Heilige im April

 

1. April

 

Der heilige Hugo von Chateauneuf, Bischof von Grenoble,

+ 1.4.1132 – Fest: 1. April

 

Die ersten Grundsätze der Erziehung haben einen starken Einfluss auf das folgende Leben, und bei jenen, die von Kindheit an zur Tugend gebildet wurden, ist gewöhnlich, dass sie immer die Vorschriften des Evangeliums als Richtschnur ihrer Handlungen nehmen. Nebst diesem haben aber die ersten Eindrücke noch eine ganz besondere Kraft, wenn sie durch das Beispiel, und die Sorgfalt frommer Eltern unterstützt und erhalten werden. Hugo hatte sich dieser beiden Vorteile zu erfreuen.

 

Er erblickte das Licht der Welt 1053 zu Chateauneuf im Dauphienè, Bistum Valence. Sein Vater, namens Odilo, war ein tapferer Kriegsmann, der die Pflichten des Christentums mit den seines Standes vollkommen vereinigte. Das Ansehen, das ihm seine Stelle gab, nützte er zur Handhabung der Zucht unter den Soldaten, wobei er sich vor allem angelegen sein ließ, dass er ihnen die Gesinnungen der Liebe und Treue gegen den Fürsten einflößte, sie vor den Lastern verwahrte, in die sie leider nur zu oft geraten, und ihnen die Beobachtung der Gesetze Jesu Christi einschärfte. Nachher verließ er die Welt, um seine Tage in der großen Karthause, unter der Anleitung des heiligen Bruno und seiner Nachfolger, zu beschließen. Er gelangte daselbst zu einem Alter von hundert Jahren, nachdem er da die achtzehn Letzten seiner irdischen Laufbahn in den Übungen der Heiligkeit zugebracht hatte. Hugo, der viel zu seiner Abgeschiedenheit beigetragen hatte, versah ihn mit den letzten heiligen Sakramenten. Auch stand er seiner Mutter, die in der Welt geblieben war, und worin sie das Beispiel aller christlichen Tugenden gegeben hat, in ihrer letzten Stunde bei.

 

Hugo, von so tugendhaften Eltern geboren, bewährte sich bald als ein Kind des Segens. Er machte große Fortschritte in den Wissenschaften, vernachlässigte aber auch niemals die Übungen der Frömmigkeit. Nachdem ihn das Verlangen, sich ganz dem Dienst des Herrn zu widmen, in den geistlichen Stand geleitet hatte, wurde er zu einer Domherrnstelle zu Valence ernannt. Durch seine Fähigkeiten und seinen heiligen Wandel wurde er eine Zierde des Kapitels. Seine Sanftmut und Leutseligkeit gewannen ihm die Herzen aller seiner Mitbrüder. Er hatte einen großen und schönen Wuchs, war aber dabei außerordentlich schüchtern. Weit entfernt, die Überlegenheit seines Verdienstes geltend zu machen, verbarg er sie vielmehr aus Demut, was ihm einen neuen Glanz beilegte, besonders wenn man ihrer ohne seinen Willen gewahr wurde.

 

Als Hugo, Bischof von Die im Dauphinè, der nachher Erzbischof von Lyon und Cardinallegat des Heiligen Stuhles war, nach Valence kam, hatte er Gelegenheit den jungen Domherrn zu sehen. Er wurde so durch seine Tugend und Verstand entzückt, dass er ihn zu sich nahm, und ihn mit großem Erfolg auf seiner Gesandtschaft zur Abstellung mehrerer, unter einigen Geistlichen eingeschlichenen Missbräuche anwandte. Im Jahr 1080 hielt der Legat eine Kirchenversammlung zu Avignon. Es kam darin die Wahl eines neuen Bischofs der Kirche von Grenoble zur Sprache, die durch die ärgerlichen Beispiele des letzten Oberhirten in den erbärmlichsten Zustand gekommen war. Der Legat und die Väter der Synode warfen ihre Augen auf den jungen Hugo, überzeugt, dass niemand geeigneter sei, als er, den Unordnungen, die schleunige Abhilfe forderten, kräftigen Einhalt zu tun. Zudem entsprach diese Wahl den Wünschen der Geistlichkeit und aller Einwohner von Grenoble. Nur der Heilige sträubte sich dagegen, so lebhaft war die Furcht, die ihm die Größe der mit dem Bischofsamt verbundenen Pflichten einflößte. Und niemals hätte er eingewilligt, wenn nicht der Legat und die Väter des Concils ihn desfalls zum Gehorsam aufgefordert haben würden.

 

Der neue Bischof folgte dem Legaten nach Rom, und wurde da von Gregor VII. geweiht. Die Gräfin Mathilde bestritt die sämtlichen Kosten dieser Ceremonie, sie schenkte ihm den Hirtenstab, die Inful und andere bischöfliche Ornate, mit einer kleinen Sammlung guter Bücher: als Beweis der Dankbarkeit begehrte sie nur seinen Rat und seine Gebete. Auf dieser Reise nach Rom befragte der neu geweihte Bischof den Heiligen Vater über Gewissensunruhen, die aus einigen Gedanken der Gotteslästerung gegen die Vorsehung entstanden, die ihn eine Zeitlang sehr grausam quälten. Gregor beruhigte ihn, indem er ihm zeigte, dass diese Prüfung ein Merkmal der göttlichen Erbarmung gegen ihn wäre. Hugo ergab sich also geduldig darein, unterwarf sich dem Willen des Himmels, und wusste durch häufige Betrachtungen über die Schmerzen Jesu Christi die Anfälle des bösen Feindes in Verdienste umzuwandeln. Er fand sogar in diesen Mühen eine Quelle süßer Tröstung und unaussprechlicher Freude.

 

Da seine Gegenwart in Rom nicht mehr vonnöten war, reiste er nach Grenoble ab. Bei seiner Ankunft fand er die traurigen Folgen der schlechten Verwaltung seines Vorgängers. Er konnte sich der Tränen nicht enthalten beim Anblick der Unordnungen, die unter seinen Augen vorgingen. Das Volk, dessen Unterricht gänzlich vernachlässigt worden war, ergab sich ohne Scham den gröbsten Lastern. Es herrschten unter den Menschen Ausschweifungen, die durch die Gewohnheit so tief eingewurzelt waren, dass sie beinahe ihre natürliche Abscheulichkeit verloren hatten. Wenn man noch die hl. Sakramente besuchte, so geschah es aus Gewohnheit, und ohne die gehörige Vorbereitung. Nicht besser erfüllte man die übrigen Pflichten des Christentums. Man hatte tausend Vorwände ausfindig gemacht, um den Wucher und die Simonie zu bemänteln. Die Laien hatten die Kirchengüter an sich gezogen. Die Einkünfte des Bistums waren so verschleudert, dass der Heilige, bei seiner Ankunft, gar keine Mittel zur Unterstützung der Armen und zur Bestreitung der notwendigsten Dinge antraf: er wollte aber lieber auf alles Verzicht leisten, als unrechtmäßige Verträge eingehen, wie dieses beinahe allgemein unter seinen Diöcesanen zu geschehen pflegte.

 

Damit aber nicht zufrieden, dass er über die Missbräuche bloß weinte, nahm er sich auch vor, alle mögliche Mittel zu ihrer Abhilfe in Anwendung zu bringen. Er zog die Gunst des Himmels über seine Herde herab durch anhaltendes Nachtwachen, durch strenges Fasten, und flammende Gebete: auch wurden seine Arbeiten mit dem glücklichsten Erfolg gekrönt. In sehr kurzer Zeit änderte er die Diöcese gänzlich um. Kaum aber hatte er zwei Jahre auf dem bischöflichen Sitz zugebracht, als er seine Würde aus Demut niederlegen wollte, wie schon mehrere Heilige es vor ihm getan hatten. In der Hoffnung, der Papst werde seiner Absicht nicht entgegen sein: verließ er seine Kirche, und nahm das Ordenskleid des heiligen Benedictus an in der Abtei Chaise-Dieu, der Diöcese Clermont, in der Provinz Auvergne, wo man die strenge Regel von Clúny befolgte. Man sah ihn während des Jahres, das er da zubrachte, alle Tugenden eines vollkommenen Ordensmannes ausüben.

 

Als Gregor VII. erfuhr, dass Hugo seine Diöcese verlassen habe, befahl er ihm, wieder in dieselbe zurückzukehren. Der Heilige war gehorsam. Beim Austritt aus seiner Einsamkeit erschien er wie ein anderer Moses, der mit Gott auf dem Berg Umgang gepflogen hatte. Er trat seine Amtsverrichtungen mit neuem Eifer an, und erntete mehr Früchte ein als jemals. Er verkündete fast unausgesetzt das Wort Gottes. Auch bemerkt sein Geschichtsschreiber, dass er seltene Fähigkeiten für das Predigtamt besaß.

 

Als der heilige Bruno und seine sechs Gefährten die Welt verlassen wollten, wandten sie sich an den Bischof von Grenoble, um sich mit ihm über die desfalls einzuschlagende Verhaltensweise zu beraten. Er wies ihnen eine Einöde seines Bistums an, in die er sie im Jahr 1084 auch wirklich einführte. Diese Einöde, Karthause (Chartreuse) benannt, gab nachher ihren Namen dem ganzen Orden, der von da seinen Ursprung herleitet. Hugo war sehr erbaut durch das ganz englische Leben, das diese frommen Einsiedler führten. Er besuchte sie öfters und nahm an allen ihren Bußübungen Anteil. Ja er ging in seiner Demut so weit, dass er den anderen Mönchen als ein Vorrecht abstritt, die niedrigsten Geschäfte des Hauses zu besorgen. Die Reize der Beschaulichkeit hielten ihn oft so lange in der Einsamkeit zurück, dass der heilige Bruno ihn ermahnen musste, zu seiner Herde wieder zurückzukehren.

 

Der heilige Bischof, dessen Almosen sehr reichlich flossen, entschloss sich eines Tages, seine Pferde zu verkaufen, um den Armen mehr Hilfe leisten zu können, indem er sich für stark genug hielt, seine Diöcese zu Fuß zu bereisen. Der heilige Bruno hielt ihn jedoch von der Ausführung dieses Entschlusses ab, indem er ihm vorstellte, dass er zu viel auf seine Kräfte vertraue, und seine Gesundheit, die augenscheinlich abnahm, schonen müsse. Er war in der Tat während der vierzig Jahre seines Lebens sehr hinfällig. Beinahe unaufhörliche Kopf- und Magenbeschwerden verursachten ihm große Schmerzen, und würden ihn oft bei minderem Eifer gehindert haben, seinen bischöflichen Amtsverrichtungen obzuliegen. Gott ließ zudem noch zu, dass er sehr hart von innerlichen Versuchungen gepeinigt wurde, er war aber auch selbst wieder dessen Tröster und erteilte ihm jene Gnaden, die die Anfälle des Versuchers in Vorteile umwandeln.

 

Hugo konnte sich des Weinens nicht enthalten jedes Mal, wenn er an die Armseligkeiten des Menschen dachte und an jene unendliche Liebe, wovon uns Gott schon so viele Beweise gegeben hat. Oft musste er öffentlich Tränen vergießen, besonders wenn er die Heilige Schrift vorlesen hörte. Als ein anderer Ambrosius weinte er im Beichtstuhl mit den Sündern, und erweckte in ihnen dadurch die Gefühle einer lebhaften Zerknirschung. Er predigte mit einer Salbung, die die unempfindlichsten Seelen rührte, und kaum hatte er die Kanzel verlassen, als er sich schon wieder der Ausspendung des heiligen Bußsakramentes ergab. Er bat manchmal fußfällig diejenigen, die in Feindschaft lebten, um sie zur Vergessenheit der empfangenen Unbilden und zur gehörigen Genugtuung gegen den Nächsten zu bewegen. In der geistlichen Führung des Frauengeschlechtes war er höchst behutsam. Der Welt und allen ihren Gütern abgestorben, war er den zeitlichen Geschäften ganz abhold. Ungerne hörte er von den Tagesneuigkeiten reden, aus Furcht, er möchte durch Ehrabschneidung die Nächstenliebe verletzen oder gar sich zerstreuen. Seine Liebe für die Armen, wovon wir schon geredet haben, bewährte sich besonders zur Zeit der Hungersnot. Er veräußerte, um sie unterstützen zu können, einen goldenen Kelch und einen Teil seines bischöflichen Schmuckes. Sein Beispiel war eine Aufmunterung für die Reichen, und den Armen seines Sprengels mangelte es nie an Unterstützung.

 

Bei diesem allen wünschte er nichts so sehnlich, als sein Leben in der Einöde beschließen zu können. Er bat Papst Innocenz II., ihm einen Nachfolger zu geben, und führte, um ihn dahin zu vermögen, die dringendsten Beweggründe an: allein der Oberhirt der Kirche achtete nicht seiner Bitten, und Hugo musste sich entschließen, als Bischof zu sterben.

 

Ehe ihn Gott zu sich berief, läuterte er ihn vollends durch die Schmerzen einer langwierigen Krankheit, die ihm Gelegenheit gab, die heldenmütigsten Tugenden zu üben. Einige Zeit vor seinem Tod verlor er das Gedächtnis. Er vergaß alles, ausgenommen die Gebete, die er beinahe unausgesetzt verrichtete. Umsonst stellte man ihm vor, dass sein anhaltendes Beten sein Übel vermehre, man konnte ihn nicht davon abbringen. Er sagte sogar, dass das Gebet, weit entfernt ihn zu ermüden, ihm vielmehr neue Kräfte verleihe. Niemals hörte man ihn ein einziges Wort aussprechen, das im geringsten eine Ungeduld verraten hätte. Ja er beobachtete sich so streng, dass er sogar von seinen Leiden zu reden vermied. Er dankte mit Demut jenen, die ihm einen Dienst leisteten. Und wenn er irgendjemanden die geringste Mühe verursachte, klagte er sich des als eines Fehlers an, und bat Gott mit betränten Augen um Verzeihung. Als einer derjenigen, die ihn gewöhnlich besuchten, ihm bemerkte, er möge doch nicht so bitterlich weinen, weil er ja nie in einer wichtigen Sache freiwillig gesündigt habe, erwiderte er: „Die Eitelkeit und die ungeregelten Neigungen des Herzens können allein schon eine Seele in die Verdammnis stürzen. Nur durch Gottes Erbarmung können wir auf unsere Seligkeit hoffen; wir dürfen also nie aufhören ihn zu bitten.“ „Das Leben“, sagte er jenen, die in seiner Gegenwart Neuigkeiten auskramten, „das Leben ist uns nicht gegeben worden, dass wir unnütze Gespräche führen, sondern dass wir unsere Sünden beweinen und darüber Buße tun.“

 

Der gottselige Tod des heiligen Hugo erfolgte endlich am 1. April 1132. Er war beiläufig 80 Jahre alt, und hatte 52 als Bischof zugebracht. Er wurde von Innocenz II. im Jahr 1134 heiliggesprochen. Sein Name findet sich an diesem Tag im römischen Martyrologium (Der heilige Hugo wird unter die kirchlichen Schriftsteller gezählt, besonders wegen seines Cartularium oder Sammlung von Charten, mit sehr merkwürdigen historischen Anmerkungen; sie wird im Manuscript zu Grenoble aufbewahrt.).

 

Die außerordentliche Liebe des heiligen Hugo zur Einsamkeit darf uns gar nicht befremden, denn man lernt wirklich in der Abgeschiedenheit Gott und sich selbst kennen, reißt sein Herz von jeder unordentlichen Begierde los, flößt ihm Geschmack für die ewigen Güter ein, unterwirft das Fleisch gänzlich dem Geist, läutert seine Seele von allen, der menschlichen Schwäche unzertrennlich anklebenden Makeln, und zieht endlich Jesus Christus an, um ein neues Geschöpf zu werden. Die Beschäftigungen der Einsiedler machen sie einigermaßen den Engeln gleich, weil sie, wie diese, Gott beständig den Tribut des Lobes, der Anbetung, der Liebe, der Danksagung darbringen. Sie müssen aber, um Gott zu gefallen und der mit ihrem Stand verbundenen Vorteile zu genießen, unausgesetzt auf ihre Sinne wachen, damit sie ohne Unterlass den Tod vor Augen haben, und keine der Übungen vernachlässigen, die geeignet sind, sie im Geist der Zerknirschung und der Buße zu erhalten. Es sind zwar nicht alle Menschen zu einer gänzlichen Abgeschiedenheit von der Welt berufen. Alle aber sind berufen, sich von Zeit zu Zeit dem Gewühl der Geschäfte zu entziehen, um in sich selbst zurückzukehren, um sich in ihrem Herzen eine heilige Einsamkeit zu schaffen. Dies ist auch das einzige Mittel, um sich vor jenem allmählichem Kaltsinn zu verwahren, in den die Frömmigkeit in Berührung mit der Welt nur gar zu leicht verfällt. Ohne diese Vorsicht werden sie über kurz oder lang erschlaffen, und bald jenes Leben des Glaubens verlieren, welches die einzige reine und nie versiegende Urquelle aller christlichen Handlungen ist.

 

Der heilige Melito, Bischof und Bekenner von Sardes in Klein-Asien (Lydien),

+ zwischen 175 und 180 – Fest: 1. April

 

Dieser Heilige wurde unter der Regierung des Marcus Aurelius zur bischöflichen Würde erhoben. Er richtete im Jahr 175 an diesen Kaiser eine sehr gründliche Schutzschrift der christlichen Religion. Wir haben keine weiteren Nachrichten über das Leben dieses Heiligen, nur wissen wir, dass der Geist der Weissagung, mit dem er in einem hohen Grad begabt war, ihm den Beinamen des Propheten erwarb. Er verfasste mehrere Schriften, die von den Alten oft angeführt wurden. In einem seiner Werke gibt er ein Verzeichnis der Bücher des Alten Bundes, die die allgemeine Kirche für kanonisch (Dieses Verzeichnis hat uns Eusebius aufbewahrt.) anerkennt. Er lehrt mit gediegener Gründlichkeit, dass Jesus Christus wahrhaft Mensch nach der Geburt aus Maria der Jungfrau war. Diese Worte haben treffliche Dienste geleistet, zur Widerlegung der Arianer und Etychianer.

 

Der heilige Gilbert, Bischof und Bekenner von Cathneß in Schottland,

+ 1.4.1240 – Fest: 1. April

 

Dieser Heilige trat in den Orden der regulierten Chorherren, der durch die Übungen des Gebetes, der Abtötung und Buße berühmt geworden war. Wegen seiner Verdienste und Tugenden wurde er nachher zum Erzdiakon von Murray, und dann zum Bischof von Cathneß erwählt. Er stand seiner Diöcese während zwanzig Jahre mit großer Auferbauung vor. Seine Heiligkeit, durch die er den Hirten der ersten Jahrhunderte an die Seite gestellt zu werden verdiente, wurde durch die Wundergabe belohnt. Er starb im Jahr 1240. Man findet Tagzeiten zu seiner Ehre im Brevier von Aberdeen, unter dem ersten April.

 

2. April

 

Der heilige Franz von Paula, italienischer Ordensgründer,

+ 2.4.1507 - Fest: 2. April

 

Paula ist ein süditalienisches Städtchen, in dem der Heilige im Jahr 1416 geboren wurde.

 

Das Vaterhaus des heiligen Franz von Paula war klein, eine baufällige Hütte mit einem einzigen Raum zu ebener Erde, den neben der Familie auch das gesamte Vieh bewohnte, ein Schaf und sechs Hühner. Franz war das einzige, lange vom Himmel erflehte, späte Kind alter Eltern, die so arm waren, dass sie nicht einmal den einen Jungen gut ernähren konnten. Immer war Schmalhans Küchenmeister im Haus. Franz hat mit den Eltern viel gehungert.

 

Es kommt jedoch selten ein Unglück allein, und wo das Unglück einmal im Haus ist, da bleibt es gern sitzen. Franz war von Geburt an auf dem rechten Auge blind, und eines Tages bildete sich an dem gesunden linken Auge ein gefährliches Geschwür, das befürchten ließ, der Junge werde die Sehkraft vollständig verlieren. In dieser neuen Not verrichteten die Eltern mit großem Vertrauen eine neuntägige Andacht zum Namenspatron des Kindes, dem heiligen Franz von Assisi, und versprachen, den Sohn, wenn er gesund werde, später für ein Jahr als Knecht ohne Entgeld in ein Franziskanerkloster zu geben. Die Bitte der Eltern wurde erhört. Franz erhielt auf die Fürbitte seines heiligen Namenspatrons die Sehkraft sogar auf beiden Augen zurück.

 

Als der geheilte Franz dreizehn Jahre alt war, erfüllten die Eltern das Gelübde und gaben den Sohn als Kleinknecht um Gottes Lohn in ein Franziskanerkloster. Dort musste Franz bei der heiligen Messe dienen, musste die Sakristei versorgen, den Speisesaal herrichten, die Hühner füttern und so weiter. Mit Freude hat er es getan. Als Entschädigung für seine Dienste unterrichteten ihn die Patres im Lesen, Schreiben, Rechnen und in der lateinischen Sprache. Und als das Jahr zu Ende ging, hätte man den aufgeweckten, gläubigen und bescheidenen Jungen gern im Kloster behalten, um aus ihm einen Pater zu machen, aber Franz wollte nicht.

 

Aber warum wollte er denn nicht? Darum wollte er nicht, weil ihm das arme Leben bei den armen Franziskanern noch nicht arm genug war. Da war er von Haus aus noch eine ganz andere Armut gewöhnt. Und wenn er sich Gott schenken wollte, und er wollte es tatsächlich, dann sollte seine Armut, die er um Gottes Willen auf sich nahm, die Armut in den bestehenden Klöstern noch weit übertreffen.

 

Man betrachtet Gedanken von dieser Art bei einem Vierzehnjährigen meistens als ungesunde Schwärmerei. Oft ist es auch so, aber bei Franz von Paula war es anders. Mit jungen Jahren baute er sich nahe am Meer in einer abgelegenen Gegend eine Einsiedelei. Bald kamen Gefährten mit gleicher Gesinnung zu ihm, und eine neue Ordensgesellschaft entwickelte sich, deren Mitglieder sich die „Kleinen Franziskaner“ nennen. Es ist ein strenger Orden mit großer Armut und ständigem Fasten. Der Orden erfreute sich aber trotzdem solch großen Anklangs und Zulaufs, dass er wenige Jahre nach dem Tod des Stifters, über die ganze Christenheit zerstreut, weit über vierhundert Klöster zählte. Bis auf den heutigen Tag geht von dem Orden der Kleinen Franziskaner ein großer Segen aus. Die Quelle des Segens aber ist Franz von Paula, der sich bereits mit vierzehn Jahren ein religiöses Hochziel setzte, das er später auch verwirklichte.

 

 

Die heilige Maria von Ägypten,

Büßerin von Ägypten im 4. und 5. Jahrhundert,

+ 2.4.432 - Fest: 2. April

 

Zu den Zeiten des jüngeren Kaisers Theodosius, um das Jahr 432, hat sich der kostbare Tod der heiligen Maria von Ägypten zugetragen, deren wunderbare Buße und Tugendleben Gott der Welt hat bekannt machen wollen durch den heiligen Zosimus, so wie er durch den heiligen Einsiedler Antonius das heilige Leben des Einsiedlers Paulus an den Tag gebracht hat.

 

Es lebte in einem Kloster in Palästina ein Einsiedler von großem Verdienst, Zosimus mit Namen. Er wurde von frühester Jugend auf in großer Unschuld zum geistlichen Leben erzogen und war darin zu hoher Vollkommenheit gelangt. Sein unsträflicher Wandel, sein Eifer in Leibesstrengheiten, seine Liebe zur Einsamkeit, seine Emsigkeit im Gebet und in allerhand Andachten, seine hohe Erleuchtung, mit der ihn Gott begnadigte, setzten ihn bei seinem Bischof in eine solche Hochschätzung, dass er von diesem zum Priester geweiht wurde.

 

Nachdem Zosimus dreiundfünfzig Jahre in seinem geistlichen Leben in strengster Beobachtung aller Ordensregeln zugebracht hatte, wurde er von der Versuchung zur eitlen Ehrsucht beschlichen, dass er sich einbildete, es sei wohl niemand aus all denen, die die Einöden bewohnten, zu einer höheren Vollkommenheit gelangt, als er, zumal er von früher Kindheit an den Weg der Tugend angetreten habe und auf ihm mit stets zunehmendem Eifer fortgeschritten sei. In diesen eitlen Gedanken blieb Zosimus nicht lange. Denn zur selben Zeit meldete sich bei ihm ein fremder Ordensmann. Und als er ihm seine eitle Einbildung äußerte, offenbarte ihm der Fremde den Betrug, in dem er steckte, und bat ihn nach erhaltener Erlaubnis in ein nicht weit entlegenes Kloster zu folgen. Da werde seinem Hochmut die Larve ohne Zweifel abgezogen und er werde erkennen, wie sehr er in seiner Meinung falsch liege. Zosimus ließ sich gern überreden. In das fremde Kloster aufgenommen, sah er, was für eine hohe Stufe der Tugend die Geistlichen darin erstiegen hatten und wie er gegen sie nur ein unvollkommener Bruder sei. Sie lebten nämlich nicht anders, als wie Engel in Menschengestalt, in großem Stillschweigen, beinahe der Leibesnotdurft vergessend, allein nur damit beschäftigt, wie sie Gott gefallen könnten. Mit Beten, Psalmensingen und Handarbeit brachten sie ihre Zeit zu. Und wenn auch das ganze Jahr ihr Leben nicht strenger sein konnte, so hatten sie doch während der vierzigtägigen Fasten etwas Ungewöhnliches vorgenommen. Denn zu dieser Zeit zerstreuten sie sich in die Wildnis, auf dass jeder einzeln, nach dem Beispiel Jesu Christi, faste. Am ersten Fastensonntag wurde ein feierliches Amt gesungen, wobei sich alle Brüder versammelten. Darauf erteilte ihnen der Abt den Segen. Darauf erteilten die Brüder einander den Friedenskuss, gingen über den Jordan und zerstreuten sich in der Wildnis, um auf den Palmsonntag sich in ihrem Kloster wieder einzufinden.

 

Zosimus bekam Lust, bei dieser Gelegenheit in dieser großen, weitschichtigen Wüste etwa einen recht großen Heiligen aufzusuchen. Und er lief zu diesem Ende an einander fort wohl zwanzig Tage. Als er einmal zur Mittagszeit die gewöhnlichen Psalmen sang, sah er von weitem einen Schatten eines menschlichen Leibs, der aber eilends verschwand. Zosimus erschrak und bezeichnete sich mit dem heiligen Kreuz, fasste darauf sogleich ein Herz ruft seine Schritte verdoppelnd: „Wenn du etwa ein Diener Gottes bist, so halt still, und warte auf mich; ich bitte dich, tu es aus Liebe dessen, dem du in dieser Wildnis dienst." Die fliehende Person tut solches, nachdem sie zu einer Tiefe gekommen, wo sie sich verbergen konnte, und da Zosimus näher kam, hörte er folgende Stimme: „Vater Zosimus! wirf deinen Mantel einer armen Sünderin zu, wenn du ihr den heiligen Segen geben und ihr erlauben willst, dass sie mit dir rede.“ Zosimus hört mit Verwunderung sich mit Namen nennen und zweifelt nicht, es müsse eine Seele von großer Heiligkeit sein, der Gott seinen Namen kundgetan habe. Er wirft ihr darum sogleich seinen Mantel zu. Mit diesem bedeckt erscheint eine Frau vor ihm. Der heilige Alte wirft sich vor ihr auf die Knie und begehrt von ihr den Segen. Sie aber wirft sich vor ihm auf die Erde und spricht: „Vergiss nicht, mein Vater, dass du ein Priester bist; an dir ist es, dass du mich segnest und zu Gott betest für die allerelendeste Sünderin, die es je gab.“ Als nach dieser beiderseitigen Verdemütigung sich beide aufgerichtet hatten, fragte Zosimus: „Wer bist du und wie lange weilst du schon in dieser Wildnis?“ Sie antwortete: „Wir wollen zuerst zu Gott beten, alsdann will ich deinem Verlangen genug tun.“

 

Darauf wendet sie sich gegen Sonnenaufgang und hebt Augen und Hände gen Himmel. Zosimus, der auch sein Gemüt zu Gott erhebt, tut einen Blick auf sie und sieht sie ganz mit hellem Glanz umgeben, erschrickt davor und meint, es wäre entweder ein Geist oder ein Gespenst. – Sie aber wendet sich zu ihm und spricht: „Ich bin weder ein Geist noch ein Gespenst, sondern ich bin Staub und Asche, nicht würdig, das Tageslicht anzuschauen. So verachtungswert und unglückselig ich aber bin, so bin ich doch eine Christin.“ Und da sie solches redete, machte sie das Kreuzzeichen auf Stirn, Augen, Mund und Herzen. Darauf setzte sie sich nieder und sagte: „Wisse, mein Vater, dass Gott, der für die irrenden Schäflein ebenso viel Liebe trägt, als für die, die beständig in seinem Schafstall bleiben, er hat dich nicht ohne Grund hierher geschickt! Er sei darum ewig gebenedeit! – Ich bin eine Tochter aus Ägypten, die sich selber mit Fleiß unglücklich gemacht hat. Erst zwölf Jahre alt verließ ich aus Liebe zur Freiheit das väterliche Haus, begab mich nach Alexandria und führte siebzehn Jahre lang ein so freches und zügelloses Leben, dass keine Bosheit erdenklich war, die ich nicht verübte, und zwar nicht etwa aus Begierde eines Gewinns, sondern einzig nur von der Sucht und der Lust der Leidenschaft dazu getrieben. Es hat die Welt noch nie eine Frau gesehen, die boshafter war als ich, und von der so viele Seelen verführt worden wären. Als ich einmal wahrgenommen hatte, wie viel Volk dem Hafen des Meeres zulief, um sich in ein großes Schiff zu begeben, und vernahm, sie hätten vor, eine Wallfahrt nach Jerusalem zu machen, um dort das Fest der Kreuzerhöhung zu feiern, hatte ich ein Verlangen, mich zu ihnen zu gesellen, und ließ mich auch einschiffen. Da dachte ich viel Gelegenheit zu einem ausgelassenen Leben zu bekommen. Nicht ohne Abscheu und Schauder gedenke ich der Lastertaten, mit denen ich das Schiff erfüllte. Ich führte auch zu Jerusalem ein ebenso unverschämtes und verruchtes Leben, wie früher in Alexandria. Als das Fest anfing und jedermann in die Kirche des heiligen Kreuzes eilte, wollte ich auch mit den Leuten hinein; merkte aber mit großem Entsetzen, dass ich von einer unsichtbaren Macht zurückgehalten wurde. Ich versuchte hineinzukommen, das zweite, das dritte Mal umsonst. Eine unsichtbare Gewalt verwehrte mir jedes Mal den Eintritt. Alsdann eröffneten sich die Augen meines Gemüts und ich erkannte, dass die Menge und Größe meiner Sünden mir den Eingang in die Kirche verwehrte und mich unwürdig machte, das heilige Holz anzusehen, daran Jesus Christus unser Heil gewirkt hat. Da fing ich an mich zu schämen, weinte bitterlich und empfing einen großen Abscheu über meine Sünden. Darauf folgte ein solcher Schmerz im Innersten meines Herzens, dass ich mich in den nächsten Winkel setzte, um mir durch Seufzen und Weinen Luft zu machen. Da erblickte ich mir gegenüber ein Bildnis der Mutter Gottes und mir kam in den Sinn, dass ich oft gehört habe, sie sei eine Mutter der Barmherzigkeit und eine Zuflucht der Sünder. Und ich warf mich vor dem Bild auf die Knie und schrie laut auf: „O Mutter Gottes, ich habe gehört, du seiest eine Mutter der Barmherzigkeit, eine Zuflucht der Sünder! Darum erbarme dich über mich elende Kreatur und beschütze mich, denn sieh! ich bin ja eine Sünderin, ich bin die allergrößte Sünderin, die es geben kann! Ich verdiene freilich nicht, wie eine andere reine Seele, das kostbare Blut meines Erlösers zu verehren, aber doch hoffe ich durch dich den Trost zu erlangen, dass ich wenigstens das heilige Kreuz, daran Jesus Christus ja auch für mich gestorben ist, ansehen und anbeten darf. Wenn du mir diese Gnade erwirbst, verspreche ich es da zu dieser Stunde, dass ich die Tage meines Lebens meine Sünden beweinen, die Welt verlassen und in einer Einöde mich so lange verbergen will, bis alle Freude und Neigung zu den Sünden völlig verloschen ist.“ Als ich so gebetet hatte, fasste ich ein Herz und wagte aufs Neue in die Kirche zu gehen, und siehe, ich konnte es ohne jeden Widerstand vollbringen, warf mich da unter den vielen Gläubigen mit ganz reumütigem und zerknirschten Herzen vor das heilige Kreuz nieder und beweinte mit vielen Tränen meine Sünden. Und wie ich merke, dass mein Vertrauen sich vermehre, gehe ich zurück an den Ort, wo ich das Bildnis der heiligen Jungfrau angetroffen und rufe vor diesem kniend mit neuem Eifer: „O Mutter der Barmherzigkeit, dir habe ich nach deinem Sohn die Gnade meiner Bekehrung zu verdanken, vollende das Werk, das du begonnen. Wenn ich auch unwert deines Schutzes bin, so bin ich doch deines Mitleidens bedürftig! Auf dich setze ich nach deinem Sohn all mein Vertrauen. Ich habe dir versprochen, die Welt zu verlassen; und siehe, dazu bin ich auf der Stelle bereit. Sage mir nur, wie ich es angehen soll und sei du meine Führerin auf dem Weg meines Heils.“ Kaum hatte ich diese Worte ausgeredet, so höre ich wie aus der Ferne eine Stimme, die sprach vernehmlich: „Geh über den Jordan und du wirst Ruhe finden.“ Ohne Verweilen bitte ich Maria um ihren mütterlichen Segen, versah mich mit drei Broten, und verließ die Stadt. Bei anbrechender Nacht komme ich an den Jordan. Da treffe ich eine Kirche an, die zu Ehren des heiligen Johannes des Täufers geweiht ist; darin betete ich eine Zeitlang und brachte die Nacht, nachdem ich ein halbes Brot verzehrt hatte, in Bereuung und Beweinung meiner Sünden zu, sowie in inbrünstiger Anrufung der göttlichen Barmherzigkeit. Nachdem ich nun am Morgen darauf meine Sünden reumütig gebeichtet und das heilige Altarsakrament empfangen hatte, setzte ich in einem kleinen Schifflein über den Jordan und kam danach in diese Wildnis. Ich war damals neunundzwanzig Jahre alt und lebe nun bereits siebenundvierzig Jahre in dieser Einöde, so dass ich seither keinen Menschen außer dich gesehen habe.“ – „Wie hast du dich so lange Zeit erhalten können?“ fragte sie Zosimus. „Das wenige Brot“, antwortete sie, „das ich mitgebracht hatte, war bald aufgezehrt. Darauf waren Kräuter und Wurzeln meine Speise.“ – „Hattest du von dem höllischen Feind keine Anfechtungen zu erleiden!“ sagte Zosimus weiter. „Ach, mein Vater“, antwortete sie, „erlasse mir dir zu erzählen, was für schrecklichen Streit ich zu bestehen, was für grausame Versuchungen ich zu überwinden hatte – die ersten siebzehn Jahre. Ich entsetze mich, wenn ich nur daran denke. Es schien, als habe die ganze Hölle gegen mich gestritten, alle bösen Neigungen meines Gemüts, die alten Leidenschaften, Geist, Herz und Sinne waren in Aufruhr gebracht und verschworen sich zu meinem Untergang. Ach, was hat es mich gekostet, meine unmäßigen Begierden zu bekämpfen, den Verdruss und die Langeweile zu überwinden, die Herbe des Winters und die Schwüle des Sommers zu ertragen, das Fleisch abzutöten, die Weltfreuden und Eitelkeiten aus dem Sinn zu schlagen! Dass ich in den Anfechtungen nicht unterlag, habe ich der unendlichen Barmherzigkeit Gottes zu verdanken. Ich verdoppelte mein Gebet, meine Bußwerke, mein Vertrauen auf Gott, meine Zuversicht auf den Schutz der heiligsten Mutter Gottes, der ich sowohl meine Bekehrung als auch meine Beständigkeit in der Buße zuschreibe. O ja, du göttliche Mutter! Bei dir habe ich Hilfe gefunden! Du bist mir in den vielen Gefahren, du bist mir in meinem Kampf beigestanden, du hast meine Tränen und meine Klagen vor deinen göttlichen Sohn gebracht! Du hast mir in all meinen Widerwärtigkeiten deine mütterliche Hand geboten.“ – Als Zosimus merkte, dass sie auch einige Schriftstellen in ihre Reden einmischte, fragte er sie, ob sie wohl auch jemals die heilige Schrift gelesen habe. „Niemals“, antwortete sie, „habe ich lesen können; Gott aber kann alle Unwissenheit ersetzen, wenn Er will.“ – Da sie dieses sagte, stand sie auf und bat ihn, dass er von allem diesem nichts offenbaren möchte, so lange sie noch am Leben wäre. Folgendes Jahr am hohen Donnerstag soll er wieder zu ihr kommen, die heilige Engelspeise mit sich bringen und sie kommunizieren lassen. „Du wirst vor diesem Tag nicht aus dem Kloster kommen“, setzte sie hinzu, „und wenn du auch wolltest, wirst du früher nicht ausgehen können. Komm bis an das Ufer des Jordans, da wirst du mich finden.“ Jetzt begehrt sie noch seinen Segen und weicht in den Wald zurück.

 

Zosimus dankte dem Herrn über dieses Wunder der Gnade, geht in sein Kloster zurück und verbringt das ganze Jahr in ununterbrochenem Stillschweigen und großer Lebensstrengheit zu. Während der Fastenzeit lag er an einem Fieber erkrankt darnieder und konnte mit seinen Brüdern nicht ausgehen bis zum hohen Donnerstag, wie es ihm die Heilige vorhergesagt hatte. An diesem Tag begab er sich mit der konsekrierten Hostie in einer Kapsel zum Ufer des Jordans, kam aber spät dort an. Da sah er beim Mondschein die Heilige in der Ferne zum Jordan hin schreiten und ihn wunderte es sehr, wie sie nun über den Fluss zu ihm hinüber gelangen könnte. Als die Heilige an den Jordan kam, macht sie das Kreuzzeichen und geht über das Wasser, als ob es fester Grund gewesen wäre. Zosimus war entsetzt darüber und fällt vor der Heiligen auf die Knie. Da reicht sie ihm die Hand und hebt ihn auf, das Geschehene ihm mit den Worten erklärend: „Vergisst du, dass du ein Priester bist und dazu noch das Hochwürdigste Gut bei dir trägst?“ Vor diesem warf sie sich nieder und als sie ihre Sünden bekannt und ganz in Tränen zerflossen war, bat sie den Zosimus, dass er ihr die Glaubensartikel und das Vaterunser vorbeten möge. Danach empfing sie die heilige Kommunion aus seiner Hand, wurde von empfindlicher Andacht völlig eingenommen und von der göttlichen Liebe ganz entzündet. Mit gen Himmel erhobenen Augen und Händen ruft sie mit dem alten Simeon aus: „Lass, o Herr, deine Dienerin jetzt nach deinem Wort im Frieden fahren; denn meine Augen haben dein Heil gesehen! Zosimus, noch um eine Wohltat bitte ich dich, kehre die nächstfolgenden Fasten wieder an den Ort der Wüste zurück, wo du mich das erste Mal angetroffen hast; allda wirst du mich so finden, wie es Gott belieben wird.“ Zosimus bot ihr etwas zu essen von dem, was er mitgebracht hatte. Sie genießt nur drei Linsenkörner, bittet Zosimus um den priesterlichen Segen, macht das Kreuzzeichen und ging wieder trockenen Fußes über den Jordan in ihre Wildnis zurück.

 

Im folgenden Jahr ging Zosimus zur heiligen Fastenzeit wieder, wie seine Brüder, in die Einsamkeit und ging zu dem Ort, an welchem er vor zwei Jahren die heilige Büßerin angetroffen hatte, mit dem festen Vorhaben nun nicht zu vergessen, sie nach ihrem Namen zu fragen. Er findet die Heilige tot. Ihr Leichnam lag der Länge nach auf der Erde noch so frisch, als wäre sie eben gestorben. Auf dem Sand findet er neben ihr die Worte geschrieben: „Vater Zosimus! Begrabe allda, um der Liebe Christi willen, den Leichnam der armen Maria, welche gestorben ist am heiligen Karfreitag, bald nachdem sie aus deinen Händen die heilige Kommunion empfangen hat, und vergiss nicht für sie zu beten.“

 

Zosimus betrachtete den heiligen Leib, fängt laut an zu weinen, fällt auf seine Knie und betet. Indessen kommt ein ungemein großer Löwe aus dem Wald, vor dem Zosimus sich nicht wenig erschrickt, sich aber von seiner Angst bald erholt, da er sieht, wie dieses wilde Tier dem Leichnam die Füße leckt und mit dem Schweif ihm schmeichelt, darauf den Sand aufscharrt und ein großes Grab macht und sich dann wieder zurück in den Wald begibt. In dieses Grab legt Zosimus den heiligen Leib unter den vorgeschriebenen Kirchengebeten und Psalmengesang. – In das Kloster zurückgekehrt erzählt er den Brüdern den ganzen Verlauf von dem, was er gehört und gesehen hatte.

 

Diese Heilige ist anfangs in der griechischen, danach auch in der lateinischen Kirche öffentlich verehrt worden. Ihr Fest wird heute noch am 1. oder 2. April in vielen Bistümern mit großer Feierlichkeit begangen, an einigen Orten am 9. April. Man behauptet, ein Teil ihrer heiligen Gebeine sei nach Rom gebracht worden, zu der Zeit, da die Ungläubigen anfingen, das gelobte Land einzunehmen. Etwas davon, das der Papst Honorius dem heiligen Eleutherius verehrte, wird zu Tournes aufbewahrt. Das Haupt der heiligen Maria, das 1059 der Abt von Kalabria nach Neapel gebracht hatte, wird jetzt in der Jesuitenkirche zu Augsburg im Rieß verehrt. Man findet auch etwas von diesen heiligen Reliquien zu Antorf.

 

Der heilige Appianus, Blutzeuge zu Cäsarea in Palästina,

+ 2.4.306 – Fest: 2. April

 

Appianus (auch Aphian und Amphian genannt) stammte aus Lycien von reichen und durch ihre Geburt ausgezeichneten Eltern. Man schickte ihn nach Berytus in Phönicien, wo damals berühmte Schulen der Beredtsamkeit, der Philosophie und des römischen Rechts waren. Er machte da schnelle Fortschritte in allen Zweigen des menschlichen Wissens. Als ihn Gott zur Kenntnis der Wahrheit geführt hatte, gewann er eine große Liebe zum Gebet und der Einsamkeit, und verwahrte sich dadurch vor den Klippen, an denen die Jugend durch die Stürme der Leidenschaften, leider nur zu häufig ihren Untergang findet. Als er wieder in sein Vaterland zurückgekommen war, arbeitete er an der Bekehrung seiner Eltern, die noch Heiden waren. Der Schmerz, den ihm ihre Hartnäckigkeit im Aberglauben des Heidentums verursachte, führte ihn auf den Gedanken, das väterliche Haus zu verlassen. Er begab sich nach Cäsarea in Palästina, als er erst 18 Jahre alt war, und schloss sich an die Jünger des heiligen Pamphilus an, der mit ebenso großer Frömmigkeit als Gelehrtheit in dieser Stadt die göttlichen Schriften erklärte.

 

Während er die Schule des heiligen Pamphilus besuchte, flammte Galerius Maximianus, der am 1. Mai 305 zum Kaiser des Orients ausgerufen wurde, das Feuer der Verfolgung wieder an. Dieser Fürst sandte Briefe nach Cäsarea, worin dem Landpfleger befohlen wurde, alle Untertanen seines Reiches zum Opfern zu zwingen. Appian, dem ein solcher Befehl das Herz tief verwundete, wartete nicht, bis man ihn aufsuchte, um seine Gesinnungen zu erklären. Er ging hinaus, sagt Eusebius, ohne sein Vorhaben jemanden mitgeteilt zu haben, nicht einmal uns, bei denen er wohnte. Er trat raschen Fußes in den Tempel, schritt vor den Landpfleger Urban, da ihm die Soldaten der Leibwache, die nichts Arges vermuteten, den Hingang nicht verwerten. Als er ihn den Arm zum Opfern emporheben sah, hielt er ihn ein, und sagte ihm, man solle nur den wahren Gott anbeten, und die den Götzen erwiesene Ehre sei gottesräuberisch. Dieser kühne Schritt war der Klugheit nicht gemäß. Allein in dieser Gelegenheit begeisterte Gott den jungen Appian, der noch keine zwanzig Jahre alt war, um die Ruchlosigkeit des Götzendienstes zu beschämen und zu zeigen, wie sehr ein Jünger Jesu Christi den Tod verachtet.

 

Die Leibwache, erstaunt über eine solche Keckheit, stürmt nun auf ihn los, wirft ihn zu Boden, misshandelt ihn mit grausamen Schlägen, und bedeckte ihn mit Wunden. Hierauf warf man ihn in ein finsteres Kerkerloch, wo er 24 Stunden zubrachte, die Füße in einen Stock oder in hölzerne Fesseln gezwängt. Dann wurde er dem Landpfleger vorgeführt, der ihn auf das Grausamste peinigen ließ. Man zerriss ihm die Hüften mit eisernen Krallen, bis man ihm die Gebeine und Eingeweide sah. Man zerfetzte ihm mit gebleiten Ruthen so unmenschlich das Gesicht, dass er seinen besten Bekannten ganz unkenntlich war. Dennoch konnte man keine andere Rede von ihm erhalten, als diese: Ich bin ein Diener Jesu Christi. Der Landpfleger, dadurch in Wut gebracht, ließ seine Füße einwickeln in ein Tuch, das man ins Öl getaucht hatte und dann anzünden. Als die Flamme das Fleisch aufgezehrt hatte, drang sie bis in die Gebeine, und man sah das Fett wie geschmolzenes Blei herabfließen. Die Standhaftigkeit des Märtyrers setzte selbst seine Henker in Erstaunen, und als sie ihn ermahnten den Befehlen des Kaisers gehorsam zu sein, antwortete er ganz ruhig: „Ich bete Jesus Christus an, der ein und derselbe Gott ist mit seinem Vater.“

 

Appianus wurde in den Kerker zurückgeführt und verblieb drei Tage daselbst. Hierauf musste er sich abermals vor den Landpfleger stellen, der ihn immer ebenso unerschütterlich fand und daher ins Meer werfen ließ. Es geschah damals ein Wunder, wovon alle Einwohner Cäsareas, nach dem Bericht des Geschichtsschreibers Eusebius, Augenzeugen gewesen. Der Märtyrer, dessen Füße man mit Steinen belastet hatte, war kaum in die Fluten gestürzt, als sich plötzlich ein heftiger Sturm erhob, und in der Stadt ein starkes Erdbeben entstand. Die Wellen stießen den Leib des Heiligen gegen eines der Tore von Cäsarea, gleichsam als hätte das Meer ihn in seinem Schoß zu behalten sich geweigert. Alles Volk lief zu dieser Wundertat herbei. Man pries den Gott der Christen, und bekannte öffentlich den Namen Jesus. Der heilige Appian empfing die Krone des Märtyrertodes am 2. April 306, im neunzehnten Jahr seines Alters.

 

Die heilige Theodosia, Jungfrau und Märtyrin von Cäsarea in Palästina,

+ 2.4.308 – Fest: 2. April

 

Diese Heilige war aus der Stadt Tyrus in Phönicien. Sie wurde in der christlichen Religion erzogen, und gelobte Gott eine beständige Jungfrauschaft. Als sie sich im Jahr 308 zu Cäsarea aufhielt, näherte sie sich den Bekennern, die in Ketten schmachteten vor dem Palast des Landpflegers Urbanus, und wollte ihrem Verhör beiwohnen. Sie wünschte ihnen Glück über die ihnen gewordene Gnade, für Jesus Christus zu leiden, ermahnte sie zur Standhaftigkeit im Glauben, und bat sie, sich ihrer zu erinnern, wenn sie in Gottes Herrlichkeit sein werden. Die Wachen hielten dies für ein Verbrechen, nahmen sie gefangen, und führten sie vor den Landpfleger, der seit drei Jahren geschäftig war, den christlichen Namen in seiner ganzen Provinz zu vertilgen. Urbanus betrachtete das heldenmütige Benehmen, womit Theodosia vor ihm erschien, als eine Verhöhnung seiner Gewalt. Sie wurde daher auf dessen Befehl auf die Folterbank gelegt, und die Schergen, nachdem sie ihr die Hüften mit eisernen Krallen zerrissen hatten, schnitten ihr mit unerhörter Barbarei die Brüste ab. Die Heilige ertrug diese gräuliche Qual, ohne dass ihr eine Klage oder ein Seufzer entfiel. Man bemerkte sogar auf ihrem Antlitz eine Heiterkeit und Wonne, die nichts zu trüben vermochte. „Deine Grausamkeit,“ sagte sie dem Richter, „verschafft mir eine Glückseligkeit, die ich mit Schmerzen verzögert sähe. Ich freue mich, zur Märtyrerkrone berufen zu sein und danke Gott aus meinem ganzen Herzen, dass er mich einer solchen Gnade gewürdigt hat.“ Als der Landpfleger sah, dass sie, ungeachtet aller ihr angetanen Peinigungen, nicht sterbe, ließ er sie ins Meer stürzen. Andere Bekenner wurden in die Bergwerke von Palästina geschickt (Der Landpfleger überlebte nicht lange die Hinrichtung der heiligen Theodosia. Der Kaiser ließ ihn seiner Frevel wegen enthaupten. So bestraft Gott die Sünder oft schon in diesem Leben.). Die heilige Theodosia war erst 18 Jahre, als sie für Jesus Christus ihr Leben hingab. Ihr Märtyrertod fiel auf den 2. April 308. Man verehrt sie besonders zu Venedig und an anderen Orten. Ihr Name steht in den Kalendern der Lateiner, Griechen und Russen.

 

Der heilige Nicetius, Bischof und Bekenner von Lyon,

+ 2.4.573 – Fest: 2. April

 

Nicetius, französisch: Nisier, stammt aus Burgund von einer unter den alten Galliern sehr ausgezeichneten Familie. Seine Eltern ließen ihn sorgfältig erziehen in der Kenntnis der Wissenschaften und den Grundsätzen der christlichen Frömmigkeit. Man bemerkte an ihm von seiner ersten Kindheit an große Demut und Liebe zum Gebet. Er suchte die niedrigsten Beschäftigungen, gab in allem seinen Brüdern den Vorzug, und erniedrigte sich durch die Gesinnungen seines Herzens sogar unter die Bedienten seines Vaters herab. Vorzügliches Vergnügen war es für ihn, diese Letzteren und deren Kinder in den Wahrheiten der Religion zu unterweisen, und sie den Psalter und die Kirchengesänge zu lehren. Mit diesen Tugenden verband er eine unverletzliche Reinheit des Leibes und der Seele, weshalb er auch alles sorgfältig vermied, was den Versuchungen des bösen Feindes hätte Eingang in sein Herz verschaffen können.

 

Nachdem er von dem heiligen Agricola, Bischof von Chalons-sur-Saône, die Priesterweihe empfangen hatte, folgte er dem heiligen Serdot, seinem Oheim, auf den bischöflichen Stuhl zu Lyon im Jahr 551 nach. Er regierte seine Kirche mit unermüdlichem Eifer bis in seinen Tod, der am 2. April 573 erfolgte. Mehrere Wunder bestätigten seine Heiligkeit. Man bewahrte noch in den letzteren Zeiten seine Überbleibsel in der Pfarrei seines Namens zu Lyon. Er steht an diesem Tag in den Martyrologien.

 

 

Der heilige Launogisilus oder Longis,

Abt zu Boisseliere in der Provinz Maine in Frankreich,

+ 2.4.653 – Fest: 2. April

 

Dieser Heilige (Longis auf französisch, wie auch Longils, Langis, Lourgesil, Longison, und Languisou; im Lateinischen hat er neben Launogisilus noch mehrere Namen, als: Launogisilus, Leonegisilus, Lenogisilus, Longisolus, Lonegilus) stammt aus Deutschland von adeligen, aber heidnischen Eltern. Nachdem er das Glück hatte, den wahren Glauben kennen zu lernen, verließ er sein Vaterland, kam nach Clermont, in der Provinz Auvergne, wo er die heilige Taufe empfing und zum Priester geweiht wurde: hierauf ging er in die Maineprovinz. Man glaubt, der Ruf der Heiligkeit, in dem damals der Bischof Haduin stand, habe den Neophiten dahin gezogen. Einige Zeit nachher besuchte er die Gräber der Apostel zu Rom und brachte von ihren Reliquien mit sich zurück. Nach seiner Heimkunft nach Maine erbaute er sich in dem Dorf la Boisseliere eine Zelle und ein Bethaus, das er dem heiligen Petrus weihte. Er bekehrte viele Heiden der Umgegend. Er musste große Verfolgungen ausstehen, wegen einer Jungfrau namens Agnafleta, der er den Ordensschleier gegeben hatte. Sogar an den Hof Clotars II. musste er sich verfügen, um sich zu rechtfertigen. Der König erkannte die Falschheit der wider ihn erhobenen Anklagen, gab ihm viele Merkmale seiner Hochachtung und versprach ihm seinen königlichen Schutz. Longis errichtete hierauf ein Kloster um seine Kapelle. Er starb gegen das Jahr 653, ungefähr in seinem 73. Lebensjahr. Sein Fest steht unter dem 2. April und unter dem 13. Januar.

 

Die heilige Ebba, Äbtissin Coldingham und Märtyrin in Schottland,

und ihre Gefährtinnen,

+ 2.4.867 – Fest: 2. April

 

Ebba stand im 9. Jahrhundert dem großen Kloster von Coldingham vor, in der Provinz Mers, die bald den Engländern, bald den Schottländern gehörte. Dieses Kloster, das berühmteste in ganz Schottland, hatte seine Stiftung einer anderen heiligen Ebba, Schwester des heiligen Oswald und Oswis, Könige der Northhumberland, zu verdanken (Dieses Kloster wurde abgebrannt unter Johann, König von England. In der Folge wurde es wiederhergestellt. Es führte aber nur noch den Namen eines Priorats, das bis zur Zeit der sogenannten Reformation bestand. Der Neffe des Bischofs Lesley, ein schottischer Jesuit, Verfasser einer Sammlung von Lebensbeschreibungen der Heiligen Schottlands, in lateinischer Sprache, sagt, dass er im Jahr 1610 noch beträchtliche Trümmer des Klosters gesehen habe.). Als die Dänen, unter der Anführung Hinguars und Hubbas dieses Land überschwemmt hatten, war die heilige Ebba großen Ungemachen und Stürmen ausgesetzt. Sie schwebte aber nicht sowohl wegen ihres Lebens, als wegen ihrer Keuschheit in großer Furcht. Sie wandte daher folgendes Mittel an, um sich gegen die frechen Andränge der Dänen zu verwahren. Sie versammelte ihre Nonnen im Kapitelsaal, hielt an sie eine rührende Rede, und schnitt sich hierauf die Nase und die obere Lippe ab. Die gesamten Klosterfrauen hatten den Mut, ihrem Beispiel nachzuahmen. Die Barbaren erschauderten vor dem Schauspiel, das sich ihren Augen darbot, wagten keinen Angriff auf die Schamhaftigkeit der Bräute Jesu Christi, setzten aber ihr Kloster in Flammen, und ließen sie alle im Feuer zu Grunde gehen. Dies ereignete sich gegen Ende des 9. Jahrhunderts. Diese heiligen Frauen werden in den schottischen Märtyrerverzeichnissen am 2. April, und in den englischen am 5. Oktober genannt. (Constantin II., König von Schottland, ging mit einer Armee den Dänen entgegen, die heranrückten, um seine Ländereien zu verwüsten. Er überfiel die Heeresabteilung, die unter Hubbas Oberbefehl stand, und schlug sie in die Flucht, indes ein plötzlicher Austritt des Flusses Lenin, Hinguar verhinderte, seinem Bruder zu Hilfe zu eilen. Er wurde aber nachher von Hinguar überwunden und auf dem Kampfplatz getötet, unweit des Fleckens Cararia. In seinen letzten Augenblicken wiederholte er mit Inbrunst die Worte des Psalmisten: „Herr, lass nicht zu, dass diejenigen, die dir dienen, ein Raub der wilden Tiere werden.“ Nach Buchanan und Lesley fiel sein Tod ins Jahr 874. Er wurde auf der Insel Jona oder Y-Colm-Kille bestattet, und man sagt, es seien an dessen Grab mehrere Wunder geschehen. Er steht als Märtyrer im Kingischen Calender, und zwar unter dem 11. März.

 

3. April

 

Der heilige Nicetas, Priester und Abt der Akömeten in Bithynien,

+ 3.4.824 - Fest: 3. April

 

Der heilige Nicetas, Abt im Morgenland, begab sich in ein Kloster, wo man nach der Regel der Akömeten lebte. Es war das Kloster des heiligen Sergius zu Medicion in Bithynien und wurde von dem heiligen Nicephorus geleitet. Er erfüllte alle Pflichten seines Standes mit großer Pünktlichkeit und empfing die Priesterweihe um das Jahr 790 vom heiligen Tharasius, Erzbischof zu Konstantinopel. Als Nicephorus gegen das Jahr 800 starb, folgte ihm unser Diener Gottes in der abtlichen Würde und schien immerdar beseelt vom Geist seines Vorgängers, dessen Tugenden in der Kirche ein glänzendes Beispiel gab. Er und seine Mönche führten in ihrer Einsamkeit ein englisches Leben, bis Leo der Armenier plötzlich die selige Ruhe unterbrach, indem er den Heiligenbildern den Krieg erklärte. Nicetas bekannte sich laut und offen für die katholische Lehre, und sein Eifer zog ihm schwere Drangsale zu. Der Kaiser verbannte ihn auf die Insel St. Glyceria an den äußersten Grenzen der Propontis, wo er sechs Jahre in enger Haft gehalten wurde und alle Arten von Misshandlungen zu erdulden hatte. Man gestattete niemand den Zutritt zu seinem Kerker und reichte ihm durch ein kleines Fenster eben nur so viel Nahrung, als er nötig hatte, um nicht zu verhungern. Michael der Stammler, der dem im Jahr 820 gemeuchelten Leo nachfolgte, stellte die gegen die Katholiken erregte Verfolgung ein und rief die Verbannten zurück. Nicetas aber wollte aus einem Beweggrund der Demut nicht wieder in sein Kloster gehen und verbarg sich in eine Einsiedelei bei Konstantinopel, wo er am 3. April 824 starb. Mehrere Wunder haben seinen Namen verherrlicht.

 

Die heilige Agape, die heilige Chionia, die heilige Irene

und ihre Gefährtinnen, Jungfrauen und Mätyrinnen von Thessalonich,

+ 3.4.304 – Fest: 3. April

 

Agape, Chionia und Irene waren drei Schwestern und lebten zu Thessalonich. Diejenigen, von denen sie das Tageslicht erhalten hatten, beteten die Götzen an, als sie für Jesus Christus ihr Blut vergossen. Da Diokletian unter Todesstrafe verboten hatte, die göttlichen Schriften zu behalten, fanden sie Mittel, mehrere Bände der heiligen Bücher den Nachforschungen der Verfolger zu entziehen. Erst ein Jahr nachher, d.h. 304, entdeckte man sie. Man nahm sie daher sogleich gefangen und führte sie vor den Statthalter Dulcetius. Als der auf seinem Richterstuhl saß, redete ihn sein Schreiber Artemisius folgendermaßen an: „Wenn eure Hoheit es mir erlaubt, so will ich euch eine von der Schildwache eingesandten Berichterstattung vorlesen (Wachen oder Stationarii waren Beamte, die gleichsam als Spione ausgestellt waren, um die Behörde von allem, was wichtiges vorging in Kenntnis zu setzen. Sie hießen auch Beneficiate, wenn sie gewisser Vorteile oder besonderer Gnaden genossen als Belohnung der von ihnen in den Heeren geleisteten Dienste); sie betrifft Personen, die hier zugegen sind.“ Dulcetius befahl also die Vorlesung der Berichterstattung und der Schreiber las wie folgt: „Der Kostgeber Cassander dem Dulcetius, Statthalter in Macedonien, seinen Gruß. Ich schicke euer Hoheit sechs christliche Frauen und einen Mann, die sich geweigert haben, von dem Fleisch zu essen, das den Göttern geopfert worden ist. Die Frauen heißen Agape, Chionia, Irene, Casia, Philippa, Eutychia, und der Mann, der bei ihnen ist, nennt sich Agathon.“

 

Der Statthalter sagte, sich gegen die Frauen wendend: „Armselige, die ihr seid, könnt ihr den Geist des Aufruhrs so weit treiben, dass ihr den frommen Verordnungen der Kaiser und Cäsaren den Gehorsam versagt? Und du,“ setzte er hinzu, indem er sich an Agathon wandte, „warum willst du nicht nach dem Beispiel der übrigen Untertanen des Reiches von dem Götter geopferten Fleisch essen?“ – „Weil ich ein Christ bin“, erwiderte Agathon.

 

Dulcetius an Agape: „Und du, welches sind deine Gesinnungen?“

 

Agape: „Ich glaube an den lebendigen Gott, und möchte durch eine arge Handlung das Verdienst meines vergangenen Lebens nicht verlieren.“

 

Dulcetius an Chionia: „Nun! Was wirst denn du mir dahersagen?“

 

Chionia: „Ich werde dir sagen, dass ich an den lebendigen Gott glaube, und aus dieser Ursache dem nicht Gehorsam geleistet habe.“

 

Dulcetius an Irene: „Warum hast du dich den Befehlen der Kaiser und Cäsaren nicht fügen wollen?“

 

Irene: „Weil ich gefürchtet habe Gott zu beleidigen.“

 

Dulcetius an Casia: „Was hast denn du zu antworten?“

 

Casia: „Ich will meine Seele retten.“

 

Dulcetius: „Willst du keinen Anteil nehmen an unseren Opfern?“

 

Casia: „Gott bewahre mich vor solch einem Frevel!“

 

Dulcetius an Philippa: „Wirst du denn wie die anderen sprechen?“

 

Philippa: „Ja! Ohne Zweifel, und ich wollte lieber sterben, als den geringsten Anteil an euern Opfern nehmen.“

 

Dulcetius an Eutychia: „Wirst du denn auch zu unvernünftig sein, wie deine Genossinnen?“

 

Eutychia: „Ich habe dieselben Gesinnungen wie sie, und ich werde eher mein Leben hingeben, als in das einzuwilligen, was du von mir verlangst.“ Da Eutychia schwanger war, ließ sie der Landpfleger in den Kerker führen mit dem Befehl, für sie zu sorgen bis sie entbunden wäre.

 

Dulcetius wendete sich wieder an Agape und sagte ihr: „Wie ist nun deine letzte Entscheidung? Willst du jenen nicht nachahmen, die sich eine Pflicht daraus machen, dem Kaiser zu gehorchen?“

 

Agape: „Ich kann es nicht auf mich nehmen, mich dem Satan hinzugeben. Alle deine Reden werden mich nimmer betören.“

 

Dulcetius: „Und du, Chionia, was wirst du mir nun endlich für eine Antwort geben?“

 

Chionia: „Ich beharre noch immer in denselben Gesinnungen.“

 

Dulcetius: „Habt ihr nicht einige jener Bücher oder Schriften, die die gottlose Lehre der Christen betreffen?“

 

Chionia: „Wir haben keine davon. Man hat uns dieselben hinweggenommen auf Befehl des Kaisers.“

 

Dulcetius: „Aber noch einmal, wenn hat denn euch erlaubt, euch von solchen Träumereien berücken zu lassen?“

 

Chionia: „Die heilige Lehre, die wir bekennen, verdanken wir Gott dem Allmächtigen und seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn.“

 

Dulcetius: „Ihr seid alle verpflichtet, euch den Beschlüssen der Kaiser und Cäsaren zu fügen. Weil ihr aber nach so vielen wiederholten Drohungen, Mahnungen und Befehlen mit Hartnäckigkeit in euerm Ungehorsam verharrt, und euch noch sogar des verhassten Christennamens rühmt, und euch, nachdem ihr durch die Wachen und Oberbeamten angehalten worden, die Religion des Reiches zu bekennen, niemals dazu verstehen wolltet, so erkläre ich euch, dass ich sogleich die durch das Gesetz vorgeschriebenen Strafen über euch verhängen werde.“ Er las den Urteilsspruch, der lautete: „In Ansehung der Hartnäckigkeit, mit der Agape und Chionia im Bekenntnis der Christenreligion, die alle frommen Leute verabscheuen, verharrt sind, trotz der göttlichen Verordnungen unserer Kaiser und Cäsaren, verdammen wir sie, lebendig verbrannt zu werden. Was Agathon, Casia, Philippa und Irene betrifft, so werden diese im Kerker bleiben, bis wir darüber anders verfügt haben werden.“

 

Als Agape und Chionia die Märtyrerkrone empfangen hatten, ließ Dulcetius Irene vor sich führen, und redete folgendermaßen: „Jetzt erst erscheint deine Torheit in ihrem ganzen Licht. Man hat viele Bücher, Hefte, Blätter und Papiere bei dir gefunden, die alle handeln von der Religion der Christen, die die boshaftesten Menschen auf Erden sind. Und als man dir sie vorgezeigt hat, konntest du sie nicht verleugnen, obgleich du geleugnet hast, sie in Verwahrung zu haben. Es ist sehr auffallend, dass weder die Strafe deiner Schwestern, noch die Furcht eines gleichen Todes dir die Augen nicht geöffnet haben. Du bist also durchaus entschlossen zu sterben. Dennoch aber will ich gegen dich Nachsicht gebrauchen. Bete die Götter an, dann soll dein Frevel vergessen sein.“

 

Irene: „Wisse, dass ich nichts von dem allen tun werde. Möchtest du, dass ich brennen sollte in einem ewigen Feuer, was das Los derjenigen sein wird, die Jesus Christus, den Sohn Gottes, meineidig geworden sind?“

 

Dulcetius: „Wer hat dich dazu beredet, dass du so lange Zeit diese verderblichen Bücher verborgen hieltest?“

 

Irene: „Gott, der Allmächtige, der da uns befohlen hat ihn zu lieben, selbst mit Verlust unseres eigenen Lebens. Darum lassen wir uns eher lebendig verbrennen, als dass wir die göttlichen Schriften ausliefern, und Verräter an Gott werden.“

 

Dulcetius: „Es wusste doch ohne Zweifel jemand, dass du diese Schriften verborgen hattest?“

 

Irene: „Niemand wusste davon. Nur Gott allein war es bekannt, weil ihm nichts verborgen sein kann. Selbst unsere eigene Dienerschaft durfte das Geheimnis nicht wissen, aus Furcht, sie möchte es verraten.“

 

Dulcetius: „Wo hast du dich hingeflüchtet im verflossenen Jahr, als man den Befehl der sehr frommen Kaiser kund machte?“

 

Irene: Wo es Gott gefiel; auf die Berge.“

 

Dulcetius: „Wer nährte dich damals?“

 

Irene: „Gott, der für den Unterhalt aller seiner Geschöpfe sorgt.“

 

Dulcetius: „Wusste dein Vater von diesem allen?“

 

Irene: „Nein, er wusste nichts davon.“

 

Dulcetius: „Doch gewiss eure Nachbarn?“

 

Irene: „Du kannst sie fragen, und die nötig erachteten Untersuchungen anstellen lassen.“

 

Dulcetius: „Als du von den Bergen zurückgekommen warst, lasest du diese Bücher in Gegenwart irgend eines andern Menschen?“

 

Irene: „Da wir sie sorgfältig verborgen hielten, ohne sie irgend wohin zu tragen, war es für uns ein unvergesslicher Schmerz, dass wir sie nicht Tag und Nacht lesen konnten, wie wir vor Bekanntmachung des Edikts gewohnt waren.“

 

Dulcetius: „Deine Schwestern sind gestraft worden, wie sie es verdienten. Was dich anlangt, obgleich du des Todes würdig wärest, weil du in deinem Haus jene gottlosen Bücher versteckt hattest, so will ich dich auf eine andere Weise strafen. Du sollst ganz nackt in einem schlechten Haus ausgesetzt werden, und deine Nahrung für jeden Tag wird ein Brot sein, das man dir aus dem Palast bringen wird. Du wirst da von Soldaten bewacht werden, denen ich unter Todesstrafe befehle, dich keinen Augenblick hinausgehen zu lassen.“

 

Dieses abscheuliche Urteil wurde pünktlich befolgt: Gott aber erklärte sich als Beschirmer der Keuschheit seiner Dienerin. Niemand wagte, sich ihr zu nahen, oder in ihrer Gegenwart ein unehrbares Wort auszustoßen. Als der Statthalter sie wieder vor seinen Richterstuhl hatte führen lassen, sagte er ihr: „Beharrst du noch allzeit in deiner Widerspenstigkeit und deinem Ungehorsam?“

 

Irene: „Was du Widerspenstigkeit und Ungehorsam nennst, nenne ich Liebe zu Gott, und ich erkläre dir, dass ich darin beharre.“

 

Dulcetius: „Weil das ist, so werde ich dich gleich zur verdienten Strafe verurteilen.“ Er begehrte Schreibtafeln und zeichnete darauf folgenden Ausspruch: „Da Irene sich geweigert hat, den Kaisern Gehorsam zu leisten und den Göttern zu opfern, nebenbei in der Anhänglichkeit an die Christensekte verstockt blieb, verordnen wir, dass sie, wie vorher ihre zwei Schwestern, lebendig verbrannt werde.“ Das Urteil wurde ohne Verschub vollzogen, gerade an dem Ort, wo auch Agape und Chionia einige Tage zuvor den Märtyrertod gelitten hatten. Irene starb am 5. April 304, unter Diocletians neunten Consulat, und dem achten des Maximian. Das römische Martyrologium, Adon und Usuard nennen die heilige Agape und die heilige Chionia unter dem 3. April, die heilige Irene aber unter dem 5. desselben Monats.

 

Die Heiligen, von denen wir soeben geredet haben, wollten eher den Martertod leiden, als Gott beleidigen durch eine Handlung, die mehrere Christen heutigen Tages nicht mehr so strafbar finden. So erfinderisch sind sie in Vorwänden, um Fehler zu beschönigen, deren Größe doch selbst die Vernunft, im Einklang mit dem Evangelium, dartut. Der Zustand solcher Menschen ist tausend Mal gefährlicher, als jener der offenbaren Sünder. Diese können doch endlich ihre Augen öffnen, in sich zurückgehen, und sich aufrichtig bekehren. Jene aber verschließen sich die Pforte des Heils durch willkürliche Verblendung, die sie daran hindert, sich so, wie sie sind, zu erschauen. Wie sollten sie sich daher wohl von ihren Vergehen bessern, da sie sich die Kenntnis derselben entziehen und durch verschmitzte Eigenliebe sie mit dem Gesetz vereinbaren, und oft gar in Tugenden umwandeln? Hieraus ersieht man, von welcher Wichtigkeit es sei, dass man ein falsches Gewissen vermeide. Die Ursachen, die ein solches hervorbringen, sind 1. die Leidenschaften, die, nachdem sie den Verstand geblendet und die Vernunft verkehrt haben, nie ermangeln, in unseren Augen die Größe des Frevels dergestalt zu mindern, dass wir sogar als erlaubt ansehen, was unserm Hang und unsern Neigungen schmeichelt, und 2. die bösen Beispiele und die falschen Grundsätze der Welt. Wir bilden uns ein, dasjenige, was der größte Teil tut, könne nicht verboten sein, und es wäre eine grundlose Gewissensängstlichkeit, nicht so zu leben, wie jene, mit denen wir umgehen. Als wenn die Menge der Missetaten die Übertretung des Gesetzes rechtfertigen, als wenn die Gewohnheit dem Urteil, das Jesus Christus dereinst aussprechen wird, zur Richtschnur dienen sollte. Als wüssten wir nicht, dass die Sittenlehre der Welt jener des Evangeliums schnurgerade entgegen sei. Und 3. eine grobe Unwissenheit in Betreff der Religion. Man sieht nicht selten Christen, selbst auf Stellen, wo man sich am meisten der hohen Aufklärung rühmt, die der Pflichten ihres Standes und alles dessen ganz unkundig sind, was sie Gott, was sie dem Nächsten, was sie sich selbst schuldig sind.

 

Der heilige Ulpian (Vulpianus), Märtyrer in Tyrus in Phönizien,

+ 3.4. 304 (306) - Fest: 3. April

 

Dieser Heilige war ein christlicher junger Mann zu Tyrus in Phönizien. Ermutigt durch das Beispiel des heiligen Appian und anderer Blutzeugen zu Cäsarea in Palästina, bekannte er Jesus Christus mit heldenmütiger Seele vor Urban, dem Statthalter der Provinz. Die Geißelstreiche und die Qualen der Folter duldete er mit unerschütterlicher Standhaftigkeit. Man verschloss ihn hierauf mit einem Hund und einer Natter in einen ehernen Sack und warf ihn ins Meer.

 

Der heilige Richard, Bischof und Bekenner von Chichester in England,

+ 3.4.1253 – Fest: 3. April

 

Dieser Heilige war zweiter Sohn Richards und der Alix von Wiche. Er kam zur Welt im Schloss Wiche, einem durch seine Salzfabriken bekannten Ort, vier englische Meilen von Worchester. Von seiner Kindheit an zeigte er einen großen Hang zur Tugend. Er war ein Feind der Scherze und aller Vergnügungen, für die man in der Jugend so leidenschaftlich eingenommen ist. Seine ganze Zeit war verteilt unter die Übungen der Religion und die Erlernung der Wissenschaften. Nie hatte er eine größere Freude, als wenn er anderen einen Dienst leisten konnte.

 

Als seines Bruders Vermögen durch besondere Umstände zerfallen war, nahm er es auf sich, seine Güter zu verbürgen, half ihm wieder durch Sorgfalt und Gewerbfleiß auf, und setzte ihn in den Stand, ehrbar leben zu können. Hierauf begab er sich nach Paris, um da seine Studien, die er zu Oxford begonnen hatte, zu vollenden. In Frankreich führte er mit zwei auserlesenen Freunden ein sehr strenges Leben. Schwarzbrot und Wasser waren seine gewöhnliche Nahrung, ausgenommen an den Sonntagen und Hauptfesten, wo er aus Rücksicht für diejenigen, die ihn besuchten, etwas Fleisch und Fisch aß.

 

Nach seiner Rückkehr nach England nahm er zu Oxford den Magistergrad in den freien Künsten, ging dann nach Bologna in Italien, um daselbst das kanonische Recht zu studieren. Er machte in dieser Wissenschaft solche Fortschritte, dass er als öffentlicher Lehrer derselben auftreten musste. Er bekleidete aber nicht lange die Professorenstelle, sondern kam nach Oxford zurück, wo sein Verdienst ihm die Achtung und Liebe der ganzen Universität erwarb und er sogar den Ruf als Kanzler derselben erlangte.

 

Als der heilige Edmund, Erzbischof von Canterbury, ihn in seine Diözese zu ziehen suchte, wurde ihm endlich, nach vielen Bitte, sein Gesuch gewährt. Er stellte ihn an seiner Kirche an, wählte ihn zum Kanzler, und übertrug ihm die wichtigsten Geschäfte seiner Diözese. Richard entsprach vollkommen der Meinung, die der Erzbischof von ihm gewonnen hatte. Er lebte immer sehr einfach, und verwendete sein Vermögen zu Liebeswerken. Seine Uneigennützigkeit trotzte allen Versuchungen, und man konnte ihn nie dazu bringen, Geschenke anzunehmen, die man zuweilen Personen, die dergleichen Ämter bekleiden, darreicht. Als der heilige Edmund nach Frankreich verbannt wurde, begleitete ihn Richard dahin, und blieb bei ihm bis zu dessen Tod. Er begab sich dann zu den Dominikanern in Orleans, wo er sich der Theologie widmete, und die Priesterweihe empfing. Darauf kehrte er nach England zurück, um da eine Pfarrei, im Bistum Canterbury, zu versehen. Bonifacius, Nachfolger des heiligen Edmund, nötigte ihn, die Kanzlerstelle wieder anzunehmen, und der Diözese seine Dienste fortzuleisten.

 

Nachdem Rudolph Nevil, Bischof zu Chichester, 1244 gestorben war, wurde Robert Passelew, des Königs Heinrich III. Günstling, an dessen Stelle ernannt, obgleich er nicht eine einzige der Eigenschaften, die zur Leitung eines Bistums notwendig sind, besaß. Als ihn der Metropolitan und dessen Suffragane geprüft hatten, fanden sie ihn für das Episcopat schlechterdings untauglich, und erklärten, die Vorstellung des Königs sei nichtig, und wählten an dessen Stelle Richard von Wiche, der im Jahr 1245 consecrirt wurde. Heinrich, durch diese Wahl erbittert, zog die Güter des Bischofs von Chichester ein, der viel zu leiden hatte sowohl von dem Fürsten als dessen Dienern. Die Sache kam vor Papst Innocenz IV., der die Wahl des heiligen Richard bestätigte. Endlich bekam der seine Güter wiederum zurück, fand aber seine Einkünfte in sehr schlechtem Zustand.

 

Aller übrigen Sorgen entledigt, verwandte er nun seine ganze Aufmerksamkeit auf die Regierung seiner Diöcese: er besuchte die Kranken, begrub die Verstorbenen, suchte die Armen auf, und linderte ihr Elend. Als sein Hausverwalter sich eines Tages bei ihm beschwerte, dass sein Almosen seine Einkünfte überstiegen, erwiderte er ihm, er könne ja sein Tafelgeschirr und sein Pferd verkaufen. Als ihm ein Brand außerordentlichen Schaden verursacht hatte, wurde er darum nicht sparsamer gegenüber den Armen. „Wer weiß,“ sagte er bei dieser Gelegenheit, „ob nicht Gott diesen Fall zugelassen habe, weil wir zu sehr an den Gütern dieser Erde hangen?“ Seine Frömmigkeit war ebenso zärtlich als erleuchtet. Man hätte glauben sollen, er wäre in beständiger Beschauung der himmlischen Dinge vertieft. Er predigte mit solcher Salbung und Rührung, dass man daraus schließen muss, er habe den Geist des Gebetes in einem hohen Grad besessen. Er ertrug die Unbilden mit Geduld, und erwiderte nur mit Wohltaten die Beleidigungen, die ihm seine Feinde zufügten. Sein Eifer in Erhaltung der Kirchenzucht war unerschütterlich, besonders wenn er unordentliche Geistliche bestrafen musste. Der König, der Erzbischof von Canterbury und mehrere andere Prälaten hielten umsonst an für einen Priester, der sich ein Vergehen wider die Heiligkeit seines Standes hatte zu Schulden kommen lassen. Obgleich sie nur um Milderung der über ihn ausgesprochenen Strafe ersuchten, konnten sie dieses doch nie von ihm erhalten: diese Unerbittlichkeit erstreckte sich jedoch nicht auf die reumütigen Sünder; Richard behandelte sie mit Liebe, und nahm sie mit unglaublicher Zärtlichkeit auf.

 

Er wurde beauftragt, Kreuzpredigten wider die Sarazenen zu halten, allein ein Fieber befiel ihn, während er auf seiner Sendung begriffen war. Da er seine letzte Stunde herankommen fühlte, verkündete er dies den Umstehenden und bereitete sich mit großem Eifer vor Gott zu erscheinen. Er starb im Krankenhospital zu Dover am 3. April 1253, im 19. Jahr seines Episcopats und dem 56. seines Alters. Er wurde nach Chichester gebracht und im Dom vor dem Altar, den er selbst zum Andenken des heiligen Edmunds geweiht hatte, versenkt. Am 16. Juni 1276 erhob man seinen Körper an einen ehrenvollen Platz. Der Ruf der auf dessen Fürbitte gewirkten Wunderheilungen und der Auferweckung von drei Toten, veranlasste den Papst, eine Commission zu ernennen, um die Wahrheit dieser Tatsachen zu untersuchen, wovon denn wirklich mehrere auf die unbezweifelbarste Weise bestätigt wurden. Der heilige Richard wurde von Papst Urban IV. im Jahr 1262 feierlich canonisirt.

 

Der heilige Sixtus I. oder Xistus, Papst und Märtyrer von Rom,

+ 3.4.125 – Fest: 3. April

 

Sixtus folgte Papst Alexander gegen Ende der Regierung Trajans auf dem apostolischen Stuhl nach. Er regierte etwa 10 Jahre die Kirche zu einer Zeit, wo die Würde eines Stellvertreters Jesu Christi demjenigen, der sie bekleidete, gewöhnlich das Leben kostete. Man weiß keine besonderen Umstände seines Lebens. Alle Martyrologien aber geben ihm den Titel eines Blutzeugen. Es scheint, dass es nicht Sixtus I. ist, der im Kanon der Messe vorkommt, sondern Sixtus II., dessen Märtyrertod in der Kirche sehr berühmt ist. Man bewahrte noch in den letzteren Zeiten einige Reliquien unseres Heiligen in der Abtei St. Michael in Lothringen. Sie wurden daselbst feierlich niedergelegt vom Cardinal von Retz, den Papst Clemens X. damit beschenkt hatte.

 

Das Betragen der ersten Oberhirten der Kirche gab der Göttlichkeit des Christentums ein glänzendes Zeugnis. Welchen hohen Begriff mussten nicht die Heiden vom Evangelium fassen, wenn sie dessen Sittenlehre so treu ausüben sahen, selbst auf Kosten dessen, was der Natur am teuersten sein muss? Auch trug die Heiligkeit der ersten Nachfolger der Apostel nicht wenig bei zur Bekehrung der ganzen Welt. Wie konnte man wirklich Männern widerstehen, die die vom Heiland vorgeschriebenen Tugenden durch ihr Leben predigten? Ihre Beispiele erhielten noch eine neue Kraft teils aus ihrer ununterbrochenen Bereitwilligkeit, ihren Glauben mit ihrem letzten Blutstropfen zu besiegeln, teils von dem Mut und Eifer, mit dem sie es vergossen.

 

4. April

 

Der heilige Plato, Abt von Konstantinopel,

+ 19.3.813 – Fest: 4. April

 

Der heilige Plato, Abt, geboren zu Konstantinopel um das Jahr 734, erkannte frühzeitig die Gefahren der Welt, entsagte seinem Amt am kaiserlichen Hof, verkaufte seine ererbten Güter, von deren Erlös er die eine Hälfte den Armen schenkte und die andere zur Versorgung seiner Schwestern nutzbringend anlegte, und begab sich hierauf nach dem Kloster der Symbole in Bithynien. Unter die Zahl der Brüder aufgenommen, beeiferte er sich, in den Fußspuren derer zu gehen, die durch Demut, Gehorsam und Abtötung am meisten hervorragten. Nach dem Tod des Abtes wurde er, damals 36 Jahre alt, zum Nachfolger erwählt. Treu erfüllte er die Pflichten eines geistlichen Obern und Seelenhirten, bis ihn im Jahr 782 die Umstände nötigten, seinen bisherigen Aufenthalt zu verlassen, um die Leitung des Klosters Saccudion bei Konstantinopel zu übernehmen. Es war von den Kindern einer seiner Schwestern gestiftet worden, die sämtlich der Welt entsagt hatten. Plato führte dort die Regel des heiligen Basilius ein und verwaltete zwölf Jahre das Amt eines Vorstehers. Dann aber resignierte er in die Hände des heiligen Theodor, seines Neffen. Um diese Zeit verstieß der Kaiser Konstantin seine rechtmäßige Gemahlin, um Theodata, eine Verwandte unseres Heiligen, zu ehelichen. Und wo niemand sonst es wagen wollte, dieser sündhaften Verbindung zu widersprechen, tat es Plato. Wie einst Johannes der Täufer dem Herodes, sagte auch er dem Kaiser: „Es ist dir nicht erlaubt!“ Aber ebenso musste auch er den schweren Arm eines erzürnten Herrschers fühlen und wurde in Kerker und Bande geworfen. Doch dies vermochte seine Standhaftigkeit nicht zu erschüttern. Er war in seinem Gefängnis so ruhig und heiter, wie in seiner Zelle, und im wahren Sinn wohl unendlich glücklicher, als der lasterhafte Konstantin auf seinem Thron. Nach dessen Tod erhielt er seine Freiheit wieder und wurde in allen Ehren, als ein Martyrer der christlichen Zucht, in sein Kloster zurückgeführt. Die Streifzüge der Sarazenen, die bis an die Tore der Hauptstadt vordrangen, nötigten die Mönche von Saccudion, ihre Einsamkeit zu verlassen und das Kloster Studium zu beziehen, das mitten in Konstantinopel stand. Plato ging mit ihnen und lebte in ihrer Mitte als einfacher Mönch unter der Leitung seines Neffen Theodor, mit Gebet und Handarbeit sich beschäftigend. Indes wussten die Feinde, die er sich durch seinen Freimut zugezogen hatte, ihn auch beim Kaiser Nicephorus in Ungnade zu bringen, und er musste noch einmal sein Kloster verlassen und in das Exil wandern. Man schleppte ihn auf den Inseln des Bosporus von einem Ort zum andern, und das dauerte vier ganze Jahre. Erst unter Michael I. wurde sein Verbannungsurteil aufgehoben, und er bezog nun ungesäumt seine Zelle wieder, um sie nicht mehr zu verlassen. Er starb am 19. März 813 und wird von den Griechen und Lateinern am 4. April verehrt.

