanden, erbittert, und versetzten ihr mit einem Beil drei Hiebe auf den Kopf, woran sie am 2. Mai 925 starb. Papst Klemens II. setzte ihren Namen im Jahr 1047 feierlich in das Verzeichnis der Heiligen. Rachildis lebte noch einundzwanzig Jahre nach ihr; aber ihr Leben war, weil sie unausgesetzte Krankheiten zu erdulden hatte, ein fortgesetztes Sterben. Die Reliquien dieser beiden Heiligen wurden in der Kirche zum heiligen Magnus beigesetzt. Den Namen der heiligen Wiborata findet man in den Martyrologien von Deutschland und in denen der Benediktiner.

 

Der selige Konrad von Seldenbüren,

Stifter von Engelberg in der Schweiz, Laienbruder, Märtyrer,

+ 2.5.1126 – Fest: 2. Mai,

und die seligen Äbte Adelhelm I. von Engelberg,

+ 25.2.1131 – Fest: 25. Februar,

und Frowin von Engelberg,

+ 27.3.1178 – Fest: 27. März

 

Das Geschlecht der Edlen von Seldenbüren (Sellenbüren) könnte man ein Geschlecht der Klostergründer nennen. Schon um das Jahr 945 hatte Reginbert im Schwarzwald das Kloster St. Blasien gegründet, das unter dem großen Abt Gerbert im 18. Jahrhundert eine so großartige Blüte erleben sollte. Heinrich von Seldenbüren gründete 1030 das Kloster Muri im Aargau, das nach der Aufhebung im 19. Jahrhundert vom Staat als Armenanstalt eingerichtet wurde. Wenn nun der junge Konrad die Bilder der ehrwürdigen Ahnen staunend betrachtete und in müßigen Stunden in der alten Burgchronik blätterte, kann es uns dann wundern, wenn auch er einem Reginbert oder Heinrich nicht nachstehen wollte? Der Gedanke Gott eine Stätte des Lobes zu bereiten, den Menschen einen Ort des Gebetes und der Fürbitte, den Armen einen Quell des Trostes und der Erquickung, den auf den rauen Höhen und in den schneeigen Tälern Verirrten ein rettendes Dach, der Welt einen Hort der Kunst und Wissenschaft zu schaffen, dieser Gedanke wollte ihm nicht mehr aus dem Kopf. Immer wieder dachte er daran, wie er die Mittel schaffen könne, auf seinen Ritten und Jagden suchte er nach einem geeigneten Ort, ja manchmal glaubte er schon den weihevollen Klang der Psalmen vom Chor der Mönche her zu hören. Konrad befand sich wieder einmal auf einem solchen Ritt, er war von seiner Seldenburg am Westfluss der Albis bei Zürich über den Zuger- und Vierwaldstättersee gekommen und hatte sich von Stans aus mühsam durch die wilden Schluchten hinaufgearbeitet, über Grafenort bis an den Fuß des Engelbergs. Die Gegend gefiel ihm und ohne langes Bedenken war sein Entschluss gefasst: Hier sollte sein Lebenswerk erstehen. Freudigen Herzens ritt er wieder zu Tal auf seine verstreuten Gehöfte, und was dort an Kräften irgendwie entbehrlich war, musste hinauf auf die Berge, um Stein und Holz herzurichten für den Klosterbau. Bald herrschte auf den unbewohnten Höhen frisches, reges Leben; durch die stille Einsamkeit riefen menschliche Stimmen, hallte das Eisen der Äxte, die die Baumriesen stürzten, und der Meißel, der die Steine bearbeitete. Endlich war ein ansehnlicher Fleck gerodet, die Grundmauern wurden tief in die Erde gesenkt und bald erhob sich das Kloster im Rohbau. An der Stelle, wo einst der Waldbär seine Höhle bewohnt hatte, wurde der Hauptaltar errichtet. Der 1. April 1120 wird von der ältesten Chronik von Engelberg als Gründungstag überliefert.

 

Kloster und Kirche waren fertig, die toten Mauern warteten nur noch, dass man sie belebte. Konrad hatte inzwischen schon Umschau gehalten unter den Klöstern, aus denen er die Mönche für seine Stiftung nehmen sollte. Damals entfaltete gerade St. Blasien im Schwarzwald eine fruchtreiche Tätigkeit in der Besiedelung und Neugründung von Klöstern; im Mutterkloster selbst herrschte musterhafte Zucht und Ordnung. Ein Ahne Konrads hatte es vor 200 Jahren gegründet. St. Blasien also konnte Konrad seine Gründung wohl übergeben und hatte dabei die sichere Gewähr, dass sie sich bald selbstständig in die Höhe arbeiten könne. Adelhelm, der später der erste Abt des Klosters wurde, zog mit zwölf in der Ordenszucht erprobten Mönchen in das neue Kloster ein. Noch ist im Klosterarchiv die Urkunde vorhanden, datiert vom 22. November 1122, gemäß der „der edle Mann Konrad . . . den Ort Engelberg selbst mit allen gegenwärtigen und späteren gesetzlichen Gerechtsamen und Zugehörden . . . auf dem Altar der heiligen Maria Gott dem Herrn . . . als unanfechtbares Eigentum des genannten Klosters dem Vater Adelhelm und seinen Nachfolgern . . . abgetreten, überantwortet und übergeben“ hat. Diese Übergabe geschah in damaliger Zeit in einer sehr sinnvollen Zeremonie. Der Eigentümer nahm nämlich ein Rasenstück oder etwas Erde von seinem Grundstück, das er vergeben wollte, trug es in die Kirche und legte es auf den Hochaltar, in dem die Reliquien der Kirchenpatrone eingeschlossen waren und übergab dadurch sein Eigentum Gott und den Heiligen gleichsam persönlich als Geschenk und als Gegenstand ihres Schutzes. Das anwesende Volk wurde dabei in einer feierlichen Erklärung von dem Geschehenen in Kenntnis gesetzt und als Zeuge für alle Zukunft und gegen jedermann angerufen. Um seinem großen Werk das Schlusssiegel aufzudrücken, erwirkte Konrad noch Schutzbrief und Privilegien von Papst Kalixt II. und Kaiser Heinrich V. Seitdem hat sich der Gottespreis der Bergeshäupter vereinigt mit dem Gotteslob der Mönche. Wenn der Sturm um die Felsengrate jagt und seine langgezogenen Weisen singt, dann ertönen im Chor der Mönche die feierlichen Klänge des Chorals; wie die Berge ihre Riesenhände bittend zum Himmel recken, so falten sich still in den Zellen der Brüder die müden Hände zum Gebet, hier hat die Natur mit dem Menschen eine Harmonie gefunden. Konrad hatte dem Schöpfer der ganzen weiten Welt ein Werk der Ehre bereitet und das war auch sein eigentliches Ziel, das war sein Lebensberuf: Gott zu Ehren alles tun und das Heil des Nächsten wirken. Was außerhalb dieses Zieles lag, das war ihm Sünde, das durfte und wollte er nicht tun. Aber je konsequenter Konrad diesen Gedanken durchdachte, desto mehr kam es ihm zum Bewusstsein, wie der ganze Mensch mit all dem Seinen zu Gottes Ehre geschaffen sei; weil aber das Fleisch so schwach sei, dass der Mensch in der Welt dieses Ideal niemals vollkommen verwirklichen könne, so müsse er sich zum ausschließlichen Dienst Gottes von der Welt absondern. Konrad verbarg sich nicht vor diesem Gedanken und der Folgerung, die sich daraus für ihn ergab, denn Denken und Tun war ihm eins: er trat in das von ihm gegründete Kloster unter Abt Adelhelm als einfacher Laienbruder ein. Sein jungfräulicher Leib sollte nunmehr allein Gott zu Ehren seine Kräfte verzehren. Seinen freien Sinn beugte er voll Demut unter das Joch des Gehorsams; die Hand, die einst nur den Degen des freien Mannes geführt hatte, griff zur gewöhnlichen Arbeit seiner Knechte, er, der einst durch Berge und Tal, durch die wilde Schlucht und den dunklen Wald dem Wild nachjagt hatte, ging nur mehr dorthin, wohin der Obere ihm befahl. Gott gewährte ihm die Gnade, dass er in diesem Gehorsam sich selbst zum Schlachtopfer bringen durfte. Ein weltlicher Nachbar des Klosters beanspruchte einige Grenzgebiete des Klosters als sein Eigentum. Abt Adelhelm hatte nun keinen besseren Zeugen für die Rechtmäßigkeit seines Besitzes als Konrad, den einstigen Besitzer dieser Gebiete. Ihn schickte er deshalb, den unseligen Streit zu schlichten. Konrad ging willig und gerne hin, um das gottgeweihte Gut zu verteidigen. Beide legten die strittigen Punkte des Prozesses klar, als man dann auf die Auseinandersetzung über sie einging, wurde Konrad unversehens vom anderen angefallen. Aus zwei tiefen Wunden blutend, stürzte Konrad zusammen um als ein Märtyrer der Gerechtigkeit zu sterben, am 2. Mai 1126. Seine Leiche wurde im Triumphzug nach Engelberg zurückgetragen und im Chor der Kirche beigesetzt. In der neuen Kirche ruhen die Überreste des seligen Stifters seit 1743 in einem altarähnlichen Aufbau links vom Eingang der Kirche. Auf seine Fürbitte hin geschahen an seinem vielbesuchten Grab zahlreiche Gebetserhörungen.

 

Der selige Stifter war tot, doch über seinen Gebeinen hob sich das Werk. Die Klostergebäulichkeiten erhielten einen stattlichen Umfang, man legte auch schon in der Umgegend neue Gehöfte an, um dem fruchtbaren, aber noch gänzlich ungepflegten Boden mühsam das tägliche Brot abzuzwingen. Abt Adelhelm war es, der elf Jahre lang mit unermüdlichem Eifer die Gemeinde leitete und die wirtschaftliche Hebung des Klosters betrieb. Doch ging er in dieser Sorge um die äußere Sicherstellung des Klosters nicht auf. Er war ein Mann voll Tugend und Heiligkeit, dem seine Zeit die Gabe der Prophezeiung nachrühmte und den die Nachkommen als Seligen verehrten. Als Todestag bezeichnet das Sterbebuch den 25. Februar 1131. Seine spärlichen Gebeine wurden 1743 in ein Grabmal, ähnlich dem des Stifters in der Seitenkapelle rechts vom Eingang eingeschlossen.

 

Noch tatkräftiger und energischer als Adelhelm wirkte der gottselige Abt Frowin, der von 1143 bis 1178 das Kloster leitete. Er besaß ein besonderes Talent, sowohl anderen Arbeitsgebiete zu eröffnen, wie auch selbst sie zu pflegen. Im Kloster richtete er eine Schule ein, wie sie in allen größeren Klöstern des Mittelalters zur gewöhnlichen Einrichtung gehörte, eine Schule für den Nachwuchs des Klosters, dann eine zweite für die Söhne der Adeligen. Die Mönche, die in der Schule keine Beschäftigung fanden, mussten in der geräumigen Schreibstube alte Handschriften abschreiben. Man kann es fast kein Schreiben mehr nennen, das war schon ein fein säuberliches Malen, das ihre ganze Fingergelenkigkeit, ihre Geduld und Ausdauer, ihr künstlerisches Zartgefühl, ihre kindliche Phantasie beanspruchte; ja nicht wenige haben uns darin, besonders in den kunstvoll verzierten Anfangsbuchstaben, den sogenannten Initialen, ein Stück ihrer Seele überliefert. Das Ziel, das Frowin bei allen Beschäftigungen verfolgte, war die Vermeidung des Müßiggangs, der aller Laster Anfang auch im Kloster ist, den der heilige Ordensvater Benedikt mit solcher Schärfe aus dem Kloster verbannt wissen will. Abt Frowin ging selbst mit dem besten Beispiel voran. Obwohl die ganze Last der Klosterverwaltung auf ihm lag, obwohl er sein reich entwickeltes Innenleben in keiner Weise verkümmern ließ, fand er doch noch Zeit, seine Gedankenfülle auf dem Pergament festzuhalten. Seine bekanntesten Schriften sind die über das Gebet des Herrn und über den freien Willen. Unter Abt Frowin, Todestag 27. März 1178, steht Engelberg wohl auf dem Höhepunkt seiner ersten Blüteperiode. Und das Fundament zu dem hocherwachsenen Bau bildeten die Grundsätze, die Konrad einst das Kloster hatten gründen lassen: Gottes Ehre und der Seelen Heil.

 

Gottes Ehre und der Seelen Heil, das ist der einzige echte Inhalt eines christlichen Lebens. So wie wir Menschen nun einmal sind, müssen wir uns nehmen: den immerwährenden Zwiespalt zwischen Geist und Fleisch können wir nicht aufheben. Wir werden es immer wieder erleben müssen, dass das Leibliche in uns die Oberhand zu gewinnen sucht, dass wir oft schmählich von ihm überwältigt werden. Aus uns allein werden wir dem Geist nie zum Sieg verhelfen können. Das kann nur einer, der uns rein und stark geschaffen, der uns erlöst hat, der kann uns heiligen, kann uns stärken, kann uns selig machen. Ihm allein also gebührt alle Ehre. Ihm soll unsere Lebenskraft, Leib wie Geist geweiht sein, ihm wollen wir mit der ganzen Schöpfung ein großes Loblied singen: „Ehre sei Gott in der Höhe!“ „Und Friede den Menschen auf Erden“ schließt sich unwillkürlich daran. Friede aber lässt sich nur dann im Menschenherzen nieder, wenn die Seele sich gefunden hat in Gott. Dass wir den Menschen auf den Weg zu Gott verhelfen, das ist also unsere zweite Aufgabe, die sich folgerichtig aus der ersten ergibt. Seelen zu Gott zu führen, das ist die Krone der Nächstenliebe.

 

3. Mai

 

Der heilige Alexander I., Papst und Martyrer von Rom,

+ 3.5.119 – Fest: 3. Mai

 

Alexander I., Papst von 109 bis 119, gewann durch seinen Eifer und seine hingebende Liebe Tausende für das Christentum, besonders aus den Reihen des römischen Adels. Unter diesen Bekehrungen ist besonders merkwürdig die des Stadtpräfekten Hermes mit seinem ganzen Haus und des Tribuns Quirinius. Von ihm rühren manche Anordnungen her, die heut zu Tage noch in der Übung der Kirche sind. So gebot er, dass bei der heiligen Messe nur Brot und Wein dargebracht werden sollen, und zwar gewässerter Wein wegen des Blutes und Wassers, das aus der Seitenwunde Christi floss. Auch stammt von ihm der Gebrauch, das Wasser mit gesegnetem Salz zu weihen (Weihwasser). Auf die Nachricht von den Fortschritten, die die neue Lehre zu Rom machte, sendete Kaiser Hadrian den Kriegsobersten Aurelian dahin, die Christen zu vertilgen. Alexander wurde mit vielen anderen verhaftet und traf im Kerker die Priester Eventius und Theodulus, die schon länger im Gefängnis in Ketten lagen. Nachdem Quirinius, der die Gefangenen bewachen sollte, selber den Glauben angenommen hatte, konnte der heilige Papst das Werk der Bekehrung und Taufe ungestört im Kerker fortsetzen. Doch nicht lange blieb das Aurelian verborgen, der nun zuerst Quirinius und Hermes nach grausamen Martern enthaupten, und hierauf Alexander, Eventius und Theodulus in einen feurigen Ofen werfen ließ. Als ihnen die Flammen nicht schadeten, ergrimmte der Machthaber noch mehr und gebot, dass man den beiden Priestern die Köpfe abschlage, Alexander aber ließ er Glied für Glied mit Stichen durchbohren, bis er seinen Geist aufgab. Der Name des Martyrers ist in den Canon der heiligen Messe aufgenommen worden.

 

Die Auffindung des heiligen Kreuzes

 

Osterjubel klingt und singt in dieser Zeit froh und festlich durch die gesamte Kirche rings um die Erde, denn Christus, der Siegerheld auf Golgatha, herrscht nun als König vom Thron des Kreuzes aus über Himmel und Erde.

 

Kreuz des Glaubens, Baum der Treue,

Einzig du an Ehren reich,

Denn an Zweigen, Blüten, Früchten

Ist im Wald kein Baum dir gleich.

Teures Holz, o teure Nägel!

Teure Last für uns ihr tragt.

 

Christus ist der Osterkönig, und weil das Kreuz es war, mit dem er den großen Sieg über Satan und Sünde errungen hat, ist es durchaus in der Ordnung, dass die Anhänger des großen Königs Christus auch das Kreuz hoch in Ehren halten.

 

Wechselvoll sind die Geschicke des Kreuzes Christi gewesen.

 

Die Geschichte berichtet, dass sich Christi Freunde in der ersten Aufregung, die der Kreuzigung Jesu folgte, und in den harten Verfolgungen, die gleich darauf einsetzten, um das kostbare Marterholz des heiligen Kreuzes nicht bemühen konnten. Man wusste nur, dass das Kreuz an einer Stelle verscharrt wurde, wo man später wie zum Hohn ein Götzenstandbild errichtete.

 

Darüber vergingen fast dreihundert Jahre, und erst als der römische Kaiser Konstantin unter dem Kreuz, das ihm als glückverheißendes Zeichen am Himmel erschienen war, in blutiger Schlacht seine Gegner niedergerungen hatte und damit auch der Sieg des Christentums endgültig besiegelt war, da wandte sich die allgemeine Aufmerksamkeit erstmals wieder dem wahren Kreuz Christi zu.

 

Des Kaisers Mutter, die verehrungswürdige heilige Helena, reiste nach Jerusalem und leitete persönlich die Ausgrabungen. Drei Kreuze fand man im Boden vor. Weil man nicht wusste, welches von den drei Kreuzen das Kreuz Christi war, legte man sie der Reihe nach einer schwerkranken Frau auf. Die beiden ersten Kreuze erwiesen sich als wirkungslos, aber als das dritte Kreuz die Kranke berührte, war sie auf der Stelle gesund. Ein Teil des wahren Kreuzes Christi blieb in Jerusalem, ein zweiter Teil kam nach Konstantinopel und ein dritter nach Rom.

 

Von jenem Stück, das in Jerusalem blieb, wurden im Lauf der Zeit viele kleine und kleinste Splitter abgetrennt und an Pilger oder an Kirchen verschenkt. Wie viele Partikelchen man nun aber auch von der großen Kreuzesreliquie in Jerusalem löste, sie selbst nahm deswegen, wie die Legende berichtet, nicht im geringsten ab, und so ist es zu verstehen, dass es auf der Welt zahlreiche Kreuzesreliquien gibt, die alle zusammen viel mehr als nur ein Kreuz ausmachen. Glücklich aber ist jede Kirche zu nennen, die auch nur die kleinste Kreuzesreliquie besitzt, denn wie klein sie auch sein mag, so war sie doch ein Werkzeug unserer Erlösung.

 

O Kreuz, du Hoffnung, sei gegrüßt,

Aus dem uns Osterfreude fließt,

Mehr´ allen Frommen Gottes Huld

Und tilge aller Sünden Schuld!

 

Als damals vor über sechzehnhundert Jahren das wahre Kreuz Christi aufgefunden worden war, erließ Kaiser Konstantin das Gesetz, dass das Kreuz nie mehr zur Hinrichtung gebraucht werden durfte. So wurde aus dem Kreuz, das ehedem ein Holz der Schmach war, ein verehrungswürdiges Ruhmeszeichen, und wenn heute Heiden und Ungläubige das Kreuz auch schmähen, die Christen werden es allezeit hoch in Ehren halten bis zu jenem Tag, der der letzte der Weltgeschichte ist. Dann wird auf den Wolken des Himmels Christus und mit ihm, hellsten Glanzes voll, auch das Kreuz erscheinen als Zeichen der ewigen Verwerfung für diejenigen, die es im Leben verworfen haben. Für diejenigen aber, die es verehrt und geliebt haben, wird es in jener Stunde zum unbeschreiblich beseligenden Zeichen dafür, dass ihr ewiger Ostertag begonnen hat.

 

4. Mai

 

Die heilige Monika, Witwe,

Mutter des heiligen Kirchenlehrers Augustinus,

+ 4.5.387 - Fest: 4. Mai

 

Monika wurde um das Jahr 332 in einem nordafrikanischen Städtchen geboren. In ihrer Heimat waren die Leute in der Mehrzahl noch heidnisch. Es gab erst wenige Christen. Monika hatte das Glück, von guten christlichen Eltern abzustammen.

 

Als Monika älter geworden war, heiratete sie einen städtischen Angestellten, Patrik mit Namen. Patrik war ein Heide. Wie? Monika, die Christin, heiratete einen Heiden? Das soll doch nicht sein, denn Katholiken sollten stets untereinander heiraten und keine Mischehen schließen. Gewiss, so soll es sein, aber damals gab es noch so wenige Christen, dass dem jungen Mädchen kaum eine andere Auswahl blieb. Übrigens hat Monika diese Unklugheit später mit bitteren Tränen bereuen müssen, denn der Gatte war leicht reizbar. Weil er als Heide kein christliches Gebot kannte, brauste er schon bei den geringsten Kleinigkeiten auf. Dann schlug er die Gattin. Es war ein hartes Leid für Monika, aber dieses Kreuz war für sie leichter zu tragen als jenes andere schwerste Mutterleid, dass unter ihren Kindern einer war, der nichts taugte.

 

Monika hatte drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter. Die Tochter ist zeitlebens der Mutter Sonnenschein gewesen. Auch der jüngere von den beiden Söhnen war brav und gut, aber der ältere, Augustinus mit Namen, war ein regelrechter Taugenichts.

 

Wohl brachte Augustinus stets gute Zeugnisse aus der Schule heim, aber immer wieder beklagten sich die Lehrer bei der Mutter Monika über den Sohn, er schwänze den Unterricht, sei unaufmerksam, sage vor und hetze die Mitschüler auf. Monika konnte nichts darauf erwidern, denn sie wusste, dass die Beschwerden der Wahrheit entsprachen. Dazu kam noch, dass Augustinus die Mutter belog und bestahl und dass er voll von Ungehorsam und Widersetzlichkeit war.

 

Es sollte noch schlimmer kommen, denn als Augustinus älter wurde, geriet er in die Gesellschaft schlechter Kameraden. Bald sprach die ganze Stadt über ihn, und über die Mutter kamen Schande und Unehre deswegen, weil sie einen entarteten Sohn hatte. Augustinus selbst aber rühmte sich auch noch seiner Schandtaten aus Großmannssucht, um vor den Freunden als der schlechteste zu gelten.

 

Oft und oft hat Monika damals den missratenen Sohn zum Guten ermahnt, streng und auch gütig, aber Augustinus hatte für die mütterlichen Vorwürfe nur ein Schulterzucken, und als ihm die Ermahnungen mit der Zeit allzu lästig wurden, ist er von daheim fortgelaufen.

 

So blieb der heiligen Monika nichts anderes übrig, als für den verlorenen Sohn zu beten und seinetwegen bittere Tränen zu vergießen. So viel hat sie gebetet und so sehr hat sie in ihrem Leid geweint, dass einmal ein Bischof tröstend zu ihr sagte:

 

„Mutter Monika! Gottes Stunde hat für deinen Sohn noch nicht geschlagen. Bete weiter für ihn und hoffe zuversichtlich, denn ein Kind so vieler Tränen und Gebete kann nicht verlorengehen.“

 

Der Bischof sollte recht behalten. Allerdings hat die heilige Monika achtzehn Jahre um den Sohn weinen und für ihn beten müssen. Achtzehn lange Jahre hat Gott sie warten und beten und weinen lassen, bis er ihrem stürmischen Drängen nachgab.

 

Dann aber ist das gläubige und vertrauensvolle Muttergebet in ganz herrlicher Weise erhört worden, denn Augustinus bekehrte sich so gründlich und vollständig, dass aus ihm ein großer Heiliger wurde. Ohne das beharrliche Gebet der heiligen Monika wäre die Bekehrung nach menschlichem Ermessen kaum zustande gekommen.

 

„Alles, was ich bin“, gestand der heilige Augustinus selbst, „verdanke ich meiner Mutter.“

 

Das ist das schönste Lob, das der Sohn seiner herrlichen Mutter spenden konnte. Mutter Monika ist aber bald nach der Bekehrung ihres Kindes vor Freude gestorben. Es war ja auch für sie ein Glück ohnegleichen, dass gerade aus dem Kind, das ihr am meisten Sorge und Kummer bereitet hatte, ein Heiliger wurde, denn für eine Mutter gibt es keine größere Ehre bei Gott und bei den Menschen, als dass sie heilige Kinder hat.

 

Der heilige Florian, Offizier und Martyrer von Lorch, Österreich,

+ 4.5.304 – Fest: 4. Mai

 

Zur Zeit, als die römischen Kaiser Diokletian und Maximian grausame Verfolgungsmaßregeln gegen die Christen erließen, schickte der römische Statthalter Aquilinus in Oberösterreich seine Häscher aus, um nach Christen zu spähen und sie zur Marter auszuliefern oder zum Abfall vom Christenglauben zu bewegen. Bereits starben vierzig Gläubige des Martertodes, die übrigen flohen in die Gebirge und Wälder, um der Verfolgung zu entgehen.

 

Florian, ein römischer Soldat, gebürtig aus Zeisenmauer (Kloster-Neuburg) bei Wien, stand damals in der Garnison Lorch, der Hauptstadt von Oberösterreich. Kaum hatte er die Trauerkunde von dem Mordbefehl der römischen Tyrannen und von dem Martertod der vierzig Christen vernommen, da entbrannte in seinem Herzen die heilige Begierde, für seinen Christenglauben sein Blut zu opfern und dadurch die wankelmütigen und eingeschüchterten Gläubigen zum glorreichen Kampf und zur Treue und Beharrlichkeit im Glauben zu stärken. Als er eben über die Ennsbrücke in die Stadt Lorch ging, traten ihm Soldaten entgegen, die mit ihm unter einer Fahne standen. Aus ihrem Mund erfuhr er, dass sie ausgesandt seien, um Christen zu fangen. Unerschrocken sprach er zu ihnen: „Warum sucht ihr nach anderen? Seht, ich bin ein Christ. Geht hin und meldet es dem Statthalter!“ Sogleich verhafteten ihn die Soldaten und führten ihn vor Aquilinus. Der versuchte den angesehenen und beliebten Offizier Florian anfangs durch Schmeicheleien zu bewegen, den Befehlen der Kaiser zu gehorchen und den Göttern zu opfern. Florian entgegnete, niemals werde er den falschen Göttern opfern, er sei bereit, für Christus jede Qual zu leiden. Aquilinus drohte ihm mit der Folter. Der Heilige aber hob seine Augen zum Himmel und betete: „Mein Herr und mein Gott! Auf dich habe ich gehofft, dich kann ich nimmermehr verleugnen, für dich will ich kämpfen und mein Leben opfern. Gib mir Kraft zum Leiden und nimm mich in die Zahl deiner auserwählten Kämpfer auf, die vor mir deinen Namen bekannt haben!“ Als Aquilinus den edlen Kämpfer so beten hörte, spottete er: „Wie magst du so unsinnig reden und den Befehlen der Kaiser trotzen?“ Ihm erwiderte Florian: „Du hast Gewalt über meinen Körper, aber über meine Seele vermagst du nichts; denn über sie hat Gott allein Macht. Ich gehorche meinem Kaiser, wie es einem guten Soldaten geziemt, niemand aber wird mich bewegen, dass ich den Götzen opfere.“ Wutentbrannt ließ der Statthalter ihn entkleiden und mit Stöcken schlagen. Mitten in der Qual rief Florian: „Wisse, dass ich keine deiner Qualen fürchte! Lass einen Scheiterhaufen anzünden und ich werde ihn willig im Namen Christi besteigen!“ Wieder schlugen ihn die Schergen, dass das Blut zur Erde strömte. Florian wankte nicht. Heiter lächelnd sprach er: „Nun bringe ich meinem Herrn und Gott ein wahres Opfer dar, der mich stärkt und zu dieser Ehre erhebt.“ Da befahl der Tyrann, mit spitzigen Stacheln ihm das Fleisch herauszureißen, aber in den furchtbarsten Qualen blieb Florian standhaft und wohlgemut.

 

Als der grausame Statthalter alle seine ausgesuchten Martern an dem freudigen Starkmut des Heiligen scheitern sah, befahl er den Henkersknechten, ihm einen Stein an den Hals zu binden und ihn in die Enns zu stürzen. Florian dankte Gott für diese Gnade und ging fröhlichen Mutes der Brücke zu. Dort wurde ihm ein Stein an den Hals gebunden, und nachdem ihm die Henker noch eine kurze Frist zum Gebet gewährt hatten, kniete er nieder und empfahl in glühender Andacht seine Seele dem Herrn. Unwillig über diesen Verzug, lief ein fanatischer Heide herbei und stieß mit roher Gewalt den Heiligen in den Fluss hinab. Dies geschah am 4. Mai 304 (297). In demselben Augenblick erblindete der grausame Heide mit beiden Augen. Die mitleidigeren Wogen des Flusses hoben den Heiligen empor und trugen ihn samt dem schweren Stein an einen erhöhten Platz am Ufer. Ein mächtiger Adler schwang sich aus den Wolken hernieder und verteidigte den heiligen Leichnam gegen jede Verunehrung von Seiten der Heiden. In der Nacht nach seinem Tod erschien der heilige Märtyrer einer frommen Frau, namens Valeria, und zeigte ihr den Ort an, wo er begraben sein wollte. Die Frau nahm einen mit zwei Ochsen bespannten Wagen, lud den heiligen Leichnam auf und fuhr ihrem Landgut zu. Aber die Ochsen konnten nach einer Strecke Weges vor Durst nicht weiterkommen. In dieser Not flehte sie kniend Gott um Hilfe an. Sogleich entsprang eine Quelle frischen Wassers aus dem Boden und erfrischte die durstenden Tiere, die nun munter weiterzogen. Auf ihrem Landgut legte die fromme Frau mit größter Andacht den heiligen Leichnam in ein schönes Grab und seitdem verherrlichte Gott seinen treuen Diener durch zahllose Wunder, die auf seine Fürbitte geschahen.

 

Über dem Grab des heiligen Florian wurde nach der Verfolgungszeit eine Kapelle, später eine prächtige Kirche nebst Benediktinerkloster gebaut. Nach Zerstörung des Klosters durch die Hunnen stellte Engelbert, Bischof von Passau, dasselbe wieder her und räumte es den Augustiner-Chorherren ein, unter denen es zu einem der schönsten Klöster Österreichs aufblühte. In der Nähe von Linz prangt noch heute das berühmte Kloster St. Florian majestätisch auf einer Anhöhe.

 

Die Reliquien des heiligen Florian wurden in der Folge nach Rom übertragen und mit den Überresten der Blutzeugen Stephanus und Laurentius vereinigt. Nachdem im 11. Jahrhundert Polen von den Tartaren und Preußen verwüstet worden war, erhielt der König Casimir im Jahr 1184 vom Papst Lucius III. einige Reliquien des heiligen Florian, die vom Bischof Gedeon in der neuerbauten prächtigen Kirche zum hl. Florian in Krakau feierlich beigesetzt wurden. Sein jener Zeit wird der heilige Florian als Schutzpatron Polens, wie als Patron des Bistums Wien verehrt. Auch gilt der heilige Florian als Patron in Feuersgefahr und Kriegsnöten, und wird deshalb gewöhnlich in kriegerischer Rüstung abgebildet, wie er ein Gefäß mit Wasser auf lodernde Flammen gießt. Als einst ein Kohlenbrenner in den brennenden Kohlenhaufen fiel, rief er den heiligen Florian um Hilfe an, und stieg unverletzt aus den Flammen.

 

Die achtzehn seligen englischen Kartäuser-Märtyrer,

+ 1535 bis 1540 – Fest: 4. Mai

 

Im Jahr 1886, am 29. Dezember, dem glorreichen Todestag des heiligen Thomas, Erzbischofs von Canterbury, wurde in Rom ein Dekret veröffentlicht, in dem 54 Märtyrer selig gesprochen wurden, die unter Heinrich VIII. und Elisabeth in den Jahren von 1535 – 1583 zum Teil unter entsetzlichen Qualen hingemordet worden waren. Unter diesen sind im Dekret achtzehn Kartäuser namentlich aufgeführt, die durch Heinrich VIII., den Abtrünnigen, zur Krone des Martyriums gelangten.

 

Im Jahr 1534 sollten alle Untertanen von 16 Jahren an erklären, dass die Ehe des Königs ungültig und die neue, mit einem Hoffräulein der verstoßenen Königin vollzogene, rechtmäßig sei. Die übergroße Mehrzahl gab befriedigende Antwort, wie es ja „in jenem überaus verdorbenen Jahrhundert beinahe ein Wunder war, für Christus zu sterben“, sagt der Kartäuser Mauritius Chauncy, der die Leiden seines Priors und Mitbruders Johannes Houghton beschrieben hat. So kamen denn auch in die Kartause von London königliche Kommissäre und verlangten Zustimmung zu des Königs Vorgehen. Und da die Antwort des Priors, er habe über des Königs Tun und Lassen nicht zu richten, nicht genügte, wurde er und der Prokurator (Verwalter) des Klosters im Monat Mai 1534 im Gefängnis verwahrt, bis sie auf Gutachten gelehrter Männer entlassen wurden. In der Nacht vor der Entlassung hatte der ehrwürdige Prior einen Traum des Inhalts, dass sie innerhalb eines Jahres wieder dahin zurückkehren werden. Und dies war mehr als ein Traum.

 

Im Anfang des Jahres 1535 mussten alle den König als das höchste geistliche Haupt der englischen Kirche erklären, widrigenfalls sie als Hochverräter die diesen bestimmte Todesstrafe erleiden müssten. Nun wusste der Prior der Kartause, dass es jetzt auf Leben und Tod gehe und in feurigen Worten ermahnte er die Seinigen zum Kampf. In eifriger Vorbereitung auf die kommenden Dinge hielten sie ein Triduum ab, bei dem alle am ersten Tag eine Lebensbeichte ablegten, am zweiten einander nach vorausgegangenem Gebet kniefällig um Verzeihung baten; am dritten Tag wurde ein Heiliggeistamt gehalten, wobei alle, auch die Brüder außerhalb der Kirche, ein wunderbares schönes Säuseln der Luft vernahmen und zugleich mit himmlischem Trost erfüllt wurden. Zur selben Zeit kam auch der Prior Robertus Lawrence der Kartause Schönental und ein dritter Prior, Augustin Webster, um die Zeitlage sich zu besprechen.

 

Man vereinbarte sich, zum Vertreter des Königs zu gehen und um Erleichterung bezüglich des Eides zu bitten. Er ließ sie aber kurzerhand ins Gefängnis werfen und nach einer Woche auf ihre Verweigerung des Eides hin zur Todesstrafe verurteilen. Grausam war die damalige Strafe für Majestätsverbrecher. Auf einer niederen Pritsche angefesselt, wurden die drei Prioren auf den Richtplatz geschleppt. Dort wurde zuerst der Prior der Londoner Kartause Johannes Houghton gehenkt, nachdem er zuvor vom Henker die Erlaubnis erhalten hatte, einen kurzen Psalm zu beten, der ausklang in die Worte: „In deine Hände empfehle ich meinen Geist.“ Alsdann wurde er noch lebend heruntergelassen, in roher Weise ausgezogen, es wurden seine Schamteile weggeschnitten, der Unterleib aufgeschlitzt, die Eingeweide herausgenommen und all dies ins Feuer geworfen; alsdann das Herz weggerissen. Bei all dem war der Prior bei voller Besinnung und betete ständig; und mit den Worten „guter Jesus, was machst du mit meinem Herzen“, gab er den Geist auf. Mit der gleichen Standhaftigkeit wurden hierauf die zwei anderen Prioren gemartert. Das geschah am 4. Mai 1535 und zwar wie auch bei den heiliggesprochenen Thomas Morus und Kardinal Fisher an einem Dienstag, der bekanntlich der Verehrung der Apostel und besonders der Apostelfürsten geweiht ist.

 

Drei Wochen darauf wurden wieder drei nunmehrige Vorsteher der Londoner Kartause gefangen gesetzt und vierzehn Tage lang mit eisernen Ketten an Hals und Beinen an Säulen gebunden, so dass sie jeglichem Ungemach der Natur und der Witterung ausgesetzt waren. Hierauf vor Gericht gestellt, bekannten sie aufs standhafteste ihre Romtreue und wurden der gleichen Todesart teilhaftig. Noch jung an Jahren, aber gereift an Geist, voll der Gnade und Tugend, von vornehmer Herkunft – einer, Pater Sebastian Newdigate, war sogar im königlichen Palast erzogen worden -, gingen sie zum Tod wie zu einem Gastmahl in der Hoffnung des ewigen Lebens am 29. Juni 1535.

 

Mit den übrigen Kartäusern glaubte man dadurch zum Ziel zu kommen, dass man ihnen weltliche Vorsteher gab, die sie auf alle Art drangsalierten. Und als sie trotzdem fest blieben, wurden am 4. Mai 1536 vier Brüder verbannt in weit entlegene Kartausen, von denen zwei Priester am 11. Mai 1537 ebenfalls gehenkt wurden. Von den Zurückgebliebenen wurden zehn Brüder, das heißt drei Priester, ein Diakon und sechs Laienbrüder, anfangs Juni 1537 in den Kerker geworfen, wo sie infolge des entsetzlichen Schmutzes und Gestankes vom Juni bis September nacheinander starben bis auf einen, der wie sein Prior am 4. August 1541 gehenkt und gemartert wurde.

 

Solch ein Märtyrertod musste aber auch verdient sein. Und wahrhaft die Londoner Kartause war hierfür geradezu ein Muster. Der erst 43jährige Prior ging in allen Tugenden mit heiligem Beispiel voran. In feurigen Worten ermahnte er oft die Seinen zum eifrigen Chorgebet, das so langsam verrichtet wurde, dass die Nachtwachen gewöhnlich mindestens fünf Stunden dauerten. Man sagte allgemein: „Wenn ihr wollt den Gottesdienst andächtig gefeiert sehen, so eilet zur Kartause.“ Es lebten in der Kartause Brüder, die beim Gebet schwebend gesehen wurden. Die Gabe der Tränen und der Zerknirschung war fast allgemein, vorab beim Pater Prior. Ein edler Wetteifer in der Erstrebung der Tugenden herrschte, so dass oft Weltleute, die aus der Kartause zurückkehrten, unter Tränen sagten: „Wahrlich, Gott ist an diesem Ort.“

 

Beachten wir dies wohl besonders in unserer gewitterschwülen Zeit. Dem Kampf für den Glauben muss der Kampf für das Leben nach dem Glauben vorausgegangen sein; sonst könnte leicht die Rechnung falsch sein und zur Zeit der Not nicht genügend Eifer für Gott und Verachtung des Irdischen vorhanden sein.

 

5. Mai

 

Der heilige Papst Pius V., Papst von Rom,

+ 1.5.1572 - Fest: 5. Mai

 

Es geschieht zwar nicht alle Tage, dass einer vom Hütejungen zum Hirten der Völker aufsteigt, aber bei dem heiligen Pius V. war es der Fall.

 

Als Kind führte der spätere Papst den Namen Anton. Die Eltern waren arm und nicht in der Lage, den Sohn, der gern Priester werden wollte, studieren zu lassen. Anton musste vielmehr das Vieh hüten, und er tat es gern, denn diese Beschäftigung ließ ihm Zeit und Muße genug zum Beten. Fest und kernig betete er, und aller Gebete letztes Ziel blieb immer wieder der gleiche Flehruf, dass er doch Priester werden dürfe, bis er endlich Erhörung fand. Ein vermögender Nachbar erklärte sich bereit, die Studienkosten zu übernehmen. An dem Tag, da dies geschah, schwamm Anton im Glück.

 

Anton durfte also studieren, und da stellte es sich heraus, dass er einer war, der spielend lernte. Fleißig war er auch, und so konnte es nicht ausbleiben, dass er schnell vorankam. Unter dem Ordensnamen Michael trat Anton später bei den Dominikanern ein. Nach der Priesterweihe betätigte er sich zunächst erfolgreich als Hochschullehrer und Prediger, und dann stieg er schnell und steil auf der Leiter der kirchlichen Würden empor. Man ernannte ihn zum Ordensoberen. Mit fünfzig Jahren wurde er Bischof, bald darauf Kardinal, und einige Jahre später trug er die dreifache Papstkrone. Aus dem Hütejungen war der Hirt der Völker geworden.

 

Mit Pius V. bestieg ein tüchtiger Mann den päpstlichen Thron. Nur sechs Jahre regierte er die Kirche Gottes, aber die kurze Zeitspanne genügte ihm, Um zum Wohl der Christenheit Großes zu wagen und zu vollbringen, und von all dem Guten, das er wirkte, hebt das Gebet der Kirche zwei Dinge besonders hervor.

 

Da heißt es zunächst, dass er die Feinde der Kirche vernichtete. Es herrschten damals für die Katholiken trübe und trostlose Zeiten. Deutschland war zum größten Teil protestantisch geworden. In Holland hausten die Bilderstürmer, Frankreich erbebte bis auf den Grund unter dem Ansturm der Kalvinisten. Die Könige von Schweden, Norwegen und Dänemark zwangen ihren Untertanen mit List und Gewalt den lutherischen Glauben auf. In England durfte sich unter Todesstrafe kein katholischer Priester sehen lassen, und von Osten her rückten die siegreichen Türken immer näher und gefahrvoller gegen das christliche Abendland heran. Wieder einmal schien die Kirche dem sicheren Untergang geweiht.

 

Damals war Pius V. der Mann der Vorsehung, ein Streiter Christi ohne Furcht und Tadel, der überall, wo es notwendig war, mutig zupackte und mit starker Hand durchgriff, und man darf wohl sagen, dass er allein ganz Europa vor den Türken gerettet hat, die in der Seeschlacht von Lepanto am 7. Oktober 1571 so blutig aufs Haupt geschlagen wurden, dass sie von jener Zeit an für das Abendland keine Gefahr mehr bildeten. Damit hat der ehemalige Hütejunge eine europäische Großtat vollbracht, und es war die Tat nicht nur ein Erfolg der Waffen, sondern mehr noch ein Erfolg des Gebetes. Pius V. ist lebenslang ein großer Beter geblieben, und der türkische Sultan Soliman soll gesagt haben, die Truppen und Waffen der Christen bereiteten ihm wenig Sorge, wohl aber fürchtete er den betenden Papst zu Rom.

 

Des weiteren erwähnt das Kirchengebet von Pius V., dass er den göttlichen Dienst erneuerte. Wenn man wissen will, was die Worte bedeuten, so muss man sich die Geschichte der heiligen Messe ansehen, wie sie beschrieben ist. Dort wird erzählt, dass Papst Pius V. es war, der dem Messbuch die endgültige und mancherorts heute noch praktizierte Form gegeben hat. Es dürfte sich reichlich lohnen, die großartige Einführung zur heiligen Messe einmal gründlich zu lesen. Man erhält dadurch vielmehr Verstand von den hohen und erhabenen Vorgängen, die sich bei der heiligen Messe abspielen.

 

Der heilige Godehard / Gotthard, Bischof und Bekenner von Hildesheim,

+ 5.5.1038 – Fest: 5. Mai

 

Gottes Vorsehung erwählt oft das Kleine, um damit Großes zu erreichen. Dies sehen wir recht deutlich im Leben des heiligen Godehard oder Gotthard. Er wurde um das Jahr 960 zu Reichersdorf in Niederbayern von frommen, aber armen Bauersleuten geboren. Frühzeitig schickten ihn seine Eltern in die Klosterschule von Niederaltaich, die wegen der Wissenschaft und Frömmigkeit seiner Bewohner in hohem Ansehen stand. Godehard zeichnete sich vor allen seinen Mitschülern durch Fleiß, Bescheidenheit, Sittsamkeit und tüchtige Fortschritte in den Wissenschaften aus. Alte Gemälde stellen ihn dar, wie er als Ministrant im Eifer des Gehorsams über die Wasser der ausgetretenen Donau trockenen Fußes gegangen sei und glühende Kohlen im Chorröckchen, ohne es zu verbrennen, herbeigeholt habe. Der Erzbischof Friedrich von Salzburg, der ein Stift vom Herzog von Bayern zu Lehen trug, nahm den vielversprechenden Jungen an seinen Hof und ließ ihn drei Jahre lang in den höheren Wissenschaften unterrichten.

 

Nachdem Godehard vom Bischof Pilgrin von Nassau zum Diakon geweiht war, kehrte er nach Altaich zurück und erhielt – so groß war die Liebe und das Vertrauen zu ihm – die Vorstandschaft an der Münsterkirche. Der Herzog Heinrich von Bayern wandelte im Jahr 990 Niederaltaich in ein Benediktinerkloster um. Sogleich nahm Godehard das Ordenskleid und zeichnete sich durch seinen strengen Bußeifer, durch Demut, Gottesliebe und Berufstreue so sehr aus, dass ihn seine Ordensbrüder nach dem Tod des ersten Abtes Erchanbert zu dessen Nachfolger erwählten. Unter seiner ebenso kräftigen als weisen Leitung entfaltete sich das Klosterleben in Altaich zur schönsten Blüte und ein solcher Segen wurde sichtbar, dass der Herzog und spätere Kaiser Heinrich II. in Verein mit den Bischöfen ihm die Reform der Klöster Tegernsee, Hersfeld und Kremsmünter übertrug. So schwierig diese Aufgabe war, so gelang es ihm doch durch Gottvertrauen, Gebet und erbauliches Beispiel die gesunkene Ordenszucht wiederherzustellen, die Missbräuche abzuschaffen, einen neuen Ordensgeist einzupflanzen und christlich-religiöse Bildung und Gesittung zu fördern. Vierundzwanzig Jahre rastloser Tätigkeit, vielfacher Sorgen und Kämpfe hatte Godehard mit dem glücklichsten Erfolg auf die Umgestaltung dieser Klöster verwendet. Er sehnte sich nach Ruhe, um seine letzten Lebenstage in der Stille seines geliebten Klosters Altaich sich auf einen seligen Tod vorzubereiten und für die Blüte in Kunst und Wissenschaften an seiner geliebten Klosterschule Sorge zu tragen. Allein Gott wollte den demütigen Nachfolger des heiligen Benedikt noch auf einen höheren Leuchter stellen.