 

Der heilige Benedikt von San Philadelpho, Sizilien,

Laienbruder aus dem Franziskanerorden,

+ 4.4.1589 – Fest: 4. April

 

Im Hohenlied der Heiligen Schrift gebraucht die gottliebende Braut einmal die Worte: „Schwarz bin ich, aber schön, ihr Töchter Jerusalems, gleich den Zelten Cedars, gleich den Teppichen Salomos.“ So konnte einst auch ein Heiliger des Franziskanerordens sagen, nämlich der heilige Benedikt von San Philadelpho auf der Insel Sizilien. Seine Eltern waren Schwarze und so hatte auch er von ihnen die schwarze Hautfarbe geerbt und hieß deswegen später beim Volk „der schwarze Heilige“. Freilich, den zweiten Teil jener Worte: „ . . . Aber schön gleich den Zelten Cedars, gleich den Teppichen Salomos“ hätte er nie von sich gebraucht, denn dazu war er zu demütig. Aber um so sehr konnten andere zu ihm sagen: „Schwarz bist du, dem Leibe nach, und schön an deiner Seele durch deine Reinheit und Heiligkeit!“ Von seinen Eltern, die trotz ihrer Abstammung aus dem schwarzen Erdteil katholische Christen waren, hatte Benedikt auch eine echt christliche Erziehung genossen und verlebte darum schon seine ersten Jugendjahre in Unschuld und Frömmigkeit, aber auch, dem einfachen Stand seiner Eltern gemäß, in Arbeitsamkeit und Abhärtung. Damals führten mit Genehmigung des Papstes einzelne Mitglieder des Franziskanerordens außerhalb ihrer Klöster ein strenges Einsiedlerleben und das sagte dem gottseligen Benedikt so zu, dass er sich in die Genossenschaft dieser Männer aufnehmen ließ und bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr darin ein immer heiligeres Leben führte. Dann aber mussten diese Einsiedler wieder in ihre Klöster zurückkehren und die gewöhnliche Lebensweise des ersten Ordens des heiligen Franziskus und zwar von der Observantenrichtung aufnehmen. So wurde denn auch der heilige Benedikt Laienbruder im Kloster zu Palermo und als solcher nun erst recht ein leuchtendes Vorbild aller Tugenden. Sein Gehorsam war so vollkommen und freudig, dass er gar keinen eigenen Willen zu haben schien. Die Abtötung liebte er so, dass er wie der heilige Franziskus jährlich sieben vierzigtägige Fasten beobachtete. Seine Gottesliebe presste ihm unzählige Seufzer und Tränen hervor. Bei der Anbetung des Allerheiligsten sah man ihn oft von himmlischem Glanz umgeben. Ist es da zu verwundern, wenn die höheren Ordensobern den heiligen Mann, obwohl er nicht Priester war, dennoch zum Klostervorstand machten? Und als solcher gab er nicht bloß das vollendetste Tugendbeispiel, sondern erwies sich auch als klugen und geschäftsgewandten Hausverwalter. Diesen seinen treuen Diener zeichnete aber auch Gott der Herr durch außerordentliche Gnaden aus: er machte Blinde sehen, Taube hören, Lahme gehen und rief selbst Tote wieder ins Leben zurück. Ebenso besaß dieser ungelehrte Laienbruder die Gabe der Weissagung und himmlischen Erkenntnis, wobei letztere ihn befähigte, selbst die schwierigsten Stellen der Heiligen Schrift richtig und erbaulich zu erklären. Der Heilige starb, nachdem er seine Todesstunde vorausgesagt hatte, 63 Jahre alt, im Jahr 1589. Er wird in ganz Sizilien und weit darüber hinaus vom Volk hochverehrt und sein heiliger Leib ist heute noch unverwest. Seine feierliche Heiligsprechung erfolgte durch Papst Pius VII. im Jahr 1807. Er war der erste heiliggesprochene Schwarze.

 

Der heilige Benedikt von San Philadelpho, obwohl nur ein schlichter Laienbruder ohne höhere oder gar theologische Bildung, besaß doch eine tiefe Erkenntnis der Glaubenswahrheiten sowie alles dessen, was das geistliche Leben betrifft. Es war dies eine Wirkung besonderer göttlicher Gnade und Erleuchtung, wie sie demütigen und gottliebenden Seelen zuteil zu werden pflegen, nach den Worten des Heilandes: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dieses (nämlich die Lehren der christlichen Wahrheit und Weisheit) vor Weisen und Klugen verborgen, Kleinen aber geoffenbart hast.“ (Mt 11,25)

 

O machen auch wir uns solch übernatürlicher Erleuchtung und Erkenntnis immer würdiger, denn beides ist mehr wert als bloß menschliche Weisheit!

 

Der heilige Zosimus (Sosimus), Einsiedler-Abt in Palästina,

+ 4.4.421 – Fest: 4. April

 

Zosimus war ein Mann von hohen Tugenden und großer Beredsamkeit. Aus den Armen der Mutter wurde er dem Kloster übergeben und hatte sich da bis zu seinem dreiundfünfzigsten Jahr in aller klösterlichen Zucht, in strenger Enthaltsamkeit und Buße geübt. Er ließ nicht ab vom Psalmengebet und der Betrachtung der Heiligen Schrift, mochte er arbeiten oder essen oder des Nachts auf seinem Lager ruhen. Aus den Klöstern Palästinas und aus fernen Ländern kamen viele, um sich an seinen Lehren und Beispielen zu bilden. Aber auch für ihn sollte noch eine große Versuchung, eine Prüfung kommen, die aber zu seinem Heil ausschlug und ihn nach Gottes heiligem Plan zu einem ehrenvollen, gnadenreichen Dienst in dem so merkwürdigen Leben der großen Büßerin Maria führte (2. April).

 

In des tugendstrengen Mönches Herzen stieg der hochmütige Gedanke auf, dass er nun vollkommen wäre und der Anweisung eines anderen nicht mehr bedürfe. Er gedachte, nach seinem eigenen Bekenntnis, bei sich: Ist wohl auf Erden noch ein Mönch, der mir neues Leben geben und mich in etwas unterweisen könnte, das ich nicht schon wüsste oder schon geübt hätte? Während er sich mit solch sündigen Gedanken beschäftigte, stand ein Mann vor ihm und sprach: „O Zosimus, du hast gut gekämpft, wie es nur menschliche Kräfte vermögen. Aber keiner unter den Sterblichen findet sich, der sich selbst vollkommen nennen dürfte. Der Kampf, der deiner noch harrt, ist härter als der, den du bisher ausgehalten hast. Damit du erkennst, wieviel es noch andere und vortreffliche Wege gibt, die zum Heil führen, „so geh aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus“ (1. Mose 12,1), wie Abraham, der größte unter den Erzvätern, und komm in das Kloster, das neben dem Fluss Jordan liegt.“ Augenblicklich gehorchte Zosimus und verließ die von Jugend auf bewohnte und gewohnte Zelle und ging in das Kloster, wo der Herr ihn haben wollte. „Woher kommst du, mein Bruder“, begrüßte ihn der Abt, „und warum kommst du zu uns geringen Mönchen?“ „Woher ich komme“, entgegnete der Ankömmling, „ist wohl nicht nötig zu sagen. Deswegen aber bin ich gekommen, um mich bei euch zu erbauen, mein Vater. Ich habe von euch Rühmliches und Großes gehört, besonders dass durch euch die Seelen zur innigen Vereinigung mit Gott geführt werden.“ Der Abt: „Gott, der allein die menschliche Schwachheit heilt, wird dich, lieber Bruder, und uns seinen göttlichen Willen lehren und leite uns zu allem, was ihm wohlgefällig ist. Ein Mensch kann den anderen nicht erbauen, wenn nicht jeder auf sich selbst fleißig Acht hat und mit redlichem Herzen bestrebt ist zu tun, was Recht ist vor Gott. Doch weil die Liebe Christi, wie du sagst, dich hierher geführt hat, so bleibe bei uns! Der gute Hirt, der sein Leben für uns hingegeben hat und seine Schafe mit Namen ruft, wird uns alle mit der Gnade seines Heiligen Geistes nähren.“

 

Da sah nun Zosimus Männer und Greise, ausgezeichnet durch Einsicht und Tugenden. Während ihre Hände der Arbeit oblagen, ertönte Gottes Lob im Psalmengebet von ihrem Mund. Auch die ganze Nacht hindurch wechselte nach der Ordnung der Chorgesang. Da hörte man keine müßige Rede, da dachte niemand an Geld und Gut oder sonstige weltliche Dinge. Das allein war ihr Denken und Trachten, wie ein jeder der Welt und ihren Freuden und seinem Leib erstorben wäre. Brot und Wasser war ihre alleinige Nahrung für den Leib; ihre Seele aber war um so begieriger nach der himmlischen Speise des Wortes Gottes. Die Klosterpforte war immer geschlossen und wurde nur aus dringenden Ursachen geöffnet. Die Gegend um das Kloster war einsam und unbewohnt, die ganze Siedlung der weiteren Umgebung unbekannt.

 

Nun bestand im Kloster folgender Brauch. Am ersten Fastensonntag feierte man die heiligen Geheimnisse und jeder Mönch empfing dabei den hochheiligen Leib des Herrn. Dann machte man sich reisefertig, betete nochmals gemeinschaftlich und empfing den Segen des Abtes. Jetzt wurde die Pforte geöffnet. Mit dem Gesang: „Gott ist mein Licht und mein Heil, wen soll ich fürchten? Gott ist der Beschirmer meines Lebens, vor wem soll ich zittern“ traten die Mönche hinaus zum Fastenaufenthalt in der Wüste. Einige nahmen etwas Brot und Hülsenfrüchte mit, andere gar nichts; was die Wüste ihnen an Kräutern bot, bildete ihre Nahrung. Sie zerstreuten sich, der eine dahin, der andere dorthin, und wenn sie sich von ungefähr einmal trafen, wichen sie einander aus. Abgesondert von allem Verkehr miteinander, widmeten sie sich der strengsten Abtötung, dem Gebet und der Betrachtung; nur Gott allein sollte Zeuge ihrer heiligen Fastenübungen sein. Am Palmsonntag kehrten sie dann wieder in ihr Kloster zurück. Keiner offenbarte dem anderen, was er guten Samen ausgesät hatte für die Ewigkeit, keiner fragte den anderen, welche Kämpfe und wie er sie bestanden habe. Die Werke ihrer Gottseligkeit sollten nicht durch Menschenlob befleckt und verdorben werden.

 

Nach dieser Gewohnheit der Mönche tat auch Zosimus. Immer tiefer drang er in der Wüste vor. Am zwanzigsten Tag, da er gerade sein Psalmengebet verrichtete und seine Augen zum Himmel erhob, war es ihm, als sähe er den Schatten eines Menschen. Er erschrak anfangs, da er die Erscheinung für ein Blendwerk des bösen Geistes hielt. Bald aber überzeugte er sich, dass es ein Mensch sei, von dunkler Hautfarbe, wie sonnenverbrannt. Erfreut, nach so vielen Tagen wieder einen Menschen zu sehen und in der Meinung, dass es ein fremder Einsiedler sei, von dem er lernen und Außerordentliches erfahren könne, ging er eilends darauf zu. Als die Person aber ihn bemerkte, fing sie an fortzulaufen. Aber auch Zosimus, ganz seiner Greisenjahre vergessend, eilte nach Kräften nach und rief: „Diener Gottes, was fliehst du vor mir, der ich ein Greis und Sünder bin? Wer du auch immer sein magst, warte auf mich um dessen willen, dem zuliebe du diese Wüste bewohnst. Bleibe und gib mir Armen deinen Segen und dein Gebet!“ Da antwortete die Fliehende – es war die Büßerin Maria: „Zosimus, ich bin eine Frau, wirf mir deinen Mantel zu, um mich bedecken zu können. Dann will ich zu dir kommen, um dein Gebet zu empfangen.“ Zosimus war nicht wenig betroffen, seinen Namen von einer Person aussprechen zu hören, die er und die ihn nie gesehen hatte. Nur durch göttliche Eingebung konnte sie seinen Namen wissen. Darum zweifelte er nicht, dass diese Begegnung von Gott veranlasst sei, und warf ihr eilig seinen Mantel zu. Sich damit bedeckend, wandte sie sich im zu und sprach: „Was dachtest du, Vater, eine sündhafte Frau zu sehen? Was willst du von mir lernen, dass du dich so sehr abmühtest?“ Er aber fiel zur Erde und bat nach dem Gebrauch um den Segen. Aber auch Maria fiel auf die Knie und so lagen beide auf dem Boden und baten einander um den Segen. Welch rührende Demut und Frömmigkeit dieser beiden Heiligen.

 

So verging eine geraume Zeit und Gottes Engel mochten sich freuen über dieses anmutige Bild. Endlich sprach die Büßerin: „Vater Zosimus, dir ziemt es, den Segen zu geben und das Gebet zu sprechen, denn dich schmückt die priesterliche Würde und du stehst schon seit langer Zeit am Altar des Herrn zur Vollbringung des heiligen Opfers.“ Noch mehr wuchs das Erstaunen und die heilige Ehrfurcht des Greises. Mit zitternder Stimme antwortete er: „Es ist offenbar, o geistliche Mutter, dass du der Welt erstorben bist und dass Gott mit dir ist. Du nennst mich beim Namen und nennst mich Priester und hast mich doch nie in meinem Leben gesehen. Das Wohlgefallen Gottes haftet nicht an der Würde, sondern an der Tugendhaftigkeit der Seele. Darum segne mich aus Liebe zu Gott und lass mir dein reines, vollkommenes Gebet angedeihen.“ Da hatte sie Mitleid mit der Standhaftigkeit des frommen Greises, der sich in der Demut nicht wollte besiegen lassen und nicht aufhörte zu bitten. „Vater Zosimus“, sprach sie, „du musst für mich und alle beten, denn dazu bist du Priester. Aber um gehorsam zu sein, will ich mit gutem Willen tun, was du befiehlst.“ Mit diesen Worten wendete sie sich gegen Sonnenaufgang, streckte die Arme aus und betete still, die Augen zum Himmel erhoben. In seliger Freude stand der ehrwürdige Mönch daneben; hörte er nicht die Worte ihres Mundes, so las er jedoch auf dem Gesicht der Betenden die innigste Vereinigung mit dem allgegenwärtigen Gott, ja nun sah er – welch ein Wunder! – dass sie eine Elle hoch von der Erde sich erhob und so in der Luft schwebend betete. Ein heiliger Schauer durchbebte Zosimus; er fiel auf den Boden nieder, der Schweiß trat ihm aus den Poren, und ohne es zu wagen, die geheimnisvolle Stille mit einem lauten Wort zu brechen, betete er leise für sich: „Herr, erbarme dich meiner!“

 

O, die Erbarmungen Gottes sind wahrhaft anbetungswürdig! Wie reich wurde Zosimus belohnt für all die Mühen, Prüfungen und Kämpfe seines Lebens! War es nicht eine außerordentliche Gnade, der ruhmwürdigen Büßerin die letzten Dienste erweisen zu dürfen? Er war berufen, der Herold und Verkünder eines ganz heroischen Bußbeispiels zu werden, wie wir es vor kurzem im Leben der heiligen Maria gehört haben. Nachdem der fromme Greis, selbst ein bewundernswerter Büßer mehr der Unschuld als der Sünde, sich mit Gewissenhaftigkeit seiner Aufgabe entledigt und die lehrreiche Geschichte der Büßerin zum Nutzen der christlichen Nachwelt bekannt gemacht hatte, starb er bald danach in der Stille seines Klosters im hundertsten Jahr seines Alters, hochseligen Andenkens.

 

Halte dich nie für besser als andere! Der beschwerlichste und heftigste Kampf, den besonders die Gottesfürchtigen zu bestehen haben, ist der Kampf gegen den Stolz. Wenn du dich – in deiner Selbsteinschätzung – auch nur einem vorziehst, so schadet dir dies; wenn du dich aber allen anderen nachsetzt, so bringt dir dies Gnade von Gott!

 

Der heilige Isidor von Sevilla in Spanien, Erzbischof von Sevilla, Kirchenlehrer,

+ 4.4.636 – Fest: 4. April

 

Isidor wurde immer als der berühmteste Lehrer der Kirche von Spanien angesehen. Gott erweckte ihn, sagt der heilige Braulio, Bischof von Saragossa, auf dass er dem Strom der Barbarei und Grausamkeit, die allenthalben die Waffen der Gothen begleiteten (Die Gothen hatten sich im Jahr 412 in Spanien niedergelassen), einen mächtigen Damm entgegenstelle. Das achte Concilium von Toledo, vierzehn Jahre nach seinem Tod, nennt ihn den vortrefflichen Lehrer, die neueste Zierde der katholischen Kirche, den gelehrtesten Mann in den letzten Jahrhunderten, dessen Namen nur mit Ehrfurcht ausgesprochen werden darf. Nostri saeculi doctor egregius, Ecclesiae Catholicae novissimum decus, praecedentibus aetate postremus, doctrinae comparatione non infimus, et quod majus est, in saeculorum fine doctissimus, atque cum reverentia nominandus Isidorus.

 

Die Stadt Carthagena war sein Geburtsland. Sein Vater hieß Severian und seine Mutter Theodora: sie waren beide von sehr hoher Abkunft und höchst verehrungswert durch ihre Tugend. Isidor war Bruder des heiligen Leanders und des heiligen Fulgentius, beide Bischöfe, und der Florentina, die die Kirche ebenfalls unter ihre Heiligen zählt.

 

Von seiner ersten Jugend an widmete sich unser Heiliger dem Dienst der Kirche, und bereitete sich zum Priesteramt vor durch außerordentlichen Fleiß in Erlernung der Wissenschaften und in Übung der Frömmigkeit. Er vereinigte sich mit seinem Bruder, dem heiligen Leander, Erzbischof von Sevilla, um an der Bekehrung der Westgothen, die mit der arianischen Ketzerei angesteckt waren, gemeinschaftlich zu arbeiten, und er förderte nicht wenig den Sieg, den bei dieser Gelegenheit die Wahrheit über dem Irrtum errungen hat. Sein Eifer, wovon er schon so viele Beweise abgelegt hatte, dauerte glücklich fort unter den Regierungen der Könige Reccaredus, Liuba, Witerich, Gundemar, Sisebut und Sisemund.

 

Als der heilige Leander, Erzbischof von Sevilla, im Jahr 600 oder 601 gestorben war, wurde der heilige Isidor, sein Bruder, zu seinem Nachfolger erwählt. Er verwandte seine ganze Tätigkeit auf die Wiederherstellung der Kirchenzucht in Spanien, und war die Seele der Concilien, die in diesem Betreff gehalten wurden. Wir müssen daher alle jene wichtigen Beschlüsse, die damals gemacht wurden, vorzüglich als sein Werk ansehen. Und diese allein wären schon hinreichend, um uns einen hohen Begriff von seinem Wissen und Eifer zu geben. Als die zu Toledi im Jahr 610 versammelten Prälaten den Erzbischof dieser Stadt zum Primas von Spanien ausgerufen hatten, bestätigte König Gundemar diesen Beschluss durch ein Decret, und der heilige Isidor unterschrieb es aus Liebe zum Frieden, und heißem Verlangen, die Einigkeit zwischen allen Kirchen des Reiches wieder hergestellt zu sehen.

 

Er stand im Jahr 619 dem Concilium vn Sevilla vor. In dieser Versammlung disputierte er öffentlich mit einem Bischof der Akephalensecte, namens Gregor, der aus Spanien gekommen war. Er widerlegte so gründlich die Ketzerei der Eutychianer, die jene der Akephalen erzeugt hatte, dass Gregor den Irrtum auf der Stelle abschwur, und sich zur katholischen Lehre bekannte. Er hatte ebenfalls 633 den Vorsitz in der vierten Synode von Toledo, die die berühmteste von allen ist, die in Spanien gehalten worden sind. Diese Ehre gehörte zwar Justus, Erzbischof von Toledo, als Primas, zu, allein aus Ehrfurcht gegenüber dem heiligen Isidor begab er sich selbst dieses Rechtes.

 

Die Ungemächlichkeiten des Alters minderten in nichts den Eifer unseres Heiligen. Während der sechs letzten Monate seines Lebens, verdoppelte er seine Almosen in solcher Fülle, dass die Armen von Morgen bis Abend in seinen Palast strömten. Als er sein Ende herannahen sah, ersuchte er zwei Bischöfe zu ihm zu kommen: er ging mit ihnen in die Kirche, wo ihn der eine mit einem Bußkleid bedeckte, und der andere sein Haupt mit Asche bestreute. Hierauf hub er die Hände gen Himmel, betete mit Inbrunst, und begehrte mit lauter Stimme Verzeihung seiner Sünden. Alsdann empfing er von der Hand der Bischöfe den Leib und das Blut unseres Herrn Jesus Christus, empfahl sich den Gebeten der Umstehenden, gab seinen Gläubigern, was er ihnen schuldig war, vermahnte das Volk zur werktätigen Liebe, und verteilte das ihm noch übrigende Geld unter die Armen. Hierauf ging er wieder nach Haus und starb in Frieden am 4. April 636, nachdem er 36 oder 37 Jahre das bischöfliche Amt bekleidet hatte. Sein Leichnam wurde im Dom von Sevilla zwischen jenen des heiligen Leanders und der heiligen Florentina beigesetzt. Ferdinand I., König von Castillien, und Leo ließen ihn 1063 in die Kirche des heiligen Johannes des Täufers in die Stadt Leon, wo er heute noch zu sehen ist, übertragen.

 

Der heilige Isidor war der griechischen, lateinischen und hebräischen Sprache mächtig. Er besaß eine sehr ausgebreitete Gelehrsamkeit und tiefe Kunde der alten sowohl kirchlichen, als Profanschriftsteller, wie man aus seinen Werken ersieht.

 

Diejenigen, die zu den Amtsverrichtungen eines tätigen Lebens berufen sind, müssen ohne Zweifel denselben mit Treue obliegen. Anders handeln, hieße die von der göttlichen Vorsehung festgesetzte Ordnung umstoßen: sie sollen sich aber vor jeglicher Täuschung hüten, in die sie gewiss fallen werden, wofern sie nicht, nach dem Beispiel des heiligen Isidors, bestimmte Augenblicke haben, wo sie der Beschauung obliegen. Je mehr man durch seine Berufsgeschäfte der Zerstreuung ausgesetzt ist, desto mehr muss man sich beeifern, durch Geistesversammlung sich näher an Gott anzuschließen, auf dass man niemals aufhöre, mit ihm durch das Gebet vereinigt zu sein. Wissenschaftliche Männer werden aus dem Beispiel des heiligen Isidors auch lernen, wie sie als Christen studieren, und selbst die Wissenschaften, die beim ersten Anblick nur das Vergnügen des menschlichen Geistes zu bezwecken scheinen, auf Gott beziehen sollen.

 

Der heilige Theon oder Theonas, Einsiedler in der Thebais in Ägypten,

+ 364 – 378 – Fest: 4. April

 

Während der Regierung der Kaiser Valens und Theodos des Großen, lebte in einer kleinen Einsiedelei, unweit der Stadt Oxyrinchus (Heute Benese. Sie gehörte damals zu Nieder-Thebais, und später zu Arkadien oder Mittelägypten.), in der Thebais, ein gottseliger Diener, den Evagrius Theon, Palladius aber Theonas nennt. Beide haben ihn gesehen in seiner Zelle, die er durch dreißig volle Jahre geheiligt hatte. Aus besonderer Demut und Verachtung dessen, was bei den Menschen Hochschätzung erregt, verhehlte er seine tiefe Kunde der ägyptischen, griechischen und römischen Wissenschaften, und versagte sich jede Unterhaltung mit den Menschen, um nur mit Gott allein sich zu beschäftigen. Er aß nie etwas Gekochtes. Wenn er jeweilig seine Zelle verließ, geschah es gewöhnlich zur Nachtzeit. Seine Gefährten in der Wüste waren wilde Tiere, denen er Wasser aus seinem Brunnen reichte: daher umstanden stets seine Zelle eine Menge Büffelochsen, Geisen und Waldesel.

 

Der Heilige bewirkte, nach dem Zeugnis obiger Schriftsteller, mancherlei Wunder, und in der ganzen Umgegend galt er für einen Propheten. Jeden Tag strömten von allen Seiten Kranke zu ihm hin: sie zu heilen, streckte er nur seine Hand zu seinem kleinen Fenster hinaus, erteilte ihnen den Segen und sie wurden gesund. An seinem Äußeren konnte man nichts von seiner Bußstrenge bemerken. Stets erstrahlte sein Angesicht von Freude und himmlischer Zufriedenheit. Der ganze Ausdruck seiner Seele war Milde und Sanftmut. Kurz zuvor als Evagrius und Palladius ihn besuchten, waren zwei Räuber zu ihm gekommen, mit dem Anschlag ihn zu töten, in der Meinung, sie würden große Geldsummen bei ihm finden. Allein sie vermochten nicht, seine Schwelle zu berühren, blieben wie versteinert bis zur Morgenzeit an der Zelle, und konnten sich nicht mehr fortbewegen. Die herbeigelaufene Menge wurde über diese Mörder so aufgebracht, dass man sie lebendig verbrennen wollte. Dies veranlasste den Heiligen, endlich einmal zu reden. Doch ließ er nur diese Worte vernehmen: „Lasst sie fortgehen, ohne ihnen etwas Übles zuzufügen, sonst wird der Herr die Heilkraft mir entziehen.“ Die Räuber wurden frei gelassen, und beweinten ihren vorigen sündhaften Lebenswandel in den nahe gelegenen heilige Genossenschaften, wo sie sich allen Übungen der strengsten Buße ergaben.

 

Die ganze Umgegend von Oxyrinchus und diese Stadt selbst waren mit Klöstern angefüllt. Einem von ihnen stand auch unser Heiliger eine Zeit lang vor. Allem Anschein nach starb er gegen das Ende des 4. Jahrhunderts. Die Griechen verehren ihn am 4. April mit dem heiligen Simeon und dem heiligen Phorbin, die wahrscheinlich Einsiedler in Syrien oder Ägypten gewesen sind.

 

Der heilige Joseph mit dem Beinamen der Hymnenschreiber

(Joseph Hymnographus),

Priester und Bekenner von Konstantinopel,

+ 4.4.883 – Fest: 4. April

 

Dieser Heilige stammt aus Sizilien. Als diese Insel von den Barbaren Afrikas geplündert wurde, flüchtete er sich nach Griechenland. Er trat zu Thessalonich ins Kloster zum Erlöser, Fatomus genannt, und wurde zum Priester geweiht. Hierauf begab er sich nach Konstantinopel, wo er lange Zeit in den Klöstern der heiligen Sergius und Bacchus wohnte.

 

Als Kaiser Leo, der Armenier, den Bildern den Krieg erklärt hatte, nahm Joseph die Flucht, und schlug den Weg nach Rom ein. Er wurde aber auf der Reise von den Sarazenen angehalten, und nach Kreta geführt, wo er lange Zeit in einem engen Kerker eingesperrt blieb. In seinem Unfall ließ er den Mut nicht sinken, erflehte durch die Fürbitte des heiligen Nikolaus von Myra den Beistand Gottes, und wurde aus den Händen seiner Feinde gerettet. Bei seiner Rückkehr nach Konstantinopel verschaffte er sich Überbleibsel von mehreren Heiligen, und zog darauf nach Thessalien, wo er an einem entlegenen Ort eine Kirche baute. Da verfasste er hauptsächlich seine Hymnen zum Lob Gottes und der Heiligen, wovon die Griechen mehrere in ihr Offizium aufgenommen haben.

 

Der Eifer, mit dem der heilige Joseph die Ehre der Heiligenbilder verteidigte, zog ihm Verfolgungen von Seiten der Bilderstürmer zu. Er wurde vom Kaiser Theophilus nach dem Chersones verbannt. Als er aber in der Folge wieder zurückberufen worden war, ernannte ihn der heilige Ignatius, Patriarch zu Konstantinopel, zum Scevophylax oder Aufseher der heiligen Gefäße in der großen Kirche der Hauptstadt. Er starb in diesem Amt gegen das Jahr 883. Er steht unter dem 3. und 4. April in den Menologien der Griechen. Man sehe dessen Lebensgeschichte, die sein Freund Johannes, Diakon der Hauptkirche zu Konstantinopel, geschrieben hat. Die Bollandisten haben diese mit Noten begleitet herausgegeben.

 

Man wolle unsern Heiligen nicht verwechseln mit einem andern heiligen Joseph, der ebenfalls Hymnen geschrieben hat, die in den Offizien der griechischen Kirche gesungen werden. Letzterer war Bruder des heiligen Nikolaus Studites. Er starb als Erzbischof zu Thessalonich, und kommt in den griechischen Märtyrerverzeichnissen unterm 1. Juli vor.

 

5. April

 

Die selige Juliana von Lüttich, Nonne,

die Prophetin des Fronleichnamsfestes,

+ 5.4.1258 - Fest: 5. April

 

In ihrem Klösterlein am Fuß des Cornillonberges bei Lüttich kniete eine junge, kaum sechzehnjährige Nonne im Gebet. Da kam mit einem Mal der Geist Gottes über sie. In tiefen Gottesfrieden versenkt, schaute sie ein geheimnisvolles Gesicht: am nächtlich-feierlichen Himmel stand der volle Mond. In wundervollem Silberglanz erstrahlte seine Scheibe. Nur an einer Stelle war ein dunkler Fleck, wie wenn ein Stücklein ausgebrochen wäre oder fehlte. Was das wohl bedeutete? Die Nonne wusste es nicht. Als das Gesicht aber immer wiederkehrte, wurde sie unruhig; sie fürchtete, es könnte gar ein Trugbild des Teufels sein. Zwei Jahre lang flehte sie in heißem Gebet und unter Tränen und ließ auch andere gottinnige Seelen den Himmel bestürmen, dass Gott ihr kundtue, was das Gesicht bedeute.

 

Endlich kam Licht und Lösung in die bange Frage.

 

Christus selbst erklärte seiner Braut, der Vollmond sei ein Bild seiner Kirche. In dem dunklen Stück der Scheibe werde angedeutet, dass im Kreislauf des Kirchenjahres noch ein eigenes Fest zu Ehren des allerheiligsten Altarsakramentes fehle, ein überaus gnadenreiches Fest zu Dank und Sühne. Sie, Juliana, sei berufen, die Einführung dieses Festes in der Kirche anzuregen und zu veranlassen.

 

Die demütige Seele erschrak gewaltig über diesen göttlichen Auftrag. Sie bat und flehte heiß und innig, Gott möge anderen, fähigeren und würdigeren Seelen diese Aufgabe zuweisen. Zwanzig volle Jahre lang wahrte sie, ohne irgendjemand etwas davon zu verraten, im Schreine ihres Herzens dies ihr gottgewordenes Geheimnis, bis endlich nach Gottes Willen die Zeit gekommen war, langsam damit an die Öffentlichkeit zu treten. Doch sollten an die zwanzig weitere Jahre vergehen, bis Juliana die selige Freude erlebte, dass im Jahr 1247 das vom Herrn gewünschte Fest, das hochheilige Fronleichnamsfest, zum ersten Mal, und zwar an der Kollegiatkirche Sankt Martin zu Lüttich, begangen wurde. Wenige Jahre nach ihrem Tod, im Jahr 1264, ordnete Papst Urban IV., der früher Archidiakon in Lüttich gewesen war, die Feier dieses Festes für die ganze Kirche an.

 

Wer war die selige Juliana? Sie, im Jahr 1193 geboren, und ihr ein Jahr älteres Schwesterchen Agnes waren die einzigen Kinder eines frommen, reichen Paares, das seinen Wohnsitz in Retienne, in der Nähe von Lüttich, in Belgien hatte. Als Juliana erst fünf Jahre alt war, starben die Eltern; doch sorgten sie rechtzeitig dafür, dass ihre beiden Lieblinge für Zeit und Ewigkeit in gute Hände kamen: sie gaben sie nämlich zu den Augustinerchorfrauen am Cornillonberg bei Lüttich. In zarter Fürsorge wurden die Kleinen einer erfahrenen Schwester namens Sapientia auf einer nahen Klostermeierei anvertraut. Gesund an Leib und Seele wuchsen sie tüchtig heran, lernten fleißig Latein und halfen den Schwestern wacker in Stall und Feld. Ein besonderes Vergnügen machte es Juliana, die Kühe zu melken und so die Schwestern und deren Kranken im Aussätzigenspital mit Milch zu versorgen. Gleich darauf konnte man das Mädchen bei seinen Lieblingsschriftstellern, über einem großen, alten Pergamentband, dem hl. Kirchenvater Augustinus oder den Erklärungen St. Bernhards zum Hohenlied gebeugt antreffen.

 

Schon damals hatte sie Besuche Auswärtiger, auch wenn es Hochgestellte, Bekannte oder Familienangehörige waren, nicht gern. Da man wusste, das Kind besitze die Gabe außergewöhnlicher Frömmigkeit, versuchten einige Besucher es in ein frommes Gespräch zu verwickeln. Umsonst! „Ich bin ja nur eine Küchenmagd und Dienstmädchen der Schwestern! Was wollt ihr von mir Reden über Gott hören? Ja, ich kann Kühe melken, Hühner füttern und solcherlei tun. Was wollt ihr mehr von mir? Könnt ihr mehr und besser von Gott sprechen, dann bitte erzählt mir von ihm! Ich will euch gerne zuhören. So gebührt sich´s besser!“

 

Umso herzlicher dagegen verkehrte sie mit Kindern und einfachen Leuten. Mit ihnen konnte sie reizend von Gott und dem Heil der Seele plaudern, so wie ein jedes es gerade brauchte. Selbst später, wo sie wegen ihrer Stellung viel mit Adeligen und kirchlichen Würdenträgern zu verkehren hatte, war ihr dieser Verkehr stets eine Pein. Nur aus Nächstenliebe und um Sünden zu verhüten, kam sie zu solchen Unterredungen herbei, tat es aber mit solcher Zurückhaltung und Herzensbeklemmung, dass man es ihr anmerkte, es sei für sie allemal ein wirkliches Fegfeuer.

 

Dies war bei ihr echte, keine angelernte Demut. Als einst eine hochgestellte Person Juliana nach einer ihr von Gott verliehenen Gnade fragte, entfuhr ihr unwillkürlich zur Entschuldigung das Wort, man solle doch so etwas bei ihr nicht vermuten; sie sei ja nur eine große Sünderin. Nun zählte der hohe Herr eine lange Reihe von Sünden und Lastern auf, vor denen Gott in Gnaden seine kleine Braut bewahrt habe. „Und doch,“ erwiderte Juliana, „kann ich ganz gut all dieser Sünden schuldig sein!“ Wie sie das meine? „Ich verspüre nicht so großen Schmerz und solche Herzensangst, wie es derartige Sünden verdienen, durch die Gott beständig beleidigt wird, und deshalb erachte ich mich all dieser Sünden schuldig!“

 

Es ist nicht schwer zu raten, wo solche Reinheit und Demut entsprangen: am Altar. Schon früh bemerkte man bei der kleinen Juliana einen besonderen Zug zur Kirche, zum allerheiligsten Sakrament, zur heiligen Messe. Sichtlich ergoss sich jedes Mal ein Strom von Wonne und Gnaden in das reine Herz der unschuldigen Kleinen. Sie war kaum mehr von der Kirche wegzubringen. Und als sie gar das erforderliche Alter erreicht hatte und das Brot der Reinen in der hl. Kommunion empfangen durfte, kannte ihr Glück und ihre Seligkeit vollends keine Grenzen. Vor lauter Ehrfurcht über die Ankunft des göttlichen Gastes hatte sie sich vorgenommen, zur Vorbereitung eine volle Woche lang in strengem Schweigen zu verharren. Man merkte es ihr auch an, wie ungern sie zu solcher Zeit den Mund zum Sprechen öffnete. Auch sagte sie, es fiele ihr gar nicht schwer, einen ganzen Monat ohne alle leibliche Speise zu bleiben. Hätten die Schwestern es ihr nicht verboten, sie hätte es sicher versucht.

 

Da ihr solche äußere Übungen untersagt waren, schlang sie in umso innigerer bräutlicher Liebe geistigerweise die Arme um den Einziggeliebten ihres Herzens. Und der erwiderte wahrhaft göttlich-freigebig immer mehr mit himmlischen Gaben die Liebe und Treue seiner Braut.

 

Noch ein junges Mädchen, durfte sich Juliana durch die Jungfrauenweihe und die Ordensgelübde ganz dem Dienst Christi weihen. Sie war eine treffliche Klosterfrau. „Von Jugend an,“ bezeugt ihr alter Lebensbeschreiber, „war sie gegen jedermann dienstbereit, leistete freudig Marthadienste und gab sich zu jeder Arbeit her. Hatte sie in Gehorsam und Liebe ihre Arbeit getan, so blieb sie still für sich, lebte ganz ihrem Gott und war so auch eine echte Maria.“

 

Mit Erlaubnis ihrer Obern übte sie strenge Enthaltsamkeit. 38 Jahre genoss sie bis zum Abend in strengem Fasten nicht die geringste Speise und dann auch zum Erbarmen wenig. Ihre Natur war schließlich so an diese Lebensweise gewöhnt, dass der Magen vor der gewohnten Stunde die Aufnahme jeglicher Nahrung verweigerte. Kam es nun vor, dass sie auswärts und auf Reisen aus Rücksicht auf andere oder um peinlichen Erklärungen zu entgehen, doch den Versuch machte, etwas von dem Vorgesetzten zu genießen, so hatte sie dabei ihre liebe Not. Endlos kaute sie den Bissen mit den Zähnen; hinunter brachte sie mit bestem Willen nichts. Wohlweislich hielt sie darum in ähnlichen Fällen immer ein Tüchlein bereit, in den sie unauffällig die Speisereste verschwinden ließ. „Essen, Trinken und Sprechen und dergleichen, woran sonst der Mensch ein besonderes Vergnügen empfindet, seien ihr“, so gestand sie einer Vertrauten einmal, „geradezu eine Last“. Nicht besser stand es um den Schlaf, auf den sie ganz wenig, fast gar keine Zeit zu verwenden brauchte. Die Nächte vor den Hochfesten und den höheren Heiligenfesten verbrachte sie meist oder fast ganz wachend im Gebet und in Beschauung.

 

Überhaupt gewann ihre Frömmigkeit große Kraft im engsten Anschluss an das Kirchenjahr. Christi Geburt und Kindheit begleitete sie mit zartester Liebe und Andacht, und erst sein bitteres Leiden und Sterben entlockte ihrem Herzen die tiefsten Regungen des Mitgefühls und ihren Augen heiße Tränen. Als einst im Chor jenes alte, wundersame Triumphlied des Kreuzes, das „Vexilla regis prodeunt“, „Des Königs Banner wallt voran“, angestimmt wurde, wurde Juliana so in tiefster Seele erschüttert, dass sie vor Leid und Weh laut aufschrie und schleunigst zur Kirche hinausgeführt werden musste. Das Mitleid mit Christi Leiden zehrte von Jahr zu Jahr mehr an ihrem Leben. „Drei Dinge“, bezeugt eine vertraute Mitschwester, „erschöpften von Jugend an ihre Körperkräfte: die auf ihr ruhende Arbeitslast, das beständige Andenken an das Leiden des Herrn und die heftige Sehnsucht und Liebe nach der Vereinigung mit ihrem Schöpfer.“ Wie ergreifend ist, was ihr alter Lebensbeschreiber nach den Angaben der Mitschwestern von den Äußerungen ihrer Frömmigkeit an Christi Himmelfahrt erzählt! Da hielt es Juliana im Haus nicht mehr aus. Mit Gewalt trieb es sie an diesem Tag hinaus ins Freie. Sie musste den Himmel schauen, wohin Christus uns vorangegangen ist. Auch von ihrer Andacht für das Geheimnis der allerheiligsten Dreifaltigkeit und des hochheiligen Altarsakramentes wird uns viel berichtet, ebenso über den Geist der Prophezeiung, wie sie anderen, die schwer versucht, krank oder vom Teufel besessen waren, gar liebevoll und wundersam half, wie sie Reliquienfälschungen aufdeckte und dergleichen mehr...

 

Nur zwei Züge ihres Tugendbildes seien hier noch eigens hervorgehoben, die uns so recht die tiefe Liebe und Leidenschaft ihres Herzens verraten: der erste ist ihre Liebe und kindliche Verehrung zur allerseligsten Jungfrau Maria. Unter den Muttergottesfesten war ihr das liebste Mariä Verkündigung. Sie hatte ein ganz besonders tiefes Verständnis für das Geheimnis der Menschwerdung Christi. Jenen, die ihr näherstanden, teilte sie vertraulich mit, dass es Maria besondere Freude mache, wenn man oft ihre Worte „Siehe, ich bin eine Magd des Herrn“ bete und im Streben und Ringen nach Tugend gebrauche. Jedes Mal werde dadurch die vollkommene Freude, die in der Stunde der Menschwerdung über Maria kam, in ihrem Herzen erneuert. Eine zarte Vorliebe und Andacht hatte Juliana auch für den Hochgesang Mariä, das Magnifikat. Wenn sie es betete, kam oftmals eine Flut von Seligkeit und Wonne über ihre Seele. Sie hatte die fromme Gewohnheit, zu Ehren der neun Monate, während derer die einzigartige Jungfrau (virgo singularis) den Urheber unseres Heils in ihrem Schoß getragen hatte, das Magnifikat neunmal jeden Tag zu beten. Auch andere, die ihr nahestanden, munterte sie zu dieser gnadenreichen Übung auf. Es scheine ihr unmöglich, versicherte sie, dass jemand, der im Stand der Gnade sei, nicht in jedem, das Seelenheil betreffenden Anliegen erhört werde, wenn er so die glorreiche Jungfrau anrufe. Auch bat sie inständig, diese Übung doch überall, besonders in Nonnenklöstern und bei gottgeweihten Jungfrauen zu verbreiten. „Sie kannte aus eigener Erfahrung“, bemerkte der alte Lebensbeschreiber, „welche Vorteile daraus entstünden. Lag ihr doch der geistliche Vorteil aller sehr am Herzen.“ Manch Erbauliches wäre hier noch anzuführen von ihrem tiefen Geistesblick in die Herzensgeheimnisse anderer, wie widerwärtig ihr der Verkehr mit geistesstolzen Menschen war, und welch geheimnisvolle Wonne sie im Gegenteil empfand, wenn sie mit Personen sprach, die von Herzen demütig und mit Gott vereint lebten.

 

Die zweite große, oder besser gesagt, die einzige große Neigung und Leidenschaft ihres Herzens war die Liebe zum allerheiligsten Altarsakrament. Ihm galt all ihre Liebe von Jugend an; aus ihr schöpfte sie auch besonders Kraft im Kampf gegen den Erbfeind der Seelen, der mit glühendem Hass, oft fühlbar und sichtbar, diese auserwählte Braut Christi verfolgte. Wie manch andere Heilige besaß auch Juliana eine Art eucharistischen Spürsinn. Einst machte sie bei ihrer Freundin, der seligen Eva, die als Reklusin (Klausnerin) neben der St. Marienkirche zu Lüttich eingemauert lebte, einen Besuch. Nachdem Juliana ihrer Gewohnheit gemäß, erst den Herrn des Heiligtums im Sakrament zu begrüßen, eine Zeitlang im Gebet auf der Kirchenempore zugebracht hatte, kam sie ganz betrübt zu ihrer Freundin und sagte: „Warum wird der Leib des Herrn nach der Messe in dieser Kirche nicht aufbewahrt? Dies geschieht doch sonst in allen anderen Kirchen!“ So war es in der Tat. Aus irgend einem Grunde war das gerade an diesem Tag unterblieben. Als sie das nächste Mal wiederkam, sagte sie nachher mit fröhlichem Gesicht zur Seligen: „Jetzt ist Eure Kirche wirklich reich begütert, da sie mit dem Leib des Herrn ausgestattet ist.“ Und so war es auch.

 

Werfen wir zum Abschluss dieses Lebensbildes noch einen kurzen Blick auf Julianas äußeren Lebensgang. Auch unsere Gottesbraut musste die ihr von Gott verliehenen außergewöhnlichen Gnadengaben – zu den Höhen der Mystik führt eben kein anderer Weg! – zwischen Disteln und Dornen, auf steilem Kreuzweg, pflücken. Im Jahr 1230 wurde sie zur Vorsteherin und Priorin ihres Klosters gewählt. Schon bald darauf entstand infolge von grundlosen Redereien und Anschuldigungen eine unheilvolle Unruhe, Unzufriedenheit und Aufregung sowohl unter den Nonnen im Kloster, wie unter den Weltleuten in der Stadt. Dazu kam noch, dass der neue geistliche Obere des Klosters, auf unkirchliche, simonistische Weise gewählt, in gehässiger, verleumderischer und gewaltsamer Weise gegen Juliana vorging. Als aller Widerstand nichts mehr nützte, hielt sie es für das beste, dem Unrecht zu weichen. Sie verließ deshalb mit einigen treuen Nonnen das Kloster, wurde aber bald durch ihren Bischof gerechtfertigt und wieder eingesetzt. Unter seinem Nachfolger, einem unwürdigen, weltlich gesinnten Mann, begann für Juliana die Leidenszeit von neuem. Als sogar die blinde Volkswut in einem Aufstand gegen das Kloster und seine heilige Priorin aufgehetzt wurde, verließ Juliana es zum zweiten Mal mit einigen Getreuen. Sie sollte ihr klösterliches Heim nicht mehr wiedersehen. Fortan sollte auch sie, die Braut des zarten Fronleichnams im Tabernakel, auf Erden keine bleibende Wohnstätte mehr haben. Erst versuchte sie, in einigen befreundeten Zisterzienserinnenklöstern, dann bei den Beginen zu Namur, Unterkunft zu finden, und schließlich bei ihrer Freundin, der Zisterzienseräbtissin Imena zu Salzinnes. Doch ein geheimer, fast möchte man sagen, teuflischer Hass und Groll verfolgte die Gottesbraut überallhin und brachte selbst denen, die ihr gastlich Dach und Herberge boten, Unheil und zeitlichen Schaden.

 

Wie froh und dankbar war sie schließlich, als man ihr eine gerade frei gewordene Reklusenklause, die an die Kirche zu Fosses angebaut war, anbot. Dorthin zog sie sich im Jahr 1256 zurück. Einsam und allein verbrachte sie hier bei ihrem Herrn und Meister im Fronleichnam ihre letzten zwei Lebensjahre. Viel Kreuz und Leid hatte sie ihr Leben lang erduldet, „viele und schwere Krankheiten, Unbilden, Widerwärtigkeiten und Verfolgungen aller Art; doch in all dem hatte sie sich stets gar sanft (suaviter) und stark (fortiter) erwiesen.“ Jetzt kamen neue körperliche Leiden und Schmerzen und warfen sie aufs Krankenlager. Mit rührender Frömmigkeit und Geduld ertrug sie alles.

 

So nahte der letzte Tag. Ihre treue Freundin, die Äbtissin Imena, war herbeigeeilt und stand am Sterbelager. Da es nicht mehr möglich war, Juliana den Leib des Herrn zu reichen, glaubte die Äbtissin, der sterbenden Heiligen einen großen Trost zu bereiten, indem sie den Vorschlag machte, man solle den heiligen Fronleichnam wenigstens in der Pyxis herbeiholen, damit sie ihrem Herrn und Heiland sich ein letztes Mal empfehlen könne. Doch wie erstaunten die Umstehenden, als Juliana das Anerbieten ernst und ruhig ablehnte: „Nein, meine Herrin! Das wäre Anmaßung!“ – ein Wort, das nur von tiefster, echter Demut eingegeben war, denn sie hielt es für geziemend, dass nicht ihr Herr und Heiland zu ihr, sondern vielmehr sie zu ihm komme. Doch die Äbtissin gab sich noch nicht zu rasch besiegt. Sie drängte die sterbende Freundin und versuchte sie mit allen Mitteln zu überzeugen, wie gnadenreich und tröstlich es sei, ihn, den sie in dieser Welt nicht mehr sehen werde, jetzt noch einmal als Erlöser zu schauen. Auch eine der Nonnen redete ihr vertraulich zu, sich doch dem Wunsch und Willen der Äbtissin zu fügen. Da stimmte sie zu.

 

Der Priester bekleidete sich also mit weißer Albe und Stola und holte das heiligste Sakrament herbei. Als Juliana das Glöcklein hörte, das man läutete, wenn ein Krankes die Kommunion empfing, flammte noch einmal die Lebenskraft und ihre ganze, heiße Liebe in ihr auf. Mit einem festen Ruck richtete sich die Sterbende von ihrem Lager auf und erwartete sitzend den göttlichen Gast. Der Priester kam, enthüllte das heilige Gefäß, entnahm ihm ehrfurchtsvoll eine heilige Hostie, zeigte sie der sterbenden Heiligen und sprach: „Seht da, Herrin, Euren Heiland, der sich herabgelassen hat, für Euch geboren zu werden und zu sterben. Bittet ihn, er möge Euch vor Euren Feinden behüten und Euer Führer sein!“ Da richtete Juliana ein letztes Mal fest und gläubig den Blick auf den, der ihr im Sakrament gezeigt wurde, und sagte: „Amen!“

 

Weiter sprach sie nichts mehr, lehnte ihr Haupt aufs Lager zurück und verschied – es war am 5. April im Jahr des Heils 1258.

 

„Bitte jetzt, glückselige Jungfrau“, schließt ihr alter Lebensbeschreiber – es soll auch unser Schlussgebet sein – „bitte deinen geliebten Bräutigam, dass er meine Schritte auf seinen Pfaden bewahre, auf dass meine Schritte im Glück wie im Unglück nicht wanken, und dass auch ich, auf dem Weg seiner Gebote gehend, von Tugend zu Tugend fortschreite. Amen.“

 

Die heilige Kreszentia von Kaufbeuren, Nonne, Oberin,

+ 5. April 1744 – Fest: 5. April

 

„Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhebt die Demütigen. Siehe, er hat herabgesehen auf die Niedrigkeit seiner Magd!“ So pries die demütigste und begnadete aller Jungfrauen ihr Glück, zur Würde der Gottesmutter erhoben zu sein. Wie wir es bei der allerseligsten Jungfrau sehen, erwählt der weise Ratschluss Gottes gar oft aus dem niedrigsten Stand Personen, um sie mit außerordentlichen Gnaden zu erfüllen und sie in seinem Reich hoch zu stellen. Eine dieser hochbegnadeten und hochangesehenen war die heilige Kreszentia.

 

Sie war die Tochter eines armen Leiwebers, Matthias Höß, in Kaufbeuren, und doch verkehrten mit ihr die gekrönten Häupter. Die Kaiserin Amalia, die Brüder des Kaisers, die Herzogin von Savoyen, der Kurfürst von Köln, die fürstliche Familie von Sigmaringen, die Kirchenfürsten von Salzburg und Augsburg, der Kurfürst von Sachsen und die königliche Familie von Polen unterhielten einen fortwährenden Schriftwechsel mit der Weberstochter und reisten zu ihr hin. Noch heute hat ihr Name in Schwaben und allen deutschen Ländern guten Klang und zahlreiche Scharen pilgern zu ihrem Grab.

 

Maria Kreszentia wurde am 20. Oktober 1682 von sehr armen, aber auch sehr frommen Eltern geboren und zeigte schon als Kind eine außerordentliche Vorliebe für das Gebet und fromme Übungen. Oft fand man die Kleine in einem Winkel des Hauses auf den Knien betend, manchmal litt sie Hunger und Durst oder nahm etwas Bitteres in den Mund aus Liebe zum Heiland, der mit Essig und Galle getränkt wurde.

 

Zur jungen Frau herangewachsen, hegte sie keinen sehnlicheren Wunsch, als in das Frauenkloster zu Kaufbeuren einzutreten, indes konnte sie wegen ihrer Armut nicht aufgenommen werden, weil die Vermögensverhältnisse des Klosters sehr zerrüttet waren. Dennoch besuchte sie gern das Kloster und betete vor dem Kruzifix im Gang mit tiefer Inbrunst. Einst war es ihr, als ob sie vom Kreuz deutlich die Worte hörte: „Hier wird deine Wohnung sein.“ Aber alle ihre Bitten um Aufnahme fanden keine Erhörung.

 

Schon war Kreszentia 22 Jahre alt und noch immer zeigte sich keine Aussicht, dass sich ihr sehnlichstes Verlangen jemals erfüllen werde, aber Gottes Vorsehung schaffte Rat. Neben dem Kloster stand ein Wirtshaus, wo von Gästen Tag und Nacht viel gelärmt wurde, so dass die Klosterfrauen in ihrer Andacht und nächtlichen Ruhe fortwährend gestört wurden. Gern hätte das Kloster das Wirtshaus gekauft, aber es konnte die Kaufsumme nicht erschwingen. Da brachte es der Bürgermeister Matthias Wörle durch seinen Einfluss dahin, dass der Wirt für eine geringe Summe seine Wohnung dem Kloster überließ. Zugleich bat er die dankbaren Klosterfrauen, sie möchten Kreszentia aufnehmen, indem er die Worte hinzufügte: „Es wäre schade, wenn solch ein Engel in der Welt verdorben würde.“

 

Kreszentia trat nun im Jahr 1704 in das Frauenkloster vom Dritten Orden des heiligen Franziskus, aber man ließ sie im Kloster fühlen, dass sie kein Vermögen mitgebracht habe, selbst die Dienstboten nannten sie manchmal ein Bettelmädchen. Die demütige Jungfrau ertrug alle Schmähungen mit himmlischer Geduld, unterdrückte jeden hochmütigen Gedanken und betete für ihre Beleidiger. Anfangs erhielt Kreszentia eine eigene Zelle, als aber eine Novizin kam, die Vermögen mitbrachte, musste sie ihre Zelle abtreten und täglich die eine oder andere Klosterfrau bitten, dass sie in ihrer Zelle auf dem Boden übernachten dürfe. Später wurde ihr ein dunkler, feuchter Winkel zur Schlafstelle angewiesen.

 

In ihrem Noviziat musste Kreszentia die niedrigsten Dienste verrichten und wurde wegen ihrer Frömmigkeit oft noch als Heuchlerin gescholten. Nach ihrem Probejahr wurde sie als Pförtnerin angestellt, später musste sie die Küche besorgen. Bald sahen jedoch die Mitschwestern ein, dass sie der tiefreligiösen Kreszentia Unrecht getan hatten, sie bereuten ihr liebloses Benehmen und wählten sie einstimmig zur Vorsteherin des Klosters, sie nahm in ihrer Demut diese Würde jedoch erst an, als sie vermöge des Gehorsams vom Kirchenoberen dazu verpflichtet wurde.

 

In ihrer Würde verdoppelte Kreszentia ihr eifriges Streben nach Vollkommenheit. Sie pflegte zu sagen: „Wenn ich nur einen Tropfen Blut oder eine Faser an mir wüsste, die Gott nicht liebte, so müsste ich sie herausreißen.“ Wenn sie andere sagen hörte, es sei genug, wenn man sich von Sünden enthalte, dieses oder jenes gute Werk brauche man nicht zu tun, dann vergoss sie bittere Tränen. Sie flehte zu Gott, er möge ihr lieber alle Krankheiten des Leibes, Geistesdürre und Kreuz und Leiden schicken, als dass er sie in eine Sünde fallen lasse. Wo sie Gelegenheit fand, anderen Gutes zu tun, freute sie sich königlich. Besonders liebte sie jene, die sie verachtet und Verspottet hatten. Hörte sie jemand über die Fehler der Mitmenschen sprechen, so verteidigte sie die Abwesenden mit aller Entschiedenheit. Eine besondere Fürsorge hegte sie zu den Kranken und sie scheute sich nicht, die ekelhaftesten Geschwüre auszusaugen. Bei Tisch begnügte sie sich mit Suppe und gab ihren übrigen Anteil den Armen. Um Mitternacht pflegte sie aufzustehen und ihre Andacht zu verrichten, und die Glut ihrer Andacht ließ sie die bitterste Winterkälte nicht fühlen. Ihre Seele versenkte sich so tief in das Leiden Christi, dass allmählich die Wirkung davon auf ihren Leib überging. An jedem Freitag von 9 Uhr bis nachmittags 3 Uhr litt sie unsägliche Schmerzen und zur Zeit der Sterbestunde Christi fiel sie oft in Ohnmacht.

 

Ihren Leib kasteite Kreszentia in vielfacher Weise. In ihren letzten Lebensjahren genoss sie mittags nur etwas Suppe und Gemüse, abends nichts. Sie schlief nur drei Stunden und zwar auf einem Brett, die übrige Zeit widmete sie frommen Übungen. Ihre Demut ließ den jüngeren Klosterfrauen den Vorrang und verrichtete selbst die niedrigsten Hausgeschäfte. Musste sie eine Rüge erteilen, so bat sie vorher die Schuldige um Vergebung. Noch über ihr Kloster hinaus ging ihre segensreiche Wirksamkeit, indem sie Feinde miteinander versöhnte, Frieden in entzweiten Familien stiftete, verhärtete Gewohnheitssünder bekehrte.

 

Reich an Verdiensten und Tugenden, hochverehrt und geliebt von allen, die sie kannten, starb Kreszentia gottselig und im Ruf der Heiligkeit in der Nacht vom 4. Auf den 5. April 1744. Papst Pius VII. erklärte sie in einem Breve vom 2. August 1801 selig. Papst Johannes Paul II. sprach Kreszentia von Kaufbeuren am 25. November 2001 heilig.

 

Die heilige Katharina Thomas, Jungfrau und Nonne zu Palma,

+ 5.4.1574 - Fest: 5. April

 

Zu der Zeit, als eine der berühmtesten Heiligen, die heilige Theresia, in Spanien lebte, war auch eine Insel des spanischen Gebietes, Mallorca, mit einer heiligmäßigen Frau gesegnet. Es wohnte dort ein Ehepaar von adeliger Abstammung, namens Thomas, dessen kleine Tochter Katharina hieß. Neben ungewöhnlicher Schönheit zeigte Katharina in frühester Jugend schon einen großen Lebensernst; sie hatte keine Freude an den jugendlichen Spielen und Vergnügungen, insbesondere wollte sie niemals vom Tanz etwas wissen. Wenn sie befürchtete, dass man sie zu solchen weltlichen Vergnügungen nötigen wollte, verbarg sie sich zuweilen. Dafür zeigte sie schon in der Kindheit den Geist des Gebetes und der Abtötung, betete täglich den Rosenkranz und suchte jede Gelegenheit auf, das Wort Gottes zu hören.

 

Da Katharina schon mit ihrem siebenten Jahr beide Eltern verloren hatte, da nahm ihr Onkel mütterlicherseits die Waise zu sich. Er war Landwirt und ein herrischer strenger Mann, der keinen Widerspruch und keine Abweichung von seinen Anordnungen duldete. Das fromme Mädchen konnte hier nicht, wie sie es einst zu Hause gewöhnt war, nach ihrer Neigung viel Zeit zum Gebet verwenden und oft in die Kirche gehen; selbst an Festtagen war es manchmal schwierig für sie, in den Gottesdienst zu kommen. Da Katharina diese misslichen Verhältnisse nicht ändern konnte, so verschaffte sie sich dadurch einigen Ersatz, dass sie während der Arbeit im Geist viel betete und religiöse Wahrheiten betrachtete. In gleicher Weise verwandte sie ihre Ruhestunden und einen Teil der Nacht zum Gebet, indem sie sich vom Schlaf Abbruch tat.

 

Katharina wurde manchmal von ihrem Oheim und dessen Frau, sowie auch von den Dienstboten der Heuchelei beschuldigt und eine Betschwester geschimpft. Auch heutzutage werden oft Personen, die mit einem christlichen Leben wahrhaft ernst machen, „Betschwestern“ genannt; hingegen gibt es auch eine Art von Frömmigkeit, die allerdings nur „Betschwesterei“ ist und weder aus Gott kommt, noch zu Gott führt. In dem Leben der seligen Katharina lässt sich der Unterschied deutlich zeigen.

 

Manche Personen beten viel, gehen viel in die Kirche und auf Wallfahrten, arbeiten aber nicht gerne und vernachlässigen selbst ihre Berufspflichten. Dies ist „Betschwesterei“. Auch gegen Katharina hatte ihr Vetter den Verdacht, dass sie des Betens wegen ihren Dienst vernachlässige. Er bemerkte aus der Ferne, dass sie bei der Herde, die sie hüten musste, längere Zeit hindurch ganz unbeweglich war. Er glaubte daher, sie bewache die Herde nicht und lief hinzu, um sie wegen ihrer Fahrlässigkeit zu schlagen; aber er fand alles in der besten Ordnung, so dass er der frommen Hirtin nicht einmal einen Beweis geben konnte. Sie gab sich allerdings der Andacht hin, während sie das Vieh hüten musste, aber stets in der Art, dass sie dabei doch sorgfältig Aufsicht hielt. Weil sie aber auch mit anderer Arbeit oft unmenschlich überladen wurde, so strengte sie alle Kräfte an, um vollständig ihre Pflicht tun zu können.

 

Katharina hatte vieles zu dulden, tat aber selbst niemanden etwas zu leide. Wie Feuerfunken in die kühle Flut des Sees fallen und ablöschen, so zündete keine Beleidingung ihre edle Seele zu Zorn oder Gehässigkeit an. Ihre weltlich gesinnte Base machte ihr oft die bittersten Vorwürfe, dass sie sich nicht hübscher kleide. Einmal ließ sich Katharina, um Verdruss zu vermeiden, einigen Schmuck aufdrängen; als sie aber zu heiligen Kommunion ging, legte sie ihn wieder ab und rührte ihn nicht mehr an. Als sie nach Hause kam, goss ihre leidenschaftliche Base Schimpf und Schande über das fromme Mädchen aus. Katharina aber zeigte sich innerlich geschmückt und gewaffnet mit dem blanken Schild christlicher Geduld und des Stillschweigens. So musste sie auch von ihrem unfreundlichen Oheim vieles erdulden; wie die meisten Weltmenschen sich ärgern, wenn jemand eifrig in der Religion ist, so beschimpfte und verspottete er öfters die fromme junge Frau oder verbot es ihr gar, wenn sie in den Gottesdienst oder zur Beiche wollte. Selbst von den Dienstboten im Haus erfuhr sie deshalb manche Kränkungen und böse Reden, so als sei ihre Frömmigkeit nur Verstellung. Aber Katharina zeigte darüber weder Trotz noch Empfindlichkeit, ja sie freute sich sogar, dass sie um der Religion willen auch etwas leiden durfte.

 

Katharina war trotz allem oft sehr unzufrieden mit sich selbst und hielt sich für eine undankbare, nachlässige, ungetreue Dienerin Gottes, die nicht verdiene, so viele Gnaden zu genießen. Dies waren aber bei ihr nicht etwa demütige Redensarten, sondern sie fühlte sich manchmal sehr beunruhigt und geängstigt bezüglich ihres Seelenheils. Ganz ähnlich findet sich das auch im Leben des heiligen Alfons M. Liguori, dessen Tag gestern war. Er hatte nicht nur Zeiten, in denen sich seine Seele ganz trocken und freudlos dem Glauben gegenüber fühlte, sondern in denen er auch schwer von Versuchungen und Verängstigungen angefochten wurde. Als ihm einmal wieder besonders bange war wegen seines Seelenheiles und ihn jemand trösten wollte, er habe sich nicht zu fürchten, er habe ja so viele gute Werke getan, da antwortete der Heilige: „Welche guten Werke? Meine einzige Hoffnung ist Jesus Christus, und nach ihm Maria.“

 

Katharina trat später in ein Kloster ein; als man hier aber ihre ungewöhnliche Tugend wahrnahm und ihr deshalb viel Hochachtung entgegenbrachte, war ihrer wahren Demut dies ganz unerträglich. Wie eine „Betschwester“ sich verstellt, um sich Hochachtung zu erwerben, so verstellte sich Katharina, um die Hochachtung von sich abzuwenden und sich verächtlich zu machen. Sie redete ganz bäuerlich, benahm sich einfältig und unverständig, wie wenn sie eine ganz ungebildete Person von geringem Stand wäre. Als ihr eine Schwester im Kloster einmal sagte, Katharina tauge zu nichts und könne dem Haus niemals nützlich sein, entschuldigte sie sich nicht dafür; ja sie fühlte sich nicht einmal betrübt, sondern dankte der unfreundlichen Schwester für den erhaltenen Verweis. Sie bat überhaupt selbst noch die anderen um Zurechtweisung, wenn sie Fehler machen würde oder ihre Pflichten vernachlässige.

 

Manch ein Christ redet gern von seinen bedeutsamen Träumen, von Einsprechungen des Heiligen Geistes, von Visionen oder wie er Erscheinungen hatte, innerlich eine Stimme vernommen habe, die ihn zu dem und jenem aufforderte. Er hat überhaupt mehr Verlangen nach Wunderdingen mancher Heiligen, als nach deren stillen Tugenden. Katharina hatte ganz besondere Anfechtungen vom bösen Feind zu bestehen, wurde aber auch mit himmlischen Entzückungen und Offenbarungen getröstet. Aber sie wandte die größte Sorgfalt an, so viel als möglich so etwas vor den Schwestern zu verbergen, denn sie trug eine Scheu vor dem, wonach manch einer ein Verlangen hat, nämlich als etwas Außerordentliches zu erscheinen.

 

Manch einer befiehlt lieber, als dass er gehorcht: Er gehorcht oft nicht einmal dem Beichtvater, den Eltern oder Vorgesetzten, selbst da wo diese etwas Berechtigtes fordern. Die selige Katharina hingegen kam dem geringsten Wunsch ihrer Oberin mit größter Aufmerksamkeit und Treue nach. Als sie später so gebrechlich war, dass sie von allen Hausdiensten dispensiert war, dispensierte sie sich selber nicht. Wenn das Zeichen der Glocke gegeben wurde, stützte sie sich auf der einen Seite auf den Stock, auf der anderen Seite hielt sie sich an der Wand und schleppte sich auf diese Art an den Platz, wo sie in gesunden Tagen ihren Dienst zu verrichten hatte. Da man sie aber wegen ihrer außerordentlichen Tugenden und Verdienste zur Oberin wählte, gab sie sich die größte Mühe, dem Bischof zu zeigen, wie sie ganz unfähig und unwürdig für diese Stelle sei, bis der Bischof selbst eine neue Wahl anordnete.

 

Katharina sagte selbst den Tag ihres Todes voraus, was auch genau eintraf. Bei dem Herannahen ihrer Sterbestunde, nachdem sie die heiligen Sakramente empfangen hatte, ließ sie noch alle Schwestern zu sich kommen, bat sie um Verzeihung, tröstete und ermahnte sie. Dann ließ sie sich den 30. Psalm vorlesen:

 

„Auf dich, o Herr, habe ich gehofft, ich werde auf ewig nicht zu Schanden werden. Durch deine Gerechtigkeit rette mich.

Neige dein Ohr zu mir und eile mich zu retten. Sei mir ein Schutzgott, ein Haus der Zuflucht, mir zu helfen.

Denn du bist meine Stärke, meine Zuflucht bist du; um deines Namens willen führe mich und erhalte mich.

Hilf mir heraus aus dem Netz, das sie mir gelegt haben; denn du bist mein Schutzherr.

In deine Hände empfehle ich meinen Geist: du hast mich erlöst, ewiger, treuer Gott.“

 

Bei diesen Worten starb sie am 5. April 1574.

 

Der heilige Vinzenz Ferrer von Valencia,

spanischer Priester und Bekenner aus dem Orden des hl. Dominikus,

+ 5.4.1419 – Fest: 5. April

 

Der heilige Vinzenz Ferrerius erblickte das Tageslicht zu Valencia in Spanien, am 23. Januar. Sein Vater und seine Mutter waren durch ihre Frömmigkeit und Liebe gegenüber den Armen ausgezeichnete Eheleute. Sie verteilten als Almosen, was sie am Ende eines jeden Jahres von ihren Einkünften noch erübrigten. Der Himmel segnete ihre Ehestand mit Kindern, auf die sich ihre Tugenden vererbten. Zwei von ihnen, Bonifatius und Vinzentius, waren große Kirchenlichter. Der erste starb als Karthäusergeneral, der zweite entfaltete von Kindheit auf glückliche Anlagen. Frühe schon hatte er die Gewohnheit angenommen, alle Mittwoche und Freitage zu fasten, um seine Leidenschaften desto sicherer zu bemeistern. Er hatte eine zärtliche Andacht zum leidenden Jesus und zur allerheiligsten Jungfrau, die er immer als seine Mutter verehrte. In den Armen erkannte er die Gliedmaßen Jesu Christi, und bezeigte ihnen die herzlichste Liebe: dies veranlasste seine Eltern, durch ihn Almosen auszuspenden.

 

Im 12. Lebensjahr schon betrat der heilige Vinzenz seine philosophische Laufbahn, und als er sich dem Studium der Theologie ergab, war er noch keine 15. Jahre. In diesen beiden Wissenschaften machte er so schnelle Fortschritte, dass er in einem Alter, wo man noch der Lehrmeister bedarf, schon öffentliche Vorlesungen hätte halten können. Nachdem er seine Studien beendigt hatte, ließ ihm seine Familie die Freiheit, sich nach Wohlgefallen einen Stand zu wählen. Er entschloss sich für das Klosterleben, und nahm das Ordenskleid bei den Dominikanern an, zu Valencia 1374. Da er den Entschluss gefasst hatte, dem heiligen Dominikus in allem nachzuahmen, war er bald ein vollendeter Mann in den Wegen der Vollkommenheit, und um sich in Stand zu setzen, den Zweck seines Ordens zu erreichen, verband er mit dem Gebet und den Abtötungen das Studium der göttlichen Schriften, wie auch das Lesen der Werke unserer Kirchenväter.

 

Kurz darauf, nachdem er seine Klostergelübde abgelegt hatte, wurde er von seinen Obern auf den Lehrstuhl der Philosophie erhoben, welchem Amt er auch mit großem Erfolg vorstand. Nach Beendigung seines Kurses gab er seine Tatkraft von den dialektischen Suppositionen heraus, da er noch nicht sein 24. Lebensjahr erreicht hatte. Man schickte ihn hierauf nach Barcelona, wo er dieselbe Stelle bekleidete. Das Studium der Scholastik verschlang aber nicht alle seine Stunden. Er erübrigte noch Zeit, um das Wort Gottes vorzutragen. Seine Predigten brachten die schönsten Früchte hervor, besonders während einer Hungersnot, womit die Stadt Barcelona heimgesucht wurde. Er weissagte den Einwohnern die Ankunft von zwei mit Früchten beladenen Schiffen, und der Erfolg bewährte die Prophezeiung, als man am wenigsten auf Beistand hoffte. Dieser Umstand steigerte nicht wenig die Gefühle der Hochachtung, die man ohnehin schon für ihn hatte.

 

Von Barcelona wurde der Heilige nach Catalonien auf die berühmte Universität Lerida geschickt, wo er das Studium der Scholastik und die Übungen des Priesteramtes allzeit mit demselben Erfolg fortsetzte: er erhielt in dieser Stadt im Jahr 1384 den Doktorhut von der Hand Kardinals Peter von Luna, Gesandten des Papstes Klemens VII. Auf Verlangen des Bischofs, der Geistlichkeit und des Volkes von Valencia, musste er dann wieder in sein Vaterland zurückkehren, wo er hierauf die heiligen Schriften erklärte und mit außerordentlichem Ruhm das Predigtamt bekleidete. Da er in allem aus reinsten Beweggründen handelte, segnete der Himmel alle seine Amtsverrichtungen, und jedermann ehrte ihn als einen vollkommenen Diener Gottes.

 

Um seine Tugend jedoch zu prüfen, ließ Gott zu, dass er von den heftigsten Versuchungen wider die Reinheit angefochten wurde. Der böse Feind stellte seiner Einbildungskraft tausend verabscheuungswürdige Bilder dar, wo nicht um ihn zu verführen, doch wenigstens um ihn zu verwirren und zu zerstreuen. Eine Frau, die von sündhafter Leidenschaft gegen den Heiligen entflammt wurde, stellte sich krank, und ließ Vinzenz zu sich rufen, unter dem Vorwand, sie wolle ihm beichten. Als sie ihn allein in ihrem Zimmer sah, erklärte sie ihm ihre Absicht, und wandte alle möglichen Mittel an, um ihn für ihre Begierde zu gewinnen. Der Heilige aber, wie ein zweiter Joseph, nahm die Flucht, und erwiderte nicht ein einziges Wort. Die Frau, über dieses Misslingen ganz in Wut gebracht, spielte nun die unverschämte Rolle der Frau Putiphars, und nahm ihre Zuflucht zur Verleumdung: da aber dieser Kunstgriff keineswegs ihrer Erwartung entsprechen wollte, gestand sie endlich selbst ihren Frevel, und tat eine öffentliche Abbitte, um sich von den Gewissensbissen, die sie jämmerlich quälten, zu befreien. Der Heilige verzieh ihr gerne, und heilte sie sogar von inneren Schmerzen, mit denen sie Gott, zur Strafe ihres Verbrechens, heimgesucht hatte.

 

Die Waffen, die der heilige Vinzenz gegen die Angriffe des Satans führte, waren: Gebet, Abtötung, strenge Wachsamkeit über alle seine Sinne, und große Sorgfalt, die ersten Regungen der Begierlichkeit zu ersticken.

 

Sein Herz war allzeit in Gott vertieft, so dass seine Studien, seine Arbeiten und überhaupt alle seine Handlungen ein beständiges Gebet wurden. Er fand sich durch diese Übung so beglückt, dass er sie allen Christen anempfahl. Lasst uns ihn selbst hören, wie er sich ausdrückt in seiner Abhandlung über das geistliche Leben, wo er jenen, die den Wissenschaften obliegen, überaus wichtige Lehren gibt. „Willst du auf eine dir ersprießliche Weise lernen, wohlan, so soll die Andacht immer deiner Studien treue Gefährtin sein, und deine Absicht immer dahingehen, die Geschicklichkeit zur Heiligung deiner Seele zu erlangen. Berate dich mehr mit Gott als mit deinen Büchern, und begehre demütig von ihm die Gnade, das zu verstehen, was du liest. Das Studium ermüdet den Geist und verdörrt das Herz. Belebe beide von Zeit zu Zeit am Fuß deines gekreuzigten Heilands. Einige Augenblicke der Ruhe in dessen geheiligten Wunden gewähren neue Kräfte und neues Licht. Unterbreche deine Arbeit durch jene kurzen und feurigen Gebete, die man Stoßgebetlein nennt. Mit dem Gebet soll endlich deine Arbeit beginnen und sich beschließen. Die Wissenschaft ist eine Gabe des Vaters der Lichter. Sie also dieselbe nicht an als das eigene Werk deines Verstandes und deiner Fähigkeiten.“ Der Heilige verfertigte daher immerhin, diesen Grundsätzen getreu, seine Predigten am Fuß des Kreuzes. Da erflehte er vom Erlöser die Einsicht seines Gesetzes, und bereitete sich, durch das Andenken der Leiden des Gottmenschen vor, seinen Zuhörern die Gefühle der Liebe und der Zerknirschung einzuflößen. Er brachte zu Valencia sechs Jahre in beständiger Übung seines apostolischen Amtes zu. Wenn er vom bösen Feind und fleischlichen Menschen viel zu leiden hatte, so genoss er desto höhere Achtung bei Personen, die das Verdienst und die Tugend zu schätzen wussten.

 

Kardinal Peter von Luna, Gesandter des Papstes Klemens VII. am spanischen Hof, erhielt den Ruf nach Frankreich zu Karl VI. in derselben Eigenschaft. Als er 1390 nach Valencia kam, wollte er, dass ihn der Heilige, zur Ehre seiner neuen Gesandtschaft, begleitete. Während der Kardinal, allzusehr dem Geist der Welt nachhangend, sich mit Politik beschäftigte, arbeitete Vinzenz an der Bekehrung der Sünder. Sein Eifer brachte in Frankreich weniger Früchte hervor als früher in Spanien. Als der Kardinal zu Anfang des Jahres 1394 nach Avignon zurückgekehrt war, lud er den Heiligen ein, ihm in diese Stadt, wo Klemens VII. sich aufhielt, zu folgen: er lehnte aber diesen Antrag ab, und schlug wieder den Weg nach Valencia ein.

 

Nachdem Klemens VII. in demselben Jahr zu Avignon, während der großen Spaltung, gestorben war, wurde der Kardinal Peter von Luna von den Spaniern und Franzosen als Papst erwählt, und nahm den Namen Benedikt XIII. an. Unmittelbar nach seiner Ernennung, berief er Vinzenz nach Avignon.

 

Der Heilige, betrübt über die Kirchenspaltung, bemühte sich, Benedikt dahin zu vermögen, dass er derselben ein Ende mache. Er erhielt von ihm schöne Versprechungen, die aber nicht ausgeführt wurden, indem der Ehrgeiz verschiedene beschönigenden Vorwände ausfindig zu machen wusste. Durch seine gewohnten Amtsverrichtungen brachte er es aber wenigstens dahin, dass er durch seine Beispiele und Reden die Kirche von Avignon gänzlich umgestaltete. Zu seiner Wohnung wählte er sich ein Kloster seines Ordens, um ein desto abgeschiedeneres und seinem Stand angemesseneres Leben führen zu können. Umsonst bot ihm Benedikt Bistümer und den Kardinalshut an, er wollte niemals eine hohe geistliche Würde annehmen. Das Einzige, was er nach Verlauf von 18 Monaten begehrte, war, dass er als apostolischer Missionar gewählt werden möchte. Man war von dessen Heiligkeit so überzeugt, dass man geglaubt hätte, durch Nichtgenehmigung dieser Bitte sich dem Himmel selbst zu widersetzen. Was er daher begehrte, wurde ihm bewilligt. Benedikt gab ihm seinen Segen als apostolischen Missionar, und sogar die Titel eines Legaten und Vikars des heiligen Stuhles.

 

Vinzenz reiste noch vor Ende des Jahres 1398 von Avignon ab, um in sein Vaterland zurückzukehren. Er predigte in allen Provinzen Spaniens, ausgenommen in Galicien. Diejenigen, die ihn einmal gehört hatten, folgten ihm scharenweise nach, um an den Orten, wo er predigten sollte, noch einmal Worte des Heils aus seinem Mund zu vernehmen. Die Wucherer, die Gotteslästerer, sündige Menschen aller Art, die verhärtetsten Übeltäter, konnten dem Strom seiner Rede nicht widerstehen: sie beweinten ihre Verirrungen und taten Buße. Unter den Bekehrten zählte man eine sehr große Menge Juden, Mohammedaner, Ketzer und Schismatiker. Der Heilige ging hierauf nach Frankreich, und verweilte eine Zeitlang in den Provinzen Languedoc, Provence und Dauphine. Von da setzte er über die Alpen, und durchwanderte Genua, die Lombardei, Piemont und Savoyen: er predigte auch in Deutschland in den Gegenden des Oberrheins und in Flandern.

 

Man hielt ihn für einen von Gott erweckten Mann, da man allenthalben, wo er Missionen hielt, unter seinen Tritten so reiche und so kostbare Früchte aufsprossen sah. Heinrich IV., König von England, schrieb ihm durch einen Edelmann einen überaus ehrfurchtsvollen Brief, um ihn in sein Königreich einzuladen. Er ließ ihn durch eines seiner Schiffe an den französischen Gestaden abholen, und empfing ihn mit allen erdenklichen Ehrenbezeigungen. Der Heilige, nachdem er dem Monarchen einige Mahnungen sowohl in Beziehung auf sich selbst, als auf dessen Untertanen, gegeben hatte, begann seine Missionen in den vorzüglichsten Städten Englands, Schottlands und Irlands. Er kam darauf wieder nach Frankreich zurück, wo sich seinem Eifer ein Wirkungskreis von der Picardie bis nach Gascogne eröffnet hatte.

 

Unwissenheit und Sittenverderbnis, die gewöhnlichen Folgen des Krieges und der Spaltung, machten damals die Missionen des heiligen Vinzenz notwendig. Es bedurfte eines Apostels, dessen Donnerstimme die Gewissen schrecken konnte, um die Sünder ihren Lastern zu entreißen: daher predigte der Heilige die furchtbarsten Wahrheiten des Christentums, als: die Sünde, die göttlichen Gerichte, die Hölle, die Ewigkeit. Er hatte ohnehin die Gabe, seine Predigten in einem feierlich erschütternden Ton vorzutragen. Als er eines Tages zu Toulouse predigte, wurden alle seine Zuhörer von einem durchbebenden Schauder ergriffen. Mehrere aus den Anwesenden fielen öfters in eine Art Ohnmacht, und er musste zuweilen einhalten, damit die Versammlung dem Schluchzen und Seufzen freien Lauf lassen konnte. Es war ihm nicht genug, hinreißend zu sein. Er redete auch noch auf eine der Fassungskraft seiner Zuhörer angemessene Weise, und stützte alles, was er sagte, auf unerschütterliche und lichtvolle Vernunftschlüsse, auf das Ansehen der Schrift und der Väter, in deren Lehre er vollkommen eingeweiht war. Die Heiligkeit seines Lebens, verbunden mit der Wundergabe, verlieh seinen Worten noch neue Kraft. Unter anderen Wundern, die er wirkte, erbetete er in Catalonien einem gewissen Johannes Soler den Gebrauch der Glieder, dessen Heilung die Ärzte für unmöglich erklärt hatten. Als nachher Soler sich durch große Verdienste auszeichnete, wurde er auf den bischöflichen Stuhl von Barcelona erhoben.

 

Vinzenz führte ein sehr strenges Leben, seiner immerwährenden Reisen und der Mühseligkeiten ungeachtet, die damit notwendigerweise verbunden waren. Niemals aß er Fleisch; er fastete alle Tage, den Sonntag ausgenommen. An den Mittwochen und Freitagen bestand seine ganze Nahrung in Wasser und Brot, das er 40 volle Jahre beobachtete. Er schlief auf bloßem Stroh oder Rebholz. Einen großen Teil des Tages brachte er im Beichtstuhl zu, wo er das, was er auf der Kanzel begonnen hatte, vollendete. Er hatte in seinen Amtsverrichtungen 5 Gehilfen seines Ordens und einige andere eifrige Priester. Seine Uneigennützigkeit war über alle Begriffe. Er bewog mehrere Personen, ihre Güter für die Armen hinzugeben. Niemals aber wollte er etwas für sich selbst annehmen. Nicht minder bewunderungswürdig war sein Bestreben, immerhin die Demut in seinem Herzen zu unterhalten. Er schlug allzeit mit unabänderlicher Standhaftigkeit alle geistlichen Würden und Ehrenstellen, die man ihm anbot, aus. Man hegte für ihn eine solche Verehrung, dass die Wirkungen der Spaltung in Bezug auf ihn aufhörten, und man ihn auf die ehrenvollste Weise in die sogenannte Obedienz eines jeden Papstes aufnahm (Während der großen Spaltung, die die Kirche im 14. und 15. Jahrhundert zerrüttete, wurden die dem Papst zugetanen Länder dessen Obedienz genannt).

 

Als er sich in Dauphine befand, erfuhr er, dass die Bewohner eines Tales, mit Namen Vaupute oder Tal des Verderbens, den abscheulichsten Lastern fröhnten. Sie waren so roh und verwildert, dass kein Missionar zu ihnen zu dringen wagte. Vinzenz, bereit alles zu leiden für die Ehre Gottes, unternahm, sie auf Kosten seines eigenen Lebens zu retten. Seine Arbeiten waren nicht ohne Erfolg. Diese Unglücklichen nahmen den Unterricht an, wurden gerührt, verabscheuten ihre Gräueltaten, und unterzogen sich dafür einer aufrichtigen Buße. Die Umgestaltung war so sichtbar, dass das Tal den Namen Valpure oder Tal der Reinheit empfing, den es noch bis jetzt führt.

 

Als Vinzenz sich 1403 zu Genf aufhielt, schrieb er von dieser Stadt aus an seinen Ordensgeneral. Wir haben auch noch dessen Brief, wo man mehrere Umstände in Betreff seiner Missionen findet. „Wenn ich die heilige Messe gefeiert habe,“ sagt der Heilige, „so predige ich zwei oder drei Mal des Tages, da mir für die Vorbereitung zum Predigen keine andere Zeit, als jene der Reisen übrigt. Ich habe drei Monate lang die Städte und Dörfer in Dauphine durchwandert, um das Wort Gottes zu verkündigen. Länger war mein Aufenthalt in den Tälern von Luzern, von Argenteye und Vaupúte, des Bistums Embrún; auch hatte ich das Glück, beinahe alle Ketzer jener Gegenden zu bekehren. Auf dringende Einladung habe ich mich nach Piemont begeben, wo ich Unterricht erteilte, so wie auch in Montserrat und in den Talgegenden. Meine Mühen waren nicht vergebens. Eine Menge Waldenser und andere Ketzer sind in den Schoß der Kirche zurückgekehrt. Ihre Irrtümer rührten vorzüglich aus einer groben Unwissenheit und aus Mangel an Lehrern her. Ich erhebe, wenn ich an das schreckliche Gericht denke, das hereinbrechen wird auf die geistlichen Obern, die gemächlich in reichen Palästen wohnen, während eine Menge durch das Blut Jesu Christi erkaufte Seelen, aus Abgang an nötiger Hilfe, armselig ins Verderben dahin schmachten. Möchte doch der Herr der Ernte gute Arbeiter dahin senden! Das ist die Gnade, die ich ohne Unterlass von Gott erflehe.“ Der Heilige redet dann von der Bekehrung vieler Irrgläubigen und der Versöhnung der Gülphen und Gibelinen, und dem allgemeinen Frieden, den er in die ganze Lombardei gebracht hatte. „Als ich,“ setzt er hinzu, „von den Bischöfen und Großen des Landes nach Piemont berufen wurde, brachte ich fünf Monate in den Diözesen Aosta, Tarantasia, St. Jean de Maurienne und Grenoble zu. Dermalen bin ich in Genf, wo ich endlich ein abergläubisches Fest, dem das Volk sehr anhing, abschaffte. Ich gehe nun nach Lausanne, zufolge der von dem Ortsbischof an mich ergangenen Einladung. Ich soll den Versuch machen, einigen rohen Menschen, die da die Sonne anbeten, und einer Anzahl von hartnäckigen Ketzern, die auf den Grenzen Deutschlands wohnen, die Augen öffnen.“ (Man liest, dass Vinzenz, wenn er in seiner Muttersprache redete, von den Zuhörern jeder Zunge verstanden wurde. Danach verstanden die Griechen, Deutschen, Ungarn etc. alles, was er sagte, wenn er lateinisch oder valencianisch predigte.)

 

Der Cardinal Peter von Luna beschied den Heiligen zu sich nach Genua, mit dem Versprechen, er wolle allen Ansprüchen auf die päpstliche Würde nun entsagen. Vinzenz gehorchte, und verließ Lothringen, wo er sich damals aufhielt. Nach seiner Ankunft schilderte er dem Cardinal mit lebhaften Farben die unseligen Folgen der Kirchenspaltung, und ermahnte ihn dringend, dem Unwesen ein Ende zu machen, auf dass ihn nicht etwa der Herr zur Verantwortung desselben ziehen möchte. Seine weisen Vorstellungen fanden wenig Gehör. Die Ehrgeizigen verlieren niemals ihren Strebepunkt aus den Augen. Der Heilige predigte einen Monat lang zu Genua, worauf er neuerdings Frankreich und Flandern bereiste. 1406 kehrte er wieder nach England zurück. Die zwei nachfolgenden Jahre verflossen in neuen Missionen, in Poitou, Gascogne, Languedoc, Provence und Auvergne.

 

Der Ruhm, den Vinzenz genoss, machte tiefen Eindruck auf den Maurenkönig von Granada in Spanien. Obgleich er ein Mohammedaner war, gelüstete es ihn doch, einen so außerordentlichen Mann zu sehen. Er ließ daher eine höfliche Einladung an ihn ergehen. Der Heilige schiffte sich zu Marseille 1408 ein, um dem Wunsch des Königs zu entsprechen. Er war nicht sobald angelandet, als er schon das Evangelium zu predigen anfing. Mehrere Mohammedaner bekehrten sich. Die Großen des Reiches, in Besorgnis über den Verlust, den ihre Religion täglich erlitt, teilten dem König ihre Bedenklichkeiten mit, und baten ihn, Vinzenz zurückzuschicken. Der heilige Glaubensbote übte dann seinen Eifer im Königreich Aragonien und in Catalonien aus. Im Bistum Vich erneuerte er das Wunder der Brotvermehrung. Zu Barcelona 1409 weissagte er dem aragonischen König Martin den Tod des Königs von Sicilien, seines Sohnes, der auch Martin hieß. Die Prophezeiung ging im Juli desselben Jahres in Erfüllung. Nachdem Vinzenz den betrübten Vater getröstet hatte, riet er ihm, sich wieder zu vermählen, auf dass er durch einen Thronerben die öffentliche Ruhe in Sicherheit stelle.

 

Das Jahr darauf ging er nach Pisa, Siena, Florenz und Lucca: überall führte er wieder Frieden und Ordnung ein. 1411 bereiste er die Königreiche Castilien, Leon, Murcia, Andalusien, Asturien und mehrere andere Gegenden, wo er seine zahlreichen Wunder und Bekehrungen fortsetzte. Die Juden von Toledo nahmen das Christentum an, und wandelten ihre Synagoge in eine Kirche um, die der Anrufung der Mutter Gottes geweiht wurde. Von da begab sich Vinzenz zu Anfang des Jahres 1412 nach Salamanca, wo er im Angesicht einer ungeheuren Volksmenge, die dahin geströmt war, einen Toten erweckte. Er drang in die Synagoge derselben Stadt, mit einem Crucifix in der Hand, und hielt da eine kraftvolle Rede, die nur vom Geist Gottes herrühren konnte. Die Juden, anfangs betroffen, wurden endlich gerührt und bekehrt, so dass sie gleich nach der Predigt die heilige Taufe begehrten. Ihre Synagoge wurde ebenfalls in eine Kirche umgeschaffen, die den Namen zum heiligen Kreuz annahm.

 

Die Unruhen, die zwei Jahre her das Königreich Aragonien bewegten, hatten sich noch keineswegs gelegt. Man stritt unablässig fort, ohne dass man in Betreff des Kronerben sich zu verständigen vermochte. Es war so weit gekommen, dass in den Staaten von Aragonien, Catalonien und Valencia eine große Spaltung herrschte. Als die Mächtigsten in Catalonien den Grafen Urgel vorgeschlagen hatten, widersetzte sich dagegen sehr heftig der Bischof von Saragossa. Er wurde ermordet. Ein so gräuliches Verbrechen zog dem Grafen allgemeine Verabscheuung zu. Seine Anhänger verließen ihn, und man befürchtete mit Recht den Ausbruch eines Bürgerkriegs. Da noch immer keine Aussicht zur Vereinigung war, beschlossen die Stände, dass neun Bevollmächtigte, drei für jedes Reich, gewählt würden. Sie sollten im Schloss Caspe in Aragonien zusammenkommen, und derjenige, der die meisten Stimmen bekäme, sollte als König erkannt werden. Vinzenz wurde für das Königreich Valencia als Bevollmächtigter erwählt, nebst seinem Bruder Bonifacius, einem Kartäuser und vom Peter Bertrand. Als er davon Nachricht erhielt, verließ er seine Missionen, um sich in das Schloss Caspe zu verfügen. Nachdem die Bevollmächtigten die Sache reiflich überlegt hatten, erklärten sie einhellig, Ferdinand von Castilien sei der nächste Verwandte des verstorbenen Königs und mithin der einzig rechtmäßige Thronerbe. Bei dieser Gelegenheit hielt Vinzenz eine Rede an die auswärtigen Gesandten und an das Volk, das zugegen war.

 

Vannes war nicht der einzige Ort, wo er seinen apostolischen Eifer ausübte: auch ganz Bretagne hatte sich darüber zu erfreuen. Er vergönnte sich keine Ruhe, wiewohl er äußerst schwächlich war. Auch brachte er es durch sein unverdrossenes Bemühen dahin, dass er die Laster ausrottete, den Aberglauben verdrängte, die Missbräuche abstellte, und in der ganzen Provinz eine allgemeine Umwandlung zustande brachte. Von Bretagne aus schrieb er an die Bischöfe und Vornehmsten von Castilien, so wie auch an Dom Alphons, der während der Minderjährigkeit Johannes II., das Königreich regierte, um sie zu ermahnen, dass sie Peter von Luna als einen Afterpapst ansehen und das Concil von Constanz anerkennen sollten. Seine Briefe brachten die gewünschte Wirkung hervor. Castilien schickte Gesandte nach Constanz, die die Väter des Kirchenrates mit Freuden aufnahmen. Martin V., der im November erwählt worden war, schrieb dem Heiligen und schickte ihm Montan, einen berühmten Gottesgelehrten, um ihn in seiner Eigenschaft als apostolischer Missionar zu bestätigen. Um dieselbe Zeit begab er sich in die Normandie, auf dringende Bitten Heinrich V., Königs von England, der sich zu Caen befand. Er war damals in seinem 60. Lebensjahr. Allein er war schon so schwach, dass er ohne Stütze keinen Schritt mehr zu tun vermochte. Wie er sich aber auf dem Lehrstuhl befand, da sprach er mit solcher Kraft und Heftigkeit, als wenn er noch in der Blüte seiner Jahre wäre. Er kam oft in seinen Predigten auf die Vermeidung der Rechtshändel, die Abscheulichkeit der Lügen, Flüche, Gotteslästerungen und der übrigen Laster, die am meisten unter dem Volk herrschen.

 

Als endlich seine Gesundheit ganz erschöpft war, riet man ihm, in sein Vaterland zurückzukehren. Dies tat er auch, und trat unverzüglich die Reise an. Seine Gefährten, die stärker gegangen waren, und sich einbildeten, schon eine beträchtliche Strecke Wegs zurückgelegt zu haben, befanden sich indes erst bei Vannes. Vinzenz, der die Verschlimmerung seines Übels fühlte, ließ sich in diese Stadt führen, die Gott zu seinem Begräbnisort ausersehen hatte. Die Einwohner bezeigten eine unaussprechliche Freude, als sie ihn wieder in ihrer Mitte sahen. Die Freude aber wurde bald getrübt, als ihnen der Heilige sagte, er käme nicht, um da seine Amtsverrichtungen fortzusetzen, sondern sein Grab zu finden. Diese Worte, auf die eine kurze Ermahnung über die allgemeinen Pflichten des Christentums folgte, erregten in den Anwesenden einen lebhaften Schmerz und verbreiteten überall Bestürzung.

 

Als der Heilige merkte, dass sein Übel bösartig zu werden anfing, verdoppelte er seinen Eifer und empfing die heiligen Sakramente. Drei Tage darauf besuchte ihn der Bischof nebst mehreren Personen der Geistlichkeit und des Adels. Er bat sie inständig, das von ihm begonnene Werk zu unterhalten, ermahnte sie in der Ausübung der Tugend zu verharren, und versprach ihnen, für sie in Gottes Schoß zu beten, und sagte ihnen dann, er würde in zehn Tagen sterben. Während dieser ganzen Zeit redete er nie von seinen Schmerzen, und wenn er den Mund öffnete, war es um Gott zu danken, dass er ihm an dem Kelch seines Sohnes habe teilnehmen lassen. In seinem Todeskampf, der sehr hart war, bewies er eine außerordentliche Geduld und Ergebenheit. Man bemerkte sogar an ihm Freudengefühle mitten in den grausamsten Qualen. Die Glut seines Gebetes erhob seine Seele dergestalt zu Gott empor, dass ihn nichts zu zerstreuen vermochte.

 

Der Magistrat befürchtend, die Dominikaner, die kein Haus zu Vannes hatten, möchten seinen Leichnam in Anspruch nehmen, ließ ihn fragen, wo er hinbegraben werden wollte. Er antwortete der Gesandtschaft: „Ich bin ein unnützer Knecht, und ein armer Mönch: mir kommt nicht zu, über den Ort meiner Beerdigung zu verfügen. Die Gnade, die ich von euch begehre, ist, dass ihr den Frieden, den ich euch mein Leben hindurch so dringend anempfohlen habe, bewahren möget. Ich bitte euch, dem Prior des eurer Stadt am nächsten liegenden Dominikanerklosters zu erlauben, hierüber zu entscheiden.“ Nach dieser Antwort setzte er seine Religionsübungen, die er auf einen Augenblick unterbrochen hatte, wieder fort. Er sehnte sich oft nach der Befreiung seiner Seele von den Banden des Körpers, um sich in Gottes Unermesslichkeit zu versenken. Am zehnten Tag seiner Krankheit ließ er sich die Leidensgeschichte Jesu vorlesen, und betete die sieben Bußpsalmen, worauf er ruhig entschlief, am Mittwoch vor dem Palmsonntag, am 5. April des Jahres 1419. Er war 62 Jahre, 2 Monate und 13 Tage alt. Die Herzogin von Bretagne, Johanna von Frankreich, Tochter Karls VI., wusch mit eigenen Händen den Leichnam des Heiligen. Es geschahen mehrere Wunder durch die Kraft des Wassers, das zu dieser Ceremonie diente, so wie auch durch die Berührung der Kleider, des Gürtels etc. des Dieners Gottes.

 

Der Herzog von Bretagne und der Bischof von Vannes beschlossen, dass Vinzenz Ferrer in die Domkirche begraben würde. Papst Calixtus III. sprach ihn 1455 heilig. Die Bulle seiner Canonisation wurde aber erst drei Jahre nachher durch Pius II. bekannt gemacht, 1456 erhob man den Leib des Heiligen. Die Spanier, die zu wiederholten Malen den Leichnam des Heiligen vergebens begehrt hatten, entschlossen sich 1590, ihn als einen ihnen angehörigen Schatz heimlich zu entwenden. Um dem vorzubeugen, verbarg man ihn. 1637 wurde er wiederentdeckt, und dies veranlasste eine zweite Übertragung, die am 6. September geschah. Dann stellte man das Reliquienkästchen auf den Altar einer Kapelle, die man soeben im Dom gebaut hatte, wo er der Verehrung der Gläubigen ausgesetzt wird.

 

Die Demut des heiligen Vinzenz Ferrer erhielt sich im Glanz der Ehren und im Geräusch des Beifalls, Die Art, wie er in seiner Abhandlung über das geistige Leben von sich selbst redet, beweist, auf welche hohe Stufe er diese Tugend gebracht habe. „Mein ganzes Leben“, sagt er, „ist eitel Gestank. Ich bin nur Fäulnis an Leib und Seele. Alles atmet in mir einen Geruch des Verderbens, der von dem Gräuel meiner Sünden und Missetaten herrührt. Und was noch schlimmer ist, ich fühle, dass diese Fäulnis täglich zunimmt, und allzeit unerträglicher wird.“ Ohne Demut gibt es nach ihm keine Tugend. „Wer aus Hoffart gerne hadert und widerspricht, der wird nie wahrhaft tugendhaft werden. Jesus Christus verbirgt seine Wahrheit den Hoffärtigen und offenbart sie nur den Demütigen.“ Der Heilige führt die Regeln der Vollkommenheit auf drei Dinge zurück, nämlich: 1. dass man die durch überflüssige Sorgen erzeugten äußeren Zerstreuungen vermeide; 2. dass man sein Herz gegen den Hochmutsdünkel verwahre; 3. dass man jede unordentliche Anhänglichkeit an irdische Gegenstände verbanne. Von jenen aber, welche diese drei Dinge beobachten wollen, fordert er, 1. dass sie von Herzen die Verachtung und Erniedrigung verlangen; 2. dass sie eine innige Andacht zu Jesus dem Gekreuzigten haben; 3. dass sie geduldig seien in Leiden und Drangsalen, aus Liebe zu unserm anbetungswürdigen Erlöser.

 

6. April

 

Der heilige Wilhelm, Abt von Eschild in Dänemark,

+ 6.4.1203 - Fest: 6. April

 

Der heilige Wilhelm, zu Paris um das Jahr 1105 geboren, stammte von einer vornehmen Familie ab und wurde seinem Onkel, dem Abt von St. Germain des Prés, zur Erziehung übergeben. Nachdem er sich in allen Wissenschaften wohl ausgebildet, entschloss er sich zum Weltpriesterstand, in der reinen Absicht, Gott und dem Nächsten zu dienen. Zum Subdiakon geweiht, verschaffte ihm sein Onkel eine Chorherrenstelle an der Kirche der heiligen Genovefa zu Paris.

 

Jetzt begann für Wilhelm eine Zeit der Prüfung in der Geduld, und ist diese eine der schönsten Tugenden des Christen, so verdient unser Heiliger, der sich mehr als viele andere darin geübt hat, hohe Verehrung. Seine Kollegen am Stift führten nichts weniger, als einen frommen und erbaulichen Lebenswandel, und Wilhelm, hätte er sich während seines Aufenthaltes im Kloster mindere Festigkeit der Grundsätze erworben, wäre nicht fähig gewesen, dem bösen Beispiel und den Lockungen, die ihn von allen Seiten umgaben, zu widerstehen. Er blieb jedoch, was er unter der Leitung seines Onkels gewesen, keusch, demütig, zurückgezogen, emsig im Chor, unermüdet fleißig im Studieren, anhaltend im Gebet und in der Betrachtung. Die übrigen Chorherren, anstatt sich an seinen Tugenden ein Beispiel zu nehmen, sahen im Gegenteil an ihm den lebendig vor ihren Augen herumwandelnden Tadel ihres müßigen und unordentlichen Lebens. Und weil sie ihn nicht auf ihre Seite bringen konnten, fingen sie an, ihn zu ärgern, zu verspotten, zu verfolgen. Selbst seine Priesterweihe versuchten sie durch Lügen und Verleumdungen zu hintertreiben. Als sie aber sahen, dass sie auf diese Weise seiner nicht los werden konnten, indem Wilhelm jede Kränkung mit englischer Geduld ertrug und in der Güte seines Herzens alle Beleidigungen vergab, setzten sie ihn auf die Probstei Espinay hinaus, die dem Kapitel gehörte.

 

Die Unwürdigen genossen nicht lange die Früchte ihrer Ränke. Als Papst Eugenius III. 1147 nach Paris kam, entstand eine blutige Schlägerei zwischen einem Teil seines Gefolges und der Dienerschaft der Chorherren. Schon früher auf das ungeistliche Leben derselben aufmerksam gemacht, ergriff der Heilige Vater diesen Anlass, bei König Ludwig VI. auf die Umwandlung des Stiftes zu dringen und zwar in der Art, dass an die Stelle weltlicher Chorherren regulierte vom Orden des heiligen Augustin gesetzt würden. Der König genehmigte es und beauftragte den berühmten Süger mit dieser Angelegenheit. So mussten die Feinde Wilhelms ihre fetten Pfründen verlassen, und zwölf unbescholtene, gottesfürchtige Religiosen nahmen ihren Platz ein. Eudo von St. Viktor wurde zum Vorsteher der neuen Gemeinde ernannt. Von dieser Veränderung erhielt Wilhelm durch den Abt Nachricht und zugleich die Einladung, sich den Brüdern anzuschließen. Aber jetzt zeigte sich, wie gefährlich die Anhänglichkeit an irdische Güter selbst für sonst fromme Herzen ist. Wilhelm schwankte, denn seine einträgliche Probstei gewährte ihm eine sichere und unabhängige Stellung. Der erfahrene Abt merkte den Kampf, der in seinem Inneren vorging, zog ihn an der Hand zu dem Bild des Gekreuzigten und sprach zu ihm: „Ist der Gott, der unsertwegen sich so verdemütigt und den Himmel verlassen und die Armut erwählt hat, nicht wert, dass du ihm zuliebe die ganze Welt, wenn es sein müsste, Verlassen und dich ihm gleich machen solltest?“ Mehr bedurfte es nicht, Wilhelms Herz zu erweichen. Er sank voll Beschämung zu Boden, brachte sich und alles, was er besaß, Gott zum Opfer und bat um die Aufnahme in das Kloster. In diesem neuen Stand versuchte er mit vermehrtem Eifer die Bahn der Vollkommenheit zu wandeln und wurde durch genaue Erfüllung der Ordenspflichten die Zierde der Gemeinde. Bald erwählten ihn die Brüder zum Subprior, und sein schönes Beispiel, wie seine Klugheit, trugen nicht wenig zur Erhaltung der Zucht und Ordnung im Kloster bei. Sein Eifer wurde durch seine Sanftmut dergestalt gemäßigt, dass die seiner Leitung Untergebenen alles, was die Regel auch Hartes vorschreiben mochte, aus Liebe vollzogen.

 

So hatte Wilhelm unter stetem Streben und Sorgen für das Heil der Seinigen das sechzigste Jahr erreicht und meinte nun ausruhen zu dürfen. Da hatte er in einer Nacht ein Gesicht. Unter der Gestalt eines schönen Jungen stand der Herr vor ihm und sprach: „Wilhelm, du musst im Dienst Gottes in ein fremdes, weit entlegenes Land ziehen. Daselbst wirst du große Verfolgung und Böses erdulden. Aber verzage nicht; ich werde bis ans Ende dir beistehen und dich im späten Alter zu mir in die ewige Freude nehmen.“ Bald wurde dem Mann Gottes klar, was dies Gesicht bedeutet. Absolon, Bischof von Roschild in Dänemark, der mit unserem Heiligen auf der Schule von Paris studiert hatte, erinnerte sich des frommen Jugendfreundes und erbat sich Wilhelm vom Abt nebst drei anderen Brüdern, um sie in das Kloster regulierter Chorherren in Eschild zu senden. Dort war nämlich ebenfalls zu viel Weltsinn eingerissen, und es bedurfte solcher würdigen Religiosen, die augustinische Regel aufrecht zu erhalten. Wilhelm trat mit seinen Begleitern ohne Verzug die Reise nach Dänemark an und wurde vom König Waldemar und dem Bischof freudig aufgenommen und alsogleich zum Abt bestellt. Aber er fand das Kloster, infolge der schlechten Wirtschaft, die bisher dort geführt wurde, so arm, dass nur sechs Käse und ein halber Schinken und gar kein Geld vorhanden war. Die Ankömmlinge hätten verhungern müssen, wenn ihnen der Bischof nicht einige Pfund Heller gegeben hätte, um damit Kühe und Federvieh einzukaufen. In diesem Kloster hatte Wilhelm noch weit mehr zu erdulden, als ehedem unter den Chorherren von St. Genovefa. Seine Untergebenen waren nicht besser, ja in mancher Hinsicht noch schlechter als jene. Sie setzten seinen Bemühungen, der beschworenen Regel Geltung zu verschaffen, Trotz und Ungehorsam entgegen, ja als der Heilige in seinem Eifer nicht nachließ, sannen sie darauf, ihn als Sklaven zu verkaufen oder wohl gar zu töten. All das aber entmutigte den fest auf Gott vertrauenden Mann nicht. Er harrte aus, obwohl ihn sogar die Gefährten verließen, die er aus Frankreich mit sich gebracht hatte, und überdrüssig des kalten, unwirtlichen Landes und des feindseligen Betragens ihrer neuen Mitbrüder, heimkehrten. Der Heilige überwältigte durch Gebet und unerschütterliche Geduld alle Hindernisse und es gelang ihm mit der Zeit, die hartnäckigen Brüder der Zucht zu unterwerfen, so dass sie den bisherigen Widerwillen gegen ihren Vorsteher ablegten und der Hass sich in Verehrung und Liebe verwandelte. Auch dem Mangel, der anfangs im Kloster geherrscht hatte, musste er nach und nach durch kluge Sparsamkeit und gut ausgedachte wirtschaftliche Einrichtungen zu steuern. Tugend und Frömmigkeit blühten neu auf und das früher so verwahrloste und verrufene Stift Eschild galt bald als Muster einer wohlgeordneten, frommen Klostergemeinde. Wilhelm hatte überdies die Freude, ein neues Kloster, St. Thomas im Städtchen Ebbelholdt, zu gründen und mit eifrigen Religiosen besetzen zu können. Er für seine Person setzte das gewohnte abgetötete Leben fort bis in das höchste Alter. Sein Bett war ein wenig Stroh, seine Kleidung ärmlich, das härene Bußgewand kam Tag und Nacht nicht von seinem Leib. Durchdrungen von Ehrerbietung gegen die heiligen Geheimnisse der Religion, vergoss er jedes Mal Tränen, so oft er sich dem Altar näherte.

 

Der Heilige war bereits ein Greis von neunzig Jahren, da erschien ihm im Schlaf eine ehrwürdige Gestalt und sprach zu ihm: „Noch sieben wirst du leben!“ Der fromme Abt glaubte, sieben Tage seien gemeint, und bereitete sich daher voll Ergebung und Eifer auf die letzte Stunde vor. Aber der siebente Tag verging, es verging auch die siebente Woche und der siebente Monat, und Wilhelm lebte noch immer. Nun wurde es ihm zur Gewissheit, dass die Sieben sich auf Jahre beziehe. Trotzdem aber setzte er die einmal begonnene Vorbereitung auf den Tod mit solcher Strenge fort, dass sein vergangenes Bußleben keinen Vergleich damit aushielt. Vor seinem Ende schickte ihm der Herr noch eine höchst schmerzliche Krankheit. Sein Leib wurde vom Kopf bis zu den Fußsohlen mit Geschwüren bedeckt und schien nur eine Wunde zu sein, so dass man ihn ohne Schauder nicht ansehen konnte.

 

Da zeigte sich die Geduld des Heiligen im herrlichsten Glanz. Kein Zeichen des Unmutes war an ihm zu bemerken. Er ertrug mit der größten Standhaftigkeit die furchtbare, langandauernde Pein, mit Hiob sprechend: „Haben wir das Gute empfangen von der Hand Gottes, warum sollen wir nicht auch das Schlimme annehmen? Der Name des Herrn sei gebenedeit! Wie es dem Herrn gefallen hat, also ist es geschehen.“ Da kam die vierzigtägige Fastenzeit und der Kranke fühlte sich etwas erleichtert und konnte sogar von seinem Lager aufstehen. Am Gründonnerstag las er die heilige Messe, reichte den Brüdern die Kommunion und gab ihnen die letzten Ermahnungen. Aber als er ihnen nach seiner Gewohnheit auch noch die Füße waschen wollte, überfiel ihn ein so heftiges Seitenstechen, dass er gezwungen war, darauf zu verzichten und sich in seine Zelle zurücktragen zu lassen. Am Tag vor dem Auferstehungsfest des Herrn empfing er noch einmal die heiligen Sakramente und begehrte alsdann nach dem Beispiel des heiligen Martin auf eine härene mit Asche bestreute Decke gelegt zu werden. Hier übergab er seine Seele getröstet dem Schöpfer, am 6. April 1203, in dem seltenen Alter von achtundneunzig Jahren. Viele Wunder geschahen an seinem Grab, dass er schon zwanzig Jahre nach seinem Hinscheiden von Papst Honorius III. feierlich den Heiligen beigezählt wurde.

 

Der gottselige Notker der Stammler, Mönch von St. Gallen,

+ 6.4.912 - Fest: 6. April

 

Kinder können grausam sein. Wie herzlos verfolgen sie oft ihre Mitschüler, die mit einem körperlichen Gebrechen behaftet sind, mit ihrem Spott und machen sich keine Gedanken darüber, welche Seelenqualen sie diesen Armen dadurch bereiten. Auch der kleine Grafensohn Notker, den seine Eltern um die Mitte des 9. Jahrhunderts in die Klosterschule von St. Gallen brachten, mag bitter genug unter dieser Spottlust der Jugend gelitten haben. Er stieß mit der Zunge an, und es lässt sich denken, wie sein stammelndes Sprechen alle die andern übermütigen Adelssöhne, die den Benediktinern zur Erziehung anvertraut waren, zum Lachen reizen musste. Im Nu hatte Notker den Spitznamen „der Stammler“ – ein Name, der ihm zeitlebens blieb und mit dem er in die Geschichte einging.

 

Sicherlich trug seine Behinderung im Sprechen und die Furcht vor dem Ausgelachtwerden viel dazu bei, dass der Knabe sich mehr und mehr in sich selbst zurückzog und für sich allein blieb. Er „floh der Brüder wilden Reihen“ und suchte mit dem frühreifen Ernst, den solche „Gezeichnete“ nicht selten haben, an den Lesetischen der großen Klosterbibliothek Zerstreuung und Befriedigung, während seine Kameraden sich in frohem Spiel tummelten. Bei solch ungewöhnlichem Lerneifer war es nur ganz natürlich, dass der glänzend begabte Junge bald der beste Schüler von St. Gallen wurde und die Mönche, aus deren Schule schon so viele berühmte Kirchen- und Staatsmänner hervorgegangen waren, mit Stolz auf Notker sahen, der den Ruhm der St. Gallener Klosterschule noch um ein bedeutendes zu mehren versprach. Wie begrüßten sie es, als Notker den Wunsch äußerte, unter die Söhne des hl. Benedikt aufgenommen zu werden! Bei ihm waren außergewöhnliche wissenschaftliche Begabung und tiefe, lautere Frömmigkeit in schönster Harmonie. So wurde Notker nicht bloß zum größten Gelehrten des Klosters in den Zeiten der Karolinger, sondern auch zu einem vorbildlich gewissenhaften, heiligen Mönch. So sehr er in der stillen Welt der alten Folianten lebte, er ging darin nicht auf. Er wurde nicht zum einseitigen, lebensfremden Gelehrten. Er liebte es, in den freien Erholungsstunden sich still aus dem Kreise der sich fröhlich unterhaltenden Mönche zu schleichen und die Rolle des Krankenbruders zu übernehmen. Er ging durch die Krankenstuben, bettete die Leidenden um, reichte ihnen Arznei und erfüllte ihre Wünsche, tröstete sie und gab ihnen beim Abschied ein kräftiges Schriftwort für die schlaflose Nacht. Durch strenge Bußwerke und harte Kasteiungen suchte Notker seine Seele mehr und mehr zu läutern und Gott wohlgefällig zu machen. Er wusste: Wie der Bauer den Acker mit dem Pflug aufreißt, um im Herbst von ihm Früchte zu ernten, so muss auch der Mensch seinen Leib mit der Pflugschar durchziehen, muss ihn streng halten, muss ihm schmale Kost, Schläge und Wunden zumuten, wenn nicht üppiges Unkraut aufwachsen und die Seele ersticken soll. Wie ernst Notker seinen Beruf als Mönch und Priester auffasste, zeigt sein Gedicht:

 

Du bist zum Priester des Herrn geweiht;

Was kümmern dich Tand und Eitelkeit,

Dass du, der Welt zugewandt,

Unreines rührest mit reiner Hand?

 

Nicht darfst du wenden hell und klar

Nach schandbaren Dingen der Augen Paar;

Zu des Himmels Höhen schlage sie auf

Und betrachte der Sterne ewigen Lauf.

 

Dir heißt es Sünde, in Liebeslust

Zu küssen und kosen Brust an Brust;

Kein lüsternes Wort entfliehe dem Mund,

Dem Gottes Ruhm und Ehre kund.

 

Gar vieles befiehlt der Herr dein Gott;

Dein Ohr, es achte auf sein Gebot.

Die Nüster trinke des Himmels Luft,

Bis Gott im Himmel dich zu sich ruft.

 

Dieses Gedicht zeigt uns den Gelehrten und Heiligen von einer neuen Seite: Notker war auch ein hochbegabter Dichter. Die Dichtkunst St. Gallens hat in ihm einen ihrer bedeutendsten Schöpfer erhalten. Seine Gedichte sind voll zarten, innigen Lebens und lassen die Tiefe seines Gemüts, sein Erfülltsein von inniger Gottesminne spüren. Der „Stammler“ hat in seinen Gedichten, die er vielfach selber vertonte, wortgewaltig zu seinen Zeitgenossen gesprochen und nicht wenige im Innersten gepackt und zu Gott zurückgeführt. Die meisten seiner Lieder hat der Sturm der Zeit verweht. Eines aber erbaut auch heute noch durch seinen tiefen Ernst jedes fromme Gemüt, das: „Media vita – mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben.“ Wenn dieses Lied auch ohne geschichtlichen Nachweis Notker zugeschrieben wird, so entspricht es doch ganz und gar seiner ernsten Lebensauffassung, seinem ständigen Gerüstetsein auf den Boten Gottes.

 

Unsterbliche Verdienste erwarb sich Notker um das Kirchenlied und den Choralgesang im ganzen Abendland. Die Ausbreitung des gregorianischen Gesangs in den deutschen Klöstern und Domkirchen ist fast ausschließlich das Verdienst des "Stammlers" von St. Gallen, dessen Mund nicht müde wurde, immer neue Harmonien zum Lob Gottes anzustimmen. Jahrhundertelang wurden seine frommen Lieder und Sequenzen beim Gottesdienst gesungen. Viele Lehrer des Choralgesangs erhielten von Notker Unterweisung und nahmen seine heilige Begeisterung mit hinaus in ihre Schule.

 

An dem großen Weltgeschehen nahm der Dichter- und Sängermönch, der ernste, verschlossene Gelehrte wenig Anteil. Und doch brachte Kaiser Karl der Dicke gerade ihm besonderes Vertrauen entgegen und holte sich wiederholt bei Notker Rat in Regierungsfragen.

 

Die letzten Jahre seines Greisenalters verbrachte der Diener Gottes fast ganz in religiösen Übungen und in der Vorbereitung auf den Heimgang in die Ewigkeit. Der plötzliche Tod eines Neffen, der in blühendem Jugendalter aus der Mitte der Klosterbrüder gerissen wurde, wurde ihm zur ernsten Mahnung. Stunden- ja ganze tagelang kam er nun nicht mehr aus der Klosterkirche. Mit dem Gebet für den toten Neffen verband er das Gebet um einen seligen Heimgang für sich selbst. Der Gedanke an den Tod, der ihm zeitlebens vertraut war, hatte für ihn nichts Erschreckendes. Wer so wie er immer zum Sterben bereit ist und die Unschuld des Herzens in treuem Kampf sich bewahrt hat, kann jederzeit ohne Furcht vor Gottes Richterstuhl treten. So ging Notker sanft und still wie er gelebt hatte, umringt von seinen weinenden Klosterbrüdern, am 6. April 912 in die Ewigkeit hinüber. Notkers Reliquien werden im Münster von St. Gallen aufbewahrt und verehrt. Seine Lebensgeschichte verfasste um 1230 ein Mönch Ekkehard zur Unterstützung der ab 1215 von Abt Ulrich angestrebten Seligsprechung. Notker wurde 1513 seliggesprochen, die Verehrung wurde 1624 bestätigt.

 

Der heilige Prudentius, Bischof und Bekenner von Troyes in Frankreich,

+ 6.4.861 – Fest: 6. April

 

Prudentius, geboren in Spanien, wanderte nach Frankreich, um sich der Wut der Ungläubigen zu entziehen, und vertauschte damals seinen Namen Galindo mit Prudentius. Wegen seiner hohen Verdienste wurde er im Jahr 840 oder 845 auf den bischöflichen Sitz von Troyes erhoben. Er war einer der gelehrtesten Oberhirten der gallicanischen Kirche. Von allen Seiten her zog man ihn wie ein Orakel zu Rate. Aus seiner Rede über die heilige Jungfrau Maura ersehen wir, dass er oft predigte, allen bischöflichen Amtsverrichtungen beständig oblag, und die Sakramente der Buße, des Altars und der letzten Ölung ausspendete.

 

Um dieselbe Zeit fing Gotschalk, ein Mönch in dem Kloster Orbais, im Bistum Soissons, an, seine Irrtümer über die Vorherbestimmung zu verbreiten. Dieser umherschweifende Mönch lehrte, Gott habe die Verdammten zur Sünde und Hölle vorausbestimmt, so dass es nicht in ihrer Gewalt stünde, das eine oder das andere zu vermeiden. Nottingus, Bischof von Brescia oder Verona, setzte den durch seine Tugend und Gelehrsamkeit damals in hohem Ruf stehenden Erzbischof von Mainz, Rabanus Maurus, von dessen Irrtümern in Kenntnis. Nachdem dieser in einer 848 zu Mainz gehaltenen Synode, Gotschalks Sätze geprüft hatte, verdammte er dessen Gotteslästerungen, und schickte ihn dem berühmten Hincmar, Erzbischof von Rheims, seinem Metropoliten. Dieser, nebst Wenilo von Sens und einigen anderen Bischöfen, prüfte von neuem die Lehre des Orbaiser Mönches, in einer Synode, die 849 zu Quercy-súr-Oise, im Bistum Soissons gehalten wurde. Da Gotschalk sich nicht unterwerfen wollte, wurde er verdammt, der Priesterwürde entsetzt, und in die Abtei von Hautvilliers, in der Diözese Rheims, eingesperrt. Der heilige Prudentius, den man hierüber zu Rate zog, war der Meinung, man solle ihn der Gemeinschaft der Laien nicht berauben. Als aber Hincmar sah, dass Gotschalk in seiner Halsstarrigkeit beharrte, exkommunizierte er ihn etwas später (Gotschalk, Urheber von vielen Unruhen und Ärgernissen, starb 870, auch noch mit dem Kirchenbann belastet, in dem Kerker, wo er 21 Jahre eingeschlossen war).

 

Einige verdächtigten Hincmar des Irrtums der Halbpelagianer über die Notwendigkeit der Gnade, und Ratramnus von Corbie hat wirklich gegen ihn geschrieben: da ergriff Prudentius die Feder, um einen Gegenstand zu beleuchten, der in der Hitze des Streits nur verwirrt worden ist. Er erhärtete gründlich die katholische Lehre, indem er zeigte, 1. dass der Mensch frei, und Jesus Christus für alle Menschen gestorben sei; 2. dass man nichts vermöge ohne die Gnade, und dass Jesus Christus auf eine besondere Weise für das Heil der Auserwählten sein Leben hingegeben habe. Die Streitsucht unterhielt aber leider fortan die Vorurteile. Man verstand sich beiderseits nicht, obgleich man denselben Glauben bekannte. Lupus, Abt von Ferrières in Gatinois, Amolo, Erzbischof von Lyon, und der heilige Remigius, dessen Nachfolger, schrieben gegen Raban und Hincmar, ungeachtet des Abscheus, den sie vor den Gotteslästerungen der Prädestinatianer hatten. Selbst Amolo und seine Kirche, die im Anfang Gotschalk, da sie ihn nicht kannten, entschuldigt zu haben scheinen, verwarfen immer die Lehre, die man an ihm verdammte. Man muss in der Tat die Vorherbestimmung der Auserwählten als einen Glaubensartikel annehmen. Allein es wäre auch zugleich eine abscheuliche Ketzerei, zu glauben, dass irgend eine Gnade die freie Willkür des Menschen aufhöbe. Was den heiligen Remigius von Lyon und den heiligen Prudentius anbelangt, so ist gewiss, dass sie Gotschalk niemals in Schutz genommen haben.

 

Im Jahr 853 machten Hincmar, und mehrere andere Bischöfe in einem zweiten Concil von Querey vier Artikel bekannt, worin sie festsetzen, dass der Mensch frei, und Jesus Christus für das Heil aller Menschen gestorben sei. Der heilige Prudentius unterschrieb diese vier Artikel, wie wir aus Hincmar und dem Annalisten des heiligen Bertins ersehen. Die Kirche von Lyon wurde durch die darin enthaltene Lehre sehr betrübt, weil sie glaubte, man könne sie mit der Notwendigkeit der Gnade nicht in Einklang bringen. Daher hat das zu Valence 855 zusammen berufene Concilium, wo der heilige Remigius von Lyon den Vorsitz hatte, sechs Kanonen abgefasst, in denen es die Lehre von der Notwendigkeit der Gnade, und der Vorherbestimmung der Auserwählten ganz bestimmt und deutlich ausdrückte. Der heilige Prudentius erhielt im Jahr 859 vom Papst Nicolaus I. die Bestätigung dieser Kanonen. Er tat noch mehr. Aus Furcht, man möchte die Artikel von Quercy, die er selbst unterzeichnet hatte, zugunsten des Pelagianismus missbrauchen, schrieb er ein Büchlein, worin er den irrigen Sinn, den man ihnen hätte unterstellen können, widerlegte, und die Lehre der Kirche in Betreff der Gnade Jesu Christi gründlich nachwies. Diese Vorsicht war umso nötiger, weil einige, in der Hitze des Streites, die an Pelagius verdammten Irrtümer erneuerten.

 

Um dieselbe Zeit gab Johannes Scotus, der Erigener genannt, ein berüchtigter Sophist, ein Werk über die Vorerwählung gegen Gotschalk heraus, worin er offenbar den Halbpelagianismus und andere Irrtümer lehrte. Wenilo, Erzbischof von Sens, zog 19 Artikel aus, übersandte sie dem heiligen Prudentius, der Johannes Scotus sehr triftig widerlegte.

 

Der Eifer des heiligen Bischofs von Troyes für die Handhabung der Kirchenzucht und Abstellung der Missbräuche, erwarb ihm eine ungemeine Hochachtung. Daher musste er auch in Verbindung mit Lupus von Ferrières an der Verbesserung der sämtlichen Klöster Frankreichs arbeiten. Er entledigte sich dieses wichtigen Auftrages mit ebenso bewunderungswürdiger Kraft, als Klugheit. Er starb am 6. April 861. Sein Name findet sich in den Martyrologien von Frankreich. Beim Ausbruch der französischen Staatsumwälzung bewahrte man seine Reliquien noch zu Troyes, wo er durch ein Officium mit neun Lectionen verehrt wurde.

 

Der heilige Märtyrerbischof Irenäus von Sirmium,

+ 6.4.304 - Fest: 6. April

 

Eine Perle unter den echten Märtyrerakten aus der ersten Zeit der Kirche sind die des heiligen Irenäus von Sirmium. Ihr Hauptteil besteht aus dem amtlichen Gerichtsprotokoll, wozu ein christlicher Schreiber einige einleitende und beschließende Sätze hinzufügte. In seiner schlichten Einfachheit spricht dieser Bericht auch heute noch mit lebendiger Gewalt zum Herzen des Lesers. Wir geben ihn hier wörtlich wieder. Vorausgeschickt sei noch, dass Irenäus vor seiner Wahl verheiratet war und Frau und Kinder hatte. Sirmium (heute Mitrovicza in Slawonien) war in der Römerzeit die Hauptstadt von Niederpannonien; es lag links an der Save, in der Nähe ihrer Mündung in die Donau.

 

Während der Verfolgung unter den Kaisern Diokletian und Maximian hatten die Christen verschiedene Arten des Glaubenskampfes zu bestehen. Sie unterzogen sich mit gottergebenem Sinn den über sie verhängten Martern und machten sich dadurch der ewigen Belohnung teilhaftig. Solches geschah auch mit dem Diener Gottes Irenäus, dem Bischof der Stadt Sirmium. Seinen Kampf will ich euch jetzt beschreiben und von seinem Sieg euch erzählen. Durch die ihm angeborene Bescheidenheit und Gottesfurcht, die aus allen seinen Handlungen hervorleuchtete, wurde er, seines Namens Irenäus d. i. der Friedfertige, würdig erfunden.

 

Er wurde also ergriffen und dem Probus, Statthalter von Pannonien, vorgeführt. Dieser sprach zu ihm: „Gehorche den göttlichen Befehlen und opfere den Göttern!“ Irenäus antwortete: „Wer den Göttern und nicht Gott opfert, wird zugrunde gehen.“ Probus sagte: „Die allergnädigsten Herrscher haben befohlen, entweder müsse man opfern oder unter Qualen sterben.“ Irenäus erwiderte: „Mir ist geboten, lieber mich zu Tode peinigen zu lassen, als Gott zu verleugnen und den Dämonen zu opfern.“ Darauf der Statthalter: „Entweder opfere, oder ich lasse dich foltern.“ Irenäus antwortete: „Ich freue mich darüber, wenn du das tust. So nehme ich doch an dem Leiden meines Herrn teil.“

 

Da befahl der Statthalter, ihn zu foltern. Als der Heilige gar schmerzlich gepeinigt wurde, sprach der Statthalter zu ihm: „Was sagst du jetzt, Irenäus? Opfere doch!“ Irenäus antwortete: „Ich opfere meinem Gott, dem ich allzeit geopfert habe, dadurch, dass ich ihn freiwillig bekenne!“

 

Als aber seine Eltern herbei kamen und sahen, wie er gefoltert wurde, beschworen sie ihn flehentlich. Auch seine Kinder umschlangen seine Knie und sprachen: „Vater, hab Mitleid mit dir und uns!“ Auch die Frauen jammerten und beschworen ihn bei der Blüte seines Aussehens und seines Alters. Alle Verwandten und Angehörigen des Hauses waren traurig und weinten, die Nachbarn und Freunde brachen in lautes Wehklagen aus und alle riefen ihm zu: „Hab doch Mitleid mit deinem noch jugendlichen Alter!“ Aber wie gesagt, ihn hielt höheres Verlangen aufrecht. Er hatte jene Worte des Herrn vor Augen, wo es heißt: „Wenn mich jemand vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem himmlischen Vater verleugnen“ (Mt 10,33). Er beachtete sie also nicht; auch gab er ihnen keine Antwort mehr; denn er eilte, das zu erreichen, wozu ihm ein höherer Ruf Hoffnung machte (Eph 1,18).

 

Der Statthalter Probus aber sprach: „Höre doch! Lass deinen Starrsinn durch die Tränen dieser hier beugen. Sorge für dein junges Leben und opfere!“ Irenäus antwortete: „Ich sorge auf ewig für mich, wenn ich nicht opfere!“ Da ließ ihn Probus wieder in den Kerker zurückführen. Darin musste er mehrere Tage bleiben und verschiedene Qualen ausstehen.

 

Nach einiger Zeit wurde der selige Märtyrer Irenäus mitten in der Nacht, da der Statthalter zu Gericht saß, wiederum vor ihn geführt.

 

Probus sprach zu ihm: „Opfere nun, sonst sollst du büßen!“

 

Irenäus antwortete: „Tu, was dir geboten ist! Von mir aber erwarte so etwas nicht!“

 

Probus wurde hierüber zornig und ließ ihn mit Knütteln schlagen.

 

„Ich habe einen Gott,“ sprach Irenäus, „den ich von frühester Kindheit an zu verehren gelehrt worden bin. Ich bete ihn an, der mich jederzeit stärkt. Ihm opfere ich auch. Die Götter aber, die durch Menschenhand gemacht sind, die kann ich nicht anbeten!“

 

„So empfange denn zum Lohn dafür den Tod!“ sagte Probus. „Die Strafen, die du bereits erduldet hast, könnten dir zwar schon genug sein.“

 

Irenäus antwortete: „Ich empfange in der Tat den Tod zum Lohn, da jene Strafen, durch die du mich zu quälen glaubst, die ich aber für nichts achte, mir von Gott das ewige Leben verschaffen.“

 

Probus sprach: „Hast du eine Frau?“ Irenäus antwortete: „“Nein.“ Probus: „Hast du Kinder?“ Irenäus: „Nein.“ Wiederum Probus: „Hast du Eltern?“ Irenäus antwortete: „Nein!“ Da sprach der Statthalter: „Wer waren dann aber jene, die bei dem letzten Verhör weinten?“ Irenäus antwortete: „Es ist ein Gebot meines Herrn Jesus Christus, der da sagt: Wer Vater oder Mutter oder Frau oder Kinder, Geschwister oder Eltern mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert“ (Mt 10,37). Der Märtyrer Christi richtet also seinen Blick gen Himmel zu Gott. Er vertraute fest auf die göttlichen Verheißungen, nahm auf alles Übrige keine Rücksicht und beteuerte, außer Gott niemand zu kennen und zu haben. Probus sprach: „So opfere wenigstens um jener willen.“ Irenäus sprach: „Meine Kinder besitzen den Gott, den auch ich besitze. Er kann sie behüten. Du aber handle nach dem, was dir geboten ist!“ Probus sprach: „Junger Mann, sei auf dich bedacht; opfere, damit ich dich nicht nochmals foltern lasse.“ Irenäus antwortete: „Tu, was du willst! Du wirst sehen, welche Standhaftigkeit Christus der Herr mir gegen deine Nachstellungen verleiht.“ Probus sprach: „Ich werde sogleich das Urteil fällen.“ Irenäus erwiderte: „Ich wünsche mir Glück dazu, wenn du das tust!“

 

Probus sprach nun folgendes Urteil: „Irenäus soll wegen Ungehorsams gegen die königlichen Befehle in den Fluss gestürzt werden.“ Irenäus sagte darauf: „Vielfache Drohungen und Qualen erwarte ich, dass du mich dann erst durchs Schwert würdest hinrichten lassen. Doch du hast nichts von all dem befohlen. Ich bitte dich daher, gib Befehl zur Ausführung, damit du erkennst, wie die Christen gewohnt sind, wegen des Glaubens an Gott den Tod zu verachten.“

 

Probus zürnte nun über die Zuversicht des heiligen Mannes und befahl, ihn durchs Schwert hinzurichten. Doch der heilige Märtyrer Gottes dankte Gott, gleich als empfinge er eine weitere Siegespalme, und sprach: „Ich danke dir, mein Herr Jesus Christus, der du mir unter so vielen Peinen und Qualen Standhaftigkeit verliehen hast und mich in Gnaden deiner ewigen Glorie teilhaftig machen willst.“

 

Da er nun zur basentinischen Brücke kam, legte er seine Kleider ab, hob die Hände gen Himmel und betete also: „Herr Jesus Christus, der du für das Heil der Welt freiwillig gelitten hast, möge mir dein Himmel offen stehen! Mögen die Engel die Seele deines Dieners Irenäus aufnehmen, da ich deines Namens und deines Volkes wegen, das ich in der katholischen Kirche von Sirmium dir erwarb, das alles erdulde. Ich bitte dich und flehe zu deiner Barmherzigkeit, dass du mich gnädig aufnehmen und jene in deinem Glauben bestärken wollest!“

 

Hierauf wurde er von den Schergen enthauptet und sein entseelter Leib in den Savefluss geworfen.

 

Der heilige Diener Gottes Irenäus erlitt den Martertod am 25. März, als Diokletian Kaiser, Probus aber Statthalter war, unter der obersten Herrschaft unseres Herrn Jesus Christus, dem Ehre ist von Ewigkeit zu Ewigkeit.

 

7. April

 

Der heilige Aphraates, Einsiedler in Syrien im 4. Jahrhundert,

+ 4. Jhd. - Fest: 7. April

 

Aphraates stammte aus einer berühmten Familie in Persien. Seine Eltern, die Heiden waren, erzogen auch ihren Sohn im heidnischen Aberglauben. Er hatte aber das Glück, frühzeitig die wahre Religion kennen zu lernen. Tief gekränkt durch den Gedanken, dass das Evangelium in seinem Land so wenig bekannt war, verzichtete er auf alle Vorteile, auf die er in der Welt hoffen konnte, und zog nach Edessa in Mesopotamien, wo das Christentum sehr blühend war. Nachdem er sich in der besten Art, Gott zu dienen, hatte unterweisen lassen, schloss er sich außerhalb der Stadtmauern in eine kleine Zelle ein, um sich ganz den Übungen der Buße und der Beschauung zu ergeben.

 

Einige Zeit danach ging er nach Syrien und nahm seine Wohnung in einer Zelle, nicht weit von einem in der Nähe von Antiochia gelegenen Klosters. Er wurde da von sehr vielen Leuten besucht, die in Gewissensangelegenheiten sich bei ihm Rat einholten. Er verteidigte immer kräftig die Tugend wider das Laster und bekämpfte bei jeder Gelegenheit die arianische Ketzerei, die in Antiochia viele Anhänger zählte. Die Strenge seines Lebens verschaffte seinen Reden großes Ansehen. Seine gewöhnliche Nahrung bestand in einem Stück Brot, das er nach Sonnenuntergang aß. Und erst in seinem hohen Alter konnte man ihn dazu bewegen, noch einige Kräuter hinzuzufügen. Sein Bett war eine auf die Erde hin gebreitete Matte, und sein Kleid ein raues Tuch, das er dann erst ablegte, wenn er sich nicht mehr damit bedecken konnte. Aus seinem Verhalten gegenüber Anthemius, später Konsul und Statthalter im Orient, lässt sich schließen, wie weit er es mit dieser Entsagung gebracht hatte. Nach seiner Rückkehr von der Gesandtschaft nach Persien, drängte Anthemius ihn, ein Oberkleid, das er ihm mitgebracht hatte, anzulegen. „Es ist“, sagte er ihm, „ein Erzeugnis deines Landes“; worauf Aphraates erwiderte: „Glaubst du wohl, es sei vernünftig, dass man einen alten Diener, dessen Treue erprobt ist, verabschiede, um einen neuen zu nehmen, und zwar bloß deshalb, weil der Letztere ein Landsmann wäre?“ – „Nein“, erwiderte Anthemius. „Je nun!“ fuhr der Heilige fort, „so nimm denn wieder das Kleid; ich habe eins, das mir seit sechzehn Jahren dient, und ich will nicht zwei zugleich haben.“

 

Bis dahin hatte der Heilige in seiner einsamen Zelle gelebt. Er verließ aber diese beim Anblick der Verwüstungen, die der Arianismus unter dem Schutz des Kaisers Valens in der Herde Jesu Christi anrichtete. Er eilte den Katholiken in Antiochia zu Hilfe, um sie zu trösten und die Drangsale der Verfolgung, so viel er konnte, zu lindern. Er gesellte sich zu den Priestern Flavian und Diodor, die, in Abwesenheit des heiligen Bischofs Meletius, der in der Verbannung lebte, die Kirche zu Antiochia regierten. Seine Heiligkeit und Wundergabe gewährten ihm mächtigen Einfluss und legten seinen Reden und Handlungen großes Gewicht bei.

 

Der Palast des Kaisers stand an den Ufern des Orontes und war nur durch einen breiten Weg, der auf das Land führte, davon getrennt. Als eines Tages Valens von der Höhe der Galerie auf die Vorbeigehenden hinabschaute, sah er einen ärmlich gekleideten Greis, der raschen Fußes daherschritt. Als er fragte, wer dieser Alte sei, antwortete man ihm, es sei Aphraates, jener Einsiedler, für den das Volk so große Verehrung habe. „Aphraates“, rief er ihm zu, „wohin so schnell?“ – „Ich gehe, für die Wohlfahrt deiner Regierung zu beten“, erwiderte der Heilige; denn die Katholiken, die keine Kirche mehr in Antiochien hatten, hielten ihre Versammlungen auf dem Feld, wo die Soldaten in den Waffen geübt wurden. „Warum“, fragte ihn der Kaiser, „verlässt du, ein Mönch, deine Zelle und führst ein so herumschweifendes Leben?“ – „Ich bin in der Einöde geblieben“, entgegnete Aphraates, „solange die Schafe des göttlichen Hirten den Frieden hatten; jetzt aber, da sie den größten Gefahren ausgesetzt sind, wie könnte ich ruhig in meiner Zelle sein? Wenn eine Tochter in dem Haus ihres Vaters Feuer erblickt, was würde sie tun? Sollte sie zusehen auf ihrem Stuhl, bis die Flammen ihr selbst sich nahen, um sie zu verzehren? Wäre es nicht vielmehr Pflicht für sie, überall hinzueilen und Wasser zum Löschen herbeizuschaffen? Eben dieses tue auch ich, ich laufe daher, um das Feuer zu löschen, das du an das Haus meines Vaters gelegt hast.“

 

Der Kaiser antwortete nichts, aber einer seiner Entmannten misshandelte den Heiligen und bedrohte ihn mit dem Tod. Übrigens rächte Gott bald seinen Diener. Als der Entmannte nach den Bädern des Königs sah, wurde er verrückt, ließ sich in den heißen Zuber fallen und starb aus Mangel an Hilfeleistung. Der Fürst wurde durch diesen Vorfall so betroffen, dass er sich nicht traute, den Heiligen ins Elend zu werfen, obgleich die Arianer auf alle nur mögliche Weise ihm zusprachen. Auch wurde er sehr gerührt durch die wunderbaren Heilungen, die Aphraates bewirkte, indem er die Kranken mit Öl oder Wasser besprengte, das er mit dem Kreuz bezeichnet hatte.

 

Man bemerkte immer an dem heiligen Einsiedler eine ungeheure Besorgnis, alles zu vermeiden, was die Keuschheit im Geringsten hätte verletzen können. Er redete niemals mit Frauen, oder wenn er dazu genötigt war, hielt er sich allezeit in einiger Entfernung von ihnen, und sagte bloß, was notwendig war. Als durch den Tod des Kaisers Valens die Ruhe der Kirche Gottes hergestellt worden war, kehrte Aphraates wieder in seine Zelle zurück, wo er selig im Herrn entschlief. „Ich bin überzeugt“, sagt Theodoret, „dass er mehr Gewalt bei Gott nach seinem Tod hat, als er auf Erden hatte; und dieses ist die Ursache, warum ich seinen Schutz anflehe.“ Die ganze Kirche folgte dem Beispiel Theodorets.

 

Der heilige Hermann Josef von Köln, Priester in Steinfeld,

+ 7.4.1241 - Fest: 7. April

 

Am Gründonnerstag des Jahres 1236, der damals auf den 7. April fiel, starb neunzigjährig, zu Hoven bei Zülpich, ein Mönch, der um das Jahr 1150 zu Köln am Rhein, Stephanstraße 4, als Sohn verarmter Eltern das Licht der Welt erblickt hatte. Hermann Josef hieß der Mönch, der heilige Hermann Josef, dessen Leben ein Marienlob war, so zart und duftig, dass es heute noch nach achthundert Jahren die Herzen vor Freude höher schlagen lässt.

 

Weil Hermann Josef ein Rheinländer war und dazu auch noch aus Köln stammte, kannte er keine Kopfhängerei. Frohgemut und gut gelaunt nahm er an den Spielen der Altersgenossen teil, in den Straßen der Stadt und am Ufer des Rheins. Er war zu sehr ein kölnischer Junge, als dass er ein Spielverderber hätte sein können.

 

Hermann Josef war indessen nicht nur ein allzeit froher, sondern nicht minder auch ein frommer Junge. Sooft ihn der Weg an der Pfarrkirche vorüberführte, sprang er für einen Augenblick hinein, und nachdem er zunächst vor dem Allerheiligsten eine schöne Kniebeugung gemacht hatte, ging er zum Marienaltar, legte ein paar Blumen darauf, kniete sich hin und betete und erzählte der lieben Mutter Gottes mit rheinischer Lebhaftigkeit im kölnischen Platt dies und das, was er auf dem Herzen hatte. Allzu gerne hätte Hermann Josef es gesehen, wenn ihm Maria oder das Jesuskind, das die Gebenedeite auf den Armen trug, auch einmal geantwortet hätten, aber das steinerne Bild blieb stumm, bis es schließlich eines Tages doch lebendig wurde, und das kam so:

 

Vom heiligen Nikolaus hatte Hermann Josef einen dicken rotwangigen Apfel erhalten, ein wahres Prachtstück, frisch und duftig noch. In seiner liebwerten Bescheidenheit, die ihm so trefflich stand, kam ihm nicht einmal der leiseste Gedanke, den Apfel selbst zu essen, vielmehr schien er ihm gerade dafür gut genug, dass er ihn seinem besten Freund schenkte.

 

Hermann Josef hatte viele Freunde. Wer unter ihnen war aber wohl sein bester? Der Tünnes oder der Pitter oder der Schääl oder der Bäätes oder der Schäng oder der Drickes? Die alle gehörten zu seinen Freunden, aber der allerbeste Freund, der ihm weit mehr galt als die anderen insgesamt, war doch ohne jeden Zweifel das Jesuskind.

 

Hermann Josef ging also damals am Nikolaustag zur Pfarrkirche, begrüßte, wie gewöhnlich, zunächst die Mutter Gottes mit einem Ave, nahm dann aus der Rocktasche das Angebinde, stellte sich auf die Zehen und reichte mit weitausgestrecktem Arm den Apfel hoch. „Da...“, sagte er dabei, und im gleichen Augenblick geschah das Wunder, von dem die Legende berichtet, denn auf einmal kam Leben in den toten Stein. Maria beugte sich vor, nahm den Apfel und reichte ihn dem Jesusjungen auf dem Schoß hin, der das Geschenk lächelnd ans Herz drückte.

 

Selten wohl ist ein Kind so glücklich gewesen wie damals der Junge aus der Stephanstraße zu Köln am Rhein, er zitterte am ganzen Leib vor seliger Freude, und das war erst der Anfang, denn in der Folgezeit wurde Hermann Josef noch oft des vertrauten Umgangs mit dem Heiland und der Mutter Gottes gewürdigt, er durfte unter Mariens Augen mit dem Jesuskind spielen, und bis an das Lebensende war er, der spätere Mönch im Eifelkloster Steinfeld wurde, mit beseligenden Visionen der Gottesmutter begnadet. Sein Leben war in der Tat wie ein duftiger Marienpreis.

 

Hermann Josef wurde in Steinfeld bestattet. Schon kurz nach seinem Tod wurde er in der Eifel von der Bevölkerung verehrt. Er gilt entsprechend der Legende vom den Apfel entgegen nehmenden Jesuskind als „Apfelheiliger”: immer wieder legen Pilger frische Äpfel auf sein Grab. Im Barock nahm seine Verehrung starken Aufschwung; seit 1701 steht sein Sarkophag in der Basilika des Klosters Steinfeld. Reliquien wurden weit verbreitet. Einen Höhepunkt erlebte sein Kult in der Romantik, wo er zum „Kinderheiligen” wurde. Die Heiligsprechung wurde bereits 1626 eingeleitet, erfolgte aber erst 1960.

 

Der heilige Hegesippus, Bekenner von Jerusalem (Kirchenvater),

kirchlicher Schriftsteller,

+ 7.4.180 – Fest: 7. April

 

Hegesippus, einer der ältesten Kirchenväter, weil er kurz nach den Aposteln lebte, war ein Jude von Geburt und ein Mitglied der Kirche von Jerusalem. Er unternahm eine Reise nach Rom, und verweilte beinahe 20 Jahre daselbst (bis in das Jahr 177). Danach kehrte er wieder ins Morgenland zurück, wo er in einem sehr hohen Alter starb (zu Jerusalem, im Jahr 180 der christlichen Zeitrechnung, nach der alexandrinischen Chronik). Es war ein Mann, voll des apostolischen Geistes und tiefer Demut, was schon, nach der Bemerkung des heiligen Hieronymus, die Einfachheit seiner Schreibart bekundet.

 

Der heilige Hegesippus schrieb 133 eine Kirchengeschichte, in fünf Büchern: sie fing mit dem Leiden unseres göttlichen Erlösers an, und ging bis auf die Zeit des Verfassers. Man kann nicht genug bedauern, dass dieses Werk verloren gegangen ist. Der Heilige zeigte in seiner Geschichte die ununterbrochene Kette der Überlieferungen, und wies darin nach, dass, ungeachtet der ketzerischen Anstürme, niemals eine besondere Kirche in den Irrtum gefallen, und dass die Hinterlage der von Jesus geoffenbarten Wahrheiten bis zu seiner Zeit unversehrt erhalten worden sei. Sein Zeugnis hatte umso mehr Gewicht, weil er in eigener Person alle Kirchen des Morgen- und Abendlandes besucht hatte (man verwechsele unseren Heiligen nicht mit einem anderen Hegesippus, der hauptsächlich dem Geschichtsschreiber Josephus folgend, fünf Bücher von der Zerstörung Jerusalems herausgab. Er schrieb vor dem Verfall des abendländischen Reiches, aber nach der Regierung Constantins des Großen).

 

Der heilige Aibert, Priester und Einsiedler im Hennegau,

+ 7.4.1140 – Fest: 7. April

 

Aibert kam zur Welt 1060, in dem Dorf Espain, des Bistums Tournai. Von seiner Kindheit an zeigte er großen Hang zur Einsamkeit, und brennende Liebe zum Gebet. Er wohnte sehr fleißig dem Gottesdienst seiner Pfarrei und dem Unterricht seines Seelenhirten bei. Man gewahrte, dass er einen beträchtlichen Teil der Nacht auf den Knien zubrachte, und dass er sich auf die Erde niederwarf, wenn er sich in dieser Stellung zu halten nicht mehr vermochte. Er verbarg sich sehr sorgfältig, wenn er betete, und oft zog er sich in ganz abgelegene Orte zurück, um sich desto freier mit Gott unterhalten zu können. Mit eben der Behutsamkeit verheimlichte er auch seine Fasten, und äußerlich benahm er sich, als wenn er äße wie andere.

 

Ein Gesang, den er über die Bußstrenge und Tugenden des heiligen Einsiedlers Theobald, der kurz vorher verschieden war, vernahm, brachte in ihm den Entschluss hervor, der Welt gänzlich zu entsagen. Er ging zu einem Priester des Klosters Crespin (im Hennegau, zwischen Valencienaes und Saint-Guislain. Die Kirche von Crespin ist im 7. Jahrhundert durch den heiligen Landelin erbaut worden. Sie wurde von regulirten Chorherren versehen bis ins 11. Jahrhundert, wo sie an die Benedictiner kam. Rainer, unter dem der heilige Aibert das Ordenskleid anlegte, war der erste Abt des Klosters Crespin), mit Namen Johannes, dem sein Abt erlaubt hatte, in einer entlegenen Zelle als Klausner zu leben. Johannes nahm ihn auf, und unterwies ihn in den Wegen der Vollkommenheit: der Jünger übertraf aber bald seinen Lehrmeister. Da bei ihnen das Brot sehr selten war, ernährten sie sich gewöhnlich mit wilden Kräutern. Sie hatten nie Feuer, und aßen nichts Gekochtes.

 

Nachdem der Heilige im Kloster Crespin das Ordenskleid angelegt hatte, setzte er seine bisherigen Abtötungen fort. Er schlief auf bloßer Erde, und betete des Morgens vor der Metten den Psalter. Er wurde zum Probst und Kellermeister erwählt. Die von diesem Amt unzertrennliche Zerstreuung störte aber nicht im geringsten die innere Versammlung seiner Seele. Nachdem er 20 Jahre in der Genossenschaft zugebracht hatte, trat er, mit Zustimmung des Abtes Lambert, das Einsiedlerleben wieder an. Er erbaute sich in einer sehr unfruchtbaren Wüste eine Zelle, und übte da die strengsten Abtötungen. Nach Verlauf von 3 Jahren untersagte er sich das Brot, und begnügte sich sein ganzes Leben hindurch mit Kräutern.

 

Da man von allen Seiten sich Rat bei ihm zu erholen kam, weihte ihn Burckard, Bischof von Cambrai, in dessen Diözese er war, zum Priester, und ließ ihm in seiner Klause eine Kapelle bauen. Er gab ihm auch zugleich die Gewalt, die Sakramente der Buße und des Altars auszuspenden, wozu er auch von den Päpsten Paschal II. und Innocenz II. die Bestätigung erhielt. Der Heilige las jeden Tag zwei Messen: die eine für die Lebendigen, die andere für die Abgestorbenen. Um das Jahr 1140 empfing er den Lohn seiner Verdienste. Sein Tod ereignete sich am 7. April, an dem Tag, an dem auch sein Name in den Martyrologien Frankreichs und der Niederlande steht.

 

8. April

 

Der heilige Ädesius, Martyrer von Alexandria,

+ 306 ? – Fest: 8. April

 

Der heilige Ädesius, geboren in Lycien, war der Bruder des heiligen Apphianus, früher Philosoph, dann aber Schüler des gelehrten Pamphilus in Cäsarea und Christ. Während der Verfolgung unter Maximian bekannte er seinen Glauben vor der Obrigkeit, wurde mehrmals in den Kerker geworfen und schließlich zu den Bergwerken in Palästina verurteilt. Als er die Freiheit wiedererlangte, ging er nach Ägypten, das damals Hierocles, einer der erbittertsten Christenfeinde, zum Statthalter hatte. Dem hielt er öffentlich die grausame Art vor, mit der er gegen die würdigsten Männer verfuhr, und die schändliche Preisgabe unbescholtener Frauen und Jungfrauen an ehrlose Sklavenhändler. Wegen seiner Freimütigkeit wurde er zu verschiedenen Folterarten verdammt und schließlich ins Meer geworfen. Das geschah zu Alexandria, bald nach der Marter des heiligen Apphianus.

 

Die heilige Julie Billiart, Stifterin der Genossenschaft der Schwestern U. L. Frau,

+ 8.4.1816 – Fest: 8. April

 

„Frage ich mich: Was ist die Genossenschaft der Schwestern Unserer Lieben Frau?“ sagte einmal Kardinal Sterkx, der Erzbischof von Mecheln, so lautet meine Antwort: „Es ist ein apostolischer Hauch, der vom Herzen Jesu ausging und das Herz einer Frau beseelte, die es verstanden hat, zu glauben und zu lieben.“ Die demütige Ordensfrau, deren Leben diese fruchtbringende Verschmelzung des Glaubens und der Liebe verwirklicht hat, ist die heilige Julie Billiart.

 

Sie erblickte das Licht der Welt am 12. Juli 1751 in Cuvilly in der Picardie. Ihre Eltern waren einfache, echt religiöse Landleute, die nebenbei einen Kramladen unterhielten. Gleich allen auserwählten Seelen vernahm Julie frühzeitig die Stimme der Gnade. Sie entsprach diesem göttlichen Ruf durch einen großen Gebetseifer. Oft suchte sie die Einsamkeit auf, um diesem Herzensdrang ungestört folgen zu können. Schon als Kind von sieben Jahren konnte sie den Katechismus ganz auswendig und verstand ihn auch. Gern versammelte sie ihre Altersgenossen um sich und redete mit ihnen vom lieben Gott. „Seelchen, Seelchen will ich haben“, sagte sie, „ich will sie lehren den lieben Gott erkennen, ihn lieben und ihm dienen.“ Ihren Schulgefährten erklärte sie in klaren und überzeugenden Worten den Katechismus und fügte kurze, feurige Ansprachen über die Liebe Gottes und der Hässlichkeit der Sünde hinzu. Ihrem Zuhörerkreis schlossen sich auch oft erwachsene Personen an; auch sie schöpften aus den Worten des gottbegeisterten Kindes kräftige und heilsame Ermahnungen. Der Pfarrer von Cuvilly beobachtete sorgfältig die jugendliche Katechetin. Er ahnte die hohen Absichten Gottes bezüglich dieser auserlesenen Seele und leitete sie zu den Übungen der Vollkommenheit an.

 

Wegen ihres seltenen Verständnisses göttlicher Dinge und ihrer engelgleichen Reinheit wurde Julie schon mit neun Jahren zum Tisch des Herrn zugelassen und zwölf Jahre später gestattete man ihr die tägliche heilige Kommunion. So bildete der eucharistische Heiland den Mittelpunkt ihres Lebens und die sorgsame Vorbereitung der Kinder auf den schönsten Tag ihres Lebens war ein Werk des Eifers, das der nachmaligen Stifterin der Schwestern Unserer Lieben Frau besonders am Herzen lag.

 

Mit rührendem, freudigem Eifer gab sie sich allen Arbeiten hin, die im Haus oder auf dem Feld von ihr verlangt wurden. Dabei vernachlässigte sie die Übungen der Frömmigkeit nicht. Sie begann den Tag mit einer Stunde Betrachtung und dem Anhören der heiligen Messe. Tagsüber fand sie stets einige Minuten, um ihrem Heiland im heiligen Sakrament einen Besuch abzustatten. Auch ihre Unterweisungen im Katechismus setzte sie fort und besuchte, so oft sie konnte, die Armen und Kranken im Dorf. Den Sonntag brachte sie bei den Karmeliterinnen im nahen Compiègne zu, von denen sie sich auf dem Weg der Abtötung und des Opfers in die Geheimnisse des inneren Lebens einweihen ließ.

 

Die Lieblingsandachten des heranwachsenden Kindes waren die Verehrung des göttlichen Herzens und der Unbefleckten Jungfrau. Ihnen blieb die Selige ihr ganzes Leben hindurch treu und verpflichtete sich sogar im Jahr 1794 durch ein Gelübde, zur Ausbreitung der Verehrung des heiligsten Herzens Jesu und der Unbefleckten Empfängnis nach Kräften wirken zu wollen.

 

Mit dem fünfzehnten Lebensjahr regte sich in ihr der Wunsch, die vollständige Hingabe an Gott durch das Gelübde der Jungfräulichkeit zu besiegeln. So weihte sie sich mit Zustimmung ihres Beichtvaters unwiderruflich demjenigen, der die Reinheit selber und der Bräutigam der Jungfrauen ist. Zum Glanz der Jungfräulichkeit und zum Verdienst des apostolischen Eifers wollte der Herr noch die Dornenkrone des Martyriums fügen, damit ihre edle und liebeentflammte Seele durch das Feuer des Leidens vollends geläutert würde.

 

Der erste Schicksalsschlag, der sie traf, waren Unglücksfälle aller Art, durch die ihre Familie in vollständige Armut geriet. Dann wurde sie selbst von unsäglichen körperlichen Leiden befallen. Herrlich bewährte und erprobte Julie in dieser schweren Prüfungszeit von dreißig vollen Jahren die ganze Kraft ihres Charakters, die ganze Fülle ihrer Elternliebe und die ganze Glut ihrer Gottesliebe. Mit bitterem Schmerz sah sie ihre Eltern darben, und ihre kindliche Liebe steigerte sich nun bis zum Heldenmut. Zur Zeit der Ernte ging sie als einfache Tagelöhnerin mit hinaus aufs Feld und unterzog sich den beschwerlichsten Arbeiten. War die Erntezeit vorüber, so suchte sie anderswo Beschäftigung. Trotz der Anstrengungen fuhr sie fort, die Kranken zu besuchen, bei ihnen zu wachen und die Kinder im Katechismus zu unterrichten. Aus den Gebetsübungen schöpfte sie die Kraft zu diesem Leben der Hingebung und Selbstverleugnung.

 

Gott hatte Julie in ihren Angehörigen geprüft, nun wollte er auch sie selbst ans Kreuz heften. Im Jahr 1774 saß sie an der Seite ihres Vaters, als ein Schuss fiel, der aus Rache ihrem Vater galt, ihn aber nicht traf. Julie erschrak tödlich und diese heftige Gemütsbewegung war für sie der Ursprung von unerklärlichen Krankheiten. An beiden Beinen wurde sie gelähmt, schreckliche Krämpfe brachten ihr Leben in Gefahr. Doch jeden Morgen durch das Brot des Lebens gestärkt, gelangte sie zu einer außerordentlichen Gebetsweise. Täglich verbrachte sie vier bis fünf Stunden ganz in Gott versunken und unbeweglich. Ihr Antlitz strahlte dann von innerer Seligkeit. Trotz ihrer Leiden widmete sie sich ihrer Lieblingsbeschäftigung, der Auslegung des Katechismus. Um ihr Bett geschart, lauschten die Dorfkinder ihren Unterweisungen. Der Jansenismus herrschte noch immer im Norden Frankreichs und fuhr fort, in den Seelen jene falsche Furcht zu erzeugen, die sie von Gott entfernt und die Liebe in ihnen erstickt. Julie bestrebte sich, diesem trostlosen Übermaß von Strenge durch die unvergleichliche Fülle ihrer Liebe entgegen zu arbeiten. „O, wie gut ist der Liebe Gott!“ Dies war der begeisterte Gebetsseufzer, der unaufhörlich auf ihren Lippen schwebte, und jetzt nach einem vollen Jahrhundert klingt er noch nach bei ihren geistlichen Töchtern. Gleichzeitig eiferte sie für den öfteren Empfang der heiligen Kommunion. Einer Dame, die von einiger Menschenfurcht befangen war, weil sie allein zum Tisch des Herrn gehen musste, schrieb sie: „Stählen Sie sich wider die Menschenfurcht! Was können uns einige elende menschliche Augen schaden? Wie gleichgültig ist das im Licht des Glaubens gesehen! O, wenn die Menschen wüssten, wer der ist, der sich mit so großer Liebe hingibt, wenn sie die Gnade Gottes erkennten, sie würden uns um unser Glück beneiden!“

 

Der Anteil an den Arbeiten der Glaubensboten verschaffte der Dulderin den Ruhm, auch deren Verfolgungen in der Revolutionszeit zu teilen. Die Umsturzmänner ergrimmten über den Eifer der wackeren Christin, die überdies dem verfolgten, rechtmäßigen Seelenhirten eine Zufluchtsstätte zu verschaffen gewusst hatte. Auf dem öffentlichen Platz des Dorfes wurde sogar ein Scheiterhaufen errichtet, auf dem sie verbrannt werden sollte; doch gute Freunde vereitelten den Plan und brachten sie auf einem Karren unter einen Haufen Stroh nach Compiègne. Fünfmal musste sie ihre Wohnung wechseln, um sich den Nachstellungen ihrer Verfolger zu entziehen und die Sicherheit derjenigen nicht zu gefährden, die ihr ein Obdach boten.

 

Die Lage Juliens in Compiégne wurde mit der Zeit immer misslicher. Die Entbehrungen, die ihre große Armut ihr auferlegte, die beständige Sorge um ihre Sicherheit, die täglich höher steigende Not der Kirche erschütterten ihre Gesundheit noch mehr und verursachten eine Zusammenziehung der Gesichtsmuskeln, so dass sie nur mit der größten Mühe einen artikulierten Laut hervorzubringen vermochte. Ja, es gab Zeiten, wo sie sich überhaupt nur durch Zeichen verständlich machen konnte. Gleichzeitig sah sie sich jeder geistlichen Hilfe beraubt: keine Beichte, keine Kommunion mehr.

 

Gott entzog ihr auch noch die inneren Tröstungen und überließ sie der Bitterkeit einer tiefen Verlassenheit. Sie musste das Martyrium des Herzens, das Gott gewöhnlich seinen Heiligen auferlegt, durchkosten. Gleich der geheimnisvollen Blume, die man „Königin der Nacht“ nennt, öffnete sie im Dunkel der Nacht, in Trübsal und Verlassenheit den Kelch ihrer Seele weit, um zu jener mystischen Schönheit zu erblühen, zu der Gott sich in besonderer Liebe huldreich neigt. Julie umfasste das Kreuz und trug es zwei volle Jahre. Immer wieder rief sie sich die Worte zu, die sie ihren Töchtern später zu wiederholen pflegte: „Ach, wie gut ist doch der liebe Gott in seinen Prüfungen! Leben wir für ihn, sterben wir für ihn! Wenn wir vom Kreuz leben, werden wir aus Liebe sterben!“

 

Gott ließ es an Lohn nicht fehlen, indem er ihr in einem Gesicht seine Absichten offenbarte. Am Fuß eines Kalvarienberges wurde ihr eine Schar Klosterfrauen in einer ihr unbekannten Tracht gezeigt. Zugleich wurde ihr gesagt, dass diese Jungfrauen dereinst ihre geistlichen Töchter sein würden und dass der neuen Genossenschaft, die die Rettung der Jugend zum Zweck haben werde, das Kreuz der Verfolgung zuteilwerden würde.

 

Die Gräfin Beaudouis von Cuvilly, seit vielen Jahren Juliens besondere Gönnerin, berief sie im Jahr 1794 nach Amiens. Die Vorsehung machte sie in dieser Stadt mit Fräulein Franziska Blin de Bourdon bekannt, und Julie sah in ihr sofort die ihr in Compiégne prophetisch gezeigte Mitarbeiterin an dem Stiftungswerk. Beide erstrebten das gleiche Ziel: Die Förderung der Ehre Gottes und das Heil der Jugend, und so verknüpfte sie bald ein inniges Freundschaftsband. Sie führten zusammen ein Leben des Gebetes und der werktätigen Nächstenliebe. Julie nahm ihre Wohnung im Blinschen Haus. Unter dem Namen „Schwester vom heiligen Joseph“ wurde Fräulein Blin die hauptsächlichste Stütze der Mutter Julie in den zahlreichen und schweren Prüfungen, die das Entstehen der Genossenschaft begleiteten. Nach dem Tod der Stifterin wurde sie ihre Nachfolgerin im Generalat. Bald erschien die Stunde, in der Gott seine treue Dienerin endgültig ihrer großen Aufgabe zuführen wollte. Im August 1803 unternahm Julie, auf Geheiß des Pater Varin, des Oberen der Väter des Glaubens, und mit Gutheißung des Herrn Villaret, Bischofs von Amiens, die Gründung der Genossenschaft der Schwestern Unserer Lieben Frau, die dazu bestimmt ist, der Jugend das Glück einer echt christlichen Erziehung zu verschaffen. Im folgenden Jahr gab Pater Varin der jungen Kongregation eine Regel und nahm am Fest der heiligen Theresia die Gelübde der Schwestern entgegen. Dieser erste Anfang war ganz klein und unscheinbar. Die auserkorene Schar bestand nur aus wenigen jungen Mädchen, denen zwar ein aufrichtiges Streben und ein gesundes Urteil innewohnte, die jedoch gänzlich aller Vorbereitung und Ausbildung ermangelten. Mutter Julie ließ sich nicht abschrecken. „Seien wir gute Nichts“, sagte sie „dann wird der liebe Gott sein Werk mit uns aufbauen.“

 

Während Mutter Blin sich damit befasste, den ersten Schwestern einige Wissensbegriffe beizubringen, bemühte sich die Stifterin, sie mit ihrem apostolischen Hauch zu beleben und sie auf die Höhenpfade der Vollkommenheit zu führen. „Meine lieben Töchter“, sagte sie, „es gibt fast keine Priester mehr. Euer Eifer muss sich entflammen, um recht bald an der Belehrung so vieler Kinder zu arbeiten, die in der verderblichsten Unwissenheit verkommen. Und wer sind wir, dass wir uns der Seelsorge widmen dürfen? Arme, nichtige Weiblein, die zum Glaubenslehramt berufen sind. Wir müssen uns darum einer mehr als gewöhnlichen Tugend befleißen. Alltägliche Seelen sind zu nichts gut und weichliche Charaktere eignen sich nicht für unsere Genossenschaft.“ Sie verlangte die genaueste Beobachtung der Satzungen und eine gänzliche Losschälung und Entäußerung. „Ihr müsst lebendige Regeln sein; ihr seid die Angeln, um die das innere Leben unserer Gesellschaft sich dreht.“ In der Schule einer solchen Lehrmeisterin lernten die jugendlichen Seelen die rechte Art der Frömmigkeit, jene Frömmigkeit, die sich von Vertrauen und Liebe nährt, und wurden bereit gemacht, jede Prüfung mit Freudigkeit und unüberwindlichem Gleichmut anzunehmen.

 

Bald schon hatte Mutter Julie eine Schule, eine Erziehungsanstalt und eine abendliche Christenlehre eingerichtet. Die Unzulänglichkeit ihrer Mithelferinnen verdoppelte ihr Vertrauen auf Gott. „Es ist dein Werk“, sagte sie, und auf seine Hilfe rechnete sie. Die Schule füllte sich in überraschend kurzer Zeit. Im April des Jahres 1804 wurde in Amiens eine große Mission eröffnet. Pater Varin beauftragte die Schwestern Unserer Lieben Frau mit dem Unterricht der Frauen aus dem Volk und mit der Vorbereitung auf den Empfang der heiligen Sakramente. Mutter Julie verwandte einen Teil der Nacht dazu, ihren Töchtern die nötige Anleitung für diese neue Sendung zu geben und übte tagsüber den Dienst eines Missionars aus.

 

Sie entfaltete alle Tatkraft, deren ihre starke Seele fähig war, aber die Gliederlähmung hemmte sie, dem hohen Schwung ihrer Wünsche zu folgen. Es war ein Wunder erforderlich zu ihrer Heilung, die dem apostolischen Drang ihres Herzens freie Bahn gewähren sollte. Und der liebe Gott sorgte dafür. Am 1. Juni 1804 wurde sie während einer neuntägigen Andacht zum göttlichen Herzen vollkommen geheilt. Die himmlische Einwirkung war augenscheinlich und unverkennbar, so überraschend schnell und völlig war die Heilung. Die Stifterin war fortan nur noch mehr von dem Verlangen erfüllt, in neuen Arbeiten für die größere Ehre Gottes die ihr wiedergeschenkte Gesundheit zu verwerten.

 

Die beiden Gründerinnen hatten zuerst beabsichtigt, ihr aufopferndes Wirken auf den Unterricht armer Kinder zu beschränken. Allein die Unwissenheit in Dingen der Religion war bei allen Schichten der Bevölkerung eine geradezu entsetzliche. Der Grundgedanke der Genossenschaft musste daher erweitert werden und es galt, zur Befriedigung des dringenden Bedürfnisses der Seelen, Schulen für alle Stände zu eröffnen.