 

Wie die Legende erzählt, hatte Godehard ein wunderbares Traumgesicht. Er sah sich selbst unter einem großen Ölbaum im eifrigen Lesen sitzen. Fremde, würdige Männer kommen im Namen des Königs, den Baum zu verpflanzen, aber je tiefer sie graben, desto tiefer und verzweigter finden sie die Wurzeln. Da hauen sie mit Äxten die Wurzeln ab, und plötzlich erwächst aus jeder Wurzelfaser, die stehen geblieben war, ein neuer Sprössling, dass ein Ölwald den ganzen Raum erfüllt und von nah und fern Leute kommen und Pflanzenreiser für ihre Gärten holen. Dieses Traumgesicht sollte bald zur Wahrheit werden. Der schon sechzigjährige Godehard wurde aus der Ruhe seines Klosters, an dem er mit unendlicher Liebe hing, noch einmal in ein neues Feld verpflanzt, doch sein geistiger Nachwuchs trieb üppig und freudig und seine Schüler trugen die Keime, die er gepflegt hat, und den Ruhm ihres Lehrers in die weitesten Kreise.

 

Der heilige Bischof Bernward von Hildesheim war im Jahr 1022 gestorben. Kaiser Heinrich II., der gerade in seiner sächsischen Pfalz Grona Hof hielt, lenkte sofort sein Auge auf seinen geliebten Abt Godehard, und obwohl dieser sich anfangs gegen eine so späte Versetzung in ein fremdes Land und einen neuen Wirkungskreis sträubte, so ließ er sich doch endlich durch den Wunsch des Kaisers und die Bitten der Bischöfe bewegen, die Wahl, die er für eine göttliche Bestimmung hielt, demütig anzunehmen. Der Mainzer Erzbischof Aribo weihte im Advent 1022 Godehard zum Bischof von Hildesheim.

 

Hatte Godehard schon als Abt seines lieben Klosters Altaich auf die Verbesserung der Schulen, auf den Eifer im Studium, auf die Zierde der Gotteshäuser durch christliche Kunstwerke großen Fleiß verwandt, so ließ er als Bischof das gleiche Ziel nicht aus den Augen. Viele Kirchen baute er neu auf, die alten und schmucklosen zierte er aus und befahl streng die Reinlichkeit in Tempeln, kirchlichen Geräten und Gewändern. Die Geistlichen hielt er zu wissenschaftlichem Streben, strenger Zucht und gediegener Frömmigkeit an. Für die Armen opferte er seinen letzten Heller. Das von ihm gegründete Spital besuchte er fleißig, tröstete die Gebrechlichen und stand den Sterbenden bei. Den Landstreichern und trägen Bettlern gestattete er aber höchstens zwei Tage Aufenthalt und mahnte sie ernst zu ordentlicher Lebensweise.

 

Aus seinem Antlitz leuchtete Gottesliebe, Menschenfreundlichkeit und Herzensreinheit, sein ganzer Lebenswandel war eine stumme, aber eindringliche Predigt an das Volk.

 

So liebreich und nachgiebig der heilige Bischof sonst war, so vergab er doch nichts von seinen Rechten. Als Aribo, der Erzbischof von Mainz, ihm die Gerechtsame über das Kloster Gandersheim streitig machen wollte, verteidigte Godehard sein Recht mit aller Entschiedenheit und Klugheit und brachte es dahin, dass Aribo sein Unrecht einsah und ihn um Verzeihung bat.

 

Siebzehn Jahre hatte Godehard den Hirtenstab geführt und unermüdlich gearbeitet. In einem Alter von 74 Jahren sehnte er sich nach nichts mehr, als aufgelöst zu werden und bei Christus zu sein. Nachdem er die vierzigtägige Fasten noch streng gehalten hatte, empfing er die heiligen Sterbesakramente, , ließ sich von vier Chorknaben die heiligen Tagzeiten vorsingen und gab während des Psalmengesanges am 5. Mai 1038 seinen Geist auf.

 

Seine Leiche wurde im Hildesheimer Dom beigesetzt.

 

War der heilige Godehard schon bei Lebzeiten durch die Gabe der Wunder von Gott ausgezeichnet, so wallfahrteten nach seinem Tod zahllose Menschen zu seinem Grab, um in ihren Anliegen durch die Fürbitte des Heiligen Erhörung zu finden. Papst Innocenz II. versetzte ihn im Jahr 1131 unter die Heiligen. Ihm zu Ehren erhob sich bald nach der Heiligsprechung im Süden der Stadt eine Benediktinerabtei mit herrlicher byzantinischer Kirche, die mit der Bernwardschen Michaelskirche im Norden der Stadt Hildesheim die alte Bischofsstadt gleichsam unter ihre schützenden Flügel nimmt.

 

Der Name des heiligen Godehard wurde weit über die Grenzen von Bayern und Sachsen hinaus gefeiert. Auf der Höhe des Gotthardpasses, der von ihm den Namen trägt, betete vor Zeiten der deutsche Kaufmann und Pilger in der ihm geweihten Kapelle. Im Dom zu Mailand hörte er an Godehards Namensfest sogar in einer eigenen Präfation seine Tugenden und Taten preisen, fand im Dom zu Genua eine Kapelle und eine Bruderschaft, die älteste der Stadt, zu Ehren des heiligen Bischofs. Ungarn, Polen und Holland errichteten Denkmale und Statuen zu Ehren des heiligen Godehard.

 

Der selige Nunzio Sulprizio, Schmiedelehrling,

+ 5.5.1836 – Fest: 5. Mai

 

Die Jugend unserer Zeit, besonders die Arbeiterjugend, ist gar vielen Gefahren und Verführungen aller Art ausgesetzt, die ihr von den Lehren des Unglaubens und einer widerchristlichen Sittenlosigkeit drohen. Sie braucht Schutzwehren, die sie vom Untergang retten, sie bedarf leuchtender Beispiele, die noch immer voll größerer Macht auf die jungen Herzen wirkten als Worte der Mahnung; lebendige Vorbilder muss sie vor Augen sehen, die in der Kraft ihres Glaubens und dem Glanz jungfräulicher Sittenreinheit zur Nachahmung hinreißen. Ein solch herrliches Jugendvorbild, ein „getreues Abbild ihres himmlischen Schutzpatrons“ St. Aloisius, ist der junge Arbeiter, der am 1. Dezember 1963 durch Papst Paul VI. seliggesprochene Nunzio Sulprizio. Der große Arbeiterfreund Papst Leo XIII. selbst stellte ihn schon vor der Seligsprechung der Jugend als Muster vor. So schreibt der soziale Papst: „Seit seiner zartesten Jugend nahm sich Sulprizio den heiligen Aloisius zum Muster und bemühte sich ihn in dem Geist der Abtötung, der Geduld, der Demut und des Gebetes nachzuahmen und so reich an Verdiensten und jung wie er entschlief er im Ruf der Heiligkeit.“

 

Nicht an einem Fürstenhof und nicht im Kloster hat sich der neue aloisianische Jüngling die Heiligkeit erworben. Nunzio war das Kind ganz armer Eltern aus Pesco Sansonesco im Abruzzengebirge von Mittelitalien. Mit sechs Jahren war er schon eine Waise. Die einzige Stütze, die ihm noch geblieben war, einige mitleidige, gute Großmutter, nahm ihm Gott der Herr auch noch hinweg, um den Kleinen schon in den frohen Jahren der Kindheit in die früh, aber stürmisch reifende Schule der Leiden zu nehmen. Der eltern- und vermögenslose Junge wurde zu einem Oheim gebracht, einem rohen, grausamen Schmied. Für ihn galt der arme Junge nur so viel, als er ihm verdienen helfen konnte. Eine volle, kostenlose Arbeitskraft sollte ihm der arme Neffe abgeben. Erziehung, Lehre, Fortbildung waren dem gewissenlosen Menschen unbekannte, religiöse Betätigung und Frömmigkeit überflüssige Dinge. Darum ließ er den Jungen ferner nicht mehr die Schule besuchen, sondern überhäufte ihn vom frühen Morgen bis zum späten Abend mit Arbeiten, die seine Kräfte weit überstiegen. Ob im Sommer die Glühhitze unerträglich war, oder ob im Winter in der rauen Gebirgsgegend das schlimmste Wetter hauste, Nunzio musste hinaus und weite Wege zurücklegen, um die Aufträge seines Meisters zu erledigen. Bald kamen dazu noch die gröbsten Misshandlungen. Der jähzornige Oheim geriet bei den geringsten Anlässen in Wut. Konnte Nunzio auch mit dem besten Willen nicht allen Launen entsprechen, so musste er es immer schwer büßen. Der Schmied ergriff das erste beste Stück Eisen oder Werkzeug, das ihm in die Hände fiel, und schlug damit unbarmherzig auf den bedauernswerten Lehrling los oder warf ihn zu Boden und traktierte ihn mit den Füßen, bis er bewusstlos dalag. Die Gesellen standen ihrem Meister an Rohheit kaum nach. Doch das Schlimmste für Nunzio waren die gottlosen und unzüchtigen Reden und Zoten jener Menschen, die er Tag für Tag über sich ergehen lassen musste. Oft hielt er sich die Ohren zu oder verbarg sich in einer Ecke, um von den Unterhaltungen nichts zu verstehen.

 

Durch die Überanstrengung und die mangelhafte Nahrung wurde die Gesundheit Nunzios untergraben. Er magerte zusehends ab. Am linken Bein bildete sich ein großes Geschwür. Schließlich konnte der Arme nicht mehr gehen. Doch der gefühllose Meister nahm keine Rücksicht und zwang ihn nun den ganzen Tag am Blasebalg zu stehen, und als ihm hierzu die Kräfte versagten, band man ihn an die Blasebalgkette fest. Häufige Ohnmachtsanfälle stellten sich ein. Aber trotz der grausamen Behandlung hörte man Nunzio niemals klagen. Keine Vorwürfe gegen seine Peiniger kamen über seine Lippen. Nie verlor er seine Sanftmut oder seinen heiteren Sinn.

 

Als Nunzio gänzlich arbeitsunfähig geworden war, ließ ihn der Schmied endlich in das Armenhospital von Aquila bringen. Die gute Pflege brachte aber nur etwas Linderung, eine Heilung war ausgeschlossen. So musste Nunzio wieder entlassen werden. Die Quälereien gegen den nutzlosen Arbeiter begannen jetzt aufs Neue. Mochte der Leidende auch halbtot zusammenbrechen, er musste arbeiten. Doch unerschütterlich blieb er bei seinem Entschluss, alles mit größter Geduld zu ertragen. „Ich will ein Heiliger werden, ein großer Heiliger, und zwar in kurzer Zeit“, so ermunterte er sich selbst oft in schweren Stunden. Zu einem Heiligen gehört vor allen Dingen Charakterfestigkeit. In der Schmiede von Pesco Sansonesco bestand Nunzios Charakter die Feuerprobe.

 

Endlich nach sechs langen Leidensjahren kam für den vergessenen, misshandelten Waisenjungen die Erlösung. Ein anderer Onkel in Neapel erfuhr von der traurigen Lage Nunzios, nahm ihn zu sich und stellte ihn seinem Vorgesetzten vor, dem Obersten Felix Wochinger, einem durch seine Frömmigkeit und Wohltätigkeit bestbekannten Mann, dem Namen nach wohl deutscher Abstammung. Tief ergriffen von dem Anblick und der Leidensgeschichte des unschuldigen Dulders, entschloss sich Wochinger, ihm fortan ein väterlicher Beschützer zu sein. Der Kranke wurde in ein Spital gebracht und aufs Beste gepflegt. Für die Heilung des Körpers freilich war es zu spät. Es war Knochenfraß entstanden. Aber die schöne Seele des reinen, im Leid erstarkten jungen Mannes erstrahlte in der besseren Wertschätzung seiner Mitmenschen in hellstem Glanz. Nunzio war bald der Liebling des ganzen Hospitals. Aus seinem Antlitz leuchtete die Unschuld und, trotz größter Schmerzen, eine nie versiegende Heiterkeit. Er schleppte sich an die Betten der anderen Kranken und tröstete und ermunterte sie. Wie geschickt verstand er es, in seine Unterhaltungen ganz ungezwungen religiöse Ermahnungen einzuflechten, die ihre Wirkung nicht verfehlten. Besonders erbaute er durch seine innige Andacht zur heiligen Eucharistie und zur allerseligsten Jungfrau. Wie alle reinen Seelen war er ein großer Liebhaber des Gebetes. Man konnte ihn öfters des nachts vor seinem Bett kniend finden.

 

Nachdem Oberst Wochinger seinem Schützling auch mehrmals die Heilkraft der Bäder von Ischia sorglich hatte zukommen lassen, ließ er ihn nach ungefähr zwei Jahren in sein eigenes Schloss bringen, nicht nur um alles für den lieben Kranken tun zu können, sondern auch um persönlich Gelegenheit zu haben, Zeuge der Heldentugend eines Heiligen zu sein. „Wie könnte ich,“ sagte er so schön, „über die Prüfungen klagen, die der Herr mir schickt, wenn Nunzio sich fast das Notwendigste versagt, um auch anderen etwas zufließen zu lassen, und dabei so schlicht bemerkt: Was? Sollten diese Armen des Herrn nicht auch etwas bekommen?“

 

Unter so liebenden Augen und trefflichster Pflege schien es fast, als ob dem siechen Jüngling das Leben sich von Neuem hoffnungsvoll zeigen würde. Schon keimten Pläne: Ordensmann wollte er werden und ein Priester des Herrn. Doch forderte Gott nur noch ein Opfer als Krönung seines Dulderlebens, das Opfer eben dieses Lebens. Und Gottes Wille war auch der seinige. Darauf allein war sein Herz gerichtet; wie vordem Not und Menschenbosheit, so vermochten jetzt Lebensgenüge und Menschengunst ihn nicht vom unverrückbaren Ziel abzubringen: Heilig werden in kurzer Zeit! Seinem Bußeifer genügte sogar die Fülle des auferlegten Leidens noch nicht. Er übernahm noch freiwillige Abtötungen. So hohem Mut und hochherzigem Sinn begegnete Gott auch mit außerordentlichen Gunstbezeigungen.

 

Die gottgesetzte Aufgabe war vollendet. Neunzehn Jahre hatte der stille Dulder erreicht. Am 5. Mai 1836 nahm er Abschied von dieser Welt, die ihm so viel Leid und doch so überselige Freude gebracht hat. Auf ein Muttergottesbild blickend, rief er aus: „Schaut doch, wie schön sie ist!“ So ging er in ein besseres Leben ein. Die Kunde von seinem Tod rief in Neapel eine wahre Wallfahrt nach dem neuen Schloss hervor. Die rötlich gefärbte Wunde soll einen süßen Duft verbreitet haben. Zahlreiche Gebetserhörungen haben auf Anrufung des ehrwürdigen Nunzio stattgefunden. Unter den Bittstellern um seine Seligsprechung waren selbst hohe weltliche Würdenträger, wie Ferdinand II., König von Neapel.

 

Die Tugend ist eben liebenswürdig, wo sie erscheint. Die Tugend gedeiht überall, in jeder gesellschaftlichen Stellung, in jedem Alter, in jeglichem Gesundheitszustand. Habe nur den Mut zum Heiligwerden, auch unter anscheinend ungünstigsten Verhältnissen! Es eilt!

 

6. Mai

 

Der heilige Johannes von Damaskus, Priester und Kirchenlehrer,

+ 6.5.749 – Fest: 6. Mai

 

In Johannes Damaszenus mit dem Ehrennamen Chrysorrhoas (der „Goldströmende“, „Goldredende“) erstand der alten Kirche des Morgenlandes nochmals ein gewaltiger Geistesmann und Wortführer, während rings ein immer tieferer Verfall der geistigen und wissenschaftlichen Regsamkeit um sich griff. Er kam aus einer christlichen Familie in Damaskus, die inmitten der religiösen Verheerungen des siegreich vordringenden Islams treu den Glauben der Väter bewahrt hat. Der Vater Sergius stand im sarazenischen Staatsdienst und bekleidete ein hohes Steueramt, das sich später auf den Sohn vererbte. Er wünschte dem kleinen Johannes, der frühzeitig so ungewöhnlich reiche Geistesanlagen an den Tag legte, außer einer tiefen religiösen Herzensbildung auch eine höhere wissenschaftliche Ausbildung zu geben. Doch die äußeren Verhältnisse schienen diesem Wunsch große Schwierigkeiten entgegenzusetzen. Da führte ihm die Vorsehung wunderbarerweise einen geeigneten Mann zu. Unter den von Seeräubern gefangenen Christensklaven auf dem Markt von Damaskus befand sich nämlich auch ein Mönch aus Kalabrien, namens Kosmas, der in den weltlichen wie heiligen Wissenschaften gleich trefflich unterrichtet war. Sergius, der bereits so vielen Gefangenen die Freiheit verschaffte, kaufte auch ihn los. Da er auf seine reichen Kenntnisse aufmerksam wurde, nahm er ihn in sein Haus auf und vertraute ihm die Erziehung und den Unterricht seines Sohnes an. Welche Tugend- und Wissensfortschritte Johannes an der Hand seines Lehrers machte, davon sollte der ganze christliche Erdkreis Zeuge werden.

 

Nach des Vaters Heimgang und des Lehrers Weggang, der sich ins Kloster des heiligen Sabas bei Jerusalem zurückzog, riefen zunächst die verschiedenen Irrlehren den mutigen Streiter der christlichen Wahrheit und kirchlichen Rechtgläubigkeit auf den Plan. In Wort und Schrift schwingt jetzt der Damaszener die scharfe Geistesklinge gegen sie. Insbesondere aber taucht seine überragende Gestalt im sogenannten Bilderstreit auf. Der griechische Kaiser Leo der Isaurier hatte nämlich durch zwei Verordnungen „die Entfernung aller Bilder der Heiligen, Martyrer und Engel“ sowie die Vernichtung aller Bilder Christi und der Gottesmutter befohlen. Ein allgemeiner Bildersturm setzte infolgedessen durch die ganze griechische Kirche ein. Er rief überall große Aufregung in den Gemütern, in manchen Gegenden sogar förmlicher Aufruhr hervor. In Konstantinopel selbst war es der heilige Patriarch Germanus, der lieber abdanken als dem Befehl sich beugen wollte; im Abendland die Päpste Gregor II. und III., die trotz schwerster Bedrohungen und Anfeindungen den Bannfluch über die Bilderstürmer verhängten. Unter allen Gottesgelehrten aber wurde der heilige Johannes von Damaskus der unerschrockenste und unermüdlichste Vorkämpfer der kirchlichen Lehre von der Verehrung der Bilder Christi und der Heiligen. Mit Wort und Feder führte er gleich nachdrücklich und erfolgreich den Kampf gegen die ebenso verkehrte wie gewalttätige Irrlehre. Seine drei Verteidigungsschriften über die Bilderverehrung gehören zum Besten, was je darüber geschrieben wurde. Er unterscheidet hier scharf zwischen der Gott allein gebührenden „Anbetung“ und der auch dem heiligen Geschöpf zukommenden „Verehrung“. Alle und jede dem Bild erwiesene Ehre beziehe sich auf den durch das Bild Dargestellten. Auch den erzieherischen Wert der Bilder hob er hervor: sie vergegenwärtigen die Tatsachen der Erlösung und die Tugendbeispiele der Heiligen, sind Bücher für den des Lesens Unkundigen und Predigten für den frommen Beschauer.

 

Eine spätere, freilich unzuverlässige Legende weiß zu erzählen, der Kalif habe auf ein verleumderisches Schreiben Kaisers Leo hin dem Glaubensstreiter als Hochverräter die rechte Hand abhauen lassen, sie sei ihm aber auf sein Flehen vor dem Gnadenbild der heiligen Jungfrau bei Nacht wiederum wunderbar hergestellt worden.

 

Immer mehr hatte es den Heiligen aus dem Lärm der Großstadt und dem Getriebe der Welt in die Ruhe und den Frieden der klösterlichen Einsamkeit gezogen. Nach dem Jahr 730 setzte er das Vorhaben in die Tat um. Er verteilte sein ansehnliches Vermögen unter die Armen und Kirchen, wanderte in ärmlicher Kleidung mit seinem Halbbruder Kosmas nach Jerusalem und zog sich von da, seinem Lehrer folgend, ins nahe Kloster des heiligen Sabas zurück. Der Abt stellte ihn unter die Leitung eines älteren, seelenerfahrenen Mönches. Dieser schärfte dem Novizen als Grundbedingung des geistlichen Lebens vor allem die Abtötung der äußeren Sinne, insbesondere das Stillschweigen, ferner den Verzicht auf den Eigenwillen und die Übung der Armut im Geist ein. Um die beiden Grundpfeiler, auf welchen letztere beruhen, d.i. seinen Gehorsam und seine Demut zu prüfen, schickte ihn der Seelenleiter einmal nach Damaskus, um geflochtene Körbe zu verkaufen, und setzte noch dazu deren Preis so ungewöhnlich hoch an, dass er ihm den Unwillen und Schimpf der Einkäufer eintragen musste. Der demütige Mönch brachte willig das Opfer dieser Selbstverleugnung. Schweiß- und staubbedeckt schritt er mit den Körben auf dem Rücken unter dem Spott der Leute durch die Stadt, die so lang den Glanz seiner vornehmen Geburt, seiner hohen Stellung und seines wissenschaftlichen Rufes bewundert hatte. In seiner großen Demut und Selbstverachtung hielt er sich auch des Priesteramtes nicht würdig. Erst nach langem Widerstreben vermochte ihn der Patriarch von Jerusalem zu bewegen, sich die Priesterweihe geben zu lassen.

 

Nachdem seine Tugend, seine mönchische Entsagung so glänzende, ja heroische Proben bestanden hatten, durfte er mit Erlaubnis seiner Obern wiederum das fruchtbare Feld wissenschaftlicher und schriftstellerischer Tätigkeit bebauen, auf dem er sich so heimisch wusste. Die reifste Frucht und die berühmteste Schöpfung seines Geistes wurde nun unter seinen zahlreichen Werken die dreiteilige Schrift „Quelle der Erkenntnis“, worin er die geistigen Errungenschaften der christlichen Vorzeit, die Lehren der Konzilien und der bewährtesten griechischen Väter in einem gedrängten Gesamtbild zusammenschloss. Dieses Werk blieb durch mehr als ein Jahrtausend hindurch bis zum heutigen Tag das klassische Lehrbuch der Gottesgelehrsamkeit in der ganzen morgenländischen Kirche. Unsterblichen Ruhm erwarb er sich insbesondere auch als Dichter. Vor seinen religiösen Liedern mussten selbst die Gesänge des berühmten Liederdichters Romanus aus den gottesdienstlichen Büchern der griechischen Kirche weichen.

 

Der Heilige starb um das Jahr 749 und wurde nahe dem heiligen Sabas zu Grabe gebettet. Seine Verdienste bleiben nicht ohne Anerkennung von Seiten der dankbaren Nachwelt. Schon das 7. Allgemeine Konzil von Nikäa 787 ehrte sein Andenken und feierte ihn namentlich als den Hauptvorkämpfer der religiösen Bilderverehrung. Noch in jüngster Zeit aber würdigte Papst Leo XIII. seine wissenschaftlichen Verdienste um die ganze Kirche, indem er ihn im Jahr 1890 feierlich in die Zahl der Kirchenlehrer aufnahm.

 

Wissenschaft ohne Tugend bläht auf (1 Kor 8,1). Nur über dem Grund und im Bund tiefer, echter Tugend baut sie auf und wird zu einem überfließenden Strom des Segens zum Nutzen und zur Glaubensstärkung des einzelnen wie der Kirche.

 

Der heilige Johannes vor der Lateinischen Pforte

 

Von dem heiligen Apostel Johannes, dem Lieblingsjünger des Heilandes, sind zwei Feste verzeichnet, am 27. Dezember und am 6. Mai. Am 27. Dezember ist das Hauptfest, und als Nebenfest feiert heute die Kirche das Gedächtnis an das Martyrium des Heiligen, denn obwohl Johannes als einziger von den Aposteln eines natürlichen Todes starb, zählt er trotzdem, wie die Legende berichtet, zu den Martyrern.

 

Johannes hatte noch einen leiblichen Bruder unter den Aposteln, und es war dieser Bruder der heilige Jakobus der Ältere. Als eines Tages der liebe Heiland vor den Jüngern und dem Volk wieder einmal von dem Glanz und der Herrlichkeit seines kommenden Reiches viel und schön geredet hatte, trat die Mutter der beiden genannten Apostel vor Jesus hin und legte ihm die etwas aufdringliche Bitte vor, ihren Söhnen dereinst in seinem Reich einen hohen Platz zu seiner Rechten und zu seiner Linken zu verleihen. So sind nun einmal die Mütter, dass sie für die eigenen Kinder immer etwas Besonderes haben wollen, und es ist auch gut, dass sie so sind, denn aus vielen Kindern würde wohl gar nichts werden, wenn ihnen nicht eine liebende Mutter sorgend zur Seite stände.

 

Übrigens hat der liebe Heiland die Bitte jener Mutter nicht übel genommen, sondern herrlich erfüllt, denn Jakobus und Johannes thronen längst im Himmelreich zur Rechten und zur Linken des ewigen Königs, aber bis sie dorthin gelangten, mussten sie doch einen anderen Weg gehen, als es sich ihre Mutter träumte. Deshalb fragte der Heiland auch, anstatt der bittenden Mutter eine unmittelbare Antwort zu geben, die beiden Apostel: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?“ „Ja“, antworteten wie aus einem Mund frisch und keck Jakobus und Johannes, „ja, das können wir.“ Dabei ahnten sie noch nicht, dass mit dem Kelch das bittere Leiden des Herrn und ihr eigenes Martyrium gemeint war. „Gut“, schloss Jesus die Unterredung, „ihr werdet meinen Kelch trinken.“ Mit diesen Worten sagte der Meister den beiden Jüngern das Martyrium voraus.

 

Die Zukunft hat dann auch gezeigt, dass alles genau nach den Worten Jesu eintraf. Jakobus erlitt den Martertod, und Johannes wurde ebenfalls gemartert, aber er überstand die Marter und starb später eines natürlichen Todes.

 

Als nämlich unter dem finsteren und tückischen Kaiser Domitian die zweite römische Christenverfolgung ausbrach, wurde Johannes, der letzte noch lebende Jünger Jesu, in seiner Bischofsstadt Ephesus aufgegriffen und nach Rom verbracht. Weil er sich selbstredend weigerte, den Göttern zu opfern, ließ ihn der Kaiser zuerst geißeln und dann in einen Kessel voll kochenden Öls werfen. Johannes jedoch machte das Zeichen des Kreuzes über den Kessel und entkräftete damit Feuer und Glut, so dass ihm das siedende Öl nichts antat, vielmehr ging er verjüngt und gestärkt aus dem todbringenden Ölbad hervor. Da packte den abergläubischen Kaiser das Grauen, er schickte den Apostel auf die kleine Insel Patmos in die Verbannung, und als der Verfolger kurz hernach ermordet wurde, kehrte Johannes nach Ephesus zurück, wo er hochbetagt im Alter von über neunzig Jahren eines natürlichen Todes starb. Jene Stelle aber, an welcher der Lieblingsjünger das Martyrium erlitt, befand sich in Rom vor dem sogenannten Lateinischen Tor. Daher der Name des Festes Johannes vor der Lateinischen Pforte.

 

Zum Schluss der heutigen Legende soll noch eine kleine Anwendung gemacht werden. Wie nämlich der heilige Johannes verjüngt und gestärkt aus dem Kessel siedenden Öls hervorging, so ähnlich ergeht es dem Menschen bei der heiligen Beichte. Sicher kann einem unter Umständen die Beichte bitter vorkommen, wenn man aber mutig und ehrlich die Sünden bekannt hat, so fühlt man sich wieder frisch und froh.

 

7. Mai

 

Der heilige Stanislaus, Bischof und Martyrer von Krakau,

+ 8.5.1079 - Fest: 7. Mai

 

Da lebte im 11. Jahrhundert in Polen ein christliches Ehepaar, vornehm und brav, dessen größter Kummer darin bestand, dass ihnen ein Kindlein versagt blieb. Dreißig Jahre beteten sie scheinbar vergebens um die Erfüllung ihres Herzenswunsches, bis ihnen endlich in ihren alten Tagen noch wie später Sonnenschein ein Sohn geschenkt wurde, der in der Taufe den landesüblichen Namen Stanislaus erhielt.

 

Mit jungen Jahren wanderte Stanislaus nach Paris, um auf der dortigen weltberühmten Hochschule zu studieren. Als er später heimkehrte, hatten Vater und Mutter das Zeitliche gesegnet. Stanislaus empfing die heilige Priesterweihe und wirkte so eifrig und gut an den ihm anvertrauten Seelen, dass der Papst ihn trotz seines Sträubens zum Bischof von Krakau in Polen ernannte.

 

Das Christentum steckte damals in Polen noch in den Kinderschuhen. Unter christlicher Decke glomm und schwelte das Heidentum mächtig weiter. Ein unvorstellbarer Aberglaube herrschte im Volk, und die großen des Landes waren über die Maßen der Völlerei und Sittenlosigkeit ergeben. Bischof Stanislaus tat seine Pflicht und ging scharf gegen die geschilderten Missstände vor, und weil er ein Mann ohne Fehl und Makel war und überdies durch eine unbegrenzte Wohltätigkeit das Volk auf seine Seite zog, wäre es ihm mit der Zeit auch wohl geglückt, die Polen von innen her christlich zu machen, wenn ihm nicht in dem König Boleslaus ein übermächtiger Gegner erwachsen wäre.

 

Dieser König war, mit einem Wort gesagt, ein Schandkerl, und weil Bischof Stanislaus dem königlichen Lumpen die Wahrheit kühn ins Gesicht schleuderte, kann man sich den Rest schon denken.

 

Einst hatte nämlich der Bischof für seine Domkirche von einem Mann mit Namen Peter ein Grundstück gekauft und es in Gegenwart amtlicher Zeugen bar bezahlt. Die Sache war also in Ordnung. Als der Verkäufer drei Jahre später starb, hetzte König Boleslaus die Erben auf und drängte sie, gegen Bischof Stanislaus bei Gericht Klage wegen Erbschleicherei zu erheben. So kam es zur Verhandlung, und weil auch die Zeugen des stattgefundenen Verkaufs, durch Drohungen eingeschüchtert, schwiegen, verurteilte das ungerechte Gericht in Gegenwart des höhnisch lachenden Königs den Angeklagten zur Herausgabe des Grundstücks. „Gut“, sagte der Bischof Stanislaus, „gebt mir drei Tage Zeit, dann bringe ich euch einen Zeugen, gegen den keiner ankommt.“ So sprach der Verurteilte, und das Gericht gab dem Begehren unter spöttischen Worten statt.

 

Bischof Stanislaus benutzte die gewährte Frist zu inständigem Gebet, und am dritten Tag zog er in feierlicher Prozession mit Kreuz und Fahnen nach dem Friedhof, ließ die Gruft des verstorbenen Grundstücksbesitzers öffnen und befahl diesem im Namen Gottes mit lauter Stimme, von den Toten aufzustehen und mit ihm zu gehen, damit er der Wahrheit Zeugnis gebe, und siehe da, das Unglaubliche geschah, im Angesicht einer ungeheuren Menschenmenge entstieg der Verstorbene dem Grab und folgte dem Bischof vor Gericht, wo er dem ehrlosen König, den ungerechten Richtern und seinen eigenen Erben wegen ihrer Schlechtigkeit ernst ins Gewissen redete.

 

Darauf kehrte der Mann nach dem Friedhof zurück, und als sich Bischof Stanislaus unterwegs anerbot, ihm noch einige Jahre Lebenszeit von Gott zu erbitten, lehnte er entschieden ab, indem er sagte, lieber wolle er in das harte Fegfeuer, in dem er sich befinde, zurückkehren, als sich noch einmal der Gefahr aussetzen, durch eine mögliche schwere Sünde das ewige Glück zu verlieren, dessen er nach erfolgter Läuterung sicher sei. Mit diesen Worten stieg Peter wieder in die offene Gruft, empfahl seine Seele dem Fürbittgebet der anwesenden Gläubigen und entschlief zum zweitenmal im Frieden des Herrn.

 

Man kann sich denken, dass die Begebenheit bei allen, die zugegen waren, den tiefsten Eindruck hinterließ und dass manche Bösewichte in sich gingen und fortan ein besseres Leben führten. Nur König Boleslaus machte eine unrühmliche Ausnahme, denn von jener Zeit an hasste er den bischöflichen Gegner noch zehnmal mehr, und weil er keinen anderen fand, tötete er einige Zeit später mit eigener Hand seinen Widersacher sogar noch während der heiligen Messe am Altar der Michaelskirche zu Krakau. Wehe dem Menschen, dessen Wille in der Sünde verhärtet und verstockt ist!

 

Die selige Gisela, Königin von Ungarn und Äbtissin in Passau,

+ 7.5.1060 – Fest: 7. Mai

 

Den inständigen Bitten des Herzogs Heinrich II. nachgebend, hatte der heilige Wolfgang die Erziehung der herzoglichen Kinder übernommen. Im prophetischen Blick in die Zukunft der Zöglinge hatte er den jungen Heinrich stets den König, seinen Bruder Bruno aber den Bischof und ihre Schwester Gisela die Königin genannt. Kein Sterblicher konnte dazumal noch ahnen, dass die Kinder eines Vaters, der nach mehrmaliger Rebellion fast nur aus Gnaden des Kaisers Herzog war, zu einer so hohen Stufe auf Erden sich erschwingen würden. Allein eine weit höhere Stufe haben sie mit der Gnade des Herrn erstiegen im Angesicht der Kirche Gottes. Den Kaiser Heinrich verehrt die Kirche als einen heiligen Fürsprecher bei Gott. Die fromme Königin Gisela verehrt sie als eine „Heilige“ oder als eine „Selige“, und in beiden erkennt sie Vorbilder eines heiligen Lebens in treuer Nachfolge des Heilandes.

 

Heinrich der Heilige und seine Schwester Gisela haben indessen noch eine ausgezeichnete Bedeutung in der Geschichte Ungarns. Ihnen dankt dieses Land die Anfänge der christlichen Kultur und die Feststellung einer höheren, auf den Wahrheiten des Glaubens begründeten Ordnung. Denn bis auf diese Zeit hin hatte dieses Magyarenvolk fast alle Einflüsse des Christentums von sich abgewehrt und sich in seiner ursprünglichen Wildheit erhalten.

 

Bis zum Jahr 955 hielt sich dieses Volk, das früher in Scythien seine Heimat gehabt, dann westwärts vorgedrungen war und die Hunnen aus ihren Sitzen verdrängt hatte, für unüberwindlich. In Augsburg hatte man ihm eine derbe Lektion bezüglich seiner Besiegbarkeit gelesen, und von da an war es etwas zahmer geworden. Was man an dem rohen Raubvolk respektieren musste, das war sein geordnetes Familienleben, sein Abscheu vor der Vielweiberei, seine gesetzlich geordnete Erbfolge.

 

Nach der demütigenden Zurechtweisung, die sie in Augsburg erhalten hatten, waren sie etwas empfänglicher für das Christentum geworden. Den Bemühungen des Bischofs Adalbert von Prag, der im Jahr 997 als Missionar unter den Preußen, Litauern und Ruthenen den Martertod erlitt, und des heiligen Piligrin von Passau gelang es, eine größere Zahl dieses Volkes zum Glauben zu bekehren. Der Herzog Geisa wurde für das Christentum gewonnen und ließ sich taufen. Allein er war kein entschiedener Christ und nahm es mit der Religion nicht sehr ernst. An heidnischen Opfern fand er noch immer Gefallen und beteiligte sich an ihnen, wie am christlichen Gottesdienst. Als ihm der heilige Bischof Adalbert darüber Vorwürfe machte, erklärte er ihm: Ich bin reich genug für beide Religionen.

 

Die Magyaren wollten ein besonderes Christentum, wollten ausgezeichnet sein vor den Slaven, die sie unterjocht hatten, und verabscheuten eine Abhängigkeit, ja selbst eine Gleichstellung mit den Deutschen. Wäre der Herzog auch weit entschiedener für das Christentum gewesen, als er nicht war, so hätte er dies wohl nicht offenbaren dürfen. Das Nomadenvolk war noch nicht empfänglich für die Segnungen der Religion des Heils. Erst als unter Geisas Regierung die Raubzüge allmählich aufhörten, und ein Teil der Bevölkerung zu den Arbeiten des Friedens, zur Bebauung des Landes sich bequemte, war der religiösen Erhebung des Volkes der Weg gebahnt.

 

Allein neben dieser natürlichen Vorbereitung für die Aufnahme des Christentums finden wir auch eine unmittelbar von Gott geleitete, höhere Vorbereitung. Der Sohn des mächtigen und reichen Herzogs Geisa, der spätere König Stephan der Heilige, hatte von Kindheit an sein Herz der christlichen Religion zugewendet und hatte sie gründlich kennen und ernstlich üben gelernt. Ein großes Verdienst an der christlichen Erziehung des Prinzen hatte ein Graf aus Apulien, namens Deodat, der Taufpatenstelle vertrat, als der heilige Bischof Adalbert dem Stephan die Taufe erteilte, und dann in der Folge seine Erziehung leitete.

 

Als Geisa schon im Jahr 993 den vom heiligen Glauben erleuchteten und mit christlichem Mut begeisterten Sohn zum Mitregenten erklärte, gewann das Christentum allmählich große Fortschritte im Land. Deodat gründete das Kloster Tota und erbaute, von Stephan unterstützt, viele Kirchen, an denen Seelsorger und Verkünder des Glaubens angestellt wurden.

 

Der fromme Mitregent trat alsbald in ein inniges Verhältnis mit dem Bayernherzog, Heinrich dem Heiligen. Dieser erkannte die Christianisierung Ungarns als das sicherste Mittel, sein Land vor den heillosen Raubzügen von Osten her zu verwahren, und bot alles auf, an diesem großen Werk Mitarbeiter zu sein. Er verhieß dem jungen Mitregenten seine Schwester Gisela als Gattin, vermittelte die Erhebung Ungarns zu einem selbstständigen Königreich und zu einer von Deutschland unabhängigen Kirchenprovinz.

 

Wir haben im Leben des heiligen Piligrin gesehen, wie unter diesem Bischof Passaus das alte Erzbistum Lorch wiederhergestellt, und wie ihm ganz Ungarn untergeben wurde. Jetzt wurde Passau wieder dem Erzbistum Salzburg untergeordnet, Lorch als Erzbistum aufgehoben, und für Ungarn ein eigenes Erzbistum in Gran errichtet. Dadurch wurde die Furcht vor einer Abhängigkeit von den Deutschen, dieser Hemmschuh für die Ausbreitung des Christentums in Ungarn, entfernt und dem Nationalgefühl der Ungarn auf erlaubte Weise geschmeichelt.

 

Indessen erhielt Stephan wirklich die Gisela zur Ehe. Es geschah dies im Jahr 994 oder 995. Die fromme Gattin kam aber nicht allein aus Bayern. In ihrem Gefolge waren die tapferen alemannischen Grafen Wolger und Hedrik mit dreihundert schwerbewaffneten Bayern, der edle Hermann von Nürnberg und mehrere andere Deutsche, die Lehengüter im Land erhielten. Schon unter Geisa hatten sich die Grafen Hunt und Pazman aus Schwaben und der edle Alemanne Wencelin von Wasserburg am Bodensee in Ungarn angesiedelt. So wurde in Ungarn von Bayern aus das Christentum ausgebreitet, und eine kirchliche Ordnung im Land begründet.

 

Nach dem Tod seines Vaters Geisa (997) nahm Stephan die Zügel der Alleinherrschaft in die Hand. Vor allem wollte er Frieden mit seinen Nachbarn. Darum wurden alle Fehden beendigt, damit er all seine Kraft auf Bekämpfung des Heidentums im Land verwenden konnte. Hier gab es noch viele Reste des alten Heidentums. Die Elemente wurden in abgöttischer Weise verehrt. Zeichendeuter und Zauberer trieben ihr Unwesen. Alte Frauen weissagten und gewannen durch ihre schwarzen Künste das Vertrauen der Unwissenden. Bei Freuden- und Totenopfern wurde geschwelgt, und den Pferden, zumal den weißen, wurde abergläubische Verehrung erwiesen.

 

Die rohen Heiden sammelten sich um einen Mächtigen des Reiches, der Zegzard hieß. Ihre Menge war der Streitkraft Stephans massenhaft überlegen. Der christliche Herzog rüstete sich durch Gebet und Fasten zum Kampf. Es kam zu einer blutigen Schlacht. Die himmlischen Heerscharen stritten für den Heiligen. Die fromme Gisela erflehte im Gebet den Sieg. Die Rebellen wurden geschlagen. Stephan gab Gott die Ehre und schrieb der Fürbitte des heiligen Martin von Tours den Sieg zu. Zum Dank für den erhaltenen Sieg gründete er auf der Stelle, wo die Schlacht geschlagen wurde, ein Kloster zu Ehren des heiligen Martinus, der selbst aus diesem Land stammte. Gisela aber beschenkte das Kloster mit den kostbarsten Ornaten und wurde Mitstifterin dieser gottgeweihten Pflanzstätte des Christentums.

 

Jetzt hatte das Heidentum in Ungarn seinen Todesstoß erhalten. Der Friede war hergestellt. Die Überwundenen fügten sich der höheren Macht. Von den Missionaren wurde mit Segen gearbeitet. Nun wurde der Abt des neuerrichteten Klosters aus dem St. Martinskloster nach Rom gesendet, dass er dem Oberhaupt der Kirche von den Fortschritten des Christentums unter den Magyaren Nachricht gebe und die kirchlichen Angelegenheiten ordne.

 

Dieser Abt, Astricus mit Namen, erwarb neben der Bestätigung der neugegründeten Bistümer, seinem Herzog auch den Titel und die Krone eines Königs von Ungarn, der fortan den Herrschern des Landes vom Papst Sylvester II. gegeben wurde. Am 15. August des Jahres 1000 wohnte Stephan mit seiner Gemahlin Gisela dem hochfeierlichen Gottesdienst in der Metropole Gran bei. Bei dieser Feierlichkeit wurde er als König von Ungarn und Gisela als Königin gekrönt, und die seligste Jungfrau und Gottesmutter Maria wurde als die Patronin des neuen Königreiches erklärt.

 

Um diese Zeit kam der uns bekannte heilige Einsiedler Günther an den Hof des heiligen Stephan. Das fromme Beispiel und der heilige Ernst des treuen Dieners Gottes machten einen guten Eindruck auf den König. Wo dieser in wichtigen Angelegenheiten eines Rates bedurfte, rief er den gotterleuchteten Einsiedler aus Bayern zu sich. Auf den Rat Günthers erbaute der König das Kloster Bakony-Beel, erteilte ihm volle Freiheit von allen Abgaben und besetzte es mit Jüngern des gottseligen Günther. Das bisher ganz verwilderte Land trug bald die herrlichsten Früchte.

 

An dieser Umgestaltung des Landes hatte die fromme Königin Gisela einen großen Teil. Sie hatte es vom Anfang an als ihre Aufgabe erkannt, ihr ganzes Haus wie sich selber dem Herrn zu heiligen, damit der Name des Herrn erkannt und verherrlicht werde, wo man die Früchte des wahren Glaubens an ihr mit Augen sah. Ihre größte Freude war, Kirchen und Klöster zu gründen und die Wohnstätten des Herrn und seiner Diener mit der notwendigen Zierde auszustatten. Für das Heiligtum des Herrn webten und stickten ihre fleißigen Hände. Was sie nur immer sich selber absparen konnte, verwendete sie, wenn nicht die Not der Armen es in Anspruch nahm, auf die Ausstattung der Gotteshäuser. Von ihrem eigenen Vermögen hatte sie den Bau der prachtvollen Kathedrale zu Weszprim ausführen lassen. Dies war ihr Lieblingswerk. Obwohl gegen alle Kirchen des Landes freigebig, kannte doch ihre Freigebigkeit dieser Kirche gegenüber keine Grenzen. Sie bedurfte es auch am meisten.

 

Bei dieser Sorgfalt für das Haus des Herrn vergaß sie durchaus nicht, was sie ihrem eigenen Haus schuldig war. Mit himmlischer Weisheit leitete sie die Erziehung ihrer Kinder. Mit göttlicher Geduld ertrug sie es, als sie all ihrer Kinder bis auf den einzigen Sohn Emmerich beraubt wurde, und mit heldenmütiger Aufopferung verpflegte sie ihren Gemahl in seiner dreijährigen, schweren Krankheit. Ihre größte Sorgfalt wendete sie nun der Erziehung ihres geliebten Sohnes zu. Der Erfolg zeigte, wie segensreich ihre Bemühung gewesen war. Der Sohn der gottseligen Gisela, Emmerich, bewahrte das Gewand der Unschuld und errang schon als Jüngling eine hohe Stufe christlicher Vollkommenheit. In der Ehe bewahrte er die Jungfräulichkeit, und nach einer kurzen Pilgerfahrt wurde er aufgenommen in die himmlische Heimat. Die Kirche verehrt ihn als einen Heiligen. Er hatte mit seinem Vater die Abtei Altofen gestiftet und zu ihrem Bau griechische Steinmetze und Künstler berufen. Dieser Stiftung ihres heiligen Sohnes wendete die fromme Gisela nach dessen frühzeitigem Tod ganz besondere Aufmerksamkeit zu. Sie versah sie mit den prachtvollsten Ornaten, von denen viele die Arbeit ihrer eigenen Hände waren.

 

Mit mannhafter Seelengröße und mit kindlicher Ergebung hielt die fromme Königin den härtesten Schlag aus, der sie treffen konnte, den Tod ihres königlichen Gemahls. Am Fest der Aufnahme der seligsten Jungfrau 1038 bestand der treue Kämpfer für die Ehre seines Herrn den letzten Kampf. Langsam hatte die Krankheit seine Kraft aufgerieben. Geistig gestärkt durch die heiligen Sterbesakramente gab er, umgeben von den Prälaten Ungarns, seinen Geist auf. Die Hände zum Himmel erhoben, übergab er sich und sein Reich in die Hände des höchsten Königs durch die Hände der glorreichen Königin des Himmels.