 

Die Genossenschaft der Schwestern Unserer Lieben Frau verbreitete sich schnell. Allerorten strömten die Kinder in Scharen zu den Schulen der Schwestern zur großen Genugtuung der Geistlichkeit wie der Eltern. Aber Julie Billiarts Gründung sollte sich wie alle im Schoß der Kirche entstandenen Werke erst im Sturm verankern und in dem Maß an Ausdehnung gewinnen, als der Feind alles Guten ihren Untergang herbeizuführen suchte.

 

Der erste Anprall galt der Generaloberin selbst. Wenig einsichtsvolle Personen suchten alles im Benehmen der Dienerin Gottes zu tadeln. An Unbilden blieb ihr nichts erspart. Selbst Verleumdungen trug man wider sie beim Bischof vor und es gelang, diesen zu täuschen. Das Unwetter tobte, doch Mutter Julie blieb ruhig, entschuldigte alles und setzte auf Gott ihr ganzes Vertrauen. „Mein Gott, wie gut bist du!“ rief sie aus. „Stärke meine Schwachheit! Nur um dies eine bitte ich, mein guter Jesus, hefte mich an dein heiliges Kreuz und halte mich daran fest; denn ich bin die Armseligkeit selbst.“

 

Die Prüfung hielt an, und jede Stunde brachte neue Verwicklungen. Die heiligmäßige Frau konnte dem allem nur ihre erhabene und heldenmütige Geduld entgegenstellen. Sie bewährte sich jetzt großmütig und stärker im Hoffen wider die Hoffnung als früher im Handeln und Leiden. Schließlich siegte, wenigstens scheinbar, die Verleumdung. Mutter Julie wurde mit ihrer Kongregation aus einer Diözese verwiesen, die ihrer guten Werke voll war. Die fromme Karawane begab sich mitten im Winter, am 15. Januar 1809, nach Belgien, am Körper große Kälte leidend, aber die Seele voll Liebesglut, Mut und Frieden. So war sie nun verbannt, doch die Liebe, die ihr Herz erfüllte, versüßte die Beschwerden. „Das ganze Erdenrund gehört dem Herrn“, so tröstete sie ihre Töchter, „wir werden überall den lieben Gott finden, um ihn zu preisen, und Seelen, um sie zu retten.“

 

Unter dem wohlwollenden Schutz des Oberhirten gründete die würdige Oberin zu Namur das Mutterhaus der Genossenschaft. Aller hemmenden Fesseln entledigt, vervielfältigte sie ihr Wirken hier in einer wunderbaren Weise. Sie hätte gewünscht, die ganze Welt mit ihrer Fürsorge umspannen zu können. In Belgien mehrten sich ihre Gründungen. Die Heilige schloss niemanden von ihrer Sorge aus, doch bevorzugte sie die Armen und Waisen. Gründungen, bei denen der Armen nicht gedacht wurde, lehnte sie ab. „Ich möchte viel lieber dieses Haus schließen und die Schlüssel an die Tür hängen“, sagte sie, „als eine einzige Anstalt ohne meine lieben armen Kinder behalten.“

 

Neben dem Wirken nach außen blieb es ihre besondere Sorge, ihre Töchter durch und durch zu heiligen, um sie zum Wirken für fremdes Seelenheil zu befähigen. Nur eine hochherzige Selbstentsagung, nur das beständige Opfer hatte Geltung in ihren Augen. Eine ihrer Grundsätze war: „Mein muss dem lieben Gott frei ins volle Zeug hineinschneiden lassen und ihm sagen: Hier, mein Gott, schneide, nimm weg, schone meiner nicht! Wenn eine Seele ihm derart die Zügel in die Hand gibt, dann veredelt und vergöttlicht der liebe Gott sie gleichsam.“

 

Mutter Juliens letzte Lebensjahre wurden mit glänzenden Erfolgen gekrönt und sie sah ihre Schöpfung sich mit wundersamer Fruchtbarkeit vermehren. Im Jahr 1812 rief der Bischof von Amiens, über den wahren Wert der Stifterin aufgeklärt, sie in seine Diözese zurück und legte weitgehende Vollmachten in ihre Hand. Jedoch sind in der Diözese Amiens keine Häuser der Genossenschaft erhalten geblieben.

 

Nach zwölfjährigen Sorgen und Mühen nahte auch für Mutter Julie der Augenblick der endgültigen Belohnung. Sie hatte gleichsam ein Vorgefühl vom baldigen Heimgang zum Vater, so sehr verdoppelte sie ihre Tatkraft und ihre Bemühungen zum Besten der Kongregation. Doch ihre Sendung war vollbracht. Während der drei letzten Monate ihres irdischen Daseins legte Gott das Kreuz des Leidens wieder auf ihre Schultern. Ihre Schmerzen waren oft fast unerträglich, aber ihre Vereinigung mit Gott blieb augenfällig. Täglich empfing sie die heilige Kommunion, das Brot der Starken. Die langen Tage des Siechtums verbrachte sie in beinahe ununterbrochenem Schweigen und innerer Sammlung. Es blieb ihr nichts mehr hinzuopfern, als der Herr sie zu sich rief. Die innere Freude über ihre baldige Auflösung brach sich in den Worten Bahn: „O Gott, wie zufrieden ist doch die Seele, wenn sie den elenden Leib verlassen darf!“ So begann der erste Tag der großen Leidenswoche 1816. Mitternacht war vorüber. Julie lag da im tiefen Gebet. Was mag wohl in diesen Augenblicken in ihrem Herzen vorgegangen sein? Sah sie die Zukunft ihrer Stiftung vor ihrem geistigen Auge enthüllt? Zeigte ihr Gott das Gute, das sie bis jetzt gewirkt und in der Folge der Zeiten noch leisten werde? In einem herzlichen Magnifikat jubelte ihre Seele auf und mit diesem Magnifikat sagte sie auch der Welt Lebewohl.

 

Ihre Seligsprechung erfolgte durch Pius X. am 13. Mai 1906.

 

„Mutter Julie war eine wunderbare Frau, die das liebeglühende Gemüt der hl. Theresia mit dem tatendurstigen Herzen des hl. Franz Xaver vereinte“, so lautete das Urteil des Bischofs Delebecque. Ihr Leben war ganz übernatürlich. In Gott allein wurzelte ihr Denken und Sein. Seine größere Ehre war die einzige Triebfeder ihrer Wünsche, und aus ihren Worten wie aus ihren Werken strahlte das himmlische Feuer, das ihr Inneres verzehrte.

 

Mutter Juliens Töchter aus dem Mutterhaus zu Namur wirken erfolgreich noch heute in Belgien, England und Amerika und seit 1924 in Japan. Im Laufe der Zeit zweigte sich, durch notwendige Zeitumstände gezwungen, die holländischen Schwestern Unserer Lieben Frau von Namur ab und gründeten ihr Mutterhaus in Amersfoort.

 

Der deutsche Zweig der Schwestern Unserer Lieben Frau wurde auf Wunsch und unter Mitwirkung des hochseligen Bischofs Johann Georg von Münster im Jahr 1850 durch zwei im Sinn des seligen Overberg wirkende Lehrerinnen in Coesfeld ins Leben gerufen. Sie empfingen die heilige Regel und erste Anleitung für das Ordensleben durch Vermittlung des damaligen Generalvikars von Münster, des späteren Kardinal-Erzbischofs von Köln, Paulus Melchers, von den Schwestern Unserer Lieben Frau von Namur-Amersfoort. So wurde denn dem deutschen jungen Stamm ein Edelreis aus Mutter Juliens Wurzel aufgepfropft. Hauptzweck auch der deutschen Genossenschaft der Schwestern unserer Lieben Frau im Sinn der Stifterin ist, den Kindern aller Stände eine gründliche standesgemäße, christliche Erziehung zu geben.

 

Vom ersten deutschen Mutterhaus zu Coesfeld in Westfalen breitete sich die Wirksamkeit der Schwestern unter Leitung der ersten Generaloberin Mutter Maria Anna Scheffer-Boichorst (1855-1872) in Westfalen, Rheinland und Oldenburg aus, bis der Kulturkampf ihrer Arbeit in fast vierzig Häusern im Vaterland 1877 ein Ende machte. Für den größten Teil der Schwestern fand die Genossenschaft unter Leitung der zweiten Generaloberin Mutter Maria Chrysostoma Heck in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, Ohio und Kentucky ein neues, noch bedeutenderes Arbeitsfeld. Als im Jahr 1887 die Rückkehr der Ordensgenossenschaften nach Deutschland gestattet wurde, entstand ein neues deutsches Mutterhaus in Mühlhausen 1888, und es eröffneten sich, den Zeitverhältnissen entsprechend, den Schwestern Unserer Lieben Frau viele neue Bahnen der Wirksamkeit. Im Juni 1925 konnte die Genossenschaft auf eine 75jährige gesegnete Wirksamkeit zurückblicken. Sie umfasst 160 Niederlassungen in fünf Ordensprovinzen: Deutschland mit Brasilien und Italien, Holland, Cleveland, Covington und Toledo, die letzten drei in den Vereinigten Staaten Nordamerikas.

 

Im Jahr 1900 wurde die heilige Regel der Schwestern Unserer Lieben Frau von Mülhausen, Bezirk Düsseldorf, durch Papst Leo XIII. endgültig approbiert.

 

Tägliche Hinopferung des eigenen Selbst im Dienst der Mitmenschen, vollkommene Hingabe an Gott mit häufigem innerem Gebetsverkehr lässt uns zu einem wahrhaft übernatürlichen Leben, zum „Wandel im Himmel“ gelangen. „Wenn wir keine Beterinnen sind, dann wird unsere Genossenschaft keinen Bestand haben. Innerliche Seelen tun uns not!“ Das war die ständige Mahnung Julie Billiarts, die am 22. Juni 1969 von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen wurde.

 

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Der heilige Dionysius, Bischof und Bekenner von Korinth,

+ 8.4.180 – Fest: 8. April

 

Der heilige Dionysius, Bischof von Korinth, blühte unter der Regierung des Kaisers Marc-Aurel. Er war einer der Hirten, die sich im 2. Jahrhundert durch ihre Tugend und Beredsamkeit am meisten auszeichneten. Sein Eifer war zu tätig, als dass er sich auf den Unterricht der seiner Obhut anvertrauten Schäflein allein hätte beschränken lassen sollen. Er schrieb noch an verschiedene Kirchen Briefe voll der apostolischen Würde. Unglücklicher Weise aber sind sie nicht bis auf uns gelangt, als bloß einige Bruchstücke in der Kirchengeschichte des Eusebius.

 

Einer dieser Briefe war an die Gläubigen zu Rom gerichtet. Der heilige Dionysius stattete ihnen darin seinen Dank ab für die ihm geschickten Almosen. „Vom Anbeginn des Christentums“, sagt er ihnen, „wart ihr gewohnt, den Gläubigen auf alle mögliche Art beizuspringen, und den Bedürfnissen mehrerer Kirchen abzuhelfen. Durch eure Freigebigkeit habt ihr für den Unterhalt der Armen und der Brüder, die in den Bergwerken arbeiten, gesorgt: und hierin habt ihr euch als Nachahmer eurer Vorfahren bewährt. Der hochselige Soter, euer Bischof, weit entfernt diesen lobwürdigen Brauch anzutasten, hat vielmehr demselben einen neuen Schwung gegeben. Er ist nicht nur besorgt, die zur Unterstützung der Gläubigen bestimmten Almosen zu verteilen, er tröstet auch noch, mit der Zärtlichkeit eines Vaters, diejenigen unter ihnen, die nach Rom kommen . . . Wir haben euern Brief gelesen, und werden ihn allzeit lesen, wie auch den von Clemens, und wenn wir ihn lesen, finden wir darin immer sehr heilsame Vorschriften (Clemens, der hier genannt wird, ist der heilige Papst dieses Namens - die zum Unterricht der Gläubigen an die Kirchen gerichteten Briefe wurden nach der heiligen Schrift und der Feier der heiligen Geheimnisse, vorgelesen).“ Hiernächst beklagt sich Dionysius, dass seine Briefe durch die Ketzer seien verfälscht worden, und sagt: „Auf die Bitten unserer Brüder, schrieb ich einige Briefe; allein sie sind verfälscht worden durch die Gesandten des Teufels, die sich darin Zusätze und Auslassungen erlaubt haben . . . Darum ist nicht zu verwundern, dass der Text der heiligen Schrift durch Verfälscher verstümmelt wurde, weil sie nicht einmal Werke von weit geringerem Ansehen verschont haben.“

 

Da die Ketzereien der ersten Jahrhunderte nicht sowohl von falschen Auslegungen der Bibel, als vielmehr von den in den Schulen der heidnischen Philosophen gangbaren Irrtümern herrührten, so waren sie meistens nur ein buntes Gemenge von Träumereien, vermischt mit einigen abergläubischen Albernheiten. Der heilige Dionysius bestritt sie, und zeigte, von welcher philosophischen Sekte eine jede ihren Ursprung hatte.

 

Er wird unter dem 29. November von den Griechen verehrt, die ihm den Namen Märtyrer beilegen, weil er vieles leiden musste für den Glauben. Indes scheint, dass er in Frieden starb. Die Lateiner verehren ihn am 8. April, aber nur als Bekenner. Als der Leichnam eines heiligen Dionysius aus Griechenland nach Rom gebracht wurde, schickte ihn Papst Innozenz III. den Benediktinern zu Saint-Denys in Frankreich. Da diese Religiosen sich schon im Besitz des Leichnams ihres Dionysius des Areopagiten glaubten, nahmen sie diesen für den Körper des heiligen Dionysius von Korinth, und begingen nachher immer dessen Festtag.

 

Man kann nicht umhin, die unerforschlichen Ratschlüsse Gottes zu bewundern, wenn man bedenkt, wie Männer, die anfänglich von den reinsten Strahlen des Evangeliums erleuchtet waren, den Glauben abschwören konnten, um sich in die abgeschmacktesten Ketzereien zu stürzen. Suchen wir jedoch die Ursache aller Irrtümer in Glaubenssachen so nirgendswo, als in dem Mangel an Herzenseinfalt. Diese, den Weltmenschen unbekannte Einfalt, ist eine wahre Weisheit, die Herz und Verstand dem Glauben unterwirft. Sie beruht auf Selbstkenntnis, auf Demut und Liebe, und ihre Feinde sind: Anhänglichkeit an das Irdische, unordentliche Liebe seiner selbst und Falschheit des Gemütes. Besitzt man diese Tugend, so genießt man eines Friedens, den nichts zu trüben vermag. Die in Gottes Schoß ruhende Seele unterwirft sich unbedingt seinem Willen, den sie in allen Stücken zu erfüllen wünscht. Die Einfalt des Herzens bereitet die Menschen vor, die göttliche Offenbarung, sobald es bewiesen ist, dass Gott gesprochen habe, anzunehmen; sie verscheucht auch die Nebel der Leidenschaften, und bewahrt den Geist vor den Finsternissen, die das Licht des Glaubens zu umdunkeln pflegen.

 

Der heilige Perpetuus, Bischof und Bekenner von Tours in Frankreich,

+ 8.4.491 – Fest: 8. April

 

Perpetuus, den man als den ersten Bischof von Tours, seit dem heiligen Gatian angibt, entstammte aus einer Senatorenfamilie, und besaß in verschiedenen Provinzen beträchtliche Güter: allein er verwandte seine Reichtümer zum Vorteil der Kirche und zur Unterstützung der Armen. Er war nicht sobald auf den bischöflichen Sitz von Tours erhoben, als er mit allen Kräften das Aufblühen der Gottesfurcht in seiner Diözese beförderte. Er hielt mehrere Synoden, worin sehr weise Satzungen abgefasst wurden. Der Heilige schrieb darin die Art und Weise vor, wie man die Vorabende der großen Festtage in den verschiedenen Kirchen der Stadt begehen musste. Er verordnete das Fasten an den Mittwochen und Freitagen, ausgenommen von dem Tag des heiligen Johannes des Täufers bis zu Ende des Augusts, von Weihnachten bis zum 14. Januar, und während der ganzen österlichen Zeit. Auch befahl er, noch an einem dritten Tag der Woche zu fasten, von dem Fest des heiligen Martinus bis Weihnachten: man glaubt, dies sei der Montag gewesen. Dem sei nun, wie ihm wolle, dieser Tag beweist das Altertum des Adventes. Diese Verordnungen wurden noch Zeit beobachtet, als der heilige Gregorius seine Geschichte schrieb, d.h. 120 Jahre nach dem Tod des heiligen Perpetuus.

 

Dieser große Diener Gottes hatte eine besondere Hochachtung für die Heiligen: er verehrte ihre Reliquien, verzierte ihre Einfassungen, und schmückte die unter ihrer Anrufung stehenden Kirchen. Jene des heiligen Martinus, die von Bricius erbaut worden war, schien ihm zu klein für die von allen Seiten dahin strömenden Gläubigen. Er ließ daher eine größere und prachtvollere aufführen. Als sie beendigt war, und er sie eingeweiht hatte, übertrug er den Leichnam des heiligen Martinus dahin am 1. Juli 473.

 

Nichts beurkundet mehr seine Liebe zu den Armen, als sein Testament, das bis zu uns gekommen ist, und das er am 1. März 475, 15 oder 16 Jahre vor seinem Tod unterzeichnete. Zuerst lässt er seinen Gläubigern alles, was sie ihm schuldig sein könnten, nach, dann vermacht er seine Büchersammlung und noch andere Gegenstände seiner Kirche, und setzte zuletzt die Armen als seine Erben ein. Der Anfang davon lautet wie folgt: „Im Namen Jesu Christi. Amen. Ich, Perpetuus, Sünder und Priester der Kirche von Tours, wollte nicht sterben, ehe ich meine letzte Willensmeinung bekannt gemacht habe, aus Furcht, die Armen möchten bei Verteilung meiner Güter vergessen werden.“ Weiter unten fährt er so fort: „O ihr, die ich in meinem Herzen trage, meine geliebten Brüder, meine Krone, meine Freude, meine Gebieter, meine Kinder, o ihr, Arme Jesu Christi, die ihr in Dürftigkeit lebt, die ihr euer Brot bettelt, Kranken, Witwen und Waisen, ich erkläre euch, nenne euch, setze euch als meine Erben ein. Mit Ausnahme dessen, worüber ich oben verfügt habe, gebe ich euch alles, was ich besitze, Felder, Triften, Wiesen, Wälder, Weinberge, Häuser, Gärten, Bäche, Mühlen, Gold, Silber, Kleider und alles. Ich will, dass gleich nach meinem Tod alle diese Güter veräußert, und der Erlös in drei Teile zerlegt werde, wovon zwei, nach der Anweisung des Priesters Agrarius und des Comes Agilo, unter die armen Männer vergeben werden, den dritten soll man der Jungfrau Dadolena einhändigen, um ihn unter die Witwen und Armen des weiblichen Geschlechtes zu verteilen.“ Der Heilige fügt noch zärtliche Mahnungen zur Eintracht und Frömmigkeit bei. Dann vermachte er noch seiner Schwester Fidia Julia Perpetua ein kleines goldenes Kreuz nebst Reliquien. Auch vermachte er Verschiedenes seinen Freunden und Priestern, dem einen ein silbernes Reliquienkästchen, dem anderen goldene oder silberne Kreuze und Kelche, und beschwur sie sämtlich, seiner eingedenk zu sein in ihren Gebeten.

 

Der heilige Perpetuus starb am 30. Dezember 490, oder am 8. April 491. Florus und andere alte Martyrologien geben den ersten Tag an. Usuard und das römische Martyrologium aber den zweiten. Dieser heilige Bischof hatte das Bistum Tours 30 Jahre regiert. Er wurde in der Kirche des heiligen Martinus beigesetzt. Der Verfasser seiner Grabschrift und der heilige Sidonius Apollinaris erteilten ihm die herrlichsten Lobsprüche. Der erste stellt ihn dem großen heiligen Martinus gleich, und der zweite sagt, er habe dessen Tugenden getreulich nachgeahmt.

 

Der heilige Walter, Abt und Bekenner zu St. Martin bei Pontoise in Frankreich,

+ 8.4.1099 – Fest: 8. April

 

Dieser Heilige wurde geboren in dem Dorf Andainville, in der Picardie. Da er aus Liebe zur Buße die Welt verlassen hatte, trat er in den Orden des heiligen Benedikt in die Abtei Rebais in der Diözese Meaux ein. Im Jahr 1060 zog man ihn aus seinem Kloster hervor und übergab ihm die Leitung der Abtei St. Germain bei Pontoise, die hernach den Namen St. Martin annahm. Sie war kurz vorher durch die Grafen von Amiens und Pontoise gestiftet worden: der Heilige war der erste Abt.

 

Walter stand immer in hohen Ehren bei dem König Philipp I. und den angesehensten Personen des Reiches. Allein diese Ehrenbezeigungen betrübten seine Demut. Er nahm mehrere Male die Flucht, um sich den Gefahren der Eitelkeit zu entziehen. Er wurde aber entdeckt und in sein Kloster zurückgeführt, das er auf Befehl des Papstes nicht mehr verlassen durfte. Er schloss sich in eine kleine Zelle ein, wo er in der Übung der strengsten Abtötungen, und in beständigem Gebet und Beschaulichkeit lebte. Er ging nie aus, als um die Pflichten seines Amtes zu erfüllen, oder den niedrigsten Verrichtungen der Gemeinde sich zu unterziehen. Er befolgte treu die Regel, die er sich vorgeschrieben hatte, nämlich jeden Tag noch etwas über seine gewöhnlichen Abtötungen zu tun, um sich fortwährend an die Pflicht zu erinnern, auf der Tugendbahn immer weiter fortzuschreiten.

 

Da er den wahren Grundsätzen unwandelbar zugetan war, widersetzte er sich standhaft einigen Simoniegewohnheiten, die von mächtigen Männern verfochten wurden. Sein Eifer zog ihm Verfolgungen zu, die seine Geduld aber nur in ein desto helleres Licht stellten.

 

Der heilige Walter starb am 8. April 1099. Da die Bischöfe von Rouen, Paris und Senlis die Echtheit mehrerer durch seine Fürbitte gewirkten Wunder bestätigt fanden, erhoben sie seinen Leichnam, und übertrugen ihn den 4. Mai 1153 an einen ehrenvolleren Ort. Der Abt Walter Montagu veranstaltete eine zweite Übertragung im Jahr 1655, und schmückte die Kapelle des Heiligen prächtig aus.

 

9. April

 

Die heilige Waldetrudis, Gründer-Äbtissin von Mons, Hennegau,

+ 9.4.688 – Fest: 9. April

 

Die heilige Waldetrudis, Benediktinernonne und Klosterstifterin zu Mons (Bergen) in Hennegau, war die Tochter des Grafen Walbert und seiner heiligen Gemahlin Berthilda und die älteste Schwester der heiligen Adelgundis. Ihre Eltern vermählten sie mit dem Grafen Maldegar von Hennegau, einem der Vornehmsten am Hof des Frankenkönigs Dagobert. Nachdem sie Mutter von zwei Söhnen und zwei Töchtern geworden war, beredete sie ihren Gatten zur Trennung, auf dass beide sich ungeteilt dem Dienst Gottes weihen könnten. Maldegar wurde Mönch im Kloster Hautmont bei Maubeuge und prangt heutzutage noch unter den in Flandern verehrten Heiligen mit dem Namen Vincenz von Soignies. Waldetrudis blieb noch zwei Jahre in der Welt und übte sich unter der Leitung des heiligen Abtes Guislen in allen Werken der Frömmigkeit und Barmherzigkeit, besonders in der Milde gegenüber den Armen und Gefangenen. Als sie endlich von allen Banden der Pflicht sich entledigt sah, nahm sie aus den Händen des heiligen Bischofs Aubert von Cambrai den Schleier und erbaute sich eine Zelle an einem abgeschiedenen Ort, Castriloc genannt. Bald schlossen mehrere gleichgesinnte Frauen sich ihr an, um die Beschwerden und Freuden des Ordenslebens mit ihr zu teilen. So bildete sich unter der Waltung der Heiligen eine Klostergemeinde, die später zu einem königlichen Damenstift erhoben wurde. Waldetrudis war einzig mit ihrer Vervollkommnung beschäftigt und strebte mit allen Kräften nach den Tugenden der Demut und Abtötung. Gott verlieh ihr die Gabe der Wunder, die sich besonders an Kranken erprobte. Über harte Prüfungen und alle übrigen Feinde ihres Heils obsiegend entschlief sie sanft und selig am 9. April 688. Ihre Reliquien befinden sich in der Kirche ihres Namens. Der Ort ihrer Niederlassung wurde später Mons genannt, jetzt eine bedeutende Stadt, die mit ganz Hennegau die Heilige als Patronin erkennt.

 

Der heilige Eupsychius, Blutzeuge von Cäsarea,

+ 9.4.362 – Fest: 9. April

 

Als Julian der Abtrünnige nach Antiochia sich begab, reiste er über Cäsarea, die Hauptstadt von Cappadocien. Es kränkte ihn sehr zu sehen, dass fast alle Einwohner Christen waren, und zu vernehmen, dass sie den Tempel der Fortuna, das einzige Überbleibsel des Heidentums, niedergerissen hatten. Seine Rache entlud sich auf die ganze Stadt: er strich sie aus der Zahl der Städte, und wollte, dass sie mit ihrem ehemaligen Namen Mazaca benannt werde, indem er ihr den Namen Cäsarea, den sie von Tiberius erhalten hatte, nahm. Er beraubte zugleich die Kirchen der Stadt und Umgegend aller ihrer Besitzungen, und auf dass mit diesen Gütern keine Unterschleife geschähen, wandte er verschiedene Folterarten an, um die Gläubigen zu zwingen, sie anzugeben. Er legte den Laien sehr drückende Auflagen auf, und ließ die Geistlichen unter das verworfenste Soldatengesindel der Provinz einreihen. Doch dies war noch nicht alles: auch mehrere Christen verloren ihr Leben für die Religion. Unter denjenigen, die den Glauben mit ihrem Blut besiegelten, befand sich auch Eupsychius, aus einer sehr angesehenen Familie, der seit kurzem in den Ehestand getreten war.

 

Auch hatte der Kaiser den Christen befohlen, die Götzentempel wiederaufzurichten. Sie aber, statt zu gehorchen, erbauten dem wahren Gott eine Kirche, unter der Anrufung des heiligen Eupsychius. Acht Jahre später, am 8. April, feierte der heilige Basilius in dieser Kirche das Fest dieses heiligen Blutzeugen. Er lud alle Bischöfe aus Pontus dazu ein in einem Brief, den wir noch besitzen.

 

Der heilige Hugo, Bischof und Bekenner von Rouen in Frankreich,

+ 9.4.730 – Fest: 9. April

 

Hugo, ein Sohn Drogons, des Grafen oder Herzogs von Champagne, und Adeltruds, einer Tochter des Majordomus Waraton, war Geschwisterkind mit dem König Pipin. Ihre Großmutter Ansfleda, die ihn auferzog, flößte ihm frühzeitig große Verachtung für zeitliche Dinge ein. Er wurde Mönch zu Fontenelle oder zu Júmiege, und beschenkte diese beiden Klöster mit beträchtlichen Gütern. Im Jahr 722 wurde er auf den Metropolitansitz von Rouen erhoben. Auch musste er die Diözesen Paris und Bayeux, wie auch die Abteien Fontenelle und Júmiege, regieren. Er besaß nicht aus Ehrsucht oder Geiz zugleich mehrere Beneficien, sondern seine einzige Absicht ging dahin, als er sie annahm, zu verhindern, dass keine Weltliche, an die man diese zu vergeben bereits schon begonnen hatte, ihre Güter vergeuden konnten: übrigens verwendete er alle Einkünfte zu gottseligen Werken. Umsonst also würde man durch sein Beispiel den Besitz mehrerer Beneficien rechtfertigen wollen. Dies ist ein wirklicher Missbrauch, es sei denn, dass er sich auf die Wallfahrt der Kirche oder andere wichtige Ursachen stützt. Der heilige Hugo starb zu Júmiege am 9. April im Jahr 730. An diesem Tag wird er im römischen Martyrologium genannt.

 

Der heilige Gaucherius (auch Valcarius), Prior von Aureil in Frankreich,

regulirter Chorherr in der französischen Provinz Limousin,

+ 9.4.1130 – Fest: 9. April

 

Dieser Heilige war aus Meulan, einem Städtchen an der normannischen Grenze. Er verließ sein Vaterland im 18. Jahr mit einem gewissen Germon, und zog nach Limousin. Er hielt sich da auf an einem abgelegenen Ort, der nun den Namen Chavagnac führt, und lebte mit seinem Genossen drei Jahre in den Übungen des Gebetes und der Buße. Von dort gingen sie in ein nahes Gehölz, Aureil genannt, und stifteten zwei Klöster, das eine für das männliche und das andere für das weibliche Geschlecht, unter der Regel der regulirten Chorherren des heiligen Augustinus, die Papst Alexander II. im Jahr 1063 gutgeheißen hatte. Der Zweck dieser Regel war, unter den Geistlichen, besonders unter den Kanonikern, eine Verbesserung zu erwirken. Durch seine Reden und Tugendbeispiele erhob der heilige Valcar seine Jünger zu einer hohen Vollkommenheit. Er stand in sehr enger Verbindung mit den Chorherren von Limoges und mit dem heiligen Stephanus von Múret oder Grandmont, dessen Einsiedelei nicht weit von Aureil entfernt war. Er starb an einem Sturz den 9. April 1130, im 80. Jahr seines Alters. Papst Cölestin III. sprach ihn 1194 heilig. Er wird an diesem Tag zu Aureil und Meulan verehrt.

 

10. April

 

Der heilige Macarius, Erzbischof zu Antiochia,

+ in Gent, Belgien, 10.4.1012 - Fest: 10. April

 

Der heilige Macarius war das Kind edler und reicher Eltern aus Armenien. Der damalige Bischof von Antiochia, sein naher Verwandter, hob ihn aus der Taufe und nahm ihn noch sehr jung zu sich unter seine fromme Obsorge. Macarius zeigte bald viele Fähigkeiten, scharfen Verstand, ausgezeichnete Gelehrigkeit und ein zu allem Guten geneigtes Gemüt. Er machte daher unter der Anleitung seines Paten große Fortschritte, sowohl in den Kenntnissen, als auch in der Tugend und Frömmigkeit, so dass der Bischof nicht zweifelte, es habe Gott ihn zu einem vorzüglichen Werkzeug seiner heiligen Kirche erkoren. Demnach weihte er ihn, als er herangewachsen war, mit Freuden zum Priester. Wunderbar wirkten jetzt in Macarius die Gnaden, die ihm der Heilige Geist bei Erteilung der Priesterwürde gespendet hatte. Seine andauernde Liebe zum Studieren und zur Einsamkeit, sein heiliger Lebenswandel und sein großer Seeleneifer machten ihn zum wahren Muster der Geistlichkeit. Darum wurde er auch nach dem Tod des Bischofs einmütig zu dessen Nachfolger erwählt und geweiht. So unwürdig er sich selbst dieses hohen apostolischen Berufes hielt, so vollkommen entsprach er demselben. Wie ein Licht auf den Leuchter gesetzt, legten sich seine Tugenden erst jetzt vor den Menschen recht an den Tag. Sein größtes Streben ging dahin, treu seinem Hirtenamt, möglichst viele unsterbliche Seelen für Christus zu gewinnen und seinem himmlischen Schafstall zuzuführen. Er unterrichtete und predigte fast täglich, besuchte die Kranken persönlich, gab den größten Teil seiner Einkünfte den Armen und lebte sehr einfach in strenger Abtötung seiner selbst. Nichts war für ihn so schmerzlich, als wenn er sah, dass Gott durch böses Tun beleidigt werde; daher wendete er allen Fleiß an, die Sünde bei anderen zu verhindern. Seine eigenen Fehler, obwohl sie nur gering waren, bereute er täglich und weinte über sie und opferte Gott dafür und für die Sünden anderer viele Bußwerke auf. Seine Andacht beim Gebet war so groß, dass er es selten verrichtete, ohne dabei Tränen zu vergießen. Da er die Tränen mit einem eigenen Tüchlein abzutrocknen pflegte, ergriff dieses, wie man erzählt, eines Tages ein mit einem scheußlichen Aussatz Erkrankter und berührte damit vertrauensvoll seine Geschwüre. Und siehe, im gleichen Augenblick war die Krankheit verschwunden und der ganze Leib heil und rein. Dieses Wunder wurde bald in der ganzen Stadt bekannt und es kamen viele andere Kranke zu dem heiligen Bischof und erhielten durch sein Gebet die Gesundheit wieder. Dadurch wurde sein Name in der Nähe und Ferne immer größer und ihm von den Menschen immer mehr Ehre zu Teil. Aber dem demütigen Gottesmann, der nur für seine eigenen Fehler Augen hatte und sich für den armseligsten der Sünder hielt, fiel eine solche Auszeichnung sehr lästig, und bald wurde sie ihm ganz unerträglich. Um dem auszuweichen, beschloss er, seine bischöfliche Würde niederzulegen, übertrug sein Hirtenamt einem gottseligen Priester, mit Namen Eleutherius, teilte seine Habe unter die Armen aus und verließ dann ganz in der Stille, nur von einigen Geistlichen begleitet, Antiochia.

 

Er nahm den Weg in das gelobte Land und besuchte dort als büßender Pilger andächtig die heiligen Orte. Damals war Palästina zum größten Teil unter der Gewalt der mohammedanischen Sarazenen und Macarius fand daher vielfach Gelegenheit, dem Evangelium Jesu Christi Zeugnis zu geben und dessen heiligsten Namen zu verkünden. Und er tat das mit apostolischer Unerschrockenheit und mit solchem Eifer und Nachdruck, dass viele der Ungläubigen durch ihn zum Christentum gebracht wurden. Hierdurch zog er sich aber große Prüfungen und Leiden zu. Denn die Sarazenen, ärgerlich über den Abfall der Ihrigen, verfolgten ihn von Ort zu Ort, brachten ihn schließlich in ihre Gewalt und warfen ihn in den Kerker. Weil er aber auch da nicht aufhörte, die christliche Wahrheit zu predigen, so spannten sie ihn, zur Verspottung seiner Lehre vom gekreuzigten Heiland, auf der Erde kreuzweise aus, hefteten ihm Hände und Füße mit Stricken an eingeschlagene Nägel und legten ihm einen durchglühten Stein auf die Brust, um ihn so eines langsamen Todes sterben zu lassen. Der Heilige ertrug diese grausame Marter mit unerschütterlicher Standhaftigkeit und der Herr, der die Seinen aus aller Not zu retten vermag, war wunderbar mit ihm. In der Nacht wurde der Kerker mit himmlischem Glanz erfüllt und ein Engel löste ihn aus den Banden, wie einst den heiligen Petrus, und gebot ihm, seinen Pilgerstab, wie ihn der Herr führen werde, weiter zu setzen. Zu gleicher Zeit öffnete sich die Tür des Gefängnisses und Macarius verließ es und die Stadt, ungehindert von den zahlreichen Wachen.

 

Gott gab ihm ein, sich in Richtung Abendland zu wenden. Er ging nach Italien, durchwanderte dieses Land und kam, über die Alpen steigend, nach Bayern, überall seinen Weg mit himmlischem Segen und Wunderwerken bezeichnend. In Bayern entwendeten ihm die Diener eines Edelmannes, bei dem er wohnte, sein Schweißtüchlein, weil sie hofften, damit Wunder wirken und sich schweres Geld verdienen zu können. Bals aber empfanden sie die Strafe Gottes, denn sie erkrankten plötzlich schwer und erhielten ihre Gesundheit nur durch das Gebet des Heiligen wieder. Auch nach Köln kam Macarius und befreite hier seinen Wirt und der Fallsucht. Zu Mecheln löschte er durch das bloße Zeichen des heiligen Kreuzes eine Feuersbrunst. In Cambrai öffneten ihm, so wird berichtet, die Engel selber die Tür der Kirche. Traf er in den Orten, wo er einkehrte, Unruhe und Zwietracht, so bot er alles auf, Versöhnung und Frieden zu stiften, und manche Stadt, in welche er durch sein Gebet und seine weise Vermittlung Ruhe gebracht, segnete noch lange danach sein Andenken. Überall besuchte er die Gräber und Reliquien der Heiligen. Die Heiligen selbst verehrte und rief er täglich in allen Vorfällen an, und er erlangte auch immer von Gott, was er durch die Fürbitte der Heiligen erbat.

 

Von seinen Gefährten lebten noch drei und mit denen gelangte er im Jahr 1011 in die Stadt Gent. Er begab sich in das Kloster des heiligen Bakon und wurde von Abt Erembold lieb und gastfreundlich empfangen. Ein volles Jahr verbrachte er hier und wurde durch seine Tugenden die Erbauung und das Vorbild aller Mönche. Im Frühling des nächsten Jahres gedachte er wieder heim zu ziehen in das Morgenland. Aber es war der Ratschluss Gottes, dass er seine Heimat nie mehr sehen sollte. Der Heilige hatte schon den Weg angetreten, als eine heftige Krankheit ihn ergriff und ihn zwang, sich wieder in das Kloster zurücktragen zu lassen. Nach wenigen Tagen wurde er wie durch ein Wunder wieder gesund, und es wird auch behauptet, es habe ihn eine Erscheinung vom Himmel geheilt. Als er sich aber ein weiteres Mal reisefertig machte, wurde er von einer pestartigen Seuche angesteckt, die damals in jener Gegend wütete. Er sollte gleichsam das Opfer für die übrigen Bewohner sein; denn er selbst sagte voraus, dass bei seinem Tod die Pest aufhören werde. Und so geschah es auch. Macarius starb am 10. April 1012. Da an seinem Grab viele Wunder geschahen, wurde fünfzig Jahre danach sein heiliger Leib mit großer Feierlichkeit erhoben. Er wird zu Gent noch jetzt in hoher Verehrung gehalten.

 

Der heilige Paternus, Inkluse von Abdinghof bei Paderborn,

+ 10.4.1058 – Fest: 10. April

 

Überzeugt von der segensreichen Wirksamkeit des Benediktinerordens, baute der heilige Bischof Weinwerk in Paderborn das prächtige Kloster Abdinghof, dessen Grundstein im Jahr 1015 gelegt wurde, das aber mit dem Tempel erst 1031 vollendet und am 2. November feierlich eingeweiht wurde. Unter den ersten Insassen dieses Klosters wird rühmlichst genannt der Mönch Paternus, der seine Heimat in Schottland verließ und voll Liebe zu beständiger Einsamkeit sich die Gnade erbat, neben Abdinghof eine kleine Zelle zu bauen, um völlig getrennt vom Umgang mit Menschen, mit Gott allein in Gebet und Betrachtung zu verkehren. Hier lebte er viele Jahre in seiner Klause.

 

Vom göttlichen Geist erleuchtet und ermahnt verkündete er eins nicht nur dem Bischof, sondern auch der ganzen Stadt, Paderborn würde, wenn es nicht durch schleunige und aufrichtige Buße den Zorn Gottes besänftige, innerhalb dreißig Tagen durch eine furchtbare Feuersbrunst zugrunde gehen; es sei Zeit, dass sich die Einwohner ihrer Frevel enthielten und sich unverzüglich mit reuigen Herzen zu Gott wendeten. Es sei kein anderer Weg, um die drohenden Strafgerichte von ihrem Nacken fern zu halten. Die Übermütigen verlachten solche Drohungen und meinten, der Einsiedler leide am Wahnsinn. Die alten lasterhaften Gewohnheiten dauerten fort, man dachte nicht an Besserung der Sitten, bis der von Gott angekündigte, verhängnisvolle Tag kam – es war der 10. April, am Freitag vor Palmsonntag des Jahres 1058. Da brach an sieben Stellen der Stadt zugleich ein mörderisches Feuer aus, verbreitete sich mit Riesenschritten über alle Häuser und Gebäude, ergriff die Domkirche zugleich mit dem benachbarten Kloster Abdinghof und beraubte sie des Daches, während Meinwerks fester Steinbau unverletzt blieb. Das Kloster aber flammte mit seinem Gebälk und seiner inneren Einrichtung bis auf geringe Reste auf; nur das Haus- und Kirchengerät, das auf den Rat des heiligen Paternus vorher in Sicherheit gebracht wurde, wurde gerettet.

 

Schon züngelte die gierige Flamme um die kleine Zelle des heiligen Klausners. Die Ordensbrüder baten und beschworen ihn, schleunigst den Flammen zu entfliehen und sein Leben zu retten, er aber, auf seiner Matte kniend und inbrünstig zu Gott betend, ließ sich nicht bewegen, sein Gott gemachtes Gelübde zu brechen, und vertraute, Gott werde ihm seine Klausur erhalten oder, wenn es sein heiliger Wille ist, ihm in den reinigenden Flammen einen seligen Tod verleihen. In wenigen schrecklichen Minuten verzehrten die Flammen die Klause samt seinem Bewohner.

 

Dass Gott dieses Brandopfer christlichen Heldenmutes und heiligen Gelübdes nicht missfallen habe, geht aus dem wunderbaren Umstand hervor, dass die Flammen zwar die ganze Zelle mit dem heiligen Klausner verzehrten, aber die Strohmatte, auf der Paternus vor seinem Altärchen zu knien pflegte, völlig unversehrt ließen. Sechzehn Tage nach dem furchtbaren Brand kam der Schriftsteller Marianus Scotus von Köln nach Paderborn und kniete zwischen den Trümmern betend auf der Matte, auf der der heilige Paternus den Tod des Verbrennens erlitten hatte. Und durch dieses augenfällige Wunder wurde er so gerührt, dass er sogleich ein gleiches Einsiedlerleben begann, und zuerst zehn Jahre zu Fulda, darauf siebzehn Jahre zu Mainz im St. Martinskloster als Eingeschlossener lebte.

 

Der heilige Paternus

 

Schwarze Wolkenberge jagen

Vor dem jähen Wirbelsturme,

Donner rasseln, Blitze züngeln

Auf den Dächern, auf dem Turme.

 

Weh! Soll Paderborn vergehen

Heut‘ in Rauch und Feuerflammen?

Glocken schmilzen und des Domes

Dach fällt krachend schon zusammen.

 

Auch in Abdinghof, dem Kloster,

Wälzen sich die Feuersäulen

Riesenhaft von Fach zu Fache

In des Wettersturmes Heulen!

 

Alles flüchtet mit Entsetzen

Von dem Ort der Angst und Schrecken,

Wo die Feuerzungen gierig

Am Gebälk der Zellen lecken.

 

Nur Paternus, Odos Jünger,

Kniet noch in der kleinen Zelle

Vor dem Bildnis des Erlösers

In der Flammengluten Helle.

 

Seine Brüder rufen zitternd:

„Säumst du noch? Fort, dich zu retten,

Ehe dich in jähem Ansturm

Flammenglut und Trümmer betten!“

 

Doch Maternus auf der Matte

Kniend und von Glanz umflossen,

Achtet nicht der Brüder Bitten,

Fleht, in Andacht hingegossen:

 

„Herr des Himmels! Dir gelobt ich,

Nie die Zelle zu verlassen,

Bis des Todes dürre Rechte

Mich erlösend würd‘ erfassen.

 

Willst du mich in Flammen läutern,

Vater, so gescheh‘ dein Wille!

Loht, ihr heil’gen Flammen, lohet

Und verzehrt die nicht’ge Hülle!

 

Was dem Staube ward entnommen,

Mag dem Staube auch verfallen!

Meine Seele wird geläutert

Dann zu ihrer Heimat wallen!“

 

Sprach’s. Da brachen in die Zelle

Dichter Qualm und rote Flammen

Und verzehrten unersättlich

Holz und Halmendach zusammen.

 

Unversehrt vom Feuer blieb nur

Jene strohgeflocht’ne Matte,

Drauf der fromme Klosterbruder

Sterbend noch gebetet hatte.

 

Der heilige Bademus, Abt und Märtyrer in Persien,

+ 9.4.376 – Fest: 10. April

 

Bademus, aus einer reichen und adeligen Familie entsprossen, war aus Bethlapet, einer Stadt in Persien. Entbrannt von Begierde, sich ganz dem Dienst Gottes zu weihen, erbaute er nahe bei seinem Geburtsort ein Kloster, dem er mit hohem Ruf der Heiligkeit vorstand. Er lebte in der größten Herzensreinigkeit, und die Anmut seiner Tugenden war so einnehmend, dass diejenigen, die sich ihm näherten, zur Liebe Gottes innerlich sich hingezogen fühlten. Er wachte ganze Nächte durch, und brachte oft mehrere Tage nacheinander zu, ohne etwas zu essen. Wasser und Brot war seine gewöhnliche Nahrung. Seine Mönche, die er mit ebenso großem Eifer, als Sanftmut und Liebe leitete, machten schnelle Fortschritte auf den Wegen der Vollkommenheit. Er aber kostete jenen Frieden, den eine treue Seele in der Einsamkeit findet, und von dem die Weltmenschen sich keinen Begriff zu machen im Stande sind.

 

Indes wollte Gott seine Tugend durch Prüfungen krönen. Er wurde mit sieben seiner Jünger im 36. Jahr der vom König Sapor aufgeregten Christenverfolgung gefangen genommen. Man warf ihn, mit Ketten beladen, in einen schauderhaften Kerker, wo er vier Monate blieb. Während dieser ganzen Zeit empfing er täglich eine bestimmte Zahl Geißelstreiche, die er mit Geduld und Freude aushielt. Nersan, Fürst aus Asien, und ein Gewaltiger am Hof des Königs, war eben auch im Gefängnis, weil er sich geweigert hatte, die Sonne anzubeten. Unglücklicher Weise aber sank sein Mut: der Anblick der Folter schreckte ihn, und er versprach alles zu tun, was man von ihm verlangte. Sapor, um sich von der Aufrichtigkeit seiner Umänderung zu vergewissern, bediente sich folgenden Mittels. Er befahl, Bademus nach Lapet zu bringen, und ihn ins Zimmer zu führen, worin Nersan gefangen war. Man gab dem Abtrünnigen ein Schwert in die Hand, mit dem Befehl, den Heiligen zu durchbohren, und fügte noch bei, dies sei das einzige Mittel, seine Freiheit und vorige Ehrenstelle wieder zu erlangen. Nersan nahm die Bedingung an, und hob den Arm, um den Mordstahl dem heiligen Bademus in die Brust zu stoßen. Er vermochte es aber nicht. Eine plötzliche Furcht bemächtigte sich seiner Seele, und fesselte ihn in starre Unbeweglichkeit.

 

Der Diener Jesu Christi, der nach dem Martertod seufzte, sah ihn an und sagte: „Unglücklicher! Siehst du denn den Abgrund nicht, in den dich dein Abfall stürzt. Ich eile mit Freuden dem Tod entgegen. Ich möchte ihn, aber von einer anderen als von deiner Hand empfangen. Ach, dass gerade du mein Mörder sein musst.“ Anfänglich hatte Nersan weder Mut, seinen Frevel auszuführen, noch ihn zu bereuen. Dennoch ermutigt er sich, und stieß auf den Heiligen mit zitternder Hand: allein seine Ungeschicklichkeit, veranlasst durch das Gefühl eines mit Scham und Ehrfurcht gegen den Heiligen gemischten Schreckens, ließ ihn nicht sogleich seinen Zweck erreichen. Die Umstehenden sahen nicht ohne Bewunderung die Geduld des heiligen Bademus, dessen Körper ganz mit Wunden bedeckt war, und verabscheuten die Grausamkeit seines Mörders. Endlich richtete er seinen Streich auf den Hals des Heiligen und hieb ihm den Kopf ab: allein er fühlte bald die Wirkung der göttlichen Rache. Nach einiger Zeit fiel er in des Kaisers Ungnade, und verlor das Leben durch einen qualvollen Tod, mit tausend Verwünschungen belastet. Ein schönes Beispiel für diejenigen, die den Versprechungen einer trügerischen Welt ihre Religion aufopfern!

 

Der Leichnam des Heiligen wurde von den Ungläubigen vor die Stadt hinausgeschleppt. Die Christen aber nahmen ihn heimlich weg und erstatteten ihm die Ehren des Begräbnisses. Vier Jahre nachher, als König Sapor gestorben war, wurden seine Jünger in Freiheit gesetzt. Bademus litt am 9. April, im Jahr 376 der christlichen Zeitrechnung, und dem 67. Der Regierung Sapors. Die Griechen feiern sein Fest am 10. April.

 

Die Perser und Syrer nannten die Mönche Weiner, wegen des Geistes der Zerknirschung, in dem sie lebten, und weil sie die strengen Bußübungen vollkommener als andere Christen beobachteten. Einige Jahrhunderte hindurch nannte man sie im Morgenland oft Engel, weil ihre Hauptbeschäftigung war, das Lob Gottes zu singen, und die Beschauung himmlischer Dinge obzuliegen, und weil sie auch, durch gewissenhafte Erfüllung ihrer Pflicht, auf Erden gleichsam die Stelle der Himmelsboten vertraten. In der Tat, eine Seele, die von Liebe flammt, wird sozusagen ein Himmel, in dem der Herr seine Wohnung aufschlägt. Sie kann also, ohne aus sich selbst hinaus zu gehen, sich mit Gott unterhalten. Ihre Armut und Niedrigkeit machen sie nicht mutlos, sie weiß, dass Gott sie einladet mit ihm zu reden, und dass er sich gerne mit jenen, die ihn suchen, unterhält. O wer vermöchte die unaussprechlichen Süßigkeiten zu begreifen, die eine mit Gott innigst verbundene Seele verkostet! Die Weltlinge fragen, was Menschen ihr ganzes Leben lang in der Einöde wohl tun, wie sie sich so lebendig vergraben mögen. Die aber das Glück der wahren Einsiedler versucht haben, fragen auch ihrerseits die Weltlinge, wie Menschen, die für den Himmel geschaffen sind, in beständiger Zerstreuung leben mögen, ohne an ihren Gott zu denken, dessen Gegenwart die Auserwählten eine ganze Ewigkeit hindurch beglücken wird.

 

Der heilige Fulbert, Bischof und Bekenner von Chartres in Frankreich,

+ 10.4.1029 – Fest: 10. April

 

Der Name Fulbert (Er war einer der berühmtesten Prälaten und Kirchenlehrer des 11. Jahrhunderts, und wird von den meisten Schriftstellern in die Zahl der Heiligen aufgenommen. Unter dem Namen eines Heiligen findet man ihn auch in einigen Martyrologien, und es kann nicht geleugnet werden, dass ihn die Katholiken als solchen öffentlich anerkennen. Nur wundern sich einige darüber, dass sein Andenken zu Chartres nicht feierlich begangen wird, da er doch vor den Zeiten lebte, als die neuere Art zu kanonisieren üblich wurde, und dass ihn der Kardinal Baronius, bei allem Glanz, den er durch seine Wissenschaften und seine Frömmigkeit in der Kirche verbreitete, dennoch im römischen Martyrologium ausgelassen hat, obgleich er seiner Heiligkeit in seinen Annalen rühmlichst Erwähnung tut. Nichts desto weniger findet man seinen Namen in den Litaneien der Kirche von Poitiers, die zur Zeit Urbans VIII. vom Bischof L. Chateignier von Rochepozay verfertigt wurden. Sein Lob wurde auch in das Martyrologium von Frankreich von Saussay eingeschaltet und in das Menologium der Benediktiner von Bucelin.) brachte einige zu der Meinung, er sei von Geburt ein Franzose gewesen, und nach seiner vortrefflichen Erziehung wollte man schließen, dass er aus irgend einer edlen und reichen Familie entsprossen sei: jedoch bezeugt er selbst, dass er von niederem Herkommen sei, arme Eltern gehabt habe, und aus dem Staub auf den Lehrstuhl erhoben worden ist. Andere halten ihn für einen Italiener oder geben doch eine vom König unabhängige Provinz als seinen Geburtsort an.

 

Wenn er auch von italienischer Herkunft war, so kann man für gewiss annehmen, dass er in seiner frühesten Jugend nach Frankreich gekommen ist. Hier fand er sogleich durch eine besondere Zulassung Gottes geschickte Lehrer, die sich mit aller Liebe seiner annahmen und ihn mit der größten Sorgfalt in allen Wissenschaften unterwiesen: seinerseits brachte er die herrlichsten Anlagen mit, wodurch er bald den Ruf des gelehrtesten Mannes seines Jahrhunderts sich erwarb, und als der Wiederhersteller der Wissenschaften und der Gottesgelehrtheit angesehen wurde. Mit diesen ausgezeichneten Geistesgaben verband er eine besondere Frömmigkeit, die ihm bald die allgemeine Achtung und Hochschätzung verschaffte. Unter seinen Freunden zählte er auch den berühmten Gerbert, der sein Lehrer in der Philosophie und Mathematik war, und der, nachdem er der Lehrmeister von Robert, Sohn und Nachfolger des Königs Hugo Capet, gewesen war, zu Ende des 10. Jahrhunderts Papst wurde, und den Namen Sylvester II. annahm. Während der Regierung Sylvesters und nach aller Wahrscheinlichkeit auf sein inständiges Bitten, verließ Fulbert den Lehrstuhl, wo er mit großem Erfolg die Philosophie vorgetragen hatte, um nach Rom zu reisen. Man staunte überall über seine Weisheit und Mäßigung sowohl, als über seine Geisteskraft und seinen Scharfsinn. Mit dem besonderen Beistand Gottes wusste er sich vor dem Verderbnis der Zeit zu bewahren, dem seine Sitten und die Gesellschaft von Männern, die im Irrtum lebten, ausgesetzt waren.

 

Bei seiner Rückkehr wurde er der Abtei Ferrieres, einem Ordenshaus des heiligen Benedikt, vorgesetzt. Wir haben Ursache zu glauben, dass unser Heiliger sich vor seiner Abreise in ein Kloster begeben hatte, um sich auf das Klosterleben vorzubereiten, und dass er, wie sein Lehrer Gerbert, die Regel des heiligen Benedikt annahm. Als Abt des Klosters Ferrieres machte er Bekanntschaft mit dem heiligen Abbo, Abt von Fleury oder St. Benedikt an der Loire, den er zu Rom gesehen hatte, und der nachher in Gascogne, zufolge eines Aufstandes der Mönche, den Martertod erlitt.

 

Einige Zeit darauf wurde Fulbert Kanzler der Kirche von Chartres und eröffnete hier eine berühmte Schule für die Theologie, wo sein glänzender Ruf ihm von allen Seiten Schüler zuführte, die, nachdem sie selbst bedeutende Fortschritte in den verschiedenen Wissenschaften gemacht hatten, ihre gesammelten Kenntnisse, dann in ganz Frankreich, Deutschland, England und Italien ausbreiteten. Man kann zwar nicht verhehlen, dass selbst der berüchtigte Berengar, damals noch jung, zu der Zahl seiner Jünger gehörte. Er entsprach aber nicht der Sorgfalt und den weisen Absichten seines Lehrers, und Fulbert musste erleben, dass dieser untreue Schüler die Reinheit der von ihm empfangenen Lehre verfälschte, und zu Streitigkeiten Anlass gab, die leider nur allzu sehr die Ruhe der Kirche störten. Fulberts Verdienste, die durch seine Schüler und Freunde in den entferntesten Ländern bekannt wurden, konnten natürlich dem Hof nicht unbekannt bleiben. König Robert gab ihm die schmeichelhaftesten Beweise seiner Achtung und Liebe, als er erfuhr, dass er mit allgemeiner Bestimmung der Geistlichkeit und des Volkes zum Nachfolger des Bischofs Rudolph ausgerufen worden. Man musste ihm aber mit Gewalt das Bistum aufdrängen. Und bei dieser Gelegenheit bewahrheitete sich, dass die heiligsten und verdienstvollsten Männer auch die demütigsten und bescheidensten sind. Die meisten Schriftsteller setzen seine Bischofswahl in das Jahr 1007 und berufen sich auf mehrfache Zeugnisse; jedoch hat man Ursache zu glauben, dass sie neun Jahre später geschah.

 

Er wurde von Leutherich, dem Erzbischof von Sens, geweiht. Dazu hatte er sich vorbereitet durch Tränen, Fasten und Gebete, um den ihm nötigen Beistand vom Himmel zu erhalten. Nebenbei ersuchte er auch seine Freunde um Beistand, unter andern den heiligen Odilo, den Abt von Clúny, dem er die Ursache entdeckte, warum er so sehr vor einer so schweren Bürde erbebe, weil er nämlich kaum sich selber vorstehen könne, und dennoch andere auf der schweren Bahn des Heils zur Seligkeit geleiten solle. Diese Gesinnungen, die aus seiner großen Demut herrührten, schwächten in ihm jedoch den Mut nicht, den ihm das Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit einflößte. Vielmehr dienten sie dazu, ihn immer wachsamer und besorgter für seine Herde zu machen. Die tiefen Einsichten, die ihm Gott gegeben hatte, beschränkten sich nicht einzig auf seine Diözese, auch andere Kirchen hatten sich ihrer zu erfreuen. Er wurde allgemein als das Orakel Frankreichs angesehen, von allen Seiten erholte man sich Rat bei ihm, sowohl in Bezug auf den Glauben, als auf die Kirchenzucht, und die Sittenregeln. Die Bischöfe betrachteten ihn als ihren Lehrer und Führer. Die Großen des Reiches fanden an ihm einen strengen Richter. Besonders klagte er laut gegen den Missbrauch, der sich im Reich eingeschlichen hatte, die Benefizien und Kirchengüter an Laien zu vergeben. Francon, der Bischof von Paris, machte er starke Vorwürfe wegen seiner diesbezüglichen Nachlässigkeit.

 

In allen seinen Schritten bemerkte man seine Uneigennützigkeit und seinen Eifer für die Verherrlichung Gottes und die Ehre der Kirche. Und da seine übrigen Tugenden dieser gleich kamen, erwarb er sich die Achtung aller Großen und Mächtigen des Reiches. Dies bewog auch 1020 den Grafen von Poitou, Wilhelm IV., Herzog von Guienne, ihm das, durch den Tod Geralds, des Bischofs von Limoges, entledigte Schatzmeisteramt des heiligen Hilarius von Poitiers, zu verleihen. König Robert schätzte ihn ganz besonders, und wählte ihn zu seinem Vertrauten. Er predigte seinem Volk das Wort Gottes, setzte Bußkanonen auf, verfertigte Hymnen, schrieb in ungebundener Rede, ordnete den Gottesdienst an, und lag allen Geschäften mit solchem Ausharren ob, als hätte er nur ein einziges zu verrichten gehabt. Ein ganz besondere Liebe hatte er zur allerseligsten Jungfrau, weshalb er jede Gelegenheit nützte, um seine Andacht und Liebe zu ihr an den Tag zu legen. Zu ihrer Ehre stellte er die prachtvolle Kirche zu Chartres, die 1020 ein Raub der Flammen geworden ist, wieder her. Und zur Krone seiner schönen Taten führte er das Fest ihrer Geburt in seinem Sprengel ein, und es wird berichtet, dass ihm durch die Fürsprache dieser liebevollen Mutter große Gnaden zu Teil geworden sind.

 

Nach der gewöhnlichen Berechnung starb Fulbert am 10. April 1029, und wurde im Kloster St. Père en Valée begraben, wo er oft seine Geistesübungen angestellt hatte.

 

11. April

 

Der heilige Leo der Große, Papst und Kirchenlehrer von Rom,

+ 10.11.461 - Fest: 11. April

 

Auf Bildern, die den heiligen Papst Leo den Großen darstellen, sieht man neben ihm einen grimmigen Drachen abgebildet. Was der Drache zu bedeuten hat, wird gleich erklärt.

 

Aus Leos Jugendzeit sind uns keine Nachrichten bekannt. Soweit man seine Lebensschicksale kennt, wurde er im Jahr 400 zu oder bei Rom geboren. Nachdem er die heilige Priesterweihe empfangen hatte, schickte ihn, weil er ein kluger Mann war, der Papst hierhin und dorthin, zu den Fürsten und Völkern, um in seinem Auftrag Streitigkeiten zu schlichten. Als sich Leo einst auf einer solchen Reise im heutigen Frankreich aufhielt, erreichte ihn die Nachricht, dass der Papst gestorben war und er selbst zum Nachfolger erwählt wurde.

 

Es herrschte stürmische See, als Leo das Steuerruder des Schiffleins Petri in die Hand nahm. Wie ein Orkan brauste damals die Völkerwanderung über Europa hin. Weit schlimmer und gefährlicher noch wirkte es sich aus, dass sogar im Schiff der Kirche Meutereien ausbrachen. Irrlehrer in langer Reihe traten auf, aber Papst Leo bot allen Irrgläubigen mutig die Stirn und rettete den wahren katholischen Glauben.

 

Der oben erwähnte Drachen indessen, dem Sankt Leo widerstehen musste, war nicht ein sagenhaftes Ungetüm, sondern ein wirklicher Gegner aus Fleisch und Blut. Etzel hieß der Drache, dessen Leib das wilde Volk der Hunnen bildete. Aus Asiens endlosen Weiten kamen die Barbaren, trieben die Einwohner ganzer Länder zu Paaren vor sich her, überschwemmten mordend und brennend Europa, und wo immer die Kämpfer des Hunnenherzogs auftauchten, da wurde alles zerstampft.

 

Im Jahr 452 fiel der hunnische Drache auch in Italien ein. Im Nu war der gesamte Norden des Landes erobert, geplündert, verbrannt und verwüstet. Dann rollte die zermalmende Walze weiter auf Rom zu, um dort den letzten Rest der Christenheit auszurotten. Alle verloren den Mut bis auf Papst Leo. Nicht einen Augenblick zitterte er. Wohl betete er sich vor den Gräbern der Apostelfürsten Petrus und Paulus die Knie wund, dann aber zog er dem mächtigen Etzel mit nur wenigen Begleitern entgegen und hielt ihm in zündender Rede seine Verbrechen mit einem solchen Erfolg vor Augen, dass sich der wilde Räuber mit seinem Volk zurückzog. So hat ein einzelner mutiger Mann den gewaltigen Drachen besiegt, und deshalb ist auch auf den Bildern des Heiligen neben ihm ein Lindwurm abgebildet.

 

Einem Mann aus Eichen müssen tausend stroherne weichen. Dem Mutigen gehört die Welt. Frisch gewagt, ist halb gewonnen, und wer sich vor den Funken nicht fürchtet, wird ein tüchtiger Schmied.

 

Es ist kein bloßer Zufall, dass die Kirche am Fest des Heiligen das Bekenntnis des hl. Petrus und die Schlüsselübergabe des Herrn an ihn als Evangelium lesen lässt. Wenige haben so laut und feierlich vor aller Welt Zeugnis abgelegt für die wahre Gottheit und Menschheit Jesu Christi und wenige die hohe Bedeutung der Vorrangstellung des hl. Petrus und seiner Nachfolger auf dem päpstlichen Stuhl so selbst erfahren und so mannhaft verteidigt wie eben der hl. Leo.

 

„Aus der ganzen Welt“, so sagt er einmal, „wird einzig Petrus auserlesen und den Berufenen aus allen Völkern, allen Aposteln und sämtlichen Vätern der Kirche vorgesetzt. Wohl sind im Volk Gottes viele Priester und viele Hirten; aber darüber hinaus sollte Petrus in bevorzugter Weise die leiten, deren letzter Lenker Christus ist. Groß und wunderbar, Geliebte, ist der Anteil an Macht, den Gott voll Huld diesem Mann gegeben hat ..., Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, spricht Petrus. Und Jesus erwiderte ihm: Und ich sage dir, d.h. wie mein Vater dir meine Gottheit kundgetan hat, so tue ich dir deinen Vorzug kund; ich sage dir: Du bist Petrus, d.h. wohl bin ich der Eckstein, ich das Fundament, außer dem niemand ein anderes legen kann. Aber auch du bist ein Fels, weil durch meine Kraft gehärtet. Was ich aus eigener Machtfülle besitze, sollst du mit mir durch Teilnahme gemein haben. Und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen; d.h. auf dieser Felsenfestigkeit will ich meinen ewigen Tempel errichten, und auf diesem unerschütterlichen Glauben soll sich der Bau meiner Kirche bis in den Himmel erheben.“

 

Diesem Stuhl nun „mehr zu dienen als vorzustehen“, dem Stuhl des hl. Petrus, „dessen Würde“, wie er demütig sagt, „auch in einem unwürdigen Erben nicht erlischt“, war Leos Begeisterung. Liebe zum hl. Petrus war es, reine Liebe zu ihm und der hl. Kirche, deren Einheit bedroht war, wenn er mit allem Ernst, ja fast mit Strenge dem ehrsüchtigen Bestreben des byzantinischen Patriarchen und der morgenländischen Kirche entgegentrat, die Unterordnung unter den römischen Stuhl zu lösen. Der traurige Abfall spätere Jahrhunderte hat ihm recht gegeben.

 

Wie den Primat des hl. Petrus, so bewies und verteidigte der hl. Leo auch durch Wort und Tat die Felsenfestigkeit seines Glaubens bei auftauchenden Irrlehren und gerade und besonders im Bekenntnis Jesu Christi.

 

Der selige Lanuin, Priester und Kartäuserprior von Grenoble,

+ 11.4.1121 – Fest: 11. April

 

Im Jahr 1087 erschien an der Klosterpforte der Großen Kartause bei Grenoble in Frankreich ein junger Mann, namens Lanuin. Als Spross einer hochadeligen Familie der Normandie um das Jahr 1050 geboren, hatte er, unter Verzicht auf sein Erbteil, der Welt entsagt, um in der Einsamkeit die Lebensweise der Engel zu führen. Der heilige Bruno nahm den gottbegeisterten mit Freuden auf. Unter dessen Leitung machte Lanuin, dem Gott reiche Gaben des Geistes und des Herzens verliehen hatte, auf der Bahn der Vollkommenheit solche Fortschritte, dass er nach Ablauf von drei Jahren würdig war, statt eines Schülers der treue Gefährte und unzertrennliche Freund des heiligen Ordensstifters zu werden.

 

Als Papst Urban II. 1090 den heiligen Bruno, seinen ehemaligen Lehrer zu Reims, nach Rom berief, um sich seiner Ratschläge für die Leitung der Kirche zu bedienen, musste Lanuin den Heiligen dahin begleiten. Die Reife seines Geistes, der Eifer seiner Frömmigkeit, die von ihm bewiesene Willensstärke ließen ihn dem heiligen Bruno als bestgeeigneten Helfer für die Lösung der ihm gestellten Aufgabe erscheinen.

 

Papst Urban wies ihnen eine Wohnung in Rom an, wo sie mehrere Monate hindurch ein stilles, zurückgezogenes Leben zu führen suchten. Der Lärm der Weltstadt indes erweckte in ihnen die Sehnsucht nach der Einsamkeit. Ihr Wunsch fand auch bald seine Erfüllung. Graf Roger von Kalabrien und Sizilien machte den beiden Ordensmännern im Bistum Squillaci einen Ort, La Torre, mit allen Ländereien im Umkreis von einer Stunde Weges zum Geschenk, damit sie daselbst eine klösterliche Niederlassung nach der Kartäuser-Ordensregel einrichten sollten. Noch in demselben Jahr siedelten sie in dieses neue Heim über, das ihnen die göttliche Vorsehung so liebevoll bereitet hatte. Wiederholt berief Papst Urban den heiligen Bruno von La Torre nach Rom. In dieser Zeit der Abwesenheit war es dann Lanuin, der die Klostergemeinde leitete. Bald erhielt die Ordensniederlassung so starken Zuwachs an neuen Mitgliedern, dass es nötig wurde, eine zweite Einsiedelei und zwar in der Nähe der ersten zu errichten, wofür Graf Roger wieder seine schon einmal bewiesene Opferwilligkeit in hervorragender Weise betätigte. Als Prior dieses zweiten Ordenshauses, das dem heiligen Stephanus geweiht war, wird der selige Lanuin genannt. So wurde diesem denn nicht bloß die Ehre zuteil, vor allen anderen geistlichen Söhnen in den Urkunden neben St. Bruno gestellt zu werden, sondern auch die Gemeinschaft des Amtes mit ihm inne zu haben.

 

Sechs Jahre hindurch bekleidete Lanuin dieses Amt, das er erst auf Zureden des heiligen Bruno anzunehmen sich entschließen konnte. Ein ausgebreitetes Wissen, verbunden mit außerordentlicher Klugheit, tiefe Demut und pünktliche Treue in der Beobachtung der Ordenssatzungen, machten ihn zu einem vortrefflichen Vorsteher dieser neuen Klostergemeinde und erwarben ihm die stets wachsende Verehrung der Außenwelt. Welchen Eindruck das heilige Leben der beiden Männer in den höchsten Kreisen machte, beweist die Tatsache, dass im Jahr 1095 Bruno die Taufe des nachmaligen ersten Königs von Sizilien vorzunehmen hatte, wobei Lanuin Patenstelle vertrat. Wenn später Roger II. – so hieß dieser König – in den Kirchenbann fiel, so dürfte seine Bekehrung auch wohl wesentlich der Fürbitte der beiden selig Verklärten zuzuschreiben sein, auf Grund der Lehre von der Gemeinschaft der Heiligen.

 

Welch einen Schatz von Güte Lanuin in seinem Herzen barg, zeigte sich im Jahr 1099, als Graf Roger hundertzwölf seiner Untertanen, die wegen Empörung das Leben verwirkt hatten, dahin begnadigte, dass er sie dem heiligen Bruno als Leibeigene überließ oder „schenkte“. Lanuin erwirkte sich von Roger eine Urkunde, wonach diesen Untertanen des Klosters von St. Stephan so viel Rechte gewährt wurden, dass sie bloße Erbpächter und Zinsleute mit bestimmten Leistungen wurden. Natürlich sorgte er mit St. Bruno für ihre geistlichen Bedürfnisse und die Erziehung ihrer Kinder, schützte sie gegen Gewalttat und bestrafte ihre Vergehen mit christlicher Liebe. So konnten sich diese Leibeigenen glücklich schätzen, unter der milden Herrschaft der Mönche zu leben.

 

Kaum hatte Lanuin seinen hohen Gönner, den Grafen Roger, zu einem seligen Tod vorbereitet, als drei Monate später – am 6. Oktober 1101 – sein geistlicher Vater, der heilige Bruno, das Zeitliche segnete. Lanuin erwies den sterblichen Überresten seines geliebten Meisters und Freundes die gebührenden letzten Ehren und hielt selbst das feierliche Seelenamt. Wer sollte nun an Stelle des heimgegangenen Ordensstifters die Leitung des Klosters Santa Maria übernehmen? In beiden Genossenschaften glaubte man keine bessere Lösung, die auch zugleich der Willensmeinung des teuren Entschlafenen am meisten entsprach, zu finden, als dass dem seligen Lanuin die Regierung der zwei Häuser übertragen wurde. Die Vorsehung war hier offenbar mit im Spiel, da zu dieser Zeit sich gewisse Strömungen im Orden geltend machen wollten, wonach man das gemeinschaftliche klösterliche Leben einführen sollte.

 

Lanuin war wie kein zweiter berufen, durch seinen Eifer und die gleiche Gesinnung mit seinem ehemaligen Lehrmeister, das Einsiedlerleben in der ganzen bisherigen Strenge im Marienkloster aufrecht zu erhalten. Papst Paschalis II. beglückwünschte in einem besonderen Schreiben den seligen Lanuin zu seiner Wahl. Er rühmt an ihm sein mildes Wesen, das in der Tat ein hervorragender Charakterzug des seligen Lanuin war. Dienstgefällig gegenüber allen, war er der Ratgeber weltlicher und geistlicher Herren, seine Gutmütigkeit gewann ihm die Herzen aller Rechtschaffenen, die Armen und Gäste erfuhren seine besondere Aufmerksamkeit. Man wusste indes in Rom recht wohl, dass, so gutmütig, gefällig und friedfertig Lanuin zur rechten Zeit sein konnte, er ebenso mutig und entschlossen auch, wenn es nicht anders möglich war, den Frieden und die Beliebtheit zu opfern bereit sein würde.

 

Papst Paschalis sandte ihm ein ehrenvolles Schreiben, worin er ihn ersuchte, um die nächste Fastenzeit nach Rom zum apostolischen Stuhl zu kommen und zugleich die Ordnung in der Abtei von St. Julian, die vom damaligen Abt gestört worden war, wiederherzustellen. Lanuin traf um die Mitte der Fastenzeit des Jahres 1102 in Rom ein, wo er eine große Anzahl Kirchenfürsten Apuliens, Siziliens und Italiens zu einer Synode versammelt fand, der er nun gleichfalls beiwohnte und auf der es sich wahrscheinlich um die Beilegung der die Kirche damals bedrängenden Spaltung handelte. Wenige Monate nach seiner Rückkehr empfing er ein neues apostolisches Schreiben mit Aufträgen, an verschiedenen Orten simonistische Missbräuche zu beseitigen. Man hatte in ihm zu Rom den passenden Mann entdeckt zum Kampf wider den sein Jahrhundert entehrenden Handel mit geistlichen Ämtern. Immer höher stieg das Vertrauen des Papstes. 1105 wurde Lanuin mit der Reform einer Reihe von Klöstern betraut und ihm die Befugnisse eines General-Visitators über die benachbarten Klöster verliehen. Nicht ohne Grund schließt man daraus, dass Lanuin für Paschalis II. das war, was Bruno für Papst Urban II. gewesen war. Er erlangte denn auch vom Papst die bisher noch nicht gewährte Vollmacht, jeglichen Angriff auf die Mönche seines Klosters oder auf ihre Güter gegebenenfalls mit der Exkommunikation zu bestrafen, weil der zuständige Diözesanbischof solches zu tun sich weigerte.

 

Das letzte Werk vor seinem Tod war die Gründung eines dritten Klosters im Jahr 1114. Darin sollten nach seinem Plan jene Aufnahme finden, denen der Beruf zum Einsiedlerleben fehlte und die dennoch nimmer in die Welt zurückkehren wollten. Es fand sich bald, dass am besten das gesamte Noviziat in das neue Ordenshaus verlegt und von da aus jeder Novize, an dem man Beruf zum Einsiedlerleben entdeckte, einfach in das Kloster zur heiligen Maria oder das minder strenge Kloster zum heiligen Stephanus aufgenommen wurde. Nach dieser Gründung, die wiederum Zeugnis ablagt vom praktischen Sinn des Seligen besonders im Interesse des Seelenheils für seine Untergebenen, konnte er sich noch einige Jahre bei zunehmender körperlicher Schwäche wieder mehr jener Einsamkeit widmen, die er sein Paradies zu nennen pflegte. Der 11. April 1121 sollte ihn endlich mit seinem geistlichen Vater auf ewig in der Glorie des Himmels vereinigen. Ein glücklicher Umstand fügte es, dass seine leibliche Hülle an dem Ort beigesetzt wurde, der fast zwei Jahrzehnte die kostbare Leibeshülle des heiligen Vaters Bruno in sich barg.

 

Zahlreiche Gebetserhörungen und Wunder verherrlichen während neun Jahrhunderten das Grab dieses Dieners Gottes und jetzt noch ist seine Verehrung im Süden Italiens so lebendig, dass Papst Leo XIII. davon Veranlassung nahm, im Jahr 1893 seine Seligsprechung zu erklären.

 

Die Welt zu verlassen, nur in der Einsamkeit Gott zu dienen, ist ein heiliges und empfehlenswertes Werk, aber nur dann, wenn man auch die Welt in sich zum Schweigen bringt. Gott teilt sich nur einer Seele mit, die sich losgeschält hat von den Geschöpfen und freigemacht hat von der Eigenliebe. Nicht jeder kann die Einsamkeit aufsuchen, aber jeder kann sein Herz zu einer Einsiedelei machen, wo er im trauten Umgang mit Gott eine Süßigkeit des Friedens genießt, den die Welt nicht kennt und nicht geben kann.

 

Die heilige Gemma Galgani, stigmatisierte Jungfrau,

+ 11.4.1903 – Fest: 11. April

 

Gottes Wundertaten an uns Menschenkindern sind auch in der Gegenwart nicht erloschen, sein Arm nicht verkürzt. An der engelgleichen Unberührtheit und Kindlichkeit Gemma Galganis, die bereits zum Liebling aller Frommen geworden ist, erkennen wir mit Verwunderung, wie gut der Herr ist, wie uns eigentlich vom Himmel nichts trennt als der Schleier, der vor unseren Augen liegt, und die Sünde, die Herz und Auge blind macht. In Gemma ist wahrhaft ein Lamm ohne Makel über die Erde gewandert, das mit dem Gotteslamm im Himmel lebte und zugleich am Kreuz starb. Ihr Leben und Leiden steht lichtstrahlend und wahrheitsgetreu vor uns. Gott selbst hat in führender Güte dafür gesorgt, dass dieser Edelstein – das bedeutet der Name Gemma – in echter Goldfassung der staunenden Welt geboten werde. Gemmas Lebensbeschreiber ist ihr Seelenführer geworden, und diesen hat hinwiederum die Vorsehung selber auf nicht gewöhnliche Weise zu diesem Dienst berufen. Was er von der Blüte des mystischen Lebens dieser gottbegnadeten Jungfrau erzählt, das hat er selbst gesehen, erfahren und eingehendst geprüft. Und dieser Berufene, Passionist Pater Germano vom heiligen Stanislaus, war nicht nur ein gründlicher Kenner des geistlichen und mystischen Lebens und der ganzen Glaubenswissenschaft, er war auch in fast allen Zweigen menschlichen Wissens außerordentlich bewandert, unter anderem auch in Natur- und Heilkunde, also der zuverlässigste Zeuge. Wir dürfen und müssen darum auch dem Wunderbarsten, das er berichtet, Glauben schenken.

 

Der kleine Ort Camigliano in Toskana, Norditalien, hat dem Engel im Fleisch, Gemma Galgani, die Wiege geboten; der 12. März 1878 hat sie der Zeitlichkeit geschenkt. Lucca wurde bald ihre eigentliche Heimat. Die erste Gnadengabe für das Kind waren fromme, tiefgläubige Eltern. Voll inniger Liebe erteilte die heiligmäßige Mutter ihren Kindern selbst den Religionsunterricht. Wenn sie da oft ermüdete oder den Hausgeschäften sich zuwenden musste, dann schmiegte sich die kleine Gemma an ihr Kleid und bat inständig: „Mutter, erzähle mir doch noch etwas von Jesus.“ Aber ach! die Mutter starb bald. In dem Erziehungsinstitut der Schwestern von der heiligen Zita fiel Gemma durch ihre einzigartige Bescheidenheit und ihr hohes Verständnis für göttliche Dinge auf. Noch nicht zehn Jahre alt, bat sie so innig um die heilige Kommunion: „Gebt mir meinen Jesus! Ihr werdet sehen, ich werde brav sein. Gebt mir meinen Jesus; denn ich merke es, ich kann es sonst nicht mehr aushalten.“ Bald schon lernte sie die Betrachtung üben und von einer Lehrerin angeleitet, in das Geheimnis des Kreuzes einzudringen. Sie hatte lebhaftes Temperament, heißes Blut; aber vollständig wusste sie sich in ihre Gewalt zu bringen. Je mehr sie im geistlichen Leben voranschritt, desto deutlicher gab Jesus ihrer Seele seine Gegenwart zu erkennen. Sie empfing ihn bald täglich im Mahl der Liebe. „Er teilte mir so vieles mit und ließ mich oft die schönsten Tröstungen kosten“, gestand sie mit kindlicher Offenheit.

 

Über Gemma, die einmal versicherte, dass sie nach Mutters Tod kaum einen Tag verlebt habe, ohne etwas weniges für Jesus gelitten zu haben, brachen schwere Prüfungen herein. Gott wollte sie ganz für sich haben und schien sie von allem loslösen zu wollen, was ihr lieb und teuer war. Ihr liebster Bruder, den sie mütterlich pflegte, starb 1894. Gemma selbst fiel in eine schwere Krankheit. Der Vater, ein wohlhabender Apotheker, verlor beinahe sein ganzes Vermögen. Bald, 1897, raffte ihn selbst der Tod hinweg. Die armen Kinder gerieten in äußerste Not. Gemma verfiel abermals in eine, wie es schien, unheilbare Krankheit. Verkrümmungen des Rückgrates, Hirnhautentzündung, vollständiger Verlust des Gehörs, Gliederlähmung, ein Geschwür in der Lendengegend, das ist die Rückenmarkschwindsucht, stellten sich ein. Bei ihrer Armut fehlte nicht selten die einfachste Labung. In der schmerzvollsten Behandlung weigerte sich die züchtige Jungfrau, sich einschläfern zu lassen, indem sie lieber ihr Schamgefühl wahren, als ihre Qualen lindern lassen wollte. Die Ärzte erwarteten schon ihren Tod. Nun hatte sie von einer besuchenden Dame das Leben des ehrwürdigen Gabriel Possenti zum Lesen erhalten. Sofort fasste sie zu diesem lieben Seligen Vertrauen, das dieser mit seinem treuen Schutz belohnte. Als er ihr das erste Mal erschien, nannte er sie „seine Schwester“. Dem Geist nach sollte sie wirklich „Passionistin“, eine Leidende werden. Gabriel Possenti gehörte nämlich dem Passionistenorden an. Gemma begann eine Novene. Siehe, vor Mitternacht fühlte sie, wie sich eine Hand auf ihre Stirn legte; sie hörte eine Stimme, die neunmal hintereinander zu beten anhob: Vater unser ..., Gegrüßet ... und Ehre sei ... Der selige Gabriel war es. „Willst du gesund werden“, fragte er die Kranke. „Bete jeden Abend voll Vertrauen zum heiligsten Herzen Jesu. Bis ist Novene zu Ende ist, komme ich zu dir und wir beten gemeinsam zum heiligsten Herzen.“ So geschah es. Am Schluss der Novene empfing sie auf dem Krankenbett die heilige Kommunion. Glücklicher Augenblick mit Jesus! Auch er fragte sie: „Gemma, willst du gesund werden?“ Ganz ergriffen sprach sie nur im Herzen: „Wie du willst, mein Jesus!“ Und der gute Heiland gewährte die Gnade. Nach zwei Stunden stand sie gesund da.

 

Dieser ständige Verkehr mit dem Himmel ist eines der auszeichnenden Merkmale des ganz mystischen Lebens der Jungfrau von Lucca. Ihr einziges Streben, die einzige Leidenschaft ihres Herzens ging dahin, Jesus ähnlich zu werden. Und da nun einmal der Sohn Gottes sich der Welt in Schmerzensgestalt zeigte, so wollte auch sie nichts anderes wissen als Jesus, und diesen als Gekreuzigten. Eines Tages sprach der Herr zu seiner Dienerin: „Mut, Gemma, ich erwarte dich auf Kalvaria, jenem Berg, dem du zuschreitest.“ Am 8. Juni 1899, am Vorabend vor dem Herz-Jesu-Fest, wurde sie von einem so heftigen Schmerz über ihre Sünden ergriffen wie noch nie zuvor. Hierauf fühlte sie alle Kräfte ihrer Seele sich sammeln. Rasch folgte die Entrückung der Sinne. Das begnadete Kind sah die Mutter Gottes, zu ihrer Rechten den Schutzengel. Dieser befahl ihr, den Reueakt zu beten. „Tochter“, redete hierauf die himmlische Mutter sie an, „im Namen Jesu seien dir alle Sünden erlassen.“ Alsdann fügte sie bei: „Mein Sohn Jesus liebt dich sehr und will dir eine Gnade erweisen. Wirst du dich ihrer würdig bezeigen?“ Gemma wusste keine Antwort zu geben. Da sagte Maria weiter: „Ich werde dir Mutter sein; willst du dich als eine wahre Tochter erweisen?“ Sie öffnete ihren Mantel und bedeckte damit die Glückliche. In diesem Augenblick erschien Jesus. Alle seine Wunden waren geöffnet, doch floss kein Blut daraus hervor, sondern Feuerflammen erstrahlten. Einen einzigen Augenblick trafen jene Feuerflammen Gemmas Hände, ihre Füße und das Herz. Sie fühlte sich dem Tode nahe und wäre niedergesunken; aber Maria hielt sie noch immer mit ihrem Mantel bedeckt. Mehrere Stunden lang musste sie in dieser Stellung verharren. Dann küsste die himmlische Mutter sie auf die Stirn und alles verschwand. Als Gemma wieder zu sich kam, kniete sie auf dem Boden und empfand einen heftigen Schmerz an den Füßen, den Händen und am Herzen. Es floss Blut daraus. So durfte Gemma gleich dem heiligen Franz von Assisi, der heiligen Katharina von Siena und anderen Auserwählten die Wundmale des Herrn an ihrem Leib tragen. In ihrer kindlichen Einfalt glaubte sie, diese empfingen alle, die sich durch das Gelübde mit Christus verlobt hätten. Das Wunderbare ist, dass die Wundmale nicht etwa ständig blieben, sondern nur am Donnerstag und Freitag sich zeigten und dabei reichlich Blut ergossen. War die Ekstase am Freitag beendet, so hörte das Bluten auf, die verletzten Gewebe des Fleisches zogen sich zusammen, am Samstag oder spätestens Sonntag war keine Spur der Wunden mehr vorhanden.

 

Der Leidensdurst der wunderbaren Jungfrau war dadurch nicht gestillt. Sie wollte auch an den übrigen Schmerzen des leidenden Erlösers teilnehmen. An den vier Freitagen des März 1901 erlitt sie denn auch die Geißelung. Der Körper wies tiefe Wunden auf, das Fleisch war ganz zerfetzt. Hernach klebten die Unterkleider ganz in die trocknenden Wunden hinein. Ein anderes Mal nahm der leidende Heiland die Dornenkrone von seinem Haupt und drückte sie der kleinen Leidensbraut fest in die Schläfe. Gemmas Kopf erschien jeweils ganz mit Stichen durchbohrt, aus denen frisches Blut hervorquoll. Auch die Schulterwunde des Herrn, vom Druck des Kreuzes stammend, durfte Gemma tragen, eine bei anderen stigmatisierten Personen ganz seltene Erscheinung. Diese höchst merkwürdigen Vorgänge, die immer auch die ärgsten Schmerzen mit im Gefolge hatten, dauerten bis 1901. Da trug Gemmas Seelenführer ihr brieflich auf, den Heiland zu bitten, er möge sie von solch auffallenden Erscheinungen befreien. Es kam wirklich so. Die äußeren Erscheinungen an ihrem Leib unterblieben, das Schmerzgefühl aber blieb, ja nahm sogar noch zu.

 

Für Gemma war der Glaube nicht mehr Glaube, sondern offenbare Gewissheit. In seinen tiefsten Geheimnissen fand sie sich zurecht. Sie redete so zutraulich und unbefangen mit Gott, wie eben ein Kind mit seinem lieben Vater plaudert. Die sichtbare Gegenwart ihres Schutzengels schien ihr etwas ganz Natürliches. Sie gab ihm fortgesetzt wie einem Freund die mannigfaltigsten Aufträge an Bewohner des Himmels wie an die der Erde. Visionen, Erscheinungen, wie die der lieben Mutter Gottes, alle Arten von Ekstasen, die die Wissenschaft der Mystik kennt, waren der Jungfrau von Lucca nichts Ungewöhnliches.

 

Ihre Liebe zum höchsten Gut war außerordentlich, so dass ihr Leib glühend heiß wurde. „Pater“, sagte sie einmal, „mein Herz ist ein Schlachtopfer der Liebe, bald werde ich vor Liebe sterben. Diese Flammen verzehren das Herz und auch den Leib ... Wie kommt es nur, dass so viele in der Nähe von Jesus nicht zu Asche aufgehen?“ Das Herz bewegte sich in ganz ungewöhnlichen Zuckungen, die sich ihrer Umgebung deutlich fühlbar machten. Sie selbst blieb wie immer ruhig dabei. Einmal befragt, erwiderte sie in liebenswürdiger Kindeseinfalt: „Merken Sie es denn nicht? Jesus ist so groß, mein Herz aber so winzig klein. Jesus hat nicht Platz in einem so kleinen Herzchen. Da er aber doch sich darin aufhalten will, bringt er es in solche Bewegung. Dem ist nicht gut abzuhelfen. Wissen Sie, Pater, da muss schon Jesus selbst Abhilfe schaffen. Möge sich dieses Herz erweitern und Jesus es sich darin bequem machen.“ Und wirklich, das Herz erweiterte sich. Drei Rippen hoben sich in die Höhe und blieben längere Zeit stark gebogen, so dass die eigenartige Erscheinung bequem beobachtet werden konnte.

 

Und dieser liebeerfüllten „Gottesbraut“ verbarg sich doch bisweilen auch der Bräutigam. Das innere Martyrium der Verlassenheit kam über sie, eine der häufigen Prüfungen auf dem Weg der mystischen Vollkommenheit. Wie rührend sind da ihre Klagen. „Ich suche Jesus und finde ihn nicht. Er ist meiner müde geworden. Armer Jesus, ich habe es dir zu schlimm gemacht. Aber du lässt dich doch wieder finden, nicht wahr?“ Noch ärgere Peinen durfte ihr der böse Feind in verschiedensten Gestalten und Formen zufügen. Die Quälereien des unschuldigen Kindes arteten bisweilen in furchtbare körperliche Misshandlungen aus.

 

Das waren schon anmutigere Kämpfe, die sie mit Jesus oder Maria um die Bekehrung der Sünder führte! Wie stritt sie so lebhaft und eindringlich in Gebeten und Opfern! Anmutig erscheint dieses Kämpfen aber nur uns. Für Gemma konnte es bis zum Blutschweiß kommen. Da stieß einmal ein Verwandter Gemmas schreckliche Gotteslästerungen aus. Die zarte Jungfrau fing darüber an zu zittern und fiel wie tot zu Boden. Das pochende Herz vermochte die Wucht des Schmerzes über diese Beleidigung Gottes nicht mehr auszuhalten. Das Blut drängte durch die Adern bis unter die Haut und ließ es durch die Poren am ganzen Leib in Form reichlichen Schweißes hervortreten. Alle Kleider, sogar der Boden wurden davon befeuchtet. Ob diese Tatsache, die nicht vereinzelt blieb, nicht das erste nachweisbare Beispiel von Blutschweiß in der Geschichte ist seit dem Angstschweiß Christi am Ölberg? Für die Sünder einzutreten und zu leiden, war eine und das nicht die geringste Lebensaufgabe, zu der Gott seine treue Dienerin berufen, zu der er sie auch außerordentlicher Weise ausstattete, wie mit der Unterscheidung der Geister, mit Kenntnis verborgener oder zukünftiger Dinge. Sie durfte manchmal als Vermittlerin und Gesandtin Gottes wirken, auch hochgestellten Personen gegenüber.

 

Die auserwählte Dienerin Gottes sagte am vorletzten Tag ihres kurzen Lebens, am Karfreitag 1903, nachdem sie schon an Seele und Leib namenlos gelitten, zu ihrer Krankenpflegerin: „Verlassen Sie mich nicht, bis ich ans Kreuz geheftet bin. Ich muss mit Jesus gekreuzigt werden. Jesus hat mir gesagt, seine Kinder müssten am Kreuz sterben.“ Bald darauf geriet Gemma in tiefe Ekstase, breitete die Arme aus und verharrte von zehn bis halb drei Uhr in dieser Stellung. Nun war sie mit Jesus im Todeskampf. Eine Mischung von Schmerz und Liebe, von Trostlosigkeit und Friede erschien auf ihrem Antlitz. Die empfindlichste Pein des Heilandes am Kreuz war die Verlassenheit. Auch hierin wurde die Kreuzesbraut ihrem Jesus ähnlich. Er wollte dem Martyrium die Krone aufsetzen. All die Lichtstrahlen und Trostesquellen, die früher so erstaunlich sich über sie ergossen, waren nun versiegt. Kein Priester stand ihr am Karsamstag, den 11. April, in höchster Seelennot zur Seite. Erdrückt von der Wucht der Schmerzen, vom bösen Feind an Leib und Seele gequält, ohne Trost vom Himmel oder von der Erde, hauchte das schuldlose Geschöpf ihr letztes irdisches Wort: „Jetzt ist es wirklich wahr, dass ich nicht mehr kann. Jesus, dir empfehle ich diese meine arme Seele. Jesus!“ Vollbracht war das große Sühneleiden. Dafür hat sie ihre Kräfte erschöpft. Ihre eigne arme Seele wird den als gütigen Richter finden, dem sie im Leben und Tod so ähnlich geworden. Sieh, wie ein süßes Lächeln ihren Mund umspielt! Gemma neigt sanft das Haupt zur Seite und Schlummert unmerklich ohne jeden Todeskampf hinüber in den nahen ewigen Ostermorgen.

 

Wie mannigfach zeigt doch Gott sein Dasein und seine Größe in seiner schwachen Kreatur! Tut er es einmal in ganz auffallender Weise, so müssen wir dankbar und bewundernd seine Güte preisen, die sich würdigt, in unserer gleichgültigen und ungläubigen Zeit ein hochragendes Signal des Glaubens aufzustecken.

 

Gemma Galgani wurde 1933 selig- und durch Papst Pius XII. am 2. Mai 1940 heiliggesprochen.

 

Der heilige Antipas, Bischof und Märtyrer von Pergamon,

+ um 68 in Pergamon, heute Bergama in der Türkei – Fest: 11. April

 

Die Lebensumstände dieses Heiligen sind uns durchaus unbekannt. Jesus Christus nennt ihn in der Geheimen Offenbarung (11,13) seinen treuen Zeugen. Er litt den Märtyrertod zu Pergamus, wo sein Grabmal durch die vielen daselbst gewirkten Wunder sehr berühmt geworden ist.

 

Der heilige Philippus, Bischof von Gortyna auf der Insel Kreta,

+ 11.4.180 – Fest: 11. April

 

Der heilige Philippus war einer der ausgezeichnetsten Oberhirten des 2. Jahrhunderts. Er lebte unter der Regierung des Kaisers Marc-Aurel, und leuchtete seiner Herde durch den schönsten Tugendglanz vor, der notwendig auch die herrlichsten Wirkungen in seinem Sprengel hervorbringen musste. Als der heilige Dionysius, der Bischof von Korinth, an die Gläubigen von Gortyna und die übrigen Christen der Insel Kreta schrieb, erteilte er dessen Eifer und Verdiensten große Lobsprüche. Er gibt in diesem Schreiben der Kirche von Gortyna das Zeugnis, dass sie durch ihre Frömmigkeit, ihre Standhaftigkeit im Glauben und ihre Großmut, in den Jahrbüchern der Christenheit berühmt geworden sei. Dionysius warnte sie nun vor den Fallstricken der Ketzer, und der heilige Philippus verfasste zu eben diesem Behuf eine Schrift gegen den Irrlehrer Marcion, die bei den Alten sehr beliebt war. Nur ist zu bedauern, dass sie verloren gegangen ist.

 

Über diesen heiligen Bischof ist uns weiter nichts bekannt. Sein Name stand aber allzeit in hohen Ehren. In den lateinischen Martyrologien wird an ihn rühmlichst gedacht. Das römische sagt von ihm, er habe seine Kirche gegen die Wut der Heiden, und die Ränke der Ketzer geschützt. Einige begehen sein Fest am 8. Oktober, die meisten aber am 11. April.

 

Der heilige Isaak, Mönch und Einsiedler in Spoleto, Italien,

+ 11.4.550 – Fest: 11. April

 

Dieser Heilige, der von syrischer Abkunft war, verließ das Morgenland, um nicht sehen zu müssen, wie die Ketzerei des Eutyches auf seiner Vatererde den Giftsamen ausstreute. Er ging nach Italien und ließ sich im Gebiet von Spoleto nieder. Gott begünstigte ihn mit der Gabe der Wunder und Weissagung. Zuletzt nahm er einige Jünger auf, denen er die Beispiele aller Tugenden gab, unter anderen, einer gänzlichen Abschälung von geschaffenen Dingen. Er starb gegen die Hälfte des 6. Jahrhunderts und wurde in seiner Einsiedelei begraben. Man übertrug später seinen Leib nach Spoleto, und setzte ihn bei in einer Kirche, die seinen Namen bekam. (Diese Kirche bekam später den Namen des heiligen Blutzeugen Ansanus. Von den Benediktinern ging sie an die regulierten Chorherren über, die sie heute noch besitzen.) Der heilige Isaak wird in allen Martyrologien genannt, besonders im römischen.

 

Die heilige Godberta (Godeberta), Äbtissin von Noyon in Frankreich,

+ 11.4. um 700 – Fest: 11. April

 

Godberta kam zur Welt im Bistum Amiens, und verdankte ihr Leben einem christlichen Ehepaar, das sowohl durch seine Frömmigkeit als Geburt in großem Ansehen stand. Sie gelobte Gott ihre Jungfrauschaft, und empfing den Klosterschleier von den Händen des heiligen Eligius, des Bischofs von Noyon, in Gegenwart des Königs Clotar III. Dieser Fürst gab ihr Güter, um eine Genossenschaft errichten zu können, der sie denn auch mit Klugheit und großem Eifer vorstand. Sie teilte ihren Schwestern die Unterweisungen mit, die sie vom heiligen Eligius empfangen hatte, und übte sie im Stillschweigen und der Abtötung. Ihre Nachtwachen und Gebete waren fast ununterbrochen. Die Lebendigkeit ihres Glaubens wurde mit mehreren Wundern belohnt. Sie starb gegen Ende des 7. Jahrhunderts oder zu Anfang des 8. Ihre Reliquien wurden in der Kathedralkirche von Noyon beigesetzt, wo man sie in einem silbernen Kästchen auch noch aufbewahrt.

 

Der heilige Guthlak (Guthlac),

Einsiedler von Croyland in England und Schutzheiliger der Abtei von Croyland,

+ 11.4.714 – Fest: 11. April

 

Guthlak war von hohem Stand und diente zuerst in den Waffen unter Ethelred, dem König von Mercia. Da aber sein Herz sehr kräftig von der Gnade gerührt wurde, beschloss er in seinem 24. Jahr einen Stand zu verlassen, worin Gott so oft beleidigt wird, um seine übrigen Tage der Buße zu widmen. Das Kloster Repandun war der Ort, den er sich zu seiner Zurückgezogenheit wählte. Da bildete er sich nach den Mustern, die er stets vor Augen hatte, in der gänzlichen Abtötung und allen anderen Tugenden. Nach zwei Jahren, das heißt 699, erhielt er von seinem Obern die Erlaubnis, aus dem Kloster zu gehen. Er fuhr dann, von zwei Gefährten begleitet, in einem Fischerkahn am Fest des heiligen Bartholomäus auf die Insel Croyland. Diesen Heiligen wählte er sich daher zum Patron, und erhielt auch in der Folge durch dessen Fürbitte mehrere besondere Gnaden. Seine Tugend empfing durch die Versuchungen und harten Prüfungen, die er zu bestehen hatte, einen neuen Glanz. Und die Erfahrung belehrte ihn, dass Gott nur darum seine Diener zu verlassen scheint, um sie dann mit reichlicheren Tröstungen zu überhäufen. Hedda, der Bischof von Dorchester, besuchte ihn, und weihte ihn zum Priester. Er sagte dem Fürsten Ethelbald, den er oft während seiner Verbannung besuchte, vorher, dass er dereinst über Mercia herrschen werde.

 

Diese Vorhersagung wurde wirklich im Jahr 719, nach dem Tod des Königs Coelred, erfüllt. Da er fühlte, dass seine letzte Stunde herannahte, ließ er die heilige Pega, seine Schwester, die vier Meilen von seinem Aufenthalt als Klausnerin lebte, zu sich kommen. (Seine Zelle war auf der Spitze einer Anhöhe, die sich in die sumpfige Ebene erstreckt, wo nun die Kapelle des Klosters zur heiligen Pega ist, und wo der Kanal des Carausius war, der Carsdike genannt wird. Dieser Kanal wurde von Agricola angefangen, und durch Severus vollendet, der ihn dazu bestimmte, das Getreide für die Armee, die sich in Nordengland befand, zu Wasser herbeizuführen. Man führte ihn durch den Trent nach Peterborough und nach Torksey, unter Burton, von wo vermittelst der Flüsse die Schiffe bis zu der Stadt, die unter dem Namen Granta, heute Cambridge, erbaut worden war, fuhren. Dieser Ort wurde in der Folge gleichsam das Lager des Getreides und der anderen Lebensmittel für England. Carausius war es auch, der die große Messe, die unter dem Namen Stourbridge fair bekannt ist, einführte, und die jetzt noch einige alte römische Gebräuche beibehält.) Der heilige Guthlak starb am 11. April, im Jahr 714ach einer siebentätigen Krankheit, die ihn jedoch nicht verhinderte, jeden Morgen die heilige Messe zu lesen. Er war 47 Jahre alt, wovon der 15 auf der Insel Croyland verlebt hatte. (Ingulph, ein berühmter Abt von Croyland, der im Jahr 1109 starb, schrieb ein Buch vom Leben und den Wundern des heiligen Guthlaks, das aber leider nicht bis auf uns gekommen ist. Er lieferte auch eine gute Geschichte von der Abtei Croyland, vom Jahr 664 bis zum Jahr 1091, die der Ritter Heinrich Saville herausgegeben hat. Die Ausgabe des Thomas Gale vom Jahr 1684 ist vollständiger und genauer. Man ließt darin, dass Ceolnoth, der Erzbischof von Canterbury, wunderbar durch die Fürbitte des heiligen Guthlak von einer Lähmung geheilt worden sei, die die Ärzte für unheilbar erklärten. Dieses Wunder ereignete sich im Jahr 851: der Erzbischof bestätigte die Wahrheit dieser Tatsache in Gegenwart des Königs Bertulf in einer Versammlung von mehreren Bischöfen und Edelleuten, die insgesamt durch einen Eid sich verbindlich machten, eine Wallfahrt nach Croyland zu verrichten, um dort die Reliquien des Heiligen zu verehren. Mehrere andere Lahme erhielten in der Folge eine vollkommene Genesung durch die Fürbitte dieses Heiligen.

 

König Ethelbald stiftete ein prachtvolles Kloster auf der Insel Croyland. Allein das kostete ihm unermessliche Geldsummen, weil er genötigt war, es auf Grundpfähle zu bauen, und die Erde zur Auffüllung der Schluchten weit musste herführen lassen. Im Jahr 870 steckten die Dänen dieses Kloster in Brand und mordeten alle Ordensmänner mit ihren Hausgenossen. Er wurde niemand als ein Kind verschont. Durch diesen Brand wurden die Leiber des Priesters und Einsiedlers Cissa, der heiligen Bettelina, des heiligen Egbat, des heiligen Tatwin, der heiligen Etheldrith, u.a.m. in Asche verwandelt. Die Abtei von Croyland lag in ihren Trümmern bis zum Jahr 946, wo sie dann wieder von dem frommen Turketil, dem Kanzler des Königs Edred, erbaut wurde.)

 

Der selige Reiner, Einsiedler zu Osnabrück,

+ 11.4.1237 – Fest: 11. April

 

Dieser fromme Diener Gottes war von der Wichtigkeit seines Seelenheils und dem Gedanken an die Ewigkeit so ergriffen, dass er, nach dem Beispiel der alten Einsiedler, sich von der menschlichen Gesellschaft beinahe gänzlich abtrennte, und sich in eine einsame Zelle, nahe an der Hauptkirche zu Osnabrück, verschloss, um daselbst in ungestörtem Herzensfrieden die ewigen Heilswahrheiten zu betrachten, und dem Geist die Herrschaft über die fleischlichen Begierden gänzlich zu erringen. Seine Akten melden, dies sei unter dem Papst Innocenz III. geschehen, der vom Jahr 1198 bis 1216 auf dem Stuhl des heiligen Petrus saß (Wahrscheinlich im letzten oder vorletzten Jahr seiner Regierung, da, nach Reiners Akten, dieser Einsiedler 22 Jahre in seiner Zelle zubrachte, und erst 1237 gestorben ist.), und unter Gherberd, oder nach anderen unter Gerhard von der Lippe, des Erzbischofs von Bremen.

 

22 volle Jahre widmete Reiner an diesem Ort dem beschaulichen Leben, so dass er die Mahnung des Apostels: Euer Wandel sei stets im Himmel, auf das pünktlichste befolgte. Er stand in so weit ausgebreitetem Ruf der Heiligkeit, dass selbst Große ihn zu sehen und von ihm, nach seiner schlichten und einfältigen Weise, belehrt zu werden, Verlangen trugen: und wirklich hat sich dieser Fall mehrere Male, mit dem besten Erfolg, ereignet.

 

Seine Bußstrenge war so außerordentlich und so erfinderisch, dass er sich mit einem harten Cilicium nicht begnügte, sondern noch allen Gliedern des Körpers, dem Hals, den Armen, Händen etc. besondere züchtigende Werkzeuge, die hauptsächlich in schweren Lasten bestanden, anlegte, und wenn man ihn fragte, warum er das tue, gab er zur Antwort: „Gleichwie unser Herr Jesus Christus an allen seinen Gliedern für mich gelitten hat, so wollte auch ich desgleichen tun.“ Ob er auch noch so schwächlich war, aß er nie Fleisch oder Mehlspeisen, und Fische nur an hohen Festtagen und auf Zureden seines Gewissensrates. An gewöhnlichen Sonntagen nahm er nur eine Speise, die aus Kraut und Knoblauch ohne Gewürz zubereitet war. Dasselbe tat er am Dienstag und Donnerstag. Am Montag, Mittwoch und Samstag war seine ganze Nahrung Brot und Bier. Am Freitag, an den Vigilien und Frohnfasten begnügte er sich mit Brot und Wasser.

 

Diese äußeren Bußwerke heiligte er durch jene inneren Abtötungen, die eigentlich zunächst zur christlichen Vollkommenheit führen, indem die körperlichen Züchtigungen in diesem Betreff nur Mittel sein können, die verderbte Natur des Menschen und seine sündhaften Neigungen zu bändigen, und sie nach dem Geist der Religion zu ordnen. Und zu diesem Zweck desto sicherer zu gelangen, kräftigte er sich jeden Sonn- und Festtag mit dem himmlischen Gnadenbrot, nachdem er jedes Mal vorerst ein reumütiges Bekenntnis seiner kleinen Fehltritte abgelegt hatte. Überdies beichtete er in der Regel am zweiten, vierten und sechsten Tag in der Woche. Endlich nach 22 Jahren der Mühen und Tränen offenbarte ihm der Herr das nahende Ende seines Lebens: er wurde noch mit den letzten heiligen Sakramenten, zur Heimreise ins Land der Belohnung und der Freude, versehen und entschlief seligen Todes am 11. April, etwa um das Jahr 1237, in Gegenwart vieler frommen Seelen, geistlichen und weltlichen Standes. Bei und nach seinem Hinscheiden geschahen auf die Fürbitte des heiligen Einsiedlers mehrere Wunderheilungen, die man in seinen Akten aufgezeichnet findet.

 

Den Namen dieses großen Dieners Gottes findet man in vielen Heiligen-Verzeichnissen, unter anderen in MS. Florario Sanctorum, bei dem Kölner Karthäuser Grevenus in Auctario Usuardi, bei Molanus in Additam. Ad Usuard., Gelenius in den Kölner Jahrbüchern, bei Canisius im Martyrologium Deutschlands, bei Petrus Cratepolius in seiner Sammlung der deutschen Heiligen, bei Wion, Menard und Bucelin etc.

 

12. April

 

Der heilige Zeno, Bischof und Martyrer von Verona,

+ 12.4.380 – Fest: 12. April

 

Der heilige Zeno wurde in Afrika geboren. Er gelangte im Jahr 362 zur oberhirtlichen Würde zu Verona. Die Anhänger des Arius und Pelagius verursachten ihm viele Mühen und Leiden, bis es ihm endlich durch seine apostolischen Arbeiten gelang, seine ganze Diözese von den Irrlehrern zu befreien. Mit gleichem Eifer und Erfolg bekämpfte er auch das Ärgernis des Götzendienstes und taufte viele Heiden. Als seine Herde in dieser Weise beträchtlich angewachsen war, unternahm er den Bau einer großen Kirche, wozu ihm reiche Wohltäter bedeutende Beiträge lieferten. Unter den Tugenden empfahl er dem Volk keine dringender, als die Liebe zu den Armen, und seine Worte, unterstützt durch sein Beispiel, waren auch nicht fruchtlos. Die Häuser der Einwohner von Verona standen zu seiner Zeit allen Fremden und Hilfsbedürftigen gastlich offen. Der heilige Ambrosius erzählt, dass damals auch viele Jungfrauen in der Stadt waren, die sich durch ihren frommen Bischof Gott geweiht hatten. Zeno führte selbst ein klösterliches Leben in strenge Enthaltsamkeit, indem er sich alles versagte, was der Natur nicht unumgänglich notwendig war. Demut, Geduld und Seeleneifer waren seine vorzüglichsten Tugenden. Er starb am 12. April 380.

 

Der heilige Alferius, Stifter und erster Abt von Cava in Italien,

+ 12.4.1050 – Fest: 12. April

 

Alferius oder Adelferius stammte von sehr angesehenen Eltern zu Salerno in Italien, und zeichnete sich frühzeitig schon nicht allein durch seinen hohen Verstand und seine ausgezeichnete Gelehrsamkeit, sondern auch durch große Tugend und Frömmigkeit aus. Die Fürsten von Salerno schätzten ihn sehr hoch, befolgten in schwierigen Angelegenheiten dessen Rat, und schickten ihn auch als Gesandten an den französischen Hof. Als er aber unterwegs das Kloster St. Michael de Clusa besuchte, wurde er von einer schweren Krankheit befallen, in der er dem beschaulichen Leben sich zu widmen angelobte, worauf ihm Gott die Gesundheit wieder schenkte. Sein Gebet wurde erhört und durch besondere göttliche Fügung kam zu derselben Zeit auch der heilige Odilo in eben dem Kloster an. Odilo vernahm mit Freude seinen Entschluss und führte ihn sogleich mit sich nach Cluny, wo er ihm das Ordenskleid anlegte.

 

Indessen wurde diese Begebenheit bald zu Salerno bekannt. Die Regierung ließ ihn sogleich dahin berufen, um durch diesen heiligen Mann auch in Italien den wahren Geist des Klosterlebens allgemeiner zu verbreiten. Ungerne folgte Alferius diesem Ruf. Weil er aber bald die Stimme Gottes zu vernehmen glaubte, machte er sich auf den Weg und musste gleich nach seiner Ankunft zu Salerno die Aufsicht über alle dortigen Klöster übernehmen. Allein dieses ruhelose Amt zog ihn so sehr von seiner himmlischen Betrachtung ab und gestattete ihm so wenig Zeit der Beschaulichkeit nachzugehen, dass er es niederlegte, auf den hohen Berg Fenestra zog und da in einer Kluft sich eine Hütte baute, um sich allein mit Gott unterhalten zu können.

 

Wiewohl seine Tugend das Angesicht der Menschen floh, wussten ihn diese doch zu finden, um an dem Feuer seiner himmlischen Liebe sich zu regerem Seeleneifer zu erwärmen. Viele heilsbegierige Männer gesellten sich zu ihm, so dass er am Ende genötigt war, eine neue Genossenschaft zu bilden, und es entstand das berühmte Kloster Cava. Unter seinen Jüngern waren der heilige Leo, sein Nachfolger in der Abtwürde, und Desiderius, Sohn des Fürsten von Benevent, später Abt zu Monte Cassino, dann Kardinal und endlich oberster Statthalter Jesu, unter dem Namen Victor III.

 

Diese Gemeinde wuchs in kurzer Zeit so sehr an, dass man es kaum begreifen kann. In dieser Beziehung meldet die cavensische Chronik: „Als die Wohnung des Klosters Cava die herbeiströmende Menge bald nicht mehr fassen konnte, da haben viele Fürsten und Mächtige den Mönchen auch anderweit Häuser erbaut und Grundstücke gegeben. Die Päpste räumten ihnen viele Klöster und Kirchen ein, und die Muttergenossenschaft zu Cava ließ selber sich angelegen sein, neue Gebäude überall aufzubauen: so zwar, dass man in kurzer Zeit teils in Sizilien, teils im römischen und neapolitanischen Gebiet 333 Klöster zählte, die sämtlich dem Gotteshaus zu Cava untergeben waren.“

 

Um wieder auf den heiligen Stifter zurückzukommen, muss noch von ihm gesagt werden, dass der Herr seine Tugenden durch die Gabe der Wunder und Weissagungen belohnte. Selbst sein Todestag wurde ihm in einem Gesicht bekannt gemacht, mit den Worten, deren unser Erlöser ihn würdigte, nämlich: „Am Tag meines letzten Abendmahles wirst du zu mir kommen.“ Dies ist auch wirklich am 12. April 1050 geschehen, nachdem er das hundertzwanzigste Lebensjahr erreicht hatte.

 

Der heilige Julius I., Papst und Bekenner von Rom,

+ 12.4.352 – Fest: 12. April

 

Julius, von Geburt ein Römer, wurde am 6. Februar 337 zum Papst erwählt. Die morgenländischen Bischöfe der arianischen Sekte, die man wegen des Eusebius von Nikomedien, eines ihrer eifrigsten Parteigänger, Eusebianer nannte, schickten ihm alsbald Gesandte, um den heiligen Athanasius über mehrere fälschlich ersonnene Verbrechen anzuklagen. Der heilige Patriarch von Alexandrien, dem diese Umtriebe zu Ohren kamen, sandte ebenfalls Abgeordnete nach Rom, um seine gerechte Sache zu verteidigen. Beide Teile hatten eine öffentliche Unterredung. Allein die Verteidiger der Eusebianer wurden zu Schanden gemacht und zu schmähvollem Stillschweigen genötigt. Indes beriefen sie sich auf ein Concilium, wo die Sache neuerdings untersucht werden sollte. Der Papst, um ihrem Wunsch zu willfahren, hielt eines zu Rom im Jahr 341. Der heilige Athanasius, Marcellus von Ancyra, Asklepas von Gaza, Paul von Constantinopel, Lucius von Hadrianopolis, der, gleich seinem Vorgänger Eutropius, unter erlogenem Vorwand, durch List und Gewalt der Arianer, seines heiligen Amtes entsetzt worden, wohnten demselben bei. Die Eusebianer aber kamen nicht dahin, obgleich sie dazu dringend eingeladen worden waren. Sie versammelten vielmehr ein sogenanntes Concilium zu Antiochien, wo sie den heiligen Athanasius seines Stuhles unwürdig erklärten, und an dessen Stelle einen gewissen Gregorius aus Kappadocien, der ihrer Partei zugetan war, einsetzten.

 

Da sie aber die mit den Briefen des Papstes beauftragten Priester über die Zeit, die man ihnen zum Erscheinen bestimmt hatte, zurückgehalten, und dies weil sie nicht nach Rom sich verfügen wollten, suchten sie wenigstens ihre Weigerung des Gehorsams so gut als möglich zu beschönigen: sie schrieben also an den Statthalter Christi einen Brief, in dem sie sehr kahle Entschuldigungen vorbrachten, warum sie sich in Rom zum Concilium nicht hätten einfinden können. Sie entblödeten sich nicht, über Kürze der anberaumten Frist zu klagen, schützten auch den persischen Krieg vor, und bemerkten, dass Julius allein, nicht die anderen Bischöfe geschrieben, und dass er seinen Brief nur an einige gerichtet habe. Übrigens sprachen sie mit scheinbarer Ehrerbietung von der Kirche zu Rom, deren Vorrang sie eingestanden, und die sie die Schule der Apostel und den Sitz der Frömmigkeit nannten. Julius fühlte aber die ganze Nichtigkeit ihrer vorgeschützten Ursachen. Er untersuchte daher im römischen Concilium die Sache des heiligen Athanasius, der von allen Beschuldigungen, so die Eusebianer wider ihn erhoben, als unschuldig freigesprochen, und im Besitz des Stuhles von Alexandrien bestätigt wurde. Auch erkannte er die Rechtgläubigkeit des Marcellus von Ancyra an, der ein orthodoxes Glaubensbekenntnis eingereicht hatte. Dann entließ er die morgenländischen Bischöfe wieder nach Hause, versah sie mit Briefen voll der Kraft und apostolischer Würde, und setzte jeden in die Rechte seiner Kirchen ein, deren sie die Arianer beraubt hatten. Auf diese Weise übte er die Gerichtsbarkeit aus, die ihm der Vorrang seines Stuhles über die ganze katholische Kirche verlieh.

 

Der heilige Papst schrieb auch an die Morgenländer, das heißt, an die Eusebianer, die, nachdem sie auf einen Kirchenrat gedrungen, dennoch sich dabei nicht einfinden wollten. Das Sendschreiben, das durch den Comes Gabianus in den Orient gelangte, ist eines der köstlichsten Denkmale des christlichen Altertums. Man findet darin einen männlichen Geist, eine gründliche Beurteilungskraft, eine unerschütterliche Festigkeit, die aber durch Sanftmut und Liebe gemildert wurde. In Beziehung auf die Sache des heiligen Athanasius und des Bischofs Marcellus drückt sich der Heilige also aus: „Liebe Brüder, die Urteile der Kirche werden nicht mehr nach dem Evangelium gesprochen, sondern entschieden durch Verbannung und Tod . . . Wären sie (Athanasius und Marcellus) schuldig gewesen, so hätte man uns schreiben sollen, auf dass der Ausspruch durch alle geschehen wäre, denn es waren Bischöfe und Kirchen, die litten. Auch waren es keine gemeine Kirchen, sondern solche, die die Apostel durch sich selbst regiert haben. Warum schreibt ihr nicht an uns, vorzüglich über das, was die Kirche von Alexandrien betrifft? Wusstet ihr denn etwa nicht, dass es Gebrauch sei, zuerst an uns zu schreiben, auf dass von hier aus möge bestimmt werden, was da recht sei? Ward ein Verdacht wider den Bischof dort gehegt, so hätte die Sache unserer Kirche müssen vorgelegt werden. Jetzt, da man uns nicht in Kenntnis gesetzt, und man alles nach Belieben getan hat, verlangt man von uns, wir sollen, ohne Sachkenntnis, alles, was da vorgegangen ist, genehmigen. Das sind nicht die Anordnungen des Paulus, das ist nicht die Überlieferung unserer Väter, es ist eine ganz neue Verfassungsart . . . Ich beschwöre euch, mit gutem Herzen anzunehmen, was ich für das öffentliche Wohl schreibe. Ich berufe mich ja nur auf das, was ich empfangen habe, vom gottseligen Apostel Petrus, und würde dessen nicht erwähnen, denn ich meine, dass es allen bekannt sein müsse, wenn das Geschehene mich nicht dazu zwänge.“

 

Diese Stelle ist sehr wichtig, indem sie ein kräftiges Zeugnis gibt, von den, von allen Kirchen anerkannten, Rechten des apostolischen Stuhls zu Rom, vor den alle Sachen von gewisser Wichtigkeit gebracht werden müssen, „auf dass von hier aus möge bestimmt werden, was da recht sei“. Wie hätte Julius, dessen Brief, obgleich er große Gräuel rügt, doch im Geist der herzlichsten Liebe und der zartesten Bescheidenheit geschrieben ist, solche Ansprüche äußern wollen, äußern dürfen, wären nicht die Rechte der Nachfolger des heiligen Petrus zu Rom allgemein anerkannt worden? Er hatte keine äußere Macht, und jene Eusebianer, unter denen der Patriarch von Antiochien, dem ersten Sitz im Morgenland, wurden unterstützt von der mächtigen Hofgunst. Aber keine Stimme erhob sich im Morgenland, jene Behauptung des römischen Bischofs zu rügen. Sokrates und Sozomenus, wie schon oben bemerkt worden, erkannten die Gültigkeit seiner Ansprüche an. Sokrates bemerkt auch, dass Sabinus, ein Geschichtsschreiber, der der Partei des Macedonius anhing, in seine, nicht auf uns gelangte, Sammlung von Concilien den Brief der Eusebianer an Julius eingerückt habe, nicht aber des Julius Antwort. Würde er diese mit Stillschweigen übergangen sein, wenn er geglaubt hätte, ungegründete, vermessene Ansprüche des Bischofs zu Rom rügen zu können? Sabinus mag wohl gewusst haben, warum er diesen schönen Brief umschlich.

 

Da indessen dieses Sendschreiben nicht den gewünschten Eindruck auf die Eusebianer machte, ersuchte Julius den abendländischen Kaiser Constans, er möge an seinen Bruder Constantius schreiben, auf dass man durch Zusammenberufung eines allgemeinen Conciliums den Spaltungen, so die Kirche zerrütteten, abhelfen könne. Die Eröffnung desselben geschah wirklich zu Sardica, in Illyrien, im Monat Mai 347. Der heilige Athanasius und Marcellus von Ancyra wurden darin als rechtgläubig und unschuldig anerkannt, auch entsetzte man etliche arianische Bischöfe ihres Amtes, und veranstaltete 21 Disciplinarsatzungen. Die erste verbot die Versetzung von einem Stuhl auf den andern. Dadurch wollte man dem Ehrgeiz den Weg abschneiden, und das Heiligtum vor den Unheilen verwahren, die das Beispiel des Eusebius von Nikomedien befürchten ließ. Der 3., 4. und 7. Kanon räumte dem, durch eine Provinzialsynode abgesetzten, Bischof das Recht ein, an den Bischof in Rom zu appellieren.

 

Der heilige Julius starb am 12. April 352, nachdem er der Kirche fünfzehn Jahre, zwei Monate und sechs Tage vorgestanden war. Graf von Stolberg sagt sehr schön von ihm: „Julius hat das Schifflein der Kirche gesteuert in stürmender Zeit mit erleuchteter Weisheit und kräftiger Festigkeit, mit apostolischem Eifer und mit sanftem evangelischen Sinn. Sein Andenken wird der Kirche heilig sein, so lange sie besteht, das heißt, bis ans Ende der Tage.“ Sein Name steht in den ältesten Kalendern der römischen Kirche.

 

Der heilige Sabas, der Gote, Märtyrer der Walachei,

+ 12.4.372 – Fest: 12. April

 

Nichts erhärtet augenscheinlicher die Göttlichkeit der christlichen Religion, als die Art, wie sie in die Welt eingeführt wurde. Aller menschlichen Hilfe beraubt, besiegte sie die vereinigten Kräfte der Afterweisen und Heidenfürsten. Die wildesten Völker, die den Römern allzeit gram gewesen waren, schienen durch ihren Hass gegen die Jünger Jesu sich nun mit ihnen zu befreunden. Allein auch sie sah man unter das Joch des Glaubens sich beugen. Unter den Barbaren, die die heilige Taufe empfingen, waren die Goten nicht die minder ausgezeichneten, ja mehrere sogar besiegelten durch das Blut ihren Glauben. Da ihr König Athanarich die Zahl der Gläubigen jeden Tag sich mehren sah, fachte er das Feuer einer heftigen Verfolgung an, gegen alle jene Untertanen, die dem Christentum ergeben waren. Die Erfahrung lehrte ihn aber, dass die wahren Gläubigen über alle Schrecknisse der Peinen erhaben sind, und nichts imstande ist, ihrem Herzen den Glauben zu entreißen. Man kennt weder die Zahl noch die Namen der meisten Goten, die bei dieser Gelegenheit mit dem Märtyrertod gekrönt worden sind. Die Griechen verehren deren 51 in ihrem Menologium. Die berühmtesten unter diesen tapferen Kämpfern Jesu Christi sind der heilige Nicetas und der heilige Sabas.

 

Der Zweite, von Geburt ein Gote, war schon in seinen Kindesjahren zum Christentum bekehrt worden. Er war von jeher ein Muster des Gehorsams, der Sanftmut, der Demut und der übrigen Christentugenden gewesen. Er war gegen jedermann leutselig, doch mit Würde, offenherzig, ein Feind der Verstellung und Heuchelei, unerschrocken, zurückgezogen, ein Liebhaber des Friedens und der Stille, dennoch aber voll Eifer und Tatkraft, wenn es die Ehre der Religion betraf. Sein größtes Vergnügen war die Altäre zu zieren, und in der Kirche das Lob des Herrn zu besingen. Seine Liebe zur Keuschheit hielt ihn von aller Gesellschaft mit Frauen entfernt, und niemals unterhielt er sich mit ihnen, als wenn ihn die Notwendigkeit dazu zwang. Oft brachte er ganze Tage und Nächte im Gebet zu, sein Leben war eine beständige Übung der Abtötung. Er vermied mit größter Sorgfalt die eitle Ehre, und suchte andere durch Wort und Tat zur Tugendliebe anzufeuern. Unaufhörlich brannte in ihm ein heftiges Verlangen, Jesus Christus in allen Dingen zu verherrlichen.

 

Die Befehlshaber und die Vornehmsten unter den Goten waren Heiden, und bestrebten sich, die christliche Religion zu vertilgen. Die Verfolgung begann damit, dass man die Gläubigen zwingen wollte, von dem Fleisch, das den Götzen geopfert worden war, zu essen. Einige Abgötterer, die mit Christen verwandt und ihnen das Leben zu erretten gesonnen waren, kamen auf den Gedanken, ihnen durch die Trabanten des Königs, die sie gewonnen hatten, gewöhnliches Fleisch, dass nicht geopfert worden war, vorstellen zu lassen. Sabas verschmähte diesen unwürdigen Kunstgriff: nicht nur aß er nichts von diesem untergeschobenen Fleisch, sondern erklärte noch öffentlich, er würde alle jene Gläubigen, die davon äßen, nicht mehr als Christen ansehen. Durch diesen Heldenmut hielt er viele zurück, dass sie nicht in diese Schlinge fielen. Andere, die seinen Eifer für überspannte Strenge ansahen, jagten ihn aus dem Städtchen, das er bewohnte, riefen ihn aber anschließend wieder zurück.

 

Im folgenden Jahr entflammte aufs neue die Verfolgung, und es kam ein königlicher Beamter in den Wohnort des Heiligen, um die Anbeter Jesu Christi aufzuschreiben. Als etliche Einwohner sich erboten, auf die Opfergaben zu schwören, dass keine Christen unter ihnen seien, trat Sabas hervor, und sagte denjenigen, die den Eid ablegen wollten: Niemand schwöre für mich, denn ich bin Christ.“ Der Beamte stand indessen nicht von der Eidesforderung ab, worauf die Vornehmsten des Ortes alle Bekenner alle Bekenner des Christentums verbargen, und schwuren, dass sich nur ein einziger Christ im ganzen Städtlein befände. Der Beamte befahl, er solle sich stellen, und Sabas trat mit männlicher Kühnheit hervor. Als er sich nach seinem Vermögen erkundigt, und vernommen hatte, dass er nichts als das Kleid am Leibe besäße, verachtete er ihn, und sah ihn als einen unbedeutenden Menschen an, der weder Gutes noch Böses stiften könnte.

 

Gegen Ostern des Jahres 372 brach die Verfolgung abermals aus, und der Bekenner sann auf Mittel, wie er diesen Festtag zu begehen vermöchte: da kam ihn in den Sinn, einen Priester namens Gutthika, der eine andere Stadt bewohnte, aufzusuchen. Unterwegs aber wurde ihm wunderbarer Weise angedeutet, er solle zurückkehren an den Ort, wo er hergekommen war, und da mit dem Priester Sansala das Osterfest feiern. Drei Tage nach der Feier kam Atharid, der Sohn eines Gewaltigen des Landes, während der Nacht mit bewaffneter Mannschaft in den Flecken, stürmte in die Behausung des Priesters Sansala, der arglos schlief. Er ergriff ihn und warf ihn mit Ketten beladen auf einen Wagen. Sabas wurde ebenfalls aus dem Bett gerissen, und man gestattete ihm nicht einmal, mit seiner Kleidung sich zu bedecken. Die Soldaten schleppten ihn ganz nackt durch Hecken und Dornen, und zerfleischten mit unmenschlichen Geißelhieben und Streichen seinen Körper (Die Alten lagen damals nackt im Bett und breiteten das Gewand nachts über sich als Decke.).

 

Bei Tagesanbruch sagte der Heilige seinen Verfolgern: „Habt ihr mich nicht durch Hecken und Dornen geschleift? Seht da, ob ihr den mindesten Ritz an meinen Füßen gewahrt, und ob die Streiche, die ihr mir gegeben habt, auf meinem Körper nur eine Beule zurückgelassen haben.“ Da die Heiden keine Spur ihrer Grausamkeit wahrnahmen, gerieten sie noch desto mehr in Wut. Sie nahmen daher eine Achse vom Wagen, legten sie ihm an den Hals, und banden an die beiden Enden derselben dessen Hände, an die andere Achse die Füße. In dieser schmerzlichen Lage peinigten sie ihn fast die ganze folgende Nacht hindurch: da sie aber eingeschlafen waren, band die Frau, bei der sie ihr Nachtlager genommen hatten, den Diener Gottes los. Er wollte nicht die Flucht ergreifen, obgleich er es ohne Hindernis hätte tun können, sondern blieb bei der Hauswirtin, und half ihr das Essen für die Dienstboten bereiten.

 

Als die Nacht vorüber war, ließ ihm Atharid die Hände auf den Rücken binden, und an einem Balken des Hauses aufhängen. Danach brachte man ihm wie auch dem Priester Sansala Opferfleisch. Allein sie weigerten sich beide, davon zu essen. „Dieses Fleisch“, sagte Sabas, „ist unrein und unheilig, wie derjenige, der es uns schickt“. Einer seiner Sklaven des Atharid schlug ihm, durch diese Worte erzürnt, mit einer Mörserkeule mit solcher Wut auf die Brust, dass die Anwesenden ihn für tot hielten. Sabas aber sprach zu dem Täter: „Du meinst wohl, du hättest mich getötet? Ich versichere dich, dass ich ebenso wenig Schmerz verspürt habe, als wenn du mir einen Wollepflocken auf die Brust geworfen hättest.“ Atharid erhielt Kunde von allen diesen wunderbaren Ereignissen, war aber nicht gerührt, er befahl im Gegenteil, dass Sabas getötet werden soll.

 

Den Priester Sansala befahl er freizulassen. Sabas aber wurde an das Ufer des Musäus geführt (Massovo in der Walachei), um da ersäuft zu werden. Von heiliger Freude durchdrungen, pries er Gott, und dankte ihm, dass er gewürdigt wurde, für die Ehre seines Namens zu leiden. Indes sagten die Soldaten, die ihn führen mussten, unter sich: „Dieser Mensch ist unschuldig. Warum geben wir ihn nicht frei? Atharid wird nichts davon erfahren.“ Sabas, der sie also reden hörte, sagte ihnen: „Wozu alle diese Reden? Tut geschwind, wie euch befohlen wurde. Auf der anderen Seite des Stroms sehe ich, was ihr nicht erschauen könnt. Ich sehe die, die meine Seele aufnehmen sollen, um sie ins Reich der Herrlichkeit einzuführen. Sie erwarten nur den Augenblick, wo sie von meinem Körper getrennt wird.“ Die Soldaten ergreifen ihn daher, binden ihm die Achse an den Hals, und werfen ihn in die Fluten. Indem er so durch das Wasser und das Holz starb, bemerkt der Verfasser seiner Akten, drückte er, durch diese doppelte Todesart, die zwei Zeichen des Menschenheils aus, nämlich die Taufe und das Kreuz. Sein Märtyrertod ereignete sich am 12. April 372, unter der Regierung der Kaiser Valentinian und Valens.

 

Die Soldaten zogen seinen Leichnam hernach aus dem Wasser, und ließen ihn unbeerdigt am Strand liegen. Allein die dortigen Christen fanden ein Mittel, die Raubtiere davon abzuhalten.

 

Junius Soranus, Befehlshaber von Scythien, ein großer Diener Gottes, ließ ihn abholen und schickte ihn nach Cappadocien, in sein Vaterland. Er begleitete diese Sendung mit einem Brief der Kirche von Gotland an die von Cappadocien, indem man die Geschichte des Märtyrertums des heiligen Sabas findet, und der folgendermaßen schließt: „Ermangelt nicht, an dem Tag, an dem der glückselige Blutzuge gekrönt wurde, das Opfer darzubringen. Berichtet dies euren anderen Brüdern, damit in der ganzen katholischen und apostolischen Kirche gelobt und gepriesen werde der Name des Herrn, der einen seiner Diener verherrlicht hat.“ Der heilige Sabas steht in den Martyrologien der Griechen und der Lateiner.

 

Die Blutzeugen haben nur darum die Qualen und den Tod verachtet, weil ihnen allzeit die unaussprechliche Himmelswonne vor Augen schwebte. Würde der Anblick dieser Glückseligkeit den gehörigen Eindruck auf unsere Seelen machen, o so müssten wir gewiss mit regerem Eifer auf der Bahn der Tugend wandeln. Als ein Mönch der Vorzeit bei seinem Abt sich beklagte, es ekle ihn die Einöde an, erwiderte ihm dieser: „Dein Ekel rührt daher, weil du weder an die Freuden des Himmels, noch an die Qualen der Hölle denkst. Würdest du dieser gedenken, so möchtest du wohl nicht in Missmut und Lauigkeit geraten. Unsere Hauptbeschäftigung hienieden, sagt der heilige Augustinus, besteht darin, dass wir das himmlische Vaterland, in das wir bald aufgenommen werden, nimmer aus den Augen verlieren. Zwar kann man nicht leugnen, dass man auf dieser Bahn auf manche Leiden stoßen wird. Allein sie werden mit einer ewigen Ruhe vertauscht werden. Der sicherste Antrieb zur unverdrossenen Arbeit ist die Erinnerung an die Belohnungen. Dem Winzer würde der Mut entsinken, wenn er keinen Lohn seiner Mühen hoffte. Alles, was wir tun oder leiden können, wird uns wie ein Nichts vorkommen, wenn wir es mit der Krone vergleichen, die unser im Himmel harret. Ja wir werden noch erstaunen, dass wir so viel für so wenig erhalten.“

 

13. April

 

Von den heiligen Märtyrern Karpus,

Bischof und Martyrer von Thyatira,

13.4.251,

Papylus, Diakon und Martyrer von Thyatira,

+ 13.4.251,

und Agathonice, Martyrin zu Thyatira,

+ 13.4.251 - Fest: 13. April

 

Viele hundert Jahre lang waren die uralten, echten Marterakten dieser Heiligen verschollen; da zog ein Gelehrter (Aubé) im Jahre 1881 sie ans Licht. Seitdem beschäftigte sich die Wissenschaft mehrfach eingehend mit ihnen, denn sie sind als ein kostbares Denkmal aus der Feder eines christlichen Augen- und Ohrenzeugen geflossen. Die eigenartige Originalität, die ganz ergreifende Schlichtheit des Ausdruckes und die mitunter fast rätselhafte Knappheit der Schilderung verbürgen den höchstmöglichen Grad geschichtlicher Treue. Sie sollen hier der Hauptsache nach erstmals auch in einer Heiligenlegende der Erbauung des christlichen Volkes dienen.

 

Vorausgeschickt sei noch, dass Karpus wahrscheinlich Bischof von Thyatira. Papylus Diakon und Agathonice eine Christin und Mutter eines unmündigen Sohnes war. Erstere wurden nach standhaftem Bekenntnis zum Feuertod verurteilt; Agathonice, von der Gnade Gottes angeregt, schloss sich ihnen freiwillig an. Schauplatz des Martertums war die Stadt Pergamum in Kleinasien, und zwar zur Zeit des römischen Kaisers Decius oder Marc Aurels.

 

Als der Prokonsul (von Asien) zu Pergamum weilte, wurden ihm die seligen Märtyrer Christi Karpus und Papylus vorgeführt. Nachdem er sich niedergesetzt hatte, sagte er: „Wie heißt du?“

 

Der Selige antwortete: „Mein erster und bester Name ist Christ; fragst du aber nach meinem Namen in der Welt, so heiße ich Karpus“.

 

Der Prokonsul erklärte: „Die Befehle der Kaiser sind dir bekannt, dass man die allwaltenden Götter verehren soll; darum rate ich euch, hinzuzutreten und zu opfern“.

 

Karpus entgegnete: „Ich bin Christ und verehre Christus, den Sohn Gottes, der in den letzten Zeiten zu unserem Heil gekommen ist und uns von dem Trug des Teufels befreit hat; diesen Götzenbildern da aber opfere ich nicht. Tu, was du willst; denn mir ist es unmöglich, den Truggestalten der Dämonen zu opfern; sind doch jene, die diesen Göttern opfern, ihnen gleich. Wie nämlich die wahren Verehrer – nach der göttlichen Erzählung des Herrn jene, die Gott im Geiste und in der Wahrheit anbeten (Joh 4,23) – der Herrlichkeit Gottes ähnlich werden und mit ihm unsterblich sind, teilhaftig des ewigen Lebens durch Christus, so werden auch jene, die diesen Götzen dienen, ähnlich der Eitelkeit der Dämonen und gehen mit ihnen in der Hölle unter. Sie teilen die gerechte Strafe mit jenem, der den Menschen, das auserwählte Geschöpf Gottes, hintergangen hat, ich meine den Teufel, der in seiner Schlechtigkeit den Menschen beneidet hat. Darum wisse, Prokonsul, dass ich diesen nicht opfere.“

 

Der Prokonsul aber sprach zornig: „Opfert den Göttern und seid vernünftig!“

 

Karpus entgegnete lächelnd: „Götter, die den Himmel und die Erde nicht geschaffen haben, mögen zugrunde gehen!“

 

Der Prokonsul sprach: „Du musst opfern, denn der Kaiser hat es befohlen.“

 

Karpus antwortete: „Die Lebenden opfern nicht den Toten!“

 

Der Prokonsul sprach: „Die Götter hältst du für tot?“

 

Karpus entgegnete: „Willst du hören? Sie haben nicht einmal als Menschen gelebt, um zu sterben. Willst du sehen, dass das wahr ist? Entzieh ihnen deine Ehre, die du ihnen zu erweisen scheinst, und du wirst erkennen, dass sie nichts sind; Erdstoff sind sie und gehen mit der Zeit unter. Unser Gott nämlich, der zeitlos ist und die Zeit geschaffen hat, bleibt selbst immer unvergänglich und ewig; er ist immer derselbe und leidet keinen Zugang noch Abgang; jene aber werden von Menschen gemacht und, wie ich sagte, von der Zeit vernichtet...“

 

Der Prokonsul sprach: „Indem ich dich viel Törichtes reden ließ, habe ich dich zur Schmähung der Götter und Kaiser verleitet. Damit du aber darin nicht weiter gehest, gebiete ich dir jetzt zu opfern“.

 

Karpus entgegnete: „Ich kann nicht opfern; denn niemals habe ich Götzen geopfert“.

 

Sofort ließ er ihn danach aufhängen und ihm mit Krallen die Haut aufreißen; Karpus aber rief in einem fort: „Ich bin Christ!“ Nachdem er lange zerfleischt worden war, verlor er seine Kräfte und konnte nicht mehr reden.

 

Der Prokonsul wandte sich von Karpus weg zu Papylus und sprach zu ihm: „Bist du ein Ratsherr?“

 

Der Entgegnete: „Ich bin ein Bürger“.

 

Der Prokonsul sprach: „Welcher Stadt?“

 

Papylus antwortete: „Von Thyatira“.

 

Der Prokonsul fragte: „Hast du Kinder?“

 

Papylus antwortete: „Sogar viele um Gottes willen“.

 

Einer aus der umstehenden Menge rief: „Nach seinem Christenglauben sagt er, dass er Kinder habe“.

 

Der Prokonsul sagte: „Warum lügst du und sagst, du habest Kinder?“

 

Papylus entgegnete: „Willst du sehen, dass ich nicht lüge, sondern die Wahrheit sage? In jeder Provinz und Stadt habe ich Kinder in Gott“.

 

Der Prokonsul sagte: „Opferst du, oder was sagst du?“

 

Papylus entgegnete: „Von Jugend an diene ich Gott und habe nie Götzen geopfert, sondern ich bin Christ, und mehr als dies kannst du von mir nicht erfahren; denn nichts Größeres und Schöneres als dies könnte ich sagen“.

 

Auch Papylus wurde aufgehängt und mit drei Paaren eiserner Krallen zerfleischt; aber er gab keinen Laut von sich und ließ wie ein großmütiger Kämpfer den Zorn des Widersachers über sich ergehen.

 

Als der Prokonsul ihre außerordentliche Standhaftigkeit sah, befahl er, sie lebendig zu verbrennen. Beschleunigten Schrittes traten die beiden in das Amphitheater ein, um baldigst von dieser Welt befreit zu werden. Zuerst wurde Papylus mit Nägeln an den Pfahl festgemacht und gab, als das Feuer angelegt war, ruhig betend seinen Geist auf. Nach diesem wurde Karpus angenagelt und lächelte. Die Umstehenden sprachen erstaunt zu ihm: „warum lächelst du?“

 

Der Selige antwortete: „Ich sah die Herrlichkeit des Herrn und freute mich; zugleich aber wurde ich euch los und habe keinen Teil an eurem Unglück“.

 

Als aber der Soldat die Holzstücke aufschichtete und anzünden wollte, sagte der heilige Karpus, während er dahinging: „Wir sind von derselben Mutter Eva geboren worden und haben dasselbe Fleisch, aber hinblickend auf das untrügliche Gericht erdulden wir alles“.

 

Als er dies gesagt hatte und das Feuer brannte, , betete er und sprach: „Gepriesen seist du, Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, dass du auch mich Sünder deines Besitzes gewürdigt hast“.

 

Nach diesen Worten gab er seinen Geist auf.

 

Eine gewisse Agathonice aber stand dabei und sah die Herrlichkeit des Herrn, die Karpus gesehen zu haben erklärte. Sie erkannte darin den himmlischen Ruf und erhob sofort ihre Stimme: „Das Mahl, das ich geschaut habe, ist bereitet; ich muss also kosten und essen von dem himmlischen Mahl“.

 

Das Volk aber rief: „Erbarme dich deines Sohnes!“

 

Die selige Agathonice antwortete: „Er hat Gott, der sich seiner annehmen kann, den, der für alles sorgt; aber ich, was stehe ich hier?“

 

Sie zog ihre Kleider aus und ließ sich frohlockend an das Holz nageln. Die Dabeistehenden aber sprachen unter Tränen: „Ein grausamer Urteilsspruch und ungerechte Befehle!“

 

Als sie aufgerichtet und vom Feuer erfasst war, rief sie dreimal: „Herr! Herr! Herr, hilf mir, denn zu dir habe ich mich geflüchtet!“ Und so gab sie ihren Geist auf und wurde mit den Heiligen vollendet.

 

Ihre Überreste aber trugen die Christen heimlich davon und hüteten sie zur Ehre Christi und zum Ruhm seiner Märtyrer; denn ihm gebührt Ruhm und Macht und Ehre, dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit. Amen.

 

Der heilige Hermenegild, Prinz und Martyrer von Sevilla, Spanien,

+ 13.4.586 - Fest: 13. April

 

Da wurde im Jahr 579 zu Toledo, Spaniens damaliger Königsstadt, eine Hochzeit gefeiert. Hermenegild, der Kronprinz des Landes, heiratete die fränkische Königstochter Ingunde. Der Bräutigam gehörte mit seiner Familie der arianischen Sekte an und die Braut war römisch-katholisch. Des ersteren Vater Leovigild, der mächtige westgotische König, ein verbissener Arianer, hatte in eigener Person die Ehe der beiden jungen Menschen, die übrigens glücklich war, gewünscht und herbeigeführt. Dabei ließ sich der Herrscher von dem Gedanken leiten, dass es ihm nicht schwer fallen werde, aus der Katholikin Ingunde schnell und sicher eine Arianerin zu machen. Als er sich in dieser Hoffnung getäuscht sah, insofern Ingunde dem katholischen Glauben treu blieb, gab es Streit im Königshaus, und der Streit endete damit, dass Leovigild Sohn und Schwiegertochter vom Hof verbannte und nach Sevilla schickte. Zwar gab der Vater dem Kronprinzen den Titel König, aber das Verhältnis zwischen ihm und Hermenegild blieb gespannt.

 

In Sevilla kam Hermenegild, durch das christliche Beispiel der Gattin beeinflusst, zu der Einsicht, dass der katholische Glaube die einzig wahre Religion sein müsse. Deshalb schwur er dem arianischen Glauben ab und wurde katholisch.

 

Dieser Schritt des Kronprinzen schlug dem Fass den Boden aus. Mit Heeresmacht rückte der königliche Vater heran und Hermenegild floh in eine Kirche, wo er nach altem Recht als von Gott geschützt galt und nicht ergriffen werden durfte. Wohl achtete Leovigild das Recht, aber er lockte mit List den Geflohenen aus dem Schutz des Gotteshauses heraus, indem er den jüngeren Sohn Rekkared zu Hermenegild schickte und ihm die eidliche Zusicherung gab, er solle getrost freiwillig zu ihm kommen, er wolle ihm alles verzeihen und nichts Böses antun.

 

Hermenegild zweifelte nicht an der Aufrichtigkeit des gegebenen Versprechens, verließ das schützende Gotteshaus und stellte sich dem Vater. Dieser jedoch vergaß des Eides, den er geschworen hatte. Mit eigener Hand riss er dem Sohn die Abzeichen der Königswürde vom Leib, enterbte ihn, ließ ihn in einen finsteren Kerker werfen, und als die Schergen den Geschmähten abführten, rief ihm der Wüterich höhnisch die Bemerkung nach, im Gefängnis könne er bei Wasser und Brot über seinen Glaubenswechsel heilsame Erwägungen anstellen.

 

Das tat Hermenegild auch, und unter den Erwägungen, die er anstellte, war die heilsamste jene, die im Gebet zum Ausdruck bringt, dass ein irdisches Königreich geringer zu werten ist als das himmlische. Hermenegild fasste den festen und unabänderlichen Entschluss, dass er katholisch bleiben wolle bis zum Ende, und das bittere Ende ließ auch nicht auf sich warten. Als nämlich das Osterfest nahte, schickte der Vater einen arianischen Bischof in den Kerker und ließ dem Bekenner melden, er solle aus der Hand des abtrünnigen Mannes die Osterkommunion empfangen. Hermenegild wies aber den Bischof mit dem Bemerken zurück, dass er nur aus der Hand eines katholischen Priesters den Leib des Herrn empfangen wolle.

 

Als kurz darauf der Vater von dem Verhalten des Sohnes erfuhr, schickte er den Scharfrichter in das Gefängnis, der auf königlichen Befehl dem Eingekerkerten mit einem Beil den Schädel spaltete und ihm dadurch die Krone der ewigen Herrlichkeit verschaffe. Es geschah am 13. April, dem Karsamstag des Jahres 586. Seitdem feiert Hermenegild die ewige Kommunion mit Gott im Himmel.

 

Durch die Art des Todes ist der heilige Hermenegild eigentlich ein Martyrer der heiligen Kommunion. Aus diesem Grund wendet man sich auch gerade an ihn, um durch seine Fürsprache von Gott die Gnade zu erhalten, dass man stets würdig den Leib des Herrn empfange.

 

Der heilige Martin I., Papst und Martyrer von Chersones,

+ 16.9.655 - Fest: 13. April

 

Die heutige Feier ist einem Namensvetter des gestrigen Tagesheiligen geweiht. Es ist der heilige Papst Martin I., der die Kirche Gottes in den Jahren 649 bis 655 leitete, ein Martyrer und ein Schmerzensmann, der nach den Worten der Heiligen Schrift teilnehmen durfte an den Leiden Christi.

 

In jener Zeit, da der heilige Papst Martin lebte, gab es zwar keine blutigen Christenverfolgungen mehr, aber Irrlehrer waren am Werk, welche die wahre Lehre vom Gottessohn verfälschten, indem sie entweder seine Gottheit oder seine Menschheit leugneten, obwohl er doch Gott und Mensch zugleich ist, wie es im Credo der Heiligen Messe ganz klar ausgedrückt ist.

 

Da war es weiter nichts als die Pflicht des obersten Hirten in Rom, die Irrlehre zu verurteilen und die hartnäckigen Ketzer zu bannen. Das tat Martin, aber da mischte sich der Kaiser, der damals weit weg von Rom in Konstantinopel wohnte, in den Streit, der ihn doch gar nichts anging, und hielt es mit den Irrlehrern. Alles Weitere kann man sich denken, und wieder einmal musste ein hochgemuter Christusheld in der Nachfolge des göttlichen Meisters den glorreichen Weg des Kreuzes beschreiten.

 

Von Konstantinopel kam ein Geheimbefehl des Kaisers, man solle den Papst während der Heiligen Messe am Altar erdolchen. Man wollte also kurzen Prozess machen, aber Gott vereitelte den verbrecherischen Anschlag dadurch, dass der Meuchelmörder gerade in dem Augenblick, als er sich auf den Papst stürzen wollte, erblindete und wie tot zu Boden fiel. Daraufhin ließ man Martin für einige Zeit in Ruhe.

 

Eines Tages kam jedoch ein neuer kaiserlicher Befehl. Papst Martin sei zu verhaften und nach Konstantinopel zu überführen, aber nicht eilig, sondern auf einem langsamen Schub, und unterwegs sollte der päpstliche Häftling auf dem Schiff in jeder erdenklichen Weise gequält werden, man solle ihn hungern und dürsten lassen und schlagen und einsperren, damit seine Körper- und Willenskraft gebrochen, seine Geduld erschöpft und sein Gemüt zur Nachgiebigkeit gebracht werde.

 

Achtzehn Monate dauerte die weit in die Länge gezogene Seereise Martins von Rom nach Konstantinopel. Dort war man bei seiner Ankunft enttäuscht, dass er noch lebte. Man warf den Entkräfteten ins Gefängnis, wo der Glaubensheld, mit Ketten gefesselt, frierend und hungernd drei harte Wintermonate verbrachte. Immer hoffte man, der oberste Wächter des Glaubens werde mürbe werden, aber er wurde nicht mürbe, und je mehr der Körper verfiel, desto stärker entwickelte sich der Mut des Bekenners. Schließlich wurde ein Schauprozess aufgezogen. Die Anklage lautete auf Hochverrat gegen den Staat und das Urteil selbstredend auf Tod. Bevor das Lügenurteil vollstreckt wurde, tat man dem Papst Martin eine letzte hohe Ehre an, indem man ihm auf öffentlichem Platz vor allem Volk die Zeichen der hohenpriesterlichen Würde vom Leib riss, wie man auch den Heiland auf Golgatha seiner Kleider beraubte.

 

Doch da hatten sich die Gewaltmenschen zu viel herausgenommen, das Volk, dem langsam die Augen aufgingen, begann zu murren, und der Kaiser wagte es nicht, die Hinrichtung zu vollstrecken, sondern ließ den Glaubenshelden in eine entlegene Verbrecherkolonie verbringen, wo Papst Martin ein halbes Jahr später starb und für immer mit einer Krone geschmückt wurde, im Vergleich zu der die Krone seines kaiserlichen Gegners eitel Staub war.

 

Die selige Ida von Löwen, Zisterzienser-Ordensfrau zu Rosendael,

+ 13.4.1300 – Fest: 13. April

 

Unter den Begnadigsten der Lieblinge Gottes nimmt die selige (oder „ehrwürdige“) Ida, die ihre Heimat in Löwen in Belgien hatte, einen hervorragenden Platz ein. Viel Wunderbares wird von ihr berichtet. Ihr Lebensbeschreiber versichert, dass er es aus den Aufzeichnungen des Beichtvaters der Seligen, namens Hugo, zusammengetragen habe, also des maßgebendsten Zeugen, den er überdies einen „sehr heiligen Diener Christi, einen über alles ehrwürdigen und seligen Mann“ nennt. Die schier in Vergessenheit geratene stigmatisierte Jungfrau verdient um deswillen wieder unserer Zeit als leuchtender Stern gezeigt zu werden, , als sie eine ganz besonders innige Andacht zum eucharistischen Heiland hatte und weil eben deswegen das heiligste Altarsakrament der Mittelpunkt all der wunderbaren Erscheinungen war, deren sie gewürdigt wurde.

 

Schon das Kind wurde vom Altar geheimnisvoll angezogen. Während der Wandlung sah es einmal einen Lichtstrahl vom Himmel herniedersteigen. In kindlicher Einfalt und engelgleicher Reinheit des Herzens gelangte es ins achtzehnte Lebensjahr. Da eröffnete sich dem regsamen Geist der Jungfrau eine in der Welt ganz seltene und darum auch so kostbare Einsicht von der menschlichen Nichtigkeit und Unzulänglichkeit, ein gnadenvolles, klares Erkennen der eigenen Sündhaftigkeit. Eine solche nur vom Heiligen Geist verliehene, wunderbare Erkenntnis finden wir im Leben mancher auserwählten Heiligen in auffälliger Weise, wie ein plötzliches Licht von oben gegeben. Auf den gewöhnlichen Wegen der Gnade und in ruhig fortschreitender Entwicklung, je nach dem Maß der Mitwirkung und des Verlangens, schenkt sie Gott jedem Suchenden. Der große heilige Franziskus von Assisi (+ 1226), dem die selige Ida noch einige Jahre Zeitgenossin gewesen sein könnte, hatte auch seine glückliche Stunde, als er in der Einsamkeit der Felsenhöhle bei Poggio Bustone in anhaltendem Gebet das immer offene, allen zugängliche Buch des Gekreuzigten studierte. Der „doppelte Abgrund“, wie die heilige Angela von Foligno ihn nannte, öffnete sich ihm, der Abgrund des göttlichen Wesens von Größe und Herrlichkeit, von Güte und Licht; diesem gegenüber sein eigener Abgrund von menschlicher Schwäche, von Sünde und Finsternis. Ganz zerknirscht und wie vernichtet lag Franz auf seinem Angesicht vor Gott, dem Gott, der ganz Wahrheit und Heiligkeit ist, vor dessen Allmacht nichts bestehen kann als Wahrheit und Heiligkeit. In dieser Wahrheit sah Franz auf den Grund seiner Seele und erkannte seine ganze menschliche Erbärmlichkeit, aus der heraus er in tiefster Not zu Gott emporstöhnte, wie ihn später Bruder Leone rufen hörte: „Wer bist du, Herr, du Höchster, du Weiser, du Allgütiger, du Allerbarmender, dass du zu mir kommst, der ich von allen der erbärmlichste Wurm bin, ein kleines, abscheuliches und verächtliches Geschöpf?“ Was sich in solcher Stunde der Gnade in einer Menschenseele, die sich, in vollkommenem Misstrauen auf sich selbst, in Hoffnung und Liebe nur an ihren Gott anklammert, vollzieht, kennt nur der Allwissende. Es ist das Wunder vollkommener Reinigung und Rechtfertigung. Dieser wurde sich Franziskus unzweifelhaft bewusst.

 

So geschah es auch der seligen Ida. Ein neues Licht und Leben war ihr aufgegangen, das die Heiligen gerne ihre „Bekehrung“ zu nennen pflegen. Ein mächtiges Verlangen nach den himmlischen Freuden und Gütern regte sich in ihr. Wessen sie sich aber in der Vergangenheit als Schuld bewusst war, strebte sie nun durch strenge Buße aufs eifrigste wieder gutzumachen. Mit aller Sorgfalt hütete sie ihr Gewissen, besuchte eifrigst die Kirche und pflegte besonders fromme Gespräche und einen erbaulichen Umgang mit Guten. Den väterlichen Reichtum aber, über dessen Erwerb ihr zartes Gewissen sich nicht beruhigen konnte, wollte sie gar nicht mehr benützen. Das erweckte den Unwillen des Vaters, der ganz in seinem Geschäft des Weinhandels aufging. Sein maßloser Zorn ließ sich bis zu schweren Züchtigungen der Tochter hinreißen. Wieviel musste sie dadurch leiden! Aber alle Bitterkeit ertrug sie mit Geduld, ja legte sich insgeheim noch eigene schwerste Züchtigung auf, die bis aufs Blut ging. Gegen alle Versuchungen, mit denen sie der böse Feind gewaltsam von der aufgenommenen Bahn der Frömmigkeit abdrängen wollte, waffnete sie sich durch eingehende Betrachtung des Leidens des Erlösers und durch eifrige Benützung der wirksamsten Kraftquelle für menschliche Schwäche, des Brotes der Starken“, das „alle Süßigkeit in sich enthält“.

 

So hatte Gott sich einen aufnahmefähigen, „verschlossenen Garten“ bereitet, in den er den Wunderkeim mystischen Gnadenlebens einsenken konnte. Für den alles Gute zernagenden Wurm menschlicher Selbstsucht und Eitelkeit war da kein Nährboden gegeben. Der feste Zaun der Buße und Wachsamkeit wehrte alle Schädlinge ab. Darum konnte Gott auch für die reine und demütige Jungfrau das ursprüngliche Paradiesesverhältnis zu den Geschöpfen wieder aufleben zu lassen, das dem Menschen in jenem glücklichen Stand eigen war, und das man so oft bei den auserwählten Dienern Gottes wiederkehren sehen kann. Wie St. Franziskus, der den Vögeln predigt und sie zu Gottes Lob auffordert, so ruft auch Ida die Vögel und all die gefiederten Bewohner des Hofes herbei, dass sie statt der säumigen Mitmenschen sie zur Feier der heiligen Messe begleiten. Freudig bezeugen ihr die unvernünftigen Tiere ihre Bereitwilligkeit, halten dann in Ruhe und Ordnung vor der Kirche Wache und kehren erst wieder unter Ehrfurchtsbezeigung zum emsigen Futtersuchen zurück, wenn ihnen die gottvereinte Jungfrau die Erlaubnis dazu gibt. Wenn Ida am Bach die Wäsche schwenkte, schwammen die Fische ohne Furcht auf sie zu, ließen sie mit sich spielen, sich streicheln und von ihren Händen fangen. Verdorbenem Wein gab sie seine vorige Güte wieder, verwandelte anderes Getränk in Wein und erflehte auch ihrer unerwartet vom Tod befallenen Schwester das Leben wieder von Gott zurück.

 

Größer noch und ganz wunderbar waren die Wirkungen ihres innigen Verkehrs mit dem gekreuzigten und eucharistischen Heiland. War die Gottesliebe und die rückhaltlose Hingabe an den Herrn eine vollkommene, so konnte auch die Gegengabe nur eine vollkommene sein, eine außerordentliche nach menschlicher Fassungsweise, eine gottebenbürtige im Reich der Gnade. „Die der himmlische Vater sich auserwählt hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu werden“, versichert der große Apostel (Röm 8,29). Das Bild des Sohnes ist das des Gekreuzigten, das die heiligen Wunden trägt, die ihm die Liebe zu uns geschlagen hat. Auf diese hochheiligen Unterpfänder unseres Heils ging immer wieder die betrachtende Herzensneigung der erleuchteten Jungfrau zurück. Sie waren der Ort ihrer Zuflucht, die Sonne ihres Lebens und Liebens. Von so zarter Liebe angezogen, musste der allgütige Herr ihr erwidern: „Du hast mein Herz verwundet, meine Schwester, meine Braut, du hast mein Herz verwundet mit einem Blick deiner Augen“ (Hohelied 4,9). Und so gab er ihr die Geheimnisse seines Leidens auf ganz wundersame Weise zum Miterleiden, er drückte der jugendlichen Kreuzesjüngerin an den Händen, den Füßen und der Seite die Zeichen seiner heiligen Wunden ein. Was unser Heiland zur Erlösung der Welt am Kreuz in der Durchbohrung der Nägel gelitten hat, davon schenkte er der liebenden Kreuzesbraut ein gar köstliches Andenken, das sie nicht so sehr im Gedächtnis behalten, als vielmehr an ihrem Körper mitleiden sollte. Die Male zeigten sich als Kreise von verschiedener Farbe und wuchsen sich an der inneren wie äußeren Hand- und Fußfläche nach Art böser Wunden aus, für jedermann unzweifelhaft sichtbar. Ganz klaffend war die Seitenwunde, bis ins Innere gehend, wie wenn sie das Atmen der Brust oder den Schlag des Herzens vermitteln müsste. Jede Berührung, selbst die bedeckenden Kleider verursachten große Schmerzen. Arbeiten, die eine Bewegung des Oberkörpers bedingten, wurden ihr eine Qual. Ida musste sie öfter unterlassen. Selbst das Nähen, womit sie sich den Lebensunterhalt verschaffte, wurde zur schmerzendsten Buße und musste oft unterbleiben. Dabei litt sie auch schweres Weh im Kopf, wie von stechenden Dornen, rings um das Haupt. Der beengte Schmerz erneuerte immer seine Kraft, wenn die unschuldige Nachfolgerin des Gekreuzigten, gleich diesem, Misshandlungen und Schmähungen von Seiten ihres Vaters oder Verwandten erfahren musste. Das alles ertrug sie als kostbaren Anteil am Kreuz des Herrn mit hochherzigem Mut. Eins aber erschien ihrer Demut und Einfalt als allerschwerste und kaum zu ertragende Prüfung, nämlich die Furcht, es möchten die wunderbaren Zeichen dem Volk bekannt werden und ihr, der Unwürdigen und nur nach Gebühr leidenden Büßerin, daraus eine unverdiente Ehrung zuteilwerden. So geschah es auch danach. Denn so sehr sie sich Mühe gab, die Wundmale an den Händen konnten nicht lange verborgen werden, wie auch die Seitenwunde ihren Angehörigen nicht geheim blieb. Da flehte denn die Leidensjüngerin in der Angst ihres Herzens inständigst zum allgütigen Geber aller Gnaden, er möge ihr die Wundmale wieder nehmen. Und siehe, was der liebe Heiland als Unterpfand seiner besonderen Liebe gegeben hatte, das nahm er jetzt wieder zum neuen Beweis seines Wohlgefallens an der Sorgsamkeit, mit der sie den kostbaren Schatz der Demut hütete. Die Sichtbarkeit der Male verschwand, die Leidensempfindung aber blieb. Mit dem Erlöser durfte sie büßen für die Schuld der sündigen Menschheit.

 

Der gütige Heiland bereitete seiner liebenden Jüngerin wieder andere wundersame Entschädigungen. Er verlieh ihr die Gabe der Beschauung, jenen höchsten Grad des Gebetes, der zur innigsten Vereinigung mit Gott führt, wo der Betende nicht mehr mit Mühe seine Arme nach der göttlichen Wahrheit auszustrecken braucht, wo Gott selber die himmlische Erkenntnis mit großer Lichthelle und unwiderstehlicher Anziehungskraft in die Seele hineinstrahlt. Die Seele ist dabei nur empfangend und leidend, wie ein Kind, das aus dem Becher trinkt, den ihm die Mutter hinhält. Zu diesen Ekstasen der seligen Ida gab zumeist Veranlassung ihre überaus große Hinneigung zu Jesus im Sakrament der Liebe. Mit ihm in Vereinigung zu sein war die heiße Sehnsucht ihres Herzens. Doch ach, nur allzu selten wurde ihr der wirkliche Genuss des heiligen Fronleichnam zuteil, wie damals üblich, meist nur an den Sonn- und Feiertagen. In ihrer Inbrunst umfasste und küsste sie die heiligen Gefäße auf dem Altar. Die Gegenwart des Herrn im Tabernakel pflegte sie zu fühlen. Einmal während der heiligen Messe war die Glut ihrer Sehnsucht so entbrannt, dass sie nur mit gewaltiger Überwindung und Herzensnot sie zu ertragen vermochte. Des Heilands erbarmende Güte aber hatte Mitleid mit ihr. Im selben Augenblick, da der Priester am Altar die heilige Kommunion empfing, da empfand auch das glückliche Kind die hochheilige Gestalt des Brotes im Mund, durch Engelsdienst gebracht, wie man glaubte, sie fühlte es mit der Zunge und empfand den Geschmack. Zugleich kostete sie dem Leib und der Seele nach eine solche Köstlichkeit, dass die beseligende Ankunft des Urhebers aller Köstlichkeit nicht in Zweifel gezogen werden konnte. Diese Gunst wurde ihr mit wachen Sinnen zuteil. Auch in der Verzückung empfing sie den Herrn.

 

Einmal, nach längerem Gebet, wurde ihr Geist, wie so oft, wiederum über seine körperlichen Grenzen hinaus zur Betrachtung der himmlischen Dinge fortgerissen. Da sah sie mit ihrem geistigen Auge ihren lieben Jesus auf sich zukommen, entzückend zu schauen in der Anmut seiner Menschheit. Sie sah, wie er seine Brust von den Kleidern entblößte, sie ihr zeigte und sie mit deutlichen Zeichen ermunterte, aus seiner Seite den Trank des Heils zu schöpfen. Idas Lebensbeschreiber fügt noch die Versicherung bei, dass er von ihrem Beichtvater mündlich und schriftlich das Zeugnis erhalten habe, dass die Selige öfters in der Verzückung mit dem Liebesjünger Johannes aus dem Gnadenquell der Seite des Herrn geschöpft habe. Somit gehört die ehrwürdige Ida von Löwen zu jenen Begnadeten, denen der Erlöser die Segnungen seines heiligsten Herzens im mystischen Schauen eröffnet hat.

 

Nicht minder beachtenswert und belangvoll für unsere Zeit ist auch die Mitteilung, dass sich die fromme Jungfrau, um nicht durch Neid und Ärgernisnehmen der Mitmenschen am häufigen Empfang des heiligsten Sakramentes gehindert zu sein, durch ihre geistlichen Ratgeber vom Apostolischen Stuhl das Gnadenindult erbitten ließ, „dass sie alle Tage, wenn sie wolle und es ihr beliebe, zum Empfang der heiligen Kommunion ohne jegliches Hindernis hinzutreten könne“. So ein Gnadenerlass sei in jener Zeit selten gewährt worden, fügt der Schreiber bei, woraus hervorgehe, dass die ehrwürdige Ida mit nicht geringer Heiligkeit geschmückt gewesen sein müsse, weil sie das Ansehen des Heiligen Stuhls durch dieses Vorrecht sie allen Kindern der Kirche als verehrungswürdig hinstellte.

 

Ein so außerordentliches Leben rein mystischer Art konnte sich nicht gut in der Welt entfalten; es bedurfte der bergenden Mauern des Klosters. Wie aber kam die ehrwürdige Ida schließlich zu dem Entschluss, sich dahin zu flüchten? Wieder war es ihre große Selbsterkenntnis, das Gnadenlicht, das sie erleuchtete, das ihr auch diesen Weg gewiesen hat. Es ist auffallend, was sie als Grund für den Eintritt in einen Orden angibt. Sie könne das Lob des Volkes nicht mehr länger ertragen. Obwohl sie mit Sündenmakeln überladen sei und das auch öffentlich bekenne, so sei doch niemand, der ihr diese Schuldhaftigkeit strafend vor Augen halte. Sie müsse deshalb die nichtwürdige Welt und selbst ihre geistlichen Freunde, auf deren Trostwort sie bisher vertraut habe, verlassen und sich ganz der Barmherzigkeit ihres Gottes überlassen. Die Barmherzigkeit Gottes suchte Ida, und wo konnte sie diese besser finden, als dort, wo das ganze Leben nach strengen Gesetzen geregelt, ein Leben der Buße ist, ein einziger Bittruf nach der Barmherzigkeit Gottes. Wenn die Ordenskandidatin, zur Einkleidung bereit, nochmals gefragt wird, was ihr Begehren sei, antwortet sie: „Die Barmherzigkeit Gottes.“ Die selige Ida suchte diese Barmherzigkeit Gottes im Zisterzienserinnenkloster Rosendael (Rosental) bei Mecheln, das ihre Vorfahren gestiftet hatten. Hier diente sie viele lange Jahre hindurch mit aller Regeltreue dem Allgütigen, hier mehrten sich noch immer die Gnadenwunder in ihrer eucharistischen Vereinigung mit dem himmlischen Seelenbräutigam, hier auch vollendete sie selig ihren Erdenlauf, der schon im Leib mehr ein „Verkehr im Himmel“ war als auf dieser Erde.

 

Wie kann Demut bestehen neben der Überfülle von Gnadengaben? Außer der wahren Selbsterkenntnis, dieser ersten Quelle der Demut, nennt die selige Ida noch ein praktisches Mittel: „Wenn ich die unaussprechlichen Wohltaten von Gottes Güte annehme oder mich ihrer erinnere, so tue ich es, als ob Gott sie nicht mir, sondern irgend einem Unbekannten gegeben habe. Er, der Erlöser ist es, der seine Braut schmückt; wer das sei, ist gleichgültig. Wenn ich in Gehorsam von den Gaben des Herrn reden muss, tue ich es nur, wenn ich auch gleichzeitig meine Sündhaftigkeit offenbaren darf. Ich würze eines mit dem anderen. So wird jedes schmackhaft und unschädlich.“

 

14. April

 

Die gottselige Jungfrau Lidwina, Jungfrau von Schiedam, Holland,

+ 14.4.1433 - Fest: 14. April

 

Nach menschlichem Ermessen dürften wenig Christen gefunden werden, die mit solcher Liebe, mit solcher Geduld und Beharrlichkeit, mit solchem Vertrauen ein solches Leiden so lange ertragen haben, als die gottselige Lidwina. Schon der Name, den sie in der heiligen Taufe empfing, deutet, wie ihr Lebensbeschreiber, der ehrwürdige Thomas von Kempis, bemerkt, auf ihre Bestimmung hin; denn Lidwina heißt so viel als: die vor Leid Weinende. Die auserwählte Braut Christi wurde zu Schiedam in Holland den 18. März 1380 geboren. Ihr Vater, Peter, war von Adel, aber aus göttlicher Fügung so arm geworden, dass er zur Zeit des Herzogs Wilhelm in der Stadt den Nachtwächterdienst versehen musste, um sich und seine Familie zu erhalten. Die Mutter hieß Petronilla und galt als eine sehr gottesfürchtige, ihrem Hauswesen treu vorstehende Frau. Sie gebar ihrem Mann acht Kinder, von denen Lidwina das fünfte war.