 

Nach dem Tod Stephans des Heiligen kamen über die Kirche Ungarns und über die königliche Witwe schwere Heimsuchungen. Der Nachfolger Stephans, König Peter, konnte sich nicht lange auf dem Thron erhalten. Die übermütigen, noch heidnisch gesinnten Großen des Reichs erregten einen Aufstand gegen ihn. Er rettete sich durch die Flucht. Alle seine Räte und Diener wurden wie Schlachtvieh niedergehauen. Jetzt ergriff auch die fromme Königin die Flucht. Der glaubenstreue Erzbischof von Gran begleitete sie. Verstoßen von dem Land, dem sie nur Wohltaten erwiesen hat, das durch sie in religiöser und bürgerlicher Hinsicht so sehr gehoben war, begab sie sich wieder in ihr Heimatland, nach Bayern, im Jahr 1042.

 

Das Kloster Niedernburg in Passau, das schon im 8. Jahrhundert gegründet und im Jahr 1010 von ihrem Bruder, Heinrich dem Heiligen restauriert worden war, wurde ihr Zufluchtsort. Hier lebte sie als arme Klosterfrau, denn die undankbaren Ungarn hatten sie all ihrer Güter und Besitzungen beraubt. Sie fühlte sich glücklich in ihrer Armut und unterzog sich freudig den niedrigsten Arbeiten und allen religiösen Übungen im Kloster. Dann wurde sie als Äbtissin des Klosters erwählt, und versah dieses Amt bis zu ihrem seligen Hinscheiden am 7. Mai 1070 in einem Alter von neunzig Jahren.

 

Als die Ungarn später wieder zur Besinnung gekommen waren, sahen sie ein, wie viel sie der gottseligen Gisela zu danken hatten. Sie wallfahrteten in ganzen Scharen zum Grab der seligen Königin. Dieses Grab ist im Kloster Niedernburg, das jetzt die Englischen Fräulein bewohnen, neben dem ihrer Muhme Helika, der ersten Äbtissin dieses Klosters nach seiner Restauration durch Kaiser Heinrich II. Eine öffentliche Verehrung durch einen kirchlichen Ausspruch ist ihr noch nicht zuerkannt. Desungeachtet wird sie von den Schriftstellern die „selige“ oder die „heilige“ Gisela genannt.

 

8. Mai

 

Erscheinung des heiligen Erzengels Michael

 

Dieses heutige Fest wurde von der Kirche angeordnet und eingesetzt zur Erinnerung an eine wunderbare Erscheinung des heiligen Michael um das Jahr 495 auf dem Berg Gargano in Süditalien. Seit jener Zeit nahm die Verehrung des heiligen Michael einen mächtigen Aufschwung, eine Verehrung, die bis heute fortdauert und auch zu Recht fortdauert, denn Sankt Michael nimmt unter den himmlischen Geistern eine hervorragende Stellung ein.

 

Gleich zu Beginn der Schöpfung wird der Name dieses Fürsten unter den Engeln rühmend genannt, denn Michael war es, der an der Spitze der guten Engel den Kampf gegen Luzifer und seinen Anhang siegreich bestand.

 

Später wurde Sankt Michael der Schutzherr des Auserwählten Volkes im Alten Bund, den die Heilige Schrift den großen Fürsten nennt, der für die Söhne seines Volkes einsteht. In gleicher Weise gilt Michael im Neuen Bund als der Schutzgeist der Kirche Christi. Im Schuldbekenntnis wurde früher bei jeder heiligen Messe sein Name zweimal genannt, und wenn im feierlichen Hochamt der Priester bei der Opferung Weihrauch in das Rauchfass einlegte, so rief er dabei den heiligen Michael an und betete, wie man in den gleichbleibenden Teilen der heiligen Messe nachlesen konnte: „Auf die Fürsprache des heiligen Erzengels Michael, der zur Rechten des Rauchopferaltares steht, und all seiner Auserwählten möge der Herr diesen Weihrauch segnen und als lieblichen Wohlgeruch annehmen.“

 

Bei der Totenmesse hieß es im Opferungslied: „Herr Jesus Christus, König der Herrlichkeit, bewahre die Seelen aller verstorbenen Gläubigen vor den Qualen der Hölle und vor den Tiefen der Unterwelt, bewahre sie vor dem Rachen des Löwen, dass sie nicht hinabstürzen in die Finsternis. Vielmehr geleite sie Sankt Michael, der Bannerträger, in dein heiliges Licht.“

 

Der heilige Erzengel Michael ist demnach auch der Patron der Sterbenden und der abgeschiedenen Seelen, die er an dem höllischen Drachen vorbei in das Licht des Himmels einführt. Aus diesem Grund sind ihm mancherorts die Friedhofskapellen geweiht. Nicht ohne Interesse ist ferner die Tatsache, dass sich in vielen mittelalterlichen Kirchen ein Michaelsaltar findet, der seinen Platz stets auf der Westseite hat. Man hatte nämlich die Vorstellung, dass sich im Westen, von wo aus mit dem Untergang der Sonne die Finsternis einsetzt, auch das Reich des Fürsten der Finsternis ausdehne, gegen den der Lichtfürst Michael Welt und Menschen schützen sollte.

 

Ganz besonders aber hat es Sankt Michael von jeher den Deutschen angetan. Früh schon wurde er der Schirmherr des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Mit seinem Bild war das Reichsbanner geziert, und mit einem kraftvollen Michaelslied auf den Lippen zogen ehedem die deutschen Heere in die Schlacht:

 

Unüberwindlich starker Held, Sankt Michael!

Komm uns zu Hilf, zieh mit zu Feld!

Hilf uns hie kämpfen, die Feinde dämpfen,

Sankt Michael!

 

Bei der allgemeinen Beliebtheit, der sich der heilige Michael erfreut, ist es nicht verwunderlich, dass ihn ebenso manche Berufsstände zum Schutzpatron erwählten wie die Soldaten und Ritter und die Kaufleute und Apotheker, ferner schützt sein Schild vor Blitz und Ungewitter. Auch die Geisteskämpfer, die katholischen Zeitungsleute, sehen in Sankt Michael den mächtigen Schirmer.

 

So nimmt der heilige Erzengel Michael in der Verehrung des katholischen Volkes eine hervorragende Stellung ein. Seine helle Lichtgestalt soll am heutigen Tag allen Katholiken eine eindringliche Mahnung sein, gegen alles Finstere, Gemeine und Niedrige mutig zu kämpfen und stets und überall für alles Lichte, Hohe und Heilige einzutreten.

 

Die gottselige Klara Fey, Stifterin der Genossenschaft vom Armen Kinde Jesu,

+ 8.5.1894 – Gedenktag: 8. Mai

 

Nicht immer ist man so glücklich, die Seele unserer auserwählten Diener Gottes genau betrachten zu können. Nur selten lässt sich das Geheimnis des Herzens eines Heiligenlebens vom ersten Aufkeimen bis zur Blüte und reifen Frucht aufdecken und verfolgen, wenn nicht etwa vertraute Zeitgenossen oder eigene, das innere Leben erschließende Schriften ein sicheres Urteil erlauben. Das Leben und Werden der gottseligen Mutter Klara Fey können wir nun aus ihren eigenen Äußerungen wie aus ihrer praktischen Wirksamkeit bis ins Innerste verfolgen. Da zeigt sich als geheimnisvolle Anziehungskraft, als Mittelpunkt ihres ganzen Denkens und Lebens, als die Wurzel, aus der alle ausgezeichneten Tugenden emporsprossten, als die Quelle ihres gottgeeinten, heiligen Wandels eine „Übung“, eine einzige Übung, die sie fast sechzig Jahre fortsetzte und zu immer reicherem Erfolg entwickelte: Die Übung des Lebens in der Gegenwart Gottes, und zwar des sakramentalen Gottes unserer Altäre.

 

Klara Fey, geboren am 11. April 1815 in Aachen, war das Kind einer angesehenen, begüterten und braven Familie. Schon mit fünf Jahren verlor sie den Vater; die Mutter Katharina leitete ihr Erziehung in echt christlichem Geist. Einfluss auf ihre Entwicklung übte in jener Zeit auch die Dichterin und Konvertitin Luise Hensel, die als Lehrerin an der Realschule wirkte, die Klara besuchte. Nach Abschluss ihrer Ausbildung führte die hochgesinnte Jungfrau im häuslichen Kreis ein ihrer Geistesrichtung entsprechendes, zurückgezogenes, wohlgeordnetes, mit nützlicher Tätigkeit ausgefülltes Leben, dem echte Frömmigkeit und christliche Nächstenliebe den Stempel aufdrückten. Eifrige Lektüre, nicht von Romanen, sondern der Heiligen Schrift, der Leben und Lehren der Heiligen und anderer geistlicher Bücher förderten die innere Weiterentwicklung. Die Kunstfertigkeit in feinen Handarbeiten übte sie an Paramenten für die Pfarrkirche. Eine zarte Gewissenhaftigkeit zeichnete sie aus, besonders im Reden über den Nächsten. „Ach, lasst uns doch nicht sündigen,“ mit diesen Worten machte sie Gesprächen gegen die Liebe ein Ende. Oftmaliger Kommunionempfang brachte stärkende Nahrung für das Seelenleben und führte die heilsbegierige Jüngerin des Heilandes in ihrem Sinnen und Lieben immer näher zum eucharistischen Zelt. Der Besuch und die Unterstützung von Kranken und Armen war ihr eine liebe Beschäftigung, eine Gott schuldige und aus Liebe zu Gott zu verrichtende Berufsaufgabe. Und wirklich sollte die Liebestätigkeit für den Nächsten, und zwar in der bestimmten Richtung der Sorge für die Jugend, ihr künftiger Beruf werden. Bald zeigte es sich, wie die Vorsehung sie dazu führte.

 

Unter den Arbeiterkindern der aufblühenden Industriestadt Aachen herrschte eine traurige Verwahrlosung. Klaras Bruder Andreas, der Kaplan in der Pfarrei St. Paul in Aachen war – ein zweiter Bruder hatte sich dem Redemptoristenorden zugewendet -, machte seine Schwester und ihre Freundinnen, die sich ihren Liebeswerken angeschlossen hatten, auf diesen Missstand aufmerksam. Noch am gleichen Sonntagabend wurde von den jugendlich begeisterten Fräuleins beschlossen, eine Schule für arme Kinder zu gründen. Der Entschluss wurde auch wirklich am 3. Februar 1837 ausgeführt. Klara Fey war damals 22 Jahre alt. In dem Kreis der „heiligen Fräulein“, wie sie von den Aachenern genannt wurden, ragten Anna von Lommessem, später Ordensfrau vom Heiligen Herzen, und die nachmaligen Ordensstifterinnen Pauline von Mallinckrodt und Franziska Schervier hervor. Über diese so ausgezeichneten Gefährtinnen wie über die Herzen der Kinder besaß Klara Fey, obwohl zart und kränklich, durch ihre Ruhe, Klugheit und Sanftmut einen tiefen, nachhaltigen Einfluss. Wie es in solchen Fällen, bei einem von jungen, frommen Mädchen unternommenen Werk begreiflicherweise geschieht, war das Urteil der Welt zunächst nicht gerade günstig. Indessen war Kopf und Herz dieser Wackeren von etwas anderem eingenommen als von einem „Spiel, das sich von selbst aufhören würde“, noch weniger waren sie „verrückt“, wie die ganz Liebenswürdigen meinten. Sie hörten nicht auf. Das Unternehmen entwickelte sich segensreich und führte ganz unmerklich zur Gründung einer neuen religiösen Genossenschaft. Wie so oft in der Geschichte der Orden zeigt sich auch hier die sanfte, sichere Führung des Geistes Gottes, der das Kleine und Verborgene erwählt und in stiller Entwicklung Großes daraus erwachsen lässt.

 

Am 1. Februar 1844 verließ Klara Fey das Elternhaus und begann mit drei Freundinnen ein gemeinsames Leben. Ohne Wahl war sie die anerkannte Oberin; denn schon seither ging jede mit dem, was sie drückte, zu ihr, um sich beraten zu lassen. Das Leben war ein klösterliches; die Gelübde wurden in privater Form abgelegt. Nach persönlicher Vorstellung in Berlin und Audienz bei der Königin erfolgte unter Überwindung mancherlei Schwierigkeiten im Dezember 1845 die staatliche Anerkennung der Genossenschaft und bald hernach die kirchliche Gutheißung. Die vorläufige Bestätigung der Genossenschaft durch Rom wurde erst nach eingehender, langer Arbeit an den Statuten 1862 und die endgültige durch Dekret von Papst Pius IX. vom 12. Mai 1869 erteilt, während die letzte entscheidende Bestätigung der Regel erst 1888 erfolgte. Dem Namen des „Armen Kindes Jesu“ entsprechend, war der erste Zweck der Genossenschaft „arme, verlassene und verwahrloste Kinder aufzunehmen“. Aber ohne dass man es wollte, ja gegen den anfänglichen Willen der Stifterin, drängten die Verhältnisse auch zur Übernahme der höheren Mädchenbildung. Immer reicher und vielseitiger gestaltete sich die äußere Tätigkeit. Da finden wir in den verschiedenen Niederlassungen, deren es jetzt (1928) 38 mit über 600 Schwestern sind: Erziehungsanstalten für Waisenkinder, Armenschulen, Krippen, Kindergärten, Mädchen- und Knabenhorte, Paramentenstickereien, Handarbeitsschulen, Handelskurse, Lyzeen, Frauenschulen, eine Studienanstalt, Heime für kaufmännische Gehilfinnen und Beamtinnen, Weiterbildung schulentlassener Mädchen der arbeitenden Stände zu Dienstmädchen und Hausfrauen. All diese vielfache Tätigkeit ist geeint im Geist des armen Kindes Jesus, der alles durchdringt und belebt. „Zu Jesus führen“ ist Leitgedanke.

 

Das meiste des Entstandenen, das gottgesegnete, rasche Aufblühen der Genossenschaft, die Bestätigung der Regel sah Mutter Klara selber noch werden. Als Gründerin und ständige Generaloberin während 44 Jahren hatte sie mit der Leitung des ausgedehnten, schließlich sich über Deutschland, Österreich, Holland, Belgien, England und Frankreich sich erstreckenden Kongregation eine ganz außerordentliche Aufgabe zu lösen. Nur einer außerordentlichen Persönlichkeit, wie Klara Fey es war, konnte dies gelingen. Dabei gab ihr Gott freilich auch hervorragende Mithelfer zur Seite, ihren Bruder, Direktor Andreas Fey, ihren Seelenführer, den erleuchteten und frommen Pastor Wilhelm Sartorius, und den Bischof Johann Theodor Laurent, apostolischen Vikar von Luxemburg, zuletzt Direktor des Mutterhauses. Mutter Klara war aber die Seele des Ganzen, eine ausgezeichnete Verwalterin und Vorsteherin mit wahrhaftiger „Mutterliebe“ wie nicht minder eine tieffromme, strenge, demütige, von allem losgeschälte und doch alle führende und begeisternde Ordensfrau. „Ihre hohe, kräftige Gestalt, ihr schönes, so ausdrucksvolles Antlitz mit kräftig hervortretenden Züge regte zur Ehrfurcht an und imponierte jedem. Auf wen die Mutter ihr klares, unendlich seelenvolles Auge richtete, dem ging das Herz auf. Welche Milde, welche Güte bei so wahrer Seelengröße!“ Ihren Geist, „den Geist der Freude und des Friedens, den Geist der Barmherzigkeit mit anderen und der Gewissenhaftigkeit mit sich selbst, den Geist christlicher Einfachheit, verbunden mit heiligem Eifer für alles Gute“, diesen Geist, dieses Beispiel drückte sie ihren geistlichen Töchtern auf, die in kindlicher Ergebenheit und beispielloser Liebe an ihr hingen.

 

Mitten im Aufstieg drohte der Sturm des unseligen Kulturkampfes die Wirksamkeit und den Bestand des Ganzen, so viel Segen verbreitenden Werkes zu vernichten. So weit ging die Verblendung der Feinde der katholischen Kirche, dass sie nicht einmal gottgeweihte Jungfrauen ihre Dienste der Liebe den armen Kindern des Volkes mehr zuwenden ließen! Undankbares Vaterland! Wird Gott ein solches Verbrechen an armen Kindern ungesühnt lassen? In unserer Zeit erkennen wir Gottes strafende Hand. Mutter Klara aber zeigte damals ihren ganzen aufrechten Glaubensmut, unwandelbare Ruhe ohne Klagen und eine kluge Voraussicht. Sie richtete ihre Blicke nach dem Ausland, um dort ihren Schwestern neue Wirkungsstätten zu eröffnen. In Simpelveld im Holländischen, an der Landesgrenze nahe bei Aachen, erstand in den Jahren 1876 bis 1878 ein neues, schönes, geräumiges Mutterhaus, das an Berühmtheit das Aachener aufgelöste noch weit übertreffen sollte. Auch nach erfolgter Neubegründung der Tochterhäuser im Rheinland von 1887 an blieben die Schwestern vom Armen Kinde Jesu ihrer neuen Heimat und dem so herrlich gediehenen Mutterhaus bei Simpelveld treu. Hier fand auch die starke Frau und doppelte Begründerin ihrer Genossenschaft ihre letzte Ruhestätte.

 

Woher nahm dieses fruchtbare Leben der gottseligen Jungfrau seine Kraft und Ausdauer, was gab ihm sein ganz eigenes Gepräge, seine Heiligkeit?

 

Schon im 20. Lebensjahr wurde Klara Fey durch Redemptoristen und Karmelitessen auf die heilige Theresia aufmerksam gemacht. Von dieser großen Lehrerin des inneren Lebens lernte sie die fortwährende Vereinigung mit Gott kennen. Ihr Seelenführer Sartorius führte sie dann immer mehr in die Lehre des heiligen Franz von Sales von der Sammlung in Gott ein, wozu ihm ja auch die heilige Theresia die Anregung gegeben hatte. Die gottselige Mutter Klara aber gab dieser Sammlung, dem Wandel in Gott, noch die besondere Richtung auf das heiligste Sakrament des Altares. Gott ist überall, am nächsten aber ist er der Seele des Menschen, die er erschaffen, deren Leben und Dasein er ist, in der er wohnt. Diese Gegenwart Gottes muss die Seele mit Freude und Wonne erfüllen. Im Andenken an ihn muss der ganze Wandel rein und vollkommen werden, heilig die Gedanken, vorsichtig die Worte, vollendet die Werke. Wie aber gelangt man zu dieser Vereinigung mit Gott? Du musst, sagt die Lehrmeisterin der Übung selbst, allmählich diese selige Gewohnheit zu erringen streben. Du musst jeden Morgen diese Übung dir vorsetzen und mittags und abends dich fragen, ob wohl eine halbe Stunde vergangen ist, wo du nicht an deinen Herrn gedacht hast, der mit dir ist, und musst ihn um Verzeihung bitten, wenn du ihn lange allein gelassen hast. Wenn du den Herrn recht liebst, wirst du auch treu und beständig an ihn denken. Die Übung soll ohne Zwang und Unruhe geschehen. Sie ist eine Gnade des Heiligen Geistes, der ein ruhiges, sanftes, demütiges Herz begehrt, um es mit ihr zu erfüllen.

 

Der Gott, vor dessen Angesicht wir im Glauben wandeln, ist aber der „Gott mit uns“, Emmanuel, der Gott des Altares. „Der Kern und Mittelpunkt ist Jesus im allerheiligsten Sakrament.“ Er hat gesagt: „Wer mein Fleisch ist und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm.“ Durch die heilige Kommunion will der Herr nicht vorübergehend in uns wohnen; sein Aufenthalt ist ein beständiger. Er begleitet uns den ganzen Tag mit seiner Gnade und ist am Abend noch da, um uns in der Nacht zu beschützen. Darum sollen wir uns bemühen, so zu beten und zu arbeiten, als ob wir eben erst den Herrn empfangen hätten. So wird alles vollkommen. „Es lebe Jesus in unseren Herzen, aber stets, aber so, wie er durch sein Sakrament in uns einkehrte: ich bitte ihn darum um seines Namens willen und dass wir bei ihm bleiben und in und mit und von ihm leben.“ Darum andächtige wirkliche Kommunion, oftmalige Sehnsucht danach, häufige geistliche Kommunion! Das war die „Übung“ der Mutter Klara. Oft, wenn sie in ungezwungener Weise und aufs anziehendste sich mit den Schwestern unterhielt, konnte man, etwa alle Viertelstunden, sehen, wie sie, ihr selbst unbewusst, - sonst hätte sie es ängstlich verborgen – eine kleine Wendung des Hauptes machte, wie ihr Blick leuchtender wurde und einen ganz innigen, sprechenden Ausdruck annahm. So galt von ihr, was sie einmal von der heiligen Katharina von Siena sagt: „Der Herr hat ihr ins Ohr gesagt: „Denke du an mich, und ich denke an dich.“ Sie hat dieses Wort verstanden und hat ihren Bräutigam festgehalten mit allen Affekten ihres liebenden Herzens. Und, wie hat sie Frucht getragen durch den Allmächtigen, auf den sie sich stützte! Das war die schwache Jungfrau, die im Innersten ihres Herzens nichts kannte als Christus, unsern Herrn, die nur an ihn dachte und von ihm sich leiten ließ.“

 

Das war auch Klara Fey, die geistliche Mutter und Leiterin Tausender von Seelen, ein Abbild ihrer Patronin, der heiligen Klara mit der Monstranz. Durch die Vereinigung mit dem Gott ihres Herzens und dem Gott der Altäre ist sie geworden, was der Diözesanbischof Roermond nach ihrem Tod am 8. Mai 1894 von ihr bezeugte: „Sie war ein lebendiges Beispiel eines starken Glaubens, einer seltenen Frömmigkeit, eines echt christlichen Sinnes, kurz aller christlichen und klösterlichen Tugenden.“

 

Der Seligsprechungsprozess wurde 1916 Eingeleitet.

 

Versuche diese „Übung“ der Sammlung und Vergegenwärtigung Gottes! Es geht trotz aller äußeren Beschäftigung. Mache die Übung ruhig, allmählich, ohne Gewalt, aber beharrlich. „Das eine Auge muss beschäftigt sein im Dienst des Nächsten, das andere muss unverwandt auf den Bräutigam gerichtet sein.“

 

9. Mai

 

Der heilige Gregor von Nazianz,

Erzbischof und Kirchenlehrer von Konstantinopel,

+ 9.5.391 ? - Fest: 9. Mai

 

Am 27. Mai des Jahres 380 machten die Einwohner der märchenschönen Stadt Konstantinopel – was stets das Zeichen einer gewaltigen Enttäuschung ist – große Augen und lange Gesichter.

 

Zu Tausenden säumten die Leute die Straßen und füllten dichtgedrängt die Gehsteige. Alles, was Beine hatte, war herbeigeströmt, denn niemand wollte sich das prachtvolle Schauspiel entgehen lassen, wie der neue Erzbischof Gregor seinen feierlichen Einzug in die oströmische Kaiserstadt hielt.

 

Da nahte auch die Spitze des Zuges, zuerst Polizei, dahinter mit goldglänzenden Helmen fünf Löschzüge der Feuerwehr, dann die städtischen Behörden mit dem Oberbürgermeister und die Hochschule mit Lehrern und Studenten.

 

Es folgten mit dröhnendem Schritt Soldaten zu Fuß, ein ganzes Regiment. Reiter schlossen sich an, markige Gestalten. Dann sprengten auf feurigen Pferden Offiziere und Generäle heran, und hinter ihnen kam, ebenfalls hoch zu Ross, Kaiser Theodosius selbst.

 

Gleich hinter dem Kaiser wurde das große Kreuz der Bischofskirche getragen. Dann schritten – es war ein prächtiger Anblick – in langer Reihe die unentbehrlichen Messdiener daher. Ihnen folgten scharenweise Ordensleute und Priester, und ganz zum Schluss kam unter goldenem Traghimmel – die große Enttäuschung.

 

Aber nein! Das sollte der neue Erzbischof sein? Nach dem, was von Gregors Geistesgröße bisher erzählt worden war, hatte man sich ihn als einen hochragenden majestätischen Herrn vorgestellt. Was da aber unter dem Traghimmel bescheiden einherging, war ein verhutzeltes Männlein mit einem Schneidergewicht von neunundneunzig Pfund. Welch eine Enttäuschung!

 

Zum Glück hinderte die Enttäuschung die neugierigen Zuschauer nicht, sich dem Zug anzuschließen und den Dom zu betreten. Da standen die Leute im weiten Gotteshaus, Mann an Mann, Kopf an Kopf, und nachdem der neue Erzbischof erst eine Weile vor dem Altar gebetet hatte, stieg er, hurtig wie ein Wiesel, auf die Kanzel, machte das Kreuzzeichen und begann zu reden. Schon beim zweiten Satz, den er sprach, hätte man das Aufklingen einer Stecknadel, die zu Boden fiel, vernehmen können, so still war es in der Kirche, und Gregor redete . . . Ei, wie der reden konnte! Wie eine feurige Pfingstzunge schwebte der Mann auf der Kanzel. Hie und da erhob sich der eine oder andere von der Bank, auf der er saß, um den Prediger besser sehen zu können. „Sitzenbleiben! Sitzenbleiben!“ riefen diejenigen, die hinter ihnen standen, und weil die Aufgeforderten nicht folgten, kletterten die Rufer hoch auf die Bänke. Mit einem Wort gesagt, das verhutzelte Männchen mit dem Schneidergewicht war ein Redner von Gottes Gnaden.

 

Nazianz in Kleinasien war Gregors Heimat. Auf einem heiligen Stamm war er erblüht, denn Vater und Mutter und ein Bruder und eine Schwester werden ebenfalls als Heilige verehrt. In jungen Jahren besuchte Gregor die berühmtesten Hochschulen der damaligen Zeit. Dort eignete er sich mit eisernem Fleiß jenes umfassende Wissen an, das ihn später als Redner und auch als Schriftsteller und Dichter auszeichnete. Seine Schriften und Gedichte sind heute noch vorhanden und geben Kunde von der Kunst des Wortes, die er im hohen Maß besaß. Übrigens gilt der heilige Gregor als der Patron der Dichter.

 

Noch auf einen weiteren Umstand in Gregors Leben muss hingewiesen werden. Es verband ihn nämlich seit der Jugendzeit mit dem großen Bischof und Kirchenlehrer Basilius, von dem Herrliches berichtet wird, eine tiefe und echte Freundschaft. Beider Herzen waren aufeinander bis zum Gleichklang abgestimmt. Was der eine redete, dachte der andere und umgekehrt. Einer diente dem anderen als Vorbild, und über vierzig Jahre dauerte die Freundschaft, bis Basilius als erster starb.

 

Um das Lebensbild des heiligen Gregor abzuschließen, sei noch kurz erwähnt, dass er die letzten Jahre seines Lebens in der Einsamkeit verbrachte und sich mit der Abfassung von Büchern beschäftigte, durch die er für alle Zeiten nach den Worten des Evangeliums ein Licht wurde, das, auf den Leuchter gestellt, allen leuchtet, die im Hause sind.

 

Der heilige Beatus, 1. Missionar in der Schweiz am Thursee,

+ 9.5.112 – Fest: 9. Mai

 

Das tapfere, freiheitsliebende Volk der Schweiz rühmt sich, einen Apostelschüler in seinen schönen Bergen aufgenommen und von ihm die Wahrheit und Gnade des Christentums empfangen zu haben. Dieser Schweizerapostel ist der heilige Beatus. Vor seiner Bekehrung hieß er Suetonius, stammte aus einer vornehmen Familie Schottlands, zeichnete sich durch Wohlgestalt, wie durch sein gesittetes, feines Benehmen vorteilhaft aus und reiste als junger Mann zu seiner weiteren Ausbildung nach Italien. In Mailand lernte er den Apostel Barnabas kennen, wurde von ihm im Christentum unterrichtet und getauft und fühlte sich in der Liebe und Gnade Jesu Christi so glücklich, dass er sich den Namen „Beatus“, d.h. der Glückselige, geben ließ. Als Christ reiste er nach Rom, sah dort den Apostelfürsten Petrus, erhielt von ihm die Priesterweihe und den Auftrag, den Helvetiern (Schweizern) das Evangelium zu verkünden.

 

Von dem Diakon Achates begleitet, verließ Beatus das schöne, anmutige Italien und überstieg unter unsäglichen Beschwerden die schneebedeckten Alpen. Seine Liebe zu Gott und den Menschenseelen, sein lebendiger Glaube und sein seliges Gottvertrauen waren sein einziger Reichtum. Was er vormals an Vermögen besaß, hatte er unter die Armen verteilt. Mit einem langen Rock bekleidet und einen Pilgerstab in der Hand kam er durch das Aartal bis zum Herzen des Schweizerlandes, zum Waldstätter See. Überall, wohin er kam, im Aargau, Solothurn, Bern, Thurgau und Luzern, streute er den Samen des Evangeliums, forderte die Bewohner des Landes zur Buße auf, stellte ihnen die Torheit ihres Götzendienstes vor Augen und mahnte sie, die heilbringende Lehre des Gottessohnes anzunehmen. Die schlichten Leute überzeugten sich bald, dass der fremde Prediger nichts anderes begehre, als das Heil ihrer Seelen, denn Geschenke nahm er nicht an. Mit seinem Freund Achates nährte er sich von der Arbeit seiner Hände, er flocht Fischreusen, Weidenkörbe und Binsenmatten, von deren Erlös er spärlich lebte. Gegen jedermann zeigte er Freundlichkeit, Wohlwollen und Dienstfertigkeit, Unbilden und Verfolgungen ertrug er heiter und gelassen, Beleidigungen verzieh er von Herzen, seine Geduld und Sanftmut ließen sich nie erschüttern. Durch Gebet und Handauflegung machte er viele Kranke gesund, und außerordentliche Zeichen bestätigten ihn als einen Gottesmann, den das Volk bald als seinen Vater ehrte und liebte. Immer mehr drang die rechte Gotteserkenntnis in die Seelen, sie nahmen die Lehre Jesu freudig an und rissen ihre Götzentempel nieder.

 

Von den anmutigen Gestaden des Vierwaldstätter Sees wandte sich Beatus zu den rauen Gebirgsgegenden des Thuner und Brienzer Sees, um auch dort den armen Bergbewohnern das Brot des Lebens zu brechen. Die biederen, einfachen Landleute nahmen ihn gastlich auf, hörten mit Freuden seine Lehre, entsagten dem Götzendienst und wurden eifrige Bekenner der ewigen Wahrheit.

 

Nachdem Beatus in allen Schweizergauen das Evangelium verkündet und durch sein heiliges Leben selbst die verwildertsten Heiden umgewandelt hatte, sehnte er sich, hochbetagt, nach Ruhe. Er hörte von einer schauerlichen Einöde, wohin sich niemand wagte, weil dort ein furchtbarer Drache hauste. Beatus bat einen Schiffer, ihn und seinen Freund Achates über den Thuner See an das jenseitige Gestade zu setzen. Der Schiffer trug Bedenken, weil ein starker Sturm wehte und die Wogen schäumend brandeten. Sobald sie aber ins Schiff stiegen, legte sich der Sturm und das Wasser bot eine spiegelklare Fläche.

 

In der Mitte des Berges fand Beatus eine Felsenhöhle, aus der ihm der Sage nach ein furchtbarer Drache, seit langem der Schrecken der ganzen Umgegend, schnaubend und mit aufgesperrtem Rachen entgegenkam. Beatus machte das heilige Kreuzzeichen und der Drache fuhr in den See hinab und ward nicht mehr gesehen.

 

Die Felsenhöhle wählte Beatus zu seiner Wohnung, um fortan sich unter Fasten, Bußwerken und Gebet auf eine glückselige Ewigkeit vorzubereiten. So große Verdienste sich Beatus erworben, so hielt er sich doch in seiner Demut für den unwürdigsten Diener Gottes und benetzte oft sein raues Lager mit Tränen. Die Wurzeln und Früchte der Wildnis waren seine Nahrung. Trotz dieser einfachen und abgetöteten Lebensweise erreichte er, wie die frommen Altväter der Wüste, ein hohes Greisenalter.

 

Neunzig Jahre war Beatus alt, als ihn ein heftiges Fieber befiel. Er erkannte, dass die Stunde seiner Heimkehr gekommen sei, und bat seinen Freund Achates, die Männer der Nachbarschaft an sein Sterbebett zu rufen. Sie kamen und standen voll tiefer Betrübnis am Sterbelager ihres Wohltäters und geistlichen Vaters. Er begrüßte sie freundlich mit den Worten: „Meine lieben Leute und Kinder in Christus! Vor meinem Hinscheiden möchte ich noch einiges zu euch reden. Erinnert euch an das, was ich euch so oft gesagt habe: es ist mit dem Tod des Gläubigen ganz anders, als mit dem Tod des Ungläubigen. Die Ungläubigen haben nach diesem Leben nichts Gutes zu hoffen, ihrer wartet die Verdammnis. Allein der Tod des wahren Christen ist nur ein sanfter Schlaf, er geht durch den Tod in die ewige Freude ein. So bleibt denn standhaft im christlichen Glauben! Lasst weder durch Unglauben, noch Irrlehre, noch Sünde euch von Jesus Christus abwendig machen! Lebt, wenn euch euer ewiges Heil lieb ist, eurem christlichen Beruf gemäß. Gottes Segen sei und bleibe mit euch und dem ganzen Land! Amen.“

 

Dann umarmte er Achates und sprach zu ihm: „Lieber Sohn und langbewährter Freund Achates! Wir wollen nicht trauern, vielmehr beide dem treuen Gott danken, dass wir unter seinem Beistand so viele Jahre im Glauben und in der Liebe ein Herz und ein Sinn geblieben sind, dass wir immer friedlich miteinander gelebt, Leid und Freude miteinander geteilt, die Mühseligkeiten gemeinsam übertragen und die Anfechtungen überwunden haben. Wie könntest du dich auch, mein guter Achates, darüber betrüben, dass Gott mich jetzt aus diesem vergänglichen Leben zum ewigen seligen Leben ruft? Lass es also geschehen und ergib dich in Gottes heiligen Willen! Entsetze dich nicht über meinen Tod und bekümmere dich nicht, dass ich jetzt sterbe! Es ist einmal Gott so gefällig und gereicht zum Heil meiner Seele. Ich gehe dir jetzt auf dem Weg voran, du folgst mir in kurzem nach. Vergiss daher meine väterlichen Ermahnungen nicht, bleibe deinem christlichen Beruf treu und befleiße dich aller Gottseligkeit. Befestige durch Wort und Beispiel die neubekehrten Christen im Glauben und erhalte sie dem Herrn! Wache und bete und bereite dich mit allem Fleiß auf deine Sterbestunde vor! Was meinen hinfälligen Leib anbetrifft, so begrabe ihn, wenn meine Seele davon wird abgeschieden sein, neben dieser Höhle, die ich die zum Erbteil hinterlasse. Ich scheide dahin in der gewissen Hoffnung der Auferstehung, der Herr wird auch meinen Leib wieder zum Leben erwecken.“

 

Der sterbende Greis faltete seine Hände, erhob seine Augen gen Himmel und sprach: „Herr, du guter und getreuer Gott! Du hast mich erlöst, in deine Hände empfehle ich meinen Geist!“ Mit diesen Worten entschlief er sanft am 9. Mai 112, neunzig Jahre alt.

 

Achates begrub ihn neben der Höhle, die fortan im Mund des dankbaren Volkes „Beatushöhle“ hieß. Gott verherrlichte die Ruhestätte seines treuen Dieners durch viele wunderbare Gebetserhörungen. Deshalb erbauten die Christgläubigen dort eine Kapelle, zu der zahlreiche Pilger wallfahrteten. Als aber die neue Lehre der Reformatoren des 16. Jahrhunderts auch in die Schweiz eindrang, wurden die Gebeine des heiligen Beatus nach Luzern in die Stiftskirche des heiligen Leodegar übertragen, wo sie alljährlich an den vier höchsten Festen zur Verehrung der Gläubigen ausgesetzt werden.

 

Die selige Karolina Gerhardinger, Mutter Maria Theresia von Jesu, die Gründerin der Kongregation der armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau,

+ 9.5.1879 – Gedenktag: 9. Mai

 

Dieser Text wurde verfasst von einer Armen Schulschwester:

 

Es war vor rund 200 Jahren, im Herbst 1824. Wieder öffneten sich die Pforten des Mädchenschulhauses zu Stadtamhof und wieder nahmen die drei jugendlichen Lehrerinnen die Arbeit auf, die sie als heiliges Vermächtnis ihrer eigenen Lehrerinnen, der durch die Säkularisation ausgewiesenen Chorfrauen De Notre Dame (Unserer Lieben Frau), überkommen hatten. Wie ein Gottesruf war es ihnen gewesen, als 1809 der würdige Dompfarrer und spätere Bischof von Regensburg, Michael Wittmann, sie zum Lehramt erkoren und sie in der Folgezeit wissenschaftlich und praktisch dafür vorgebildet hatte. Bald waren sie es in tiefster Seele innegeworden, dass sie nach Gottes Willen zeitlebens den Kindern des Volkes und mit besonderer Hingabe den armen und ärmsten dienen sollten. Wittmanns Vaterauge hatte seither über ihnen gewacht und seine Führerhand hatte ihnen Weg und Ziel gewiesen. Diejenige aus ihnen, die Wort und Wink des gotterleuchteten Priesters am vollkommensten verstand und die er hinwiederum für seine weitschauenden Pläne am geeignetsten erachtete, war Jungfrau Karolina Gerhardinger.

 

Als gelehrige Schülerin hatte sich Karolina schon in der Kindheit und ersten Jugend erwiesen. Am 20. Juni 1797 wohlhabenden Schiffsmeisterseheleuten vom Himmel geschenkt, gab die Kleine schon frühe Beweise seltener Befähigung und einer so innigen Frömmigkeit, dass sie bereits mit neun Jahren zur ersten heiligen Kommunion zugelassen wurde. Mit unverwandter Aufmerksamkeit und ungewöhnlichem Ernst folgte sie in der Schule jeglichem Unterricht; auch zu Hause ließ sie sich keine Gelegenheit zu lernen entgegen. Wenn abends der Vater und die Schiffsknechte von den Donauländern und der Kaiserstadt erzählten, waren das für die lernbegierige Karolina Geographiestunden voll Farbe und Leben und der Vater wusste dem einzigen Kind keinen höheren Feriengenuss zu bereiten, als es nach Wien mitzunehmen. In jener Schreckensnacht vom 23. zum 24. April 1809, da Napoleon die Stadt Regensburg mit Brandkugeln beschießen ließ, folgte Karolina unaufgefordert dem Vater auf den Speicher und ruhte nicht, bis er sie auf seine Schultern hob, damit sie „den Tumult besser sehen könne“. Aus ihren späteren Erzählungen geht hervor, dass sie den Vorgängen in der Stadt und auf der Brücke mit der Ruhe des ernsten Beobachters, wie mit der Anteilnahme des zartfühlenden Kindes gefolgt war. „Geschichte erleben“ bedeutete das dem mutigen Mädchen. Der Werktagsschule entwachsen, half Karoline der Mutter in Haus und Geschäft. Sie übte diese kindliche Pflicht mit kindlicher Liebe, aber auch mit bewundernswerter Umsicht. War sie im Elternhaus die emsige Martha, so war und blieb sie in Wittmanns Schule die still lauschende Maria, ob nun der Meister mit seinen auserlesenen Schülerinnen Bischof Sailers Werk: „Über Erziehung für Erzieher“ durchnahm oder ob er ihnen die Lebensregeln vom „Magdsein im Lehramt“ ans Herz legte. Als 1825 der gefeierte Lehrer der neueren Erziehungskunst, bei aller Aufopferung und Liebe zum Volk, seine weltberühmte Anstalt aufzulösen genötigt war, hatte der Gedanke von der „Armkindererziehung“ im Schulhaus zu Stadtamhof längst eine Heimstadt gefunden und waren die Pläne zur Stiftung einer grundsätzlich christlich-religiösen Erziehungsanstalt bereits mit deutlichen Strichen in die Seele derjenigen gezeichnet, die an dem Werk Gottes weiterbauen und es ein langes Menschenalter hindurch betreuen sollte.

 

Mit der ihr eigenen Energie ging Karolina daran, das „Magdsein im Lehramt“ auch praktisch zu üben; sie band sich sogar durch private Gelübde. Aber zwischen dem ersten schüchternen Suscipe (Nimm an!) in der St.-Mang-Kirche zu Stadtamhof und der rechtlichen, feierlichen Ablegung der ewigen Gelübde in der bischöflichen Hauskapelle zu Regensburg musste noch ein volles Jahrzehnt verstreichen, das die Lehrerinnen von Stadtamhof in Abgeschiedenheit von der Welt zur Vorbereitung für ihren Doppelberuf nützten. Gemeinsam lebend, wirkend und betend, waren die Jungfrauen bereits klösterliche Lehrerinnen, lange bevor sie das Ordenskleid trugen, und weil sie nach Wittmanns Lehre und Beispiel es in nichts besser haben wollten als die Armen, waren sie damals bereits arme Schulschwestern. Ihre geringen leiblichen Bedürfnisse besorgte seit 1825 die Schiffsmeisterswitwe, „Mütterlein Franziska“, und ihr Weniges teilten sie freigebig mit den hungernden und frierenden Kindern. Sie versäumten nichts von dem, was der heranwachsenden weiblichen Jugend das Fortkommen im Leben erleichtern und ihr in den sittlichen Gefahren Schutz und Stütze gewähren konnte, pflegten besonders auch Handarbeiten und Singen und sammelten die Feiertagsschülerinnen in einer Marianischen Kongregation. Es konnte nicht ausbleiben, dass sich die Aufmerksamkeit des Diözesanklerus der Stadtamhofer Schule in dem Maße zuwandte, als Jungfrau Karolina Gerhardinger weit über Regensburg hinaus durch ihre trefflichen Lehr- und Erziehungserfolge bekannt wurde. Bischof Wittmann dankte Gott für das Aufblühen des Vereins; er sollte es aber nicht mehr erleben, dass sich in ihm ein Kloster auftat. 1833 legte der todkranke Bischof die Sorge für die junge Genossenschaft und die Vorarbeiten für die neue Ordensregel in die Hand seines Freundes Sebastian Job. Der edle Priester weilte seit Jahren als k. k. Hofkaplan in Wien; aber mit der liebevollen Zähigkeit des Oberpfälzers war er seiner bayerischen Heimat treu geblieben und seinen rastlosen Bemühungen und namhaften Geldopfern ist es vor allem zuzuschreiben, dass die Räumlichkeiten des ehemaligen Franziskanerklosters in seiner Vaterstadt Neunburg v. W. für die Zwecke der Jobsche Schulstiftung umgebaut wurde. Indessen schrieb Job selbst sein Büchlein: „Geist und Verfassung des Institutes der armen Schulschwestern“, um darin zunächst jene Punkte in gesetzmäßige Form zu bringen, durch die sich der neue klösterliche Verein von dem alten Notre-Dame-Orden unterscheiden sollte, nämlich die strengere Übung der Armut und des Bußlebens, die Errichtung von Häusern mit ganz beschränkter Schwesternzahl und die einheitliche Leitung aller Häuser durch eine Generaloberin. Jungfrau Karolina aber, seit 24. Oktober 1833 in Neunburg, tat die notwendigen Schritte, dem neuen Institut die Anerkennung seitens der höchsten geistlichen und weltlichen Behörden zu erwirken. König Ludwig I. von Bayern überreichte ihr in einer Privataudienz die unter dem 22. März 1834 ausgefertigte Urkunde über die landesherrliche Bewilligung. Wenige Tage hernach, am 26. März, erteilte Bischof Schwäbl von Regensburg den armen Schulschwestern die oberhirtliche Gutheißung, genehmigte das Jobsche Statut und bestellte Jungfrau Karolina zur Vorsteherin.

 

Es war im Herbst 1834. Zum ersten Mal öffneten sich die Pforten des Mädchenschulhauses von Neunburg v. W. und Karolina Gerhardinger begann damit das neue große Erziehungswerk der Armen Schulschwestern Unserer Lieben Frau. Am ersten Adventsonntag wurde das Klösterlein eingeweiht und in die kleine Hauskapelle zog der eucharistische Heiland ein. „Durch ihn, mit ihm und in ihm“ sollte Mutter Theresia von Jesus – so hieß Jungfrau Karolina seit ihrer Gelübdeablegung am 16. November 1834 – ihr Lebenswerk zu einem glücklichen Ende führen. Am Weißen Sonntag 1836 erhielten die zwei getreuen Stadtamhofer Gefährtinnen bei ihrer Einkleidung auf Jobs ausdrücklichen Wunsch hin die Namen Maria und Josepha, damit die Erinnerung an die Armutsliebe und den arbeitsfreudigen Gehorsam im Häuschen von Nazareth nie aus dem Gedächtnis der Klosterbewohner schwinden könne. Von da an kehrten Einkleidung und Gelübdeablegung jedes Jahr wieder, anfangs im Stammhaus zu Neunburg, sodann seit 1844 im neuen Mutterhaus zu München. Nicht so fast der drückende Raummangel im Neunburger Klösterlein als vielmehr die ungünstige Verkehrslage des Städtchens und die weite Entfernung von geistlichen und weltlichen Behörden hatten es Mutter Theresia als unabweisbare Pflicht erscheinen lassen, dem Orden ein neues Mutterhaus zu schaffen. Dank der Vermittlung Ludwigs I., des königlichen Wiederherstellers so vieler alter Klöster, konnte sie das ehrwürdige Klarissenkloster bei St. Jakob am Anger zweckmäßig instandsetzen und damit auch dem jungen Ordensnachwuchs in der Landeshauptstadt reiche Bildungsmöglichkeiten eröffnen. Der nun einsetzende Aufschwung in Außen- und Innenarbeit und die staunenswert rasche Ausbreitung des zeitgemäßen Institutes für die Heranbildung der weiblichen Jugend ist ganz das Lebenswerk der ehrwürdigen Mutter Theresia. Bald erstreckte sich das Arbeitsgebiet der Genossenschaft über Bayern hinaus nach Westfalen, Schlesien und Baden; später wurden die Schulschwestern auch nach Ungarn und Österreich berufen.