 

Frühzeitig gab die Kleine schon eine besondere Andacht zu der Mutter der Reinigkeit zu erkennen, indem sie nie unterließ, wenn sie ihren Brüdern das Essen in die Schule brachte, vor dem Marienbild in der Kirche, an welcher sie der Weg vorüberführte, den englischen Gruß zu beten. Als sie eine junge Frau wurde, sah man an ihr die herrlichsten Vorzüge der Seele mit vollendeter Schönheit des Körpers vereinigt, und daher wurden ihr bald die lockendsten Heiratsanträge gemacht. Doch Lidwina hatte sich schon ihrem Heiland verlobt und erklärte mit Festigkeit, dass sie nie einen sterblichen Menschen ehelichen, ja, wenn man sie weiter mit Anträgen beunruhige, Gott bitten werde, sie so zu entstellen, dass jedem die Lust vergehe, sie auch nur anzublicken. Täglich betete sie zu Gott, dass er alle fleischliche Liebe ihr aus dem Herzen nehme, damit sie ihn allein mit reinem Herzen lieben könne. Und Gott erhörte ihre Bitte, und zwar nach seiner wunderbaren Weisheit, indem er bei ihr schwere körperliche Leiden zuließ, den Worten Jesu gemäß: „Einen jeden, der Frucht bringt, wird mein Vater reinigen, auf dass er noch mehr Frucht bringe.“

 

Um Lichtmessen des Jahres 1395 ging Lidwina, damals fünfzehn Jahre alt, mit ihren Freundinnen auf das Eis, wie denn in Holland das Schlittschuhlaufen allgemeine Volksbelustigung ist. Da kam eines der Mädchen im schnellen Lauf an ihr vorbei und versuchte sich an ihr festzuhalten. Durch den Anprall aber verlor Lidwina das Gleichgewicht und fiel so unglücklich auf einen Haufen Eisstücke, dass sie sich eine Rippe brach. Das war der Anfang ihres namenlosen Leidens. Es bildete sich innerlich ein Geschwür, das allen Heilmitteln trotzte und immer mehr um sich fraß, die Kranke dem Tode nahe bringend. Schließlich platzte es nach einer heftigen Bewegung, die die Leidende machte, und entleerte sich durch den Mund. Von da an folgte eine ununterbrochene Kette von Krankheiten für die ganze Lebenszeit. Drei Jahre lang wurde Lidwina zur Osterkommunion in die Kirche getragen; sonst kroch oder schob sie sich mühsam an einem Stock fort, da sie weder gehen noch stehen konnte. Im vierten Jahr nahm das Übel dermaßen zu, so dass die Kranke sich überhaupt nicht mehr rühren konnte, und man musste, wenn man sie von der Stelle bringen sollte, ihre Schultern mit einer Binde umwickeln, damit sich der Körper nicht auseinander renkte. Nur dem Kopf und einem Arm blieb etwas Beweglichkeit und so lag Lidwina, eine halbe Leiche, bis an den Tod auf dem Rücken. Ein Arzt aus Delft, Meister Andreas genannt, der sie gleich in den ersten Jahren der Krankheit sah, erklärte ihren Eltern, dass sie auf keine Weise mehr gesund werden würde. Doch sollten sie dies für kein Unglück halten, denn Gott würde so viele und große Dinge an Lidwina wirken, dass er für eine solche Tochter gerne so viel Geld geben wollte, als ihr Kopf schwer sei.

 

Immer weiter griff die Krankheit um sich und keine Arznei schlug mehr an. An einzelnen Stellen des Körpers erstarb das Fleisch und ging in Fäulnis über, die wiederum Würmer erzeugte, doch keinen üblen Geruch verbreitete. Dazu gesellte sich ein Brand im Leib, den die Ärzte Antoniusfeuer zu nennen pflegen, und der all ihre Glieder jämmerlich zerfraß. Das Licht ihres Auges verschwand, ihr Kopf wurde von unaufhörlichem Stechen, als würde er mit Nadeln und Messern gestochen, ihr Mund von folternden Zahnschmerzen, ihr Hals mit fast unerträglicher Bräune gepeinigt. Geblütsfülle drang ihr oft aus Nase, Mund und Ohren. Nebenbei hatte sie beständiges Erbrechen, anhaltendes Seitenstechen und ein tägliches Fieber. Auch die Elemente verstärkten ihre Schmerzen. In dem strengen Winter von 1408, wo die Fische im Wasser gefroren, litt die Kranke so unter dem Frost, dass ihre Glieder schwarz und die Tränen ihrer Augen zu Eis wurden. So qualvoll war oft ihr Leiden, dass die natürlichen Tränen versiegten und blutige hervorquollen. Zu dem heftigen Fieber, das sie bald mit Glut verbrannte, bald wieder mit Eiseskälte schüttelte, kam zuletzt eine allgemeine Wassersucht. Als die Pest in Schiedam ausbrach, wurde auch Lidwina damit befallen und kurz vor ihrem Tod überdies noch von der schmerzhaften Steinkrankheit heimgesucht. An der Stirn hatte sich in Folge der Krankheit ein Bruch gebildet, der bis auf die Mitte der Nase reichte, ebenso war die untere Lippe und das Kinn gespalten, so dass sie deshalb kaum reden konnte. Anfangs nahm sie täglich einige Apfelstückchen mit einem Bissen Brot und einem Schluck Bier oder einem Löffel süßer Milch zu sich, später trank sie bloß Wasser aus der Mosel und in den letzten Jahren nahm sie weder Speise noch Trank zu sich. Von Schlaf war ohnehin keine Rede. Der vielen Wunden wegen, die ihren Leib bedeckten, konnte sie kein Federbett ertragen. Jahrelang lag sie auf Stroh und schließlich mit bloßem Rücken sogar auf einem harten Brett, das aus dem Boden eines Fasses genommen war. Niemand konnte sie, die lebendige Ausstellung aller Krankheiten, ohne das innigste Mitleid ansehen, und sie durfte mit Recht ausrufen: „Ihr alle, die ihr vorübergeht, schaut her und sagt, ob ein Schmerz dem meinen gleicht!“

 

Die ersten vier Jahre wollte sich Lidwina nicht recht in ihre Lage fügen; sie klagte oft über ihre Schmerzen und suchte bei den Menschen Hilfe und Erleichterung oder stieß, bitterlich weinend, jeden Trost zurück. Endlich schickte ihr Gott einen frommen Priester, namens Johannes Pot, der sie belehrte, wie sie sich verhalten solle. Er riet ihr vor allem, ihre Gedanken ganz auf das bittere Leiden und Sterben Jesu Christi zu wenden, ein Geheimnis desselben nach dem andern andächtig zu betrachten und dabei zu erwägen, was der Heiland ihr zu Liebe gelitten habe. Dann solle sie bedenken, was die Heiligen Gott zu Liebe ausgestanden hätten, und schließlich sich fleißig erinnern an den großen und ewigen Lohn, den der Herr für das irdische Leiden verheißt. Um aber von Gott die Gnade der Geduld zu erlangen, solle sie öfters die heilige Kommunion empfangen und in ihren Schmerzen der sogenannten Stoß- oder Schussgebete sich bedienen. Lidwina folgte ihrem ehrwürdigen Beichtvater aufs Pünktlichste und spürte bald eine gänzliche Umänderung ihres Gemütes. Die Begierde, wieder gesund zu werden, die Mutlosigkeit, das Verlangen nach menschlicher Hilfe waren auf einmal verschwunden. Man hörte kein Wort der Ungeduld mehr von ihr, man sah kein Zeichen der Unzufriedenheit. Sie ergab sich vollkommen dem göttlichen Willen und lobte den Herrn in den größten Schmerzen, ja verlangte gar noch mehr zu leiden.

 

So arm sie selber war, gab sie doch von dem Wenigen, was sie hatte, den Armen und teilte mit ihnen das Almosen, das ihr fromme Leute reichten. Freigebig war die gottselige Jungfrau auch mit geistlichen Almosen. Trotz der Unzahl von Krankheiten, die ihren Leib zermarterten, hatte sie Sinne, Vernunft, Gedächtnis und alle Geisteskräfte wohl beisammen und konnte allen, die sie besuchten, Trost, Rat und Belehrung erteilen. Den Ordensleuten empfahl sie freudigen, pünktlichen Gehorsam und warnte vor dem Müßiggang, welcher der Pflegevater alles Bösen sei. Witwen und Waisen ermunterte sie zum Vertrauen auf Gottes Güte und zur Geduld im Ertragen ihrer Entbehrungen. Wollte jemand sie selbst wegen ihrer Armut bedauern, so antwortete sie: „Wer mit dem, was er hat, zufrieden ist, der hat Überfluss.“ Besonderes Mitleid hatte sie mit den Sündern und den Seelen im Reinigungsort und sie pflegte zu ihren Vertrauten zu sagen, sie wollte gern noch doppelt so viel erdulden, wenn sie damit einen Sünder bekehren oder eine Seele aus dem Fegfeuer erlösen könnte.

 

Neben ihren Krankheiten hatte Lidwina auch andere Trübsale zu leiden. Der Tod entriss ihr ihre Mutter, von der sie bisher, so viel es die Umstände erlaubten, sorgsam gepflegt worden war, und sie fiel der Barmherzigkeit der Anverwandten anheim. Diese gingen nicht immer am Liebreichsten mit ihr um. Besonders hart wurde sie von der Gattin ihres Bruders, einer eigensinnigen, zänkischen und rohen Frau, behandelt. Sie aber setzte den Misshandlungen nur Sanftmut und Geduld entgegen und antwortete auf die Frage, warum sie zu allem schweige: „Die Gebrechlichkeiten und Unvollkommenheiten überlästiger Menschen muss man mit ruhigem Gemüt ertragen, damit sie durch das Beispiel fremder Geduld gebessert werden. Die mir Böses tun, geben mir Gelegenheit, meine Verdienste zu vermehren und machen mich zu ihrer Schuldnerin.“ Es fehlte auch nicht an Leuten, die sie für eine Heuchlerin und Betrügerin hielten und mit Verleumdungen und Schmähungen überschütteten. Zur Zeit, als Herzog Philipp von Burgund die stolzen holländischen Städte mit Krieg überzog (1428), kam eine Abteilung seiner Truppen auch nach Schiedam, und einigen Offizieren und Feldärzten, die von Lidwinas wunderbarem Leiden gehört hatten, fiel es ein, sie in ihrer Hütte aufzusuchen. Anstatt aber von dem kläglichen Zustand der Kranken gerührt zu werden, trieben sie allen möglichen Mutwillen mit ihr, rissen ihr die Decke vom Leib, forderten sie höhnisch zum Tanz auf und gingen in ihrer Ruchlosigkeit sogar soweit, sie mit Stöcken zu schlagen und ihren ohnehin zerfleischten Leib an drei Stellen zu verwunden. Das Blut strömte herab und man musste es mit einem Waschbecken aus dem Bett schöpfen. Die kleine Petronilla, das kleine Cousinchen der Kranken, die seit dem Tod der Mutter ihre Wärterin war, schleuderten die Unmenschen, als sie sich gegen sie wehren wollte, so heftig gegen einen Betschemel, dass sie ihr Leben lang hinkte. Das alles litt Lidwina mit engelgleicher Geduld. Ihre Rache aber hatte ein Stärkerer auf sich genommen, denn alle, die an diesem Verbrechen teilgenommen hatten, starben noch in demselben Jahr eines gewaltsamen Todes.

 

Aber noch hatte Lidwina die höchste Stufe der Trübsal nicht erreicht. Es musste auch Petronilla, das treue Cousinchen, sterben und sie damit das letzte Wesen verlieren, das sich ihrer mit Liebe angenommen hatte. Tiefe Betrübnis nahm darüber ihr Herz ein, und weil sie sich dieser zu sehr hingab, entzog ihr der Herr den inneren Trost, so dass sie mit dem Erlöser rufen konnte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ In dieser peinvollen Lage suchte sie Hilfe im Empfang der heiligen Kommunion. Der Genuss der himmlischen Speise war es immer, der das ersterbende Leben des Geistes in ihr wieder mächtig anfachte und in der letzten Zeit sogar die Stelle jeder irdischen Nahrung vertrat. Ein halbes Jahr nach Petronillas Tod, am Tag der Heimsuchung Mariens, neigte sich der Herr endlich wieder zu seiner Braut und flößte ihr solch süßen Trost ein, dass sie zehn Tage wie abgestorben für alles Zeitliche dalag, mit verklärtem Gesicht, voll seliger Freude. Es war jetzt die Zeit gekommen, wo Gott ihr Leiden, ihre Geduld und Liebe belohnte. Er erquickte sie mit himmlischen Gesichten: Engel erschienen ihr, nannten sie Schwester und verkündeten ihr die Krone der Herrlichkeit. Ja der Heiland selbst besuchte sie mit der allerseligsten Jungfrau und anderen Heiligen, und ihr sonst dunkles Kämmerlein erschien oft von überirdischem Licht erhellt und mit himmlischem Duft erfüllt. Eines Tages zeigte ihr der Herr einen schönen Blumenkranz, der aber noch nicht ganz fertig geflochten war, mit den Worten: „Meine Tochter, dieser Kranz muss bald vollendet werden.“ Lidwina verstand wohl, dass sie noch eine Zeitlang werde leiden müssen, aber nur bis ans Ende auszuharren habe, um den Kranz zu gewinnen. Schon früher, von der Zeit an, da sie nach den Ermahnungen ihres Beichtvaters das Kreuz willig auf sich genommen und es fortan ohne Murren getragen hatte, waren ihr viele übernatürliche Gaben verliehen worden, besonders die Gabe hohen beschaulichen Gebetes, die Gabe, das Verborgene der Herzen zu erkennen, die Gabe der Weissagung.

 

Zur gänzlichen Reinigung sandte der Herr seiner Dienerin im letzten Jahr ihres Lebens noch eine neue Krankheit, deren Schmerzen die aller anderen Übel überstieg, an denen sie zu leiden hatte. Es bildeten sich nämlich Steine in ihrem Körper, und an diesem bitteren Kelch musste sie trinken von Lichtmessen bis Ostern. Endlich wurde der frommen Dulderin der Tag geoffenbart, der sie mit ihrem himmlischen Bräutigam für alle Ewigkeit vereinigen sollte. Sie rüstete sich durch den Empfang der heiligen Sakramente, nahm von allen, die sich bei ihr befanden, rührenden Abschied und bat dann, allein gelassen zu werden. Darauf versenkte sie sich in tiefes Gebet, nach dessen Beendigung sie ein heftiges Erbrechen befiel, das nach kurzer Agonie ihrem Leben ein Ende machte. Lidwina starb am 14. April 1433, dreiundfünfzig Jahre alt, nach achtunddreißigjährigem Martyrium auf dem Krankenbett. Man fand nach dem Tod ihre Lenden von einem Bußstrick umgürtet, als hätte sie an den Schmerzen ihrer Krankheiten noch nicht genug gehabt. Und nun zeigte der Herr, wie er seine Heiligen verherrlicht. Nicht tot schien die Hingeschiedene, man konnte eher sagen, sie sei neugeboren. Ihr Gesicht glänzte, wie von einem innerlichen Licht, und ihr ganzer Körper war so weich, heil und rein, als wäre er nie von einer Krankheit berührt worden. Von den Geschwüren und Wunden, die ihn bei Lebzeiten verunstaltet hatten, war keine Spur mehr zu sehen. Der Ruf dieser übernatürlichen Erscheinung zog Tausende von Menschen aus ganz Holland herbei. Durch Berührung ihrer Leiche und ihres Bußgürtels erhielten viele Kranke ihre Gesundheit wieder. Thomas von Kempen führt mehrere dieser Wunder an, von denen er Augenzeuge gewesen ist.

 

Man errichtete ihr ein Grabmal von Marmor in der Pfarrkirche von Schiedam, die seit dem Jahr 1434 nach ihrem Namen genannt wird. Das Haus ihres Vaters wurde in ein Kloster der grauen Schwestern vom dritten Orden des heiligen Franziskus verwandelt. Die Calvinisten haben später die Kapelle zerstört und das Kloster in ein Waisenhaus umgeschaffen. Die Gebeine der Seligen wurden gerettet und nach Brüssel gerettet, wo sie in dem Kollegiatstift der heiligen Gudula ehrenvoll aufbewahrt werden.

 

Die heilige Lidwina leidet 38 Jahre lang viele große und recht schmerzliche Krankheiten. 38 Jahre ist schnell gesagt, aber in Wahrheit eine lange Zeit. Aber was ist diese lange Zeit gegen die Ewigkeit? Die 38 schmerzvollen Jahre haben bei der heiligen Lidwina ein Ende genommen. Wird auch die pein- und schmerzvolle Ewigkeit der Verdammten ein Ende nehmen? Ach niemals, niemals wird sie ein Ende nehmen, sonst wäre sie ja keine Ewigkeit.

 

Nun frage dich: Wenn du sicher wärest, dass du gleich nach der ersten Todsünde mit einer 38jährigen Krankheit, ja nur mit einem 38stündigen Zahn- oder Kopfschmerz von Gott bestraft werden solltest, würdest du diese Sünde dann begehen? Sicher nicht. Und warum sündigst du denn doch so oft und so keck, obwohl du weißt, dass nicht nur ein 38jähriger, sondern ein ewiger Schmerz in der Hölle auf dich wartet? Welche Dummheit ist es also, dich durch eine Sünde der Gefahr auszusetzen, in die ewige Hölle gestürzt zu werden. Willst du vernünftig handeln, so entschließe dich im Ernst, die Qualen der Hölle recht zu betrachten und die Sünde zu meiden.

 

Die heilige Lidwina hält sich in beständiger Geduld durch Betrachtung des bitteren Leidens Jesu Christi, durch Erinnerung dessen, was die Heiligen gelitten, durch Vorstellung der höllischen Peinen und durch das Andenken an die ewigen Freuden des Himmels. Dieses sind die kräftigsten Mittel gegen alle Ungeduld in deinem Leiden, wie es auch immer beschaffen ist. Denke bei dir oder rede dir selbst zu: „Mein Jesus hat weit mehr mir zu Liebe gelitten. Die heiligen Martyrer und die heiligen Bekenner haben ungleich mehr ausgestanden des Himmels wegen. Was ich leide, ist ja nichts gegen das, was die Verdammten in der Hölle leiden und was ich schon so oft wegen meiner Sünden zu leiden verdient habe. Mein Leiden, so schwer es auch immer ist, so lange es auch immer dauert, ist doch kurz und gering im Vergleich mit dem unermesslichen und ewigen Lohn, den mir Gott im Himmel verspricht.“

 

Mit diesen Gedanken hat die heilige Lidwina, wie andere Heilige, sich in ihrem Leiden zur Geduld ermuntert. Folge darin nach. Vor allem berücksichtige die Liebe und das Beispiel des Herrn. „Da uns eine solche Wolke von Zeugen umgibt, wollen auch wir alle Last und die Fesseln der Sünde abwerfen. Lasst uns“, schreibt der heilige Paulus, „mit Geduld in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens; er hat angesichts der vor ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich genommen, ohne auf die Schande zu achten, und sich zur Rechten von Gottes Thron gesetzt. Denkt an den, der von den Sündern solchen Widerstand gegen sich erduldet hat; dann werdet ihr nicht ermatten und den Mut nicht verlieren.“ (Hebr 12,1-3) Und der Heilige Bernhard schreibt: „Wirst du zur Ungeduld gereizt, so denke, was dein Heiland für dich gelitten hat.“

 

Der heilige Benedikt von Avignon,

Laie, Bekenner und Ordensstifter, Frankreich,

+ 14.4.1184 - Fest: 14. April

 

Der heilige Benedikt, der wegen seiner Jugend auch Benezet oder Benediktchen genannt wurde, hütete die Herde seiner Mutter. Tugendhaft und gottesfürchtig war er erzogen. Den Beweis lieferte er dadurch, dass er auf dem Feld mehrere Stunden im Gebet zubrachte und auch sonst einen sehr unschuldigen Lebensstil führte.

 

So wenig vorauszusehen war, dass der Name dieses Hirtenjungen einst in der Kirchengeschichte glänzen würde, so lieb hatte ihn Jesus gewonnen, und man behauptet, Benedikt sei erst 12 Jahre alt gewesen, als er einst auf dem Feld im Jahr 1177 dreimal hintereinander folgende Worte deutlich vernahm: „Benedikt, mein liebes Kind, höre die Stimme Jesu!“

 

Benedikt sah sich nach allen Seiten um, sah aber niemanden. Als er die Stimme zum dritten Mal hörte rief er laut: „Wer bist du denn, mein Herr, der du mit mir redest! Ich höre dich zwar, aber ich sehe dich nicht.“ Hierauf erklang eine Stimme, die sagte: „Fürchte dich nicht, mein Kind! Ich bin Jesus Christus, dein Gott.“

 

Beim Hören dieser Worte fiel der kleine Benedikt auf seine Knie nieder und rief: „Was willst du denn, was soll ich tun?“ „Ich will“, erwiderte die Stimme, „dass du deine Herde verlässt und über den Rhonefluss eine Brücke baust.“

 

„Aber Herr“, antwortete Benedikt, „ich weiß ja nicht, wo dieser Fluss ist, und ich darf meine Schafe nicht verlassen.“

 

„Sei du nur gehorsam“, sagte Christus, „deine Schafe will ich versorgen. Du wirst auch gleich einen Begleiter haben, der dich zu diesem Fluss führen wird. Tu nur, was ich dir sage.“ Noch wollte sich Benedikt einen Einwand erlauben und sagte daher: „Aber womit soll ich denn eine Brücke bauen? Ich habe nicht mehr als drei Heller bei mir, die reichen ja sicherlich nicht.“ „Setze du nur“, war die Antwort Jesu, „dein Vertrauen auf mich und verscheuche aus deinem Geist alle übrigen Sorgen.“

 

Benedikt wusste nun keine Einwendungen mehr. Er glaubte der Stimme folgen zu müssen, bezeichnete sich mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und ging fort. Aber bald bemerkte er auch schon einen jungen Mann neben sich, der höchst freundlich zu ihm sagte: „Ich bin da, um dich an den Fluss zu begleiten, worüber du eine Brücke bauen sollst.“ Wer kann wohl diese Geschichte lesen, ohne an den Beruf des kleinen Samuel zu denken und an den Reisegefährten des jungen Tobias? Wie Tobias glücklich an den Ort seiner Bestimmung unter dem Schutz des Engels Raphael kam, so gelangte auch Benedikt unter der Leitung und dem Schutz des Engels, den ihm Christus zugesendet hatte, bis an den Ort, wo die Brücke über die Rhone erbaut werden sollte.

 

Benedikt staunte, als er diesen Fluss sah; und nachdem er sowohl die Breite des Flusses und dessen Geschwindigkeit beobachtet hatte, sprach er zu seinem Begleiter: „es ist ja nicht möglich, dass hier eine Brücke erbaut werden kann.“

 

„Lege doch“, erwiderte der Engel, „alle Furcht ab; tu, was Gott dir befohlen hat. Fahre mit dem Schiff über den Fluss, gehe in die drüben gelegene Stadt Avignon zum Bischof und sage ihm, was Gott dir befohlen hat.“

 

Benedikt befolgt den Befehl seines Begleiters, er steigt in das bereitliegende Schiff, er sieht sich um, will sehen, warum sein Begleiter ihm nicht nachfolgte; aber der ist verschwunden. Jetzt wollte Benedikt erst einmal über alles, was bisher geschehen und ihm unbegreiflich war, nachdenken, aber das Schiff, auf dem er sich befand, trieb plötzlich ohne Schiffmann vom Ufer ab und er erkannte darin die Hand des Herrn, der ihn so wundervoll leitete. Ganz getrost, ermutigt und kraftvoll trat er daher am anderen Ufer von dem Schiff und bat einen Jungen, ihm die Wohnung des Bischofs zu zeigen. Gerne erfüllte der Kleine die Bitte Benedikts. So meldete er sich beim Bischof an, wird vorgelassen, und als er ihm gesagt hatte, er sei von Gott geschickt mit dem Befehl, bei dieser Stadt Avignon eine Brücke über die Rhone zu erbauen, lächelte der Bischof, denn er glaubt, der arme Hirtenjunge sei verrückt im Kopf. Er verwies ihn daher zum Stadtvogt, ja er ließ ihn zu ihm geleiten, in der Meinung, dieser werde dem Jungen schon den rechten Ort zur Verpflegung anweisen.

 

Benedikt geht ruhig zum Stadtvogt und diesem vorgestellt sagt er: „Herr, ich bin von Gott geschickt, hier eine Brücke über die Rhone zu erbauen; ihr müsst mir dabei behilflich sein.“ Hatte der Bischof von Avignon gelächelt, nachdem er des Hirtenknaben Erklärung vernommen hatte, so spottete laut der Stadtvogt darüber. Um den Einfältigen, wie er dachte, wieder loszuwerden, zeigte er auf einen sehr großen in seinem Hof herumliegenden Stein, den kaum dreißig Männer hätten bewegen können, und sprach zu Benedikt: „Da nimm diesen Stein und lege damit den Grund zu deiner Brücke!“

 

Der kleine Benedikt freute sich sehr, als er das hörte. Die Anwesenden lachten laut. Doch Benedikt geht zu dem Stein, machte das Zeichen des heiligen Kreuzes über ihn, ergreift ihn, legt ihn auf seinen Kopf und trägt ihn zu allgemeinem Erstaunen mit solcher Geschwindigkeit bis an den Fluss, als wenn er eine nur wenige Pfunde schwere Last zu tragen hätte. Nun lächelte, nun spottete man nicht mehr, nun bewunderten alle den unschuldigen Hirtenjungen, denn so wie der Stadtvogt und der Bischof, so hatten Tausende den Jungen gesehen, wie er den so großen Stein mit Geschwindigkeit an das Ufer getragen hatte. Was indes noch weit mehr die Vermutung der Einwohner Avignons bestärkte, dass Gott diesen Jungen zur Ausführung dieses großen Werkes erwählt habe, bestand darin, dass viele, die die Kleider des Jungen berührt hatten, von allen ihren Krankheiten sich geheilt fühlten. Achtzehn solche Wunder wurden schon am ersten Tag bekannt, unzählige weitere folgten nach.

 

Jedermann trug nun gerne etwas zur Erbauung der Brücke bei. Mehrere brachten Geld, andere boten ihre freiwillige Arbeit an, und zwar so, dass noch in demselben Jahr der Bau begonnen werden konnte. Tausend Hände waren beschäftigt, die nötigen Materialien herbeizuschaffen, und Benedikt, der die Aufsicht über alles führte, ordnete mit solcher Weisheit das Ganze an, dass man immer mehr und mehr die Hand desjenigen erkannte, der diesen unschuldigen Hirtenjungen zur Anordnung dieses großen Werkes herbeigeführt hatte.

 

Der Grundstein, den Benedikt selbst herbeigetragen hatte, wurde mit größter Feierlichkeit endlich gelegt, und Benedikt ermunterte durch eine Menge Wunder den Eifer der Arbeitenden, denen es nicht mehr schwer fiel, zur Vollendung der Brücke beizutragen, die zu 18 Schwibbögen und 1340 Schritten Länge berechnet war. Der Ausführung dieses Werkes setzten sich in der Folge oft sehr große, fast unüberwindlich scheinende Hindernisse entgegen. Aber Benedikt verlor den Mut nicht, er nahm zum Gebet seine Zuflucht, ermunterte dazu auch die Einwohner der Stadt, die sich gerne seiner Leitung und Anweisung unterwarfen, während er bei Tag und Nacht zu Gott, als dem Vater des Lichtes, um Erleuchtung flehte.

 

Schon war der dritte Pfeiler seiner Vollendung nahe, als Benedikt auf ihm in einer angeordneten Vertiefung eine Kapelle erbauen ließ, in der er begraben zu werden verlangte, und wo er auch, so lange er noch lebte, während des Brückenbaues seine Andacht zu Gott verrichtete.

 

Die Vollendung der Brücke erlebte Benedikt nicht mehr, denn elf Jahre brauchte man zu ihrer vollkommenen Fertigstellung, er aber starb schon im Jahre 1184, als der Bau erst im letzten Drittel der Arbeit begriffen war. Allgemein war die Trauer der Einwohner der Stadt Avignon beim Tod des bewunderungswürdigen Benedikt. Mit großer Feierlichkeit wurde er in die Kapelle der Brücke, wie er es verlangt hatte, begraben, und bemerkenswert ist, dass der übrige Teil der Brücke in der Folge der Zeiten zwar wieder zerstört wurde, jener Teil aber noch unversehrt ist, worauf die Kapelle mit den Reliquien des heiligen Benedikt sich befindet, und dass sein Grab durch viele Wunder, die Gott auf seine Fürsprache wirkte, verherrlicht worden sei. In der Nähe dieser Brücke wurde auch ein Hospital erbaut, in dem auch Religiosen wohnten, bekannt unter dem Namen: die Brückenmacher. Man behauptete früher, der heilige Benedikt habe dieses Hospital ebenfalls erbaut, ja, er selbst sei der Stifter der Religiosen gewesen. Es unterliegt aber keinem Zweifel mehr, dass dieses Hospital erst nach des heiligen Benedikt Tod erbaut worden sei. Es mag vielleicht seine Absicht gewesen sein, ein Hospital zu erbauen, und darin den Arbeitern lebenslänglich Obdach und Nahrung zu geben, die sich beim Brückenbau besonders durch ihren Fleiß ausgezeichnet hatten. Danach wurden hier Pilger aufgenommen und solche Leute, welchen die Pflicht oblag, die Brücke in gutem Zustand zu erhalten.

 

15. April

 

Der heilige Peter Gonzales aus dem Prediger-Orden

(Patron der Schifffahrer), Spanien,

+ 15.4.1246 - Fest: 15. April

 

Peter Gonzales (sonst St. Telme oder Elm genannt), aus einer angesehenen Familie, wurde im Jahr 1190 in der Stadt Astorga des Königreiches Leon in Spanien geboren. Da ihn die Natur mit außerordentlichem Scharfsinn begabt hatte, machte er in den Studien schnelle Fortschritte. Er trat in den geistlichen Stand, ohne jedoch die Wichtigkeit eines solchen Schrittes gehörig zu erwägen. Der Bischof von Astorga, sein Oheim, hoch erfreut über seine Fähigkeiten, gab ihm ein Kanonikat an seiner Domkirche, worauf er ihm auch die Würde des Domdechanten verlieh. Der junge Gonzales hatte zwar keine groben Fehler an sich, jedoch war er von dem Weltgeist angesteckt, den das Evangelium verdammt. An seiner neuen Ehrenstelle sah er nur, was seiner Eigenliebe schmeichelte: er wollte, dass die Feier seiner Besitznahme mit dem größten Prachtaufwand geschehe. Und in dieser Absicht durchzog er die Stadt auf einem prachtvoll geschmückten Pferd. Das Beifallklatschen, an dem sich seine Eitelkeit entzückte, dauerte nicht lange, denn das Pferd bäumte sich, tat einen Fehltritt und warf den Reiter in den Kot, was unter den Menschen ein gewaltiges Hohngelächter erregte, was wohl unseren Gonzales nicht wenig gekränkt hatte.

 

Indessen brachte diese Verdemütigung eine gute Wirkung in dem jungen Dechanten hervor: er kehrte in sich und erkannte, dass dieses Ereignis eine Bestrafung seiner Eitelkeit war. So öffnete er nun der Gnade das Herz und nahm sich vor, ihre Eindrücke treu zu befolgen. Den Anfang machte er damit, dass er sich nach Palenzia zurückzog. Abgeschiedenheit, Fasten und Gebet waren die Mittel, deren er sich zur Erkenntnis des göttlichen Willens bediente. Er bekämpfte den Stolz durch Übung einer gänzlichen Abtötung und durch stets wiederholte Selbstüberwindung wurde er ein Muster der Bußübung und Demut. Obgleich er aber die schlechten Neigungen der Natur unterjocht hatte, war er dennoch immer gegen sich selbst misstrauisch. Und um die Früchte der über seine Leidenschaften erfochtenen Siege nicht zu verlieren, trat er in die Reihe der geistlichen Kinder des heiligen Dominikus, die durch ihre hohen Tugenden die Kirche Gottes erbauten.

 

Die Welt verfolgte ihn bis in seine Einsamkeit. Sogenannte Weise setzten alle Springfedern in Bewegung, um ihn dahin zu bringen, dass er seine Ehrenstelle wieder antrete. Aber er war unerschütterlich in seinem Entschluss, mit der Welt gänzlich zu brechen. Nach überstandenem Noviziat legte er seine Gelübde ab und suchte dann weiter mit rastlosem Eifer sich durch strenge Befolgung der Ordensregel in der Tugendübung zu befestigen. Daraufhin entsprach er dem Willen seiner Obern, die ihm befahlen, sich wegen seiner guten Anlagen zum Predigtamt zu befähigen.

 

Nachdem der Heilige den größten Teil der Nacht in Betrachtung und im Absingen des Lobes Gottes zugebracht hatte, widmete er den ganzen Tag dem Unterricht der Gläubigen. Die Liebe, von der seine Seele ausgefüllt war, gab seinen Worten eine Salbung, gegen die sich niemand wehren konnte. Selbst die entschlossensten Wüstlinge zerflossen in Tränen und legten vor seinen Füßen das demütige Bekenntnis ihrer Sünden ab. Er war das Werkzeug unzähliger Bekehrungen im Königreich Leon und Kastilien, besonders aber in der Diözese Palenzia.

 

Der fromme König Ferdinand der Dritte hatte das Verlangen, den Mann Gottes zu sehen und überzeugte sich dann selbst von der Wahrheit dessen, was man ihm von Peter Gonzales gesagt hatte. Er fasste daher gleich den Entschluss, ihn zu sich zu nehmen und immer als Begleiter mit sich zu führen, selbst in den Krieg. Gonzales benützte das ihm geschenkte Vertrauen des Fürsten zur Förderung der Ehre Gottes und brachte es durch Gebet und Ermahnungen dahin, dass die Unordnungen, die am Hof und unter den Kriegsleuten herrschten, größten Teils verschwinden mussten. Seine Beispiele gaben seinen Reden neue Kraft, denn er lebte mitten in den Ehren und im Schoß des Überflusses ebenso regelmäßig und bescheiden als im Kloster. Man sah ihn nie einen Schritt abgehen von seinen Übungen der Geistesversammlung, der Abtötungen und übrigen Tugenden.

 

Wäre er ein gewöhnlicher Mensch gewesen, so hätte er den ihm gelegten Fallstricken unmöglich entgehen können. Eine Frau schmeichelte ihm und wollte ihn verführen. Ihr war gestattet worden, unter vier Augen mit ihm zu reden. Sie wurde durch einige Lüstlinge am Hof in ihrem abscheulichen Vorhaben gestärkt. Sie versprachen ihr eine große Geldsumme, wenn ihr dieses Vorhaben gelingen sollte. Sie ging also zu Gonzales mit den Worten: „Ich komme, Sie über ein Anliegen von höchster Wichtigkeit zu befragen, wir müssen also allein sein.“ Als die Anwesenden hinausgegangen waren, warf sie sich auf die Knie, vergoss falsche Tränen, beteuerte, sie wolle ihr Leben ändern, und begann das Bekenntnis ihrer Missetaten. Hierauf warf sie die Maske ab und sagte alles, was ihr der höllische Feind eingeben mochte, um im Herzen des Heiligen eine unlautere Flamme zu entzünden. Aber alle ihre Kunstgriffe wurden zu Schanden und dienten nur zur größeren Verherrlichung des Tugendhelden. Gonzales sprang in sein Zimmer, in dem ein Feuer brannte, und warf sich, in seinen Mantel eingehüllt, auf die glühenden Kohlen, ließ dann die freche Dirne kommen, damit sie ihn in diesem Zustand erblickte. Diese war dadurch so ergriffen, besonders als sie sah, dass die Feuerglut den Heiligen unversehrt ließ, dass sie die Augen dem Licht der Gnade öffnete. Sie verabscheute nun im Ernst ihre Sünden und beichtete sie mit den bittersten Schmerzgefühlen. Ihr Beispiel zog ebenfalls die Bekehrung jener nach sich, die sie durch ihre Versprechungen zur bösen Tat ermutigt hatten.

 

Gonzales begleitete König Ferdinand auf allen seinen Feldzügen gegen die Mauren und man kann mit Grund behaupten, dass er zu den Siegen dieses Fürsten vieles beitrug, sowohl durch seine Gebete und Ratschläge, als auch durch die Zucht, die er unter den Soldaten und Kriegsobersten einführte. Die Einnahme von Kordova öffnete seinem Eifer ein weites Feld. Er bezähmte die Wut der Sieger, schützte die Unschuld der Jungfrauen gegen die Zügellosigkeit der Soldaten und erhielt mehreren tausend Feinden das Leben. Die Moscheen reinigte er und baute sie in Kirchen um. Ferdinand leistete ihm alle erforderliche Hilfe bei diesen guten Werken und unterstützte alles, was er unternahm, durch sein königliches Ansehen. Die größte Moschee von Kordova, die berühmteste von allen in Spanien, wurde in eine Domkirche umgeschaffen. Man fand dort die Glocken und alles Kirchengerät, welches die Mauren zweihundert Jahre zuvor auf den Schultern der Christen von Kompostell dahin hatten tragen lassen. Ferdinand ließ sie durch die Besiegten auf dieselbe Weise nach Kompostell zurück tragen.

 

Indes verließ der Heilige den Hof, ungeachtet der Bitten und Zusprüche, die man anwandte, um ihn zurückzuhalten. Er wollte endlich dem Drang folgen, den er in seinem Inneren fühlte, die Armen und die Landbewohner zu unterweisen. Die steilsten Berge, die unwegsamsten Orte, die Unwissenheit und Rohheit der Völker, nichts war im Stande, ihn davon abzuschrecken. Das Gebet unterhielt und nährte jenen apostolischen Geist, der ihn beseelte. Sein Predigtamt brachte vorzüglich in den Diözesen Tuy und Kompostell bewunderungswürdige Früchte hervor und durch die Wundergabe, die der Herr seinem Diener verlieh, bekamen dessen Worte neue Kraft. Gonzales besaß ungemeine Fähigkeiten, den Armen die Heilswahrheiten vorzutragen und ihnen Liebe dafür einzuflößen. Die Schiffer schienen ihm auch ein würdiger und vorzüglicher Gegenstand seines Eifers zu sein: er suchte sie auf ihren Schiffen auf und hörte nur mit dem Tod auf, sie zu unterrichten.

 

Als ihm eine innere Stimme seinen Sterbetag bekannt machte, verließ er Tuy, um sich nach Kompostell zu begeben, wo er in den Armen seiner Brüder sterben wollte. Aber auf der Hinreise ging es ihm so übel, dass er an den Ort seiner Abfahrt zurückkehren musste. Sein Freund, der Bischof von Tuy, stand ihm in seiner Krankheit und im Sterben bei. Er wurde in der Domkirche beigesetzt. Sein gottseliger Tod erfolgte am 15. Oder 16. April 1246. Seine durch große Wunder berühmt gewordenen Überbleibsel werden in einem prachtvollen silbernen Kästchen im Dom von Tuy aufbewahrt.

 

Papst Innozenz der Vierte sprach 1254 den Diener Gottes selig und erlaubte den Dominikanern von Spanien dessen Tagzeiten zu halten. Dasselbe Vorrecht bekam danach auch die Stadt Tuy. Der gottselige Peter Gonzales wurde indes nie heilig erklärt. Benedikt XIV. gestattete sein Offizium dem ganzen Orden des heiligen Dominikus. Die Schiffer in Spanien und Portugal rufen ihn bei den Stürmen an und schon mehr als einmal haben sie die unzweideutigsten Merkmale seines Schutzes erhalten. Sie nennen ihn St. Telm oder St. Elm.

 

Der heilige Damian Deveuster, der Apostel der Aussätzigen,

aus der Kongregation von den heiligsten Herzen Jesu und Mariä,

+ 15.4.1889 – Fest: 15. April

 

Die neuere Zeit und, mit Freude und Genugtuung dürfen wir es sagen, unsere heilige Kirche hat der Welt einen Helden geschenkt, einen Helden der Nächstenliebe und Selbstaufopferung, bei dessen Tod eine noch nie dagewesene Bewegung der Verehrung sich aller Herzen bemächtigte. Nicht allein die religiöse katholische Welt hat dem Apostel der Aussätzigen auf Molokai den Herzenstribut dankbarer Huldigung und Ehrung dargebracht, schier noch größer war die Begeisterung und Bewunderung für den Heldenmut treuer Pflichterfüllung, die sich bei der Nachricht vom Tod Pater Deveusters unter den Andersgläubigen Bahn brach. Die Engländer kamen allen zuvor. In London wurde Pater Damians Bild mit den Verwüstungen des Aussatzes im Gesicht öffentlich ausgestellt. Es war hässlich anzuschauen; aber unter dem abstoßenden Äußeren entdeckten die Beschauer bald die Züge des edlen Priesters, der auf seiner einsamen Insel im Stillen Ozean unbekannt bleiben wollte, dessen Name aber doch in aller Munde war. Scharenweise drängte man sich heran, zu Tausenden wurde seine Fotografie gekauft. „In Birmingham“, so erzählt ein Augenzeuge, „wichen die ersten, die Pater Damians Bild in einem Schaufenster erblickten, zurück vor der entsetzlichen Hässlichkeit. Aber dies unwillkürliche Sträuben währte nur einen Augenblick. Als man den Helden der christlichen Liebe erkannte, umdrängte das Volk in solcher Zahl das Schaufenster, dass die Polizei wiederholt zur Aufrechterhaltung des Verkehrs einschreiten musste.“ Der Prinz von Wales, der spätere König Eduard VII. trat an die Spitze einer Vereinigung von Männern aus allen Konfessionen, die dem toten Freund der Aussätzigen ein Denkmal setzen wollten, wie denn auch tatsächlich zu Löwen und auf Molokai sein Andenken auf diese Weise verewigt wurde.

 

Was hat es nun mit diesem Mann, der eine so weitgreifende Bewunderung bei allen Nationen wachrief, für eine Bewandtnis?

 

Pater Damian, ein ernster, mitleidiger, tätiger Mann, ein liebenswürdiger Charakter von großer Stärke des Geistes, wurde durch Gottes weise Vorsehung von Jugend auf mit den erforderlichen Gaben des Körpers und Geistes ausgestattet, um den ihm einst zugewiesenen Beruf ganz erfüllen zu können. Joseph Deveusters Heimat ist Tremeloo in Belgien, nördlich von Löwen, wo er am 3. Januar 1840 geboren wurde. Seine Eltern, dem ländlichen Mittelstand angehörend, waren eifrige katholische Christen, die ihren Kindern eine gediegene Frömmigkeit und Liebe zu Gott einflößten. In dem „kleinen Schäfer“ begann frühzeitig eine große Hingabe für den Dienst Gottes, Liebe zum Gebet, Mitleid mit den Armen und Verständnis für eigene Überwindung, Entsagung und körperliche Abtötung Wurzel zu fassen. Mehrmals wurde er durch Gottes besonderen Schutz aus drohender Lebensgefahr errettet. Im achtzehnten Jahr hatte Joseph das Glück, einer Mission der Redemptoristen beizuwohnen, die entscheidend auf seine Standeswahl einwirkte. Von jener Hochherzigkeit beseelt, die nur den göttlichen Willen bestimmt zu erkennen braucht, um ihn ohne Verzug zu vollziehen, brachte er auch alsbald den Gnadenruf Gottes zum geistlichen Leben zur Ausführung. Sein älterer Bruder gehörte der neuen, 1817 approbierten Genossenschaft der heiligsten Herzen Jesu und Mariä, auch Picpus-Kongregation genannt, an. Als Joseph, zusammen mit seinem Vater, dem Bruder in Löwen einen Besuch machte, hielt er um Aufnahme in die Gesellschaft an, erhielt sie und blieb auch sofort im Kloster, um den Seinen den Schmerz des Abschieds zu ersparen. Für die Entschiedenheit des jungen, gottbegeisterten Mannes ist dies bezeichnend. Diese Energie und Entschiedenheit, verbunden freilich mit besten Geistesanlagen, vermochten viel im Leben unseres Jüngers der Liebe. Sie führten ihn zum priesterlichen und zum apostolischen Beruf. Josephs Bruder, Pater Pamphil, lehrte den Novizen, anfangs nur zur Zerstreuung und Unterhaltung in der Freiheit lateinische Worte und Sätze. Der Fortschritt des strebsamen Schülers war aber ein so staunenswerter, dass die Oberen den „Frater Damian“, der 1860 die feierlichen Ordensgelübde ablegen durfte, unter die Kandidaten des Priestertums einreihen konnten.

 

Ernst, Entschiedenheit und rastlose Tätigkeit fördern rasch die Entwicklung des jungen Ordensmannes weiter. Zum Gebet und zur Anbetung des Allerheiligsten verwendete er mit Vorliebe die Nachtstunden, was ihm bei seiner kräftigen Natur ohne Besorgnis erlaubt werden konnte. Eifer und Entschlossenheit führten den opferfreudigen Kleriker auch unverhofft rasch auf das Missionsfeld. Die Picpus-Kongregation hatte neben Abhaltung der Sühne-Anbetung und Mitwirkung an der Erneuerung des religiösen Geistes in der Heimat auch die auswärtigen Missionen als Arbeitsfeld erhalten. Die Sandwichinseln im Stillen Ozean, nordöstlich von Australien gelegen, waren ihr vom Heiligen Stuhl zugewiesen. Im Jahr 1863 sollte Frater Damians Bruder, Pamphilius, dorthin übersiedeln. Doch dieser erkrankte kurze Zeit vor der Abreise an Typhus. Da wandte sich Damian, kurz entschlossen, unmittelbar an den Generaloberen in Paris mit der Bitte, an seines Bruders Stelle treten zu dürfen, „damit das (bereits bezahlte) Fahrgeld nicht vergeudet sei“. Wirklich kam zur Verwunderung der Lokaloberen der Befehl, das Frater Damian abreise, obgleich er erst die niederen Weihen empfangen hatte. Nach fünfmonatiger Reise landete der begeisterte Missionar, am Fest des heiligen Joseph 1864, in Honolulu, der Hauptstadt des Inselreiches. Zu Pfingsten bereits erhielt Damian Deveuster vom apostolischen Vikar Maigret die Priesterweihe und sogleich den drei Tagereisen umfassenden Bezirk Puna als ersten Missionsposten. Hier hieß es, neu aufbauen. Noch nicht einmal eine Kapelle war vorhanden. Die wenigen Katholiken waren weit auf den Dörfern zerstreut, überdies von der Irrlehre des Kalvinismus bedrängt. Schon bei der ersten Runde gab der Herr des Weinberges dem neuen Arbeiter neunundzwanzig Seelen zur Wiedergeburt im Wasser der heiligen Taufe. Glücklich und zufrieden, inmitten von Mühen und Sorgen, umgeben, geliebt von den armen Einheimischen, arbeitete Pater Damian rastlos an ihrem Seelenheil. Als der eifervolle Hirte aber sah, dass einer seiner Mitbrüder in Kohala noch schwerer zu arbeiten hatte und dabei weniger kräftig war, bat er seinen Bischof, dorthin versetzt zu werden. In den vier Jahren der Missionstätigkeit in diesem Bezirk baute der damals ruhende Diener des Herrn vier neue Kirchen und erneuerte eine alte, wobei er selbst das Amt des Zimmermanns und Baumeisters übernahm.

 

Doch so aufopferungsvoll und segensreich auch Pater Damians Tätigkeit in der Mission war, Gott, der Herr, hatte für ihn noch ein anderes, ganz außergewöhnliches Arbeitsfeld bereit, indem er nicht nur Gut und Kraft, Zeit und Freiheit, sondern buchstäblich Blut und Leben einsetzte und hinopferte. Das war seine Tätigkeit, sein Opferleben unter den Aussätzigen.

 

Das entsetzliche Übel des Aussatzes war vor mehr als fünfzig Jahren, wahrscheinlich von Asien her, auf den Sandwichinseln eingeschleppt worden. Die geselligen, gastfreundlichen Eingeborenen, die keine Furcht vor Ansteckung kannten, beobachteten auch keine Schutzmaßregeln. So konnte die unheilvolle Krankheit festen Fuß fassen und auf allen Inseln sich ausbreiten. Erst im Jahr 1865 griff die Regierung mit Schutzgesetzen ein. Alle Aussätzigen sollten von der übrigen Bevölkerung abgesondert und auf die nördliche Insel Molokai zusammengebracht werden. Da fristeten nun die Unglücklichen ein trauriges Dasein. Im Norden schied sie das Meer, im Süden eine gewaltige Felswand von der übrigen menschlichen Gesellschaft. Sie waren sich ganz selbst überlassen. Wohl sorgte die Regierung für ihren Unterhalt, aber das, was auch das Schwerste erträglich macht, die mitleidsvolle Liebe, fehlte. Die Lage der Armen war eine tieftraurige. Die entsetzliche Krankheit ließ den Leib der Befallenen, Glied um Glied, der Fäulnis anheimfallen. Für das Diesseits war ihnen jede Hoffnung auf Glück entschwunden. Ihre Leiden trieben sie vielfach zur Verzweiflung, und so ergaben sie sich allen Lastern. Hierdurch entschwand ihnen aber auch die Hoffnung auf ein besseres Jenseits, das einzige, was sie mit ihrem schlimmen Schicksal aussöhnen konnte.

 

Nun vergaßen freilich die katholischen Missionare ihre unglücklichen Brüder auf Molokai nicht. Sie kamen zeitweilig hinüber, um ihnen die Erfüllung der notwendigsten religiösen Pflichten zu ermöglichen. Zur Gründung einer eigenen Seelsorgestation war aber ihre Zahl zu beschränkt. Im Jahr 1872 gelang es wenigstens, unter Beihilfe der Vereinigung zur Verbreitung des Glaubens in Rom, ein Kirchlein zu erbauen. Und schon hatte die göttliche Vorsehung auch den Geistlichen hierfür bereit. Bei einer Versammlung von Missionaren zur Einweihung einer Kapelle auf der Insel Maui, im Jahr 1873, klagte Bischof Maigret, dass er noch immer wegen Priestermangel den Verbannten auf Molokai keinen Seelsorger geben könne. Pater Damian hörte den Wunsch seines Oberhirten, und sofort entschlossen und zum größten Opfer bereit, sprach er: „Hochwürdigster Herr! Hier sind die neuangekommenen Missionare. Gestatten Sie einem von ihnen meine Pfarrei zu übernehmen, und erlauben Sie mir, nach Molokai zu gehen, um für die armen Aussätzigen, deren geistiges und leibliches Elend mir unzählige Male zu Herzen ging, nach Kräften zu arbeiten. Gern will ich lebendig mich begraben mit den unglücklichen Opfern der Seuche, von denen mir manche persönlich bekannt sind.“ Das hochherzige Anerbieten wurde angenommen. Eben lag ein Schiff bereit, um fünfzig Aussätzige hinüberzuführen. Ihnen schloss sich Pater Damian an, ohne auch nur von seinen Freunden Abschied zuu nehmen. So ist es echte Apostelart.

 

Als der neue Aussätzigenseelsorger nach Molokai kam, belief sich die Zahl der unglücklichen Ausgestoßenen auf über achthundert. Die Hälfte davon waren Katholiken. Mit unbeschreiblichem Mitleid schickte er sich an, ihr sittliches und körperliches Elend zu mildern. In der Tat war Deveuster auch seiner körperlichen Beschaffenheit nach äußerst geeignet für seinen schweren, selbst gewählten Beruf. Er stand im Alter von dreiunddreißig Jahren. Kräftig gebaut, die Farbe blühender Gesundheit im Antlitz, Jugendkraft im Auftreten, versprach er Ausdauer und Leben inmitten von wandelnden Leichen. Arme und Herz öffnete nun der katholische Priester nicht nur seinen Glaubensgenossen, nein, allen ohne Unterschied. Alle sollten seine hilfreiche Hand, seine maßlose Hingebung erfahren. Der Retter war da. Wer beschreibt den Eindruck, den sein Erscheinen auf die unglücklichen Bewohner der Toteninsel machte! Die zerknickten Herzen erbebten vor Freude, das gebeugte Haupt richtete sich empor, die müden Augen leuchteten auf in Hoffnung. Kann auch der Gottesmann den Tod nicht bannen, er wird es verstehen, seine Bitterkeit zu mildern. Des Priesters Wort und Segensvermittlung wird denen, die für die Erde nichts mehr zu hoffen haben, wenigstens die gewisse Aussicht auf ein seliges, ewiges Leben erschließen.

 

Es war ein ununterbrochenes Opferleben, ein wunderbares Liebeswerk, das der heldenmütige Apostel auf seinem damals wohl einzigen Posten vollführte. Nur etwa achtzig Aussätzige waren in einem Hospital untergebracht, die übrigen hatten sich aus Zweigen und Blättern elende Hütten gebaut. Hier musste Pater Deveuster stundenlang bei den Kranken und Sterbenden, denen meist jede Pflege und ärztliche Behandlung fehlte, verweilen. Starben doch jede Woche zehn bis zwölf Aussätzige. Der Atem der Kranken ist ein Pesthauch, der die Luft vergiftet und sich in die Kleider einfrisst. Die aufbrechenden Geschwüre, das faulende Fleisch, das nach und nach besonders an Händen und Füßen abfällt, verbreitet einen ganz unerträglichen, abscheulichen Geruch. Den natürlichen Ekel zu überwinden, sich an eine solche Atmosphäre zu gewöhnen, kostet eine übermenschliche Überwindung. Wenn der selbstlose Priester Sterbenden oder Beichtenden das schwarze Blut auffing, das bei Husten- und Erstickungsanfällen dem unförmlichen Leib entquoll, wenn er die vielen Würmer ihre schauerliche Zerstörungsarbeit unaufhörlich vollbringen sah, da war er oft genötigt, wieder an die frische Luft zu treten, und das stürmisch pochende Herz und den sinkenden Mut wieder mit Gewalt aufzuraffen. Mit den Aussätzigen wurde er selber zum Aussätzigen. Darum hatten seine gründlichen religiösen Belehrungen, die er täglich nach der heiligen Messe für alle gab, die Worte der Güte und Barmherzigkeit, die am Krankenlager das Ohr verstockter Sünder trafen, so günstigen Erfolg, dass die Unglücklichen zu christlicher Gesittung zurückkehrten, ihre schlechten Gewohnheiten aufgaben und ihr hartes Geschick mit Geduld und frommer Ergebung zu tragen lernten. Auch Heiden und Irrgläubige, Kalvinisten und Mormonen achteten ihn als gemeinsamen Vater. Im ersten Jahr schon konnte er über hundert Personen die Taufe spenden und viele in der Taufunschuld der ewigen Vergeltung zuführen. Tausende der armen Ausgestoßenen der Menschheit verdanken ihm allein Zufriedenheit im Leben und Seligkeit im Tod. Es gab solche, die gar nicht mehr geheilt zu werden verlangten, wenn sie dann Molokai verlassen müssten.

 

Der unermüdliche Bote der christlichen Liebe tat aber auch alles, um neben den geistlichen Bedürfnissen seiner armen Herde auch ihre vielseitige leibliche Not möglichst zu lindern. Er, der nie an sich und seine Bequemlichkeit dachte, der in den ersten Monaten ohne Obdach war und im Freien unter einem Pandanenbaum nächtigte, - zur Herstellung einer Hütte hätte ihm nicht nur die Zeit, sondern auch das Material gefehlt – ruhte nicht, bis die Regierung das Nötigste sandte, um gesunde, feste Wohnungen zu errichten, sorgte zu allererst unter größten Anstrengungen für gutes Trinkwasser, verbesserte das Vorhandene und baute ein neues Spital und ein Waisenhaus, ruhte nicht, bis ein Arzt sich niederließ, Krankenschwestern und brauchbare Wärter angestellt, eine Apotheke errichtet wurde. Wie vielen Toten hat er eigenhändig den Sarg gezimmert und das Grab geschaufelt! Dass ihn der Bau von Kirchen unablässig beschäftigte, braucht gar nicht eigens hervorgehoben zu werden. Dass er dabei aber seine Kenntnisse in mancherlei Handwerk persönlich betätigen musste, zeigt nur von der Vielseitigkeit dieses einzigartigen Mannes. Der Gottesdienst wurde mit größter Feierlichkeit abgehalten. Sängerchöre und Musikerkapellen fehlten dabei nicht und waren aus den Aussätzigen selbst zusammengestellt. Nicht nur die Fronleichnamsprozession, selbst die so häufigen Leichenbegängnisse wurden zu erhebenden Schauspielen. So gewann das Leben der armen Insulaner auf der gemiedenen Todesinsel eine zuversichtliche, menschenwürdige, ja frohe Stimmung. Was der Mann der Liebe und der entschlossenen Tat auf Molokai geschaffen, wird für immer gerühmt werden in der Geschichte der Menschheit und ist ewig eingeschrieben im Buch der Lebendigen. Die unbestreitbar unglücklichsten aller vernünftigen Wesen glücklich zu machen, ist eine Heldentat, die nur mit Gottes Gnade einem vollendeten Mann des Glaubens und der Liebe gelingen konnte.

 

Zwölf Jahre lang war der in Arbeit und Mühen sich aufreibende Jünger der Liebe augenscheinlich durch höhere Hilfe vor Ansteckung bewahrt geblieben. Doch gefiel es Gott, das bewunderungswürdige Opferleben durch den Opfertod zu krönen. Täglich musste Pater Deveuster gewärtig sein, die Spuren des furchtbaren Übels an seinem Leib zu entdecken. Erst im Jahr 1884 vermutete er sein Vorhandensein, das Schwinden des Gefühls an den Füßen brachte ihm ein Jahr darauf gelegentlich eines heißen Fußbades die Gewissheit. Das trübte ihm nicht die Ruhe der Seele. „Ich habe keinen Zweifel mehr über die wahre Natur meiner Krankheit“, so meldete er selbst seinem Oberen, „doch ich bin ruhig, ergeben und glücklich inmitten meines Volkes. Gott der Herr weiß am besten, was zu meiner Heiligung dient. Ich sage darum täglich mit bereitwilligen Herzen: „Herr, dein Wille geschehe!“ In gewohnter Weise arbeitete er weiter. Nachdem er in den letzten Jahren für die entferntere Station einen Gehilfen in der Seelsorgearbeit erhalten hatte, war es jetzt sogar wieder zeitweilig nötig, an den Sonntagen zweimal Messe zu lesen, viermal zu predigen und zweimal Segensandacht zu halten. Doch der Kräfteverfall und die Entstellung des Äußeren schritt unaufhaltsam fort. Ein überaus großer Trost war es für den Todgeweihten, dass seine Finger und die innere Fläche der Hände, an welchen Stellen bekanntlich der Priester bei der Weihe mit heiligem Öl gesalbt wird, vom Aussatz nicht ergriffen wurden. Das setzte ihn in den Stand, beinahe bis zuletzt das heilige Opfer zu feiern. Dieser Umstand ist umso auffallender, als bei den meisten Aussätzigen gerade die Finger und Hände zuerst zerfressen werden. Am 30. März 1889 musste der Nimmermüde sich aufs Ruhe-, aufs Sterbebett legen. Strahlend vor Glück und Freude bereitete er sich auf den Hingang vor. Zwei seiner Mitbrüder konnten ihn öfters mit dem Brot der Starken rüsten. Am 15. April vollendete der gute Hirte sein Opferleben. Beinahe sechzehn Jahre hatte er inmitten der Schrecken des Aussatzes in treuer Hirtenliebe ausgeharrt.

 

Wo ist die Quelle eines so heroischen Opfermutes? Der heilige Aussätzigenapostel, der würdige Kongreganist der heiligsten Herzen Jesu und Mariä sagt es uns selbst: „Ohne das heiligste Sakrament wäre eine Stelle wie die meinige unerträglich. Aber da ich den Herrn in meiner Nähe habe, bin ich immer heiter und arbeite mit Freude an der Erziehung und Unterstützung der armen Kranken.“

 

Damian Deveuster wurde am 4. Juni 1995 durch Papst Johannes Paul II. selig- und durch Papst Benedikt XVI. am 11. Oktober 2009 heiliggesprochen.

 

16. April

 

Der heilige Benedikt Joseph Labre, Pilger und Bettler aus Frankreich,

+ in Rom 16.4.1783 - Fest: 16. April

 

„Wie mögt Ihr nur ein so erbärmliches Leben führen? Ihr könntet es doch ebenso gut viel bequemer haben!“ sagte eines Tages ein Geistlicher zum „heiligen Bettler von Rom“, als dieser, in Lumpen gehüllt und zum Erbarmen bleich und ausgehungert und abgemattet vor ihm stand. Und als der Priester sich anbot, ihm zur Aufnahme in ein Hospiz oder Kloster, oder zu einem guten Plätzlein an irgendeiner Kirche oder Anstalt zu verhelfen, da lehnte der Heilige freundlich dankend, aber entschieden ab: „Gott will mich auf diesem Wege haben!“ sprach er mit mildem Ernst und ging betend von dannen.

 

Diesen Wegen, auf denen Gottes Vorsehung unseren Heiligen durchs Leben und zum Himmel führte, wollen wir heute im Geiste nachzugehen versuchen. Es sind raue, außergewöhnliche Wege; die Hand Gottes jedoch ist deutlich sichtbar. „Gott ließ ihn geboren werden“, schrieb Benedikts letzter Beichtvater und erster Lebensbeschreiber (Marconi), „um den Unglauben, den Stolz und die Weichlichkeit seines Jahrhunderts zu beschämen und zu zertrümmern. Als Wundertäter hat er jene aus der Fassung gebracht, die das Wunder leugnen; als Armer hat er den Luxus gebrandmarkt; als Spiegel der Bußfertigkeit hat er die zahllosen Vergnügungssüchtigen seiner Zeit in Staunen versetzt. Wie ein strahlendhelles Licht hat er die Welt durchlaufen, um die Geister aufzuklären und die Herzen zu erwärmen; die Fußspur seiner Schritte ist zu einer Feuerbahn geworden, auf der man immerdar die Heldenhaftigkeit seiner Handlungen sehen kann.

 

I. Auf der Suche

 

Benedikt Joseph Labre wurde am 26. März 1748 in Amettes in Frankreich geboren als Ältestes unter fünfzehn Kindern in einer ebenso einfachen und wohlhabenden wie religiösen Kaufmannsfamilie. Vater und Mutter hatten je einen Bruder, der Pfarrer war. Benedikt war ein gut veranlagtes Kind, dessen Erziehung wenig Schwierigkeit machte. Er besaß ein lebhaftes, jedoch leicht lenkbares Temperament, klaren Verstand, treues Gedächtnis, leichte Auffassungsgabe, einen entschiedenen Abscheu vor der Sünde und eine starke Neigung zur Tugend. Schon bei dem Kind war eine auffallende Vorliebe für Bußstrengheiten und Übungen der Frömmigkeit unverkennbar.

 

Als Benedikt zwölf Jahre alt war, nahm ihn einer seiner geistlichen Onkel, der Pfarrer von Erin war, zu sich. Es war der stille Wunsch und Plan der Familie, Benedikt studieren zu lassen und in ihm einen Gehilfen und Nachfolger des alternden geistlichen Onkels heranzuziehen. Benedikt benahm sich in Haus und Schule musterhaft. Während jedoch mit den Jahren seine Neigung zu den Übungen der Frömmigkeit, zu Gebet und strenger Abtötung in Speis und Trank und Schlaf, zum Schweigen und zur Einsamkeit, zu Werken der Selbstlosigkeit und Nächstenliebe immer stärker wurde, nahm im selben Maße sein Eifer und Fortschritt im Studium ab; das trug ihm manchen strengen Tadel und herben Vorwurf ein. Benedikt gab sich alle Mühe, doch er fühlte es immer deutlicher in seinem Inneren, Gott habe ihn nicht zum Studium und geistlichen Stand berufen. Heiße Seelenkämpfe waren durchzuringen, bis die Berufsfrage gelöst war.

 

Eine erste Änderung trat durch den Tod des Oheims ein, der infolge einer ansteckenden Krankheit das Opfer seines Berufes geworden war. Achtzehnjährig kehrte Benedikt im Jahr 1766 ins väterliche Haus zurück. Über seinen weiteren Lebensweg war er sich soweit klar, dass Gott ihn zu einem Leben äußerster Bußstrenge berufen habe. Er wollte deshalb in den strengsten Klosterorden, bei den Trappisten, eintreten. Doch die Eltern gestatteten es nicht. Sie bewogen ihn vielmehr noch einmal zur Fortsetzung seiner Studien beim mütterlichen Oheim, dem Pfarrvikar zu Conteville. Benedikt fügte sich.

 

Bald überzeugte sich jedoch der Oheim vom Klosterberuf seines Neffen und riet ihm zu einem Eintrittsversuch bei den Kartäusern. Freudig folgte Benedikt der Anregung und bat um Aufnahme in zwei Kartausen. Doch das eine Kloster konnte wegen großer Armut vorläufig keine Novizen aufnehmen; fürs andere besaß der Kandidat zu geringe Vorbildung. Traurig kehrte Benedikt in die Heimat zurück.

 

Die Eltern übergaben nunmehr den berufslosen jungen Menschen, dessen scheinbar ungesunde Frömmigkeit ihnen Sorge zu bereiten begann, einem befreundeten Priester zu Ligny. Doch auch dieser überzeugte sich bald von Benedikts tiefer Frömmigkeit und Tugend und riet ihm, es noch einmal bei den Kartäusern zu Neuville bei Montreuil-sur-Mer zu versuchen.

 

Benedikt wurde aufgenommen und war überglücklich. Doch nicht lange, da kamen furchtbare innere Leiden, Ängste und Nöte über seine Seele. Nirgends fand er Ruhe und Frieden. Es war klar, Gott wollte ihn hier nicht haben. Kurz entschlossen machte sich Benedikt trotz Schnee und Winterkälte zu Fuß auf den Weg und klopfte an der Klosterpforte der Trappistenabtei bei Mortagne in der Normandie. Doch dort nahm man die Kandidaten erst vom 24. Lebensjahr an auf.

 

Jetzt brachten die bekümmerten Eltern die Sache vor den Diözesanbischof. Dieser lud Benedikt zu sich ein nach Boulogne. Er gewann einen so vorteilhaften Eindruck von der Tugend und Charakterfestigkeit des jungen Mannes, dass er ihm riet, es ein zweites Mal bei den Kartäusern zu Neuville zu versuchen.

 

Willig fügte sich Benedikt. Als er von den Eltern und Geschwistern Abschied nahm, sprach er fest und bestimmt: „Hienieden werde ich Euch nicht mehr sehen; erst im Tale Josaphat werden wir uns wiedertreffen!“ Auf Empfehlung des Bischofs nahm man den schon von früher her vorteilhaft bekannten Novizen in Neuville bereitwillig auf. Doch alsbald kehrten bei ihm die entsetzlichen inneren Ängste und Versuchungen wieder. Er bot alles auf, ihrer Herr zu werden, doch vergebens. Nach zwei qualvollen Monaten musste ihm der Obere des Hauses eröffnen: „Mein Sohn! Die göttliche Vorsehung ruft Dich nicht in unseren Stand! Folge den Einsprechungen Gottes!“

 

Noch vom Kloster aus schrieb Benedikt an seine Eltern einen wunderschönen, tiefgläubigen Trostbrief: wohl sei es anders gekommen, als sie alle es gedacht hätten. „Doch auch darüber freue ich mich, denn es ist die Hand des Allmächtigen, die mich führt.“ Dann teilte er ihnen seinen Plan mit, neuerdings bei den Trappisten um Aufnahme zu bitten.

 

Alsbald klopfte er nochmals an der Pforte der normannischen Trappisten-Abtei. Da er noch nicht 24 Jahre alt war, blieb sie ihm trotz aller Bitten und Tränen verschlossen. Unverzüglich machte er sich auf den Weg und wanderte vier Wochen lang ohne alle Mittel, nur von Almosen lebend, gen Süden, bis er vor den Mauern des Trappistenklosters Septfonds stand. Im November 1769 erhielt er dort das heilige Kleid und den Klosternamen „Frater Urban“. Er fühlte sich glücklich und geborgen, und auch im Kloster hatte man ihn gern. Da plötzlich stellten sich die alten Seelenleiden wieder ein. Die Geistesqual, die innere Finsternis und Verlassenheit wuchs derart an, dass der arme Novize sich für verworfen hielt, nicht mehr die heiligen Sakramente zu empfangen wagte, vor Angst und Not fast verging und schließlich schwer krank wurde. Man brachte ihn aufs Krankenzimmer und dann ins äußere Klosterhospital, damit er bessere Pflege hätte. Als er sich körperlich wieder einigermaßen erholt hatte, musste ihm eröffnet werden, man sei dessen sicher, Gott wollte ihn nicht im Kloster haben. „Möge der Wille Gottes geschehen!“ sprach Benedikt ruhig und ergeben und verließ am 2. Juli 1770 die klösterliche Friedensstätte.

 

II. Auf Gottes Wegen

 

„Beten und Büßen!“ – das stand für Benedikt Joseph nach wie vor als seine gottgewollte Lebensaufgabe fest. Im Kloster wollte dies Gott offensichtlich von ihm nicht haben, also draußen in der weiten Welt. Und da gab es wahrlich Grund und Gelegenheit überreich dazu! „Zeig, Herr, Deine Wege mir, lehr wandeln mich auf Deinen Pfaden!“ (Psalm 24,4), so betete er mit dem Psalmisten und begann nunmehr sein zwölfjähriges Wander- und Wallfahrtsleben als Bettler und Pilger durch die verschiedensten Länder Europas. Alle berühmten Heiligtümer und Wallfahrtsorte von Italien, der Schweiz, von Österreich, Polen, Deutschland, Frankreich und Spanien besuchte er Jahr für Jahr der Reihe nach, blieb dort einige Tage oder Wochen lang, betete zu Füßen der Gnadenbilder und an den Gräbern der dort verehrten Heiligen. Am liebsten und längsten verweilte er im sogenannten „Heiligen Hause“ zu Loreto, wohin er elf Mal pilgerte, und in den verschiedenen Kirchen und Heiligtümern Roms, das er zum Ausgangspunkt seiner jährlichen Wallfahrten und schließlich zu seinem fast beständigem Aufenthaltsort machte. „In dieser großen und volkreichen Stadt“, meinte er einmal, „tut man Gutes ohne gesehen zu werden und wegen der großen Anzahl von Kirchen kann man von einer zur anderen gehen, ohne beobachtet zu werden. Man kann dort auch alle Tage zum vierzigstündigem Gebet gehen.“

 

„Still in sich gekehrt, auf das, was um ihn vorging, kaum achtend, zog er seines Weges. Ein grobkörniger Rosenkranz hing um seinen Hals, wenn er ihn nicht gerade betend in Händen hielt. Auf der Brust hatte er ein hölzernes Kreuz mit kupfernem Kruzifixus, an der Seite einen hölzernen Essnapf, der mit Draht zusammengeflickt war.

 

Seine Kleidung war äußerst armselig, dutzendfach zerrissen, geflickt und zerfranst. Er war ein Bild zum Erbarmen, wenn man ihn in solchem Aufzug bei schlechtem Wetter, Schnee und Eis und Nebel, erstarrt vor Kälte oder auch in glühender Sommerhitze, mit seinen Lumpen notdürftig bedeckt, in zerlöcherten Schuhen daher ziehen sah. Auf dem Rücken hatte er einen Bettelsack, der seine ganze Habe, das Büchlein von der Nachfolge Christi, das Neue Testament und ein abgegriffenes Brevier, zuweilen vielleicht auch noch ein Stück Brot enthielt. Auf Vorrat nahm er nie etwas an und immer nur die schlechtesten Kleidungsstücke. Wurde ihm sonst etwas aufgenötigt, was er nicht streng und sofort brauchte, so verschenkte er es alsbald an einen anderen Armen. Als ihm einst jemand einen alten, mit Seide überzogenen Strohhut schenkte, zerriss er geflissentlich die Seidenhülle, so dass das Stroh herausschaute. Dann erst setzte er ihn auf und freute sich, wenn man sich darüber lustig machte. Auch eine mit kleinen Nägeln gespickte Bußgeißel trug er bei sich, mit der er sich manchmal blutig geißelte. Einen eigentlichen, sonst bei Büßern und frommen Personen so beliebten Bußgürtel besaß er nicht. Dafür trug er – wohl auf besonderen Antrieb der göttlichen Gnade – ein lebendiges Cilicium auf seinem unschuldigen Leib: Ungeziefer aller Art in Menge, das ihn unaufhörlich quälte und marterte. Benedikt Joseph ertrug diese Qual mit heldenhaftem Mut, ohne sich dagegen zu wehren, im Geist der Sühne und Buße.

 

Wenig wählerisch war er auch bezüglich seiner nächtlichen Unterkunft. Wenn es nur immer möglich war, übernachtete er unter freiem Himmel auf dem bloßen Erdboden oder in einem Stall, auf dem Heuboden, in den Nischen, Gängen und Galerien öffentlicher Gebäude in Rom, mit Vorliebe im alten Gemäuer des Kolosseums, am liebsten aber in den Kirchen. Wirtshäusern und allgemeinen Herbergen ging er aus dem Weg; der dort herrschende Lärm und die vielfachen Gotteslästerungen daselbst waren ihm unerträglich. Auch auf dem Weg war er lieber allein, als in Gesellschaft. Er verließ deshalb die großen Verkehrsstraßen und schlug gern einsame, wenn auch beschwerliche Pfade ein. Kam er auf seinen Wanderschaften durch eine nichtkatholische (protestantische) Gegend, dann hatte er es sichtlich eilig; er marschierte dann in solchen Eilschritten, um bald aus diesem Gebiet wieder herauszukommen, als wenn ihm irgendein Feind gefahrdrohend auf den Fersen wäre.

 

Auch seine Lebensbedürfnisse an Nahrung und Kost waren staunenswert gering. Einmal am Tag etwas Brot und Wasser, am Sonntag sogar zwei Mal solche Kost, wozu er dann noch ein paar Nüsse oder Erbsen fügte – das war alles. Sein Refektorium (Speisesaal), meinte er launig, sei die Straße und der Brunnen auf der Gasse. Dort fand er auch seine täglichen Extra-Leckerbissen: Orangenschalen, grüne Erbsenhülsen, Kohlblätter, weggeworfenes Grünzeug, verdorbenes Obst und faule Früchte. So barg seine Tasche auch nach seinem Tod als Mundvorrat für den Tag nur ein Stück Brot und einige Orangenschalen. Als er eines Tages Stunde um Stunde in einer Kirche Roms betete, rüttelte ihn eine fromme reiche Dame, nachdem sie ihn vergeblich angesprochen hatte, auf und lud ihn ein, mit ihr zum Mittagessen zu kommen. „Zum Mittagessen? Mittagessen?“ fragte der Heilige, langsam zu sich kommend. Dann schüttelte er ablehnend den Kopf und sprach: „Ich esse auf der Gasse!“

 

Er machte überhaupt seinen Gastgebern wenig Mühe und Arbeit. Beim ersten Morgengrauen verließ er das Haus, wo er mehr betend und sich blutig geißelnd als schlafend genächtigt hatte und begab sich zur Kirche. Dort blieb er bis zum Abend in einer Ecke oder einem dämmerigen Winkel kniend und unbeweglich im Gebet versunken. Die Hände hatte er über der Brust gekreuzt, die Augen waren zum hochwürdigsten Gut oder gen Himmel oder zu einem Bild der Gottesmutter erhoben. Fliegen und Schnaken, die ihm Gesicht und Hände zerstachen, wehrte er ebensowenig ab, wie das Ungeziefer an seinem Leib. Dabei hatte er eine große Geschwulst an beiden Knien. Zuweilen leuchtete sein Antlitz vor innerer Glut oder er brach in feurige Seufzer nach Gott aus und fiel vor Übergewalt der inneren Bewegung in Liebesohnmacht und Verzückung. Auf jene, die ihn so in heiliger Beschauung und Entrückung beobachteten, machte er einen tiefen Eindruck.

 

War er allzu sehr durchgefroren, dann konnte es zuweilen vorkommen, dass er gegen Mittag heimkam, um sich etwas zu wärmen, kehrte nachher jedoch alsbald in seinen stillen Gebetswinkel zurück und blieb dort solange, bis am Abend die Kirchentüren geschlossen wurden. Gern weilte er in nächster Nähe des Hochaltares und Tabernakels; als man aber eines Tages den verlumpten Bettler von dort wegjagte, zog er sich fortan bescheiden in den Hintergrund der Kirche zurück. Auch dort wurde er nicht überall geduldet, sondern zuweilen als Heuchler oder des Diebstahls verdächtig hinausgejagt. Einmal kam er sogar als Straßenräuber und Meuchelmörder in Verdacht. Er hatte nämlich einem Verunglückten auf der Straße die erste Hilfe geleistet. Hinzukommende Reiter hielten ihn für einen Verbrecher und führten ihn gefesselt ins nächste Dorfgefängnis ab. Bald löste sich das Missverständnis. Benedikt aber freute sich, „um der Gerechtigkeit willen“ etwas gelitten zu haben. Ebenso ein anderes Mal. Da gab ihm jemand ein kleines Geldstück als Almosen. Der Heilige schenkte es schnell an einen anderen Bettler weiter. Der Almosengeber meinte, Benedikt sei die Gabe zu klein; er habe sie deshalb verschmäht. In seinem Unwillen versetzte er ihm einen wuchtigen Stockhieb. Benedikt strahlte daraufhin in heiliger Freude.

 

Er sprach nie viel, eigentlich nur, wenn er angeredet wurde oder wenn die Liebe und das Seelenheil des Nächsten es erforderte, und dann sehr kurz, sanft und bescheiden. Nicht sehr viele Worte haben sich von ihm erhalten, aber umso gehaltvollere, tiefere und lehrreichere. Hören wir einige davon.

 

Einst fragte ihn ein Kranker, der ganz richtig herausgefunden hatte, dass die lebendige Gottesliebe die Quelle von Benedikts Geduld in Leiden sei, wie man am sichersten zu einer großen Liebe Gottes gelangen könne? „Dazu“, gab der Heilige zur Antwort, „muss man drei Herzen in einem vereinigt haben: das erste muss ganz Liebe und Zärtlichkeit für Gott sein, das zweite voll Güte und Eifer für den Nächsten, das dritte hart in Bußgesinnung und Hass gegen sich selber.“

 

Eine fromme alte Dame klagte dem Heiligen einst ihr Leid und ihre Sorgen. Sie hatte einen etwas leichtsinnigen Neffen, dessen religiöses und sittliches Leben in Gefahr war. Ob er Rat wisse? Nach kurzer Überlegung sprach der Heilige: „Beten Sie jedes Mal das Credo (apost. Glaubensbekenntnis) für den jungen Menschen, so oft er von zu Hause fortgeht.“ Ein ebenso einfaches wie treffliches Mittel für Mütter und alle, denen um das Seelenheil ihrer heranwachsenden Söhne und Töchter und der ihrer Fürsorge Anvertrauten bange ist!

 

Einst musste Benedikt einen Auftrag zum Kloster der Klarissinnen zu Monte Lupone überbringen. Die Äbtissin, die schon viel Erbauliches von dem „heiligen Bettler“ gehört hatte, ließ alle Nonnen im Sprechzimmer zusammenkommen, damit sie an seinem Wort und Beispiel sich erbauen könnten. Benedikt sprach nur wenig, aber tiefernst über die Zeitlage und beklagte, dass die Welt keine Buße mehr tun wolle, dass man in Luxus dahinlebe, selbst viele geistliche Personen, und dass die Weltanschauung des Unglaubens immer verhängnisvoller um sich greife. „All das“, schloss er mit wehmütigem Ernst, „all das schreit laut nach dem Zusammenbruch, und dieser lässt nicht mehr lange auf sich warten!“

 

Während dieser Unterredung betrachtete eine der Nonnen aufmerksam diesen „König der Armen“ in seinen zerrissenen Schuhen und Kleidern. Mitleidig kam es leise über ihre Lippen: „Armer, unglücklicher Mann!“ „Unglücklich?“ wiederholte Benedikt vorwurfsvoll. „Unglücklich sind nur die, die in der Hölle sind, die Gott auf ewig verloren haben!“ Und als er dabei den Namen Gottes aussprach, neigte er ehrfurchtsvoll das Haupt. Die Nonnen aber waren tief ergriffen und empfahlen sich besonders seinen Gebeten.

 

Bei einem zweiten Besuch im Sprechzimmer zu Monte Lupone erkundigte sich eine der Nonnen nach einem dem Kloster befreundeten Priester in Rom, wie es ihm gehe? „Er liebt Gott“, antwortete Benedikt schlicht und kurz. Gleich darauf fragte eine andere der Nonnen, die die Frage überhört hatte: „Was macht auch Don Mancini?“ „Er liebt Gott“, erwiderte ruhig der Heilige. „Ja, das weiß ich“, entgegnete die Schwester, „aber was tut er denn?“ „Er liebt Gott“, gab Benedikt mit sanftem Blick und Mund ein drittes Mal zur Antwort und dadurch den Nonnen und allen frommen Seelen eine wundersame, tiefe Lehre über das Erste und Wichtigste für alle Lagen des Lebens.

 

Als der Heilige im Jahr 1782 seine elfte Pilgerfahrt nach Loreto gemacht hatte, fragte ihn beim Abschied ein Wallfahrtspriester, ob er übers Jahr wiederkäme? „Nein, mein Vater.“ „Aber warum nicht?“ „Ich muss heim in mein Vaterland.“ Aber dann führt Dich Dein Weg von Rom doch über Loreto?“ „Nein, ich muss heim in mein Vaterland.“ „Dann kommst du also nicht nach Loreto?“ „Mein Vater, ich muss heim in mein Vaterland!“, lautete hartnäckig ein drittes Mal Benedikts geheimnisvolle Antwort. Gott hatte ihn innerlich wissen lassen, dass es heimwärts gehe, aber nicht nach Frankreich, seiner irdischen Heimat, wohl aber in den Himmel, ins ewige Heimatland. Benedikt Joseph Labre war eben

 

III. am Ziel

 

Mit seiner Gesundheit ging es sichtlich abwärts; das fühlte und wusste er selber. Ein hartnäckiger Husten quälte in besonders des Nachts und beraubte ihn des spärlichen Schlafes. Er magerte immer mehr ab; Totenblässe lag auf seinem Gesicht. Schwächen und Ohnmachtsanfälle stellten sich ein. Schließlich konnte er nur noch mit Hilfe eines Stockes seine Kirchengänge machen. Doch seiner klar erkannten Lebensaufgabe „beten und büßen“ blieb er unentwegt treu. Ja ein verstärkter Eifer in dieser Beziehung war unverkennbar. Als ihm jemand riet, sich doch zu mäßigen und Arzneimittel zu nehmen, sonst falle er noch einmal auf offener Straße tot um, gab er ruhig zur Antwort: „Was geht das mich an?“ Es war, als wollte er auf ein früheres Wort anspielen: „Gott will mich ja auf diesem Wege haben!“

 

In tröstlichen Gesichten ließ Gott seinen treuen Diener sein nahes Ende und die Verherrlichung nach dem Tod schauen. Am Palmsonntag des Jahres 1783 begegnete ihm eine Bekannte. Erschrocken über sein Aussehen, sprach sie mitleidsvoll zu ihm: „Ihr seid doch recht krank, Benedikt! Wollt ihr fortgehen?“ „Wie Gott will! Wie Gott will!“ sprach der Heilige sichtlich erfreut. Dann ging er weiter und betete noch viel inniger sein Lieblingsgebetlein in diesen letzten Lebensjahren: „Rufe mich, Jesus! Rufe mich, damit ich Dich schauen kann!“

 

Und Jesus rief ihn zu sich. Am Montag und Dienstag in der Karwoche machte Benedikt Joseph, wenn auch mit äußerster Anstrengung, seine gewohnten Kirchenbesuche. In der Frühe des Mittwochs begab er sich nach Santa Maria de Monti, einer Muttergottes-Wallfahrtskirche in der Nähe des Kolosseums. Dort wohnte er in tiefer Andacht dem heiligen Messopfer bei. Ein neuer Schwächeanfall veranlasste ihn, sich ins Freie zu begeben. Gute Leute umringten ihn, boten ihm ihre Dienste an und gaben gute Ratschläge. Benedikt hörte sie schweigend an. Da kam ein alter Bekannter, der Metzgermeister Zaccarelli des Weges und versuchte den Erschöpften zu überreden, mit ihm in seine nahe Wohnung zu kommen. Benedikt sagt nach einigem Zögern zu. Sterbend langte er dort an. Man holt den Priester. „Wünschst du etwas, Benedikt?“ fragte er, sich über den Sterbenden neigend. „Nichts, nichts!“ erwiderte dieser, ohne die Augen zu öffnen. „Ist es schon lange her, dass du kommuniziert hast?“ „Kurz her, kurz!“ war die Antwort und zugleich sein letztes Wort hier auf Erden. Von zwei Uhr nachmittags an konnte er nach außen hin keine Zeichen mehr geben. Auch der herbeigerufene Arzt vermochte nichts mehr zu helfen. Man erteilte dem Sterbenden deshalb die letzte Ölung und betete unablässig bei ihm. Ruhig wie immer, die Hände auf der Brust gekreuzt, lag der kaum Fünfunddreißigjährige da; sein Antlitz atmete tiefen Seelenfrieden. Im Sterbezimmer ging es aus und ein. Die Kunde vom nahen Hinscheiden des „Armen vom Vierzigstündigen Gebet“ verbreitete sich rasch in der Stadt. Heiliges Schweigen, das zeitweise durch die Sterbegebete unterbrochen wurde, umgab das Sterbelager. Eben holten die Uhren der Ewigen Stadt zum Schlag für die achte Abendstunde aus. Drin im Sterbezimmer betete zu der Sterbelitanei das „Heilige Maria, bitt für ihn!“, da streift seine reine Seele das Bettlergewand des Leibes ab, um drüben das strahlende Gloriengewand zu erhalten. „Zieh hin, christliche Seele!“ betete der Priester. Deine irdische Pilgerschaft ist zu Ende. Geh ein in die ewige Heimat, ins Vaterhaus der himmlischen Seligkeit! Im selben Augenblick erhoben alle Glocken Roms ihre eherne Stimme zum abendlichen Gebetsgruß. Es war zugleich das Festgeläut beim Eingang eines neuen Heiligen in den Himmel.

 

Benedikt Joseph Labre wurde 1860 selig- und 1883 heiliggesprochen. Das vielverehrte und wunderumstrahlte Grab des Heiligen ist in der Kirche Santa Maria de Monti zu Rom.

 

Der Landstreicher - der ein Heiliger war

 

Benedikt Joseph Labre wollte ins Kloster. Von seinem 18. Lebensjahr an war dies sein glühendster Wunsch, aber es sollte sein Schicksal sein, immer wieder eine Enttäuschung zu erleben. Die Trappisten wollten ihn nicht haben. Er war ihnen zu schwächlich. Die Kartäuser von Longuenesse waren gewillt, einen Versuch mit ihm zu machen, aber er entsprach ihren Anforderungen nicht. Die Abgeschlossenheit, nach der er sich gesehnt hatte, bekam ihm nicht. Sie schien ihn zur Verzweiflung zu treiben, statt ihm inneren Frieden zu geben. Die Mönche konnten es bald nicht mehr mit ansehen. Sie meinten, er habe keinen Ordensberuf, und entließen ihn.

 

Damit aber war Benedikts Entschluss in keiner Weise erschüttert. Er wandte sich an die Kartäuserabtei in Montreuil. Obwohl viele Mönche den Kopf schüttelten, nahm man ihn auf.

 

Wieder war das Ergebnis das gleiche. Er strengte sich mächtig an, aber das Mönchsleben bekam ihm nicht. Die Regel gebot, sich ruhig in der Zelle zu verhalten, aber er konnte nicht still sein. Nach sechs Wochen ersuchte man ihn wieder fortzugehen. Er ging aber nicht nach Hause, sondern wieder zu einer Trappistenabtei.

 

Nun nahm ihn Sept Fons auf. Die Probe dauerte acht Monate. Benedikt hatte eine direkte Leidenschaft, alles herzuschenken, und selbst im Trappistenkloster konnte er nicht genug loswerden. Er sehnte sich danach, noch ärmer und noch hungriger zu sein. Diese Bemühungen, der Ärmste der Armen zu sein, verwandelten ihn bald wieder wie in Montreuil zu einem reinen Skelett. Er wurde krank und konnte sich zwei Monate lang überhaupt nicht aufrechthalten. Sobald er kräftig genug war, um sich auf den Weg machen zu können, gab man ihm den Abschied. Mit einem „Gottes Wille geschehe“ auf den Lippen verließ er wiederum das Kloster.

 

Aber in diesen Monaten hatte er angefangen, seinen wahren Beruf zu entdecken. Wenn ihn auch die Sehnsucht nach einem Leben im Kloster nie ganz verließ, sah er doch ein, dass es für ihn wenig Hoffnung gab, diesen Beruf in der üblichen Weise auszufüllen. Er konnte nicht Mönch wie die anderen sein, er musste einer nach seiner eigenen Art und Weise werden. Und er konnte nicht in einem Kloster leben, die Welt musste sein Kloster werden. Er wollte der Einsamste der Einsamen, der Ausgestoßenste der Ausgestoßenen, das erbarmungswürdigste Geschöpf Gottes werden. Ein Landstreicher wollte er sein, der Arme Gottes, ein Pilger für den Rest seines Lebens. Damals war er 25 Jahre alt.

 

So machte er sich auf den Weg nach Rom. Ein langes Kleid bedeckte ihn, das mit einem Strick um die Hüfte gebunden war. Auf der4 Brust trug er ein Kreuz und eine lange Kette von Rosenkranzperlen um den Hals. Seine Füße waren nur zum Teil von den zerrissenen Schuhen bedeckt. Man hätte glauben können, sie seien eigens dazu da, Wasser und Steine hineinzulassen. Die Unbilden der Witterung fürchtete Benedikt nicht. Über der Schulter trug er einen alten Sack mit seiner Habe, darunter eine Bibel und ein Gebetbuch. Er aß was man ihm gab. Gab man ihm nichts, so suchte er sich am Weg etwas. An den nächsten Tag dachte er nicht. Und hatte er je etwas mehr, als er gerade brauchte, so gab er es einem anderen Landstreicher.

 

Im Jahr 1770 schrieb er den letzten Brief an seine Angehörigen. In den folgenden 6 oder 7 Jahren seiner Pilgerreisen über Berge, durch Wälder, durch Städte und Dörfer schlief er im Freien oder wo immer er ein primitives Obdach finden konnte. An Almosen nahm er nur, was er gerade brauchte. An Kleidern trug er, was man ihm gab, bzw. was man ihm aufnötigte. Während seiner ersten Reise machte er in Loreto und Assisi halt. In Rom kam er mit wunden Füßen und krank an, so dass er drei Tage im französischen Hospital bleiben musste. Hierauf blieb er 8 oder 9 Monate in der Stadt und besuchte die heiligen Stätten. Mit niemand war er bekannt, und niemand wusste, wo er schlief. In den nächsten Jahren wanderte er zu allen berühmten Wallfahrtsstätten Europas. Ende 1776 ließ er sich endgültig in Rom nieder, von wo aus er nur noch ganz bestimmte Wallfahrten machte, meist nach Loreto, das er jedes Jahr besuchte.

 

Nie besaß er mehr als 10 Pfennige auf einmal. Bot man ihm mehr an, so lehnte er es ab. In Loreto hauste er in einer Scheune vor der Stadt. Als man ihm ein Zimmer näher beim Heiligtum anbot, lehnte er es ab, weil ein Bett darin war. In Rom war sein Heim jahrelang ein Loch in den Ruinen des Kolosseums. Von diesem Quartier aus machte er seine täglichen Gänge zu den Kirchen der Stadt. Ausgenommen wenn er krank war, bettelte er selten. Er begnügte sich mit dem, was ihm Vorübergehende von sich aus gaben. Einst bot ihm ein Mann eine Münze. Benedikt nahm sie dankend an. Als er aber sah, dass es mehr war, als er brauchte, gab er sie jemand anders. Der Geber sah dies als eine Beleidigung an, da er der Meinung war, Benedikt hätte mehr erwartet, nahm seinen Stock und schlug ihn. Benedikt ertrug die Prügel, ohne ein Wort zu sagen.

 

Es scheint, dass er monatelang kein Wort sprach. Als sich ein Kloster für ihn interessierte, in dem man ihn hochachtete, ließ sich Benedikt nie mehr dort sehen. Seine ganze Habe bestand aus ein paar Andachtsbüchern und einem hölzernen Napf. Dieser war in Stücke gegangen, und er band ihn mit einem Stück Draht zusammen. Sein Beichtvater schilderte sein erstes Zusammentreffen mit ihm so: „Es war im Juni 1782; ich hatte gerade die hl. Messe in der Kirche St. Ignatius gelesen, da bemerkte ich einen Mann in meiner Nähe, dessen Äußeres auf den ersten Blick entschieden abstoßend war. Seine Beine waren nur teilweise bedeckt, sein Gewand mit einem alten Strick um die Hüfte gebunden. Das Haar war ungekämmt. Dem äußeren Anschein nach schien er der elendeste Bettler zu sein, den ich je gesehen hatte.“

 

Als der Priester seine Danksagung vollendet hatte, trat Benedikt zu ihm und bat ihn, seine Generalbeichte entgegenzunehmen. Der Priester staunte nicht nur über die Sorgfalt, mit der diese Beichte abgelegt wurde, sondern auch darüber, wie gut sein Beichtkind in komplizierten Fragen der Theologie Bescheid wusste. Er unterbrach die Beichte und fragte ihn, ob er Theologie studiert habe. „Ich, Hochwürden?“ sagte Benedikt. „Nein, ich studiere nie. Ich bin nur ein armer, unwissender Bettler.“

 

Da merkte der Beichtvater, dass er es hier mit einem ungewöhnlichen Fall zu tun hatte. Er beschloss, den Mann in Zukunft sorgfältig im Auge zu behalten. Je mehr er ihn kennenlernte, desto mehr wunderte er sich über die Heiligkeit unter den Lumpen.

 

Er sah ihn zum letzten Mal am Freitag vor der Karwoche 1783, als Benedikt zur Beichte kam. Das nächste, was der Priester genau eine Woche später von ihm hörte, war, dass er gestorben sei. Er war nicht überrascht, denn seit einigen Monaten schon hatte er sich gefragt, wie der Mann überhaupt noch leben konnte. Zu allen Entbehrungen und Kasteiungen hatte sein Körper sich in der letzten Zeit noch mit Ausschlägen und Wunden bedeckt. Der Priester hatte ihn ermahnt, doch wenigstens diesen mehr Aufmerksamkeit zu widmen, aber Benedikt hatte sie wenig beachtet.

 

So kam der Mittwoch der Karwoche. Unter den Kirchen, die Benedikt besucht hatte, hatte ihn keine häufiger gesehen als S. Maria dei Monti beim Kolosseum. Hier wohnte er jeden Morgen der hl. Messe bei. Im ganzen Viertel war er gut bekannt. Auch an diesem Tag hatte er den Gottesdienst besucht. Beim Verlassen der Kirche – es war bereits 1 Uhr mittags – stürzte er auf den Stufen zusammen. Die Umstehenden sprangen auf ihn zu. Er bat um ein Glas Wasser, konnte sich aber nicht mehr erheben. Ein Metzger aus der Gegend, der ihm schon oft Wohltaten erwiesen hatte, erbot sich, ihn in sein Haus bringen zu lassen, und Benedikt nahm es an. Dort legte man ihn in ein Bett, damit er sich erhole. Bald aber wurde allen klar, dass er am Sterben lag. Man sandte nach einem Priester, der ihm die hl. Sterbesakramente spendete. Aber Benedikt war zu schwach, um noch die hl. Kommunion empfangen zu können. Man begann die Gebete für den Sterbenden. Bei den Worten „Heilige Maria, bitt für ihn“ starb er ohne einen Seufzer, 35 Jahre alt. Es war der 16. April 1783.

 

Darauf ereigneten sich einige merkwürdige Dinge. Sein Beichtvater und Lebensbeschreiber erzählt: „Kaum hatte dieser arme Nachfolger Christi seinen letzten Atemzug getan, als auf einmal die Kinder aus der Nachbarschaft die Straße mit ihrem Lärm erfüllten und einstimmig riefen: „Der Heilige ist tot, der Heilige ist tot!“ Bald stimmte ganz Rom in diesen Ruf ein, und überall wiederholte man die Worte: „Ein Heiliger ist tot“. Viele, die ob ihrer Heiligkeit und ihrer Wunder berühmt waren, haben ihre irdischen Tage in dieser Stadt beendet. Aber der Tod von keinem rief eine so schnelle und heftige Erregung hervor wie der Tod dieses Bettlers.

 

Benedikt war kaum tot, als zwei Kirchen sich um die Gunst stritten, seinen Leichnam zu besitzen. Man entschied, dass er nach S. Maria dei Monti verbracht werden sollte, der Kirche, die er am häufigsten besucht hatte. Der Andrang des Volkes war so groß, dass man eine verstärkte Polizeiwache aufstellen musste. Eine Abordnung Soldaten begleiteten den Zug zur Kirche. Mehr Ehre hätte kaum einem königlichen Leichnam widerfahren können. Von dem Augenblick an, wo er in der Kirche aufgebahrt lag, war diese gedrängt voll von trauerndem Volk. Während der Gottesdienste an den Kartagen blieb die Leiche aufgebahrt dort liegen. Immer mehr Volk drängte zur Kirche, so dass der Kardinalvikar erlaubte, dass der Tote vier Tage unbeerdigt blieb. Leute jeden Standes trafen sich einmütig zu Füßen des Bettlers Benedikt. Am Ostersonntagnachmittag setzte man ihn in der Kirche neben dem Hauptaltar bei.

 

Aber die Verehrung hörte damit nicht auf. Immer neue Scharen strömten zur Kirche, und man brauchte Soldaten, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Auch das vorübergehende Schließen der Kirche half nichts. Sobald sie wieder geöffnet wurde, strömte die Volksmenge wieder herein. Dies ging 2 Monate lang so fort. Noch nie vorher hatte man so etwas erlebt, auch in Rom nicht. Wenn je jemand durch die Zustimmung des Volkes zum Heiligen erklärt wurde, dann Benedikt Joseph Labre, der Bettler. In einem Jahr war sein Name in ganz Europa bekannt. Lebensbeschreibungen erschienen, Legenden verbreiteten sich, und von überallher wurden wahre und falsche Wunder gemeldet.

 

In dieser Zeit lebten die Eltern Benedikts in ihrem Haus in der Nähe von Boulogne. Da sie mehr als 12 Jahre nichts mehr von ihrem Sohn gehört hatten, nahmen sie an, dass er gestorben sei. Jetzt erfuhren sie plötzlich, dass der Heilige, von dem alle Welt sprach, ihr Sohn war!

 

Der selige Joachim von Siena aus dem Serviten-Orden, Priester,

+ 16.4.1305 - Fest: 16. April

 

Dieser Heilige stammt aus Siena, von der berühmten Familie Pelakani. Schon als Kind hatte er eine große und zärtliche Liebe zur Mutter des Herrn und war nie zufriedener, als wenn er vor ihrem Bild beten konnte. Sein Mitgefühl mit den Nöten der Armen hatte etwas Außerordentliches: er gab ihnen all seine eigenen Kleider dahin und schenkte ihnen alle seine Taschengelder. Außerdem nahm er auch noch die Großzügigkeit seiner Eltern zu Gunsten der Notleidenden in Anspruch. Als ihm eines Tages sein Vater sagte, er möge seinen Almosen Schranken setzen, um seine Familie nicht an den Bettelstab zu bringen, antwortete er: „ Du hast mich gelehrt, dass man in der Person der Armen Jesus Christus Almosen reicht; wie sollte man diesem nun etwas abschlagen können? Welchen Vorteil sollen uns denn die Reichtümer sonst bringen, wenn es nicht Mittel sind, uns Schätze im Himmel zu sammeln?“ Der Vater weinte vor Freude, weil er ein so zartes Gemüt von solchen schönen Gefühlen ergriffen sah.

 

Als der Heilige mit vierzehn Jahren in den Serviten-Orden eingetreten war, empfing er 1272 das Kleid von den Händen des heiligen Philippus Beniti und erhielt den Namen Joachim. Sein Eifer war von den ersten Tagen des Noviziates an so glühend, dass selbst die Vollkommensten ihn als ein Muster ansahen. Unter anderen Tugenden, die an ihm glänzten, bemerkte man besonders den Geist des Gebetes und eine Demut und Liebe zur Erniedrigung. Man wollte ihn zum Priester weihen, aber diese Würde erschien ihm so furchtbar, dass man ihn niemals dazu bringen konnte. Seine ganze Ehrliebe beschränkte sich auf das Messdienern, und während des heiligen Opfers geschah es mehr als einmal, dass er verzückt war.

 

Sein größtes Streben ging dahin, sich vor den Augen der Menschen zu verbergen, aber je mehr er vor dem Ruhm floh, desto glänzender verbreitete er sich um ihn her. Da er in Siena in allzu großer Verehrung stand, bat er seinen General, ihn an einen entfernteren Ort zu versetzen. Man erlaubte ihm daher in das Kloster Arezzo zu gehen. Kaum aber hatte sich die Nachricht von seiner Abreise verbreitet, als die Einwohner um dessen Zurückberufung dringend anhielten. Man berief ihn also wieder zurück in sein Vaterland, wo er am 16. April 1305 im Alter von siebenundvierzig Jahren starb. Gott verlieh ihm die Wundergabe vor und nach seinem Tod. Die Päpste Paul V. und Urban VIII. erlaubten den Serviten, dem Diener Gottes öffentliche Ehre zu erweisen, seinen Festtag zu begehen und sein Offizium einzuführen.

 

17. April

 

Der heilige Anizet, Papst und Martyrer von Rom,

+ 17.4.166 - Fest: 17. April

 

Heutzutage wird in der abendländischen Christenheit Ostern am ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond, also in der Zeit vom 22. März bis zum 25. April, gefeiert. So war es nicht immer, und früh schon gab es Meinungsverschiedenheiten über das Datum des Festes. Während die Gläubigen des Morgenlandes Ostern in Anlehnung an das jüdische Osterfest auch an einem Werktag begingen, wurde es im Abendland stets an einem Sonntag gehalten.

 

Als sich diese an sich nebensächliche Unstimmigkeit erstmals im 2. Jahrhundert zuspitzte, reiste der zu der Zeit bedeutendste Bischof des Morgenlandes, der heilige Polykarp, eigens nach Rom, um mit dem Papst, dem obersten Bischof der gesamten Christenheit, die strittige Angelegenheit zu besprechen, und dieser Papst, mit dem der heilige Polykarp damals verhandelte, war der heilige Anizet, dessen Gedächtnis die Kirche heute feiert.

 

Eine Einigung kam zwischen Anizet und Polykarp zwar nicht zustande, aber man ging im Frieden auseinander, ohne der Sache eine besondere Bedeutung beizulegen. So sollte es unter Christen immer sein, dass sie nämlich bei allen Unstimmigkeiten von minderer Bedeutung den Frieden wahren und die Liebe entscheiden lassen, denn nicht das Recht, sondern die Liebe macht das Christentum aus. Papst Anizet, dessen Meinung über das Datum der Osterfeier sich später übrigens allgemein durchsetzte, ist also ein österlicher Heiliger, denn ihm verdanken wir es, dass das höchste Fest der Kirche, an dem wir der Auferstehung Jesu gedenken, stets an einem Sonntag begangen wird.

 

Papst Anizet war der zehnte Nachfolger des heiligen Petrus auf dem Bischofsstuhl zu Rom und regierte die Kirche Gottes elf Jahre lang von 154 bis 165. Wenn außer der oben erwähnten Streitfrage über das Datum des Osterfestes sonst kaum etwas aus seinem Leben bekannt ist, so ist dieser Umstand darauf zurückzuführen, dass zu seiner Zeit die vierte römische Christenverfolgung ausbrach, die zu den grausamsten zählt. Da hatte man weder Zeit noch Lust, Aufzeichnungen zu machen, zumal da die Geheimpolizei Haussuchungen und Jagden auf die Christen veranstaltete.

 

Die Zeiten, in denen die Kirche verfolgt wird, sind übrigens stets auch glorreiche Zeiten, denn in den Martern der Glaubenshelden wird Christus verherrlicht und sein Erlösungstod auf Golgatha vervollständigt. Auch erstarkt in solchen Zeiten die Kirche innerlich, insofern die Gläubigen in Not und Kampf geläutert werden, und äußerlich, insofern ihr das herrliche Beispiel der Blutzeugen neue Anhänger zuführt. Am verdienstvollsten wirkt sich das Martyrium natürlich für die Martyrer selbst aus, denn ihrem kurzen Leid folgt die ewige Freude des Himmels. Auf diese Weise bewahrheitet sich an ihnen wohl am deutlichsten das Sprichwort:

 

Des Christen Herz auf Rosen geht,

Wenn´s mitten unterm Kreuze steht.

 

Der heilige Mappalikus und mehrere andere Märtyrer in Afrika,

+ 17.4.250 – Fest: 17. April

 

Aus dem IX. Brief des heiligen Cyprianus an die Märtyrer und Bekenner:

 

Im Frühling des Jahres 250, drei Monate nach der von Kaiser Decius angefangenen Verfolgung der Kirche in Afrika, empfingen Mappalikus und mehrere andere Christen die Märtyrerkrone. Der heilige Cyprian, der Bischof von Karthago, erhebt durch seine Lobsprüche die Bescheidenheit und Klugheit unseres Heiligen. Er gibt ihm das Zeugnis, er habe mit der größten Gewissenhaftigkeit die Vorschriften des Evangeliums und die Regeln der Kirchenzucht beobachtet, indem er keinem von denen Versöhnungs- und Ablass-Briefe gab, die ihrem Glauben entsagt hatten, wie es einige andere Bekenner aus sträflicher Nachsicht getan, sondern sich damit begnügte, zu bitten, man möge nur seiner Mutter und Schwester, die in dasselbe Unglück, welches während der Verfolgung so allgemein war, geraten waren, den Frieden gewähren. In der Nacht, vor seinem Todestag versprach er auf Eingebung des Heiligen Geistes in seinem und seiner Gefährten Namen, dem Prokonsul, den einige Fortunatianus nennen, während der Peinigungen, die er erduldete, dass er sich den folgenden Tag an einem neuen Kampf werde ergötzen können, an einem Kampf für den Gott, zu dessen Ehre das Blut zu vergießen ihnen Gewinn und Freude sei. Er hielt auch pünktlich sein gegebenes Wort, oder Gott erfüllte vielmehr an ihm, was er im gottseligen Gefühl seines Glaubens versprochen hatte. Er kämpfte, wie er es vorhergesagt, siegte und erhielt von Gott die Krone der Herrlichkeit als Belohnung seiner Treue und seines Mutes. Er starb unter den Peinen der grausamsten Folter.

 

Unter den anderen Märtyrern, die zu derselben Zeit litten, zeichneten sich besonders aus, der heilige Bassus, der heilige Fortunio, der im Kerker, und der heilige Paulus, der an den Folgen der Folterqualen starb. Mehrere andere starben im Gefängnis des Hungertodes, wozu sie der Kaiser verurteilt hatte. Unter diesen nennt man besonders den heiligen Victorin, den heiligen Victor, den heiligen Herenäus, den heiligen Donatus, den heiligen Firmus, den heiligen Ventus, den heiligen Fructus, Martial und Aristo, die heiligen Fortuna, Credula, Herenäa oder Irene und die heilige Julia. Obgleich uns nur ihre Namen bekannt sind, so müssen wir nicht weniger, als Cyprian, der sie in Kalendern und Katalogen aufnahm, und öffentlich ihr Andenken an ihrem Todestag feierte, uns angelegen sein lassen, diese ehrwürdigen Namen der Nachwelt zu überliefern.

 

Der älteste dieser Kalender in Afrika, den wir noch besitzen, und der aus dem fünften Jahrhundert ist, bezeichnet das Fest des heiligen Mappalikus auf den 19. April. Jedoch nennen ihn die Martyrologienschreiber Europas auf den 17. dieses Monats, den verschiedene Schriftsteller als seinen Todestag angegeben haben. In einigen dieser Martyrologien findet man, außer den schon genannten, noch einige andere Märtyrer, die mit unserem Heiligen gelitten haben, als den heiligen Barucus, Quintus, Victoricus, Januarius, Macorus oder Maconus Gallus, den heiligen Julian, Priester, Miceon, Miginus, Diomedes und den heiligen Philippianus, die kurze Zeit nach den ersten und im Anfang des Jahres den Märtyrertod gelitten hatten. Man findet den Namen des heiligen Mappalikus und einiger seiner Gefährten auch noch auf den 21., 11. Und 25. Februar in den Martyrologien, die unter dem Namen des heiligen Hieronymus bekannt sind, bezeichnet.

 

Der selige Eberhard (v. Wolfegg),

1. Propst (Abt) von Marchthal (Prämonstratenser-Kloster),

+ 17.4.1178 – Gedenktag: 17. April

 

Dieses Kloster, das auf einer schönen Anhöhe zwischen Riedlingen und Ehingen in Schwaben liegt, und etwa um das Jahr 1000 von den Herzogen Hermann von Schwaben, Vater und Sohn, gestiftet worden, gehörte anfänglich sieben weltgeistlichen Chorherren, wurde aber nach der Mitte des zwölften Jahrhunderts, wegen vernachlässigter gottesdienstlichen Verrichtungen dem Prämonstratenser-Orden abgetreten. Der erste Vorsteher desselben war Eberhard, aus dem Kloster Roth, den der dortige Abt Otteno mit einigen Mönchen von erprobter Tugend und Festigkeit an die neue Pflanzstätte sandte. Dieser ehrenvollen, aber auch mit schwerer Verantwortung verbundenen Stelle hatte er sich schon früher würdig gemacht, durch seine Demut und seinen unbedingten Gehorsam, und der Erfolg lehrte, dass die Wahl nicht glücklicher hätte ausfallen können: denn bald blühten in seiner Genossenschaft alle Beispiele der Tugend und Gottseligkeit auf. Nur schade, dass er seiner Gemeinde nicht lange vorleuchtete, denn schon im Jahr 1179 den 17. April, rief ihn der Herr von dieser Welt ab. Sein Leichnam wurde nach einigen Jahren unverwest gefunden und in das Bethaus des heiligen Johannes übertragen.

 

Der selige Rudolph,

ein von den Juden zu Bern gemarterter Junge, Märtyrer von Bern, Schweiz,

+ 17.4.1287 – Gedenktag: 17. April

 

Unter Papst Honorius IV. und Kaiser Rudolph I. haben die Juden zu Bern, in der Schweiz, aus Hass gegen den christlichen Namen, einen katholischen Jungen, namens Rudolph, heimlich entführt, ihn eingesperrt in einen unterirdischen Behälter eines reichen Hebräers und nach den grausamsten Martern getötet. Allein das unschuldige Blut schrie um Rache zum Himmel und der schwarze Frevel wurde bald zur Offenkunde gebracht. Man hatte nämlich begründeten Verdacht auf die Mörder. Es wurden Untersuchungen angestellt, man entdeckte den Leichnam noch ganz mit Blut überronnen, und gab ihn den trostlosen Eltern des Kindes zurück. In einer Versammlung von Priestern und anderer weisen Männer wurde sogleich beschlossen, Rudolph sei als wahrer Märtyrer gestorben und müsse demnach in der Hauptkirche begraben werden. Diesem nach wurde er beigesetzt am Kreuzaltar, der gleich den Namen Rudolphsaltar bekam, und eine Menge Gläubige anzog. Dieses geschah im Jahr 1287.

 

Die schuldig befundenen Missetäter wurden auf Befehl des Senates eingekerkert und gerädert. Die übrigen Juden, die von diesem Frevel Kenntnis gehabt und sich ihm nicht widersetzt hatten, wurden des Landes verwiesen , und kein Jude durfte mehr in der Stadt sich aufhalten.

 

Im Jahr 1440 wurde obige Kirche niedergerissen und auf demselben Platz eine weit prachtvollere aufgeführt. Bei dieser Gelegenheit wurde der Leib des jungen Blutzeugen erhoben, in einen bleiernen Sarg gelegt und unter dem Kreuzaltar verschlossen. Viele Fromme wallfahrteten andachtshalber dahin und empfahlen sich der Fürbitte des Märtyrers. Als aber im 16. Jahrhundert Calvins Irrlehre in Bern Eingang gefunden hatte, wurden die Altäre zertrümmert und alles, was auf Heiligenverehrung Bezug hatte, verschleudert oder zerschmettert, wobei auch der Sarg des Heiligen entweiht und in die Erde versenkt wurde. Seinen Namen findet man in mehreren Martyrologien, z.B. bei Canisius, Cratepolius, Heinrich Murer. Von letzterem Schriftsteller wurde dieser Bericht übernommen.

 

18. April

 

Der heilige Wicterp, Bischof und Bekenner von Augsburg,

+ 18.4. um 760 – Fest: 18. April

 

In der Zeit, als der heilige Magnus, der Schüler des heiligen Abtes Gallus, mit seinen beiden treuen Gefährten Theodor und Thosso einer göttlichen Weisung gemäß vom Bodensee nach Kempten gingen, um den noch heidnischen Bewohnern des Allgäus das Evangelium zu verkünden, saß auf dem bischöflichen Stuhl zu Augsburg der heilige Wicterp, der mit oberhirtlicher Fürsorge das apostolische Missionswerk dieser Glaubensprediger unterstützte.

 

Der heilige Wicterp, auch Wiktorp oder Wigo genannt, war zu Epfach, einem Pfarrdorf in Oberbayern geboren, vollendete seine wissenschaftliche und sittliche Bildung seit seiner frühesten Jugend im Kloster Ellwangen und wurde dort später Abt, dann Bischof zu Neuburg. Wegen seiner besonderen Kenntnisse und Tugenden wurde er dann auf den wichtigen Bischofssitz von Augsburg erhoben.

 

Wicterps erste Sorge war, die arianische Ketzerei, die in seinem weit ausgedehnten Bistum sehr verbreitet war, mit den Waffen des Gebetes, der Wissenschaft und des lebendigen Wortes Gottes wieder auszurotten, und er erfreute sich des glücklichsten Erfolges. Dann baute er die Kirche der heiligen Afra in Augsburg von neuem auf und zwar weit herrlicher, als sie zuvor gewesen war. Auf einer seiner Missionsreisen traf Wicterp in Epfach mit dem heiligen Magnus und dessen Gefährten Thosso zusammen und erteilte ihnen die Erlaubnis, in dem Engpass am Fuß der julischen Alpen, wo jetzt Füssen liegt, sich anzusiedeln und eine Kapelle zu errichten, die er dann selbst einweihte um das Jahr 750. Als der heilige Magnus im Auftrag Wicterps dem Lech entlang in eine große, schöne Ebene zog, wo jetzt das Dorf Waltenhofen liegt, gefiel es ihm dort so sehr, dass er sein Reliquienkästchen an einem Baum aufhing und dort zu Ehren der Mutter Gottes und des heiligen Florian ein Kirchlein baute, das der Bischof Wicterp einweihte. Da der Wunderruf des heiligen Magnus sich immer mehr verbreitete, so sandte ihm Wicterp mehrere junge Kleriker zum Unterricht und zur Vervollkommnung im geistlichen Leben, verschaffte ihm durch seinen Einfluss am königlichen Hof mehrere Schenkungen und erteilte ihm, nachdem er die von Theodor neuerbaute Kirche zu Kempten eingeweiht hatte, die Priesterweihe.

 

Der seeleneifrige Bischof Wicterp hielt mit aller Strenge auf die Sittenreinheit der ihm untergebenen Geistlichen, sowie auf strenge Zucht in den Klöstern. Um aber seinen heiligen Zweck sicherer zu erreichen, machte er es sich zur strengsten Pflicht, in allen Tugenden voranzuleuchten und sich als guten Hirten der ihm anvertrauten Herde zu bewähren. Nach einem ehren- und tatenreichen Leben starb er am 18. April um das Jahr 760 und wurde in der Laurentiuskirche zu Epfach begraben.

 

Als der Bischof Heinrich im Jahr 980 seine Gebeine erheben und nach Augsburg in die Kirche der heiligen Afra übertragen ließ, geschahen viele Wunder. Seit dem Jahr 1489 ruhen die Reliquien des heiligen Wicterp in der Kirche des heiligen Ulrich zu Augsburg.

 

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Eine besondere Verehrerin des heiligen Wicterp war die selige Herluka, eine Reklusin zu Bernried bei Starnberg (+ 18.4.1127), die, durch viele körperliche Leiden geprüft, bei den Reliquien des heiligen Cyriacus das verlorene Augenlicht wieder erhalten hatte, und dann sich gänzlich Gott weihte. Am Hof des Pfalzgrafen Mangold von Dillingen bekam sie einen Dienst und wurde von der Pfalzgräfin Adelheid und deren beiden gottgeweihten Schwestern Wielika und Hiltiburgis wegen ihrer besonderen Frömmigkeit sehr geachtet und zu allen ihren Andachtsübungen herangezogen. Der selige Abt Wilhelm von Hirschau und sein trefflicher Schüler Dietger waren ihre Beichtväter und Seelenführer. Als sie einst mit mehreren anderen das Grab des heiligen Wicterp zu Epfach besuchte, fühlte sie sich so sehr zu dieser Stätte hingezogen, dass sie dort ihren bleibenden Aufenthalt nahm. Dort lebte sie 36 Jahre als Eingeschlossene (Reklusin) im Dienst Gottes, ihrer eigenen Vervollkommnung und der Fürsorge für die Rettung der Sünder. Mehrmals erschien ihr der eilige Bischof Wicterp, tröstete, ermutigte und mahnte sie zur Beharrlichkeit. Einst blickte sie zum Himmel, klopfte an ihre Brust und rief: „Wehe, wehe, dass dieser Mensch geboren wurde!“ Auf die Frage ihrer frommen Genossin Hadewig nach der Ursache ihres Schreckens erklärte sie: „Ach, die Seele des abtrünnigen Priesters von Rot wird eben von einer großen Schar Dämonen in die Hölle geführt!“ Da Hadewig die Wahrheit dieser Erscheinung anzweifelte, ließ Herluka einen Boten in die Wohnung des Priesters senden, und der hörte, dass zur selben Stunde die Seele des Unglücklichen wirklich den Leib verlassen habe.

 

In der großen Verfolgung, die alle Anhänger des Papstes Gregor VII. traf, musste auch Herluka ihre Klause verlassen. Im Kloster Bernried am Würmsee fand sie gastliche Aufnahme und schloss dort ihr frommes Leben selig im Herrn am 18. April 1127.

 

Die selige Herluka, die Klausnerin zu Epfach, wird am 18. April zusammen mit dem heiligen Wicterp verehrt.

 

Der heilige Apollonius, römischer Senator und Martyrer,

+ um 184 – Fest: 18. April

 

Der blutige Widerschein einer grausamen Christenverfolgung lag noch über dem Giftbecher, den der eigene Sohn und Nachfolger dem römischen Kaiser Mark Aurel im Jahr 180 gemischt haben soll. Mit dem Regierungsantritt des Kaisers Kommodus (180-192) schien das Frühlicht friedlicherer Zeiten für die Christen anbrechen zu wollen. Die Saat des Glaubens mehrte sich und gedieh. Nicht bloß aus den niedrigen Volksschichten, sondern auch aus den höheren Kreisen stiegen Männer und Frauen ins Heilsbad der Taufe und beugten sich unter das Joch des Kreuzes Christi. Auch in Rom, berichtet ausdrücklich der Geschichtsschreiber Eusebius, ergriffen viele Reiche und vornehme Leute mit ihrem ganzen Haus und ihrer ganzen Familie den Weg des Heils. Aber gerade das, fügte er bei, reizte den Teufel, den Kampf von neuem aufzunehmen. Die rasende See der Christenverfolgung, deren wilde Flut sich kaum geglättet hatte, forderte da und dort in der Kirche neue Opfer. Noch im Jahr 180 mussten beispielsweise zwölf Christen aus Scili, die Erstlinge unter den Märtyrern der blühenden afrikanischen Kirche, ihr Leben für ihren christlichen Glauben lassen.

 

Der berühmteste unter den Märtyrern Roms aus jener Zeit war der heilige Apollonius. Er bekleidete ein hohes Staatsamt, wahrscheinlich die Würde eines Senators, und erfreute sich wegen seiner ausgezeichneten Herzensbildung und tiefen Gelehrsamkeit großen Ansehens und weiten Rufes. Einer der eigenen Hausdiener wurde sein Ankläger. Er wurde demzufolge um seines christlichen Glaubens willen vor Gericht gestellt.

 

Vergeblich bemühte sich nun der Präfekt Perennius im Verhör den glaubensmutigen, opferbereiten Bekenner Christi in seiner Standhaftigkeit zu erschüttern. Er bat ihn schließlich, wegen seines Glaubens vor dem Senat selbst sich zu verantworten. Apollonius benützte freudig die Gelegenheit, öffentlich vor dem ganzen versammelten Senat Zeugnis für Christus und seine heilige Lehre abzulegen. In der heiligen und weltlichen Wissenschaft wie in der Kunst der Beredsamkeit gleich trefflich unterrichtet, wusste er mit großer Schlagfertigkeit und überzeugender Gründlichkeit die Torheit des heidnischen Götterwahns aufzudecken und in großen Zügen die christliche Glaubens- und Sittenlehre zu entwickeln. Festigkeit und Würde, Freimut und Ruhe sprachen dabei aus jedem seiner Worte. „Es ist in der Tat“, so lautete das heutige Urteil in der Wissenschaft, „die vornehmste Apologie des Christentums, die wir aus dem Altertum besitzen.“ Nur einige Proben seien aus dem 1893 wiederum aufgefundenen echten Bericht über sein glorreiches Martyrium hier dargeboten. Der fromme Leser mag sie hinnehmen wie einen erfrischenden Labetrunk zur eigenen religiösen Ermunterung und Bestärkung.

 

„Apollonius“, so beginnt der Richter den Angeklagten zu fragen, „warum widersetzt du dich den Gesetzen und dem Befehl der Kaiser?“ „Weil ich ein Christ bin“, lautete die Antwort, „und weil ich Gott fürchte, der Himmel und Erde erschaffen hat, und nicht den eitlen Götzen opfern will.“ Der Zumutung „beim Glück des Kaisers zu schwören“, begegnete er mit der Versicherung: „Wir (Christen) schwören nur beim wahren Gott, wir lieben aber auch den Kaiser und bringen für seine Majestät Gebete dar.“ Nach dem „schönen und herrlichen Gebot Gottes, das ich vom Herrn Christus gelernt habe, ist es noch besser, überhaupt nicht zu schwören, denn der größte Eid (die verlässlichste Bürgschaft der Rede) ist die Wahrheit, deshalb ist es unziemlich selbst im Namen Christi zu schwören“.

 

Nach Ablauf der drei Tage Bedenkzeit, die dem Märtyrer nach dem ersten Verhör gegeben wurde, erging an ihn die nochmalige Aufforderung seinem Glauben abzuschwören. Fest und ruhig versetzte er: „Ich bin und bleibe ein Verehrer Gottes, wie ich bereits bekannt habe. Ich habe gelernt Gott im Himmel anzubeten und nur vor ihm niederzufallen, der allen Menschen den lebendigen Geist eingehaucht hat und ihnen ewiges Leben spendet.“ Den Hinweis auf die Todesdrohung des Senatsbeschlusses beantwortete er mit der unerschrockenen Erklärung: „Der Senatsbefehl ist menschlich und kann sich unmöglich dem göttlichen widersetzen. Wir halten es nicht für verkehrt, für den wahren Gott zu sterben, denn indem wir leben, leben wir für Gott und ertragen die Martern für ihn, auf dass wir nicht grausam des ewigen Todes sterben. Wir wollen uns auch nicht abhärmen ob der Einziehung unseres Vermögens, weil wir wissen, dass wir Gottes sind, ob wir leben oder sterben.“

 

Da der Heilige trotz allen Zuredens und aller Drohungen in seinem Glauben standhaft verharrte, wurde er schließlich zum Tode verurteilt. Er nahm diesen Urteilsspruch des Präfekten mit den Worten entgegen: „Ich danke meinem Gott für dein Urteil.“ „Und die Henker“, so schließt der Bericht, „führten ihn sogleich ab und enthaupteten ihn, während er den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist pries. Es sei ihnen Preis in Ewigkeit! Amen.“

 

Ein altes Sprichwort lautet: „Worte bewegen, Beispiele reißen hin.“ Der obige Befehl über das Lebensende und den Leidenstod des heiligen Apollonius enthält beides: Wort und Beispiel eines Märtyrers, das auch uns gläubige bewegen und fortreißen sollte zur Nachfolge des kreuztragenden Heilandes und seiner heiligen Blutzeugen. „Denn auch wir werden“, wie jener Bericht selbst uns eingangs ermuntert, „gleich dem seligen Martyrer und mutigen Kämpfer Christi, Apollonius, das erlangen, was Gott, der nicht lügt, denen versprochen hat, die ihn lieben und von ganzen Herzen an ihn glauben.“

 

19. April

 

Der heilige Papst und Bekenner Leo IX.,

+ 19.4.1054 - Fest: 19. April

 

Eine schwere Wunde, an der die Kirche des Mittelalters blutete, war die Simonie. Im Laufe der Zeit hatten die Bischöfe und Äbte ansehnlichen Grundbesitz erworben und hatten dadurch Rechte und Pflichten erhalten, die mit ihrem priesterlichen Amt nichts zu tun hatten. Sie waren Lehensherrn des Reiches geworden und mussten als solche viele Dienste tun gleich weltlichen Fürsten. Wegen dieser Verquickung von geistlichem und weltlichem Amt konnte es dem Kaiser nicht gleichgültig sein, was für Bischöfe und Äbte er als Reichsfürsten erhielt. Er musste das Recht haben, bei der Wahl von Bischöfen und Äbten, die ihm als Reichsfürsten ungeeignet schienen, Einspruch zu erheben. Daraus ergab sich aber der Missstand, dass ehrgeizige Geistliche, die nach einem Bischofsstuhl oder Abtstab strebten, sich dem Kaiser durch Versprechungen aller Art gewogen zu machen suchten; sie boten ihm aus ihrem Familienbesitz Ländereien an oder stellten ihm reiche Geldmittel zur Verfügung. Schließlich artete dieser Missbrauch zu einem förmlichen Handel um kirchliche Würden aus. Die Kaiser und Könige vergaben die Bistümer nicht mehr an die verdienstvollsten und würdigsten Priester, sondern an die Meistbietenden. Dass dieses Unwesen, dieser Schacher mit geistlichen Ämtern (Simonie) für die Kirche von größtem Unheil war, lässt sich denken. Unter den Päpsten, die gegen diesen Unfug entschieden ankämpften und die Priester mehr und mehr von irdischen Gütern und Reichsämtern loszumachen suchten, glänzt in erster Reihe der deutsche Papst Leo IX. Er hat von den acht Päpsten, die das deutsche Volk der katholischen Kirche schenkte, am längsten regiert und ist auch als einziger der Ehre der Altäre teilhaftig geworden.

 

Leo stammt aus Egisheim im Elsass, wo er am 21. Juni 1002 als Sohn des deutschen Grafen Hugo von Dagsburg geboren und auf den Namen Bruno getauft wurde. Schon früh übergaben die Eltern den Jungen dem Bischof von Toul zur Erziehung, der ein Seminar für junge Edelleute eingerichtet hatte. Bruno lebte sich rasch in die neue Welt und das Seminarleben ein. Die Kameraden hatten den kleinen Elsässer wegen seines freundlichen, heiteren Wesens gern. Die Lehrer schätzten seinen beweglichen Geist, der sich rasch entwickelte und auf Bruno große Hoffnungen setzen ließ. Noch war Bruno nicht zum Priester geweiht, da erhielt er schon nach dem Brauch jener Zeit eine Pfründe am Domstift. Doch im Gegensatz zum Treiben so manch anderer Domherrn jenes Jahrhunderts nahm es Bruno mit seinem kirchlichen Amt ernst und führte ein untadeliges Leben. Mit Eifer gab er sich dem Studium der Gotteswissenschaft hin und erbaute seine Umgebung durch tiefe Frömmigkeit. Die Wahl seines Vetters Konrad II. zum deutschen Kaiser riss ihn, eben zum Diakon geweiht, aus seinem Studium. Dem Wunsch der Eltern und der Einladung des königlichen Vetters folgend zog er an Konrads Hof, wo er mit unumschränktem Vertrauen überschüttet und in die Führung der Staatsgeschäfte eingeweiht wurde. Wie leicht wäre es ihm gewesen, die Gunst des Königs auszunützen und sich hohe kirchliche Würden zu verschaffen! Aber Bruno, der auch mitten im Hofleben das gesammelte, stille Leben eines Mönches und Gelehrten führte, wartete in Demut auf den Ruf Gottes. Dieser erging an ihn, als er 1026 von Klerus und Volk einstimmig zum Bischof von Toul gewählt wurde. Freudig nahm Bruno die Wahl zum Oberhirten dieses unbedeutenden Bistums an, froh, nun ganz ungestört seinen geistlichen Pflichten leben zu können. Unverzüglich machte sich der neue Bischof daran, die religiösen Zustände seines Sprengels zu verbessern. Er versuchte die Wunden zu heilen, die seine zwischen Frankreich, Deutschland und Burgund liegende Diözese durch die verschiedenen Einfälle und Kriege der letzten Jahrzehnte erlitten hatte. Er mühte sich, den Gottesdienst feierlicher zu gestalten, das sittliche Leben und die wissenschaftliche Ausbildung der Geistlichen zu heben. Die kirchliche Erneuerungsbewegung, die vom Kloster Cluny ausging, fand in Bischof Bruno einen begeisterten Anhänger und Förderer.

 

22 Jahre führte Bruno zielbewusst den Bischofsstab von Toul. Da brachte der am 29. August 1048 erfolgte Tod des Papstes Damasus II. die große Wendung seines Lebens. Auf einem Reichstag zu Worms, der sich mit dem Nachfolger des Papstes zu befassen hatte, richteten sich alle Blicke und Wünsche auf den anwesenden Bruno. Erschrocken bat Bruno um drei Tage Bedenkzeit. Die glänzende Würde konnte ihn nicht verlocken. Vor seinem Auge standen zu klar die großen Schwierigkeiten, mit denen der Papst zu kämpfen hatte: die vielen Gebrechen der Kirche, das unwürdige Leben so vieler Geistlichen, die trotzige Unbotmäßigkeit der Fürsten, die Unwissenheit der Völker. Wie gern hätte er sich dem Wunsch des Reichstags entzogen! Doch es half kein Sträuben. Bruno musste schließlich seine Zustimmung geben unter der Bedingung, dass er in Rom nach den Vorschriften der Kirche rechtmäßig gewählt würde. Begleitet von Prior Hildebrand von Cluny, dem späteren Gregor VII. machte er sich schweren Herzens auf den Weg in die Hauptstadt des Christentums. Jubelnd vom Volk empfangen erklärte er: „Vom Kaiser und von den Fürsten des Reiches bin ich ausersehen, euer Bischof und das Haupt der Kirche zu werden; nun bin ich da um euren Willen zu hören. Wenn ihr die Wahl nicht billigt, so bin ich bereit, in mein Vaterland zurückzukehren.“ Klerus und Volk riefen begeistert: „Dich allein wollen wir, dich wählen wir zum Papst!“ Als Leo IX. wurde er nun am 12. Februar 1049 im Lateran gekrönt.

 

Es dauerte nicht lange und der neue Geist in der Führung der Kirche machte sich bemerkbar. „Die ganze Kirche fühlte den nordischen Hauch einer neuen Zeit strenger Reform.“ Mit unerbittlicher, unnachgiebiger Strenge rückte Leo den beiden Grundübeln zu Leibe, die am Lebensmark der Kirche zehrten: der Simonie und der Priesterehe. Um überall nach dem Rechten zu sehen, hielt es der Papst für notwendig, persönlich einen großen Teil der Kirche zu bereisen. Er unternahm lange beschwerliche Reisen durch Italien, nach Deutschland und Frankreich. Überall berief er Synoden ein, auf denen er mit heiliger Entschiedenheit gegen Missstände auftrat, kirchliche Streitigkeiten schlichtete, Widerspenstige strafte, Gutwillige aufmunterte, allem zuchtlosen Treiben Schranken setzte. Er stellte Klöster wieder her wie z.B. Hirsau, und weihte Kirchen wie bei uns in Deutschland in Reichenau, Donauwörth, Augsburg, Regensburg. Den unablässigen Bemühungen des Papstes gelang es, in kürzester Zeit die Kirche aus dem drangvollsten Zustand herauszureißen und sie aus tiefer Gesunkenheit auf eine Höhe von Macht und Ansehen emporzuheben, die noch vor wenigen Monaten auch der begeistertste Anhänger göttlicher Verheißungen nicht zu ahnen gewagt hätte.

 

Unermüdlich setzte Leo seine Bemühungen um das Wohl und Heil der Kirche fort. Hatte er auf seinen apostolischen Reisen reine Zucht und Sitte wieder hergestellt und das Unkraut der Simonie mit Erfolg auszureißen versucht, so galt es nun wieder auftauchenden Irrlehren entgegenzutreten, wie der gefährlichen Lehre Berengars über das Altarsakrament, für die kirchliche Einheit, die der anmaßende Patriarch Caerularius von Konstantinopel bedrohte, zu kämpfen, den deutschen Kaiser mit dem ungarischen König zu versöhnen, Feindseligkeiten in Apulien zwischen den Eingeborenen und den Normannen beizulegen... Riesengroß war die vielgestaltige Aufgabe, die der Papst zu bewältigen hatte. Sein unbegrenztes Gottvertrauen ließ ihn auch in den schwierigsten Lagen den Mut nicht verlieren, seine persönliche Lauterkeit und Heiligkeit entwaffnete seine Gegner. Dass seinem verzehrenden Eifer für das Haus Gottes kein weittragender Erfolg beschieden war, lag in den Umständen seiner Zeit. Er war von Gott dazu ausersehen, das Fundament der Reformarbeit zu legen, auf dem dann spätere Päpste wie Gregor VII. mit Erfolg weiterbauen konnten.

 

Die ununterbrochenen Mühen der vielen Reisen, die aufreibenden Kämpfe mit den habgierigen Fürsten und widerspenstigen Priestern hatten die Kräfte des Papstes allzu früh aufgezehrt. Am 19. April 1054 entschlief Leo IX. im 52. Jahr seines Lebens, nachdem er etwas mehr als fünf Jahre die Schlüssel des hl. Petrus getragen hatte.

 

Der heilige Gerold, Edelmann und Einsiedler bei Feldkirch,

+ 19.4.978 – Fest: 19. April

 

Auf den höchsten Alpengipfeln, wo der ewige Schnee beginnt und wohin sich selten eines Menschen Fuß verirrt hat, blüht eine schöne Blume, Edelweiß genannt, deren zarter Kelch den ersten Sonnenstrahl begrüßt, während tief im Tal noch alles schlummert, und die die scheidende Sonne noch mit ihrem Purpur umkleidet, während schon nächtliche Schatten auf der Tiefe lagern. Die Menschen da unten wissen nichts von dem verborgenen Blümchen an der schroffen Felskante, aber das Auge des allliebenden Schöpfers sieht es und tränkt es mit Himmelstau und verklärt es mit Sonnen- und Sternenschein. Ein solches Edelweiß auf der steilen Höhe christlicher Vollkommenheit, verborgen vor der Welt, aber den Engeln Gottes wohlbekannt, war der heilige Einsiedler Gerold.

 

Gerold stammte aus dem herzoglichen Geschlecht der Sachsen und wohnte auf der Burg Hohen-Sachs im Schweizer Kanon St. Gallen. Nichts fehlte an seinem irdischen Glück. Hoch angesehen, reich an Gütern, zärtlich geliebt von seiner edlen Gemahlin, umgeben von blühenden, hoffnungsvollen Kindern, genoss er alles, wonach die Menschen unablässig zu trachten pflegen. Desungeachtet fühlte er sich nicht vollkommen befriedigt und sprach mit dem heiligen Augustin: „Mein Herz ist unruhig, bis es ruht in dir, o Gott.“ Unwiderstehlich zog es ihn in die Einsamkeit, um von der Welt geschieden, Gott allein zu dienen. Er ordnete seine irdischen Angelegenheiten, sorgte für seine Gemahlin und Kinder und nahm Abschied von den teuren Angehörigen. Wohl blutete ihm schmerzlich das liebende Vaterherz, aber Gott zuliebe brachte er dieses schwerste Opfer.

 

Getreu dem Wort des Herrn folgend: „Wer die Hand an den Pflug gelegt hat, schaue nicht rückwärts!“ ging er, ohne mehr nach seiner Burg umzuschauen, mit einem Bündel Bücher und Kleidungsstücken durch den dunkeln Wald. In dem rauen Drusustal fand er eine mächtige hohle Eiche und nahe dabei eine frische Quelle mit saftiger Kresse. Dort beschloss er zu bleiben im alleinigen Verkehr mit Gott. Ungestört brachte Gerold seine Zeit in Gebet und Betrachtung zu, und heiligte sich mit Fasten und strengen Bußübungen. Sein Geist vertiefte sich immer mehr in die Geheimnisse unserer heiligen Religion und schwang sich dann mit den Taubenflügeln des lebendigen Glaubens und der heiligen Gottesliebe zu den seligen Höhen des Himmels empor. Die Natur mit ihren Kräften und Erzeugnissen, der Himmel mit seinem strahlenden Tagesgestirn und seinen unzähligen funkelnden Welten im Dunkel der Nacht, lagen wie ein aufgeschlagenes Buch vor ihm, aus dem er bewundernd die Allmacht, Weisheit und Güte des Schöpfers las, und die Wahrheiten des Christentums verklärten ihm alles mit einem himmlischen Glanz. Öfters erschienen ihm Engel und brachten ihm erquickende Nahrung, auf die er in seinen frommen Verzückungen nur zu oft vergaß.

 

Jahrelang hatte Gerold bereits in der hohlen Eiche des Drusustales verborgen gelebt. Einst verfolgten die Jäger des Grafen Otto von Jagdberg einen Bären, der von Hunden gehetzt, bei dem Eremiten in dem hohlen Baum Schutz suchte. Der Heilige wehrte den Hunden, die sogleich verstummten und wie gebannt stehen blieben. Die Jäger traten näher, sahen erstaunt die abgehärmte Menschengestalt und berichteten ihre Entdeckung sofort dem Grafen. Der eilte in die Wildnis und war nicht wenig erstaunt, in dem ehrwürdigen Einsiedler den Sachsenherzog Gerold zu erkennen. Voll Ehrfurcht vor dem weltverachtenden Gottesdiener bat er ihn, den Wald als Eigentum anzunehmen und baute ihm eine Wohnung mit einem Kirchlein, zu dem der dankbare Bär Holz und Steine herantrug.

 

Graf Otto wollte sich der Freude nicht versagen, der Familie des frommen Einsiedlers seinen glücklichen Fund mitzuteilen und lud dessen zwei Söhne zu sich ein, ohne ihnen jedoch den Zweck der Einladung anzudeuten. Die Söhne des Herzogs erschienen auf Jagdberg. Otto nahm sie sehr gastfreundlich auf und lud sie nach dem Essen ein, mit seiner Gemahlin Benedikta einen frommen Einsiedler tief im Wald zu besuchen. Kaum hatten sie die Klause erreicht, da erkannte das Kindesauge die Züge des teuren unvergesslichen Vaters und mit lautem Freudenschrei und Tränen der Liebe stürzten die Söhne an das Herz des geliebten Vaters. Wer könnte den Jubel eines solchen Wiedersehens schildern? Es mochte ein Vorgeschmack des einstigen Wiedersehens im Himmel sein. Alle dankten Gott für dies unverhoffte Glück.

 

Die beiden Söhne Gerolds, Kuno und Ulrich, wünschten bei ihrem Vater zu bleiben, um gleich ihm, von der Welt geschieden, in Abtötungen und Bußübungen den Himmel zu erobern, doch ihr Vater ermunterte sie, im Kloster Einsiedeln um das Ordenskleid des heiligen Benedikt zu bitten, denn in jener Zeit blühte das Ordensleben unter der Leitung des heiligen Abtes Eberhard frisch auf. Due edlen Sohne befolgten den wohlerwogenen Rat ihres erleuchteten Vaters und zeichneten sich durch unermüdliches Streben aus. Einsiedeln feiert alljährlich das Andenken des seligen Kuno am 8. März, des seligen Ulrich am 29. April.

 

Als Gerold die Nähe seines Todes fühlte, trug er einen Korb voll Erde nach der Meinradszelle und legte ihn auf den Altar des Gnadenbildes nieder zum Zeichen, dass er all sein Besitztum dem Kloster für ewige Zeiten schenke. Inbrünstig empfahl er sich und seine Kinder der göttlichen Gnade und dem Schutz der Mutter Gottes, dann kehrte er in seine Zelle zurück, wo er am 19. April 978 seine armselige Erdenhütte verließ, um einen strahlenden Thron im Land des ewigen Glückes und Friedens einzunehmen. Durch die Fürbitte des Heiligen geschahen viele Wunder. Seine Schenkung hat die Jahrhunderte überdauert und wird heute noch vom Kloster Einsiedeln gehütet. Zu seiner Ehre wurden Kirchen und Altäre geweiht. So heißt das älteste Heiligtum der Bischofsstadt Paderborn die Geroldskapelle, an die der heilige Bischof Meinwerk um das Jahr 1015 die berühmte Bartholomäuskapelle anbaute.

 

Die heilige Emma von Niedersachsen, Gräfin, Witwe,

+ 19.4.1040 – Fest: 19. April

 

Außer der bekannteren heiligen Trägerin des schönen deutschen Namens Emma, der kärntnerischen Gräfin Hemma, kennen wir noch eine französisch-englische Emma sowie eine deutsche, niedersächsische oder westfälische Emma. Freilich ist der Bericht des zeitgenössischen Kanonikus Adam von Bremen, den die Bollandisten, das große Jahrhundertwerk der Heiligengeschichte, als zuverlässig geben, leider sehr kurz. Umso dankbarer möchten wir aber diesen aufnehmen, um unsere liebe Heilige nicht ganz in Vergessenheit zu lassen. Hat sich ja ihr Name in den Kalendern am heutigen Tag so ausdauernd behauptet und in allen, selbst nichtchristlichen Kreisen als recht beliebt erwiesen.

 

Die wohledle Emma war Gemahlin des sächsischen Grafen Luidger und eine Schwester des heiligen Bischofs Meinwerk von Paderborn. Da sonst als Schwestern Meinwerks nur Glismod, die sich mit einem Adeligen in Bayern vermählte, und Azela genannt werden, die in das Kloster des heiligen Vitus zu Elten eintrat, ist Emma wohl Stiefschwester des edlen Bischofs, vielleicht aus der zweiten Ehe der Mutter Athela stammend, über die sonst recht Unrühmliches berichtet wird. Nach dem frühen Tod ihres Gatten Luidger zog die gottergebene Gräfin vor, die übrigen Lebenstage, die noch volle vierzig Jahre währten, im Witwenstand ausschließlich Gott zu widmen. Sie besaß großen Reichtum, den sie fast ganz an die Armen und die Kirchen vergab. Vielleicht wollte Emma auf solche Weise sühnen, was die Mutter gefehlt hatte. Der Bremer Kirche schenkte sie das Gut Stiplage am Rhein in der Gegend von Utrecht. Hier fand sie auch ihre letzte irdische Ruhestätte, nachdem ihre Seele um das Jahr 1040 zur himmlischen Ruhe eingegangen war. Als man nach vielen Jahren ihr Grab öffnete, fand man den Leib in Staub zerfallen, nur eine Hand wurde unversehrt gefunden. Daneben lag ein Pergamentblättchen mit der Aufschrift ihres Namens „St. Emma“ und ihres Todestages „19. April“. Von da an genoss sie Verehrung als Heilige, wie auch Gott sie durch Wunder verherrlichte.

 

Die Hand, dieses so überaus wichtige und notwendige Gebrauchsglied des Menschen, findet in der Heiligen Schrift, in der Sprache und im Mund Gottes, eine ganz auffällige Hervorhebung und Wertschätzung. Die göttliche Allmacht und Kraft wird häufig durch die „Hand Gottes“ ausgedrückt und sinnfällig verständlich gemacht. Selbst die ewigen Pläne Gottes unserer Erlösung, die Verurteilung, das Leiden und der Tod Christi durch die Juden und heidnischen Gewalthaber, nennt der heilige Petrus eine Tat, die „Gottes Hand und sein Ratschluss festgesetzt hatte, dass sie geschehen sollte“ (Apostelgeschichte 4,28). Um Heilungen zu bewirken, soll er „seine Hand ausstrecken“ (ebd. 4,30)Tatsächlich war für den auf Erden wandelnden Herrn gar oft die Hand die gnadenvolle Vermittlerin von Wohltaten und Krankenheilungen. Seinen Aposteln gebietet Jesus ausdrücklich und verheißt ihnen: „Kranken werden sie die Hände auflegen, und sie werden gesund werden (Markus 16,18). Wie wird dann die Hand gerühmt, die Gutes tut! Salomo, das Lob der treuen, tugendreichen Hausfrau verkündend (Sprichwörter 31,13 ff), misst es ihren unermüdlich schaffenden Händen zu: „Sie, die Frau, sorgt für Wolle und Flachs und arbeitet mit kunstfertigen Händen . . . Von dem Gewinn ihrer Hände pflanzt sie einen Weinberg . . . Sie umgürtet ihre Lenden mit Kraft und regt rüstig ihre Arme . . . Nicht erlischt ihre Leuchte des Nachts. Sie legt ihre Hand an große Dinge, und ihre Finger erfassen die Spindel. Sie öffnet ihre Hand dem Armen und streckt ihre Hände dem Dürftigen entgegen. Ihren Mund öffnet sie zur Weisheit und liebreiche Weisung ist auf ihrer Zunge. Sie hat Acht auf den Wandel ihres Hauses und isst ihr Brot nicht müßig . . . Trügerisch ist die Anmut und eitel die Schönheit; eine Frau, die den Herrn fürchtet, soll gepriesen werden. Gebt ihr von dem Ertrag ihrer Hände, und in den Torhallen mögen ihre Werke ihr Lob verkünden.“ All diese herrlichen Worte der Ehre und des Lobes dürfen wir auf die selige Witwe Emma anwenden. Keine Schilderung, keine Lebensbeschreibung, und möchten wir eine noch so wort- und inhaltsreiche überkommen haben, könnte uns aber die Tugendhaftigkeit, den Fleiß und die überaus große Wohltätigkeit der heiligen Frau besser und augenscheinlicher beweisen, als diese deutliche und Jahrhunderte hindurch sichtbare Handschrift des Allmächtigen, die sich in der wunderbaren Erhaltung der Hand seiner treuen Nachfolgerin kundgegeben hat. Der Vergelter jeglicher guten Gabe hat damit vor aller Welt die Freigebigkeit der Witwe auszeichnen wollen. Mit der Rechten deutlich hinweisend, gibt er die klare Lehre, dass er „seine Linke dem unter das Haupt legen und mit seiner Rechten ihn umfangen halten wird“ (Hohelied 8,3), der Almosen gibt den Armen und Mitleid zeigt dem Hilfsbedürftigen.

 

Über diese kostbare Reliquie der heiligen Witwe ist uns nur die kurze Nachricht erhalten geblieben, dass die unversehrte Hand in das Kloster des heiligen Bischofs Luidger nach Werden an der Ruhr gekommen und dort aufbewahrt worden sei. Heute ist davon keine Spur mehr vorhanden. Da auch die pfarrlichen Akten nicht so weit zurückreichen, ist darin über das damalige Vorhandensein und den späteren Verbleib der Reliquie kein Aufschluss zu finden. Tatsache ist aber, dass Werden sehr reich an Reliquien war. Aber bei den verschiedenen Kirchenbränden sind viele zugrunde gegangen. Bei der kirchlichen Umwälzung im sechzehnten Jahrhundert wurden viele beiseite geschafft, manche, um sie zu schützen, vergraben, wieder andere böswillig vernichtet. Bei den vielen Stürmen und Zeiterschütterungen ist es überhaupt verwunderlich und ohne höhere Fügung oft nicht erklärlich, dass so viele der allenthalben noch vorhandenen Überbleibsel der Heiligen alle Wechselfälle von Zeit und Ort überdauert haben. Das Verschwinden von Reliquien kann und darf selbstverständlich der Verehrung der Heiligen keinen Eintrag tun. Die Gebeine der größten Heiligen verfallen ja ohnehin dem allgemeinen Los der Menschen, wieder in Staub zu sinken, von dem sie genommen sind, wenn nicht Gott in besonderen Fällen seine Erhaltermacht und die Tugendgröße seiner Diener zeigen will. Das aber lehrt uns sicher unser Glaube, dass die Leiber der Heiligen am Jüngsten Tag glorreich auferstehen werden, während ihre Seelen jetzt schon des wohlverdienten Lohnes teilhaftig sind und uns ihre mächtige Fürbitte angedeihen lassen.

 

Das Wort Emma lässt zwei verschiedene Sinneserklärungen zu. Die einen Sprachkundigen nehmen es als deutsches Wort, und als solches ist Emma gleich „Imme“, die Emsige, das schöne altdeutsche Wort für Biene. Andere Gelehrte sind der Ansicht, dass der Name „Emma“ ganz hebräisch sei und nur eine Wandlung des Wortes em = „Mutter“ in emma(h) darstelle, das also soviel wie mutterhaft, mütterlich bedeutet. Bekannt ist auch die gleiche Umwandlung von ab (Vater) in abba(h), welches Wort der heilige Paulus und der liebe Heiland selber gebrauchten: „Ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba (Vater)! (Römer 8,15) Und Jesus rief am Ölberg: „Abba, Vater! Dir ist alles möglich, nimm diesen Kelch von mir!“ (Markus 14,36) Vom Wort Abba, auf griechisch, der Ursprache des Neuen Testamentes, abbas nehmen nun aber die Oberen der alten Klöster ihren Namen „Abt“ her. Folgerichtig könnten sich die Vorsteherinnen der Frauenklöster statt des meist beliebten Titels „Würdige Mutter“ oder „Äbtissin“ – Emma nennen, das ja gerade „Mutter“ bedeutet, wie Abba „Vater“.

 

Eine andere, nicht geringere Merkwürdigkeit darf angefügt werden. Imme (Biene) ist der vollinhaltliche Sinn des alttestamentlichen Namens Debora. Die erste Trägerin dieses Namens war Amme (Umstellung von Emma) der Rebekka, der Gattin des Patriarchen Isaak (1. Mose 24,59). Ihr Dienst war ein „mütterlicher“, der einer emsigen Mutter. Die zweite Debora übte das Amt einer Richterin aus. Sie berief den Feldherrn Barak zur Befreiung des Volkes von der Knechtschaft des fremden Fürsten Jabin, zog selbst mit in den Kampf und sang hierauf ihr unsterbliches Siegeslied, worin es heißt: „Es schwanden die Starken in Israel und blieben tatenlos, bis Debora sich erhob, aufstand die Mutter in Israel“ (Richter 5,7). Also wieder eine tatenvolle, emsige Mutter! Zwei alttestamentliche Emmas!

 

Eine „emsige Mutter eclesiis et pauperibus“, für Kirchen und Arme, das wird für immer auch der Ehrentitel unserer heiligen Emma von Niedersachsen (Westfalen) bleiben. Von ihrer freigebigen Mutterhand gilt das Wort: „Das Gut, wovon man gibt, erhält von Gott die wunderbare Eigenschaft, dass es sich stets vermehrt, statt vermindert. Und wenn man durch die rechte Hand gibt, fließt durch die linke wieder der reiche Ersatz zu, ebenso wie ja auch dem Meer alle Gewässer der Erde zufließen, weil es selbst das Seinige ganz dem Himmel wieder gibt.“

 

20. April

 

Die heilige Agnes, Oberin von Monte Pulciano, Italien,

+ 20.4.1317 - Fest: 20. April

 

„Die Reinheit führt ganz nah zu Gott“, sagt die Heilige Schrift, und dies bewährte sich, wie bei vielen anderen Heiligen, so auch im Leben unserer Agnes, die ihren Zunamen von ihrer Geburtsstadt Monte Pulciano im Toskanischen hat. Schon als ganz kleines Mädchen zeigte sie eine Neigung zur Andacht, denn kaum hatte sie das Gebet des Herrn und den Englischen Gruß gelernt, so kniete sie sich oft an irgend einem stillen Plätzchen hin, die gefalteten Händchen zum Himmel hin erhoben. Fragte man sie, was sie da mache, so war die Antwort: „Ich lerne meine Lektion, mein Gebet.“ Schon der bloße Anblick eines Bildes Christi oder der jungfräulichen Mutter erweckte in ihr eine selige Freude. Sie war noch nicht sechs Jahre alt, da äußerte sie schon ihren Eltern gegenüber, sie will einmal zu den Klosterfrauen, denn die befänden sich ständig bei dem lieben Heiland und der guten Mutter Maria. Je älter sie wurde, desto größer wurde ihr Verlangen nach dem geistlichen Stand. Ihre Eltern waren sehr angesehen und reich, aber zugleich auch fromm und gottesfürchtig. Deshalb hatten sie auch nichts gegen den Wunsch ihrer Tochter und brachten sie, als sie neun Jahre alt war, zu den Klosterfrauen ihrer Vaterstadt.

 

Man nannte diese Nonnen Sacchinen oder Sackträgerinnen, weil sie Skapuliere aus grobem Tuch in Form eines Sackes trugen. Sie führten ein sehr strenges Leben, aber die junge Agnes erschrak nicht vor der Strenge des Klosters, sondern unterwarf sich den Regeln mit Freude. Die fromme Nonne Margarita, deren besonderer Leitung die Novizin anvertraut worden war, erkannte bald, dass ihre Schülerin statt der Ermunterung vielmehr der Zurückhaltung bedürfe. Die Demut und den Gehorsam, diese Grundpfeiler der Vollkommenheit, übte Agnes in solch bewunderungswürdigem Grad, dass die erfahrensten Schwestern sich darüber verwunderten und sagten, das Mädchen müsse ohne alle Eigenliebe sein. Ein Wink der Oberin genügte ihr, das Beschwerlichste bereitwillig und fröhlich zu übernehmen und pünktlich zu verrichten. Alle Zeit, die ihr von der vorgeschriebenen Arbeit übrig blieb, widmete sie dem Gebet, der Betrachtung und anderen gottseligen Übungen. Mit ihren übrigen Tugenden verband sie Zurückgezogenheit und eine engelhafte Reinheit. Von ihrer frühesten Jugend an sah man an ihrem äußerlichen Tun und Lassen, in ihren Reden und ihrer Kleidung nie eine Spur von Unanständigkeit. So wurde sie trotz ihres zarten Alters bald das Muster und Vorbild des klösterlichen Lebens. Mit Ehrfurcht und Liebe schauten die Nonnen auf die heranblühende Jungfrau, und eine Äbtissin von großer Frömmigkeit und Erleuchtung, die einst auf Befehl des Bischofs das Kloster visitierte, erkannte in ihr deutlich die Zeichen künftiger Heiligkeit. Sie sagte: „Tragt, ich bitte euch, alle Sorge für diese junge Tochter; denn wahrlich, sie wird unserem Orden dereinst große Ehre bringen.“

 

Erst vierzehn Jahre alt wurde Agnes von den Nonnen als Schaffnerin bestellt und ihr damit die Sorge für Küche und Keller und für die Verwaltung des Zeitlichen übertragen. Sie verwaltete dieses Amt zur allgemeinen Zufriedenheit und wusste sich dabei in steter Vereinigung mit Gott zu erhalten und den Geist des Gebetes zu bewahren. In ihren Schwestern betrachtete sie die Person Christi und diente ihnen auch in diesem Geist. Aber während sie als geschäftige Martha die Hauswirtschaft besorgte, saß sie in ihrem Inneren mit Maria zu den Füßen ihres geliebten Meisters, nur „das eine Notwendige“ betrachtend. Von ihrem fünfzehnten Lebensjahr an fastete sie beständig bei Wasser und Brot und ging in der Übung anderer schwerer Bußwerke so weit, dass der Beichtvater ihrem Eifer Mäßigung gebieten musste, weil ihre Gesundheit darunter litt.

 

Der Ruf von der hohen Tugend und dem segensreichen Wirken der jungen Nonne drang über die Mauern ihres Klosters hinaus und es hörten davon die Einwohner der Stadt Proceno, die vor kurzem den Dominikanerinnen ein Haus errichtet hatten, in dem ihre Töchter Erziehung und Unterricht erhalten sollten. Sie wählten Agnes zur Vorsteherin dieses Institutes und Papst Nikolaus IV. erteilte ihr die Dispens, die sie wegen ihres Alters – sie war erst sechszehn Jahre alt – brauchte. Ihre Lehrerin Margarita wurde ihr als Gehilfin beigegeben. Die neue Würde war für Agnes eine Aufforderung zu noch höherer Vollkommenheit. Sie wollte ein Beispiel der Demut, der Abtötung, der genauen Beobachtung der Regeln und Ordenssatzungen für die Ihrigen werden, und mehr dadurch, als durch Worte, die Mitschwestern auf den Weg des Heiles leiten. Dem Gebet blieb sie fortwährend so ergeben, dass ihr die dazu bestimmte Zeit stets viel zu kurz vorkam, und es verursachte ihr immer Schmerz, wenn sie durch irgend ein Geschäft gestört oder abgerufen wurde. Ihre Vereinigung mit Gott war so innig, dass sie oft entzückt wurde. So verharrte sie an einem Sonntag einmal von fünf Uhr früh bis zum Abend ohne Unterbrechung im Gebet und war nicht wenig erstaunt, als man sie aufmerksam machte, wie weit der Tag schon vorgeschritten sei. Nun fühlte sie den tiefsten Kummer, dass sie die heilige Kommunion versäumt habe. Da soll der Herr seiner trauernden Tochter einen Engel gesandt haben, der ihr das Himmelsbrot reichte. Überhaupt spendete Gott seiner treuen Dienerin große Gnaden. Sie hatte nicht selten himmlische Offenbarungen und Erscheinungen und die Gabe der Weissagung und der Krankenheilung. Aus einem Ereignis ihres Lebens sehen wir auch, wie man sich zur heiligen Beichte nicht nur oberflächlich, sondern mit allem Fleiß vorbereiten müsse, wenn sie uns zum Heil gereichen soll. Agnes betete eines Tages für einen Wohltäter des Klosters, als ihr während der Andacht geoffenbart wurde, dass für ihn schon der Platz in der Hölle bereitet sei, weil er seit dreißig Jahren keine gute Beichte abgelegt habe. Die Heilige ließ den Unglücklichen sogleich rufen, teilte ihm ihre Erscheinung mit und brachte es durch eifriges Zureden dahin, dass er zur Beichte ging und seine Sünden reumütig und vollständig bekannte. Er starb nicht lange danach und seiner Retterin wurde eröffnet, dass er errettet worden sei.

 

Der Glanz der Tugenden unserer Heiligen verbreitete sich immer weiter, da setzten ihre Landsleute alles in Bewegung, sie wieder in Monte Pulciano zu besitzen, und gedachten deshalb ein eigenes Kloster zu errichten. Agnes willigte ein, machte aber zur Bedingung, dass ein Haus der Stadt, das bisher von Prostituierten bewohnt worden war, in das beabsichtigte Kloster umgewandelt werde. Der Magistrat willigte dazu gerne ein und Agnes übernahm es, aus dem Ort des Ärgernisses einen Ort der Erbauung zu schaffen. Die jungen Frauen, die sich unter ihrer Leitung hier versammelten, lebten nach der Regel des heiligen Dominikus.

 

Jetzt nahten die Tage, wo auch ihr der Kelch des Leidens gereicht wurde. Von einer schmerzlichen Krankheit heimgesucht, musste sie sich auf den Rat der Ärzte in ein nahes Bad begeben, wurde aber während ihres Aufenthaltes dort von einigen ausgelassenen Jungen verspottet und mit en schmutzigsten und unanständigsten Worten beschimpft. Ihrem reinen Sinn muss dies sehr schwer gefallen sein, schon nach dem Wort des heiligen Paulus: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde durch das Gute das Böse“ ertrug sie die Beleidigung mit aller Gelassenheit und beschenkte sogar die Jungen zum Dank, dass sie ihr Gelegenheit gegeben hatten, die Geduld zu üben. Ihre Gesundheit erhielt sie im Bad nicht, vielmehr kam sie ganz entkräftet ins Kloster zurück. Sterbend sprach sie zu ihren Schwestern: „Meine Kinder, liebt einander, denn die Liebe ist das Kennzeichen der Auserwählten Gottes.“ Es war am 20. April 1317, als die Engel Gottes ihre reine Seele zum Herrn geleiteten. Ihr Tod wurde der Stadt und der Grafschaft zuerst durch die unschuldigen Kinder übermittelt, denn sie riefen: „Agnes, die Heilige, ist gestorben!“ 1435 wurde ihr Leib zu den Dominikanerinnen nach Orvietto gebracht, wo er sich noch befindet. Papst Benedikt XIII. nahm sie im Jahre 1726 feierlich in das Verzeichnis der Heiligen auf.

 

Der heilige Wiho, Bischof und Bekenner von Osnabrück,

+ 805 – Fest: 20. April

 

Von den vielen Bistümern, die Karl der Große nach Unterwerfung der heidnischen Sachsen in Deutschland gründete, war Osnabrück der Zeitfolge nach das erste. Es gehörte zur Kölnischen Kirchenprovinz und seine Stiftung fällt in das Jahr 776. Die neu gegründete Kirche wurde zu Ehren des heiligen Petrus und der heiligen Märtyrer Crispin und Chrispinian eingeweiht und mitreichen Gütern und Freiheiten ausgestattet. Es lag dem Kaiser sehr daran, für das neue Bistum einen Kirchenfürsten von ausgezeichneter Heiligkeit und Tüchtigkeit zu gewinnen, um die barbarischen Sachsen zum christlichen Glauben zu führen. Einen solchen Bischof erkor er in Wiho.

 

Wiho oder Guiho stammte aus Leuwarden in Friesland, wo das Christentum durch die apostolische Wirksamkeit des heiligen Willibrord und des heiligen Bonifatius bereits gegründet war. Von früher Jugend an widmete er sich dem geistlichen Stand und legte den Grund zu seiner wissenschaftlichen Ausbildung und seinen hervorragenden Tugenden im Seminar zu Utrecht, das in damaliger Zeit in hoher Blüte stand. Seine leichte Fassungsgabe und seine Begeisterung für alles Edle und Göttliche ließen ihn nicht nur glänzende Fortschritte in der lateinischen und griechischen Sprache machen, sondern auch in religiöser Vollkommenheit herrlich leuchten. Zum Priester geweiht, predigte er mit unermüdlichem Eifer das Evangelium in Friesland und gewann so reiche Früchte und so hohes Ansehen, dass der Ruf seiner Tugenden und seines segensreichen Wirkens bald zu den Ohren des Kaisers drang.

 

In jener Zeit machte der christliche Glaube in Westfalen bedeutende Fortschritte, der heidnische Aberglaube schwand mehr und mehr, der stolze Nacken der Sachsen beugte sich vor der Übermacht der christlichen Franken, und der große Kaiser Karl erkannte in der Gründung fester Bischofssitze das wirksamste Mittel, um das Christentum dauernd in den eroberten Landen zu befestigen. Deshalb gründete er zuerst den bischöflichen Stuhl zu Osnabrück, und als er Umschau hielt, um einen Priester von vollendeter Heiligkeit und von unerschütterlichem Mut für ein so schwieriges und gefahrvolles Unternehmen zu entdecken, wählte er aus einer Anzahl ausgezeichneter Männer den heiligen Wiho, der bald darauf von Papst Hadrian oder von Alfrid, dem Bischof von Lüttich, geweiht wurde. Wiho enttäuschte nicht die Hoffnung, die Kaiser Karl schon längst auf seinen Eifer und seine Tugend gesetzt hatte. Keine Arbeit war ihm zu hart, keine Reise zu lästig, kein Weg zu rau und beschwerlich. Lehrend und predigend ging er von Ort zu Ort bis zum entlegensten Weiler, und erreichte mit seinem unermüdlichen Eifer und seiner liebevollen Fürsorge, dass in kurzer Zeit die ganze Diözese von der Verehrung der heidnischen Götzen zum christlichen Glauben überging. Um seine Errungenschaften für die Kirche Jesu Christi dauernd zu befestigen, baute der eifrige Bischof neben seiner Kathedralkirche ein prächtiges Kollegium für Kanoniker, sorgte für den Unterhalt der Geistlichen, errichtete Pfarreien und Kirchen und bestellte für sie tüchtige Priester und Pfarrer. In Osnabrück gründete er ein Gymnasium mit griechischer und lateinischer Schule und übernahm selbst die Leitung mit dem glücklichsten Erfolg für die sächsische Jugend, die mit inniger Verehrung zu ihrem berühmten Lehrer aufschaute. In dem Stiftungsdiplom vom 20. April 804 schreibt Karl der Große an Wiho: „Wir bestimmen, dass an diesem Ort für ewige Zeiten griechische und lateinische Schulen bestehen, und vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit, dass die Kenntnis beider Sprachen dort niemals unter den Geistlichen mangele.“ Von jener Zeit blühte in jenen Schulen das Studium beider Sprachen viele Jahrhunderte lang.

 

Nachdem der heilige Bischof Wiho unsterbliche Verdienste um die Ausbreitung und Befestigung des Christentums in seinem Bistum gewonnen hatte, legte er sein müdes Haupt nieder, um sich von dem Allvergelter den Lohn für seine Arbeit auszahlen zu lassen. Am 20. April 805 ging er zur ewigen Ruhe ein.

 

Die Osnabrücker Chronik, die Erdwin Erdmann um das Jahr 1050 verfasste, rühmt die besonderen Tugenden und die glänzende Heiligkeit Wihos und sagt in kurzen Zügen: „In seinem Amt war er fleißig, unermüdlich im Seeleneifer, um das Sachsenvolk zu bekehren, über das er zum Hirten bestellt war. Nachdem er viele Widerwärtigkeiten erduldet hatte, entschlief er arbeitsmüde und hochbetagt heilig im Herrn, nachdem er seiner Kirche dreißig Jahre vorgestanden hatte.“

 

 

21. April

 

Der heilige Anselm, Erzbischof, Kirchenlehrer von Canterbury,

+ 21.4.1109 - Fest: 21. April

 

Viele Kinder müssen tagtäglich längere Strecken mit der Bahn oder mit dem Bus in die Schule Fahren. Das ist in doppelter Hinsicht nicht gut. Erstens kostet es Geld und zweitens verlieren die jungen Leute dadurch Zeit und sind auch manchen Gefahren für Leib und Seele ausgesetzt.

 

Etwas Ähnliches und vielleicht noch Schlimmeres gab es bereits im Mittelalter. Da hat mancher Junge schon nach einigen Jahren Schule Schule sein lassen und ist in die Welt gezogen.

 

Ich reise übers grüne Land,

Der Winter ist vergangen.

Hab um den Hals ein gülden Band,

Daran die Laute hangen.

 

Fahrende Scholaren nannte man die Gesellen. Zu zweien oder dreien zogen sie durch Stadt und Dorf, sangen und spielten vor den Häusern und bettelten die Leute an. Jahraus und jahrein trieben sie es so, lernten nichts und verkamen und verdarben nicht selten auf der Landstraße in Not und Schande.

 

Auch der heilige Anselm gehörte in der Jugend dieser losen Gesellschaft an, und dass er nicht ebenso wie andere an Leib und Seele zugrunde ging, verdankt er wohl dem Segen seiner braven Mutter, dem sie ihm vom Sterbebett aus erteilte.

 

Ohne Zweifel stand über den jungen Jahren des großen Mannes ein Unstern. Die Mutter war eine fromme Frau, aber der Vater galt als Holdrio, als ein leichtsinniger Lebemann. Solange die Mutter lebte, war Anselm ein anständiger Junge, aber kaum hatte sie die Augen geschlossen, da trat der Sohn in die Fußstapfen des unguten Vaters, und nur zu bald trieb er es fast noch toller als dieser. Es kam zu Krach und Bruch, und Anselm verließ die Heimat an der Südseite der Alpen und schlug sich als fahrender Scholar durchs Leben.

 

Weh dem, der keine Heimat hat! Manches Leid hat in diesen Jahren den jungen Anselm getroffen, aber es war sein Glück, dass ihn das Andenken an die verstorbene Mutter aufrecht hielt und ihn davor bewahrte, ein schlechter Mensch zu werden. Eine gute Mutter ist für ihre Kinder in der Tat ein Segen noch übers Grab hinaus.

 

Eines Abends kehrte der fahrende Scholar in der Abtei Bec in der Normandie ein mit der Bitte, über Nacht bleiben zu dürfen. Natürlich wurde es ihm gestattet. Da stellte es sich heraus, dass der Prior des Klosters ein Landsmann war. Gern nahm Anselm daher die Einladung an, mehrere Tage zu verweilen, und aus den Tagen wurden Wochen und Monate und Jahre, und es zeigte sich, dass das wilde Ross, das Anselm hieß, in dem Prior einen Bändiger gefunden hatte.