 

Nirgends aber nahm der Orden eine so ungeahnte Entwicklung als in den Vereinigten Staaten Nordamerikas. Dorthin war der deutsche Auswandererstrom abgeflossen und die deutschen Missionare, vorwiegend Redemptoristen, suchten für ihre Pfarrschulen geeignete Lehrkräfte zu gewinnen. Mutter Theresia selbst geleitete 1847 die ersten Schwestern nach dem fernen Westen, machte dreimal die Fahrt über den Ozean und durch den noch völlig unwegsamen Urwald, überzeugte sich in saurer Pionierarbeit von der Eigenart des dortigen Schulbetriebs, pflog die notwendigen Verhandlungen und bestellte der Schwesternschaft in Maria Karolina Fries eine Ordensvikarin, wie die amerikanischen Verhältnisse sie erheischten. Diese hohe Kultur- und Missionsarbeit des Ordens veranlasste König Ludwig I. auch für das Mutterhaus „seiner Schulschwestern“ in Baltimore einen reichlichen Baustein zu spenden und das Unternehmen durch den Ludwigsmissionsverein fördern zu lassen.

 

Mutter Theresia hat in der Kraft Gottes mehr gearbeitet als andere; sie war in ihrer opfervollen Arbeit die große Kreuzträgerin geworden, die nur von der Höhe des Kreuzes aus den weitverbreiteten Orden überschauen, nur in der Kraft des Kreuzes ihre Arme bis hinüber nach den Häusern am Missouri und an den Hängen des Felsengebirges ausbreiten konnte. Kein Punkt der heiligen Regel war so heißumstritten worden wie der von der einheitlichen Leitung des Gesamtordens durch eine Generaloberin. Aber die willensstarke Frau hatte, in Demut unbeugsam, auf dieser Einheit bestehen müssen, weil in der Einheit die Kraft des Ordens grundgelegt, in der Mannigfaltigkeit der Einzelpersönlichkeiten die richtige Besetzung der verschiedenen Ämter gewährleistet und in der schwesterlichen Liebesgemeinschaft jede Möglichkeit gegenseitiger Unterstützung gegeben war. Nach sieben Jahren leidvollen Harrens hielt die Generaloberin das päpstliche Genehmigungsdekret in Händen. Der 21. Juli 1865 bedeutete den Ostertag ihres Lebens. Nun war die Aufgabe gelöst, die ihr von Bischof Wittmann und Vater Job auf die Seele gebunden worden. Durch volle einunddreißig Jahre hatte sie unter Mühen und Sorgen, Beten und Büßen an diesem Werk gearbeitet. Nun ruhte es auf dem Felsen Petri. Wie oft war Mutter Theresia ein Ziel des Widerspruchs gewesen, angefangen von dem ersten misslungenen Versuch zur Wiederbelebung des Klosters Unserer Lieben Frau in Stadtamhof bis zu dem schmerzensreichen Ringen um die Ordensregel! Sie hatte mit dem Völkerlehrer bezeugen können, dass das Los, aber auch das Geheimnis alles echten Führertums ist: „Mit Christus gekreuzigt sein.“

 

So in ihrem Leben dem Gekreuzigten gleichförmig geworden, scheint sie sich es erbetet zu haben, an einem Freitag nach dreistündigem Todeskampf sterben zu dürfen. Der 9. Mai 1879 war der Todestag der leiderprobten Dulderin. Ihre Seele war zu tief in den sterbenden Weltheiland versenkt, als dass sie noch ein Auge, eine Empfindung gehabt hätte für das, was um sie her vorging. Der apostolische Nuntius kniete an ihrem Lager; er betete das kirchliche Sterbegebet und sprach tiefergriffen das erste Requiescat in pace. „So möchte ich auch sterben,“ sagte er, „dieser Tod ist mir Trost für das ganze Leben.“ Die geistlichen Töchter küssten die erkalteten Hände der entschlafenen Mutter und in der Stille des Herzens erneuerten sie ihre Gelübde, nach der Regel des heiligen Augustin und den vom Heiligen Stuhl approbierten Konstitutionen des Ordens der Armen Schulschwestern zu leben, wie die Ordensstifterin es sie gelehrt und ihnen vorgelebt hatte. Die stille Gruft des Mutterhauses nahm deren sterbliche Überreste auf.

 

Segen ruht auf dem Werk der Mutter. Wie hat sich in kaum hundert Jahren das enge Schulhaus zu Stadtamhof, wie hat sich das Stammklösterlein zu Neunburg geweitet! Dem Hauptmutterhaus in München sind gegenwärtig zehn Mutterhäuser in außerbayerischen Landen unterstellt; dort werden 1700 Aspirantinnen und Kandidatinnen herangebildet, um dereinst in den Schwesternkreis aufgenommen werden zu können. 8500 Schwestern sind in den elf Ordensprovinzen diesseits und jenseits des Ozeans tätig für das Heil der Jugend. Wie schlagen alle Herzen höher und zukunftsfroher bei der Nachricht, die der Frühling 1925 in das Land gehen ließ, die vorbereitenden Schritte zur Seligsprechung der ersten Generaloberin Maria Theresia Gerhardinger seien im Gang! Die Seligsprechung selbst erfolgte am 17. November 1985 durch Papst Johannes Paul II.

 

Ein kostbares Erbgut hat die zeitlebens „gelehrige Schülerin“ des Heilandes, die Lehrerin aller klösterlichen Tugenden, die „Arme Schulschwester“, in der tiefste Demut und höchste Kraft geeint waren, ihren geistlichen Töchtern hinterlassen: Wittmanns Lebensregeln vom Magdsein im Lehrberuf. Noch heute steht über dem Eingang zu den Kandidaturräumen des Mutterhauses mit großen Lettern geschrieben: „Siehe, ich bin eine Magd des Herrn!“

 

Der heilige Pachomius, Abt und Ordensstifter

(Stifter der Mönchsorden) zu Tabenna in Ägypten,

+ 14.5.347 – Fest: 9. Mai

 

War der heilige Antonius der Schöpfer des Mönchlebens, so ist Pachomius sein Gesetzgeber und eigentlicher Stifter. Er hat zuerst die Anachoreten, die Einsiedler, zu einem gemeinsamen Leben nach bestimmten Regeln und Gesetzen zusammengeführt, er hat die Mönche zu Zönobiten, zu Zusammenlebenden (vom griechischen koinos = gemeinsam und bios = das Leben), gemacht. Seine Regel wurde auch für die Klöster des Abendlandes maßgebend. Denn St. Benedikts Werk ist durchaus vom Geist des großen Pachomius beseelt.

 

Die Oberthebais, Oberägypten, war die Heimat des Pachomius. Die Eltern waren noch Heiden, aber der junge Kopte, der in den Kenntnissen seines Landes sorgfältig unterrichtet wurde, zeigte schon früh eine auffallende Liebe zur Reinheit und Abneigung gegen den ägyptischen Götterdienst. Es wird erzählt, dass einst ein Götzenbild, das Orakel Weissagungssprüche gab, in Gegenwart des kleinen Pachomius verstummte und die Priester den bestürzten Eltern erklärten, daran sei der kleine Feind der Götter, ihr Sohn, schuld.

 

In jener Zeit ließ Kaiser Konstantin zu einem Krieg gegen Maxentius auch in Ägypten die kräftigsten jungen Männer zum Felddienst ausheben. Der kaum zwanzigjährige Pachomius wurde mit anderen jungen Leuten den Eltern entrissen und auf ein Schiff gebracht, das sie den Nil hinabführte. Die armen Jünglinge waren sehr niedergeschlagen, schlecht verpflegt und streng behandelt. Da erschienen eines Abends, als das Schiff bei der Stadt Esna anlegte, mitleidige Einwohner und brachten den hungrigen Rekruten Speise und Trank und allerlei Labung, die sie ihnen in gar liebenswürdiger Weise und unter ermunternden Trostesworten reichten. Pachomius staunte über diese innige Herzlichkeit der Leute, die ganz anders zu sein schienen wie die übrigen Menschen. Wer sie wohl sein mochten? Christen, so hörten sie, seien es, die es sich zur besonderen Pflicht machten, armen Unglücklichen zu helfen. Neugierig forschte der junge Ägypter weiter der christlichen Lehre nach, von der ihm hier zum ersten Mal Kunde wurde und die so ganz seinen Herzenswünschen entsprach. In einem innigen Aufblick zu Gott gelobt er, wenn er aus dieser Not befreit und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen würde, alle Tage seines Lebens einzig dem Dienst des Allerhöchsten zu weihen. Noch sollte er sich aber in der Prüfung bewähren müssen. Aus den Städten wie aus der Reisegesellschaft drängte sich von allen Seiten die Sünde mit ihren Verlockungen an den jungen Mann heran. Doch mannhaft widerstand er. Immer stärker nur wurde die Sehnsucht nach einer vollen Hingabe an Gott im christlichen Glauben. Solches Verlangen gefiel Gott. Überraschend kam die Nachricht, dass die angeworbenen Truppen zu entlassen seien.

 

Pachomius schlug nun bei Schenesit (Chenoboskia) in einer Ruine, nahe bei einer christlichen Kirche, seinen Wohnsitz auf und empfing bald nach gewissenhafter Vorbereitung durch ein echt christliches Leben die heilige Taufe. Noch glühender wurde dadurch sein Eifer. Bei einer ansteckenden Krankheit widmete er seine ganze Kraft den Leidenden. Um noch tiefer in die christliche Askese eingeführt zu werden, bat er den in jener Gegend hochangesehenen Einsiedler Palämon, ihn als Schüler anzunehmen. Doch dieser wehrte ab. „Du kannst nicht Mönch werden,“ sprach er, „das ist ein zu schwerer Beruf. Viele haben begeistert angefangen, brachen aber bald zusammen und entsagten dem Einsiedlerleben.“ Pachomius ließ nicht nach mit der Bitte, einmal einen Versuch mit ihm zu machen. Da stellte ihm der Meister vor, wie hart seine Lebensweise sei, wie er täglich faste, wie nur Brot und Salz seine Nahrung seien, wie er halbe, ja ganze Nächte im Gebet zubringe. Aber nur noch eindringlicher flehte Pachomius, bis er endlich von Palämon das Mönchsgewand erhielt.

 

Der Schüler zeigte sich seines Lehrers würdig. Mochten die Anforderungen, die dieser stellte, noch so hoch sein, Pachomius kam ihnen nach. Allen Lehren und Übungen des frommen Meisters sich in Gehorsam unterwerfend, nahm der hochstrebende junge Mann so sehr in gottgefälligem Wandel zu, dass Palämon nicht aufhörte, Gott für einen so eifrigen und heiligen Jünger zu danken. Aber auch Pachomius wusste seinerseits dankbar den unermesslichen Wert einer trefflichen Seelenleitung zu schätzen. Zugleich aber begann er bald die großen Gefahren zu erkennen, die den auf sich selbst angewiesenen Einsiedlern drohten. Wo mehrere beisammen sind, stützt einer den anderen. Was aber, wenn nach dem ersten frischen Eifer über den durch die übermäßigen Anstrengungen körperlich und seelisch geschwächten jungen Mann große Versuchungen und Schwierigkeiten hereinbrechen? Vielfach hatten sich ja die Einsiedler enger aneinandergeschlossen. Aber es fehlte ihnen doch die wohltätige Einrichtung, durch eine gemeinsame maßvolle, allen Anforderungen gerecht werdende Regel fest miteinander verbunden zu sein. Ganz erschüttert wirkte gerade damals der tiefe Fall eines Einsiedlers, der in stolzer Vermessenheit sich zu den größten Heiligen zählen zu dürfen glaubte.

 

Nicht ohne besondere Einsprechung von Gott ließ sich Pachomius ums Jahr 326 in der Einöde von Tabenna nieder, um hier gleichgesinnte Brüder zu einem gemeinsamen Leben zu sammeln. Palämons Zustimmung und Rat leitete dabei den neue Pfade Suchenden. Anfangs war es nur sein leiblicher Bruder Johannes, der sich ihm anschloss, um Christ und Mönch zu werden. So gingen beide Brüder nun gemeinschaftlich auf die Erstürmung des Himmelreiches aus. Seinen Beruf klar erkennend, hielt Pachomius in Geduld, in strengster Selbstverleugnung und außerordentlicher Abtötung aus. Schließlich sah er sich mit herrlichem Erfolg gekrönt. Es kamen drei Schüler, dann mehr; die Zahl stieg auf dreißig, fünfzig, hundert, und noch immer meldeten sich neue Ankömmlinge. Wiederholt musste Tabenna umgebaut werden. Ein zweites Kloster entstand in Pabau; schließlich wurden es fünf.

 

Die sinnige Legende lässt die neue Regel, nach der alles geleitet wurde, durch einen Engel dem Pachomius überbracht werden. Ernste Lesung der Heiligen Schrift, ausdauerndes Gebet und eine reiche Lebenserfahrung waren der Nährboden auf dem diese Pachomianische „Engelregel“ entstand. Schon Antonius, der Vater der Einsiedler, hat die Neuerung des gemeinsamen Lebens nach der Regel des Pachomius eine herrliche Tat gepriesen. Eine straffe Ordnung und Gliederung beherrscht das Ganze. Auf dem Gehorsam baut es sich auf. An der Spitze steht der Generalvorsteher als Leiter des gesamten Verbandes. Er bestellt die Oberverwalter und seine Gehilfen, die für die leiblichen Bedürfnisse zu sorgen haben; er ernennt die Oberen der einzelnen Klöster. Das Amt ist lebenslänglich. Pachomius selbst wurde Tabennas erster „Vater“ (Abt). Die einzelnen Klöster selbst bestanden wiederum aus einer Anzahl kleinerer Häuser mit etwa zwanzig Insassen, die nach dem Anwachsen der Mitgliederzahl und der notwendigen Arbeitsteilung den gleichen Dienstgeschäften angehörten. Jedes Haus hatte einen eigenen Aufseher. Diese besonderen Ordnungen, z.B. der Mattenflechter, der Weber, der Köche, Bäcker, Bücherabschreiber, der Krankenwärter, finden sich gemeinsam in der Kirche und bei Tisch zusammen. Dieser bestand in der Hauptsache aus Brot, Käse, Obst, eingesalzenen Fischen und Lattich. Warmes gekochtes Gemüse musste zwar täglich aufgetragen werden, aber nur Greise, Kränkliche und Kinder nahmen davon. Diese Kinder wurden von den Eltern den Klöstern zur Erziehung übergeben, so dass schon damals die später so glänzend sich entwickelnde Bestimmung der Orden als Unterrichts- und Erziehungsstätten sich in ihren Anfängen zeigte.

 

Einem Mönch, den der heilige Pachomius in das Amt eines Vorstehers einwies, gab er die Lehre: „Beobachte du zuerst die Satzungen, damit die Brüder sie ebenfalls genau beobachten.“ An diesen Grundsatz hielt sich der Abt selber. Wie ein Kind unterwarf er sich dem Vorsteher des Hauses, in dem er war. Nie beanspruchte er für sich etwas Besonderes, auch dann nicht, wenn er krank war. Beim Aufführen der Klostermauern, beim Holzfällen, Sammeln des Schilfes legte er Hand an. Als Oberer hielt er in allen Anforderungen an die Mönche das richtige Maß und nahm stets Rücksicht auf das menschliche Unvermögen. Er war eben ein großer Menschenkenner und darum auch ein vorzüglicher Ordensstifter und Vorsteher. Beinahe täglich, oft sogar zweimal im Tag, hielt er den Seinen geistliche Unterweisungen und suchte sie vor allem in die Kenntnis der Heiligen Schrift und der Glaubenswahrheiten einzuführen. Darum mussten auch alle Mönche das Lesen erlernen, um das Evangelium lesen und betrachten zu können.

 

Dem umsichtigen, liebevollen und gütigen „Vater“, der in seiner Demut aber, wie er oft sagte, sich doch nie Vater seiner Mitbrüder zu nennen wagte, brachten deshalb auch die Pachomianer eine außerordentliche Verehrung entgegen. Noch auf dem Sterbebett bewies er seine Selbstverleugnung und zarte Rücksichtnahme auf die Ordensbrüder. Da ihm die schwere Decke sehr lästig wurde, bat er den Krankenwärter um eine leichtere. Als er aber die große Erleichterung, die ihm dadurch zuteilwurde, merkte, sprach der Todkranke zu dem Wärter: „Nimm sie sofort weg; es geziemt sich nicht, dass ich es irgendwie besser habe als meine Brüder. Als ein getreues Abbild des guten Hirten starb der Heilige am 9. Mai 346. Ein herrliches Gestirn des altchristlichen geistlichen Lebens war mit ihm untergegangen.

 

Ein großer Vorzug im Ordensstand ist die ständige Leitung durch die Oberen. Johannes Climakus sagt: „Wie ein Wanderer, so vorsichtig er auch sein mag, ohne Führer oft den Weg verlieren und sich verirren kann, so wird auch der, der in seinem Leben und Wandel sein eigener Führer ist, irre gehen und sich ins Verderben stürzen, wie vollkommen er auch in seiner weltlichen Weisheit sein mag.“

 

10. Mai

 

Die heiligen Märtyrer Gordian, Martyrer von Rom,

+ 10.5.362,

Epimachus, Martyrer von Alexandria,

+ 12.12.350,

und Glyzeria, Martyrin von Heraclea, Thracien,

+ 13.5.177 ?

Fest: 10. Mai

 

Die Namen der beiden heiligen Märtyrer Gordian und Epimachus kommen schon im sechsten Jahrhundert in allen Kalendern der lateinischen Kirche vor. Epimachus litt mit einem anderen Christen mit Namen Alexander im Jahr 350 zu Alexandria. Man warf beide in ein scheußliches Gefängnis, aus dem man sie später herauszog, um sie mit Ruten zu peitschen und ihre Seiten mit eisernen Haken zu zerreißen. Man verbrannte schließlich den einen und den andern in lebendigem Kalk.

 

Gordian wurde im Jahr 362 unter dem abtrünnigen Julian des Glaubens wegen zu Rom enthauptet und sein Leib in einer Gruft begraben, in die man auch den des heiligen Epimachus legte, als man ihn von Alexandria nach Rom gebracht hatte.

 

Die heilige Glyzeria, eine hochadelige, christliche Jungfrau und Märtyrin zu Heraklea in Thrazien unter dem Kaiser Antonin, trat, als die Heiden das schändliche Fest der „brennenden Fackeln“ feierten, auf öffentlichem Platz hervor und sagte, indem sie ihre Stirn mit dem heiligen Kreuz bezeichnete, dass sie keine andere Fackel nötig habe, worauf sogleich die Statue des Jupiters zusammenstürzte. Sie überstand nachher die grausamsten Martern, wobei sie ein Engel Gottes tröstete und stärkte, bis sie durch den Biss eines wilden Tieres ihren Geist aufgab im Jahre Christi 177. – Wahrlich, wir kennen den Wert des Kreuzes nicht! –

 

Der selige Nikolaus Albergati, Kartäuser, Bischof und Kardinal,

+ 9.5.1443 – Gedenktag: 10. Mai (3. März)

 

Wenn dich dein Weg einmal in eine Kartause führt, dann wird dir sicher unter den Bildnissen berühmter Mönche, die da und dort die Wände schmücken, eines auffallen: ein Mönch im weißen Ordenskleid, das Haupt bedeckt mit dem roten Kardinalshut. Und wenn du näher hinsiehst, dann wirst du auch die Aufschrift finden: B. Nic. Albergati. Das ist unser Seliger.

 

Geboren wurde er zu Bologna im Jahr 1375 als der Sohn hochangesehener Eltern. Sein Vater war Advokat, seine Mutter die Tochter eines berühmten Professors der Rechtswissenschaft an der Universität von Bologna. Was Wunder, wenn der junge Nikolaus, dem die Liebe zur Rechtswissenschaft so gleichsam als Erbstück in die Wiege gelegt wurde, in die Fußstapfen seines Vaters trat und die Advokatenlaufbahn erwählte. Seine Vaterstadt gab ihm hierzu die beste Gelegenheit, denn die Universität von Bologna erfreute sich der besten Rechtslehrer und war lange Zeit hindurch ein Hauptanziehungspunkt für alle der Rechtswissenschaft Beflissenen. Frühzeitig erwarb sich denn auch unser Nikolaus die akademischen Grade und nun stand ihm eine glänzende Laufbahn in der Welt offen.

 

Aber die Vorsehung hatte es anders beschlossen. Nicht der Welt, sondern der Kirche sollte Albergati sein Talent zuwenden. Nicht im Dienste hochmütigen Parteigezänkes, sondern in demütigem Gehorsam sollte sein Ruhm bestehen. Eine jener Fügungen Gottes, die man gewöhnlich Zufall nennt, gab die erste Anregung. Als er eines Tages von der Jagd heimkehren wollte, überraschte ihn ein Unwetter, das ihn nötigte, in einem Kartäuserkloster Unterschlupf zu suchen. Das Unwetter entwickelte sich zu einem Orkan, so dass an eine Heimkehr am gleichen Tag nicht zu denken war. Nikolaus musste also, wohl oder übel, sich dazu verstehen im Kloster zu übernachten. Als dann gegen Mitternacht die Glocke ertönte, die die Mönche zum Chorgebet rief, entschloss sich unser Seliger – mehr aus Neugierde als aus Frömmigkeit – dem Chorgebet beizuwohnen. Hier war es nun, wo die göttliche Gnade anknüpfte. Der ernste Gesang, die nächtliche Stille, die Eingezogenheit der Mönche, alles das machte einen so tiefen Eindruck auf ihn, dass er sich entschloss Kartäuser zu werden. Am anderen Morgen trug er dem Prior seine Bitte vor, die ihm denn auch gewährt wurde. Zuvor galt es jedoch noch Schwierigkeiten zu überwinden, denn die Eltern waren mit seinem Berufswechsel keineswegs einverstanden. Endlich gaben sie seinem Drängen und Bitten nach. Niemand war nun glücklicher als unser junger Advokat und ohne Zögern machte er sich auf den Weg nach seiner geliebten Einsamkeit. So empfing er denn in seinem zwanzigsten Lebensjahr das Ordenskleid. Mit welchem Eifer er den religiösen Übungen oblag, mit welcher Gewissenhaftigkeit er alle Vorschriften des Ordens befolgte, geht am besten daraus hervor, dass er bald nach Ablauf seiner Probezeit zu den wichtigsten Ämtern befördert wurde. So sieht ihn das Jahr 1407 als Prior der Kartause von Bologna. War er schon als einfacher Mönch ein Muster, an dem seine Mitbrüder sich erbauen konnten, so bemühte er sich jetzt um so eifriger, mehr durch Beispiel als durch Worte, anderen vorzustehen. Einmal auf den Leuchter gestellt, sollte aber sein Licht nicht nur die weltabgeschlossenen Zellen einer Kartause erhellen. Der Leuchter sollte höher gestellt werden, dass sein Licht über die ganze Kirche sich verbreitete.

 

Nachdem im Jahr 1416 Johannes, der Bischof von Bologna, gestorben war, wählten Klerus und Volk einstimmig den Prior der Kartause zu seinem Nachfolger. Sprachlos vor Schrecken und Betrübnis empfing er die Nachricht. Mit Aufwendung aller ihm zu Gebote stehenden Mittel suchte er die Würde von sich abzulenken; aber vergeblich. Sein Ordensgeneral selbst stellte sich auf die Seite der Bologneser und so musste er denn im heiligen Gehorsam Würde und Bürde übernehmen. „Der Jünger ist nicht über dem Meister; jener aber wird vollkommen sein, wenn er ist wie sein Meister.“ An diese Worte des Heilandes wird unser Seliger gedacht haben und dabei hat ihm das Bild seines Ordensstifters, des heiligen Bruno, vor Augen geschwebt, der auch im Gehorsam gegen den obersten Hirten der Kirche seine Herde und seine geliebte Einsamkeit verlassen musste. Ist doch der Gehorsam die erste Tugend der Ordensperson und überhaupt der Prüfstein jeglicher Tugend.

 

Es war am 4. Juli 1417, als Albergati in der Kartäuserkirche von Bologna die bischöfliche Weihe erhielt. Als Bischof hörte er nicht auf, Kartäuser zu sein. Er trug stets die vollständige Ordenskleidung, hielt sein nächtliches Stundengebet, schlief auf einem Strohsack und beobachtete alle vom Orden vorgeschriebenen Fasten. So hoffte er die göttliche Gnadenhilfe in reicherem Maße auf sich herabzuziehen, um mit um so mehr Frucht am Heil der ihm anvertrauten Herde arbeiten zu können. Und an Arbeit sollte es ihm nicht fehlen. Denn dass unter den Wirren der damaligen Zeit im Allgemeinen und dem Parteigezänk seiner Vaterstadt im Besonderen der religiöse Geist seiner Herde benachteiligt wurde, ist leicht einzusehen. Hier eine Besserung zu schaffen, lag ihm vor allem am Herzen. Unermüdlich verkündete er das Wort Gottes von der Kanzel herab, eingedenk der Mahnung des Apostels: „Weise zurecht, tadle, ermahne mit aller Geduld und Lehrweisheit!“ Mit diesem Hirteneifer verband er aber auch eine ebenso große Hirtenliebe. Gleich seinem Namenspatron, dem heiligen Nikolaus von Myra, gab es auch für ihn keine Not, die er nicht zu heben oder doch zu lindern versucht hätte. Sein Zartgefühl fand auch den Weg zu den verschämten Armen, die er heimlich auf jede Art unterstützte. Ganz besonders aber nahm er sich der gefährdeten Jungfrauen an. Er scheute keine Ausgabe, wenn es galt, ihnen durch eine passende Aussteuer zu einer anständigen Heirat zu verhelfen. Dass bei einer solchen Amtswaltung bald sein Lob in aller Munde war, ist begreiflich. Papst Martin V. musste wohl noch andere Geistesschätze in unserem Seligen entdeckt haben. Er machte ihn zum Kardinal und übertrug ihm die wichtigsten Geschäfte. Das gleiche Vertrauen schenkte ihm dessen Nachfolger Eugen IV. Sein Gerechtigkeitssinn, gepaart mit Klugheit und Milde, machten ihn besonders geeignet, Zwistigkeiten zu schlichten. So sehen wir ihn denn als päpstlichen Legaten in Venetien, in Frankreich, in Deutschland. Auf dem Konzil von Basel führte der Kardinal Albergati den Vorsitz. Ebenso leitete er die Vorarbeiten zu den Konzilien von Ferrara und Florenz.

 

Mitten in seiner Tätigkeit wurde der Selige von Gott abberufen. In Siena, wohin er den Papst begleitet hatte, warf ihn ein altes Übel aufs Krankenlager, von dem er sich nicht mehr erheben sollte. Er hatte noch den Trost, in den Armen eines Mitbruders, des Priors der Kartause von Florenz, seine Seele auszuhauchen. Es war der 9. Mai 1443. Seine sterbliche Hülle wurde auf seinen Wunsch im Kloster von Florenz zur letzten Ruhe bestattet. Sein Fest wird am 10. Mai und 3. März gefeiert. Papst Benedikt XIV. ließ den seligen Kartäuser-Kardinal in das römische Martyrologium eintragen, eine Ehre, die gewöhnlich nur den Heiligen zuteilwird. Damit bestätigte er 1744 die Verehrung dieses Seligen.

 

11. Mai

 

Der heilige Gangolphus, Jäger und Martyrer zu Varennes, Frankreich,

+ 11.5.760 - Fest: 11. Mai

 

Auf seiner Pilgerfahrten einer kam

Der heilige Gangolph in Kampanien

Zu einem Brunnen, kostete des Wassers

Und lobte Gott! es war so kühl und klar.

 

Des Brunnens Eigener kam daher und sprach:

Um hundert Pfenning ist der Brunn mir feil.

Der Heil´ge gab die hundert Pfenninge.

Zog fröhlich seines Wegs, gelanget endlich

Zu seiner Heimat in Burgundia,

Und fand die Gattin vor der Türe sitzen.

 

Frau, sprach er, freue dich, was uns gefehlt,

Hab ich gefunden in Kampania,

Den schönsten Brunnen weit und breit im Reich.

Um hundert Pfenning hab ich ihn gekauft.

 

Tor, sprach das Weib, was hilft ein Brunnen uns,

Der dreißig Meilen weit von hier entspringt?

 

Ruhig sprach Gangolph: Hast du nicht gelesen,

Was Christus sprach: So einer Glauben hat,

Nur eines Senfkorns groß, und spricht zum Berge:

„Berg, hebe dich von hinnen!“ folgsam wird

Der Berg sich heben. Solchem Wort vertrauend,

Hab ich den Quell gekauft in fernem Lande.

 

So sprach der fromme Pilger, nahm den Stab,

Stieß kräftig in den Grund hin – und im Nu

Sprang klafterhoch der schöne Wasserstrahl

Empor, kühl, silberhell, krystallenklar.

 

Noch immer springt und rinnt die Quelle dort;

Doch in Kampania war sie verschwunden.

 

Es war dieser heilige Gangolphus der Sohn einer der edelsten Familien Burgunds. Seine Eltern erzogen ihn sorgfältig in der christlichen Tugend. Er liebte in seiner Jugend zwar die Jagd; sah aber diese Übung nur als ein Mittel zur Vermeidung des Müßiggangs an, dessen Folgen so verderblich sind. Da er von Natur mutvoll und tapfer war, trat er unter dem König Pipin in den Kriegsdienst. Die Furcht Gottes aber begleitete ihn überall und er erlaubte sich nie etwas, das den Lehren des Christentums entgegen gewesen wäre.

 

Seine Gattin war ihm ganz unähnlich, frech und sittenlos. Sie ergab sich der schändlichsten Ausschweifung und zwang ihren Gemahl, sich von ihr zu trennen. Nach diesem widmete er sich strengen Bußübungen und liebte die Armen so zärtlich, dass er einen großen Teil seiner Einkünfte zur Erleichterung ihrer Not verwandte. Die böse Frau fürchtete sich, ihr Ehegatte möchte sich vor der Obrigkeit beklagen. Sie bewog also den Gefährten ihrer Laster, den unschuldigen Gangolph umzubringen. Dieses vollbrachte der Ruchlose den 11. Mai im Jahr 760.

 

Der heilige Mamertus,

Erzbischof und Bekenner von Vienne in Dauphine, Frankreich,

+ 11.5.477 - Fest: 11. Mai

 

Der heilige Mamertus folgte dem Simplizius auf dem bischöflichen Stuhl von Vienne. Er war im 5. Jahrhundert eines der glänzendsten Lichter der gallischen Kirche. Er verband mit großer Wissenschaft eine besondere Heiligkeit, die sich durch die Gabe der Wunder kund machte. Seiner Frömmigkeit hat man die Einsetzung der öffentlichen Gebete zu verdanken, die unter dem Namen Bitt-Tage bekannt sind. Folgendes war dazu die Veranlassung.

 

Durch Zulassung Gottes geschah es, dass das Volk durch Krieg und verschiedene andere Plagen hart bedrückt wurde. Viele Feuersbrünste, häufige Erdbeben und wilde Raubtiere, die sogar bei hellem Tag in Dörfer und Städte eindrangen, verbreiteten Schrecken und ermahnten laut zur Buße. Die Gottlosen schrieben diese Ereignisse dem Zufall zu. Die Weisen aber sahen sie an als Wirkungen des göttlichen Zornes, der ihnen völligen Untergang drohe.

 

Mitten unter diesen Drangsalen gewährte Gott dem Glauben des heiligen Mamertus einen Augenscheinlichen Beweis seines Wohlgefallens und seiner Güte. Eine schreckliche Feuersbrunst, der man nicht Einhalt tun konnte, drohte die Stadt in einen allgemeinen Schutthaufen zu verwandeln. Der heilige Bischof schickte sein Gebet zum Himmel und das Feuer erlosch augenblicklich. Dieses Wunder benützte er dazu, die Sünder zu ermahnen, dass sie von ihren Unordnungen ablassen, sie durch Buße sühnen und den Arm Gottes durch jede Art guter Werke entwaffnen möchten. In der Osternacht brach ein zweiter Brand aus, der die Stadt mit neuem Schrecken erfüllte. Der heilige Bischof nahm, wie gewöhnlich, zu Gott seine Zuflucht, warf sich vor dem Altar auf die Knie nieder, und die Flammen erloschen, wie der heilige Avit sagt, auf wunderbare Weise. In dieser Nacht war es auch, wo er den frommen Plan fasste, öffentliche Bittgänge anzuordnen, welche jedes Jahr drei Tage lang verrichtet werden sollten. Sein Zweck dabei war, den erzürnten Himmel zu besänftigen. Diese Bittgänge bestanden in Psalmengesang, im Sündenbekenntnis und im Gebet, das mit Fasten, Tränen und Herzenszerknirschung begleitet sein sollte. Diese heilige Anordnung blieb nicht allein auf den Kirchensprengel von Vienne beschränkt, auch der von Klermont, wo der heilige Sidonius Apollinaris Bischof war, nahm sie schon vor dem Jahr 475 an, worauf sie bald in der ganzen abendländischen Kirche eingeführt wurde.

 

Der Heilige hatte einen Bruder, der jünger war als er. Diesen weihte er zum Priester und teilte mit ihm die Arbeiten seines Hirtenamtes; er hieß Mamertus Klaudianus. Der heilige Sidonius Apollinarius sah diesen als das größte Talent seines Jahrhunderts an, denn er war in allen Wissenschaften bewandert und im Stande, auf alle ihm vorgelegten Fragen zu antworten und alle Irrtümer zu bekämpfen. Allein seine Bescheidenheit und Tugend erwarben ihm noch größere Hochschätzung, als alle seine Kenntnisse. Er starb um das Jahr 474, nachdem er seinem Bruder wichtige Dienste geleistet hatte.

 

Vom übrigen Leben des heiligen Bischofs von Vienne haben wir keine weitere Kenntnis. Er starb 477. Sein Name befindet sich im römischen Martyrologium.

 

Der heilige Franziskus de Hieronymo,

aus der Gesellschaft Jesu, Volksmissionar, Priester von Neapel,

+ 11.5.1716 – Fest: 11. Mai

 

Franz wurde geboren in Grottaglia bei Tarent in Süditalien am 17. Dezember 1642. Er stammte aus einer braven bürgerlichen Familie und war das älteste von elf Geschwistern. Schon früh zeigten sich bei ihm die Spuren seiner späteren Heiligkeit. Die größte Freude des Jungen war, Almosen zu reichen. Eines Tages, so lautet die liebliche Erzählung, hatte er Brot aus dem Schrank genommen, um es den Armen zu bringen. Die Mutter begegnete ihm auf der Straße, sah das Brot in seinen Händen und gab ihm einen strengen Verweis, dass das für die Kinder zu Hause bestimmt sei. „Ach, Mutter,“ antwortete der Kleine, „fürchte nicht, dass den anderen etwas mangelt; schau nur im Schrank nach.“ Und wirklich, die Mutter fand, dass nichts fehlte.

 

Schon in der Jugend hatte Franz eine besondere Andacht zum Heiland im heiligen Altarsakrament. In aller Frühe, wo die übrigen zu Hause noch schliefen, ging er zur Kirche und verharrte lange Zeit in frommem Gebet. Aus seinem Angesicht strahlte die engelgleiche Unschuld. Im sechzehnten Lebensjahr wurde er durch die Tonsur der Kirche geweiht. Am 18. März 1666 erhielt er die Priesterweihe. . Bald darauf gaben die Jesuiten ihm eine Anstellung als Präfekt bei den Zöglingen ihres Kollegs zu Neapel. Diese erkannten gleich, dass ein Heiliger bei ihnen die Aufsicht führte, denn der junge Priester war ein Muster der Vollkommenheit. Keine Unart der Schüler reizte ihn zum Zorn, er war liebevoll zu allen. Einen Teil der Nacht brachte er vor dem Tabernakel kniend im Gebet zu. Er übte ernste Abtötung durch Fasten, Geißelung und andere Strengheiten. Etwa fünf Jahre hatte er sein Amt verwaltet, als die göttliche Gnade in ihm den Wunsch erregte, in die Gesellschaft Jesu einzutreten. Wohl erhob sein Vater ernstlich Schwierigkeiten, aber Franz beruhigte ihn und trat am 1. Juli 1670 im Alter von 28 Jahren ins Noviziat. Nachdem er die Studien vollendet und die Professgelübde abgelegt hatte, bat er um die Sendung nach Japan, in der Hoffnung, dort die Martyrerpalme zu pflücken. Aber die Oberen hielten ihn in Neapel und ernannten ihn zum Leiter der Volksmissionen. Obwohl zart von Körperbau und schwach von Gesundheit, arbeitete der seeleneifrige Missionar allein so viel, als mehrere zusammen kaum hätten vollbringen können. Und das volle vierzig Jahre lang. „Ich will mich so lange fortschleppen, als noch ein Atemzug in mir ist. Ein Lasttier bin ich; unter der Last will ich sterben.“ So sprach der treue Arbeiter des Herrn. Er predigte in Städten und Dörfern, den Gefangenen, den Galeerensträflingen und den Soldaten. Gott unterstützte seine Worte durch zahlreiche Wunder, indem er Zukünftiges voraussagte, zu gleicher Zeit an verschiedenen Orten sich befand, Kranke heilte, das Mehl wunderbar vermehrte, ganz auffallende Bekehrungen machte. Er war unermüdlich, wo es galt Kranke zu trösten, Sterbenden beizustehen, Feindschaften zu schlichten, Arme zu unterstützen. Bei den feierlichen Generalkommunionen an jedem dritten Samstag des Monats nahmen oft fünfzehn, ja zwanzig Tausend teil. Besonderes Gewicht legte er auf die Exerzitien des heiligen Ignatius. Er hielt sie für Priester, für Ordensleute, für fromme Vereine, für Studenten in Kollegien und Seminarien. Viel hatte er zu leiden von Seiten der bösen Geister und ruchlosen Menschen. Aber alles ertrug er mit unbesiegbarer Geduld. Als ein Gefangener ihm einen Schlag versetzte und sogleich die grässlichsten Schmerzen im eigenen Arm fühlte, heilte Franziskus ihn durch ein Kreuzzeichen und ließ ihn dann eine reumütige Beicht ablegen. Gott verlieh dem Heiligen in auffallender Weise die Gabe, auf verkehrte Wege geratene Frauen aus der Sünde zu retten. Als man ihm vorwarf, seine Arbeit sei nutzlos, da solche Personen doch bald wieder die Lasterbahn beträten, antworte er: „Ich erfahre das Gegenteil. Sollte ich aber auch keinen anderen Gewinn haben, als dass ich eine einzige solche Seele von der Hölle rette, so wäre alle meine Mühe gut angewandt.“

 

Bei den wunderbaren Erfolgen, bei den zahlreichen Anerkennungen von Hoch und Nieder blieb Franziskus immer der demütige Ordensmann und nannte sich den größten Sünder. Wenn er misshandelt und verleumdet wurde, so freute er sich und meinte, er habe noch viel Ärgeres verdient. Als er auf dem Sterbebett lag und große Pein litt, sagte er: „Gott hat mir diese Schmerzen geschickt und ich nehme sie herzlich gerne an; sie mögen sich tausendfach vermehren; es ist alles nichts gegen das, was ich verdient habe.“

 

„Nennen Sie zum Nutzen der Mitmenschen die größte Gnade, die Ihnen Gott im Leben erwiesen hat“, gebot ihm sein Oberer. Beschämt und mit Tränen in den Augen gibt der Sterbende die ganz bestimmte Antwort: „Ich habe immer getan, was ich konnte. Und das ist das größte Gnadengeschenk des Herrn: Ich habe in meinem ganzen Leben einzig und allein und allezeit nichts anderes gesucht als die Ehre Gottes, ohne je etwas für mich zu verlangen.“

 

Gott ließ es auch zu, dass der Heilige noch vor dem Tod einen Kampf mit dem bösen Feind zu bestehen hatte. Aber durch die Hilfe der lieben Gottesmutter, die er während des ganzen Lebens so innig verehrt hatte, blieb er Sieger und sagte zum Krankenwärter: „Nun steht es gut.“ Darauf stimmte er den Lobgesang Magnifikat an. Er starb ganz ruhig am 11. Mai 1716 im Alter von 74 Jahren. Im Jahr 1839 wurde er von Papst Gregor XVI. in die Schar der Heiligen eingereiht.

 

Der heilige Franz von Hieronymo gibt uns die schöne Lehre: Je demütiger und selbstloser jemand ist, desto höher steht er bei Gott und den Menschen. Das Veilchen der Demut blüht und duftet nur bei den Kindern Gottes.

 

12. Mai

 

Der heilige Pankratius, Junge und Martyrer von Rom,

+ 12.5.304 - Fest: 12. Mai

 

Dreier Martyrer und einer heiligen Jungfrau gedenkt heute die Kirche. Nereus, Achilleus, Pankratius und Domitilla heißen sie. Es ist eine ganze Prozession, und mit Recht singt man bei ihrem Anblick: „Dich lobpreist, Herr, der Martyrer strahlendes Heer.“

 

Von den vier Tagesheiligen soll hier jener näher beschrieben werden, der mit vierzehn Jahren sein Blut im Martertod für den wahren Glauben vergossen hat. Es ist der heilige Pankratius.

 

Pankratius war nach der Legende in Kleinasien daheim. Dort erblickte er als Spross eines reichen Hauses im Jahr 290 das Licht der Welt. Heidnisch wie die Eltern war auch er. Früh starben dem Jungen der Vater und die Mutter weg. Ein Onkel nahm sich des Verwaisten an, und eines Tages packten beide, der Onkel und der Neffe, die Koffer und wanderten hinaus in die weite Welt nach Rom, der reichen herrlichen Kaiserstadt an den Ufern des Tiber.

 

Wie es jedem ergeht, der vom Land in die Großstadt kommt, so erging es damals auch dem vierzehnjährigen Pankratius. Die Augen liefen ihm über vom Schauen. Alles war schön in Rom, alles ohne Ausnahme: die Kaiserburg mit dem goldenen Dach, die Paläste der Millionäre, die Tempel, das große steinerne Ringtheater und so weiter. Am meisten Gefallen fand Pankratius an den Soldaten, denen er auf Schritt und Tritt begegnete, und wenn gar die kaiserliche Garde mit klingendem Spiel vorüberzog, so geriet der Junge rein aus dem Häuschen.

 

Bald darauf brachte es eine Gelegenheit mit sich, dass Pankratius mit einem der Gardeoffiziere, mit dem prächtigsten von allen, Bekanntschaft machte und Freundschaft schloss. Sebastian hieß der Offizier. Es war ein lieber Mensch, der interessant zu erzählen verstand, von Christus, der Mensch wurde und Gott blieb, der den Menschen Erlösung brachte, der heilig und groß war im Leben, wunderbar in seiner Lehre und über alles hoch und erhaben in seinem Sterben. Am dritten Tage sei er glorreich von den Toten auferstanden, sei vierzig Tage später in den Himmel aufgefahren, und von dort werde er am Ende der Welt zurückkehren, um zu richten die Lebendigen und die Toten.

 

Das alles und noch vieles andere, was Jesus tat und lehrte, erzählte der Gardeoffizier Sebastian dem jungen Freund, und dabei redete er mit einer Glut der Begeisterung, die einfach mitriss. Bald sprachen die beiden Freunde, sooft sie sich trafen, nur noch von Christus. Pankratius erhielt Unterricht im christlichen Glauben, und am darauffolgenden Karsamstag befand auch er sich in der Reihe der Täuflinge. Sebastian war sein Pate. Ein heiliger Schauer durchrieselte den Jungen, als man ihm nach der Taufe das lange weiße Taufkleid überwarf und die mahnenden Worte zurief: „Nimm hin das weiße Kleid und bringe es unbefleckt vor den Richterstuhl unseres Herrn Jesus Christus, damit du das ewige Leben habest.“ Im gleichen Augenblick und mehr noch kurz danach beim Empfang der ersten heiligen Kommunion im Osteramt nahm sich Pankratius fest vor, die Taufgnade und die Taufunschuld unversehrt zu bewahren, und ganz und gar entsprach es seiner Überzeugung, was er im Verein mit den anderen Täuflingen und Erstkommunikanten sang:

 

Mit dem Herzen, mit dem Munde

Schwören wir in dieser Stunde,

Jesus ewig treu zu sein.

Nimmer werde je gebrochen,

Was wir Jesus heut versprochen,

Ewig treu uns ihm zu weih´n.

 

An Ostern fand die hehre Feierstunde statt, und wenige Wochen später bereits kam für Pankratius die Stunde der Bewährung. Herrlich hat er sich bewährt. Nachdem erst sein Pate, der heilige Sebastian, glorreich das Martyrium bestanden hatte, kam die Reihe an Pankratius. Der Kaiser selbst bemühte sich, ihn vom Glauben abzubringen, tätschelte ihm die Wange und versprach ihm goldene Berge. Pankratius jedoch entgegnete ihm: „Spare dir deine Mühe! Wenn ich auch erst vierzehn Jahre alt bin, meinen Jesus lasse ich nicht. Das habe ich ihm geschworen, und meinen Eid halte ich heilig.“ So sprach der jugendliche Held und erlitt kurz darauf den Martertod durch Enthauptung. Man schrieb damals den 12. Mai 304.

 

Pankratius hat also seinen Treueschwur gehalten.

 

Die selige Imelda Lambertini von Bologna, Nonne,

Patronin der Erstkommunionkinder,

+ 12.5.1333 – Fest: 12. Mai

 

Das Leben der Seligen Imelda, die von Papst Pius X. zur Patronin der Erstkommunionkinder erhoben wurde, soll hier erzählt werden.

 

Im Jahr 1321 wurde der hochgeachteten Familie Lambertini in Bologna ein Mädchen geboren, das bei der heiligen Taufe den Namen Magdalena erhielt. Es war ein Gnadenkind alle Tage seines kurzen Lebens und gleich seiner heiligen Namenspatronin hat es „viel geliebt“. Die erste Kindheit der kleinen Magdalena glich einem einzigen klaren Frühlingsmorgen. Zärtliche Elternliebe umgab sie und die Sorge ihrer edlen Mutter hielt jeden schädlichen Einfluss von der reinen Kinderseele fern. Schon beim ersten Erwachen der Vernunft gab sich Magdalena Gott mit rückhaltloser Liebe hin. Sie betete gerne und oft kniete sie vor ihrem Hausaltärchen, um hier heilige Lieder zu singen oder den Rosenkranz zu beten. Die Früchte dieser kindlichen Frömmigkeit waren Engelsinn und Engelsitte. Kein Wunder, dass der Heilige Geist diese edle, großmütige Kinderseele erwählte, um in ihr die Wunder seiner Gnade zu wirken.

 

Als Magdalena zehn Jahre alt war, bat sie, von der Gnade Gottes angeregt, ihre Eltern, sie zur Erziehung in ein Kloster zu geben. Sie wünschte nämlich so sehr, gleich dem Kind Maria im Haus des Herrn heranzuwachsen, um hier in klösterlicher Stille Gott ungeteilt dienen zu können. Die Eltern wollten aber von der Bitte des Kindes nichts wissen, sie konnten ja ihren Liebling nicht entbehren, der ihnen immer nur Freude bereitete und der Sonnenschein des Hauses war. Magdalena, den Willen Gottes erkennend, ließ in ihren Bitten nicht nach und dem bescheidenen, aber inbrünstigem Flehen ihres Herzenskindes konnten die Eltern nicht lange widerstehen. So sah sich Magdalena, früher als sie gehofft, am ersehnten Ziel.

 

Vor den Toren Bolognas stand damals das Dominikanerinnen-Kloster „Santa Maria Magdalena“. Dort suchte und fand das Kind Aufnahme. Freudig öffneten die weißen Schwestern das Klosterpförtlein, war ja Magdalena der Ruf ihrer Frömmigkeit schon vorangeeilt. Nach damaliger Sitte erhielten die Kinder, die in Klöstern erzogen wurden, das Ordenskleid und änderten auch ihren Namen, ohne jedoch dem Orden irgendwie anzugehören. So wurde auch Magdalena mit dem Krem-Habit der Dominikanerinnen bekleidet und um ihr frisches Kindergesichtchen legte sich der weiße, gefaltete Schleier. Wohl wegen ihrer Sanftmut und Liebenswürdigkeit erhielt sie den Namen Imelda, der so viel als „wie Honig“ bedeutet. So schwer Imeldas zartfühlendem Herzen der Abschied von den lieben Eltern fiel, so war ihr doch, als sei das alte Kloster ihre eigentliche Heimat. Alles entzückte sie da. Mit heiliger Freude schloss sie sich den Nonnen an, wenn sie zum täglichen Psaltergebet schritten, und im Chor sang sie mit ihrem hellen Kinderstimmchen, wie es die Englein nicht besser gekonnt hätten. Sie beobachtete die Ordensregeln, soweit ihr dies gestattet wurde, mit größter Genauigkeit und war auch durch ihren Gehorsam, ihre Liebe zum Stillschweigen und zu kleinen Abtötungen selbst den ältesten Klosterfrauen zum Vorbild. Vor allem aber zeichnete sie sich durch eine ungewöhnlich innige Andacht zum allerheiligsten Altarsakrament aus. Ganze Stunden verbrachte sie vor dem Tabernakel, um die Liebe Jesu zu betrachten, und hier vor den Strahlen der göttlichen Gnadensonne erschloss sich die Knospe ihres Herzens zur Rose der heiligsten, reinsten Gottesliebe. Sie hörte täglich die heilige Messe mit großer Andacht, wenn aber dann die Kommunionglocke schellte, die Schwestern zum Tisch des Herrn traten und Imelda allein im Chor zurückbleiben musste, weinte sie oft bitterlich, so groß war ihr Verlangen nach der heiligen Kommunion. In der Erholungszeit gesellte sich Imelda regelmäßig zu jenen Schwestern, die am Morgen kommuniziert hatten, und wurde nicht müde über das Glück der heiligen Kommunion zu sprechen. Oft fragte sie in heiliger Einfalt: „O sagt und erklärt mir doch, wie man Jesus empfangen kann und nicht ob dieses Glückes stirbt“. Mit der Zeit wurde Imeldas Verlangen nach der heiligen Kommunion so hinreißend, dass sie ihre Schüchternheit überwand und zum Priester des Klosters mit der Bitte ging, ihr die erste heilige Kommunion zu gewähren. In jener Zeit war es aber unerhört, dass Kinder vor dem 14. Jahr kommunizierten. Auch dieser Priester meine, Imelda, die erst elf Jahre zählte, sei nicht verständig und unterrichtet genug und schlug ihre Bitte kurzweg ab. Imelda unterwarf sich ohne Erwiderung, sie war zu sehr gewohnt, im Priester Gottes Stellvertreter zu sehen; ihr Schmerz und ihre Sehnsucht wurden aber nur umso größer. So verging wieder einige Zeit. Imelda fuhr fort in der Übung aller Tugenden, und in der ständigen Glut ihrer Liebessehnsucht wurde das letzte Fleckchen irdischer Schwäche in ihrem Herzen getilgt.

 

Das Fest Christi Himmelfahrt des Jahres 1333 war gekommen. Am Morgen des freudvollen Feiertags war Imeldas Verlangen nach dem Heiland größer denn je. Wieder ging sie zum Spiritual, um mit erneuter Inbrunst zu bitten; wieder wurde sie abgewiesen. In Tränen aufgelöst, begab sich Imelda zum Festgottesdienst in den Chor. Da von Menschen keine Hilfe zu hoffen war, klagte das arme Kind dem Heiland sein Herzeleid, und wie beredt wurde es in seinen liebevollen Klagen! „O Jesus, o mein himmlischer Bräutigam“, seufzte sie, „willst Du denn wirklich, dass Deine kleine Magd sich verzehre in Sehnsucht nach Dir, ohne dass ihre Wünsche jemals befriedigt werden? Die Klosterfrauen haben mir doch oft von Deiner Vorliebe für die Kinder erzählt und hast Du nicht selbst gesagt: „Lasset die Kleinen zu mir kommen und wehret es ihnen nicht!“ Warum willst Du jetzt nicht zu mir kommen, da ich auch ein Kind bin und Dich so inbrünstig liebe? O gib mir, ich beschwöre Dich, nur ein einziges Krümlein von diesem Lebensbrot und ich werde gesättigt werden. Und wenn Du mich dessen nicht für würdig erachtest, so gib, dass ich sterbe, denn ich will nicht mehr leben ohne Dich!“ Inzwischen waren alle Klosterfrauen zum Tisch des Herrn getreten. Imelda dies sehend, barg ihr Haupt in den Händen, sie meinte, ihr Herzlein müsse vor Liebessehnsucht brechen.

 

Jetzt war aber der Augenblick gekommen, da der Heiland dem drängenden Verlangen des Kindes nicht mehr widerstehen konnte und musste er es selbst durch ein Wunder befriedigen. Durch die dämmernde Kirche fluteten Strahlen von Licht und über Imelda erschien eine Hostie und blieb über des Kindes Haupt in der Luft schweben. Imelda blickte auf, ein seliges Lächeln überflog ihr Antlitz und anbetend warf sie sich vor der heiligen Hostie nieder. Die Klosterfrauen, starr vor Staunen und Ehrfurcht, riefen eilig den Priester herbei. Er kommt, sieht das Wunder und versteht seine Bedeutung. Schnell entschlossen nimmt er eine Patene und nähert sich der heiligen Hostie. Diese lässt sich leise auf die Patene nieder, der Priester ergreift sie und reicht sie dem Gnadenkind, das in seligem Entzücken die Augen schließt, das Haupt neigt und wie in tiefer Anbetung versunken liegen bleibt. Wer kann sagen, was in diesem Augenblick in Imeldas Seele vor sich ging? Wer ahnt die Gnadenwunder dieser heiligen Kommunion? – Die Klosterfrauen vereinigten ihre mit Imeldas Danksagung und stundenlang wagten sie nicht, das Gnadenkind zu stören. Endlich aber naht die Oberin. Imelda muss sich nun ausruhen, sich stärken nach der Seelenerregung dieser Stunden; sie ruft leise, lauter – Imelda rührt sich nicht, - sie befiehlt – das Kind will nicht hören. „O Imelda“, mahnt da die Oberin, „immer hast du gefolgt und heute willst du nicht gehorchen!“ – Umsonst! – Da heben die Klosterfrauen Imelda auf und ein toter Engel ruht in ihren Armen. Schon vor Stunden, ja im Augenblick der ersten heiligen Kommunion musste Imelda gestorben sein. So viel Glück hatte ihr Herz nicht fassen können. Im ersten Kuss des Heilands war auch der Schleier der sakramentalen Gestalt vor ihrem entzückten Auge gefallen und der Heiland hatte seine liebende Braut heimgeholt zur ewigen Kommunion dort im Himmel.

 

13. Mai

 

Der heilige Servatius, 10. Bischof von Tongern und Maastricht,

+ 13.5.384 - Fest: 13. Mai

 

Vom heiligen Servatius, Bischof von Tongern, wird erzählt, dass er den heiligen Athanasius, als der vom Kaiser nach Gallien verbannt worden war, ehrenvoll aufnahm und dem Verfolgten großmütig alle Beihilfe angedeihen ließ; ferner, dass er auf dem Konzil von Sardica (347) einen heiligen Eifer für den Glauben der Kirche bewies. Er war auch unter der Zahl der auf Befehl des Kaisers Constantius zu Rimini versammelten Bischöfe und widersetzte sich mit aller Kraft dem Streben der Arianer. Da sich die rechtgläubigen Bischöfe durch ein verfängliches Glaubensbekenntnis von den Irrlehrern hatten hinters Licht führen lassen, versuchte Servatius nach Kräften den Fehler wieder gut zu machen und den Übeln vorzubeugen, die daraus entspringen konnten. Seinem Gebet, seiner liebreichen, zum Herzen dringenden Belehrung gelang es, gar viele der Verführten wieder mit der Kirche zu vereinigen.

 

Wie der heilige Gregor von Tours schreibt, sagt Servatius den Einfall der Hunnen in Gallien vorher und versuchte den göttlichen Zorn durch Wachen, Fasten, Tränen und Gebete zu besänftigen. Bald darauf erschienen die Barbaren wirklich am Rhein, und es war kein Heer da, welches das Land gegen ihre furchtbare Macht hätte beschützen können. In dieser Not versammelten sich die Bischöfe und Edlen Galliens, einen heiligen Mann zum Grabe der Apostelfürsten in Rom zu entsenden, damit er ihre Fürbitte für das bedrohte Vaterland erflehe. Die Wahl fiel auf Servatius, der sich der weiten und gefahrvollen Reise bereitwillig unterzog. Der eilige betete drei Tage und Nächte in der Kirche der Apostel, ohne zu essen und zu trinken oder sonst wie seinem Körper eine Erholung zu gönnen. Schließlich übermannte den Übermüdeten der Schlaf, und nun sah er im Traum einen strahlenden Thron, auf dem Christus selbst sich niederließ, umgeben von den Chören der Engel. Zu den Füßen des Heilandes knieten die Apostel Petrus und Paulus und schienen den Herrn inständigst zu bitten. Nach einiger Zeit erhob sich Petrus, ging zu Servatius heran und sprach: „Mann Gottes, warum hörst du nicht auf, mich zu drängen? Wisse, dass der Herr unabänderlich beschlossen hat, Gallien und andere Länder den Heiden preiszugeben, als Strafe für die Sünden der Christen, die zu ihm gen Himmel riefen. Kehre heim, bestelle dein Haus und lass dein Grab bereiten, denn deine Augen werden die Verheerungen nicht mehr schauen, die über Gallien hereinbrechen. Die Stadt Maastricht wird Gott deinetwegen verschonen, damit du Ruhe im Grab haben sollst.“

 

Dem göttlichen Willen demütig sich ergebend, trat Servatius ungesäumt die Rückreise nach Tongern an, kündete den Seinigen mit tränenden Augen das Gericht Gottes an, damit sie zu ernstlicher Buße bewegt würden, und traf sodann alle Anstalten zu seiner Grabesfahrt nach Maastricht. Geistlichkeit und Volk kamen zu ihm und baten wehklagend: „Heiliger Vater, verlass uns doch nicht, da der Feind vor der Tür ist!“ Servatius aber verwies sie auf den Ausspruch Gottes und ging nach Maastricht, wo er kurz vor dem Einfall der Hunnen selig entschlief. Das römische Martyrologium sagt, dass der Schnee, wenn er zur Winterszeit ringsum das Land einhüllte, doch niemals den Grabhügel des Heiligen bedeckte. Dieses Wunder konnte man lange Jahre sich wiederholen sehen, bis endlich eine Kirche über der Stätte erbaut wurde. Tongern wurde von den Hunnen so gänzlich zerstört, dass es nie wieder zu seinem alten Glanz sich erhob, während Maastricht verschont blieb, so dass die Nachfolger des heiligen Servatius fortan hier ihren bischöflichen Sitz nahmen.

 

Der selige Ellengar (Ellinger), Abt von Tegernsee,

+ 13.5.1056 (oder 18. Juni) – Fest: 13. Mai

 

Ob wohl alle, die in der Weltgeschichte einen großen Namen haben, wirklich die großen sind und wahrhaftig mehr geleistet haben als die ungezählten Kleinen, auf denen der Fluch der Bedeutungslosigkeit lastet wie ein druckschweres Zentnergewicht? Ob es nicht bei Gottes Endgericht einmal herauskommt, dass das arme Mütterlein im Winkel mit seinem Rosenkranz größeren Einfluss gehabt hat auf den Lauf der Weltgeschichte als ein Cäsar oder ein Napoleon? Die in der Welt die Verachtetsten waren und offenkundig in allem Missgeschick hatten, können leicht im Reich Gottes die Größten sein und manch einer der mächtigen Weltherrscher wird in der Ewigkeit ihnen dankbar die Hand drücken und ein kräftiges Vergeltsgott sagen müssen für das, was diese unbekannten Lenker der Weltgeschichte für sie an Gebet und Werken der Geduld aufgeopfert haben.

 

Ich meine, gar viele, die nach dem Jahr 1000 bis gegen die Mitte des 11. Jahrhunderts lebten und einen klangvollen Namen haben, müssen einmal im Himmel einen Dankbesuch machen beim seligen Abt Ellengar von Tegernsee. Dem ist auf Erden schier alles missglückt, was er begonnen hat; und wenn ihm irgendwo und irgendwann einmal etwas gelang, später hat es sich ein anderer zugemessen; am Ende seiner Mühen aber ist er gar noch da gestanden als ein Missetäter, bis man an seinem Grab erkannte, dass man einen Heiligen unschuldig verfolgt hatte.

 

Ellengar, Ellinger, mag zwischen 980 und 990 geboren sein. Er selber schreibt in einem Brief, dass er ein Landsmann des gelehrten Mönches Froumund von Tegernsee sei. Aber leider wissen wir dessen Heimat auch nicht. Zweifellos ist Ellengar am Hof eines Erzbischofs für das Priestertum herangebildet worden. Davon erzählt er selber in einem Brief, der nicht sehr lange nach dem Brand Tegernsees im Jahr 1035 geschrieben sein kann. Von diesem ungenannten Erzbischof – in Frage können nur kommen Bardo von Mainz, ein Verwandter der damaligen Kaiserin Gisela, Gemahlin Konrads II., oder Bischof Thietmar von Salzburg – war er zum Priester geweiht worden, hatte ihm als Kaplan gedient, und wenn Ellengar vom Jahr 1017 bis 1026 und noch einmal von 1031 bis 1041 als Abt von Tegernsee erscheint, mag ihn der ungenannte Erzbischof kraft seines Einflusses beim kaiserlichen Hof für jene verantwortungsvolle Stelle empfohlen haben. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist Ellengar vor seiner Ernennung zum Abt noch nicht Mönch gewesen, sondern hat erst kurz vor seiner Abtweihe Profess gemacht, ein Fall, der in jener Zeit nicht selten war. Für Ellengar war das hohe Amt mehr Bürde als Würde, denn die Mönche, die er zu Tegernsee antraf, waren zwar nicht eben schlimm, aber auch gerade keine Eiferer für das Gesetz des Herrn: und wie schwer man sich mit diesen lauen Leuten tut, kannst du dir unschwer vorstellen. Um so mehr Eifer scheint Ellengar selbst gehabt zu haben, denn alsbald hören wir in den Nachrichten aus jener Zeit von Klagen, die die Mönche über die Strenge des neuen Abtes erhoben. Unter feindseligen Menschen, deren verärgerte Stimmung deutlich aus ihren Mienen spricht, ruhig aushalten, ist anerkanntermaßen kein leichtes Stück. Vielleicht bist du schon selber in einer solchen Lage gewesen und kannst es dem armen Ellengar lebhaft nachfühlen, wie ihm mag zumute gewesen sein! Um so größer aber ist das Werk, so einer nicht nur gelassen auf dem harten Posten ausharrt, sondern sogar es sich angelegen sein lässt aus den steinernen Herzen einen Funken von Eifer herauszuschlagen. Es muss als hohe Ruhmestat Ellengars gepriesen werden, dass sich unter seiner Regierung Zucht und Ordnung im Kloster bedeutend hoben. Eines der Mittel, die er anwandte, darf nicht verschwiegen werden: er lenkte den Sinn der Mönche auf das Studium hin, das die Seele vor vielen Schäden bewahrt. Mit Ellengar hebt die Blütezeit Tegernsees auf dem Gebiet der Wissenschaften an, auf dem von allen Gelehrten die bleibende Bedeutung des Klosters gesucht wird. Der Abt gründete nämlich eine neue Schule. Als kluger, wohl rechnender Mann sorgte er auch dafür, dass die neue Schöpfung nicht so rasch verfalle: er legte es dem frommen Ritter Adalbero von Sachsenkam nahe, durch eine ausreichende Stiftung für den Bestand der Schule zu sorgen. Auch von Kaiser Heinrich dem Heiligen erbat er sich Spenden für diesen Zweck und erhielt sie auch. Aber das alles zählte nichts in den Augen jener Mönche, die für ein strengeres Klosterleben nicht zu haben waren. Für seine Mühen statteten sie ihm einen sonderbaren Dank ab: sie hetzten in so geschickter Weise gegen ihn und brachten es schließlich fertig, dass er von den geistlichen und weltlichen Vorgesetzten seines Amtes enthoben wurde. Und nun zeigte sich die Größe seiner Seele. Er hätte dem undankbaren Tegernsee den Rücken kehren können – hättest du es in seiner Lage nicht getan? Ellengar bewies aber, dass ihm das Gebot der Feindesliebe nicht bloß auf den Lippen schwebte, sondern ins Herz gewachsen war. So blieb er also in Demut als einfacher Mönch zu Tegernsee und machte sich dort seinen Feinden nützlich, insonderheit durch Abschreiben von Büchern. Fünf Jahre verbrachte er in dieser Trübsal. Soll uns das nicht ein kraftvoller Antrieb sein, in Geduld und Demut auszuharren, wenn wir etwa auch einmal von unseren Feinden, Gegnern, Neidern in ein armseliges Winkelchen gedrückt werden und dort länger uns bescheiden müssen als uns lieb sein kann? Wie oft kommt es im Leben vor, dass einer um seine gute Stelle gebracht wird von missgünstigen Leuten. Dann mag er sich getrösten, dass er das gleiche Schicksal erlitten hat wie der selige Ellengar. Mag er dann auch stark sein und seine Sache Gott befehlen wie er!

 

Denn nicht immer kann man sich mit Sicherheit damit trösten, dass auf Regen Sonnenschein folgt. In trüben Sommern reißt wohl manchmal der Nebelschleier und die kraftvolle Sonne macht uns frohe Hoffnung auf viele lichte Tage. Aber bald ziehen die alten drohenden Wolken wieder am Horizont herauf und sagen uns, dass wir zum Dulden ebensogut geboren sind wie zur Freude. So war es auch in Ellengars Leben. Im Jahr 1031 wurde Ellengar wieder in seine Rechte als Abt von Tegernsee eingesetzt, um doch nach zehn Jahren wieder abgesetzt und vertrieben zu werden. Zunächst entfaltete er in Tegernsee und Benediktbeuren eine reiche Tätigkeit als Wiederhersteller der klösterlichen Lebensordnung. Aber auch um die zeitliche Wohlfahrt der ihm anvertrauten Herde kümmerte er sich ohne Unterlass. Indes gerade in dem Augenblick, da das Kloster glänzend dastand, zeigte sich, dass Ellengar zu den Lieblingen Gottes gehörte, die durch Leiden sich ihre herrliche Krone verdienen müssen: im Jahr 1035 brannte sein schönes Kloster gänzlich ab. Was man den Flammen entriss, raubten im folgenden Jahr die Diebe. Ellengars Lebenswerk war vernichtet. Und wäre es bloß dies gewesen! Die alten Feinde des eifrigen Abtes standen wieder auf und versuchten ihn zu stürzen. Sie behaupteten, die Schuld am großen Brandunglück trage er. Leider hatten sie nur allzu großen Erfolg. Der Bischof von Freising, der Erzbischof von Salzburg und endlich Kaiser Heinrich III. ließen sich von den Anklägern so gegen Ellengar einnehmen, dass er sich umsonst verteidigte. Er wurde am 3. Oktober 1041 wieder abgesetzt. Nun muss dabei eins eigens festgehalten werden: während der Zeit, da seine Feinde gegen ihn gehetzt und seinen Sturz betrieben hatten, war er nicht müßig gewesen. Er hatte Kloster und Kirche neu gebaut. Und nun ein solcher Dank für alle seine Mühen! Der harte Spruch seiner Richter verlangte von ihm überdies, dass er die Stätte seines Wirkens verlasse und in die Verbannung nach Niederalteich an der Donau gehe. Dort lebte er noch fünfzehn Jahre in stiller Zurückgezogenheit. Neben Gebet und anderen geistlichen Übungen widmete er sich abermals der Fertigung von Handschriften. Gott gab ihm noch den Trost, dass er in seinem Todesjahr in seine Klosterheimat zurückkehren konnte. Jetzt erst erkannten die Mönche von Tegernsee, dass sie einen heiligen Dulder verfolgt hatten und säumten nicht, ihm die gebührenden Ehren zu erweisen, umso mehr, als an seinem Grab besondere Gebetserhörungen stattfanden.

 

Von Ellengar mögen wir lernen den erhabenen Königsweg des Kreuzes zu gehen, weil er der sicherste von allen Himmelswegen ist. Wer ihn gehen darf, ist so recht ein vertrauter Freund Gottes. Ein solcher arbeitet nicht für sich allein, sondern muss durch geduldiges Ertragen seiner Misserfolge vielen Seelen Gnade vor Gott verdienen, dass sie nicht verloren gehen. Beim Gericht wird die Welt mit Staunen zu ihnen aufblicken und sagen: „Die sind es, die wir verachtet haben, siehe, wie sind sie gezählt unter die Heiligen Gottes!“

 

Ellengar wurde im Jahr 1236 seliggesprochen.

 

14. Mai

 

Der heilige Bonifatius, Martyrer zu Tarsus in Cilicien,

+ 14.5.290 - Fest: 14. Mai

 

Der heilige Bonifatius, dessen die Kirche heute gedenkt, ist nicht zu verwechseln mit dem anderen Bonifatius, dem Apostel der Deutschen. Sodann ist von dem heutigen Bonifatius zu berichten, dass er zu den „Drei Gestrengen Herren“ gehört. Was soll das heißen?

 

Schau, wenn sich um diese Jahreszeit die Sonne wieder kräftiger durchdringt, so lösen sich unter ihren wärmenden Strahlen hoch im Norden mächtige Blöcke vom ewigen Eis, di als sogenannte Eisberge hinaus ins Meer fahren und für Europa noch einmal kurz vor dem Sommer gerade zu der Zeit Nachtfröste bringen, da in der Natur weitgehend die Blüte eingesetzt hat, und wenn darüber der Frost kommt, so kann es um die Ernte geschehen sein.

 

Die Maifröste sind daher sehr gefährlich und sehr gefürchtet. Gewöhnlich treten sie am 12., 13. und 14. Mai auf, und weil die Bauern im Mittelalter die Wetterregeln nach den Heiligen benannten, erhielten die drei Heiligen, deren Fest auf die erwähnten Tage fällt, den Namen die „Drei Gestrengen Herren“. Auch heißen sie wohl die „Eisheiligen“. Das ist natürlich nicht so zu verstehen, dass man den drei Heiligen die Schuld an den Nachtfrösten gab, im Gegenteil, man rief vielmehr ihre Fürbitte dagegen an, aber die unguten Namen sind nun einmal an ihnen hängengeblieben.

 

Die „Drei Gestrengen Herren“ sind der heilige Pankratius, von dem vorgestern erzählt wurde, ferner der heilige Servatius, ein ehemaliger Bischof von Maastricht im heutigen Holland, und drittens der heilige Bonifatius, der die Dreierreihe der Eisheiligen schließt. Von morgen ab ist daher mit Nachtfrost kaum noch zu rechnen. Von morgen ab kann man auch Bohnen legen und Tomatensetzlinge ins Freie pflanzen.

 

Vom heiligen Bonifatius heißt es, dass er anfänglich ein ausschweifendes Leben geführt habe. Was ist denn das, ein ausschweifendes Leben? Leute, die ein ausschweifendes Leben führen, brauchen an sich keine bösartigen Menschen zu sein, es sind im Gegenteil nicht selten gutmütige und gutherzige Frauen und Männer, aber es fehlt ihnen die Willensstärke. Leicht verfallen sie dem Trunk und der Sittenlosigkeit, und weil sie an ihrem schwachen Willen keinen Halt haben, fallen sie immer tiefer diesseits und möglicherweise auch jenseits vom Tod in den Abgrund hinab. Es sind bedauernswerte Menschen.

 

Bonifatius führte also anfänglich ein ausschweifendes Leben. Er hat zu viel getrunken, Glücksspiele hat er getrieben, und auch sonst war er nicht vorbildlich. Dazu wollte es das Unglück, dass er in seiner Stellung als Güterverwalter der Fürstin Aglae zu Rom eine Herrin über sich hatte, die keinen Strich besser war als er selbst. Allerdings muss man den beiden zugutehalten, dass sie es als Heiden nicht besser wussten, und auch das muss zu ihrem Lob gesagt werden, dass sie sich überaus mildtätig gegenüber den Armen und Notleidenden benahmen. Diese gute Eigenschaft mag ihnen wohl die Gnade der Bekehrung verschafft haben, denn der liebe Gott lässt keine gute Tat unbelohnt.

 

Die Bekehrung der beiden begann damit, dass die Fürstin Aglae zufällig von der Wunderkraft der Martyrerreliquien hörte. In Rom wurden die Christen damals nicht verfolgt, wohl aber in Kleinasien. Deshalb schickte Aglae ihren Güterverwalter dorthin, damit er ihr Reliquien beschaffe. Bonifatius reiste ab, gelangte nach Tarsus und kam gerade recht, um Zeuge eines richterlichen Verfahrens gegen zwanzig Christen zu sein, die gleich darauf heldenmütig für den Glauben mit schweren Martern gequält wurden. Da schlug für Bonifatius die Gnadenstunde, und Gott zahlte ihm hundertfältig heim, was er den Armen Gutes getan hatte. Das Beispiel der Martyrer überzeugte ihn von der Wahrheit des christlichen Glaubens, und durch die Hilfe von oben gestärkt, brachte der bisher willensschwache Mann die Kraft auf, sich ebenfalls als Christ zu bekennen und sich den Helden bei zugesellen, mit denen er den Todesstreich empfing am 14. Mai 290. Auch die Fürstin Aglae bekehrte sich und führte bis ins hohe Alter ein vorbildliches Leben. Da hatte also den beiden das Wohltun reichliche Zinsen gebracht.

 

15. Mai

 

Der heilige Johannes Baptist de La Salle,

Priester und Ordensstifter von Frankreich,

+ 7.4.1719 - Fest: 15. Mai

 

Früher, vor dreihundertundfünfzig Jahren etwa, gab es wohl schon Schulen, aber wenige und bloß in den großen Städten. Weil die Lehrer in diesen Schulen im Gegensatz zu heute von den einzelnen Schülern ein hohes Schulgeld forderten, konnten nur die reichen Kinder am Unterricht teilnehmen. Den armen Kindern dagegen blieben die Türen zu den Schulzimmern verschlossen. Dass sich diese Zustände zum lebenslänglichen Nachteil der Ärmeren auswirken mussten, liegt auf der Hand; denn Wissen ist Macht, dachten die Reichen, und darum taten sie vielfach auch alles, was sie konnten, um die Armen in der Unwissenheit zu erhalten. Dumme Leute kann man nämlich leichter ausbeuten als gescheite.

 

Um diese Missstände abzustellen, haben zwei katholische Priester, die beide von der Kirche als Heilige verehrt werden, die ersten Armenschulen mit unentgeltlichem Unterricht gegründet, Joseph von Calasanza in Italien und Johannes Baptist de La Salle in Frankreich.

 

Am 30. April 1651 wurde Johann Baptist de La Salle, der Sohn eines adeligen hohen Staatsbeamten, geboren und mit siebenundzwanzig Jahren erhielt er die heilige Priesterweihe. Und bald darauf glaubte er sich von Gott berufen, „die Armen in der christlichen Lehre zu unterrichten und die jungen Leute auf dem Weg zur Wahrheit zu festigen“.

 

Daher gründete Johannes Baptist de La Salle zu Reims die ersten Freischulen. Gleich von Anfang an kamen viele Kinder. Es war ein Glück, dass sich neben den Schülern auch gutgesinnte Männer einfanden, die den Unterricht unter sich aufteilten und die sich später zu einem religiösen Orden vereinigten, zum Orden der Schulbrüder, der im Dienst der Kinder und Jugendlichen Unvergängliches leistete und immer noch leistet.

 

Der heilige Johannes Baptist de La Salle ist also dadurch für alle Zeiten ein großer Wohltäter der kleinen Leute geworden, dass er auch den Armen den Besuch der Schule ermöglichte. Doch die Kinder verdanken ihm noch mehr; denn er war es auch, der den Schülern den Unterricht um vieles leichter gemacht hat. Früher hatten es die Kinder in der Schule nämlich noch erheblich schwerer, als sie es heute haben.

 

Es war so, dass man gleich nach der Aufnahme in die Schule zuerst einige Wochen Latein lernen musste, und dann redeten die Lehrer nur noch Latein, fragten lateinisch ab, und die Schüler mussten auf Latein antworten. Da konnte man eben nur schwer mitkommen. Wie dankbar sollten daher die Kinder dem heiligen Johannes Baptist de La Salle sein, der als erster die Muttersprache im Unterricht einführte. Dadurch ist das Lernen sicher um vieles leichter und erfolgreicher geworden.

 

Der heilige Johannes Baptist de La Salle war es aber auch, der als erster den Kindern gute und tüchtige Lehrerinnen und Lehrer besorgt hat. Vorher war es mit den Lehrern schon so eine Sache. An eine besondere Ausbildung für den Lehrberuf dachte noch niemand. Lehrer wurde, wer sonst nichts werden konnte. Der Lehrerstand galt vielfach als die letzte Zuflucht arbeitsscheuer Menschen, die selbst kaum schreiben und lesen konnten. Weil diese unwissenden Lehrer selbst nicht viel wussten, konnten sie den Schülern auch nur wenig beibringen. Da hat der heilige Johannes Baptist de La Salle wieder durchgegriffen und hat als erster Lehrerschulen gegründet, in denen die Lehrerinnen und Lehrer erst selbst einmal fleißig studieren mussten und eine gute Ausbildung für den Lehrberuf erhielten. So ist es gekommen, dass heutzutage die Lehrerinnen und Lehrer sehr klug sind und deshalb auch aus Schülern kluge Leute machen können, allerdings nur dann, wenn die Schüler auch fleißig sind. Das ist die Voraussetzung.

 

Der heilige Johannes Baptist de La Salle, der am 7. April 1719 gestorben ist und den Papst Pius XII. im Jahr 1950 zum Patron aller Lehrerinnen und Lehrer erklärt hat, war also ein gottbegnadeter Schulmann, dem heute noch alle Kinder zu großem Dank verpflichtet sind.

 

Der heilige Isidor, Bauer und Bekenner von Madrid,

+ 15.5.1130 - Fest: 15. Mai

 

Der heilige Isidor, der um das Jahr 1100 lebte, war weder ein Großbauer noch ein Kleinbauer auf dem eigenen Land, sondern ein armer Pächter, der in der Nähe der spanischen Hauptstadt Madrid ein Gut bewirtschaftete. Nicht ein Hälmchen von all dem Gras und Korn, das auf den Äckern und Wiesen wuchs, war Isidors Eigentum, sondern das alles und auch das Vieh in den Ställen, die Pferde, die Kühe und die Kälber, die Ziegen und die Schafe, die Gänse und die Enten und die Hühner, all das gehörte dem reichen Baron von Vergas, der in Madrid ein großes Haus besaß. Isidor aber musste für den Herrn schuften auf dem steinigen, staubigen Boden unter der unbarmherzig brennenden Sonne des Südens, so dass er sich alle Tage im eigenen Schweiß badete und mit der Zeit das Aussehen einer gedörrten Birne annahm.

 

Wer so viel arbeiten muss wie Isidor, kann sich aber leicht selbst verlieren, indem er beim ständigen Arbeiten Gott und die eigene Seele vergisst und ein Sklave der Arbeit wird. Isidor entging der Gefahr dadurch, dass er jeden Tag in der Frühe zum Gottesdienst ging. Auch betete er sehr oft beim Arbeiten auf dem Feld und im Stall. Entweder verrichtete er Stoßgebete oder er kniete ein Weilchen vor einem der vielen Bildstöcke, die er an allen Enden des Gutes aufgestellt hatte.

 

Einmal verklagten neidische Nachbarn Isidor bei seinem Herrn und erzählten ihm, dass Isidor vor lauter Kirchengehen und Beten die Äcker und die Weiden verkommen lasse. So gut machten die üblen Hetzer ihre Sache, dass der Besitzer des Hofes ganz zornig wurde und in der Frühe des nächsten Tages den Pächter bereits erwartete, als er nach der heiligen Messe die Kirche verließ. Dort bekam er natürlich ein gewaltiges Donnerwetter von seinem Herrn zu hören. Isidor schwieg, und erst am Schluss der langen Strafrede bat er ihn, mit ihm auf das Feld zu gehen. Widerwillig ging der Pachtherr mit Isidor aufs Feld, und als die beiden am Ziel ankamen, sah Baron von Vergas auf dem Acker ein Gespann mit weißen Zugtieren, das, von einem Engel geführt, in geraden, tiefen Furchen den Boden auflockerte.

 

Das ist die erste Legende aus dem Leben des heiligen Isidor, deren Sinn darin zu liegen scheint, dass Gott denjenigen, der gut und gerne betet, bei der Arbeit nicht im Stich lässt.

 

Nun kommt die zweite Legende an die Reihe, die ebenso schön ist wie die erste.

 

Obwohl Isidor arm war, gab er trotzdem noch ärmeren Menschen von seinem Wenigen etwas ab. Kein Bettler entfernte sich unbeschenkt von seiner Tür. Selbst zu den Tieren war der gute Mann voll Barmherzigkeit.

 

Einmal ging Isidor in Begleitung eines Nachbarn mit einem Sack Getreide auf dem Rücken zur Mühle, um das Korn mahlen zu lassen. Es war mitten im Winter, und der Schnee bedeckte fußhoch den Boden. Da sah der Heilige auf einem Baum am Weg etwa hundert hungernde Vögel. Der Anblick tat seinem feinfühligen Herzen weh. Mit einem Ruck entledigte er sich seiner Last, räumte mit den Händen den Schnee weg, griff tief in den Sack und streute den Vögeln reichliches Futter hin. Als ihm dann der Begleiter, ein hartherziger Mann, sein Tun tadelte und ihn ausschimpfte, lachte der Heilige nur, ohne ein Wort zu entgegnen. Wie aber musste der Nachbar staunen, als es sich nachher zeigte, dass der Müller aus Isidors halbem Sack zwei Säcke voll von feinstem Mehl mahlte, während der eigene volle Sack Korn nur einen halben Sack schlechtes Mehl ergab.

 

So berichtet, wie gesagt, die Legende, Gott wollte durch das Wunder zeigen, wie angenehm es in seinen Augen ist, wenn sich die Menschen auch gegenüber den Tieren barmherzig erweisen. Und wer dies recht bedenkt, kommt von selbst zu der Einsicht, dass die Tierquäler in Gottes Augen so richtig Böses tun.

 

Der heilige Isidor ist übrigens der Schutzpatron Madrids und der Bauern.

 

16. Mai

 

Der heilige Johannes von Nepomuk, Priester und Martyrer von Prag,

+ 20.3.1393 - Fest: 16. Mai

 

Welflin hieß der Heilige von Haus aus. Um das Jahr 1340 wurde er in dem südböhmischen Dorf Nepomuk als Bauernsohn geboren. Als er sehr früh ein Waisenkind wurde, nahmen sich die Mönche des heimatlichen Zisterzienserklosters des Jungen an. Johannes durfte zur Schule gehen und anschließend studieren. Er wurde Weltpriester in Prag und wuchs schnell in Ämter und Würden hinein, wurde Pfarrer, Domherr, Stellvertreter des Erzbischofs und Beichtvater der Königin. Der arme verwaiste Bauernsohn hatte sich prächtig emporgearbeitet. Auch die innere Entwicklung hatte mit der äußeren Schritt gehalten, denn Johannes war ein würdiger Priester, fromm, demütig, gewissenhaft, eifrig, mildtätig und pflichtbewusst. Nur so auch konnte er die harte Prüfung bestehen, die über den Dreiundfünfzigjährigen im Jahre 1393 hereinbrach.

 

In Prag regierte damals als König von Böhmen Wenzel I. Ein Taugenichts war dieser König, ein Trinker und ein roher Kerl, äußerlich ein Christ, innerlich aber ohne jeden Glauben, in allem das genaue Gegenteil seiner herzensguten Frau. Da hatte der Unmensch eines Tages Lust darauf, die Sünden seiner Frau kennenzulernen. Weil er selbst schlecht war, glaubte er, alle Leute seien wie er, auch die eigene Frau. Deshalb wollte er ihre vermeintlichen Schlechtigkeiten auskundschaften, um die eigenen damit zu entschuldigen. Es leuchtet also ein, dass dieser Mann ein wirklich übler Kerl war.

 

König Wenzel bestellte den Beichtvater der Königin zu sich und eröffnete ihm seinen Wunsch, wobei er bemerkte, dass er als Ehemann das Recht habe, auch die letzten Geheimnisse seiner Frau zu erfahren. Übrigens versprach er dabei mit seinem königlichen Ehrenwort, dass er wie ein Grab schweigen werde, und wenn er, der Beichtvater, dem Ansinnen entspräche, so werde er ihn zum Bischof erheben.

 

So sprach der König, doch bei Johannes von Nepomuk kam er mit seinem Begehren vor den richtigen Mann. Höflich, aber fest und bestimmt lehnte er es ab, dem Wunsch zu entsprechen, indem er sagte, lieber wolle er in den Tod gehen als das Beichtsiegel verletzen. Da ließ der König den aufrechten Mann auf die Folter spannen, die dem Gemarterten Arme und Beine aus den Gelenken riss. Und als Johannes von Nepomuk auch dann noch schwieg, versengte der königliche Unmensch selbst mit brennenden Pechfackeln den Leib des Martyrers, der sich vor Schmerzen krümmte, dabei aber nicht ein Wort preisgab von dem, worüber er das Geheimnis wahren musste. Schließlich ließ der rasende König den Heiligen, der trotz der grauenhaften Marter noch lebte, in der Nacht vom 20. auf den 21. März 1393 von der Brücke, die im Herzen Prags über die Moldau führt, ins Wasser werfen, in dem dann der heldenhafte Priester als ein Opfer des Beichtgeheimnisses einen glorreichen Tod fand.

 

Kaum war die Tat des Königs vollbracht, da umspielte ein glänzendes Wunder die Gestalt des Heiligen. Der Leichnam ging nicht unter, sondern schwamm, von Licht umflossen, an der Oberfläche des Wassers in der Mitte des Flusses. Die ganze Stadt lief trotz der nächtlichen Stunde zusammen, und während König Wenzel später in Schmach und Schande durch einen plötzlichen Tod dahingerafft wurde, blieb das Opfer des Heiligen unvergessen.

 

Viele Menschen tragen voll Stolz den Namen des Martyrers als Taufnamen. Auf ungezählten Brücken steht das Bild dessen, der um des Beichtsiegels willen von einer Brücke aus den Heldentod starb. Und als man dreihundert Jahre später sein Grab öffnete, fand man zwar den Leib in Staub zerfallen, aber die Zunge war und ist bis auf den heutigen Tag unverwest erhalten. So ehrt Gott den Martyrer des Beichtgeheimnisses.

 

Wie Johannes von Nepomuk werden in gleicher Lage alle Priester handeln, dass sie nämlich eher in den Tod gehen, als dass sie auch nur einen einzigen Buchstaben von dem preisgeben, was man ihnen in der Beichte gesagt hat.

 

17. Mai

 

Der heilige Paschalis Baylon,

Laienbruder und Bekenner von Villa Reale, Spanien,

+ 17.5.1592 - Fest: 17. Mai

 

Wenn die Mitte des Maimonats einmal vorüber ist und unter der warmen Sonne die Blumen zahlreicher und prachtvoller zu blühen beginnen, dann ist auch jenes Fest nicht mehr fern, das wir uns ohne Blumen gar nicht denken können, das heilige Fronleichnamsfest. Heute schon werden wir an die bevorstehende Großfeier erinnert, denn in der heiligen Messe begehen wir das Gedächtnis eines Heiligen, der in vorbildlicher Weise ein eifriger Verehrer des Heilandes im Tabernakel war und der deswegen später zum himmlischen Patron aller Verehrer des Allerheiligsten Altarsakramentes erklärt wurde. Es ist der heilige Paschalis Baylon.

 

In Spanien, wo Paschalis im Jahre 1540 geboren wurde, ist es Brauch, die Kinder nach den Heiligen oder nach den Festen zu benennen, welche an ihrem Geburtstag gefeiert werden. Weil nun der Heilige des heutigen Tages am Pfingstsonntag geboren wurde und das Pfingstfest auch Pascha Pentekostes, auf deutsch Hochostern heißt, nannte man ihn Paschalis. Paschalis bedeutet also den österlich-pfingstlichen Mann. Es ist das ein wirklich schöner Name.

 

Oster- und Pfingstmenschen müssten wir alle immer sein, wir, die wir vom Heiland erlöst wurden und vom Heiligen Geist geheiligt werden.

 

Paschal, der österlich-pfingstliche Mensch, nach seinem Heimatort Bayol zubenannt, war armer Leute Kind und musste, sehr jung noch, das Vieh hüten. Gern hätte er die Schule besucht, um lesen und schreiben zu lernen, aber für den Schulbesuch fehlten Zeit und Geld, und einen Schulzwang wie heute gab es damals noch nicht. Paschal wusste sich indessen zu helfen, indem er andere, die schreiben und lesen konnten, bat, es ihm beizubringen.

 

Beim Hüten achtete Paschal vor allem darauf, dass das Vieh auf dem Weg von und zur Weide nicht vom fremden Acker naschte. Geschah es trotz aller Vorsicht seinerseits doch, so hielt er den Besitzer des Feldes von seinem eigenen Lohn schadlos. So gewissenhaft beobachtete der Junge das siebte Gebot.

 

Als Paschal vierundzwanzig Jahre alt war, ging er ins Kloster und wurde Franziskanerbruder. Die Laienbrüder nehmen den Ordenspriestern, damit sie sich ungestörter dem Predigen und Beichthören widmen können, die Hausarbeiten ab, und dadurch tun sie etwas sehr Verdienstvolles. So hat es auch Paschal gemacht; er hat den Garten besorgt, Holz zerkleinert, gewaschen, geschneidert und den Küster- und Türdienst versehen. Vor keiner Arbeit hat er sich gedrückt, nur das Leid hat ihn manchmal arg gequält, dass er bei dem Übermaß an Arbeit, die er besorgen musste, zu wenig Zeit zum Beten fand. Das hat ihn geschmerzt, und deswegen hat er oft halbe Nächte betend durchwacht.

 

Vor allem war es der liebe Heiland im Sakrament, um den sich immerwährend bei Tag und Nacht die Gedanken des frommen Bruders in Andacht und Verehrung bewegten. Wo er ging und stand, was er tat und sagte, stets blieb sein Herz bei dem, dessen Liebe ihn beseligte und ausfüllte, und vielhundertmal im Tag grüßen Stoßgebete, heiß und innig, den guten Freund im Tabernakel. Sein Leben war wie eine ewige Anbetung des Allerheiligsten Altarsakramentes. Es war ein schönes Leben, dieses Leben des österlich-pfingstlichen Menschen; es war ein glückliches Leben, glücklich für Zeit und Ewigkeit.

 

Damit auch uns solch ein schönes Leben in steter Vereinigung mit dem Heiland im Sakrament beschieden sein möge, beten wir heute mit der Kirche:

 

„O Gott, du ziertest deinen heiligen Bekenner Paschalis mit wunderbarer Liebe zu den hochheiligen Geheimnissen deines Leibes und Blutes, so gib in deiner Gnade, dass wir aus diesem göttlichen Mahl dieselbe Fülle des Geistes wie er schöpfen dürfen. Amen.“

 

18. Mai

 

Der heilige Deogratias (hl. Felix von Cantalicio), Italien,

Laienbruder der Kapuziner,

+ 18.5.1587 - Fest: 18. Mai

 

Es gibt einen Heiligen, der so gar nicht in unsere Zeit hineinpasst: Der heilige Deogratias. Der Kapuzinerorden feiert sein Fest am 18. Mai. Natürlich hieß er nicht von Geburt an so, es ist ein Name, den die Leute ihm gaben, weil sie ihn passend fanden. Eigentlich hieß Deogratias Felix und war ein Bauernsohn. 1515 wurde er in der Nähe von Rom geboren und in seiner kleinen Welt gab es nicht einmal eine Schule. Felix konnte lebenslang weder lesen noch schreiben; trotzdem rühmte er sich, wenigstens sechs Buchstaben zu kennen, fünf rote und einen weißen. Die fünf roten waren für ihn die heiligen fünf Wunden Jesu, und der sechste war das Unbefleckte Herz Mariä. Das war die ganze Weisheit, über die Felix verfügte, aber sie reichte, um aus ihm einen Heiligen zu machen. Die Heiligkeit hängt also nicht unbedingt davon ab, dass man lesen und schreiben kann, wohl aber hängt sie davon ab, dass man von Jesu Wunden die Geduld und vom unbefleckten Herzen Mariä die Dankbarkeit erlernt. Felix musste als Kind das Vieh hüten, und vom zwölften bis zum dreißigsten Lebensjahr war er als Knecht bei einem Bauern tätig. Dann trat der eifrige Beter als Laienbruder bei den Kapuzinern ein. Als er sich im Kloster vorstellte und um Aufnahme bat, führte der Obere Felix vor ein Kreuz, an dem der Heiland in Blut und Wunden hing, und fragte ihn: „Verstehst du das?“ Felix nickte mit dem Kopf zum Zeichen dafür, dass er den Sinn der Frage verstand und zugleich bejahte. Über vierzig Jahre bis zum letzten Tag seines Lebens verbrachte Felix im Kapuzinerorden. Seine Tätigkeit bestand darin, dass er mit dem Bettelsack auf dem Rücken durch Rom wanderte und um milde Gaben für die Armen und auch für die Mitbrüder bettelte, denn die Kapuziner besaßen weder Eigentum noch festes Einkommen. Tag um Tag tat es der Bruder, vierzig Jahre lang, treu und unverdrossen, und wenn er ein Almosen erhielt, sagte er „Deogratias“, eigentlich „Gott sei Dank“, aber eher so wie unser „Vergelt’s Gott!“. Das sagte er aber nicht so oberflächlich, kalt und geschäftsmäßig, sondern innig und herzlich und freundlich und fröhlich, dass sich die Leute schon im Voraus auf sein schönes „Vergelt’s Gott!“ freuten. Und so nannte man ihn allgemein einfach den Bruder Deogratias. Weil Felix auch sehr kinderlieb war, brauchte er sich nur auf der Straße sehen zu lassen, und gleich war er von Kindern umringt, mit denen er sang und spielte. Aus allem, was der Bruder tat und sagte, strahlte eine große Heiligkeit hervor, so dass selbst Kardinäle und Bischöfe den Hut vor dem schlichten Mann zogen, wenn sie ihm auf der Straße begegneten.

 

Der heilige Theodotus, Martyrer von Ancyra, Galatien,

+ 18.5.303 - Fest: 18. Mai

 

Theodotus war aus Ancyra, der Hauptstadt Galiciens, und hatte seine Erziehung einer gottseligen Jungfrau, namens Tekusa, zu verdanken. Nachdem er in den Ehestand getreten war, errichtete er eine Schenke und fing an, Wein zu verkaufen. Der Gefahren ungeachtet, denen man bei einem solchen Geschäft sich ausgesetzt findet, blieb er immer gerecht, mäßig und eifrig in Ausübung der Christenpflichten. Fasten, Beten und Almosengeben war seine Wonne. Er war aber nicht nur Helfer der Armen, sondern er brachte auch Sünder zur Buße und ermutigte sogar mehrere Gläubige zur Erduldung des Martertodes. Gott schenkte ihm die Wundergabe, und man liest in seinen Akten, dass er Kranke heilte, indem er über ihnen betete oder sie mit seiner Hand berührte. So lebte er in Ausübung heiliger Werke, bis im Jahr 303 unter den Kaisern Diocletian und Maximian die bekannte furchtbare Christenverfolgung ausbrach. Theodotus ließ sich dadurch nicht Schrecken, weil er stets wie ein Mensch gelebt hatte, der sich bereitet, sein Blut für Christus zu vergießen. Während viele Gläubige ihr Heil in der Flucht suchten, blieb er in Ancyra, stand den Bekennern in den Gefängnissen bei und begrub die Leichname der Martyrer, obgleich dieses bei Todesstrafe verboten war. Der Statthalter hatte befohlen, alle Lebensmittel, bevor sie auf dem Markt feilgeboten würden, den Götzen zu opfern, und so mussten die Christen entweder Hungers sterben oder von dem, den Götzen geweihten, Brot und Fleisch essen. Theodotus hatte sich glücklicher Weise mit einem großen Vorrat von Getreide versehen, das nicht durch die gottesschänderischen Zeremonien der Heiden befleckt war. Er verkaufte es ohne Gewinn an seine Glaubensgenossen und verschaffte ihnen dadurch Lebensmittel, die sie genießen konnten, ohne ihr Gewissen zu verletzen. Auf diese Weise wurde die Schenke Theodot´s in eine Zufluchtsstätte für die Christen umgewandelt und in einen Ort des Gebetes, wo sich die Gläubigen versammelten, um den wahren Gott zu verehren. Da fanden zugleich die Kranken Verpflegung, die Fremden eine sichere Herberge. Die Furcht, entdeckt zu werden, hielt den Heiligen nicht ab, bei jeder Gelegenheit seinen Eifer für die Ehre Gottes an den Tag zu legen.

 

Einige Stunden von Ancyra stand eine Burg, Malus genannt. Theodotus kam aus besonderer Fügung der Vorsehung gerade in dem Augenblick dorthin, als man die Überreste des Körpers des heiligen Martyrers Valens, der zum Feuertod verurteilt worden war, in den Fluss Halys werfen wollte. Er hatte das Glück, sich diese kostbaren Reliquien zu verschaffen, und nahm sie mit, um sie an einen sicheren Ort zu verwahren. Während seiner Abwesenheit von Ancyra hatte der Statthalter sieben Jungfrauen des Glaubens wegen verhaften lassen, unter denen sich auch jene Tekusa befand, die an unserem Heiligen Mutterstelle vertreten hatte. Man trieb mit den Dienerinnen Gottes den schändlichsten Mutwillen und führte sie zu dem Teich der Diana hinaus, wo sie ganz entblößt den schamlosen Augen des Pöbels preisgegeben wurden. Als Theodotus nach seiner Rückkehr davon hörte, schloss er sich mit einigen anderen Christen in einem der Patriarchenkirche nahe gelegenen Haus ein und flehte auf den Knien unablässig zu Gott, dass er die Jungfrauen siegreich aus allen Prüfungen hervorgehen lassen möge. Gegen Mittag kam die Nachricht, dass die Martyrerinnen standhaft ausgehalten hätten und im Teich ertränkt worden seien. Daraufhin warf sich Theodotus von Neuem auf die Knie und dankte dem Himmel mit lauter Stimme für die Erhörung seines Gebetes. Am anderen Tag abends ging er mit Polybius und Theocharides zum Teich, und es gelang ihm mit Hilfe eines furchtbaren Ungewitters, das die Wache von ihrem Rundgang abhielt, die heiligen Leiber aus dem Wasser zu ziehen, worauf er sie bei der Kirche der Patriarchen beerdigte. Während dieser Handlung hörte er vom Himmel eine Stimme, die ihm zurief: „Sei guten Mutes, Theodotus! Der Herr hat deinen Namen unter die Martyrer geschrieben!“

 

Am folgenden Tag geriet die ganze Stadt in Bewegung bei der Kunde, man habe die Leichname der sieben Jungfrauen entwendet. Wo ein Christ sich zeigte, wurde er verhaftet und auf die Folter gelegt. Als Theodotus erfuhr, dass so viele Unschuldige dieser Tat wegen der Marter ausgesetzt seien, trat er selber vor den Statthalter und gab sich als den Urheber an. Theoktenes, so hieß der Statthalter, versprach ihn straflos zu halten, wenn er Christus entsagen würde. Der Heilige aber erhob in seiner Antwort die Größe, Herrlichkeit und Macht Jesu und zeigte zugleich das Gottlose und Abgeschmackte des Götzendienstes, indem er die schändlichen Laster, die den Göttern von den Dichtern und Geschichtsschreibern beigelegt werden, genau aufzählte. Hierüber gerieten die Heiden in schreckliche Wut, und die Priesterinnen der Diana, die eben beim Statthalter sich befanden, wurden in eine solche Raserei versetzt, dass sie sich die Haare ausrauften, ihre Kleider zerrissen und ihre Kronen, die sie auf dem Haupt trugen, zu Boden warfen und in Stücke zertraten, mit heiseren Stimmen Gerechtigkeit gegen den Feind der Götter fordernd.

 

Theodotus wurde nun auf die Folter gespannt und die anwesenden Heiden drängten sich herbei, ihn zu peinigen, um so ihren Eifer für ihre Götzen an den Tag zu legen. Einer löste den anderen ab. Sie zerrissen seinen Leib mit eisernen Krallen, gossen Weinessig über die Wunden und hielten brennende Fackeln an dieselben. Als der Martyrer einmal das Gesicht ein wenig vom Dampf des schmorenden Fleisches abwendete, rief ihm der Statthalter zu: „Ist das der Mut, dessen du dich zuvor gerühmt hast?“ Der Heilige erwiderte: „Du irrst dich sehr, wenn du meine Bewegung der Feigherzigkeit zuschreibst. Erfinde neue Martern, damit du siehst, welche Kraft Jesus denen einflößt, die für ihn leiden. Erkenne, dass, wer von der Gnade des Erlösers aufrecht erhalten wird, über alle Gewalt der Menschen erhaben ist.“ Der ergrimmte Statthalter ließ ihm jetzt die Zähne mit Steinen einschlagen; der Martyrer aber sagte: „Du kannst mir auch noch die Zunge abschneiden lassen; Gott hört selbst das Stillschweigen seiner Diener.“ Daraufhin wurde er in das Gefängnis zurückgebracht. Als er über den Platz ging, deutete er auf seinen ganz zerfleischten Leib, sagend: „Es ist billig, dass man solche Opfer dem Heiland bringe, der zuerst für uns gelitten hat?“

 

Fünf Tage danach ließ ihn der Statthalter wieder vor sich führen. Man spannte ihn erneut auf die Folter und öffnete alle seine Wunden. Dann legte man ihn auf die Erde, welche ganz mit glühenden Ziegelstücken bedeckt war. Aber auch diese furchtbare Pein konnte die Standhaftigkeit des Heiligen nicht erschüttern. Der Statthalter, beschämt, dass er mit all seinen Marterwerkzeugen gegen den Diener Christi nichts vermöge, befahl endlich, ihm den Kopf abzuschlagen. Auf dem Weg zur Richtstätte wendete sich Theodotus an die Christen, die ihn begleiteten, und sprach: „Weint nicht über meinen Tod, sondern preist vielmehr den Herrn, der mich zu einer glücklichen Vollendung meiner Laufbahn geführt und mir den Sieg über den Feind verliehen hat. Wenn ich droben bin bei ihm, werde ich mich vertrauensvoll an ihn wenden und für euch bitten.“ Nachdem er dieses gesagt, empfing er mit Freuden den Todesstreich. Sein Leichnam sollte verbrannt werden, aber den Scheiterhaufen umgab plötzlich ein so belendendes Licht, dass niemand ihm zu nahen getraute, um ihn anzuzünden. Da ließ der Statthalter die Überreste des Martyrers von Soldaten umstellen. Gott aber fügte es, dass in der Nacht ein frommer Priester, namens Fronto, vorüber kam und die Wächter vom Wein berauscht und schlafend fand. Also gleich belud er den Esel, den er bei sich hatte, mit dem heiligen Leib und entführte ihn zu der Burg Malus, wo man in der Folge Theodotus zu Ehren eine Kirche baute.

 

 19. Mai

 

Der heilige Papst Cölestin,

+ 19.5.1296 - Fest: 19. Mai

 

Das Leben schlägt manchmal Purzelbäume. Richtig bunt geht es manchmal zu.

 

Da lebte einmal im 13. Jahrhundert irgendwo in Italien ein armer Bauernjunge, dessen einzige Sehnsucht es war, Priester zu werden. Viel hat er darum gebetet, und sein Gebet fand auch insofern Erhörung, dass er unter großen Opfern der Familie studieren konnte. Selten mag es wohl einen fleißigeren Studenten gegeben haben als diesen Jungen, der Peter hieß. Tag und Nacht lernte er, und so konnte es nicht ausbleiben, dass seine Nerven unter dem Übermaß an Arbeit litten. Peter benahm sich also unvernünftig, und die Folgen blieben nicht aus. Denn als er beinahe ausstudiert hatte, verlor er die Gewalt über die Nerven, schreckte vor der Verantwortung, die mit dem Priestertum verbunden ist, zurück, verließ die Welt und wurde Einsiedler.

 

Man muss es allerdings als ein Glück bezeichnen, dass Peter in die Einsamkeit ging, denn in der freien Natur kamen die Nerven zur Ruhe. Bald sah er wieder klarer und ließ sich auch die heilige Priesterweihe erteilen. Er blieb aber nicht in der Welt, sondern kehrte in die Einöde zurück, um als Einsiedler Gott zu dienen und den Mitmenschen zu helfen, die in wachsender Zahl Trost, Rat und Hilfe bei ihm suchten. Allmählich geriet Peter in den Ruf, dass er ein heiliger Mann sei. Und so kam es, dass sich ihm Gleichgesinnte anschlossen, um bei ihm die Heiligkeit zu erlernen. Damit war der Grundstock zu einem neuen Orden gelegt.

 

Die Zeit verging. Jahr reihte sich an Jahr. Peter wurde älter und älter. Mit Freude und Sehnsucht dachte er an den Tod, der nicht mehr in weiter Ferne war, denn schon lagen achtzig Jahre hinter ihm.

 

Da geschah etwas Merkwürdiges. Eines Tages näherte sich Peters weltferner Klause auf dem Berg Morrone ein festlicher Zug. Zwei Könige ritten feierlich voran. Kardinäle und Bischöfe, Fürsten und Ritter und eine unübersehbare Menge Menschen strömten hinterher. Der Einsiedler glaubte zu träumen, er bekam es mit der Angst zu tun und rannte in den tiefsten Wald hinein. Die Leute liefen aber hinter ihm her und fingen ihn ein. Da stand nun der weltfremde alte Mann vor den hohen Herren. Plötzlich traten die Könige, die Kardinäle, Bischöfe, Fürsten und Ritter vor ihn hin, verbeugten sich tief und machten ihm die Mitteilung, dass er zum Papst gewählt worden war.

 

Der alte Mann war fassungslos, aber nicht etwa aus Freude, sondern aus Verwirrung, denn wie konnte er, der nur die kleine Welt seiner Einsamkeit kannte, die weltweite Kirche leiten. Das konnte nicht gut gehen, und es ging auch nicht gut. Zwar wurde Peter trotz seines Sträubens zum Bischof geweiht und unter dem Namen Cölestin V. zum Papst gekrönt, hielt aber seinen Einzug in Rom allen Vorstellungen zum Trotz auf einem Esel. Bald leuchtete es allein Einsichtigen ein, was er selbst von Anfang an wusste, dass er nämlich als achtzigjähriger Mann, der die Welt nicht kannte, der großen Aufgabe des päpstlichen Amtes nicht gewachsen war. Aus dem glücklichen Einsiedler entwickelte sich ein unglücklicher Papst, der sich, von Heimweh verzehrt, aus dem Glanz, der ihn umgab, nach der armen Klause auf dem stillen Berg Morrone zurücksehnte.

 

Nach fünf Monaten rief Papst Cölestin alle Kardinäle zusammen, setzte sich, mit der dreifachen Krone geschmückt, in vollem päpstlichen Ornat vor ihnen auf den Thron und las ein Schriftstück ab, das er selbst geschrieben und unterschrieben hatte. In dem Schriftstück stand, dass Papst Cölestin abdanke. Kaum hatte der Papst die Lesung beendet, da erhob er sich, schritt die Stufen des Thrones hinab, nahm die dreifache Krone vom Haupt, entkleidete sich der päpstlichen Gewänder, stand da plötzlich vor den Kardinälen im alten zerrissenen Einsiedlergewand und lachte laut vor seliger Freude. Achtzehn Monate später, am 19. Mai 1296, starb der Heilige.

 

Es geht also manchmal kunterbunt zu. Aber alle Purzelbäume, die das Leben schlägt, haben nichts zu bedeuten, wenn man wie Papst Cölestin mit dem letzten Purzelschlag im Himmel landet.

 

20. Mai

 

Der heilige Bernhardin von Siena, Priester und Bekenner,

+ 20.5.1444 - Fest: 20. Mai

 

An Mariä Geburt im Jahre 1380 kam Bernhardin als Kaufmannssohn zu Siena in Mittelitalien zur Welt. Weil er mit sechs Jahren bereits Vollwaise war, sorgten in der Folgezeit ein paar Tanten für den Jungen, der stets wie ein Wiesel umher lief, ständig heiter und fröhlich zwitscherte wie ein Spatz und immer auch einen Streich im Sinn hatte. Er war sozusagen der Schrecken seiner Tanten. Aber trotzdem konnte man ihm nicht böse sein, weil man über seine Ideen eher lachen musste. Nur wenn die Kameraden wüste Reden führten und fluchten, da machte Bernhardin nie mit. Solche Worte ekelten ihn förmlich an.

 

Als Bernhardin zwanzig Jahre alt war, kam die Pest nach Siena. Viele Menschen starben an dieser ansteckenden und damals unheilbaren Krankheit. Aus Furcht vor der Ansteckung kümmerte sich niemand um die Kranken. Das konnte Bernhardin nicht mit ansehen. Todesmutig pflegte er die Leidenden, stand den Sterbenden bei und begrub die Toten, wochenlang.

 

Man muss es als ein Wunder ansehen, dass der heldenhafte Krankenpfleger und Totengräber nicht selbst von der Pest ergriffen wurde. Aber wenn ihn die Seuche auch verschonte, so brach er doch infolge der Überanstrengung im Dienst der Nächstenliebe zusammen. Er schwebte lange Zeit zwischen Leben und Tod, und als er doch wieder gesund wurde, hatte er, der die Schrecken des Todes bei sich und bei vielen anderen erlebt hatte, von der Welt genug. Bernhardin trat in den Franziskanerorden ein. Mit vierundzwanzig Jahren erhielt er die heilige Priesterweihe, und dann vergrub er sich in die Einsamkeit und las das Buch der Bücher, die Heilige Schrift. Zehnmal las er das Buch von der ersten bis zur letzten Seite, langsam und besinnlich, und trank dabei den Strom des Gotteswortes in sich hinein, so dass er ganz davon erfüllt wurde. Dann verließ er die stille Klosterzelle und wanderte von Kanzel zu Kanzel durch Mittelitalien als der größte Prediger seiner Zeit.

 

Es war damals eine brutale und böse Welt. Hass und Feindschaft regierten überall. Mord und Totschlag galten als Alltäglichkeiten. Spielwut, Maßlosigkeit, Trunksucht waren die Regel. Die Armen wurden unterdrückt und getreten, und die Wucherer ließen sich Zinsen bis zu achtzig Prozent zahlen. Mit einem Wort gesagt, man hatte die Zehn Gebote Gottes abgeschafft und dadurch die Säulen umgestürzt, auf denen die Welt steht. Der Bankrott der Menschheit stand vor der Tür.

 

Bernhardin von Siena war es, der den drohenden Bankrott verhütete. Mit dem Ernst und der Wucht eines Propheten geißelte er auf ungezählten Kanzeln überall im Land die herrschenden Laster. In großen Scharen drängte sich das Volk zu den Predigten des feurigen Franziskaners, der unerschrocken und ohne Pause den Zehn Geboten durch sein Wort wieder Geltung verschaffte. Nicht selten ereignete es sich, dass die Leute nach Bernhardins zündenden Reden Spielkarten und Würfel, schlechte Bücher und Bilder und anderes unnützes Zeug auf den Marktplätzen öffentlich verbrannten.

 

Da traten an die Stelle der ausgelassenen Gelage kirchliche Festfeiern und an die Stelle brutaler Volksbelustigungen Prozessionen und Wallfahrten. Darlehnskassen, die Bernhardin einrichtete, unterbanden den grauenhaften Wucher. Für die Armen und Kranken gründete er Heime und Pflegestätten. Der Sittenlosigkeit begegnete er dadurch, dass er sich eifrig für die Verehrung der Gottesmutter Maria einsetzte. Und den weitaus größten Erfolg hatte er gegen das grobe Schimpfen und Fluchen zu verzeichnen, denen er den heiligsten Namen Jesus entgegenstellte. Bernhardin von Siena war es, der die Andacht zum Namen Jesus mächtig gefördert hat. Von ihm stammt übrigens das bekannte Namen-Jesus-Zeichen IHS, das in den katholischen und evangelischen Kirchen und auf Bildern oft zu finden ist und das man in Deutschland mit „Jesus, Heiland, Seligmacher“ deutet.

 

Im Namen Jesus hat Bernhardin von Siena stets gepredigt, und in diesem Namen hat er die großartigen Erfolge errungen, mit denen sein Wirken gesegnet war. Sein Wirken war aber auch deswegen begnadet, weil hinter den Worten des Predigers ein heiliger Mensch stand. Als ihn, den erfolgreichsten Redner seiner Zeit, einst ein Priester fragte, auf welche Art man am besten predige, gab Bernhardin die bedeutsame Antwort: „Tue selbst zuerst, was du lehrst, dann ist dein ganzes Leben eine Predigt.“

 

21. Mai

 

Der heilige Hospitius, Einsiedler bei Nizza, Frankreich,

+ 21.5.681 - Fest: 21. Mai

 

An den äußersten Grenzen der Landschaft Provenza in Frankreich erstreckt sich die Halbinsel Villa-Franka in das Meer. Auf dieser, eine halbe Meile von Nizza entfernt, stand ein alter verödeter Turm, der durch den heiligen Hospitius berühmt wurde. Hospitius war aus der ägyptischen Wüste zurückgekehrt, wohin ihn sein Eifer, im Guten vollkommen zu werden, getrieben und wo er alle Einsiedler besuchte und ihre strenge Lebensweise beobachtet hatte. Nun wollte er in seinem Vaterland sich diesen Bußübungen ergeben und wählte diesen Turm zu seinem künftigen Aufenthalt. Voll des Vertrauens und der Herzhaftigkeit, die von der göttlichen Liebe zu entspringen pflegt, schloss er sich in dieses halb zerfallene Gemäuer ein, um sich mit niemanden, als mit Gott allein zu beschäftigen, und sein äußeres Leben nach der äußersten Strenge einzurichten, die ihm durch Gottes Gnade zu üben möglich sei. Von derselben Zeit an glich sein Leben einem immerwährenden Wunder. Man sah ihn mit einer schweren Kette belastet und mit einem rauen Bußkleid angetan, das ihn bei jeder Leibesbewegung verwundete, so dass sein ganzer Leib wie eine Wunde war. Seine Nahrung war Brot und einige Dattelkerne. Während der Fasten aber aß er nichts als ungekochte bittere Wurzeln. Einige Stunden beschäftigte er sich mit Handarbeit, wenige schlief er, die ganze übrige Zeit brachte er im Gebet zu.

 

Der Ruf seines heiligen Lebens und seiner Strenge breitete sich überall aus. Man kam von allen Orten, um diesen Einsiedler zu sehen, der, wie man sagte, Im Beten, Fasten und Bußwerken alle ägyptischen Eremiten übertreffe. Die Menge und Unbescheidenheit des zudringlichen Volkes nötigten ihn, sich enger einzuschließen. Er ließ den Eingang seines Turmes zumauern. Nur eine kleine Öffnung blieb, um durch sie den nötigen Unterhalt zu empfangen und jenen zu antworten, die ihn befragten oder seinem Gebet sich empfahlen.

 

In der Nähe dieser Einsiedelei war ein Kloster, dessen Mönche sehr fromm und bescheiden waren. Diese ehrten den heiligen Einsiedler und ließen sich durch seine Ermahnungen und Zusprüche leiten. Sie nannten ihn nicht anders als ihren Vater oder Abt und machten seit seiner Ankunft im geistlichen Leben große Fortschritte.

 

Der heilige Hospitius hatte die Gabe der Weissagung. Er sagte den Einfall der Lombarden lange vorher, ermahnte das Landvolk, dass sie sich und ihr Hab und Gut in die Stadt retten sollten. Seine Freunde im benachbarten Kloster flohen auf seine Warnung und nahmen alle geweihten Geschirre mit sich. Sie baten ihn flehend und weinend, er möge auch mit ihnen kommen und so der Gefahr entgehen. Er aber sprach, sie zu trösten: „Gehet hin, meine Kinder, und entfliehet dem bevorstehenden Gewitter und seid meiner unbesorgt! Die Feinde werden mich sehr bedrängen, aber das Leben werden sie mir nicht nehmen. Ihr aber habt alles zu befürchten, wenn ihr euch nicht durch die Flucht errettet.“ Der Erfolg zeigte die Wahrheit und Gründlichkeit seiner Weissagung. Die Barbaren, nachdem sie im Jahr 575 das Hochgebirge erstiegen hatten, verbreiteten sich von Genua bis in die Provenza. Eine herumschweifende Horde kam auch nach Nizza und auch zu dem Turm des heiligen Einsiedlers. Sobald Hospitius den Tumult hörte, zeigte er sich an der Öffnung und sah auf sie herab. Die Feinde umringten den Turm, fanden aber keinen Eingang. Es stiegen also einige auf das Dach, brachen durch und gelangten so zur Zelle des Heiligen. Sie entsetzten sich beim Anblick seiner schauerlichen Wohnung und bewunderten sein sanftes Gesicht und seinen milden Blick. Aber aus den schweren Ketten, die ihn fesselten, urteilten sie, er sei ein großer Missetäter. Deswegen lästerten sie ihn und fragten ungestüm, welches Verbrechen ihn hierher gebracht habe. Der demütige Hospitius antwortete: „Die Menge und Größe meiner Übeltaten ist unbeschreiblich.“ Darauf schwang einer sein Schwert und wollte dem Heiligen den Kopf zerspalten. Aber der Arm erstarrte dem Mörder, in die Höhe gestreckt muss er ihn halten, und ihm entfällt das Schwert zur Erde. Seine Kriegsgefährten schreien erschrocken, wenden sich zu dem Heiligen und bitten um Hilfe. Dieser segnete den erstarrten Arm mit dem heiligen Kreuz und augenblicklich wurde er gesund. Durch dieses Wunder rührte ihm Gott sein Herz und machte es für die Gnade empfänglich. Er wurde gläubig und blieb bei dem Heiligen und wurde später ein Mönch in dem nahen Kloster. Der heilige Gregorius, Bischof von Turon, der diese Geschichte beschrieben hat, hat diesen selbst gekannt und seine wunderbare Heilung und Bekehrung aus seinem Munde vernommen.

 

Nachdem die Barbaren sich zurückgezogen hatten und das Land Ruhe erhielt, wurden diese Begebenheiten weit umher bekannt. Die Hochschätzung und Verehrung des Heiligen wuchs und alles redete von dem heiligen Einsiedler und von weither kamen Leidende und baten um seinen Segen.

 

Ein Bürger von Angres verlor, als Folge einer schweren Krankheit, Gehör und Sprache. Er entschloss sich zu einer Wallfahrt nach Rom, um bei den Gräbern der heiligen Apostel und Blutzeugen Christi eine Linderung zu erflehen. Auf seiner Durchreise in der Provenza hörte er von den Wundertaten des heiligen Hospitius. Er konnte seinem Drang nicht widerstehen, ihn zu sehen. Als er sich dem Ort näherte und seine Begleiter in seinem Namen den Heiligen um seinen Segen baten, streckte Hospitius seinen Arm aus dem Fenster zu ihm, nimmt ihn bei den Haaren und zieht ihn zu sich, legte ihm einige Tropfen geweihten Öls auf die Zunge, goss ihm einige auf das Haupt und sprach: „Im Namen unseres Herrn Jesu Christi sollen sich deine Ohren öffnen und die Macht, die den Teufel aus dem stummen und gehörlosen Menschen getrieben hat, gebe dir deine Sprache wieder.“ Jetzt fragte er ihn: „Wie heißt du?“ Der Kranke, der eine plötzliche Veränderung in sich fühlte und den neue Lebenskraft durchdrang, rief mit lauter Stimme seinen Namen und mit gen Himmel gerichteten Augen schrie er frohlockend: „Der Herr sei ewig gebenedeit, der durch seinen Diener ein so großes Wunder gewirkt hat! Ich war im Begriff nach Rom zu reisen, hoffend bei den heiligen Aposteln Hilfe zu finden, und sieh, hier habe ich den heiligen Paulus, den heiligen Petrus, den heiligen Laurenz in der Person dieses Einsiedlers gefunden.“

 

Kaum hatte man sich über dieses Wunderwerk vom Erstaunen erholt, als ein Blindgeborener, mit Namen Dominikus, herbeigeführt wurde. Der Diener Gottes fragte ihn: „Begehrst du sehend zu werden?“ . . „Ach“, antwortete der Blinde, „ich weiß nicht, was sehen ist, weil ich in meinem Leben noch nie etwas gesehen habe! Doch sagt man mir so vieles davon, dass ich auch ein Verlangen habe, die Wohltat des Sehens zu genießen.“ Der heilige Einsiedler machte mit geweihtem Öl ein Kreuz über seine Augen und sprach: „Deine Augen sollen sich im Namen Jesu Christi unseres Erlösers eröffnen!“ Kaum waren diese Worte gesprochen, so hatte Dominikus sein vollkommenes Gesicht. Aber er war so erstaunt über das Licht und eine Menge Gegenstände, die er wahrnahm, dass er kein Wort sprechen konnte. Die Umstehenden freuten sich und verwunderten sich über dieses Mirakel mehr als über das erste; und der Ruf dieses heiligen Mannes verbreitete sich deshalb so weit, dass man sogar von den äußersten Enden des Morgenlandes Kranke und Krüppel herbeitrug, die alle nach empfangenem Segen gesund und Gott lobend heimkehrten.

 

Nachdem der heilige Hospitius fünfzehn Jahre in diesem Turm verlebt hatte, hat ihm Gott das nahe Ende seines Lebens kundgetan. Er sendete zu dem Vorsteher des Klosters und bat, dass er die vermauerte Tür aufbrechen solle und dem Augustadius, Bischof von Nizza, berichten lasse, er werde in drei Tagen sterben. Von diesem Hirten der Kirche begehrte er die heiligen Sakramente zu empfangen. Die Nachricht von dem nahen Tod des Dieners Gottes war schnell verbreitet und erweckte großes Leid. Ein Bürger von Nizza kam eilends herbei, um den Heiligen wenigstens noch einmal zu sehen. Als er durch das Fenster der Zelle den Einsiedler erblickte, rief er ganz erschrocken aus: „Mein Gott, wie ist es möglich, dass du mit Ketten so gefesselt, zernagt von Ungeziefer, abgehärmt vom Fasten und geplagt von so grausamer Strenge so viele Jahre leben konntest?“ Der Heilige antwortete: „Derjenige, dem zu lieb ich dieses gelitten habe, konnte mir Kräfte geben, solche zu überstehen, ja sogar mit himmlischem Trost versüßen.“

 

Am letzten der drei Tage ließ er sich die Ketten vom Leib nehmen, brachte einige Stunden auf der Erde liegend, betend und weinend zu. Dann erhob er sich, legte sich auf eine Bank und mit gen Himmel erhobenen Augen und Händen dankte er Gott für alle empfangenen Gnaden; empfahl seine Seele in die Hände seines Erschaffers und verließ ganz sanft das Zeitliche, am 21. Mai 581. Kaum war seine Seele aufgenommen, verschwand das Ungeziefer und sein Körper wurde ganz rein und der Bischof bestattete ihn mit viel Ehre.

 

22. Mai

 

Die heilige Julia, Jungfrau, Sklavin und Martyrin von Korsika,

+ 22.5.625 - Fest: 22. Mai

 

Genserich, König der Vandalen, ein eifriger Verfechter des Arianischen Irrtums, verfolgte mit unmenschlicher Grausamkeit die katholischen Christen. Das Land um Rom bis an das äußerste Italien wurde von ihm, der keine Barmherzigkeit kannte, in eine Wüste verwandelt. Rom selbst wurde gerettet, weil Genserich in Papst Leo – der Macht des Höchsten nicht widerstehen konnte, in dessen Hand die Ratschläge und alle Gewalt der Könige ist.

 

Im Jahr 439 nach Christi gnadenreicher Geburt, zog er in Karthago ein. Mehrere Tage wurde die Stadt geplündert. Die Heiligtümer der Kirche wurden nicht verschont; alle Reichen und Angesehenen dieser Stadt fielen durch die Schärfe des Schwertes, oder wurden vertrieben, oder als Leibeigene auf öffentlichem Markt verkauft.

 

Unter denen war auch eine sehr schöne und vornehme junge Frau, Julia mit Namen. Sie war ihrer Frömmigkeit und ihres christlichen Eifers wegen in der ganzen Stadt bekannt. Ein syrischer Kaufmann Eusebius erhandelte sie und führte sie mit sich in sein Vaterland. Obwohl von Jugend auf gewohnt sich bedienen zu lassen, befleißigte sie sich in freudigem Gehorsam anderen zu dienen aus Liebe zu Jesus Christus, dem sie ihren Leib und ihre Seele für immer geopfert hatte. „Gott hat es nun so über mich verhängt, ihm will ich mit unerschütterlichem Vertrauen mich überlassen, er wird mich leiten und schützen. Sein heiligster Wille wird alles zum Besten leiten.“ Das waren ihre Tröstungen.

 

Oft betrachtete Julia ihren gekreuzigten Heiland, seine namenlose Pein und Marter, und brannte vor Begierde, auch zu seiner Ehre leiden und sterben zu können. – Ihre Sittsamkeit, ihre Sanftmut, ihr Fleiß im Dienst ihres Herrn und ihr Verstand gewannen ihr die Zuneigung des Eusebius in kurzer Zeit und in so hohem Grad, dass er oft sagte, er wollte lieber all sein Hab und Gut, als diese seine Sklavin verlieren. Eusebius sprach ihr oft zu, nicht zu streng zu fasten, – sie fastete täglich, den Sonntag ausgenommen – und sich mehrere Vergnügungen zu erlauben. Julia aber sah wohl ein, dass nur durch eine anhaltende Strenge gegen sich selber sie zur Überwindung aller Versuchungen und Gefahren, die ihr in ihrer Umgebung beständig drohten, gelangen könnte. Doch mehr, als ihre ängstliche Behutsamkeit, ihr Stillschweigen und das sorgfältige Vermeiden aller Gefahr, schützte sie ihr Ernst und eine überall feste und sich gleichbleibende Entschlossenheit, vor Verletzung ihrer jungfräulichen Ehre; und diese edlen Gaben verlieh ihr der Himmel in so hohem Maße, dass auch die sittenlosesten und frechsten Menschen sich in ihrer Gegenwart keine unzüchtigen Gebärden, ja nicht einmal ein unanständiges Wort erlaubten.

 

Alle Zeit, die ihr der mühselige Dienst übrig ließ, brachte Julia mit Lesen einiger geistlicher Bücher zu, die sie insgeheim von Karthago mitgenommen hatte, im Gebet und in der Betrachtung des bitteren Leidens und des schmerzhaften Todes Jesu Christi. Das Bildnis des Gekreuzigten verwahrte sie beständig an ihrer Brust. War sie allein, so nahm sie es hervor, kniete vor ihm, benetzte es mit Tränen, und bat öfters: „Christus, du Sohn Gottes, lass mich doch auch mein Blut für dich vergießen, wie du es unschuldiger Weise für mich arme Sünderin vergossen hast.“ Da betete sie dann auch zu der allerheiligsten Jungfrau: „O heilige Mutter Gottes, deren Seele das Schwert des Schmerzes durchdrang, flehe doch zu deinem allerliebsten Sohn, dass er mich, ihm ähnlich, durch den Martertod in seine Herrlichkeit einzugehen würdige.“ Es wurde aber zunehmend unwahrscheinlicher, dass sie ihres Glaubens wegen den Martertod erleiden sollte. Denn von Tag zu Tag wuchs die Hochachtung ihres Herrn und die Ehrerbietung aller Hausgenossen vor einer Religion, die Julia mit so vielen und so großen Tugenden ausschmückte.

 

Wahrscheinlich hatte sie in kurzer Zeit viele ihrer Hausgenossen zum christlichen Glauben bekehrt. Da nahm aber Eusebius eine lange Reise in Handelsgeschäften vor. Julia musste ihn nebst anderer Dienerschaft auf der Reise begleiten. Nahe bei Kasto in Korsika ließ Eusebius die Anker werfen; und da er vernahm, dass die Einwohner, die meistens Heiden waren, ein großes Fest halten, wollte er ihm ebenfalls beiwohnen. Eusebius war mit all den heidnischen Schiffsleuten in einen großen heidnischen Tempel gegangen, wo man soeben dem Götzen einen Ochsen zum Opfer schlachtete.

 

Während, nach vollendetem Opfer, sich alles der ausgelassensten Freude überließ und man aß und trank, während Musik gemacht und Lieder auf das Lob der Götter gesungen wurden, da kamen zufällig Leute des Statthalters an das Meergestade und sahen da im Schiff des Eusebius eine Frau, die am Boden kniend ihre Hände andächtig betend faltete. Darüber sich verwundernd, hinterbrachten sie es ihrem Herrn, dem Statthalter, und da fand es sich, dass es Julia, die christliche Sklavin des Eusebius, war, die den Götzendienst verabscheuend, während des Götzenfestes im Schiff geblieben war und da zum Gott der Christen betete. Felix, der Statthalter der Insel, ein eifriger Anhänger des Götzendienstes, sagte zu Eusebius, den er bereits zu sich an die Tafel geladen hatte: „Warum gestattest du es, dass jemand von deinen Leibeigenen unsere Götter verachtet und den Gott der Christen anbetet?“ Darauf erwiderte Eusebius: „Erlauchter Felix! Glaube ja nicht, dass ich mich nicht schon seit mehreren Jahren eifrigst bemüht habe, diese meine Magd von diesem Glauben abwendig zu machen, aber umsonst. Weil sie aber sonst ein unsträfliches Leben führt, mir sehr treu dient und mit viel Verstand meinem ganzen Hauswesen wohl vorsteht, so habe ich schließlich abgelassen auf sie einzureden, dass sie ihren Aberglauben aufgebe.“

 

„Das ist aber nicht recht“, versetzte Felix, „du solltest sie entweder entlassen oder zwingen, dass sie den Göttern opfere.“ „Von ihrem Glauben abwendig machen“, sagte Eusebius, „kann ich sie nicht, daneben ist sie mir so lieb geworden, dass ich sie nicht gern entlassen möchte.“ Felix antwortete darauf: „Verkauf sie mir, Eusebius! Und bestimme den Kaufpreis; oder wenn du kein Geld dafür nehmen willst, so magst du dir unter meinen Sklavinnen für sie vier aussuchen, die dir am besten gefallen werden.“ Eusebius spricht: „Dein ganzes Vermögen würde mir nicht ausreichen dafür, was meine Sklavin wert ist, auch würde ich lieber alles, als sie verlieren.“

 

Felix sah wohl, dass er auf diesem Weg nichts ausrichte und nahm daher seine Zuflucht zu einer List. Während der Mahlzeit setzte er dem Eusebius so sehr und anhaltend mit Wein zu, dass er ihn völlig berauschte und so um alle Besinnung brachte. Darauf ließ er durch seine Sklaven Julia zu sich führen, damit er sie zum Götzendienst verleite oder aber öffentlich beschäme und beschimpfe. Felix redete die Heilige, als sie vor ihm erschien, mit sanften Worten folgendermaßen an: „Bilde dir nicht ein, dass man deiner spotten wolle. Ich habe von deiner Jugend viel rühmen gehört. Du bist eines besseren Glückes wert und sollst nicht länger eine Sklavin bleiben. Zu deinem Glück will ich dir verhelfen, nur musst du dich entschließen, in unserm Tempel den Göttern ein Opfer zu bringen. Willst du dann auf dieser Insel bleiben, so werde ich dich nach deiner adeligen Herkunft und nach deinen ausgezeichneten Geistes- und Leibesgaben vorteilhaft verheiraten; wenn nicht, so will ich dich auf meine Unkosten bringen lassen, wohin du verlangst.“ Julia antwortete mit ehrerbietigen Worten, aber kühn und unerschrocken: „Mir fehlt die wahre Freiheit nicht, da ich das Glück habe, Christus zu dienen; denn nur wo sein Geist ist, da ist Freiheit. Ich verlange keinen anderen Stand und kein anderes Glück hienieden, indem ich die höchste Glückseligkeit, die allein eine Glückseligkeit zu heißen verdient, jenseits im Himmel erwarte. Deine Götzen aber verachte ich und zittere vor dem Gedanken, ihnen Ehre zu erweisen; denn du sollst wissen, ich bin eine Christin und auch bereit für meinen Glauben zu sterben.“ Felix vergaß sich völlig vor Zorn, da er seine Götter im Angesicht aller Leute so sehr beschimpft sah, und befahl daher den Umstehenden, die Slavin ins Angesicht zu schlagen. Julia, blutend aus Nase und Mund, sprach: „Mein Gott und Erlöser ist auch mit Backenstreichen geschlagen worden und wie freue ich mich seiner Schmach teilhaftig zu werden!“ Noch wütender, sich so verhöhnt zu sehen, befiehlt Felix, Julia auf die Folter zu spannen und mit Stricken zu schlagen. Unter den gräulichsten Martern schrie sie laut zu Gott: „Sei ewig gebenedeit, mein Gott, mein Heiland, wegen der großen Barmherzigkeit, die du mir schenktest! O ich Glückselige! Wenn ich doch leiden könnte, wie du gelitten hast. Wie man mir die Haare ausrauft, so hat man dein heiliges Haupt mit Dornen gekrönt; wie man mich mit Stöcken schlägt, hat man deinen heiligen Leib mit Ruten- und Geißelhieben ganz zerrissen! Wie man mich mit Schimpf- und Schmachworten überhäuft, so bist du mit Unbilden gesättigt worden. Preis dir, o Gott, Allmächtiger, der du mir Gnade gibst, zu deiner Ehre zu leiden!“ Während all diesen und anderen Worten, die Julia bei der Marter sprach, war ihr Angesicht fröhlich, ja mit einem himmlischen Glanz verklärt. Felix, ganz außer sich vor Wut, ließ alsdann einen Galgen aufrichten und die Heilige daran aufhängen. Als Julia den Galgen erblickte, rief sie freudig aus: „O Jesus Christus! O Übermaß der Gnade und Erbarmung Gottes! Ich glaubte, du erachtest mich arme Sünderin nicht für würdig, gleich dir und zu deiner Ehre am Galgen zu sterben, wie du am Kreuzesholz für alle gestorben bist; o mein Gott, nimm gnädig auf das Opfer meines Lebens, das ich dir hier darbringe. Erbarme dich aber auch dieser blinden Leute, verzeih ihnen meinen Tod und erleuchte sie durch deinen heiligen Geist!“ Kaum hing sie am Galgen, so gab sie ihren Geist auf. – Die Zeugen ihres Todes wurden nun auf einmal von einer unaussprechlichen, unerklärbaren Angst getrieben und ergriffen in aller Eile die Flucht. Eusebius, vom Rausch erwacht, kam zu spät, um seine teure Sklavin zu retten und weinte neben ihrer Leiche.

 

Zur selben Zeit wurde den Mönchen eines benachbarten Klosters auf der nahen Insel Gorgona oder St. Margaretha von den heiligen Engeln der Tod der heiligen Julia geoffenbart und ihnen befohlen, den Leichnam zu begraben. Die Mönche begaben sich alsbald auf ein Schiff, landeten in Korsika, und fanden den Leichnam der Heiligen, lösten ihn vom Galgen und führten ihn zurück zu ihrem Kloster. Die Mönche der nahen Insel Kapria oder Kabrera begleiteten mit ihren Palmzweigen in den Händen und unter Psalmengesang den Leichnam in die Kirche des Klosters, wo er in ein kostbares Grab gelegt wurde. Da ruhte er bis im Jahr 763, als der König der Longobarden Desiderius ihn ausgraben und in seinem Gebiet in Meszia in die neue Kirche des von ihm erbauten schönen Frauenklosters übersetzen ließ, wo seine Tochter Angelberga Äbtissin war. Später wurde diese Kirche viel kostbarer und neu erbaut und von da an die Julia-Kirche genannt.

 

An dem Ort in Korsika, wo die Heilige am 22. Mai den Martertod erlitt, ist eine Quelle. Über diese wurde eine Kapelle erbaut. – In unterschiedlichen Anliegen sprachen die Hilfesuchenden die heilige Julia um ihre Fürbitte bei Gott an; und Gott verherrlichte die Heilige durch wunderbare Gebetserhörungen.

 

23. Mai

 

Der heilige Bischof und Märtyrer von Langres Desiderius, Frankreich,

+ 23.5.411 - Fest: 23. Mai

 

Der heilige Desiderius war aus einem vornehmen Geschlecht in der Gegend von Autun in Gallien um die Mitte des sechsten Jahrhunderts geboren. In früher Jugend schon widmete er sich den Wissenschaften, in denen er glänzende Fortschritte machte. Er kam nach Vienne. Da verehrte er den Erzbischof Ramatus wie einen Vater und wurde von ihm wie ein Sohn geliebt, sorgfältig unterrichtet in der Wissenschaft des Heils und geleitet auf der Bahn der Tugend. Er widmete sich dem Dienst der Kirche, anfänglich in den niederen Verrichtungen, dann als Diakon. Sein Eifer für die Ehre Gottes und für das Heil der Gläubigen war sehr groß und ganz unbefleckt sein Wandel. Deswegen wurde er nach dem Tod des Erzbischofs Verus, um das Jahr 594 zum Oberhirten der Kirche in Vienne bestellt. Die eifrige Amtsverwaltung und die Heiligkeit des Lebens erregte den Neid einiger seiner Mitbrüder. Dazu kam der Hass der Königin Brunehild, der ihm die bitterste Verfolgung und die schwersten Drangsale einbrachte.

 

Brunehild war die Tochter des Visigothischen Königs Athanegild, vermählt mit dem Austrasischen König Siegebert, der im Jahr 595 nahe bei der Stadt Doruik von erkauften Meuchelmördern getötet wurde. Während der Regierung ihres Sohnes Childebert und ihrer Enkel Theudebert und Theuderich maßte sich eine große Gewalt in der Reichsverwaltung an und überließ sich dabei einer sehr ausschweifenden Lebensweise. Nach der Erzählung einiger Geschichtsschreiber soll sie selbst mit ihrem Neffen, dem Meroveus, einem Sohn des Königs Chilperichs, in blutschänderischer Verbindung gelebt haben. Der heilige Desiderius verurteilte mit großem Nachdruck ihre Vergehen und erklärte, wie einst Johannes der Täufer, ihre Verbindungen für unerlaubt und sündhaft. Dadurch reizte er den Zorn der wollüstigen Frau und entflammte gegen sich ihre Rachsucht. Diese zu befriedigen, versuchte sie Hohe und Niedere, die Bürgerlichen und die Soldaten gegen den gottseligen Bischof einzunehmen. Sie ließ nichts unversucht, mancherlei Beschuldigungen und Anklagen gegen ihn aufzubringen und durch falsche Zeugen bestätigen zu lassen. Es wurde eine Versammlung von Bischöfen nach Chalons an der Saone berufen, die, irregeleitet durch die Anklagen und die falschen Zeugnisse, den Desiderius des heiligen Amtes enthob, worauf er um das Jahr 603 auf eine Insel verbannt wurde.

 

Gott war in diesem fremden Aufenthaltsort sichtbar mit seinem Diener, wie einst mit dem Josef in Ägypten, und bestätigte dessen Unschuld und Heiligkeit durch mehrere wundervolle Werke, die er durch ihn geschehen ließ. Die Bewohner der Insel bewiesen ihm große Verehrung und er stiftete unter ihnen großen Segen durch das heilige Evangelium. Nach vier Jahren wurde er zurück berufen zu seiner Kirche nach Vienne. Unbeschreiblich war der Jubel, mit dem er von seiner gläubigen Herde empfangen wurde. Unzählige Menschen strömten dem geliebten Hirten entgegen vor die Stadt, in die sie ihn unter lautem Freudengeschrei begleiteten.

 

Das Hass der Brunehild war aber noch nicht erloschen und noch nicht gestillt ihre grenzenlose Rachlust, im Gegenteil noch mehr angeflammt durch die große Verehrung, die dem Mann Gottes allgemein bewiesen wurde. Ein Beamter der Stadt Vienne ließ sich von ihr gewinnen und zum verabscheuungswürdigen Werkzeug ihrer Rache gebrauchen. Er quälte auf alle ihm mögliche Weise nicht allein den Bischof, sondern auch dessen Geistlichkeit. Jeder Anlass, die Diener Gottes zu lästern, zu verleumden oder auf was immer für eine andere Art sie zu drängen, war dem niederträchtigen Mann willkommen. Jede Schwierigkeit und jeder Kummer, die er ihnen verursachen konnte, verschaffte seinem bösen Herzen große Freude. Eines Tages ließ er zwölf Kirchendiener ergreifen, sie in Fesseln legen und in ein tiefes Gefängnis werfen, in dem sie lange Zeit schmachten mussten. Jede Verwendung für ihre Rettung blieb fruchtlos. Desiderius flehte für sie zu Gott ohne Unterlass. Gott erhörte sein Flehen, erbarmte sich seiner Knechte und erlöste sie auf wunderbare Weise. In einer Nacht stand der heilige Severus, der vor vielen Jahren als Priester zu Vienne gestorben war, im Gefängnis mitten unter ihnen, weckte sie auf vom Schlaf, löste ihre Fesseln und führte sie sie, wie einst der Engel Gottes den Petrus, aus dem Kerker. Sie gingen in die Kirche des heiligen Stephanus, wo das Grab des heiligen Severus war, dankten da, und priesen Gott für die Errettung, und dann zu Desiderius, dessen Freude unaussprechlich groß war. Groß war auch die Freude und der Jubel des gesamten gläubigen Volkes.

 

Der König Theuderich bezeigte große Verehrung für den Erzbischof. Er schickte Abgeordnete zu ihm mit der Bitte, dass er sich an sein Hoflager bemühen wolle, weil er in einer wichtigen Sache sich mit ihm zu beraten wünsche. Desiderius erschien und riet dem König auf die deshalb an ihn gestellte Frage, dass er sich verehelichen solle, wobei er die Worte des Apostels anführte: „Ein jeder Mann habe seine Frau, und eine jede Frau ihren Mann. Gott wird die Ehebrecher verdammen und die Entehrer seines Tempels zu Grunde richten.“ Dadurch wurde die Brunehild noch mehr als je zuvor gegen den Erzbischof erbittert. Denn sie hatte bisher die Verehelichung des Königs immer verhindert, aus Furcht, ihr Ansehen würde leiden, wenn eine Königin am Hofe wäre. Zudem musste sie sich durch die Erklärung des heiligen Mannes auch selbst in ihrer ärgerlichen Lebensweise sehr getroffen fühlen. Die Gottlose fasste den Entschluss, den Erzbischof töten zu lassen, und bestellte zur Ausführung des Mordes drei von ihren Günstlingen, die ebenso gottlos wie sie selbst waren. Diese lauerten dem Desiderius überall auf, selbst an den Kirchentüren, um ihn in ihre Gewalt zu bekommen und den Todesstreich ihm versetzen zu können. Die mörderischen Nachstellungen blieben dem Erzbischof nicht unbekannt. Dessen ungeachtet behielt er frohen Mut, setzte sein Vertrauen auf Gott, und war bereit, um des Herrn willen sein Blut zu vergießen. Er wurde schließlich ins Gefängnis geworfen und bald darauf bis an die Grenzen von Lyon geschafft. In der Gegend von Lyon, unweit des Flusses Chalorone, wurde er von Beffanus, Gasifredus und Betonangefallen, so hießen die oben erwähnten Günstlinge der Brunehild. Der Erzbischof warf sich auf seine Knie, betete und reichte dann freudig seinen Nacken dar, den Todesstreich zu empfangen. Er war von gläubigem Volk umgeben, das ein lautes Jammergeschrei erhob und seiner mit großem Eifer der Liebe sich annahm. Allein unvermutet wurde von einem der Mörder ein Stein geschleudert, der den Kopf des Desiderius traf und ihn zur Erde stürzte. Bald darauf rannte ein anderer herzu und schlug mit einemPfahl den Heiligen vollend tod – im Jahr 608.

 

Die Leiche wurde ehrenvoll beerdigt an dem Ort, der heutzutage St. Didier heißt, und sein Grab durch vielfäkltige Wunder verherrlicht.

 

Wenige Jahre danach nahm die grausame Brunehild ein grausames Ende. Sie wurde gefangen und ihrem Gegner, dem König Klotar, vorgeführt, der sie drei Tage auf das schmerzlichste peinigen ließ, danach auf ein Kamel setzen, in der ganzen Armee zur Schau herumführen, endlich mit den Haaren, einem Arm und einem Bein an den Schweif eines unbändigen Pferdes binden und zu Tode schleifen ließ.

 

24. Mai - Maria, Hilfe der Christen

 

Der heilige Vincenz von Lerin, Priester und Mönch,

+ 24.5.450 – Fest: 24. Mai

 

Vincenz, der heilige, in Gallien, dem heutigen Frankreich geboren, erhielt eine gelehrte Erziehung und machte in den Wissenschaften große Fortschritte. Er widmete sich zuerst dem Kriegsdienst und zeichnete sich darin aus. Aber, wie er es selbst sagt, bald dachte er über die Eitelkeit der irdischen Dinge nach und beschloss, in der Religion einen sicheren Hafen zu suchen, um den Stürmen der Welt zu entgehen. Eine kleine abgelegene Insel war der Ort, den er sich zum Aufenthalt wählte. Nach Genadius war es das berühmte Kloster Lerin. Vincenz verglich die flüchtigen Augenblicke der Zeit mit dem Wasser einer Quelle, das nie mehr zurückkehrt, deshalb ließ er keinen einzigen unbenützt vorübergehen. – Auf der anderen Seite erwog er, dass es nicht hinreichend sei, gut zu leben, sondern dass man auch den Glauben besitzen müsse, die Grundlage aller christlichen Tugend. Er empfand einen lebhaften Schmerz, als er den Schoß der Kirche durch Irrlehren zerrissen sah. Sein Gehorsam der Kirche gegenüber und seine Kenntnisse in der Religion schützten ihn vor dem Gift der Irrlehre. Anders aber verhielt es sich mit den Gläubigen, deren Glauben noch wankend oder deren Unterricht nicht fest genug war. – Um sich gegen die falsche Lehre zu wahren und den Schwachen, die schon das Unglück gehabt hatten, sich verführen zu lassen, die Augen zu öffnen, schrieb er mit ebenso großer Klugheit als Kraft und Beredsamkeit ein Buch mit dem Titel: Commonitorium, oder Warnung gegen die Irrlehrer. – Dieses Werk wurde im Jahr 434, drei Jahre nach dem Konzil zu Ephesus, verfasst, das die Irrlehre des Nestorius verdammte, und Vincenz bekämpfte hier alle Irrlehrer seiner Zeit, aber besonders die Nestorianer und Apollinaristen. Die Grundsätze, die er hier aufstellte, können gegen alle Irrlehrer mit Erfolg angewandt werden. – Der Heilige verbirgt seinen wahren Namen aus Demut und nimmt den Namen Peregrinus oder Pilger an, weil er sich als Pilger oder Fremdling auf Erden betrachtete und nennt sich den letzten unter allen Dienern Gottes. In diesem Werk stellt er die Grundregel auf, die von allen alten Kirchenvätern angenommen ist, dass man als katholischen Lehrsatz ansehen müsse, was an allen Orten, zu allen Zeiten und von allen Gläubigen geglaubt wurde. – Nach dieser Regel will er die streitigen Glaubenspunkte entschieden haben. Wir besitzen so ein leichtes Mittel, uns gegen die willkürliche Erklärung der heiligen Schriften zu verwahren, d.h. wir müssen diese immer nach der Tradition der Kirche auslegen, die uns an einem sicheren Faden zur Erkenntnis der Wahrheit führt, so dass wir uns nie verirren können. Und wirklich enthält die von den Aposteln überlieferte Tradition den wahren Sinn der göttlichen Aussprüche und jede Neuerung im Glauben ist ein gewisses Merkmal der Irrlehre. – In Sachen der Religion müssen wir nichts so sehr fürchten, als denen Gehör zu schenken, die eine bisher unbekannte Lehre vortragen. „Diejenigen“, sagte er, „die es einmal gewagt haben, einen Glaubensartikel anzugreifen, werden bald auch an die übrigen gehen und was ist das Ende einer solchen angeblichen Verbesserung in der Religion?“ Durch solche Neuerungen kommt es schließlich so weit, dass man die katholische Lehre entweder ganz abändert oder vielmehr zerstört. Er verbreitet sich sodann mit großem Scharfsinn und einer wunderbaren Schönheit des Stils über das göttliche Amt der Kirche, die heilige Grundlage des Glaubens rein und makellos zu bewahren. Von den Irrlehrern sagt er, dass sie überall die Heilige Schrift anzuführen versuchen. Es gibt fast kein Blatt in ihren Schriften, wo man nicht einen biblischen Text findet, aber sie gleichen darin den Quacksalbern, die um ihre Tropfen anzubringen, ihnen die Kraft zuschreiben, unfehlbare Heilung zu bewirken, und den Giftmischern, die ihre tödlichen Tränke unter betrügerischen Namen verbergen. Sie ahmen dem Vater der Lüge nach, der, während er den Sohn Gottes versuchte, die Heilige Schrift anführte. Wenn sich, fährt er fort, über den wahren Sinn einer Stelle, die den Glauben betrifft, ein Zweifel erhebt, so muss man zu den Vätern seine Zuflucht nehmen, die in der Gemeinschaft der katholischen Kirche gelegt haben und darin gestorben sind. – Durch ihre Lehre wird man bald die Wahrheit entdecken. Wir dürfen indes nur als unbedingt gewiss annehmen, was von allen, oder beinahe von allen Vätern geglaubt worden ist und dann kommt ihre Übereinstimmung dem Ausspruch eines Generalkonzils gleich.

 

Hat einer eine Lehre, die fast allen übrigen widerspricht, so muss man, so heilig und gelehrt er auch gewesen sein mag, seine Ansicht als die eines einfachen Privatmenschen betrachten und nicht als den allgemeinen Glauben der Kirche. Ist ein strittiger Punkt auf einem Generalkonzil entschieden worden, so wird diese Entscheidung unantastbar und trägt alle Merkmale an sich, um daran zu glauben. Dies sind die allgemeinen Grundsätze, die der heilige Vincenz von Lerin in seinem Werk aufgestellt hat, und sie haben immer als mächtige Waffen gegen alle Irrlehren gedient. – Der Heilige starb unter der Regierung Theodosius II. und Valentius III. gegen Ende des Jahres 450 und seine Reliquien werden zu Lerin aufgehoben.

 

Der heilige Simeon Stylites der Jüngere,

+ 24.5..592 - Fest: 24. Mai

 

Der heilige Simeon in Antiochia in Syrien entwich, so wie der heilige Johannes der Täufer, schon mit sechs Jahren in die Wüste. Er lebte dort in Gemeinschaft mit himmlischen Geistern, einzig nur von ihrer himmlischen Speise ernährt. Nachdem er auf solche Weise sechs Jahre zugebracht hatte, ging er in ein Kloster, in dem er im beschaulichen Leben eine solche Vollkommenheit erreicht hatte, dass er dann auf Einladung seines Lehrmeisters eine hohe Säule unter freiem Himmel bestieg, auf der er, mit Leib und Seele über der Erde erhoben, bei jedem Wetter 45 Jahre lang aufrecht stehen blieb, und wie eine „Stimme des Rufenden in der Wüste“ seinem verdorbenen Zeitalter Buße predigte, bis er von seiner Säule in den Himmel aufgenommen wurde im Jahre Christi 592.

 

Steh fest und aufrecht; aber sieh zu, dass du nicht fällst!

 

Bitte für mich, großer heiliger Bußprediger, dass ich mich hier in diesem Leben auf dem rechten Weg immer so aufrecht halte, damit ich nicht falle, und dass ich mich durch Beten und Fasten in vertraulichen Umgang mit den himmlischen Geistern setze, damit ich ihre Tröstungen und himmlische Erquickungen schon im Tod verkosten und nach meinem Tod dann auf ewig genießen möge!

 

25. Mai

 

Der heilige Papst Gregor VII.,

+ 25.5.1085 - Fest: 25. Mai

 

Am ehesten kommt man an den heiligen Papst Gregor VII. heran, wenn man vom Kirchengebet im Schott ausgeht. Es heißt da nämlich, „Gott habe ihn mit ausdauernder Kraft gestärkt, damit er die Freiheit der Kirche schütze“. War denn die Freiheit der Kirche bedroht? Ja, die Kirche lag damals in Ketten. Das ist so zu verstehen, dass sich die Kaiser und Könige jener Zeit unerlaubterweise in die kirchlichen Angelegenheiten einmischten. Die weltlichen Herren maßten sich zum Beispiel das Recht an, in ihren Ländern die Bischöfe zu ernennen, obwohl es doch klar auf der Hand liegt, dass dieses Recht nur dem Papst als dem Nachfolger des heiligen Petrus zusteht, dem allein Christus das Hirtenamt übertragen hat.

 

Die Kaiser und Könige setzten sich also über das päpstliche Recht hinweg. Das wäre an sich noch nicht schlimm gewesen, wenn die weltlichen Herren gute, fähige, fromme und würdige Männer ohne Ansehen der Person zu Bischöfen ernannt hätten. Das taten sie aber teilweise nicht, vielmehr erhoben sie diejenigen zu den hohen Kirchenämtern, die sich am tiefsten vor ihnen duckten oder ihnen am meisten Geld für die Verleihung der Bischofswürde boten. Die kirchlichen Stellen wurden also regelrecht verschachert, und man schaute nicht einmal darauf, ob der Käufer überhaupt Priester war. Dass solche Mietlinge die Herde Christi nicht hüten konnten, ist leicht einzusehen, und dass sie ungeheures Unheil anrichteten, ist ebenso klar. Die Kirche war demnach ihrer Freiheit in der Besetzung der obersten Kirchenämter beraubt. Das war die Zeit, in der Gregor VII. lebte.

 

Hildebrand hieß Gregor VII., bevor er Papst wurde. Als Sohn eines Schreiners wurde er 1021 in Italien geboren und in Rom in einem Kloster erzogen. Später trat er in den Benediktinerorden ein. Bald tauchte er in der Umgebung des Papstes auf, und fünf Päpsten, die sich rasch nacheinander in der Leitung der Kirche folgten, diente er als Ratgeber und Gehilfe. Als einer von diesen fünf Päpsten, Gregor VI., nach Köln am Rhein verbannt wurde, aß auch der Mönch Hildebrand mit seinem Herrn das Brot der Fremde, bis er selbst am 22. April 1073 unter dem Namen Gregor VII. den päpstlichen Thron bestieg. Eine der ersten Amtshandlungen des neuen Papstes bestand darin, dass er alle diejenigen, die fürderhin ohne seine ausdrückliche Zustimmung kirchliche Amtsstellen verkauften oder kauften, mit dem Bann und mit dem Ausschluss aus der Kirche bedrohte. Es war eine mutige Tat, aber derjenige, der sie vollführte, hatte damit in ein Nest von Wespen gegriffen, die ihn, solange er lebte, nicht mehr zur Ruhe kommen ließen.

 

Gregors gefährlichster Widersacher war der deutsche König Heinrich IV., der sich in der Geschichte nicht des besten Rufes erfreut, denn er war ein leidenschaftlicher, hemmungsloser Mensch, der nicht immer gerade Wege ging. Dieser Mann kümmerte sich nicht einen Deut um die päpstliche Verordnung, sondern setzte nach wie vor Bischöfe ein und ab, und als der Papst väterlich mahnte und warnte, erhielt er von Heinrich einen groben Brief mit der verächtlichen Anschrift „An den Mönch Hildebrand“, und weiter standen in diesem Brief die bösen Worte: „Steig herab von deinem Sitz, ich befehle es dir.“

 

Was konnte der Papst da anderes tun, als den frechen Absender zu bannen? So geschah es auch. Heinrich IV. wurde von der Kirche ausgeschlossen, und die Untertanen kehrten sich von ihm ab. Da ging der König scheinbar in sich, reiste in höchster Not nach der Burg Canossa in Italien, wo sich Gregor VII. gerade aufhielt, und bat den Papst, ihn aus dem Bann zu lösen. Hochherzig wurde der Bitte entsprochen, aber Heinrich IV. meinte es anscheinend nicht ehrlich, denn als er nach Deutschland zurückkehrte, trieb er es ärger noch als vorher. Schließlich setzte er sogar den Papst ab und zog mit einem Heer gegen Rom, so dass Gregor VII. in die italienische Stadt Salerno flüchten musste, wo er im folgenden Jahr starb. Die letzten Worte des großen Mannes lauteten: „Ich habe die Gerechtigkeit geliebt und das Unrecht gehasst, deshalb sterbe ich in der Verbannung.“

 

Nach außen hin musste Gregor VII. seinen Zeitgenossen als ein Besiegter erscheinen, in Wirklichkeit aber war er doch der Sieger, denn heute ernennt einzig nur der Papst die Bischöfe, und damit ist ein für allemal auch die Gewähr gegeben, dass nur solche Männer zu den höchsten kirchlichen Würden emporsteigen, die des hohen Amtes würdig sind.

 

Der heilige Papst Urban I., Märtyrer,

+ 25.5.233 – Fest: 25. Mai

 

Der heilige Urban folgte im Jahr 223, dem dritten der Regierung des Kaisers Alexander, dem heiligen Calixtus auf dem Stuhl des Apostelfürsten nach. Obgleich Alexander, von Natur ein sanfter Fürst, den Christen geneigt war, wurden diese doch an verschiedenen Orten, entweder durch das Volk oder die Statthalter verfolgt. In den Akten der heiligen Cäcilia wird gesagt, Papst Urban habe den Märtyrern Mut zugesprochen und eine große Menge Götzendiener zum Glauben bekehrt. Er starb, nachdem er sieben Jahre auf dem apostolischen Stuhl gesessen hatte, und wird im Sakramentarium des heiligen Gregor, im Martyrologium des heiligen Hieronymus, das Florentinius herausgegeben hat, und in der Liturgie der Griechen, Märtyrer genannt. Nach Fortunat, und nach mehreren alten Messbüchern scheint man im sechsten Jahrhundert in Frankreich sein Fest mit viel Andacht gefeiert zu haben. Man beerdigte ihn im Prätextatischen Kirchhof. In alter Zeit lag an der appischen Straße, beim Ort seines Begräbnisses, eine unter seinem Namen geweihte Kirche.

 

Im Jahr 821 entdeckte man die Leiber der heiligen Cäcilia, und der heiligen Tiburtius, Valerianus und Urbanus. Papst Paschal versetzte sie in die Kirche der heiligen Cäcilia. Leo IV. sandte der KaiserinIrmengard, der Gemahlin Lothars I., den Schädel der heiligen Cäcilia samt den Leibern der heiligen Päpste Sixtus und Urban, und diese Fürstin gab sie um das Jahr 840 in die Abtei der Chorfrauen, die sie zu Erstein im Elsass gestiftet hatte. Kaiser Karl IV., der 1553 in diese Provinz kam, lies den Sarg, in dem der Leib des heiligen Urban lag, öffnen, und schickte einige seiner Reliquien nach Prag. Man darf diesen Heiligen aber nicht mit einem anderen Heiligen desselben Namens verwechseln. Man hat bewiesen, dass der heilige Urban, von dem es sich hier handelt, derselbe sei, dessen Leib von Papst Nikolaus I. im Jahr 862 an die Mönche von St. German zu Auxerre geschickt worden, und dessen Reliquien später im Kloster von St. Urban, im Bistum Châlons-sur-Marne, aufbewahrt wurden.

 

26. Mai

 

Der heilige Philipp Neri, Priester und Ordensstifter von Rom,

+ 26.5.1595 - Fest: 26. Mai

 

Philipp Neri war unter allen frohen Heiligen der fröhlichste. Er konnte ansteckend lachen. Und wo immer er sich zeigte, wurde man von Herzen froh, auch dann und erst recht dann, wenn er, wie es stets der Fall war, aus dem Scherzen allmählich ins Predigen und Beten geriet, denn die Art, wie er predigte und betete, war für Auge, Ohr und Herz der Zuhörer ein wirklicher Genuss.

 

Als Sohn eines Rechtsanwaltes wurde Philipp Neri im Jahre 1515 zu Florenz geboren. Aus dem Kind entwickelte sich mit den Jahren ein junger Mann, der sich nicht nur durch reiches Wissen und feines Auftreten, sondern auch durch gutes Betragen und religiösen Sinn vorteilhaft von seinen Altersgenossen unterschied.

 

Ein reicher kinderloser Onkel Philipps, der ein blühendes Geschäft besaß, setzte den Achtzehnjährigen zum Erben ein und musste bald darauf feststellen, dass der Neffe als Kaufmann unmöglich war, denn von Geld hatte er keine blasse Ahnung. Wo Philipp Armut und Not sah, sprangen ihm die Münzen von selbst aus der Tasche in die Hände der Armen, und als ihn daraufhin der Onkel enterbte, war niemand froher als Philip.

 

Philipp wanderte nach Rom, wo er bei einer gräflichen Familie die Stelle eines Hauslehrers versah, und zwar lange Zeit, bis er, fünfunddreißigjährig, noch Priester wurde. Ein Priester, der fast fünfzig Jahre hindurch auf neuartige Weise eine begnadete und segensreiche Seelsorge ausübte, so dass er der zweite Apostel Roms genannt wird.

 

Als eifriger Seelenhirt sorgte Philipp für alle Menschen, für Reiche und Arme, für Gute und Böse, für Junge und Alte, für Gesunde und Kranke, aber besonders warm schlug sein Priesterherz ganz besonders für die Kinder, die er alle liebte und die auch ihrerseits ihn gern hatten. Sobald sich Philipp auf der Straße sehen ließ, hatte er eine ganze Horde Kinder um sich, mit denen er plauderte und lachte. Die Jungen und die Mädchen hatten überhaupt keine Scheu vor dem heiligen Mann, eben weil er so lieb war und weil er sogar mit ihnen spielte, bald auf einem der großen Plätze in Rom, bald draußen vor der Stadt in Wald und Wiese. Und bei allen Spielen machte der Heilige fröhlich mit, als wäre er selbst noch ein Junge, ganz gleich, ob es sich um Fußballspielen oder Wettrennen oder Hüpfen oder Sacklaufen handelte. Und alle sagten wie selbstverständlich du zu ihm und redeten ihn auch mutig mit dem Spitznamen Pippo an.

 

Am schönsten war es aber, wenn Pippo nach dem Spiel begann, Geschichten zu erzählen. Pippo kannte unheimlich viele und unheimlich schöne Geschichten. Bevor aber die Geschichten am Ende, wie es sein muss, ernst wurden und in eine Nutzanwendung ausliefen, musste man am Anfang und zwischendurch meistens unbändig lachen. Bei Pippo war es immer schön.

 

Auch bei Pippo in der Kirche und daheim. Sein Haus und die Kirche stand immer allen Kindern offen, besonders den Straßenkindern Roms, und sie durften darin machen, was sie wollten, durften durch die Gänge und über die Treppen rennen oder vom Dachboden bis in den Keller Versteck spielen, durften singen und schreien, alles war gestattet. Und Pippo war kein Spielverderber, sondern machte lustig mit, und wenn die sogenannten vernünftigen Leute dem Heiligen zuredeten, dem Radau endlich ein Ende zu machen und die Kinder wegzuschicken, so antwortete der unverbesserliche Kinderfreund:

 

„Solange die Kinder hier im Haus auf ihre Weise lustig sind, begehen sie keine Sünde, und um sie vor der Sünde zu bewahren, lasse ich sie machen, was sie wollen.“

 

So einer war der Pippo, ein einzigartiger Kinderfreund, und heute noch ist sein Fest alljährlich für die Kinder in Rom ein Anlass zur Freude. Heute noch pilgern die Mädchen und Jungen jedes Jahr in die Trinitarierkirche an Pippos Grab, der vor vierhundertundfünfzig Jahren starb und im Gedächtnis der Menschen unsterblich weiterlebt, weil er ein so lieber und lustiger Kinderfreund war, von dem heute noch die Kinder lernen sollen, dass ihnen nach seiner Ansicht alles gestattet ist, wenn sie bei dem, was sie tun, nur nicht sündigen.

 

27. Mai

 

Der heilige Beda der Ehrwürdige - Beda Venerabilis,

Priester von Jarrow, englischer Kirchenlehrer,

+ 25.5.735 - Fest: 27. Mai

 

Der heilige Beda, von Geburt ein Engländer, der um das Jahr 700 lebte, gehört zu den Stillen und bescheidenen Menschen, die nicht viel aus sich machen, sich nicht vordrängen, gern im Hintergrund stehen, deren Leben sich trotzdem wie eine breite Segensspur über die Erde hinzieht.

 

Als siebenjähriger Junge ging Beda ins Kloster und blieb darin bis an sein Lebensende. Erst war er Schüler, dann wurde er Mönch und Priester, schließlich unterrichtete er als Lehrer an der Klosterschule und schrieb Bücher über alle möglichen Dinge, denn durch fleißiges Lernen war er mit den Jahren so klug geworden, dass er als der gelehrteste Mann seiner Zeit angesehen wurde. Es war einzig nur der Fleiß, der ihn zu dem gemacht hatte, was er war. Jeden freien Augenblick, den der Tag ihm bot, nutzte Beda aus zum Lernen. Faulenzerei kannte er nur dem Namen nach. Stets saß er hinter den Büchern. Lernen war lebenslang seine Wonne.

 

Der heilige Beda war aber nicht nur fleißig, sondern auch fromm. Wenn vom hohen Klosterturm die Glocke zum Gottesdienst rief, mehrmals am Tag und einmal in der Nacht, war Beda meist als erster von den Brüdern zur Stelle. Mit ganzer Seele diente er dem Herrn in seinem Heiligtum. Schon die Art, wie er die Kniebeuge machte, war wie eine Predigt, so schön und lehrreich sah es sich an. Stets auch betete und sang er mit den anderen und sprach jedes Wort deutlich aus, und dass er mit dem Nebenmann in der Kirche schwätzte, ist nie beobachtet worden, und ganz undenkbar war es, dass er beim Gebet umhersah, um zu beobachten, was die anderen trieben. Bei ihm war es so, wie es sein soll, dass nämlich beim Beten das Herz vorbeten, der Mund nachbeten und Augen, Hände und Knie mitbeten müssen.

 

Schön war auch Sankt Bedas Tod. Lange vorher litt er bereits schwer an Atemnot, die ihn aber nicht daran hinderte, bis zu seinem letzten Lebenstag Schule zu halten. Die übrige Zeit des Tages und einen Teil der Nacht brachte er während der Krankheit im Gebet zu, damit ihn der Herr bei seinem Kommen wachend finde. Als die körperliche Schwäche zunahm, empfing Beda am Tag vor Christi Himmelfahrt kniend die heiligen Sterbesakramente, ging anschließend in das Klassenzimmer und diktierte den Schülern wie immer. Nur sagte er, sie möchten schneller schreiben als sonst, weil er bald abberufen werde. So sagte er, und er behielt recht, denn am anderen Morgen, am Himmelfahrtstag des Herrn, trat er die eigene Himmelfahrt an. Wieder kniete er auf dem Fußboden seiner Zelle, und als er merkte, dass der Tod neben ihm stand, schlug er über sich noch einmal ein Kreuzzeichen und sagte: „Nun ist alles gut vorüber im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“ Das waren Bedas letzte Worte, und während der tote Körper noch eine Weile in der knienden Stellung verharrte, zog die Seele himmelwärs am Himmelfahrtstag des Jahres 735. Es war ein schöner Tod.

 

Wohl war das Christentum schon früh nach England vorgedrungen. Aber die Wogen der Völkerwanderung hatten im 4. Und 5. Jahrhundert die hoffnungsvoll aufsprossende Saat wieder überschwemmt und vernichtet. Erst unter Abt Augustin, der gegen Ende des 6. Jahrhunderts mit 40 Gefährten nach England kam, fasste das Christentum auf den britischen Inseln festen Fuß und nahm nun einen raschen Aufschwung. Schon hundert Jahre nach Augustin erreichte es in der überragenden Gestalt des heiligen Beda einen Gipfelpunkt geistiger Bildung. Beda, den die Nachwelt mit dem wohlverdienten Beinamen Venerabilis (der Ehrwürdige) auszeichnete, war die hellste Leuchte seines Jahrhunderts und der Stolz seines Volkes.

 

Die Inschrift auf dem Grab des Heiligen in der Marienkirche zu Dunelm konnte ohne Übertreibung von Beda rühmen, es sei in ihm aus einem entlegensten Ende der Erde eine Leuchte für die ganze Welt aufgegangen. Hat doch kaum ein anderer Gelehrter einen nachhaltigeren Einfluss auf das Geistesleben der späteren Jahrhunderte ausgeübt als Beda Venerabilis.

 

Wenn die Kirche Beda unter die Schar der Heiligen aufnahm und Papst Leo XIII. ihn der Zahl der heiligen Kirchenlehrer beigesellte, so galt diese Verehrung nicht bloß dem gelehrten Professor und Schriftsteller, sondern auch dem Vorbild christlicher Vollkommenheit. In Bedas Leben gibt es keine außerordentlichen Wunderwerke. Seine Heiligkeit bestand darin, dass er die gewöhnlichen Andachts- und Tugendübungen des Ordensmannes mit ungewöhnlicher Vollkommenheit und Heiligkeit verrichtete. Beda lehrt durch sein Leben, dass der Schwerpunkt der Selbstheiligung und Vervollkommnung nicht in den außerordentlichen Taten und Wunderwerken liegt, sondern in den sogenannten kleinen Tugenden. Gute Meinung, starker Opfergeist und reine Gottesliebe vermögen mit Hilfe der Gnade Gottes aus kleinen Steinchen einen Ewigkeitsbau leuchtender Heiligkeit zu errichten. Auch die kleinen Schritte alltäglicher treuester Pflichterfüllung führen zum Berg Gottes und zu den Höhen strahlender Heiligkeit, wenn sie nur beschwingt sind von lauterer Absicht.

 

Der heilige Bruno, Bischof von Würzburg,

+ 27.5.1045 – Fest: 27. Mai

 

Der Großvater dieses heiligen Bischofs war Herzog Otto von Franken, der Sohn jenes Herzogs Conrad, der auf dem Lechfeld in der Hunnenschlacht ritterlich gekämpft und den Tod gefunden hat. Die Gemahlin dieses Conrad hieß Luitgardis und war eine Tochter des Kaisers Otto des Großen.

 

Herzog Otto hatte 3 Söhne, Heinrich, Bruno und Conrad. Heinrich folgte seinem Vater als Herzog in Franken. Bruno wurde zuerst Mönch, dann Bischof von Verden und regierte zuletzt als Papst Gregor V. die gesamte Kirche Gottes. Conrad erhielt das Herzogtum Kärnten. Er verehelichte sich mit der Gräfin Mathilde von Querfurt und Mansfeld, und hatte zwei Söhne, nämlich Konrad, der dem Vater als Herzog von Kärnten nachfolgte, und Bruno.

 

Von der Jugendzeit und dem frühen Leben des heiligen Bruno ist nichts bekannt. Am 14. März des Jahres 1033 wurde er auf den bischöflichen Stuhl von Würzburg erhoben. Er wird als ein sehr gelehrter Mann gerühmt, soll mehrere Schriften, unter diesen Erklärungen der Psalmen geschrieben und die wissenschaftliche Bildung seiner Geistlichen mit großem Eifer gefördert haben.

 

Wegen seiner ausgezeichneten Kenntnisse war er auch bei den beiden Kaisern Konrad II. und Heinrich III. sehr in Ehren gehalten und beliebt. Schon im ersten Jahr seines Bistums zog er mit Kaiser Konrad nach Italien und half ihm die Lombardei erobern. Bei der Belagerung von Mailand feierte der heilige Bischof am hohen Pfingstfest das Hochamt. Während dieser Feierlichkeit entstand plötzlich ein solches Donnerwetter, dass alle meinten, der Jüngste Tag komme. Mehrere Menschen wurden vom Blitz erschlagen, viele wurden durch den Schrecken ganz betäubt, und alles rannte voll Verwirrung hin und her. Nur Bischof Bruno blieb ruhig am Altar stehen und vollendete, ohne sich stören zu lassen, das heilige Opfer. Nach der Heiligen Messe begab er sich zum Kaiser und erzählte ihm die Vision, die ihm während des heiligen Opfers geworden war. Der heilige Ambrosius war dem Bischof erschienen und hatte ihm gedroht, es werde der Kaiser mit seinem ganzen Heer zugrunde gehen, wenn er nicht alsbald von Mailand abziehe. Diese Vision und die unter dem Heer ausgebrochene pestartige Krankheit bewog den Kaiser, sogleich mit den Mailändern Frieden zu schließen, nachdem er die gefährlichsten Rebellen der Stadt, die schon in seiner Gewalt waren, hatte enthaupten lassen.

 

In der Teilung des väterlichen Erbes fiel dem frommen Bischof die Herrschaft Sonnerich im Stift Paderborn zu. Dieses sein väterliches Erbteil vermachte er dem Domkapitel in Würzburg, zur Verpflegung der Kanoniker. Auch andere von seinen Erbgütern im Kochergau vermachte der Bischof dem Stift Würzburg.

 

Um diese Zeit war die Domkirche zu Würzburg sehr baufällig geworden. Der edle Bischof unternahm zuerst den Bau seiner Kathedrale im Jahr 1042 und vollführte die Herstellung des herrlichen Tempels ganz auf eigene Kosten, ohne das Einkommen des Stiftes auch nur im Geringsten zu beanspruchen. Schon neun Jahre früher hatte Abt Willemuth die Klosterkirche zu St. Burkhard neu aufzubauen begonnen. Der fromme Bischof unterstützte den Abt in diesem Werk, das gerade vollendet wurde, als man den Bau der Domkirche anfing. Am Pfingstfest des Jahres 1042 nahm Bischof Bruno die Einweihung der neugebauten Klosterkirche vor. Gegenwärtig waren die Bischöfe Suidger von Bamberg (soäter Papst Klemens II.), Heriwart von Eichstädt, Hugo von Beßnitz, Severus von Prag und Adeleg von Zeitz.

 

Im Jahr 1045 musste Bischof Bruno mit Kaiser Heinrich III. nach Ungarn ziehen, um mit ihm die ungarischen Angelegenheiten zu ordnen. Als man unter Linz die Donau hinabfuhr, hatte Bruno, obwohl ganz gesund, eine Ahnung seines nahen Todes. Man kam glücklich bis nach Ips. In der Nähe dieser Stadt stand das Schloss Rosenburg nahe an der Donau. Hier hielt sich der Kaiser mit seinem Gefolge einige Tage auf. Eines Abends begab sich der Kaiser in ein nahe gelegenes Sommerhaus, das hart an der Donau lag und schon sehr baufällig war. Bischof Bruno kam zu ihm. Auf einmal brach der morsche Bretterboden, und beide fielen in das untere Gemach hinunter. Der Kaiser blieb unverletzt. Der Bischof aber wurde so übel zugerichtet, dass man ihn auf das Schloss zurücktragen musste. Er lebte noch acht Tage, bereitete sich zum Tod vor und verschied selig im Herrn am 27. Mai 1045. Es war dies eben das hohe Pfingstfest. Den Leichnam des Heiligen legte man in einen Sarg und brachte ihn nach Würzburg, wo er in der Gruft des von ihm erbauten Domes begraben wurde. Über seinem Grab steht in Stein eingegraben: „Im Jahr des Herrn 1045 den 27. Mai starb der selige Bruno, Bischof und Erbauer dieser Kirche.“ Die Verehrung des heiligen Bischofs nahm in dem Grade zu, als die Wunder an seinem Grab sich mehrten. Im Anfang des 13. Jahrhunderts erscholl der Ruf von den großen Wundern dieses Heiligen durch ganz Deutschland. Im Jahr 1237 stellte Bischof Herman eine Untersuchung der Wunder an und sendete die Ergebnisse nach Rom an Papst Gregor IX. Allein der von Herman begonnene Neubau des Domes nahm alle Aufmerksamkeit und alles Geld in Anspruch. Die Sache blieb in Schwebe. Erst Innozenz IV. soll die Heiligsprechung vorgenommen haben. Im Jahr 1699 wurden die Gebeine des heiligen Bischofs erhoben und der öffentlichen Verehrung der Gläubigen ausgesetzt.

 

28. Mai

 

Der heilige Augustin, Apostel von England, Erzbischof von Canterbury,

+ 26.5.607 - Fest: 28. Mai

 

Es wird berichtet, dass der heilige Gregor der Große, bevor er Papst wurde, auf dem Marktplatz in Rom eine Gruppe von blauäugigen, blondhaarigen Männern antraf, die als Sklaven feilgeboten wurden. Auf die Frage des Heiligen, was das für Leute seien, erwiderte man ihm, es handele sich um kriegsgefangene heidnische Angeln aus dem heutigen England. Am nächsten Tag war Gregor bereits unterwegs, um als Missionar in England zu wirken. Kaum war er jedoch drei Tage auf Fahrt, da rief man ihn zurück, weil man den tüchtigen Mann in Rom nicht missen mochte, und kurze Zeit darauf bestieg der Heimgeholte als Papst den römischen Bischofsstuhl.

 

Eine der ersten Amtshandlungen des neuen Stellvertreters Christi auf Erden bestand darin, dass er vierzig Mönche als Missionare nach England sandte, damit sie das ausführten, was er selbst als Papst nicht mehr bewerkstelligen konnte. Der von Gregor bestellte Leiter der Missionskarawane war der Abt Augustinus, der gleiche, dessen Fest die Kirche heute begeht.

 

Frohgemut und des Erfolges gewiss, verließen die Männer die Ewige Stadt und gelangten nach langer und beschwerlicher Reise über die Alpen und durch Frankreich an die Küste des Ärmelkanals. Da sahen sie das Meer, das, weil gerade Sturm herrschte, Wellen bis in die Wolken warf. Es war für die Südlandssöhne ein ungewohnter Anblick, und man darf es ihnen nicht übelnehmen, dass sich ihre Begeisterung im Angesicht der tobenden See merklich abkühlte. Noch mehr wurde ihr Gemüt von dem bedrückt, was ihnen die ortsansässigen Küstenfischer von der Wildheit der Angelsachsen erzählten. Man bedauerte sie und sagte ihnen den sicheren Tod voraus. Da legte sich eine bange Furcht auf die Seele der Missionare, und sie verloren ganz und gar den Mut. Lange beratschlagten sie, was zu tun sei, und beschlossen schließlich, dass Augustinus nach Rom reisen, den Papst über die riesengroßen Schwierigkeiten aufklären und bitten solle, sie von ihrem Auftrag zu entbinden.

 

Gesagt, getan. Als aber der Abt Augustinus dem Papst seine Rede vorgetragen hatte, wurde Gregor zwar nicht unwillig, aber er beharrte fest bei dem, was er befohlen hatte. Im Namen Gottes sollten die Missionare nach England übersetzen, sein Segen werde sie begleiten und des Erfolges dürften sie sicher sein. So sprach das Oberhaupt der Kirche, und Augustinus kehrte zu den Gefährten zurück, und als sie die aufmunternden Worte des Papstes vernommen hatten, belebte sich ihr Mut wieder, sie fuhren über das Meer und landeten in England.

 

Gleich nach der Ankunft schickte Augustinus einen Boten zu dem Stammesfürsten Ethelbert und bat ihn um eine Unterredung, die auch gewährt wurde. Weil jedoch Ethelbert noch im Wahn des Heidentums lebte und sehr abergläubisch war, wollte er die Missionare, um sich vor ihren möglichen Zaubereien zu schützen, nicht in seiner Burg, sondern unter einer Eiche auf freiem Feld empfangen.

 

Also geschah es, und als sich Ethelbert inmitten der Stammesgenossen niedergelassen hatte, erschien auch Augustinus mit den Mönchen. Singend und betend kamen sie in feierlicher Prozession, und Augustinus sprach vor dem Herzog und dem Volk. Lange und eindringlich redete er, und als er geendet hatte, sagte Ethelbert, es sei alles gut und schön, was er gesprochen habe, aber er wolle doch lieber bei seinem angestammten Glauben verbleiben. Weil indessen die Missionare von so weit hergekommen seien, um seinem Volk das zu bringen, was ihrer Ansicht nach das Beste sei, dürften sie im Land bleiben und den christlichen Glauben verkünden.

 

So sprach der König, und Augustinus und die Mönche freuten sich über den verheißungsvollen Anfang der Bekehrungstätigkeit, und weil sie durch ihr gutes Beispiel und auch durch Wunder, die Gott auf ihr Gebet hin wirkte, die Wahrheit ihrer Lehre bekräftigten, war ihnen bald Erfolg beschieden. Gleich am ersten Pfingstfest empfing Herzog Ethelbert mit Tausenden von Untertanen die heilige Taufe. Augustinus aber wurde der erste Bischof in England, und als er im Jahr 604 starb, befand sich das Christentum im vollen Siegeslauf. Das ganze Land bedeckte sich mit Kirchen, Klöstern und Schulen, und noch nicht hundert Jahre nach dem Tod des heiligen Augustinus zogen von England aus die großen Missionare Bonifatius, Willibrord und ungezählte andere nach Germanien, um auch den deutschen Volksstämmen den wahren Glauben zu bringen.

 

Im 16. Jahrhundert sind dann die meisten Engländer leider vom katholischen Glauben abgefallen und haben eine Sekte gegründet. Deswegen bittet die Kirche heute den lieben Gott inständig darum, dass doch aus den getrennten Christen bald wieder ein Hirt und eine Herde werden.

 

29. Mai

 

Der selige Wilhelm Arnaldi, Priester und Martyrer von Avignonete,

und seine Gefährten,

+ 29.5.1242 – Fest: 29. Mai

 

Im Anfang des dreizehnten Jahrhunderts sah es in Frankreich und besonders im südlichen Teil des Landes, sehr übel aus. Die Sekte der Albigenser, die sich mit den verderblichen Lehren gegen Kirche und Staat erhoben, trieb dort ihr Unwesen. Die katholischen Gotteshäuser wurden von ihnen in Brand gesteckt und niedergerissen, nachdem man vorher die Altäre entweiht, die Priester misshandelt oder getötet, ja selbst das Heiligste in den Kot geworfen und mit Füßen getreten hatte. Die Päpste, als Hirten über ihre Herde wachend, schickten Prediger und Legaten, um die verirrten Schäflein durch Belehrung und Predigt zum Schafstall Christi zurückzuführen. So war der heilige Vater Dominikus vom Papst Honorius III. zu den Albigensern gesandt worden, und Papst Gregor IX., der nach Honorius den Stuhl des heiligen Petrus bestiegen hatte, sandte Söhne des heiligen Dominikus, Glieder des von diesem Heiligen gestifteten Ordens der Predigerbrüder, nach Südfrankreich, den wahren Glauben durch Predigt und Unterricht zu verkünden. Unter den von Gregor IX. im Jahr 1234 mit der Bekehrung der Ketzer beauftragten Missionaren befand sich auch der selige Wilhelm Arnaldi von Montpellier aus dem Predigerorden. Er war, so berichten uns die Geschichtsschreiber, sehr bewandert in der Heiligen Schrift und im kanonischen Recht, und was noch mehr, ein großer Heiliger. Er war vom Papst zum Inquisitator ernannt worden, d.h. zum geistlichen Richter über die Häretiker, und predigte mit großem Eifer und Erfolg in der Gegend von Toulouse. In seiner Begleitung waren noch zwei andere Dominikaner, Bernard von Ripaforte und Garzias, sowie zwei Franziskaner, ein Benediktiner und einige Weltgeistliche, im Ganzen elf Personen. Gegen Ende des Monats Mai 1242 kamen die Missionare nach Avignonet, einem nicht weit von Toulouse gelegenen Städtchen. Sie machten sich ans Werk und begannen zu predigen und das Volk über die Glaubenswahrheiten zu belehren, um so die Irrtümer, die wie dunkles Gewölk auf den Gemütern lagen, zu zerstreuen, und den Leuten, die sich zumeist aus Unwissenheit dem Irrtum ergeben hatten, das Licht des wahren Glaubens zu verschaffen.

 

Avignonet gehörte damals dem Grafen Raymund VII., der in der Stadt ein Schloss besaß. Die Missionare, die in Folge ihres vom Oberhaupt der Christenheit empfangenen Amtes den ganz besonderen Schutz der Fürsten genossen, in deren Gebiet sie predigten, wohnten im Schloss des Grafen Raymund, waren also seine Gäste. Der Graf hatte auch seinem Verwalter, dem Befehlshaber des Schlosses, befohlen, in seiner Abwesenheit für die Glaubensboten zu sorgen, sie zu beschützen und, wenn es nötig wäre, sie zu verteidigen. Aber es kam anders. Der Verwalter nämlich, Raymund von Alfaro mit Namen, war ein fanatischer Anhänger der Albigenser und von glühendem Hass gegen die katholische Kirche und ihre Bekenner erfüllt. Mit steigendem Groll und Unmut sah er das erfolgreiche Wirken der Prediger, die jeden Tag eine große Menge um ihre Kanzeln versammelten und das Bestehen der Häresie in Avignonet ernstlich bedrohten. Er beschloss bei sich die gewaltsame Beseitigung der Missionare und schickte zu der nicht weit entfernten Burg von Monsegur und einigen anderen Burgen der Umgegend einen Boten, die Ritter mit ihren Kriegsknechten zu Hilfe an dem geplanten Werk zu entbieten. Der Kommandant von Monsegur sagte zu, und am Abend des 28. Mai, am Tag vor Christi Himmelfahrt, verließ ein Trupp Reiter das Schloss Monsegur und schlug die Richtung nach Avignonet ein. Unterwegs gesellten sich von den übrigen Burgen noch andere Reiter zu der Schar, und schweigend ging es fort bis in die Nähe der Stadttore, wo sie in einem Wäldchen Halt machten. Hier wartete ein Bürger aus Avignonet, den man mit noch ungefähr dreißig anderen Albigensern der Stadt in den Plan eingeweiht hatte, und da alles bereit war, führte dieser die Reiter, deren Zahl bis auf hundert angewachsen war, bis in die unmittelbare Nähe des Schlosses. – Die Missionare hatten von einer ihnen drohenden Gefahr nicht die geringste Ahnung und glaubten sich unter dem Schutz des Grafen sicher. Sie befanden sich mit einigen Katholiken aus der Stadt zusammen in dem großen Saal des Schlosses und wollten sich eben von einander trennen, um sich zur Ruhe zu begeben. Da ertönt plötzlich ein großer Lärm. Einen Augenblick später dringt durch die Türen des Saales ein Haufen Bewaffneter, Raymund und Alfaro an der Spitze. Das Krachen der mit Äxten zerschlagenen Türen der Vorzimmer, sowie der Anblick der bewaffneten Schar lässt die Glaubensboten über ihre Lage keinen Augenblick im Zweifel, und sie erkennen, dass ihre letzte Stunde gekommen ist. An Flucht denkt niemand, sondern nach dem Beispiel des seligen Wilhelm knien alle nieder, singen das Te Deum und erwarten so den Tod, den sie ihres Glaubens wegen erdulden sollten. Raymund von Alfaro, der Kommandant des Schlosses, anstatt die Missionare zu schützen und zu verteidigen, schlägt als der erste einen der Glaubensboten nieder und gibt damit seinen Gesellen das Zeichen. – Aber da wurden die Mörder in ihrer blutigen Arbeit gestört. Trotz aller Vorsicht hatte sich die Kunde von einem Überfall der Missionare in der Stadt verbreitet, und eine Anzahl Katholiken war zum Schloss geeilt, um sie zu retten. Sie drangen vor bis in den Saal, wo die Mörder waren, und es gelang ihnen auch, einige der Missionare, darunter den seligen Wilhelm von Montpellier und Stephan von Narbonne, aus dem Schloss in die Pfarrkirche zu flüchten, wo, wie sie meinten, die Heiligkeit des Ortes die Glaubensboten vor der Wut der Häretiker schützen werde. Aber vergebens. Die Mörder lassen die verstümmelten Leichen der im Schlosssaal Gemordeten liegen und eilen in die Kirche, die sie mit wildem Geschrei nach den Geflüchteten durchstürmen. Bald sind sie gefunden und das Blut färbt das Pflaster des Heiligtums. Die Leichen werden verstümmelt; unter anderem wird dem seligen Wilhelm, der durch seine Predigten besonders viele Häretiker bekehrt hatte, die Zunge ausgerissen. Dann verlassen die Mörder die Kirche und kehren zum Schloss zurück.

 

Die Leichname der drei gemordeten Predigerbrüder wurden von den Mitgliedern dieses Ordens nach Toulouse übertragen und in der dortigen Klosterkirche beigesetzt, indes die Franziskaner ihre Mitbrüder und die Geistlichkeit von Toulouse die Leichen der Weltgeistlichen in ihren Kirchen bestatteten. Viele Zeichen, die in dieser Nacht geschahen, sowie mehrere wunderbare Heilungen, die fast unmittelbar nach dem Tod der Glaubensboten auf ihre Fürbitte stattfanden, gaben deutliche Beweise für ihre Heiligkeit und Verherrlichung. – Die Kirche von Avignonet, wo zwei der Martyrer ihr Blut vergossen hatten, war durch die Mordtat entweiht worden und wurde vom Papst mit dem Interdikt belegt: die Türen wurden verschlossen und es durfte kein Gottesdienst in ihr stattfinden. Gegen vierzig Jahre blieb es so. Die Häresie erlosch während dieser Zeit vollständig in Avignonet, wie man annimmt, auf das Gebet der Martyrer, die mit ihrem Blut Zeugnis für den wahren Glauben abgelegt hatten. Nach dieser Zeit schickten die Bewohner der Stadt eine Gesandtschaft an den Papst, um ihm ihre Reue über das Verbrechen zu melden und um Aufhebung des Bannes zu bitten. Der Papst tat es denn auch, und, o Wunder, zur selben Zeit, da der Heilige Vater in Rom den Bann löste, begannen zu Avignonet die Glocken der Kirche von selbst zu läuten und läuteten fort einen Tag und eine Nacht lang. Die mit Schlössern seit vierzig Jahren versperrten Türen öffneten sich den erstaunten Bewohnern von Avignonet, und in der Kirche fand man eine überaus schöne Statue der lieben Mutter Gottes, von der niemand sagen konnte, woher und wie sie dahin gekommen sei. In Folge dieser Ereignisse und der zahlreichen Erhörungen und wunderbaren Heilungen fassten die Bewohner von Avignonet und der Umgegend eine herzliche Verehrung und Andacht zur Mutter Gottes und zu den für den Glauben getöteten Predigern, die sich die Jahrhunderte hindurch bis auf unsere Zeit erhalten hat. Papst Pius IX. bestätigte am 6. Oktober 1866 ihre Verehrung, nachdem sie von den Gläubigen schon längst als Martyrer verehrt und angerufen wurden. Die Kirche aber mit der wunderbaren Statue der Mutter Gottes ist heute ein besuchter Wallfahrtsort, und die vielen Wunder, die dort auf die Fürbitte Mariens und der seligen Martyrer geschehen sind, rechtfertigen den Namen, den Maria dort trägt: „Unsere Liebe Frau von den Wundern“.

 

Die heilige Maria Magdalena von Pazzi von Florenz,

+ 25.5.1607 - Fest: 29. Mai

 

Die Heilige vom heutigen Tag hieß mit dem Familiennamen Pazzi. Das Wörtchen „von“ deutet darauf hin, dass sie vom Adel war. Der Taufname lautete Katharina, während Maria Magdalena der Ordensname ist, denn mit siebzehn Jahren entsagte das junge Mädchen der Welt, trat in den strengen Orden der Karmelitinnen ein und verbrachte den Rest des Lebens bis zum Tod am 25. Mai 1607 in einem Kloster der Heimatstadt Florenz. Aus der Jugendzeit der Heiligen werden einige Vorkommnisse erzählt, die der Wiedergabe wert sind.

 

Da wird zunächst berichtet, dass Katharina von Pazzi schon als Kind es nicht ausstehen konnte, dass böse und bittere Worte über den Nächsten ausgesprochen wurden. Solche Reden taten ihrem Herzen so weh, dass sie bisweilen darüber weinen musste, und dass sie selbst über andere Kinder abträglich gesprochen hätte, war ganz undenkbar. Nie auch gab sie ein Geheimnis preis, das man ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut hatte.

 

Weiter wird erzählt, dass Katharina von Pazzi ihr Butterbrot an arme Mitschülerinnen verschenkte, und während andere Kinder diejenigen, die in der Klasse wegen Dummheit aufgefallen waren, in den Unterrichtspausen auslachten und verspotteten, nahm sich Katharina ihrer liebevoll an und sprach ihnen Mut zu.

 

Auch das war ein auffallender Zug bei Katharina von Pazzi, dass sie sich schon in früher Kindheit vom lieben Heiland im Allerheiligsten Altarsakrament angezogen fühlte. Gern weilte sie in der Kirche, und immer kam sie so zeitig zur heiligen Messe, dass sie in der ersten Bank Platz fand, um nahe beim Tabernakel zu sein. Ganz groß aber war Katharinas Freude am hohen Tag der ersten heiligen Kommunion, die sie im Alter von zehn Jahren empfing. Nie im Leben hat sie das Glück dieser Stunde vergessen, und was sie da bei der Erneuerung des Taufgelübdes versprach, hat sie bis zum Tod treu gehalten und hat dem Satan, seiner Hoffart, seiner Lust und allen seinen Werken widersagt und hat Gottes Gebote treu beobachtet. Katharina gehörte zu jenen edlen Menschen, die den Treueschwur vom Erstkommuniontag lebenslang halten.

 

Um dem lieben Gott noch besser dienen zu können, verließ Katharina von Pazzi die Welt und ging ins Kloster. Aus dem reichen Mädchen wurde eine arme Ordensfrau. Schwester Maria Magdalena, wie sie nun hieß, genoss in den ersten zwei Jahren einen unbeschreiblichen Herzensfrieden. Später wendete sich allerdings das Blatt, denn ohne die Bewährung kann niemand heilig werden. Die Prüfungen aber, die über Maria Magdalena kamen, bestanden in grauenhaften Versuchungen zu allen möglichen Sünden. Es bleiben demnach auch die Heiligen von Versuchungen nicht verschont, und eben dadurch, dass sie den Versuchungen widerstehen, gelangen sie zur Heiligkeit.

 

Damals nun ereignete es sich eines Tages, dass Schwester Maria Magdalena stundenlang unter heftigen Anfechtungen gegen die heilige Reinheit litt. Dieser Zustand dauerte fast fünf Jahre: Versuchungen der Gotteslästerung, der Verzweiflung, der Unreinheit, der Essbegierde, des Ungehorsams und ähnlicher Sünden, Belästigungen von Seiten der bösen Geister, Entziehung des fühlbaren Trostes inmitten aller Kämpfe. Alles vereinigte sich, sie mit entsetzlichen Peinen zu quälen, in denen sie nur durch den Hinblick auf das Kreuz, durch Demut und Gehorsam aufrechterhalten wurde. Nachdem sie die Versuchung siegreich überwunden hatte, erschien ihr, wie auch sonst oft, der liebe Heiland, und als Schwester Maria Magdalena den Herrn traurig fragte, wo er denn während der quälenden Anfechtungen gewesen sei, erhielt sie zur Antwort: „Da war ich mitten in deinem Herzen.“ So sagte der Heiland, und aus diesen Worten geht hervor, dass nicht die Versuchung, sondern nur die Einwilligung darin Jesus aus dem Herzen vertreibt. Es ist gut, dass man sich die Tatsache merkt.

 

Am Pfingstfest des Jahres 1590 war ihre Prüfungszeit vorbei; nach der heiligen Kommunion strahlte ihr Antlitz von außerordentlicher Freude und, ihren Oberinnen die Hand drückend, sprach sie zu ihnen: „Das Ungewitter ist vorüber; dankt und preist mit mir meinen liebenswürdigen Schöpfer.“

 

Seit dem hatte sie nie mehr ähnliches zu bestehen. Ihre Seele, durch und durch gereinigt von Sünden und von aller ungeordneten Selbstliebe und zu einer uneinnehmbaren Burg Gottes befestigt, wurde mehr und mehr mit den außerordentlichsten Gnaden geschmückt und zu einem Tempel eingeweiht, auf dessen Altar eine solche Gottesliebe flammte, dass das Feuer derselben oft auch auf den Körper überströmte; da lud sie dann alle Welt ein, mit ihr die ewige Liebe zu lieben. Oft ergriff sie das Bild des Gekreuzigten, küsste es und rief aus: „O Liebe! Warum wird doch die Liebe nicht geliebt, von ihren eigenen Geschöpfen nicht erkannt! O mein Jesus! Hätte ich doch eine Stimme, die zu ertönen vermöchte bis an die äußersten Enden der Welt! Dass ich verkünden könnte, wie deine Liebe erkannt, geliebt und als das einzige wahre Gut geschätzt werden soll.“

 

Aus dieser Liebe Gottes entsprang ihr unaussprechlicher Schmerz über alle Beleidigungen Gottes, zu deren Sühnung sie Gott ihre glühenden Gebete und die schwersten Bußübungen aufopferte, und ihr unausgesetztes Flehen um die Bekehrung der Sünder, Irrgläubigen, Heiden und besonders auch der unwürdigen Priester.

 

Deshalb lebte sie äußerst streng und achtete kaum mehr auf ihren Körper. Sie, die Jungfrau aus vornehmen Haus, ging mit bloßen Füßen und bediente sich der schlechtesten Kleider. Ihre gewöhnliche Nahrung bestand aus Wasser und Brot, und selbst dieses zu genießen, musste sie oft durch den Gehorsam gezwungen werden. Zur Ruhe gerufen rief sie: „Wie soll ich ruhen können, wenn ich bedenke, dass Gott auf Erden so schwer beleidigt wird! O Liebe, nur aus Gehorsam zu dir will ich es tun und um mich nach deinem heiligen Willen zu richten.“ Sie geißelte sich nicht selten mit einer eisernen Kette bis aufs Blut und schlief beständig auf hartem Boden, eine zarte, kränkliche Frau, die die Ehren und Reichtümer und Genüsse der Welt leicht hätte haben können!

 

Ihrer Liebe zu Gott und zu den Seelen entquoll die zarte und unermüdliche Tätigkeit, mit der sie zuerst als Lehrerin der Klostermädchen, dann als Novizenmeisterin und zuletzt als Unterpriorin wirkte. Sie legte dabei eine wahrhaft übernatürliche Weisheit und Klugheit in der Seelenleitung an den Tag und tat öfter den Ausspruch, „die Werke der Liebe seien weit allen Ekstasen, Visionen, Offenbarungen und ähnlichen Dingen vorzuziehen; denn diese letzteren seien allein nur ein Geschenk Gottes, durch die Liebeswerke aber unterstütze man sozusagen Gott selber“. Ein anderes Mal sagte sie: „Es gibt nichts Süßeres als die Erfüllung des göttlichen Willens.“

 

Magdalena war stets ein Muster der Demut und des Gehorsams, der Liebe zu den Mitschwestern und der genauesten Beobachtung aller Ordensregeln; sie wollte getreu sein im Kleinsten wie im Größten. Dafür empfing sie wieder besondere Gnaden vom Herrn, außergewöhnliche Kenntnisse göttlicher und künftiger Dinge, die Gabe der Krankenheilungen und Prophezeiungen, eine besondere göttliche Vorsehung und Leitung in ihrem Leben, oft bis in die kleinsten Dinge; außergewöhnliche Gunsterweise Gottes wurden ihr zuteil, wie sie hier nur wenigen Dienern Gottes gegeben werden: sie empfing in ihrer Seele die Wundmale des Herrn und seine Dornenkrone; dann wurde sie mit ihm vermählt, ihr Herz hatte eingehen dürfen in sein Herz und durfte teilnehmen an der göttlichen Reinheit.

 

In den letzten Jahren ihres Lebens hatte die Heilige durch Krankheiten viel zu leiden; sie litt gerne und betete, obwohl nach Gott sich sehnend, aus Leidenshunger um längeres Leiden ohne Trost; oft sprach sie: „Herr, nicht sterben, sondern leiden!“ Ihren Schwestern gab sie die schönsten Ermahnungen, jeder besondere. Allen aber prägte sie vornehmlich drei Dinge ein: die heiligen Regeln fleißig zu beobachten, die Armut zu lieben und die gegenseitige Liebe zu bewahren. Mit innigster Andacht empfing sie die heilige Ölung und ein letztes Mal die heilige Kommunion. Dann entfloh ihre reine Seele am 25. Mai des Jahres 1607 zu Gott, eine der schönsten Blumen im Garten der heiligen Kirche, ausgezeichnet durch Reinheit und Gottesliebe.

 

Der Ruf ihrer Heiligkeit zog eine ungeheure Menge zu ihrer Leiche. Als man nach einem Jahr das Grab öffnete, fand man den Leib unversehrt. So wird er heute noch in einem kostbaren Kristallsarg in ihrer Vaterstadt gezeigt. Im Jahr 1626 erfolgte ihre Seligsprechung durch Papst Urban VIII., im Jahr 1669 die Heiligsprechung durch Klemens IX. Sie wird dargestellt im Karmeliterkleid mit einer Dornenkrone und einem brennenden Herzen als Symbol ihrer Gottesliebe, oft auch betend vor dem heiligsten Herzen Jesu, das ihr in übernatürlichen Gesichten gezeigt wurde; sie hatte es innigst geliebt und verehrt als Quelle aller Gnade.

 

Der heilige Maximin II., 28. Bischof und Bekenner von Trier,

+ 29.5.349 (?) – Fest: 29. Mai

 

In den Zeiten heftiger Stürme hat der Herr Himmels und der Erde immer große Männer und Frauen erweckt, die mit sicherem Blick und festem Mut das Steuer führten und ihr Schiff durch die brausenden Wogen des empörten Elements glücklich in den rettenden Hafen führten. Zu diesen heldenmütigen Steuermenschen der Kirche Jesu Christi gehört der heilige Maximin, der in den Stürmen des Arianismus seine umfangreiche Diözese Trier vor der Überflutung der Irrlehre schützte und durch Wort und Tat als Retter der Wahrheit erschien.

 

Maximin, einer vornehmen Familie zu Poitiers in Frankreich entsprossen, wurde schon früh dem heiligen Bischof Agritius zu Trier übergeben, der wegen seiner ausgezeichneten Tugenden in hohem Ansehen stand. Unter der sorgfältigen Leitung des heiligen Bischofs wuchs Maximin in Tugenden und Wissenschaften heran, empfing die heiligen Weihen und wurde nach dem Tod des heiligen Agritius im Jahr 332 auf den bischöflichen Stuhl zu Trier erhoben.

 

Um jene Zeit verwüstete die Irrlehre des Arius, der die Gottheit Jesu Christi leugnete, den Weinberg des Herrn in grauenhafter Weise, denn die Ketzer hatten die Kaiser nebst den wichtigsten und einflussreichsten Leuten in ihr Garn gelockt und verübten gegen die treuen Bekenner Jesu Christi Gewalttätigkeiten aller Art. Mit teuflischem Ingrimm verfolgten sie den heiligen Athanasius, den Patriarchen von Alexandrien und eifrigsten Verteidiger der christlichen Wahrheit. Nachdem er sich jahrelang in einer dunklen Höhle vor den Augen seiner Verfolger verborgen hatte, suchte er im Jahr 336 eine Zufluchtsstätte beim heiligen Maximin. Voll innigster Freude nahm er den Flüchtling in sein Haus auf, unbekümmert um die Gefahren, die ihm dafür von der Seite der Ketzer drohten. Zwei Jahre und vier Monate genoss Maximin den freundschaftlichen und belehrenden Umgang mit dem gelehrten und hochverdienten Bekenner Athanasius. Dieser lobt in seinen Schriften den musterhaften Lebenswandel und die heldenmütige Festigkeit seines Gastfreundes, der schon damals die Wundergabe von Gott empfangen hatte. Unter diesen Wundern sei nur eins aufgeführt: Einst reiste er mit dem heiligen Bischof Martin von Tours nach Rom, um die Gräber der Apostel zu besuchen. Ein Esel trug das Gepäck der beiden. Als sie durch einen Wald kamen, fiel plötzlich ein Bär über den Esel her und zerriss ihn. Sogleich befahl der heilige Maximin dem Bären, ihr Gepäck zu tragen, und das wilde Tier gehorchte.

 

Auch der von dem arianischen Kaiser Konstantius seiner Würde entsetzte Bischof von Konstantinopel, der heilige Paulus, fand bei Maximin im Jahr 343 Zuflucht, Schutz und Trost.

 

Da die Irrlehrer erkannten, dass die von ihnen vertriebenen Bischöfe bei dem rechtgläubigen Kaiser Konstanz, der das Abendland beherrschte, die festeste Stütze fanden, so suchten sie ihn zu umgarnen und sandten vier Abgesandte an ihn ab, die ein neues Glaubensbekenntnis vorlegten, in dem sie schlau das Gift der Irrlehre zu verbergen wussten. Aber Maximin enthüllte dem Kaiser, der sich gerade zu Trier aufhielt, die Schleichwege der Arianer und bewog ihn dazu, dass er die Ketzer abwies, standhaft im Glauben verharrte und die verfolgten Bischöfe schützte. Dafür warfen die Arianer ihren ganzen Hass auf Maximin.

 

Auf der Synode zu Mailand im Jahr 345 traf Maximin wieder mit dem heiligen Athanasius zusammen. Die beiden berühmten Oberhirten beklagten voll Trauer die Verwüstungen der Kirche Jesu Christi, und erkannten als das geeignetste Mittel gegen die überhandnehmende Irrlehre ein allgemeines Konzil. Sogleich begab sich Maximin zum Kaiser Konstanz und stellte ihm dringend seinen Plan vor. Der Kaiser zeigte sich bereit, mit seinem Bruder Konstantius in Unterhandlungen zu treten. Nach zwei Jahren kam die Kirchenversammlung zu Sardica in Allyrien, auf den Grenzen beider Kaiserreiche, zustande, und die versammelten 170 Bischöfe berieten unter dem Vorsitz des päpstlichen Gesandten Hosius die Angelegenheiten der bedrängten Kirche. Der heilige Maximin verteidigte mit feuriger Beredsamkeit den alten katholischen Glauben von der Gottheit Jesu Christi und die Beschlüsse des allgemeinen Konzils von Nicäa, und hatte dafür die Ehre, von den abtrünnigen Bischöfen aus ihrer Kirchengemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Er freute sich, um des Namens Christi willen Schmach zu leiden, und fuhr fort, die Wahrheit gegen den Irrtum zu verteidigen, und alle seine Kräfte dem Dienst der einzig wahren Kirche zu opfern.

 

Müde von den ununterbrochenen Kämpfen und Arbeiten in seinem Oberhirtenamt, trauernd über die vielen schweren Wunden, die die arianische Irrlehre der Mutterkirche schlug, sehnte sich Maximin nach der ewigen Ruhe. Noch einmal wollte er seine liebe Vaterstadt Poitiers besuchen, noch einmal seine Verwandtschaft sehen. Dort, wo er das irdische Licht der Welt erblickt hatte, schloss er seine Augen, um fortan im himmlischen Licht zu leben, am 29. Mai 349. Seinen heiligen Leib brachte man nach Trier zurück, wo sich über ihm bald die berühmte Abtei St. Maximin erhob.

 

30. Mai

 

Der heilige Ferdinand, König von Kastilien und Leon,

+ 30.5.1252 - Fest: 30. Mai

 

Der heilige Ferdinand wurde um das Jahr 1199 geboren. Seine Eltern, König Alphons von Leon und Berenguela von Kastilien, mussten sich auf Befehl des Papstes Innocens III. trennen, weil sie, im dritten Grad blutsverwandt, eine nach kirchlichen Gesetzen ungültige Ehe eingegangen hatten; ihre Kinder jedoch, zwei Söhne und zwei Töchter, wurden für rechtmäßige anerkannt. Berenguela ging zu ihrem Vater, dem König Alphons X. von Kastilien, und wurde nach dessen Tod Erbin des Reiches. Allein sie machte ihre Rechte nur geltend, um sie auf ihren Sohn zu übertragen, der damals achtzehn Jahre alt war. Auch auf dem Thron bewies Ferdinand seiner Mutter, die ihn musterhaft erzogen hatte, die größte Achtung. Er heiratete auf ihren Rat 1219 Beatrix, die Tochter des deutschen Kaisers Philipp, die vortrefflichste Prinzessin jener Zeit. Dieser Ehe entspross eine zahlreiche Nachkommenschaft, sieben Prinzen und drei Prinzessinnen. Noch nicht lange regierte Ferdinand, als sein eigener Vater, der von dem übelgesinnten Grafen Alvarez aufgehetzt worden war, ihn mit den Waffen in der Hand angriff. Der fromme Sohn erschauderte vor solch einem Krieg und ließ nichts unversucht, den Vater zu besänftigen. Unter anderem schrieb er ihm: „Woher dein Zorn gegen mich? Soll ich glauben, dass du dich über mein Glück betrübst? Ich meine, du solltest dich darüber eher freuen; denn es gereicht dir ja zur Ehre, einen Sohn zu haben, der den Zepter von Kastilien führt, weshalb kein anderer König dich feindlich überfallen wird, da er den Sohn fürchten muss, der seinen Vater in der Not nicht verlässt. Wirst du mich beunruhigen, so schadest du dir nur selbst. Ich könnte dir mehr Unruhe und Sorge machen in deinem Reich, als ein anderer Fürst der Welt; allein ich halte es für unerlaubt und strafbar, da du mein Herr und Vater bist, und ich will so lange dulden, bis du selbst das Unrecht erkennst, das du an mir verübest.“ Alvarez, der Veranlasser des Krieges, geriet in die Gefangenschaft Ferdinands, der aber, weit entfernt von jeder Rache, ihn sogleich auf freien Fuß stellte. Zum Dank dafür schürte der Graf erneut den Brand. Aber Gott selbst stritt für den ehrfurchtsvollen Sohn und schlug den Ohrenbläser mit einer schweren Krankheit. Nun kam es bald zu einem Ausgleich, und Ferdinand besiegelte den Frieden mit dem Vater durch die rasche Hilfe, die er ihm gegen die Mauren leistete.

 

Nachdem die Ruhe wieder hergestellt war, traf der junge König die besten Anstalten, das ihm anvertraute Volk wahrhaft glücklich zu machen. Er wählte zu seinen Räten Männer von erprobter Klugheit und Rechtschaffenheit, unter denen Rodriguez, Erzbischof von Toledo, als Großkanzler von Kastilien an der Spitze stand. Mit seinem Beistand entwarf Ferdinand weise Gesetze, demütigte den Übermut der Großen, reinigte das Land von Räubern und Mördern und gründete zur besseren Pflege des Rechts den später so berühmt gewordenen Gerichtshof, „den königlichen Rat von Kastilien“. Er selbst reiste persönlich im Reich umher, um Recht zu sprechen. Niemals belastete er seine Untertanen mit außergewöhnlichen Abgaben. Als er zum Krieg gegen die Mauren rüstete, gab ihm ein Höfling den Rat, zur Deckung der Kosten neue Steuern auszuschreiben; aber Ferdinand schien dieses ungerecht, und er antwortete mit edlem Unwillen: „Bewahre mich der Himmel vor solchen Anträgen! Die göttliche Vorsehung kann mir auf andern Wegen helfen. Ich fürchte weit mehr die Flüche einer armen Frau, als das ganze Kriegsheer der Mauren.“ Man kann in Wahrheit sagen, dass des Königs Herz bloß ein einziges Gefühl durchglühte, die Liebe zu Gott und zu seinen Untertanen. In seiner Liebe zu Gott tat er alles für die Ehre des Allerhöchsten und zur Sicherung und Wahrung des Glaubens. Sein größtes Werk war die Befreiung eines großen Teils von Spanien von der drückenden Sklaverei der Mauren. Er verwendete er die Siegesbeute nicht zur Mehrung des Glanzes seines Hofstaates, sondern zur Gründung von Bistümern und Klöstern, zur Erbauung prachtvoller Domkirchen und anderer Gotteshäuser und zu anderen ähnlichen Zwecken. Den Rittern von Calatrava schenkte er ganze Städte unter der Bedingung, sie gegen die Ungläubigen zu verteidigen. Er war es, der die Orden des heiligen Franziskus und Dominikus zuerst in Spanien einführte und dadurch der Kirche eine neue Stütze gab.

 

Im Jahr 1225 zog er zum ersten Mal gegen die Ungläubigen ins Feld und griff Aben Mahomed, den Fürsten von Baeza an, den er zwang, ihm Tribut zu geben. Noch furchtbarer wurde er den Mauren, als er 1230 nach dem Tod seines Vaters die Krone von Leon erbte und diese mit der von Kastilien vereinigte. Seine Siege grenzten jetzt ans Wunderbare; aber nicht Ehrgeiz und Habsucht trieben ihn zum Kampf. Die Reinheit seiner Absicht sprach er durch die Worte aus: „Gott, der du die Herzen durchforschst, du weißt, dass ich deine und nicht meine Ehre suche. Ich will mir nicht vergängliche Reiche erwerben, sondern die Kenntnis deines Namens ausbreiten.“ Unter seinen Soldaten versuchte er Gottesfurcht und echte Frömmigkeit zu erhalten; denn nur die verleihen wahren Mut. Der heilige König gab allen fortwährend das Beispiel aller Tugenden. Er hielt die Fasten aufs Genaueste, trug ein Bußkleid in Gestalt eines Kreuzes und brachte ganze Nächte im Gebet zu, besonders dann, wenn eine Schlacht bevorstand. Im Heer wurde allezeit das Bildnis der göttlichen Mutter, der Helferin der Christen, mitgetragen, und Ferdinand selbst hatte ein kleines Marienbild am Hals hängen. Seine glühende Verehrung der heiligen Jungfrau gründete sich besonders auf das Gefühl der Dankbarkeit, weil er durch die Fürbitte der Himmelskönigin von einer tödlichen Krankheit geheilt worden war, die ihn als Prinzen in einem Alter von elf Jahren befallen hatte. Der Erzbischof Rodriguez wich nie von seinem königlichen Herrn, wenn er in den Krieg zog; er und seine Priester besorgten den Gottesdienst im Lager und sorgten für das Seelenheil der Soldaten. Man sah sie Beichte hören, die Kommunion austeilen, die Kranken und Verwundeten pflegen mit leiblicher und geistlicher Hilfe.

 

Unter der Leitung eines so gottesfürchtigen Feldherrn waren die spanischen Krieger unüberwindlich, und oft geschah es, dass das Heer sich der wunderbarsten Hilfe des Himmels zu erfreuen hatte. Dies war besonders der Fall, als im Jahr 1234 Ferdinands Sohn, der Infant Alphonso, mit 1500 Mann bei Xeres eine wohl siebenmal stärkere Armee des Königs von Sevilla schlug und dabei nur neunzehn Soldaten und einen Ritter verlor. Mehrere gefangene Ungläubige sagten aus, dass sie an der Spitze des christlichen Heeres den heiligen Apostel Jakob, den Schutzpatron von Spanien, auf einem weißen Ross in der Waffenrüstung eines Ritters gesehen hätten. Mitten in seinem Siegeslauf wurde Ferdinand zu Anfang des Jahres 1236 durch die Botschaft von dem Tod seiner Gemahlin Beatrix in Trauer versetzt; er empfand diesen Schlag sehr tief, ließ sich aber dadurch nicht in seinen Pflichten als Christ und König stören. Er nahm die große Stadt Cordova ein, die seit fünfhundert Jahren in den Händen der Ungläubigen gewesen war, und hielt dort am Fest der heiligen Apostel Petrus und Paulus seinen Einzug. Sogleich ließ er die Hauptmoschee, die von 1200 Säulen getragen wurde, in eine christliche Kirche zu Ehren der heiligen Jungfrau zurückverwandeln und errichtete in ihr wieder den ehemaligen Bischofsstuhl. Al Mansur, der Fürst von Cordova, hatte auf den Schultern der Christen die Glocken aus der Jakobskirche von St. Compostella zur Moschee bringen lassen; Ferdinand ließ nun die Mauren auf ihren Schultern die Glocken wieder nach Compostella zurücktragen.

 

Eine der schwierigsten, aber auch glänzendsten Eroberungen war die von Sevilla, der festesten und bevölkerungsreichsten Stadt Spaniens und des wichtigsten Platzes der Mauren. Die Belagerung dauerte sechzehn Monate, was aber nicht verwundert wenn man hört, dass diese Stadt eine zweifache sehr hohe und dicke Ringmauer und 166 Streittürme hatte. Mehr als einhunderttausend Mauren verteidigten diese Mauern, denen Ferdinand nur ein verhältnismäßig kleines Heer gegenüber stellen konnte. Aber nun zeigte sich, was Einsicht, Tapferkeit und Beharrlichkeit unter dem Segen Gottes vermögen. Das gewaltige Sevilla musste sich am 23. November ergeben. Als Arataf, der Statthalter der Ungläubigen, mit den Seinigen auszog, schaute er von seiner Anhöhe noch einmal zur Stadt zurück und rief mit Tränen aus: „Nur ein Heiliger konnte mit so wenig Soldaten eine solche Feste bezwingen. Es kann nur durch das Zutun des Himmels geschehen sein, dass Sevilla den Mauren entrissen wurde.“ Ferdinand ordnete nach der Einnahme der Stadt feierliche Dankgebete an und ließ die Domkirche so prächtig wieder aufbauen, dass sie keinem Gotteshaus in der Christenheit nachsteht.

 

Während der Belagerung von Sevilla wurden dem Herzen des heiligen Königs durch den Tod seines ersten Rates und Freundes Rodriguez und den seiner geliebten Mutter Berenguela zwei sehr schmerzliche Wunden geschlagen, und nur in der Religion fand er Trost, die ihn auch in den sonstigen Unfällen, von denen kein menschliches Leben frei ist, aufrecht erhielt. Er wusste seine Leidenschaften immer zu beherrschen, war streng gegen sich, aber nachsichtig und gütig gegen andere und zeigte in seiner ganzen Lebensweise, dass auch ein König ein sehr gewissenhafter und frommer Christ sein könne und dass sich die Pflichten der Religion sehr wohl mit denen eines Herrschers vereinigen lassen.

 

Eben rüstete er sich, die Mauren in Afrika selbst, im Herzen ihrer Macht, anzugreifen, als ihm der Engel des Herrn das Schwert aus der Hand nahm. Über die bedenkliche Krankheit, die den geliebten Fürsten befallen hatte, geriet ganz Spanien in Bestürzung; nur er blieb ruhig und bestätigte seine volle Ergebung in den Willen des Allerhöchsten auch jetzt. Er legte eine reumütige, vollständige Beichte von seinem ganzen Leben ab und begehrte die Sakramente. Als der Bischof von Segovia in Begleitung der Geistlichkeit mit dem Allerheiligsten in das königliche Gemach trat, stand der erlauchte Kranke vom Bett auf, warf sich, einen Strick um den Hals und das Kruzifix in den Händen, auf die Knie und rief: „Herr, wie habe ich verdient, dass du selbst zu mir kommst? Du hast aus Liebe zu mir so viel gelitten, und ich armer Sünder, was habe ich für dich getan? O sieh nicht auf meine Unwürdigkeit, sondern sieh darauf, wer du bist, und erbarme dich meiner.“ Nachdem er die Himmelsspeise empfangen hatte, ließ er seine Kinder herbeirufen und gab ihnen seinen Segen und die rührendsten und heilsamsten Ermahnungen. Ehe seine letzten Augenblicke herannahten, wurde er noch durch eine überirdische Erscheinung getröstet und sprach, die Augen zum Himmel gewendet: „Herr, du hast mir ein Reich gegeben, wie ich es zuvor nicht hatte, und größere Ehre und Macht, als ich verdiente. Für alles sage ich dir Dank und lege es jetzt wieder dir zu Füßen; auch meine Seele übergebe ich dir.“ Unter den Gebeten der Bischöfe und Priester neigte er sein Haupt und verschied, als sie eben das Te Deum sangen – am 30. Mai 1252. Er hatte 53 Jahre gelebt und 35 regiert. Seine Leiche ruht zu Sevilla vor dem Bild der Gottesmutter, die er so sehr geliebt hatte. Gott verherrlichte den frommen Helden im Grab durch zahlreiche Wunder, weshalb Papst Clemens X. ihn 1671 unter die Heiligen versetzte.

 

31. Mai

 

Maria, Mittlerin aller Gnaden

 

Die heilige Helmtrud,

Reklusin (Klausnerin) von Neuenheerse bei Paderborn,

+ 31.5.950 – Fest: 31. Mai

 

Schon in den ersten christlichen Jahrhunderten fühlten sich gottinnige Seelen gedrungen, dem störenden Geräusch und den verlockenden Gefahren der Welt zu entfliehen, um in den schaurigen Höhlen der Wüste, oder in einer elenden Binsenhütte, oder in einer armen Klosterzelle ungestört in Gebet und Betrachtung, in Nachtwachen und nützlichen Beschäftigungen Gott zu dienen und sich auf eine glückselige Ewigkeit vorzubereiten. Gleich den Vätern der Wüste entschlossen sich auch fromme Jungfrauen, ein weltabgeschiedenes Leben in Gott zu führen und traten entweder in einen von der Kirche gutgeheißenen Orden, oder, wo ein Orden noch kein Kloster besaß, bauten sie sich, möglichst unmittelbar an der Kirche, eine Zelle oder Klause, in der sie ihr ganzes Leben zubrachten. Eine solche Klause war ganz aus Steinen gebaut, war zwölf Fuß lang und breit, hatte drei Fensterchen, von denen das eine zum Chor der Kirche mündete, und durch das die Klausnerin die heilige Kommunion empfing. Durch das andere auf der entgegengesetzten Seite erhielt sie ihre Nahrung, durch das dritte, das immer mit Glas oder Horn geschlossen sein musste, strömte das nötige Tageslicht herein.

 

Eine solche Klausnerin war die heilige Helmtrud, auch Hiltrud genannt. Sie war zu Heerse im Bistum Paderborn geboren und erzogen worden. Zeigte sie schon in früher Jugend eine unvergleichliche Frömmigkeit und Unschuld, so beschloss sie als Jungfrau, sich ganz von dem Getriebe der Welt zurückzuziehen und in verborgener Zelle mit Gott allein zu verkehren. Wie viele Tugenden sie sich in den engen Mauern ihrer Klause erwarb, einen wie hohen Grad der Vollkommenheit sie erreichte, ist Gott allein bekannt, aber das wenige, das uns von ihr berichtet worden ist, lässt uns auf ihre hervorragende Heiligkeit schließen.

 

Einst erschien ihr die heilige Jungfrau und Märtyrin Kordula, eine Gefährtin der heiligen Ursula, in außerordentlicher Anmut, mit heiterem Antlitz und angetan mit einem schimmernden Gewand, geschmückt mit Lilien und Rosen. Die demütige Dienerin Gottes erstaunte bei diesem Anblick und hielt sich einer solchen Erscheinung nicht würdig. „Woher kommt mir diese Gnade“, sprach sie, „dass eine solche Jungfrau sich herablässt, zu mir zu kommen, besonders da ich noch den Gesetzen des sündigen Fleisches unterworfen bin, während du zum Himmel erhoben bist und von seiner Verderblichkeit weißt?“ Die heilige Kordula begrüßte mit den lieblichsten Worten die erstaunte und wegen einer solchen unerwarteten Erscheinung kaum des Wortes fähige Klausnerin und eröffnete ihr die Ursache ihrer Ankunft: „Wisse“, sprach sie, „dass ich eine aus jener heiligen Jungfrauenschar bin, die unter der Leitung und dem Zuspruch der heiligen Ursula den mörderischen Pfeilen der Hunnen erlagen und Köln mit ihrem Blut und Martyrium verherrlichten. Ich überlebte zwar um eine Nacht den Triumph unserer Gesellschaft im Tod für Christus, jedoch am anderen Tag stellte ich mich, begierig nach gleichem Triumph und Tod, freiwillig den Mördern entgegen, starb so für Christus, und verließ weder meine Schwestern, noch verlor ich die Marterkrone. Da nun ganz Köln den Tag des ruhmreichsten Kampfes, in dem meine Mitschwestern ihr Leben für Christus hingegeben haben, aufs höchste ehrt, aber meines Namens nicht gedenkt, so verkünde du in meinem Auftrag den Nonnen, die andächtig unsere Gebeine bewachen, dass sie in der Folge einen Tag nach der jährlichen Gedächtnisfeier meiner Mitschwestern auch meinen Reliquien einige Verehrung erweisen.“

 

Als Helmtrud nach ihrem Namen fragte, erhob die Erscheinung das blumengekrönte Haupt und auf ihrer Stirn war mit deutlicher Schrift der Name Kordula zu lesen. Als hierüber nach Köln berichtet und das Zeugnis durch die allbekannte Heiligkeit Helmtruds bestätigt wurde, entstand seit dieser Zeit der Gebrauch in jener Kirche, dass der auf das Fest der heiligen Ursula folgende Tag der Verehrung der heiligen Kordula geweiht wurde.

 

Die gotterleuchtete, tugendreiche und vom Volk hochverehrte Jungfrau Helmtrud schloss ihr Leben am 31. Mai und wurde zu Heerse begraben, wo an ihrer Grabstätte einst sehr häufig Blinde ihr Gesicht, Lahme ihre geraden Glieder, Kranke die Gesundheit und vom bösen Feind Besessene Befreiung erhielten. Der durchgedrehte, gottlose Herzog Christian von Braunschweig ließ im dreißigjährigen Krieg auch zu Heerse die geweihten Gräber aufreißen und in der Kirche umherstreuen. Die erschreckten und tiefbetrübten Jungfrauen des dortigen Stiftes sammelten die Gebeine wieder und gaben ihnen einen würdigen Platz in der Kirche.

 

Der selige Pilegrim / Pilgrin / Peregrinus,

Bischof und Bekenner von Passau,

+ 31.5.991 – Fest: 31. Mai

 

Das Bistum Passau, eines der ältesten in Mitteldeutschland, kann sich vieler ausgezeichneter Kirchenfürsten rühmen. Einer der geistreichsten, tugendhaftesten und tätigsten war Pilgrin oder Peregrinus. Er entstammte dem berühmten Geschlecht der Grafen von Pechlarn, erhielt seine höhere Ausbildung bei den Kanonikern von Niederalteich und gewann einen reichen Schatz von Kenntnissen in der Religion wie in den profanen Wissenschaften.

 

Wegen seiner hervorragenden Geistes- und Herzenseigenschaften ernannte ihn Papst Benedikt VII. im Jahr 971 zum Bischof von Passau und schenkte ihm wegen seiner Verdienste um die Bekehrung Ungarns das Pallium. Pilgrin reiste auf die Bitten der frommen Herzogin Savalta selbst nach Ungarn, um das Christentum, das durch die heidnischen Horden der grausamen Hunnen verdrängt worden war, von neuem zu begründen. Er sandte eine Anzahl frommer Mönche dorthin, um den heiligen Wolfgang, der bereits in diesen Gegenden predigte, im Missionswerk zu unterstützen. Der Erfolg war ein höchst gesegneter, denn in kurzer Zeit ließen sich 5000 Ungarn taufen. Zum Unterricht der Neubekehrten verfasste Pilgrin selbst einen Katechismus. An den Papst übersandte er ein Glaubensbekenntnis, ähnlich dem athanasianischen, ausgezeichnet durch Schönheit der Sprache und bündigen Inhalt.

 

Für die tüchtige Ausbildung der Geistlichen seines Sprengels besorgt, stiftete er zu Passau eine höhere Schule, die in kurzer Zeit zu hohem Ruhm gelangte. Durch seine treue Hingabe an die kaiserlichen Ottonen erwarb er für sein Bistum und deren Bürger verschiedene Vorrechte, z.B. Zollfreiheit auf allen Flüssen des Deutschen Reiches, die Befreiung von allen öffentlichen Abgaben und eigene Gerichtsbarkeit. Er führte Ansiedler in die von den Ungarn entvölkerten Länder und gewährte ihnen außerordentliche Wohltaten, um die tiefen Wunden wieder zu heilen, die der unselige Krieg geschlagen und Passau fast zu Grunde gerichtet hatte. Seine Hirtensorge erstreckte sich über Ungarn bis nach Mähren. Als diese Länder aber bald ihre eigenen Bistümer erhielten, beschränkte er seine Tätigkeit zumeist auf Passau, sorgte indes auch für tüchtige Oberhirten in anderen Diözesen. Durch seine Verwendung beim Kaiser Otto I. erhielt der heilige Wolfgang den Oberhirtenstab von Regensburg. In Niederalteich führte er wieder die Benediktiner ein, deren Wirken sich allerorten so segensreich für Kultur, Kunst und Wissenschaft erwies.

 

Ein Freund alter Sagen und selber liederkundig, ließ er durch Meister Konrad, einen Kanoniker an der Domkirche, die deutschen Volkslieder von König Etzel und Dietrich, sowie die Siegfriedsage, sammeln und die Taten vieler Ahnen sorgfältig beschreiben. Aus dieser Arbeit entstand das Nibelungenlied, das großartigste deutsche Heldengedicht. Pilgrin selbst wird in dieser Epopöe verherrlicht als ein hochberühmter Bischof in Wort und Tat, glänzend durch Wissenschaft, Frömmigkeit und Seeleneifer nicht minder, als durch seine hohe Geburt.

 

Unter ihm wurden im Jahr 977 die Reliquien des heiligen Bischofs und Märtyrers Maximilian nach Passau übertragen. Er selbst starb im Ruf der Heiligkeit am 31. Mai 991, von der Mit- und Nachwelt bewundert als liebenswürdiger Mensch, als gründlicher Gelehrter, als seeleneifriger Oberhirt und tatkräftiger Kirchenfürst. Seine ehrwürdigen Überreste erhielten in der Domkirche ihre Ruhestätte neben den Gebeinen des heiligen Maximilian und Valentin, gingen aber in dem verheerenden Brand im Jahr 1181 zu Grunde.