 

Wieder saß Anselm auf der Schulbank und holte mit eisernem Fleiß die Versäumnisse nach. Dann wurde er Mönch, dann Prior, dann Abt und schließlich Erzbischof von Canterbury in England, hochberühmt durch seine gewissenhafte Treue in der Führung des verantwortungsvollen Amtes, hochberühmt auch durch seinen Mannesmut vor Königsthronen zur Wahrung kirchlicher Rechte und hochgerühmt endlich wegen seiner gelehrten Schriften, derentwegen ihn die Kirche später zum Kirchenlehrer erhob und durch die er, wie das Evangelium sagt, zum Salz der Erde und zum Licht der Welt wurde. Am Lebenslauf des heiligen Anselm erkennt man deutlich die Wahrheit des Sprichwortes: „Muttersegen gilt auf allen Wegen.“

 

Der heilige Anselm starb am 21. April 1109.

 

Der heilige Bruder Konrad von Parzham, Kapuziner,

+ 21.4.1894 – Fest: 21. April

 

Gibt es in unserer modernen Zeit noch Heilige? Vermag unser Land Heilige hervorbringen? Ja, nämlich neben anderen den heiligen Bruder Konrad, der 1930 von Papst Pius XI. selig- und am 20.5.1934 heiliggesprochen wurde. Gottes Fügung hat diese Leuchte der christlichen Tugendhaftigkeit an einen Platz gestellt, wo möglichst viele Seelen in und außerhalb des Klosters von der Heiligkeit gewinnen konnten – an die Pforte des Kapuzinerklosters St. Anna im großen Marien-Wallfahrtsort Altötting. Unsere Zeit mit ihren Forderungen hat dort die herrliche Basilika „Neu St. Anna“ gebaut. Zu den Wohltätern des „Bauherrn und Baubettlers“ der Basilika zählt nicht zuletzt der heilige Pförtner des Klosters, dessen irdische Überreste neben der Basilika ruhen, auf dessen Anrufung in den Geldverlegenheiten und sonstigen Schwierigkeiten des Baues oft wunderbare Hilfe wurde.

 

Wer ist nun dieser „moderne deutsche Heilige“? Der Heilige, Kapuzinerbruder Konrad von Parzham, während einundvierzig Jahren Pförtner im Kapuzinerkloster St. Anna zu Altötting, ein Musterbild aller christlichen und klösterlichen Tugenden und Apostel des guten Beispiels.

 

Auf dem sogenannten Venushof in Parzham, Pfarrei Wenig, Diözese Passau, verbrachte Johann Ev. Birndorfer seine Jugendzeit bis zum 30. Lebensjahr in einem stillen, verborgenen Leben. In diesem großen, wohlhabenden Bauernhof herrschte noch der alte streng-christliche Geist, die christliche Hausordnung und tiefer religiöser Sinn. Hier, in diesem Nazarethheim, wuchs der Junge auf in Gebet und Arbeit, Lerneifer und Gehorsam und Unschuld. Wohl hätte er gerne seine Tugendhaftigkeit unter demütiger Unauffälligkeit verborgen, allein der kritische Blick seiner Umgebung hatte bald den „Ausnahmemenschen“ entdeckt, und man nannte ihn allgemein den „Engel“. Alle frommen Vereine und Bruderschaften der Umgebung zählten den frommen, angesehenen jungen Mann zu ihren eifrigsten Mitgliedern. Als Laienapostel ging er selbst voran durch sein ausgezeichnetes Beispiel, so durch den Eintritt in den Dritten Orden des heiligen Franziskus und in die berühmte Marianische Männerkongregation in Altötting. Der heilige Franziskus und die liebe Gnadenmutter in Altötting hatten diese Seele zu Höherem auserwählt; ein Klosterleben in der Welt führte der idealgesinnte junge Mann; beständig in Gebet und Sammlung und Stillschweigen auch während der Arbeit; in den freien Stunden eingeschlossen in seine Klosterzelle mit dem Hausaltärchen im Venushof oder bei Anbetung oder Sakramentenempfang in der Kirche. Immer gleichmäßig heiter und ernst, dienstwillig und opferfreudig, nur in heiliger Entrüstung glühend bei Beleidigungen Gottes und Gesinnungsschlechtigkeit.

 

Im 30. Lebensjahr erging an ihn wie einst an den reichen Jüngling im Evangelium der Gnadenruf zu engerer Nachfolge Jesu Christi und zur Befolgung der evangelischen Räte. Es kostete den innerlich gereiften jungen Mann kein sonderlich großes Opfer, auf das reiche, väterliche Erbgut zu verzichten und das raue Bußkleid der Kapuziner anzulegen unter dem Namen „Bruder Konrad“. Nach kurzem Aufenthalt in Burghausen und Laufen kam Bruder Konrad in sein liebes Muttergottesparadies nach Altötting zurück, um da über vierzig Jahre den schweren Dienst als Pförtner mit aller Liebe, Klugheit und Geduld zu versehen und seine Selbstheiligen zu wirken.

 

Der Heilige verstand in ausnehmender Weise das Geheimnis der Tugendübung, in und durch getreue Erfüllung seiner Ordens- und Berufspflichten zu hohem Grad der Vollkommenheit emporzusteigen. Vergeblich wird man in seinem Leben allzu viel Außerordentliches und Außergewöhnliches suchen; das Gewöhnliche mit außergewöhnlichem Eifer, das war Bruder Konrads heilige Kunst, und auf die Dauer durchgeführt, erfordert sie heldenmütige Selbstüberwindung. Chor, Zelle und Pforte waren die Übungsplätze seiner übermenschlichen Liebe und Sanftmut und Geduld, seiner Klugheit, seines Opfersinnes und Gebetseifers. Tag und Nacht war Bruder Konrad mit mündlichem oder betrachtendem Gebet beschäftigt; unter seinen aufregenden und zerstreuenden Arbeiten blieb er innerlich gesammelt; ein Blick auf das Kreuz, das nach seinen eigenen Worten ihm ein Buch sei, aus dem er Geduld Demut, Geistessammlung und übernatürliche, christliche Weltauffassung lerne, gab ihm immer wieder Leidensmut und Kraft zur Selbstaufopferung im Dienst der Mitmenschen, besonders der Armen und Kranken. Je weniger der aufwärts gerichtete Sinn des frommen Bruders sich um die Neuigkeiten aus der Welt bekümmerte, umso mehr Blicke durfte er tun in die Überwelt. Wer zu ihm kam, musste seine Seele und sein Gewissen gut in Ordnung haben, denn der greise Kapuzinerbruder sah wohl die Geheimnisse der Herzen und trieb manchen mit ernstem Blick zur Bekehrung oder schaute das Zukünftige wie das Gegenwärtige.

 

Über siebzig Jahre war der greise Bruder Pförtner alt und tat immer noch in gleicher Ruhe und Heiterkeit und Liebe seinen schweren Dienst. Da nahte sich im als Freund und Erlöser „Bruder Tod“ und schloss ihm nach kurzer Krankheit im Jahr 1894 die Himmelstür auf – und seitdem hat der heilige Bruder Konrad durch mancherlei wunderbare Hilfe sein früheres Amt als Helfer der Bedrängten in allen zeitlichen und geistlichen Anliegen getreulich fortgeführt, Gott zur Ehre und den Seelen zum Heil.

 

Gott sei Dank, dass es auch in unserer modernen Zeit noch viele Heilige gibt auf der Welt, meist solche Seelen, die von ihrer Tugendgröße am wenigsten selbst eine Ahnung haben. Nicht Wunderwerke und weltümstürzende Großtaten verlangt Gott von uns, nicht in Absonderlichkeiten und Extravakanzen besteht die Vollkommenheit, sondern in ganzer Hingabe an Gott und Abkehr von der sündhaften Anhänglichkeit an die Geschöpfe, in getreuer Erfüllung der Christen- und Berufspflichten, in hochherziger Nachfolge Jesu Christi und Gleichförmigkeit mit dem heiligen Willen Gottes. Von der heiligen Katharina von Siena heißt es: Sie war wie auch die anderen und doch war sie wieder mehr wie die anderen, durch ihr reines opferfreudiges Innenleben der Heiligkeit.

 

22. April

 

Die heiligen Martyrer Epipodius, Martyrer von Lyon,

+ 22.4.177,

und Alexander, Martyrer von Lyon,

+ 24.4.177,

und die heilige Opportuna, Äbtissin von Montreuil,

+ 22.4.765 - Fest: 22. April

 

Epipodius und Alexander, dieser gebürtig aus Lyon, jener aus Griechenland, stammten beide aus edlen Familien und waren junge Männer, nicht weniger ausgezeichnet durch Wohlgestalt, als durch Wissenschaft und wahre Tugend. Schon als Schulkameraden waren sie Freunde und diese Freundschaft wurde mit den Jahren noch stärker und fester und gottgefälliger. Sie wurden von ihren Eltern zum Christentum erzogen, bestärkten sich aber auch gegenseitig im Glauben und in der Frömmigkeit. Durch Nüchternheit, Zurückgezogenheit, Aufrichtigkeit und alle Werke der Barmherzigkeit bereiteten sie sich früh schon vor auf den Opferweg der Nachfolge Christi in jener Zeit der Verfolgung.

 

Die beiden Freunde waren junge Männer und noch nicht verheiratet, als im Jahr 177 zu Lyon eine blutige Verfolgung gegen die treuen Bekenner Jesu ausbrach. Obrigkeit und Volk schienen sich in höchster Erbitterung zur völligen Ausrottung der Christen verschworen zu haben. Mit den vielfältigsten Martern wurde gegen sie verfahren, und man verbrannte sogar die Körper der Hingemordeten zu Asche und verstreute diese in der Rhone, damit auch nicht die geringste Spur auf Erden von ihnen übrig bleibe. Mit stolzer Selbstgefälligkeit rühmte sich der kaiserliche Statthalter, alles Land, das unter seinem Befehl stehe, von den Bekennern des Gekreuzigten gesäubert zu haben. Epipodius und Alexander wichen, als das Feuer der Verfolgung aufloderte, derselben dem Rat des Evangeliums gemäß. Sie gingen heimlich aus der Stadt und versteckten sich in einem Dorf in der Nähe in der Hütte einer frommen christlichen Witwe. Die Verschwiegenheit ihrer Wirtin und die Unscheinbarkeit ihrer Zufluchtsstätte schützten sie eine Zeit lang vor der Entdeckung; allein in die Länge konnte ihr Aufenthalt den überall herumspürenden Heiden nicht unbekannt bleiben. Sie wurden aufgefunden, und als sie den Häschern eben durch eine kleine Hintertür entfliehen wollten, verlor Epipodius einen Schuh, welchen die gute Witwe als einen köstlichen Schatz sorgfältig aufbewahrte. Kaum waren sie in Haft genommen, als man sie in den Kerker warf, ohne sie vorher zu verhören, obwohl die römischen Gesetze diese Förmlichkeiten vorschrieben.

 

Drei Tage danach führte man sie, die Hände auf den Rücken gebunden, vor den Richterstuhl des Statthalters. Sobald sie das Bekenntnis ihres christlichen Glaubens abgelegt hatten, stieß das Volk ein grimmiges Wutgeschrei gegen sie aus. Der Statthalter schrie voller Wut: „Was haben denn unsere Peinigungen genützt, wenn es immer noch Leute gibt, welche der Lehre jenes Christus folgen?“ Besorgt darüber, dass die beiden Heiligen sich gegenseitig stärken und ermuntern, nahm er Epipodius, den er für den Jüngeren und darum für den Schwächeren hielt, auf die Seite und versuchte ihn zu verwirren. Er stellte ihm das Beispiel aller Völker vor, die froh den Göttern huldigten und freudenreich lebten, und dagegen den traurigen Dienst der Christen, verbunden mit Entbehrungen und Leiden, den sie dem Gekreuzigten leisten. Der junge Mann aber entgegnete ihm mutig: „Dein Mitleiden und die Ergötzungen, die du mir anbietest, rühren mich nicht. Eure schändlichen Freuden erlustigen den Leib, töten aber die Seele. Was ist nun das für ein Leben, wo der edelste Teil des Menschen Schaden leidet? Der Welt wegen bekriegen wir den Körper, der Seele wegen bekämpfen wir die Laster. Euer Gott ist der Bauch, und ihr meint, dass wie bei den Tieren nach einem durchschwelgten Leben mit dem Tod alles ein Ende habe. Wir hingegen, so viele von uns auch durch eure Verfolgungen umkommen, gehen, indem wir das Zeitliche verlassen, in das ewige Leben ein.“ Diese schneidende Antwort erzürnte den Richter und er befahl den Schergen, dass sie den Mund des Martyrers mit Fäusten zerschlagen sollten. Aber Epipodius, obwohl mit Blut überströmt, fuhr fort zu reden: „Ich bekenne, dass Jesus Christus mit dem Vater und dem Heiligen Geist ein Gott sei; und es ist recht, dass ich ihm die Seele, die er erschaffen und erlöst hat, hingebe. Denn so wird mir das Leben nicht genommen, sondern in ein besseres verwandelt.“ Auf diese Worte hin ließ ihn der Statthalter an der Folter aufziehen und seine Seiten mit eisernen Krallen zerfleischen. Der Bekenner aber blieb unter diese grausamen Marter so standhaft und ruhig, dass die blutdürstige Menge, der das Verfahren der Henker zu langsam erschien, plötzlich ein tobendes Geschrei erhob und den jungen Mann verlangte, um ihn zu steinigen oder in Stücke zu zerreißen. Der Statthalter war besorgt um sein richterliches Ansehen und gab den Befehl, den heiligen Blutzeugen wegzuführen und sogleich zu enthaupten. So diente nach Gottes weiser Fügung die Ungeduld der Verfolger zur schnelleren Vollendung der Marter.

 

Zwei Tage danach wurde Alexander vor den Richterstuhl gestellt. Der Statthalter redete ihn an: „Noch ist es in deiner Gewalt, dem Schicksal deiner Vorgänger zu entgehen. Bedenke es wohl! So ganz und gar haben wir die Bekenner Christi ausgerottet, dass du von allen allein noch übrig bist; denn auch Epipodius, der Genosse deiner Torheit, ist unterlegen. Daher rate dir besser und streue den Göttern zu Ehren Weihrauch.“ Der Heilige entgegnete: „ Was du mir da sagst, macht mir nur Mut, dem Beispiel der Martyrer, besonders aber meinem teuren Freund Epipodius nachzufolgen. Der christliche Glaube kann nicht vernichtet werden; er ist zu fest von Gott gegründet.“ Jetzt ließ ihm der Richter die Beine weit auseinander spreizen, worauf ihn drei einander abwechselnde Henkersknechte aufs Grausamste mit Ruten schlugen. Diese Peinigung dauerte lange, ohne dass der Heilige einen einzigen Seufzer hören ließ; und als man ihn fragte, ob er noch immer bei seinem Bekenntnis bleibe, antwortete er: „Wie sollte ich nicht dabei bleiben! Eure Götter sind Teufel; der Gott aber, den ich anbete, ist der allmächtige, der unsichtbare, der ewige. Er wird mich in meinem Glauben und in meinem Vorsatz beschützen.“ Da nun der Richter sah, dass er die Standhaftigkeit des Martyrers nicht besiegen könnte, verdammte er ihn zum Kreuz, sagend: „Man muss diesen wahnsinnigen Christen nicht Gelegenheit geben, sich durch die Langwierigkeit der Qualen bei den Ihrigen Ruhm zu erwerben.“ Alexander, am ganzen Körper so zerfetzt, dass man ihm bis an die Eingeweide hineinsehen konnte, lebte nicht lange mehr am Kreuz und hauchte, mit sterbender Stimme noch den Namen „Jesus!“ ausrufend, alsbald seinen seligen Geist aus.

 

Die Christen trugen die Leichname der beiden Martyrer in der Nacht heimlich hinweg und begruben sie auf einem Hügel nahe der Stadt, in einer durch dichtes Gesträuch verborgene Höhle. Dieser Ort wurde bald berühmt durch fortwährende Wunder. Der Staub von den Gräbern der Heiligen wurde in alle Länder getragen und gab überall den Kranken die Gesundheit wieder. Ähnliche Wunder wurden durch den Schuh bewirkt, den jene fromme Witwe als Andenken an Epipodius aufbewahrt hatte, so dass der Unglaube der Hartnäckigsten unter so vielen unwidersprechlichen Zeichen sich beugen musste.

 

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Die heilige Opportuna wurde zu Seez in der Normandie geboren und erzogen, und hing schon in ihrer Kindheit am Gebet und am Kirchenbesuch. Als sie einst vom Priester die Worte des Evangeliums lesen hörte: „Gehe hin, verkaufe alles was du hast, gib es den Armen und folge mir nach,“ beschloss sie bei sich selbst, dieser Ermahnung Christi nachzukommen und ihm zu Liebe allen zeitlichen Gütern und Freuden zu entsagen. Sobald sie nach Hause kam, warf sie sich vor ihren Eltern auf die Knie und sprach: „Ich beschwöre euch im Namen des Heilandes, dessen Worte ich so eben in der Kirche gehört habe, sagt mir nichts mehr von einem irdischen Bräutigam, denn ich habe mir den Sohn der jungfräulichen Mutter erwählt, und diesem allein will ich mich vermählen.“ Nun kamen viele und begehrten die Jungfrau zur Ehe, angezogen von ihrem Adel, ihrem Reichtum und ihrer einmaligen Schönheit. Aber Opportuna beschied sie mit kurzen Worten: „Ich hab den gefunden, den meine Seele lieb hat; ich will ihn halten und niemals verlassen.“ Um von weiteren Anträgen frei zu sein, begab sie sich mit Erlaubnis ihrer Eltern in das Kloster der Benediktinerinnen zu Montreuil, drei Stunden von Seez. Ihr Bruder Chrodegand, Bischof von Seez, gab ihr das Ordenskleid.

 

Die Worte des Herrn: „Lernet von mir, weil ich sanftmütig und von Herzen demütig bin,“ waren fortan die Richtschnur ihres Tuns und Lassens. Dabei führte sie die strengsten Bußübungen aus. Nie aß sie Fleisch oder trank Wein; an den Mittwochen und Freitagen nahm sie gar keine Nahrung zu sich, und nur am Sonntag genoss sie etwas Gerstenbrot und ein Stücklein Fisch. Als man sie fragte, warum sie so streng faste, gab sie zur Antwort: „Adam und Eva haben uns durch ihre Gier das Paradies verschlossen; wir müssen jetzt danach trachten, durch Abtötung und Fasten uns das Paradies wieder zu eröffnen.“ Der gebenedeiten Jungfrau war sie von frühester Kindheit an mit ganzem Herzen zugetan. In allen Anliegen nahm sie zu ihr Zuflucht und bat sie um ihre Fürsprache bei dem göttlichen Sohn.

 

Ihrer seltenen Tugenden wegen wurde Opportuna nach dem Tod der Äbtissin von der Genossenschaft zur Nachfolgerin erwählt, und der Erfolg lehrte, dass sie alle Fähigkeiten zur Verwaltung dieser Stelle besaß. In der Überzeugung, dass eine Oberin ihren Schwestern mit gutem Beispiel vorleuchten müsse, verdoppelte sie bei allen Übungen ihren Eifer. Oft brachte sie die ganze Nacht im Gebet zu. Bei aller Strenge gegen sich selbst, war sie ihren Untergebenen die liebevollste und zärtlichste Mutter. Sie sorgte Tag und Nacht, wie sie alles herbeischaffen könne, was sie zu ihrem leiblichen Unterhalt nötig hatten. Und noch mehr war sie bedacht für das Heil ihrer Seelen. Zu dem Ende gab sie ihnen die lehrreichsten Unterweisungen und munterte sie zu rastlosem Eifer im Dienst Gottes auf. Dabei begegnete sie allen mit wunderbarer Sanftmut. Nie sah man sie zornig, nie hörte man aus ihrem Mund ein böses Wort. Ihre Liebe erstreckte sich auch auf die Armen und Leidenden, und diesen zu helfen, war eine ihrer größten Freuden. Manche Nacht brachte sie am Bett eines Kranken zu.

 

Der Herr bot seiner treuen Dienerin auch den Kelch des Leidens. Ihr Bruder, der Bischof Chrodegand, hatte nach der damals üblichen Sitte eine Pilgerfahrt nach Rom und Jerusalem gemacht, um die heiligen Gräber zu besuchen. Bei seiner Abreise übertrug er die Verwaltung seines Sprengels seinem Vetter Chrodebert, der aber das in ihn gesetzte Vertrauen schändlich missbrauchte. Er streute das Gerücht aus, der Bischof sei unterwegs gestorben, und eignete sich so die Würde des angeblich Toten an. Nach Verlauf von sieben Jahren kam Chrodegand zurück. Sein treuloser Vetter aber, der den Bischofsstab nicht mehr lassen wollte, sendete ihm Meuchelmörder entgegen, die ihn in Nonant ermordeten. Tief betrübte Opportuna die Nachricht von dem traurigen Ende ihres Bruders; doch der Herr tröstete sie mit der Offenbarung, dass Chrodegand als ein Martyrer der Gerechtigkeit in den Himmel eingegangen sei. Sie holte den Leichnam und ließ ihn in ihrem Kloster bestatten. Die französische Kirche hat Chrodegand unter die Zahl der Heiligen gesetzt.

 

Hegte Opportuna schon immer das Verlangen, aufgelöst und bei Christus zu sein, so wurde diese Sehnsucht durch den Tod ihres Bruders nur noch mehr erweckt. Der Herr neigte sich der Bitte seiner frommen Dienerin und suchte sie bald darauf mit einer schweren Krankheit heim, die ihr den nahen Tod ankündigte. In den zwölf letzten Tagen wurde sie mit himmlischen Erscheinungen erfreut, wie sie diese auch schon in ihrem früheren Leben öfter gehabt hatte. Sie sah die heilige Jungfrau in Begleitung der Martyrerinnen Cäcilia und Lucia vom Himmel niederschweben, und ihr Gemach wurde von überirdischem Glanz erfüllt. Aber auch der Versucher blieb nicht von ihrem Sterbebett weg. Ihm, der in schrecklicher Gestalt zu ihren Füßen stand, rief sie zu: „Du wirst die Braut Jesu Christi nicht überwinden, wie du Eva überwunden hast!“ Um das Ende des zwölften Tages sprach sie in Gegenwart der um ihr Lager versammelten Schwestern plötzlich mit lauter Stimme: „Sehet, da kommt meine liebste Mutter Maria, mich abzuholen! Ich empfehle euch ihrer Fürbitte.“ Dann streckte sie ihre beiden Arme in die Höhe, als wollte sie die Erscheinung umfangen. So ging sie ein in die Freude des Herrn am 22. April des Jahres 770.

 

Der heilige Milles, Bischof und Märtyrer von Susa, Persien,

der heilige Abrosimus, Priester und Märtyrer von Persien,

und der heilige Sina, Diakon und Märtyrer von Persien,

+ 342 – 350 – Fest: 22. April

 

Der heilige Milles, in der Landschaft der Razichäer geboren, wurde am persischen Hof erzogen, und bekleidete eine ansehnliche Stelle im Kriegsheer. Als er aber das Christentum angenommen hatte, zog er sich nach Elam in Susiana zurück (Susa oder Sus, die Hauptstadt von Chusistan, dass das Land der Urii oder Huziten, Lapeta, Elam oder Ilam – so genannt von Elam, dem Sohn des Sem – in sich begreift). Durch sein Beispiel und seine Ermahnungen bekehrten sich viele Ungläubige. Endlich ließ er sich die heiligen Weihen erteilen, um dieser aufkeimenden Kirche desto besser wirken zu können. Kurz danach wurde er zum Bischof von Susa erwählt, und vom heiligen Gadiabes, Bischof von Lapeta, geweiht, der auch sein Blut für den Glauben vergoss. Mit unermüdlichem Eifer arbeitete er nun an der Ausrottung des Lasters und der Abgötterei, allein mit geringem Erfolg. Er wurde sogar von den Heiden misshandelt, die ihn oft an den Haaren durch die Straßen schleiften, grausam schlugen und vielfache Schmach ihm zufügten.

 

Die Stadt Susa war groß und reich, und obgleich von Alexander geplündert, hatte sie sich doch wieder zu einem blühenden Wohlstand erhoben. Man sah daselbst noch den alten Palast, der mehrere Jahrhunderte vorher erbaut wurde und eines der größten und prachtvollsten Gebäude der Welt gewesen war. Allein die Laster hatten sich als eine Folge des Reichtums furchtbar verbreitet, und es herrschte da eine schreckliche Sittenlosigkeit. Die Christen, obgleich in geringer Zahl, vergaßen das Evangelium, und ließen sich vom allgemeinen Verderbnis mitreißen. Der heilige Milles entschloss sich daher sowohl wegen ihres verstockten Sinnes als der beständigen Verfolgungen durch die Götzendiener, und der bürgerlichen Unruhen, Susa zu verlassen, nachdem er zuvor den lasterhaften Einwohnern das herannahende Strafgericht Gottes angekündigt hatte.

 

Der heilige Milles, voll Verlangen, die heiligen Orte und die durch ihre Tugenden berühmten Diener Gottes zu sehen, reiste nach Jerusalem und dann nach Ägypten. Er trug nichts bei sich, als sein Evangelienbuch. Seine Reise war der Andacht, der Buße und der Geistesversammlung gewidmet. In Ägypten besuchte er den heiligen Ammonius, Schüler des heiligen Antonius, und Vater der Weiner. So nannten die Perser die Ordensmänner, wegen des schwarzen Kleides, das sie trugen. Auf seiner Rückreise in sein Vaterland besuchte er den heiligen Jakob von Nisibis, der damals seine große Kirche bauen ließ. Von Nisibis nahm er den Weg nach Assyrien, wo er einen großen Vorrat von Seide kaufte, den er dem heiligen Jakob zur Ausschmückung seiner Kirche schickte.

 

Zu Seleucia und Ktesiphon fand er große Verwirrung und Unordnung unter den dortigen Christen. Das Übel war veranlasst worden durch den Übermut und Trotz des dortigen Bischofs Papas, der sich seine Geistlichkeit abwendig gemacht, und durch unerbaulichen Wandel eine Spaltung veranlasst hatte (Seleucia und Ktesiphon an den beiden Ufern des Tigris erbaut, konnten als eine Stadt angesehen werden. Sie war Persiens Hauptstadt unter den Sassaniden. Die Könige hielten da ihr Hoflager. Zuweilen wohnten sie auch zu Fedan, der Hauptstadt der Huziten, und häufig zu Lapeta. Bagdad, das die Sarazenen auf den Trümmern Seleucias erbauten, das sie im Eroberungskrieg zerstört hatten, liegt nahe beim alten Babylon am Euphrat, in Chaldäa. Strabo und Diodor von Sizilien, die unter Augustus Regierung schrieben, sagen, dieser Ort sei beinahe öde gewesen. Eusebius sagt auch, er sei zu seiner Zeit eine Wüste gewesen. Nach dem heiligen Hieronymus hatten die persischen Könige dort einen Park für die Rotwildjagd angelegt. Der Jude Benjamin von Tudela in Navarra, der im 12. Jahrhundert schrieb, sagt in seinen Reisen, er habe Babylon gänzlich zerstört gefunden; man sehe die Trümmer des nabuchodonosorischen Palastes; die Gegend sei, nach dem Buchstaben, die Wohnung der Schlangen, die sich da in so großer Anzahl aufhielten, dass niemand zu nahen sich getraue. Sicher kann man den Ort, wo Babylon stand, nicht genau bestimmen. Die Erzbischöfe von Seleucia führten einen Titel, der eine Art Patriarchenwürde ausdrückte. Dieser Ursache wegen werden auch ihre Nachfolger, die den Nestorianismus annahmen, nestorianische Patriarchen genannt). Man hielt auch damals gerade ein Konzil zu Seleucia, um den eingeschlichenen Missbräuchen abzuhelfen, und die von mehreren Bischöfen gegen Papas erhobenen Klagen zu vernehmen. Der heilige Milles redete ihn kraftvoll und frei an. „Warum verachtest du deine Amtsgenossen? Hast du die Vorschrift Christi vergessen. Der Größte unter euch sei wie der Kleinste, und der Oberste, wie ein Diener?“ „Tor“, fuhr ihn Papas zornig an, „du willst mich unterrichten, als wüsste ich meine Pflicht nicht.“ Milles langte sein Evangelium hervor, legte es auf den Tisch, und wandte sich dann zu Papas mit den Worten: „Errötest du, von mir deine Pflicht zu vernehmen, der ich ein elender Sterblicher bin, so lerne sie wenigstens aus dem heiligen Evangelium.“ Papas, außer sich vor Wut, schlug auf das Buch und rief: „Sprich Evangelium, sprich.“ Milles nahm, erschrocken über diese gottlose Rede, das Buch zurück, drückte es ehrerbietig auf seine Lippen und auf seine Augen, wandte sich dann gegen Papas mit den Worten: „Der Engel des Herrn wird dich strafen, dass du das Wort des Lebens schmähtest. Hinstarren wird dir die Hälfte deines Leibes, und du wirst nicht daran sterben. Einige Jahre wirst du noch leben zum warnenden Beispiel der göttlichen Gerechtigkeit.“ Alsbald wurde die eine Seite des Papas vom Schlagfluss getroffen, und er stürzte zur Erde nieder. Ein neuerer Schriftsteller glaubt, dieser Schlagfluss könne eine Folge der Wut gewesen sein, von der sich der Unglückliche habe hinreißen lassen (Es ist wohl billig, dass man da keine Wunder annehme, wo sich etwas besser auf natürliche Weise erklären lässt. Allein warum denn lieber wundersam zusammentreffende Möglichkeiten annehmen, als ein ganz natürlich wundervolles Ereignis für das gelten lassen, was es ist? Wenn der Prophet dem König David den Tod seines Sohnes als Wunderstrafe ankündigte, konnte diese freilich auch aus natürlicher Ursache gestorben sein, aber wer wollte denn behaupten, dass der Prophet nicht geweissagt habe, und dass der Tod des Kindes nicht Sündenstrafe gewesen sei?); sollte er aber nicht natürlicher die Wirkungen des göttlichen Strafgerichtes sein, das oft natürlicher Ursachen sich bedient, um den Sünder zu züchtigen? Das fragliche Ereignis trug sich 314 zu. Papas nahm den heiligen Simeon zum Amtsgehilfen, und starb 326, ein Jahr nach dem Konzil von Nicäa, wo er sich durch den heiligen Sciadustes oder Sadoth als seinen Abgeordneten hatte vertreten lassen.

 

Der heilige Milles zog von dannen in das Land Maisan, von den Lateinern Mesena genannt, am Euphrat, wo er bei einem Einsiedler wohnte. Der Herr dieses Landes, der schon seit zwei Jahren war, erhielt durch das Gebet des Heiligen seine Gesundheit wieder. Durch dieses Wunder wurden viele Ungläubige bekehrt. Von da kehrte Milles in die Landschaft der Razichäer zurück, wo er eine große Anzahl Heiden taufte. Als aber im Jahr 341 Sapors blutige Verordnungen gegen die Christen erschienen, wurde er vom Statthalter der Provinz, Hormisdas Guphrizius, zusammen mit dem Priester Abrosimus und dem Diakon Sina ins Gefängnis geworfen, und gebunden nach Maheldagdar, der Hauptstadt der Razichäer abgeführt. Zweimal geißelte man sie und gebrauchte noch mehrere andere Mittel, um sie dahin zu bringen, dass sie der Sonne opferten, allein sie blieben unüberwindlich und lobten Tag und Nacht mit vereinigtem Gesang den Herrn in ihrem Gefängnis.

 

Zu Anfang des Jahres, das heißt im Oktober (die Chaldäer haben allzeit ihr Jahr am ersten dieses Monats angefangen), machte Hormisdas Vorbereitungen zu einer großen Jagd. Am Abend vor dem zur Jagd bestimmten Tag ließ er den Milles vor sich führen, und drohte, nach mehreren Vorwürfen, ihn wie ein Wild im Geschütz zu töten, wofern er nicht die Wahrheit seiner Religion beweisen könne. Der Heilige antwortete ihm bescheiden aber festen Mutes. Plötzlich versetzte ihm der grausame Statthalter einen Dolchstich in die Seite; und Narses, des Hormisdas Bruder durchstach die andere Seite. Gleich darauf verschied der Heilige. Abrosimus und Sina wurden auf zwei sich gegenüberliegenden Bergen von Soldaten gesteinigt. Am folgenden Tag verfolgten beide Brüder einen Hirsch und durchstachen sich gegenseitig; ihre Leichen blieben unbegraben den Vögeln und wilden Tieren zur Beute (Wer möchte wohl hier auch wieder das göttliche Strafgericht mißkennen? Sie, diese Meuchler, die am Tag vorher blutdürstig und voll grausame Leidenschaft den Heiligen mit ihren Dolchen durchbohrt hatten, erlegten sich wechselseitig wie gereiztes Wild in ihrer blinden unmenschlichen Lust. Die Grausamkeit hat fast immer ihre Belohnung in sich selber gefunden.). Die Gebeine dieser unglücklichen Brüder wurden dann nach der Gewohnheit der alten Perser verbrannt, ein Brauch, der bis ins 6. Jahrhundert bestand, wo ihn die Mohammedaner, als die Eroberer des Landes, abschafften. Indessen haben die Christen auch in Persien. Wie in anderen Ländern, ihre Toten begraben.

 

Die Leiber der drei Märtyrer wurden in die Burg Malcan gebracht, und dort in einem für sie bereiteten Grab beigesetzt. Die Einwohner des Landes glaubten es ihrem Schutz zu verdanken, dass sie in der Folge nicht mehr, wie vorher, den Einfällen der sabäischen Araber ausgesetzt waren.

 

Unsere heiligen Blutzeugen litten im Jahr 341, dem 32. Jahr der Regierung Sapors II., am 13. Des Monats November, der damals nach dem Sonnenjahr auf den ersten eben dieses Monats fiel. Der römische Martyrologium nennt diese Heiligen mit mehreren anderen persischen Märtyrern, am 22. April, mit gebührendem Lob; die Menäen der Griechen erwähnen ihrer am 10. November.

 

Der heilige Leonidas, Martyrer von Alexandria, Vater des Origenes,

+ 22.4.202 - Fest: 22. April

 

Unter der Regierung des römischen Kaisers Severus brach in Ägypten, und besonders in der Stadt Alexandrien, eine Verfolgung gegen die Christen aus, in der zahllose Zeugen der Wahrheit die herrliche Krone der Martyrer erlangten. Diese grausame Verfolgung dauerte mit kurzen Unterbrechungen mehrere Jahre, weshalb hier mehrere Martyrer, die zwar nicht zur gleichen Zeit, aber an diesem Ort und in dieser Verfolgung den Martertod erlitten haben, zusammengestellt sind.

 

Leonidas war der Vater von sieben Söhnen und ein sehr eifriger Christ. Er wurde des christlichen Bekenntnisses wegen ergriffen und ins Gefängnis geworfen. Sehr merkwürdig ist, was die Geschichte zu diesem Anlass von seinem ältesten Sohn, der siebzehn Jahre alt war, und Origenes hieß, erzählt. Mit viel Sorgfalt wurde er, wie seine Geschwister, in seiner Jugend schon im Christentum unterrichtet und durch das ausgezeichnete Beispiel der Eltern im Glauben gefestigt. Als man seinen Vater in den Kerker geführt hatte, wurde der feurige junge Mann von so heftigem Verlangen ergriffen, in Fesseln und durch Marter und durch den Tod Zeugnis für Jesus Christus zu geben, der durch Leiden und Tod die Freiheit der Kinder Gottes und uns ewiges Leben erworben hat, dass er sich freiwillig den Feinden des Christentums ins Gefängnis und in den Martertod ausliefern wollte. Das dringende Zureden und die Bitten seiner Mutter hielten ihn einige Zeit von der Ausführung dieses Entschlusses zurück. Bald aber wurde sein Verlangen nach dem Martertod so heftig, dass weder Bitten noch Tränen imstande waren ihn zu bremsen. Die bekümmerte Mutter kam endlich auf den Gedanken, seine Kleider zu verstecken, und so nötigte sie ihn zu Hause zu bleiben. Während er gezwungen war das Haus zu hüten, beschäftigte er sich immerfort mit den Vorstellungen vom Glück der Märtyrer. Er schrieb die rührendsten Briefe an seinen Vater in das Gefängnis, in denen er ihn aufmunterte, im christlichen Bekenntnis standhaft zu verharren, und ihn dringend bat, dass er sich durch die Sorge um seine Kinder ja nicht wankend machen lassen solle.

 

Wenn der Vater dieser Ermunterung auch nicht bedurfte, so mussten doch solche Gedanken des geliebten Sohnes ihm größte Freude verschaffen und seine Bereitschaft und das Verlangen nach der Marterkrone noch mehr entflammen. Leonidas wurde als christlicher Martyrer enthauptet. Nach seinem Tod sah sich Origenes mit seiner Mutter und sechs jüngeren Brüdern in größte Armut versetzt, da das väterliche Vermögen von der heidnischen Obrigkeit eingezogen worden war. Eine reiche Frau nahm ihn in ihr Haus auf. Mit den großen Geistesgaben, mit denen er von der gütigen Vorsehung beschenkt wurde, und mit seinem rastlosen Fleiß machte er so große Fortschritte in den Wissenschaften, dass er allgemein bewundert wurde und bald öffentlichen Unterricht erteilte. Mit dem Unterricht in den weltlichen Wissenschaften verband er immer auch die Lehre des Heils durch das Christentum, weshalb ihm vom Bischof Demetrius die öffentliche Schule anvertraut wurde, in der diejenigen in der christlichen Lehre unterrichtet wurden, die sich zur Annahme des Christentums entschlossen oder es wirklich schon angenommen hatten. Jetzt entsagte er ganz dem Lehramt in den weltlichen Wissenschaften und widmete sich einzig dem heiligen Unterricht, mit einem Eifer, der auch heut zu Tage noch die höchste Bewunderung verdient. Er lebte so streng, dass er mit der täglichen Ausgabe von zwölf Kreuzern seine Bedürfnisse bestritt, übte sich in Fasten und strengen Abtötungen, widmete den Tag dem Unterricht und den Diensten der Liebe und den heiligen Schriften den größten Teil der Nacht. Die kurze, dem Schlaf bestimmte Zeit ruhte er nicht in einem Bett, sondern auf dem harten Fußboden. Der Statthalter Aquila quälte die Christen in harter Verfolgung. Währenddessen widmete sich Origenes in heiliger Liebe dem Dienst der gesamten alexandrinischen Christengemeinde. Er bekräftigte die Christen und Christinnen im Glauben, verkündete mit apostolischer Freimütigkeit den Heiden das Evangelium, besuchte die Bekenner Jesu Christi in ihren Fesseln, begleitete sie zum Verhör und zur Richtstätte und stand ihnen bei bis in den Tod. Dadurch erregte er gegen sich den bittersten Hass der Gegner der Christen. Sie rotteten sich zusammen, warfen Steine nach ihm, besetzten seine Wohnung mit Soldaten und misshandelten ihn sehr grausam auf verschiedene Weise mit der Absicht, ihn aus dem Weg zu räumen. Allein Gottes Hand schützte ihn und bewahrte sein für die Christen so kostbares Leben. Nicht nur durch seine Lehre, sondern durch seine gute Lebensweise gewann er unzählige Seelen für Jesus Christus. „Wie seine Lehre, so war auch sein Leben; und wie sein Leben, so auch seine Lehre“, sagt der Geschichtsschreiber Eusebius. Darum zog er unter dem mächtigen Einfluss der göttlichen Gnade so viele mit sich auf den Weg des ewigen Lebens.

 

Er sah bald einige seiner Jünger, die er dem Heidentum entrissen hatte, als Märtyrer sterben. Plutarchus war der erste, den er zum Glauben an den Sohn Gottes geführt hatte, und unter seinen Jüngern auch der erste Märtyrer. Origenes besuchte ihn im Gefängnis und verließ ihn bis zum Tod nicht. Bis zum letzten Atemzug stand er ihm bei und würde deswegen vom Volk, das ihm den Tod dieses jungen Mannes anrechnete, getötet worden sein, wenn nicht eine besondere göttliche Fügung ihn auch diesmal beschützt hätte. Der zweite Märtyrer von den Schülern des Origenes war Serenus, dessen Glaube im Feuer geprüft und bewährt befunden wurde. Der dritte war Herazides und der vierte Heron. Alle wurden durch das Schwert hingerichtet. Einer war erst getauft worden, einer war aber noch Katechumen, also durch die Bluttaufe Jesu Christi geheiligt. Ein anderer Schüler von Origenes, der auch Serenus hieß, duldete viele Marter und wurde schließlich enthauptet.

 

Auch Frauen aus der Schule des Origenes erkämpften sich in dieser Verfolgung die Marterkrone. Herais erhielt die Taufe durch das Feuer, das heißt, sie war noch Katechumen und wurde lebendig verbrannt.

 

Potamiäna war die Magd eines heidnischen Herrn, der von dem wilden Feuer der Wollust ganz beherrscht wurde. Er ließ sich von ihrer einzigartigen Schönheit betören und machte ihr die schändlichsten Anträge, die er durch Bitten und Versprechungen durchzusetzen versuchte. Die heilige Jungfrau widersetzte sich ihm mit fester Standhaftigkeit. Sie ließ sich durch keine Bitten bewegen, durch keine Versprechung blenden und durch keine Drohung erschrecken, sondern war entschlossen, eher das Leben, als den köstlichen Schatz der Unschuld zu verlieren. Darüber geriet der wollüstige Mann in Wut, überlieferte sie dem Statthalter mit einer Summe Geldes und mit der Bitte, sie durch Schrecken zu bewegen, dass sie sich seiner Lust ergebe, sie aber, wenn sie sich nicht dazu entschließen wollte, töten zu lassen. Der unmenschliche Statthalter ließ sie verschiedene grauenvolle Marter erdulden und drohte ihr schließlich, dass er sie den wilden Lüsten der Schergen preisgeben werde, wenn sie nicht Christus verleugnen und ihrem Herrn gehorsam sein wolle. Sie gab darauf eine Antwort, die für die Heiden wie eine Lästerung war. Sogleich erhielt ein Soldat, Basilides mit Namen, den Befehl, sie zur Hinrichtung abzuführen. Sie sollte entkleidet und in einen Kessel voll siedenden Peches verbrannt werden; dies war die schreckliche Todesstrafe, die der grausame Richter aussprach. Die schamhafte Jungfrau fürchtete sich mehr vor der schamlosen Entkleidung, als vor der schmerzlichen Todesstrafe. Sie bewog deshalb den Richter durch ihre dringenden Bitten, dass ihr die Kleider am Leib gelassen wurden. Sie wurde nun wirklich in das siedende Pech eingetaucht, zuerst mit den Füßen und nach und nach tiefer, bis es das Haupt erreichte und sie ihren Geist aufgab. Auch Marzella wurde durch den Martertod vollendet.

 

Als Potamiäna zum Marterplatz geführt wurde, drängte sich das Volk mit großem Ungestüm hinzu und stieß Schmähungen und unzüchtige Worte gegen sie aus. Der Soldat Basilides schreckte das Volk zurück und erwies sich gegen sie mitleidig und freundlich. Die heilige Martyrin wurde gerührt durch dieses Betragen des Kriegers und sprach zu ihm, er solle guten Mutes sein, sie werde nach ihrem Tod Gott für ihn bitten, der ihm seine an ihr erwiesene Menschenfreundlichkeit gewiss vergelten würde.

 

Bald nach ihrem Tod geschah es, dass die Mitsoldaten den Basilides zu einem Eid veranlassen wollten. Er erklärte, dass er nicht schwören dürfe, weil er ein Christ sei. Die Soldaten glaubten, dass er scherze. Als er aber auf dem Bekenntnis, ein Christ zu sein, verharrte, wurde er vor den Richterstuhl geführt, und weil er auch da den heiligen Glauben bekannte, in Fesseln gelegt und ins Gefängnis geworfen. Mehrere Gläubige besuchten ihn im Gefängnis und fragten ihn nach der Ursache seiner plötzlichen Bekehrung. Diesen erzählte er, Potamiäna sei ihm 3 Tage nach ihrem Martertod bei Nacht erschienen, habe ihm einen Kranz auf das Haupt gesetzt und erzählt, dass sie für ihn beim Herrn gebetet habe, dass sie erhört worden sei und dass er in Kürze bei ihr sein werde. Basilides wurde hierauf von den Gläubigen im Gefängnis getauft, legte am folgenden Tag vor dem Statthalter ein herrliches Bekenntnis von Jesus Christus ab und wurde enthauptet.

 

Der heilige Wolfhelm von Brauweiler, Abt und Mystiker,

+ 22.4.1091 – Fest: 22. April

 

Wolfhelm entstammte einem adeligen Geschlecht der Köln-Jülicher Gegend. Das Erziehungserbe, das ihm die Eltern auf den Lebensweg mitgegeben, war das Beste, was sie ihm bieten konnten: tiefe Religiosität, innige Frömmigkeit, Wohltätigkeitssinn. Schon als kleiner Junge hing er dem beschaulichen Leben nach; hätte doch nur sein unentwickelter Geist ein tieferes Eindringen in die unergründlichen Geheimnisse Gottes gestattet. Umso eifriger strebte er in der Tugend voran. Keuschheitsglanz und strenger Bußgeist schauten aus seinem engelgleichen Antlitz. In Köln sollte er die weitere Ausbildung erhalten. Sein glänzendes Talent warf sich mit besonderem Eifer auf das Studium der Heiligen Schrift. Seine frühzeitige Reife ließ ihn bald die geistige Führung unter den Schülern gewinnen. Ja, sein Lehrer übertrug ihm einen Teil der schweren Last, die ihm die lose Jugend aufbürdete.

 

Man kann nicht zwei Herren zugleich dienen. Um Gott noch mehr als bisher, ja ihm ausschließlich sich hingeben zu können, brach Wolfhelm die Fesseln der Welt und trat im Kloster St. Maximin in Trier unter die geistliche Leitung des ehrwürdigen Vaters Bernard. In der Profess vollends Gott geweiht, schwang er sich mit Seraphsflügeln auf zu den Höhen der Geheimnisse Gottes in der göttlichen Ruhe der Beschauung, innerlichst im Herzen unlöslich dem Kreuz Christi verbunden. In Köln vermisste man längst schon Wolfhelm und den Segen, den seine Heiligkeit über die ganze Stadt ausströmte. Da erfuhr man, dass er zu Trier durch Werke der Buße und des Gebetes die Vollkommenheit zu erlangen trachte. Nun war guter Rat teuer, wie man ihn wieder für Köln gewinnen könne. Diese schwierige Aufgabe übertrug der dortige Erzbischof Hermann auf das Drängen des Volkes hin Wolfhelms Onkel Heinrich, dem Abt des großen Klosters St. Pantaleon. Da Wolfhelm aber nicht zur freiwilligen Rückkehr zu bewegen war, forderte ihn der Erzbischof von Bernard, seinem geistlichen Vater, der nur ungern seinen heiligmäßigen Schüler ins Kloster des heiligen Pantaleon ziehen ließ. Abt Heinrich erkannte bald Wolfhelms Liebe zur Einsamkeit, seine Friedenssehnsucht im Weltgetriebe der Stadt, das seine Wellen auch in die stillen Mauern des Klosters warf. Deshalb übertrug er ihm die Leitung und Heranbildung der jungen aufstrebenden Klostergemeinde von Gladbach, in welchem Amt er sich auch glänzend bewährte.

 

In Köln war indessen Hermann im Jahr 1056 gestorben und Anno auf den erzbischöflichen Stuhl erhoben worden. Anno war ein eifriger Anhänger der Reformgedanken, die damals das Mönchtum unter dem Einfluss großer Abteien wie Cluny in Frankreich, Hirsau in Deutschland, Fruttuaria in Italien bewegten. Letzteres Kloster, dessen Gewohnheiten auf Cluny zurückgingen, machte Anno zum Stützpunkt seiner Reformen und Stiftungen in seinem Sprengel. Seine bedeutendste und zugleich seine Lieblingsgründung war Siegburg, wo er auch sein müdes Haupt zur Ruhe legte. Zur Errichtung und Leitung des Klosters aber glaubte er keinen besseren wählen zu können als Wolfhelm, den Abt von Gladbach, dessen Ruf schon weit in die Lande gedrungen war. Wolfhelm tat auch sein Vollstes an Kraft, setzte Geist und Körper in ihrer Ganzheit ein. Aber gegen das Werken und Schaffen, wie es bei der ersten Einrichtung und Instandsetzung eines Klosters nun einmal nicht zu vermeiden ist, sträubte sich sein still beschauliches Gemüt, das mit ungeteilter Kraft sich Gott hingeben wollte, um im Genießen seiner Gnade und im Schauen seines Wesens zu ruhen. Nun hatte in der Nähe Siegburgs der Markgraf Ezzo ein Klösterlein in die stille Einsamkeit gebettet, Brauweiler. Dort sollte sich der Lobpreis und die Danksagung der Schöpfung dem Gottesdienst der Mönche vereinen zum großen Gotteswerk und Gottesdienst von Mensch und Ding. Die Abgeschiedenheit und Weltferne des Klosters war wie geschaffen für das nach innen gekehrte Gemüt Wolfhelms und so ließ er sich nicht lange bitten, als ihm die Abtwürde dortselbst angetragen wurde.

 

Wolfhelm war ein eifriger Verehrer des hochheiligen Altarsakramentes. Mit größter Inbrunst brachte er täglich das heilige Opfer dar, was damals keineswegs herrschende Übung war; sogar auf einer Wallfahrt zu den Apostelgräbern, die er als Abt von Gladbach machte, ließ er nicht ab von seiner trauten Gewohnheit. Für die Ehre des allerheiligsten Sakraments kämpfte er auch mit seiner Feder. Der Priester Berengar von Tours hatte nämlich die Behauptung aufgestellt, Brot und Wein seien nur die Sinnbilder des Fleisches und Blutes Christi, würden nicht in ihrem Wesen umgewandelt. Wolfhelms Standpunkt in seiner Streitschrift gegen den Irrlehrer war ohne weiteres gegeben in dem der Kirche, die seit 1050 Berengars Ansichten auf zahlreichen Synoden als Irrtümer zurückwies. Dazu war er gefestigt durch seine eigene Erfahrung: täglich wirkte er das Wunder der Wesensverwandlung, täglich erlebte er die Gegenwart Christi fühlbar in sich selbst, Jesus im heiligsten Sakrament hob ihn mit seiner göttlichen Kraft zu den Höhen der Beschauung.

 

Man darf jedoch nicht glauben, dass der selige Abt deswegen für weltliche Geschäfte gar keinen Sinn gehabt hätte; nein, in der Verteidigung der Rechte seines Klosters stellte er ganz seinen Mann. Eine fromme adelige Dame wollte sich die Seligkeit sichern durch die Stiftung eines Gutes namens Kloten an die Kirche von Brauweiler. Nach deren Tod verlieh Erzbischof Anno diese Stiftung einer anderen Kirche. Zwar versprach er auf dem Sterbebett die Rückgabe, starb aber, ehe er das Versprechen einlösen konnte. Sein Nachfolger Hildolph verweigerte die Herausgabe. Wolfhelm wandte sich an Kaiser Heinrich IV. und an Papst Gregor VII., die beide zu seinen Gunsten entschieden. Da erboste Hildolph gegen Wolfhelm, bezichtigte ihn der Verleumdung beim Papst, drohte ihm schließlich mit Absetzung. Doch Wolfhelm wirft das Gewissen keine Schuld vor, seine unerschütterliche Ruhe verwirrt die Gegner und verdammt ihre Hetze zur Fruchtlosigkeit. Auch eine persönliche Aussprache des Erzbischofs mit dem Abt brachte keine Klarheit, erst auf ein mahnendes Traumwort hin lässt sich Hildolph zur Rückerstattung des unrechtmäßigen Gutes herbei.

 

„Wir haben hier keine bleibende Stätte, wir suchen eine zukünftige“ und „unsere Wohnung ist im Himmel“. Von dem Geist dieses Bibelwortes ganz erfüllt, wandelte Wolfhelm nur mehr dem Leibe nach auf dieser schweren Erde. Sein Sinnen und Trachten war ein himmlisches, ein einziges Gebet zu nennen. Aus ihm floss jene Glut der Andacht, die ein Vorbild und eine Zierde war für die ganze Kölner Gegend. Trotz der hohen Stufe der Beschauung, auf der er mit Gott verkehrte, blieb er ein bescheidener Mönch. Wenn auf seine Fürbitte Wunder Geschahen - u–d das war nicht selten –, so war er ängstlich bedacht, jede Andeutung eines eigenen Verdienstes abzuwehren.

 

Endlich kündigte ihm ein Gesicht seine bevorstehende Auflösung an. Sie bedeutete für Wolfhelm nur die Erfüllung dessen, was er auf Erden seit seiner Kindheit ersehnt und erstrebt: die Losschälung, die Befreiung vom Körper, die Vereinigung der Seele mit Gott, um in seinem Genuss ewig zu ruhen. Seine letzten Tage schienen ein einziger Schlaf zu sein, sie waren ein Vorgenuss des Schauens von Angesicht zu Angesicht. Im Jahr 1091, am 22. April schlummerte er friedlich hinüber, in die Arme Gottes sinkend. Das zart gehauchte Rot, das bis zur Bestattung auf seinen Wangen nicht erlöschen wollte, gab noch lebendiges Zeugnis von seiner Liebesglut der Andacht.

 

Der heilige Wolfhelm hat den großen Grundgedanken des christlichen Lebens erfasst: Gemeinschaft mit Gott. Jeder Christ muss sie auf Erden zu erlangen trachten, indem er eingeht in den Geist Christi und der ist ein Geist der Opferliebe. Die Opferliebe ist der Weg zur Einigung mit Gott: Verstehen seines Geistes, volles Hingeben des Menschen an seinen Willen, ein weites Aufschließen der Seele, dass Gottes Gnade in ihr sich auswirke. Nicht jeder kann sich so vollständig und ausschließlich Gott hingeben wie unser seliger Abt; er wird tagaus tagein, Woche für Woche und ein Jahr wie das andere, Werktagsarbeit verrichten müssen. Aber diesen Trost ruft uns der selige Abt Wolfhelm zu: „Wer es nicht in allem kann, der tue es soweit er kann!“ Dann wird Gott auch das Seinige tun und solchen wenigstens in der Ewigkeit den Genuss seiner seligen Beschauung, die Gnade der wahren Himmelsmystik gewähren.

 

23. April

 

Der heilige Georg, Hauptmann und Martyrer von Nikomedia,

+ 23.4.303 - Fest: 23. April

 

Georg war noch ein Kind, als sein Vater um des Glaubens willen hingerichtet wurde. Dass er der Sohn eines Martyrers war, galt ihm zeitlebens als eine Ehre ohnegleichen, und um nichts in der Welt hätte er es über sich gebracht, das Andenken des Heldenvaters dadurch zu schänden, dass er sich wie ein lauer Christ ohne Kraft und Saft aufführte.

 

Wegen seines hohen Mutes zog es den jungen Mann zu den Soldaten, und Soldat war er dann mit Leib und Seele. In einer Schlacht wurde Kaiser Diokletian auf den prachtvollen Krieger aufmerksam, der so männlich zu Pferde saß und so trefflich zu fechten musste. Deshalb zog ihn der oberste Kriegsherr an seinen Hof und überschüttete ihn mit Ehren und Auszeichnungen. Zwanzigjährig war Georg bereits Oberst. Eine glänzende Laufbahn tat sich vor ihm auf. Bald würde er wohl General werden und schließlich Feldherr, und am Ende würde er vielleicht, wie es damals Brauch war, von den Soldaten, die ihn vergötterten, zum Kaiser ausgerufen werden.

 

Doch das wäre ein vergänglicher irdischer Ruhm gewesen. Georg sollte sich einen noch weit herrlicheren Ruhm erwerben, denn wie sein Vater, so wurde auch er ein Martyrer.

 

Weise und gerecht hatte Kaiser Diokletian zwei Jahrzehnte lang segensvoll über das Römische Reich geherrscht. Nicht zu seinem Schaden hatte er die Christen in Ruhe gelassen. Am Ende seiner Regierung jedoch, nach unerhörten Siegen über viele Völker, gelüstete es ihn, auch noch die christliche Kirche zu vernichten und den Glauben an Christus mit Stumpf und Stiel auszurotten. Es war die größte Dummheit, die er begehen konnte, denn das Christentum ist für ewige Zeiten unausrottbar. Diokletian war leider so dumm.

 

Eines Morgens hingen an den Stadttoren, an den Amtsgebäuden und an den Kasernen große Plakate, auf denen verkündet wurde, dass die Christen aller Rechte und Würden enthoben seien, die Gotteshäuser müssten niedergerissen und die heiligen Bücher verbrannt werden, die Priester und Bischöfe seien zu verhaften, und alle Gläubigen hätten den Götzen Weihrauch zu streuen. Dem, der sich weigere, ständen Kerker, Folter und Tod bevor.

 

Auch Georg las die kaiserliche Verordnung, und während er las, loderte hell in seinem Herzen der Zorn auf. Spornstreichs begab er sich zum Kaiser und hielt ihm mit feurigen Worten das Unrecht vor, das er gegen die Christen begehe. Er selbst sei auch ein Christ und bereit wie sein Vater, für den wahren Glauben zu sterben.

 

Was der kühne Christusjünger begehrte, wurde ihm sogleich gewährt. Der aufs höchste erzürnte Kaiser ließ den ehemaligen Liebling noch am gleichen Tag foltern und enthaupten, und dadurch erhielt auch Sankt Georg wie sein Vater die herrlichste Ehre, die es für einen Christen geben kann.

 

Welch ein Held war doch der heilige Georg!

 

Die Legende vom heiligen Georg

 

 

Der heilige Wilhelm Firmatus, Priester und Einsiedler in der Normandie,

+ 24.4.1090 - Fest: 23. April

 

Der heilige Wilhelm Firmatus wurde in der Stadt Tours geboren und gelangte wegen seiner Auszeichnungen in den Wissenschaften bald zu einem reichen Kanonikate.

 

Weil aber sein Einkommen, wie es bei Pfründen der Art damals allgemein der Fall war, zumeist aus liegenden Gütern floss, war er dem Landesherrn lehenspflichtig und musste seinem Lehensherrn in den Krieg folgen. Die Kirche eiferte freilich stets gegen dieses Herbeiziehen der Geistlichen zu dem ihrem Stand gänzlich widerstrebenden Waffenhandwerk, aber vergeblich. Wilhelm ging nun ebenfalls ins Feld, nach seiner Heimkehr aber ergriff er die friedliche Kunst der Arznei und machte sich durch glückliche Kuren bei hohen Standespersonen bald so berühmt, dass er großen Zulauf erhielt. Hierdurch sammelte er sich ein ansehnliches Vermögen, das er immer mehr zu vergrößern suchte. Die Liebe zum Geld hätte noch ganz sein Herz eingenommen, wenn ich Gott nicht durch ein besonderes Mittel davon geheilt hätte. Als er eines Tages nach verrichtetem Gottesdienst heimkam, war es ihm, als säße der böse Feind in Gestalt eines Affen auf seinem Geldkasten, und er glaubte von ihm die Worte zu hören: „Ich hüte mein Geld, ich bewahre meinen Schatz!“ Wilhelm nahm sich dies so zu Herzen, dass er von diesem Augenblick an ganz umgeändert war und den festen Entschluss fasste, nicht mehr nach zeitlichen Gütern, sondern einzig nach den ewigen zu trachten. Er verteilte sein Geld unter die Armen und zog sich mit seiner Mutter in eine nicht weit von Tours entfernte Einöde zurück, wo beide mehrere Jahre hindurch ein heiliges Leben führten. Nach dem Tod der Mutter schloss er sich einem Zug eifriger Christen an, die in das gelobte Land pilgerten.

 

Auf dieser Reise war Wilhelm für seine Gefährten ein wahrer Schutzengel; sie erfuhren, was das Gebet des Gerechten bei Gott vermöge. Einmal ging der Weg durch eine große, wasserlose Sandwüste, und die übermäßige Sonnenhitze erweckte bei allen den brennendsten Durst. Da fiel Wilhelm auf die Knie nieder, betete inbrünstig und berührte sodann mit seinem Reisestab den Boden. Und siehe – es quoll ein kristallhelles Brünnlein hervor, an welchem die halb Verschmachteten sich labten und ihre erschöpften Kräfte wiederherstellten. Zu einer anderen Zeit verloren die Pilger die Richtung und wussten nicht mehr, wohin sie sich wenden sollten. Da flog auf das Gebet des Heiligen ein Rabe vor ihnen her und führte sie auf die rechte Bahn. Als sie schon nahe der heiligen Stadt waren, wurden sie von Räubern überfallen und gefesselt. Wilhelm ermutigte die verzagenden Pilger und kündigte ihnen baldige Befreiung an. Und in der Tat, nach kurzer Gefangenschaft fanden sie Gelegenheit, den Räubern zu entrinnen und konnten Jerusalem besuchen und an den heiligen Orten ihre Gelübde lösen.

 

Nach seiner Rückkehr in das Vaterland baute sich Wilhelm in der Nähe eines normannischen Städtchens eine Einsiedelei und unterwarf sich dort einem sehr strengen und bußfertigen Wandel. Die Zeit, die ihm seine gottseligen Übungen frei ließen, füllte er mit Handarbeiten aus, die ihm den Lebensunterhalt verschafften. Gott verlieh seinem treuen Diener die Gabe, verborgene Dinge zu erkennen, zukünftige vorherzusagen und Wunder zu wirken. Einer geizigen Frau verkündete er, dass sie noch an den Bettelstab kommen werde, beifügend, solches sei ihr zum Heil, indem sie dadurch aufgefordert würde, nach den ewigen Gütern zu streben. Ein andermal kam ein Junge zu ihm, um ein Almosen zu erlangen, verbarg aber erst seinen mit erbetteltem Brot gefüllten Sack hinter einer Hecke. Da sagte der Heilige: „Mein Kind, gehe hin und genieße zuvor das Brot, das du schon gesammelt hast; dann komme wieder, und du sollst nach deinem Begehren empfangen.“ Ebenso erging es einem jungen Mann, der von einer Frau zu Wilhelm geschickt wurde, ihm einige Fische zu bringen. Derselbe nahm unterwegs die besten heraus und versteckte sie in einem hohlen Baum; die schlechteren aber brachte er dem Heiligen. Wie war er beschämt, als dieser zu ihm sprach: „Ich werde weder diese Fische nehmen, noch jene, welche du aus Eingebung des bösen Geistes versteckt hast. Trage nur alle wieder der Frau zurück.“ Durch sein Gebet befreite Wilhelm einmal auch einen Gefangenen aus dem Kerker.

 

Diese und andere ähnliche Begebenheiten machten den Namen des Heiligen in der ganzen Gegend berühmt. Man schätzte ihn schon in seinem Leben als einen Mann, dessen Fürbitte große Kraft bei Gott habe. Nach seinem Tod aber, der um das Jahr 1090 erfolgte, stieg die Verehrung noch höher, und seine Grabstätte wurde die Zuflucht aller Kranken und Notleidenden weit und breit.

 

Der heilige Adalbert, Bischof von Prag und Martyrer zu Tenkitten,

+ 23.4.997 - Fest: 23. April

 

Adalbert oder Adelbert, aus einer der edelsten Familien in Böhmen entsprossen, wurde im Jahr 956 geboren und erhielt in der heiligen Taufe den Namen Woytiech, was in der slawischen Sprache so viel wie „Heereshilfe“ bedeutet. Sein Vater hieß Slaviks und war der Sohn eines Grafen von Libycze. Nach dem Willen der Eltern sollte Adalbert einst ihren adeligen Namen fortpflanzen. Aber Gott, der etwas anderes mit ihm vorhatte, ließ in seiner frühesten Kindheit eine Krankheit bei ihm zu, die ihn an den Rand des Grabes brachte. Die Eltern, in der Angst ihr Liebstes zu verlieren, nahmen ihre Zuflucht zur allerseligsten Jungfrau Maria, legten das kranke Söhnlein auf ihren Altar und gelobten, es im geistlichen Stand dem Dienst des Allerhöchsten widmen zu wollen, wenn Maria durch ihre mächtige Fürbitte ihm die Gesundheit wieder verschaffe. Ihr Gebet wurde erhört und der Junge wurde vollkommen gesund. In Anbetracht ihres Versprechens sendeten die Eltern den Jungen, sobald er das entsprechende Alter erreicht hatte, auf die damals hochberühmte Schule in Magdeburg, die der gelehrte Mönch Aderich leitete. Der junge Woytiech machte glänzende Fortschritte und gewann die Zuneigung des Erzbischofs Adalbert, der ihm in der heiligen Firmung als Pate seinen eigenen Namen beilegte. Diesen führte er von nun an beständig.

 

Im Jahr 979 kehrte Adalbert in seine Heimat zurück und brachte eine für jene Zeit ansehnliche Büchersammlung, insbesondere aus den Werken der heiligen Kirchenvätern bestehend, mit dahin. Zwei Jahre danach empfing er in Prag durch den Bischof Dittmar die geistlichen Weihen. Anfangs war sein Leben nicht so, wie es sich für einen Geistlichen gehört. Er liebte die Freuden der Welt mehr, als es sein Stand erlaubte, und vergeudete damit viel Zeit nutzlos. Doch bewahrte ihn der Herr durch seinen besonderen Schutz vor dem Unglück, in schwere Sünden zu fallen, und öffnete ihm durch ein erschütterndes Ereignis die Augen, dass er den Abgrund erkannte, vor dem er stand. Der Bischof von Prag erkrankte plötzlich und wurde auf dem Totenbett von nagenden Gewissensbissen über seine laue Amtsführung und seine Liebe zu Ehren und Reichtümern gepeinigt. Von schrecklicher Angst vor dem Gericht des Herrn ergriffen, stöhnte er verzweifelnd: „Wehe mir, ich unglückliches Schlachtopfer des Todes werde dem Ort nicht entgehen, wo das Feuer nicht erlischt und der Wurm nicht stirbt!“ Diese Szene, deren Augenzeuge er war, machte den tiefsten Eindruck auf Adalbert und bahnte ihm den Weg zur Heiligkeit. Auf der Stelle fasste er den Entschluss, den Eitelkeiten der Welt für immer zu entsagen und in Zukunft ein wahrhaft geistliches Leben zu führen. Und somit legte er eine Generalbeichte ab – sicher der beste Anfang einer gründlichen Besserung -, beweinte mit heißen Tränen der Reue alle Fehler, die er begangen hatte, und unterzog sich den strengsten Bußübungen.

 

Als nach Dittmars Tod zur Wahl eines Nachfolgers geschritten wurde und nicht nur Geistlichkeit und Volk, sondern auch Herzog Bodeslaus der Fromme mit allen Großen des Reiches sich zu diesem Zweck versammelten und Gott anriefen, „er möge ihnen zu erkennen geben, auf wen sie ihre Wahl lenken sollten,“ da kamen alle einstimmig überein, dass ihr Landsmann Adalbert der Würdigste für den bischöflichen Stuhl sei. Dieser aber, nicht weniger erstaunt als betrübt, wollte die Wahl durchaus nicht annehmen und berief sich auf seine Jugend, die ihn unfähig mache, andere zu leiten, da er vielmehr selbst noch eines Leiters bedürfe. Allein alle Entschuldigungen blieben fruchtlos. Die Wahl ging am 19. Februar 983 wirklich vor sich und es wurden gleich nach deren Beendigung Abgeordnete nach Verona an den Kaiser gesendet, um dessen Genehmigung einzuholen. Adalbert, der sich schmeichelte, der Kaiser werde ihn nicht bestätigen, war selbst unter den Gesandten. Aber seine Hoffnung wurde enttäuscht, die Wahl genehmigt und er von dem eben anwesenden Erzbischof Vigellis von Mainz, seinem Metropoliten, zum Bischof geweiht. Von dieser Stunde an bis zu seinem Tod sah man ihn nie mehr lachen. Fragte man ihn nach der Ursache, so erwiderte er: „Es ist freilich eine glänzende Sache, eine Insel auf dem Haupt, einen Stab in der Hand und einen goldenen Ring am Finger zu tragen; allein an jenem großen Gerichtstag wird sich zeigen, wie schwer alle diese Dinge sind.“

 

Seinen Einzug in Prag hielt er voll Demut und Bescheidenheit mit bloßen Füßen und das Volk bezeigte laut seine Freude darüber, einen so heiligen Oberhirten erhalten zu haben. Unverzüglich traf er alle Anordnungen, um das ihm gesteckte Ziel zu erreichen. Dem Gebet und dem Gottesdienst, den bischöflichen Verrichtungen und den übrigen Berufsgeschäften wurden gewisse Stunden festgesetzt und alle Augenblicke weise benützt; „denn“, sagte Adalbert, „was ich einst zu meiner Kurzweil getan habe, ist jetzt eine tiefe und schmerzende Wunde für mein Herz“. Dem neuen Bischof war eine große Aufgabe gegeben. Das Christentum hatte in Böhmen nur erst schwache Wurzeln gefasst; noch hingen viele dem Heidentum an und die meisten Christen zeigten nur wenig Sinn für ein Leben im Geiste Jesu, sondern schadeten ihrem Glauben durch Laster aller Art. Adalberts eifrigstes Streben ging nun dahin, den Aberglauben aus seinem Bistum völlig auszurotten und unter den Christen die Tugenden des Glaubens, der Liebe, der Keuschheit und Mäßigkeit zu erwecken. Dabei ging er durch sein eigenes Leben mit dem schönsten Beispiel voran. Er zerlegte die Einkünfte seines Bistums in vier teile. Der erste war für den Unterhalt seiner Kirche bestimmt, der zweite für die Verpflegung der Chorherren, der dritte für die Unterstützung der Armen und den vierten behielt er für sich und die Bedürfnisse seines Hauses. Aber auch hiervon verschenkte er das meiste an die Notleidenden und speiste überdies jeden Tag zwölf Arme zu Ehren der zwölf Apostel und eine noch größere Zahl an Festtagen. Keinen Bedürftigen ließ er ohne Gabe von sich gehen. Eines Tages, als ihn eine arme Frau auf der Straße um ein Almosen ansprach, bestellte er sie für den folgenden Tag in seine Wohnung, da er nichts bei sich hatte. Kaum aber hatte die Bettlerin sich einige Schritte entfernt, so bereute er seine abschlägige Antwort, rief sie zurück und reichte ihr eines seiner Kleidungsstücke mit den Worten: „Nimm dieses für ein Almosen! Denn wer weiß, ob ich morgen noch lebe.“ Für sich verwendete der Heilige nur das Allernotwendigste. In seinem Zimmer stand ein einfaches Bett, aber nicht einmal darin schlief er, sondern auf dem bloßen Erdboden. Seinen Leib tötete er durch strenges Fasten und lange Nachtwachen ab. Beinahe jeden Tag predigte er und besuchte die Kranken und Gefangenen.

 

Leider blieben alle seine Bemühungen fruchtlos. Ein allgemeines Sittenverderbnis hatte im Land überhandgenommen; Vielweiberei und blutschänderische Ehen waren nicht selten, die Festtage wurden nicht gefeiert, die sonstigen Kirchengebote nicht geachtet, die schändlichsten Laster ohne Scheu begangen. Selbst die Geistlichkeit, die sich dem Verderben hätte entgegen setzen sollen, lebte in sündhaften Verbindungen, und so stand der Heilige beinahe ganz verlassen und musste Böses aller Art ertragen. Die Böhmen beschwerten sich über die allzu große Strenge ihres Oberhirten, trotzten ihm, ja sie erregten gegen ihn zu Prag einen Aufruhr, wobei sie alle Ehrfurcht vergaßen und ihn öffentlich verhöhnten. Überzeugt, dass er es mit einem unverbesserlichen Volk zu tun habe, das seinen Ausschweifungen durchaus nicht entsagen wolle, entschloss er sich, Böhmen zu verlassen, wo er doch nichts Gutes wirken konnte, und ging 989 mit bekümmertem Herzen nach Rom, um die Gräber der heiligen Apostel zu besuchen und sie um ihre Fürbitte anzusprechen. Zugleich stellte er dem Papst Johann XV. seine traurige Lage vor und erbat sich von ihm die Erlaubnis, von seinem Bistum wegbleiben zu dürfen. Dann gedachte er, das heilige Land zu bereisen. Aber die Benediktiner von Monte Cassino, die er deswegen befragt hatte, rieten ihm davon ab, und so kehrte er nach Rom zurück, wo er mit seinem Bruder Gaudentius im Kloster des heiligen Bonifatius das Ordenskleid nahm. Hier betrachtete er sich als den Niedrigsten der Genossenschaft und verschmähte keine Gelegenheit, die einfachsten Dienste zu verrichten, so dass niemand in dem jungen Mann einen Bischof ahnte.

 

Beinahe fünf Jahre war seit der Entfernung des Heiligen aus seinem Sprengel verflossen, als die traurige Lage der Kirche Prags den Herzog von Böhmen bewog, ihn durch den Erzbischof von Mainz vom Papst wieder zurück zu begehren. Der Heilige Vater erwog die Gründe und Verheißungen der Abgeordneten aus Böhmen und Adalbert musste im Jahr 994 aus Gehorsam mit ihnen heimziehen: Doch hatte er den Vorbehalt eingelegt, dass er seine Herde wieder verlassen dürfe, wenn sie sich nicht williger und leitsamer als zuvor beweisen würde. Kaum hatte sich die Nachricht von Adalberts Rückkehr in Prag verbreitet, als die Einwohner ihm in Menge entgegeneilten. Sie empfingen ihn mit den lebhaftesten Freudenbezeugungen und versprachen, sich seiner Unterweisung gehorsam zu fügen. Sobald er aber mit dem früheren Ernst auf Zucht, Ordnung und christliches Leben drang, wurde unter den Trotzigen die alte Unzufriedenheit lebendig. Zum anderen Mal verließ Adalbert Böhmen und ging wieder nach Rom in sein Kloster zurück.

 

Er hatte diesmal den Weg nach Italien durch Ungarn genommen, voll heiligen Eifers, die dortigen Heiden zu bekehren. Er kam dahin, als dem König Geisa eben ein Söhnlein geboren worden war. Adalbert taufte es und gab ihm den Namen Stephan; und dies ist derselbe Stephan, der in der Folge Begründer des Christentums in Ungarn und Heiliger wurde. Einige Schriftsteller erwähnen diese Mission in Ungarn sechs Jahre früher, nämlich in der Zeit, wo der Heilige seinen Sprengel zum ersten Mal verließ. Bald nach seiner Ankunft in Rom wurde er Prior seines Klosters und genoss die Auszeichnung, von Otto III. besucht zu werden, der nach Italien gekommen war, um sich zum Kaiser krönen zu lassen. Dieser fand solche Erbauung in dem geistreichen Gespräch und dem ganzen Benehmen Adalberts, dass er sich nur schwer wieder von ihm trennte. Inzwischen bewog das wiederholte Mahnen und Drängen des Erzbischofs von Mainz den Papst, unseren Heiligen abermals in sein Bistum zurückzusenden. Adalbert leistete Gehorsam, obwohl er wusste, dass alles vergeblich sein würde. Die Bewohner von Prag, weit entfernt, ihn wie früher zu empfangen, gerieten in Wut, als sie Kunde von seinem Kommen erhielten. Und damit nicht zufrieden, ermordeten sie sogar mehrere seiner Verwandten, plünderten ihre Güter und zündeten ihre Schlösser an. Von diesen Gräueln benachrichtigt, verließ Adalbert die Straße nach Prag und begab sich zu seinem Freund Boleslaus, dem Sohn des Herzogs Micislaus von Polen. Dieser Fürst schickte einige Zeit darauf Gesandte nach Prag und ließ die Bewohner fragen, ob sie Adalbert als ihren Bischof aufnehmen und ihm den schuldigen Gehorsam leisten wollten? Höhnisch antworteten die Böhmen, sie seien arge Sünder, Adalbert aber ein großer Heiliger, und somit taugten sie so wenig zusammen, wie Feuer und Wasser. „Überdies“, fügten sie bei, „ist es durchaus nicht die Sorge für unser Seelenheil, das den Bischof zu uns zu kommen drängt; seine einzige Absicht ist, den Tod seiner Verwandten zu rächen, und darum mag er keines guten Empfangs von unserer Seite gewärtig sein.“

 

So war Adalbert seiner Pflichten den Böhmen gegenüber ledig und entschloss sich jetzt, von der ihm vom Papst erteilten Erlaubnis, den Heiden das Evangelium zu predigen, Gebrauch zu machen. Er durchwanderte zuerst Polen und führte einen großen Teil dieses Landes der Kirche Christi zu. Danach ging er mit seinen Gefährten Benedikt und Gaudentius nach Preußen, dessen Bewohner, ursprünglich Sarmaten, die wildesten unter allen nordischen Heidenvölkern waren. Sie kümmerten sich wenig um die Schönheit der Tempel, beteten ihre Götzen in Eichenhainen an und opferten ihnen ihre Gefangenen. Gleichwohl gelang es Adalbert, durch sein eindringliches Wort in Danzig wunderbare Bekehrungen zu erwirken. Von dieser Stadt begab er sich auf eine kleine Insel, um auch dorthin die Leuchte des Glaubens zu tragen. Hier aber wurde er von den Heiden mit tausend Unannehmlichkeiten überhäuft, ja einer von ihnen ergriff ihn von hinten, als er eben den Psalter betete, und versetzte ihm mit einem Ruder einen so harten Schlag, dass er halbtot zu Boden sank. Als er wieder zu sich gekommen war, dankte er Gott, der ihn gewürdigt hatte, an der Schmach Jesu teilzunehmen, und setzte seinen Stab weiter. Aber wohin er kam, wurde er mit Schimpf und Misshandlungen empfangen, und endlich befahlen ihm die Heiden unter Androhung des Todes, ihr Land sofort zu verlassen. Der Gewalt weichend zog der Heilige sich zurück. Aber als er eines Tages, von der Reise ermüdet, in der Gegend, wo jetzt das Städtlein Fischhausen erbaut ist, einige Augenblicke zur Ruhe sich hinsetzte, wurde er von einem Schwarm Heiden überfallen und samt seinen Genossen gefangen genommen. Da opferte Adalbert in inbrünstigem Gebet Gott sein Leben auf und flehte für seine Feinde um Vergebung. Zu seinen Gefährten sprach er, sie zur Standhaftigkeit ermunternd: „Meine Brüder, die Macht dessen, für den wir leiden, ist größer, als jede andere Macht. Seiner Größe ist keine gleich. Keine Güte misst sich mit der seinigen!“ Kaum hatte er geendet, so durchbohrte eine Lanze, von dem Götzenpriester Siggo geworfen, sein Herz. „Freue dich nun“, schrie ihm der Mörder zu, „jetzt geht dein Wunsch, für deinen Jesus zu sterben, in Erfüllung!“ Noch sechs andere bohrten ihre Lanzen in seinen Leib, und so vollbrachte der Heilige sein glorreiches Martyrium am 23. April 997. Die Heiden schnitten dann den Kopf vom Rumpf und steckten ihn auf einen Pfahl. Benedikt und Gaudentius schleppten sie als Gefangene mit sich fort.

 

Boleslaus löste den Leichnam Adalberts gegen eine große Summe aus und setzte ihn einstweilen in der Abteikirche zu Tremezno bei, von wo er aber schon im folgenden Jahr in die Domkirche von Gnesen übertragen und dort zur öffentlichen Verehrung ausgestellt wurde. Im Jahr 1039 nahmen ihn die Böhmen, nachdem sie sich der Stadt bemächtigt hatten, hinweg und führten ihn nach Prag ab. Der heilige Adalbert wird allgemein der Apostel der Preußen genannt.

 

 

24. April

 

Der heilige Fidelis von Sigmaringen, Priester und Martyrer von Seewis,

+ 24.4.1622 - Fest: 24. April

 

Nehmen wir einmal an, du seiest im Jahr 1600 geboren worden, und wenn wir dann weiter annehmen, du seiest zwölfjährig am Franziskustag, am 4. Oktober 1612 also, zufällig in die Stadt Freiburg im Breisgau gekommen, so hättest du etwas Schönes erlebt.

 

Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Männer und Frauen, Alte und Kinder, alles strömt in Festtagskleidern durch die Straßen einem bestimmten Ziel zu, und es ist das Ziel nicht das herrlich hochragende Münster Unserer Lieben Frau, sondern die schlichte Kapuzinerkirche, die erst vor kurzem erbaut wurde. Vom Menschenstrom getragen, siehst auch du dich plötzlich dieser Kirche gegenüber, und wie du den ersten besten fragst, was denn eigentlich los sei, stehen gleich zehn Freiburger um dich herum und geben dir mit der weltberühmten Freiburger Freundlichkeit Auskunft. „Hab die Ehr!“ sagen sie. So liebenswürdig und höflich sind nur die Freiburger, und dann erzählen sie dir die folgende Geschichte.

 

Heute feiere der Doktor Markus Roy Primiz, und anschließend werde er in die braune Kapuzinerkutte gesteckt. Aus dem Hohenzollerschen stamme Markus. Zu Sigmaringen sei er vor fünfunddreißig Jahren als Kind des aus Flandern eingewanderten Adlerwirtes und Bürgermeisters Roy geboren worden. Hier in Freiburg habe er an der Hochschule jahrelang studiert, in der Hauptsache die Rechtswissenschaft und nebenbei auch die Gottesgelehrtheit. Weil er ein erstklassiges Köpfchen besäße, stets auch fleißig und fromm gewesen sei, habe er es mit jungen Jahren schon zu etwas gebracht und sei Beisitzer am Obersten Landgerichtshof zu Ensisheim drüben im Elsass geworden, aber nicht lange danach habe er die einträgliche Stelle aufgegeben, weil ihn die Ungerechtigkeit, mit der die Richter vielfach vorgingen, angeekelt habe. Da sei er Priester geworden. Heute feiere er Primiz und trete zugleich in den Kapuzinerorden ein.

 

Das erzählen dir an dem genannten 4. Oktober 1612 die freundlichen Leute in Freiburg und verabschieden sich von dir mit einem letzten: „Hab die Ehr!“

 

Da betrittst auch du die Kirche und siehst den Neupriester am Altar, einen hochgeschossenen, mächtigen, prächtigen Mann, wie er mit großer Andacht sein erstes heiliges Opfer darbringt. Zum Schluss der Messe empfängst du mit den anderen Anwesenden den Primizsegen, von dem die Leute mit Recht sagen, dass er ein paar Schuhsohlen wert sei. Anschließend erlebst du noch die feierliche Einkleidung bei den Kapuzinern und hörst, dass der Doktor Markus Roy fortan schlichtweg Pater Fidelis heißt. Fidelis bedeutet bekanntlich „der Treue“.

 

Treu ist in der Tat der Pater Fidelis gewesen, in Wahrheit ein Mann, der seinem Namen Ehre machte. Treu verwaltete er das heilige Priesteramt, mahnte, tadelte, lobte, hörte Beichte, besuchte ohne jede Furcht vor Ansteckung die Cholerakranken, nahm sich als ehemaliger Rechtsanwalt mit Vorliebe der ungerecht bedrückten Witwen und Waisen an, vermittelte ungezählte Almosen von den Reichen zu den Armen und war dazu ein vorzüglicher Prediger, der kein Blatt vor den Mund nahm. Als einst nach einer kräftigen Predigt ein reicher Bürger zu Fidelis sagte: „Pater, wenn ihr Kapuziner, die ihr doch nur von Almosen lebt, fettere Suppen essen wollt, so dürft ihr nicht so scharf auf der Kanzel sprechen“, entgegnete der Gerügte: „Was kümmern mich eure fetten Suppen. Wisst, nicht der Suppen wegen predige ich, sondern ich sage, was mir das Gewissen zu reden vorschreibt.“ So war Pater Fidelis, ein Mann mit Rückgrat, treu seiner Pflicht, und diese herrliche Treue bewährte er bis in den Martertod.

 

Pater Fidelis erhielt nämlich den Auftrag, in einem Teil der Schweiz, dessen Bewohner fast ausnahmslos zu den Kalvinisten übergetreten waren, den katholischen Glauben von neuem zu predigen. Es war eine gefährliche Sache, Pater Fidelis sah klar voraus, dass ihm der Auftrag das Leben kosten werde. Als Mann der Treue zögerte er allerdings nicht einen Augenblick. Mutig wagte er sich unter die feindlich gesinnten Irrgläubigen, und da wurde er wenige Monate später, am 24. April 1622, am vierten Sonntag nach Ostern, während der Predigt auf der Kanzel beschossen und kurz darauf von den Kalvinisten in sinnloser Wut mit Spießen, Keulen, Prügeln, Morgensternen und Schwertern erschlagen. So besiegelte Pater Fidelis die Treue mit dem eigenen Blut im Martertod, und auf diese Weise ist er der erste Martyrer des damals noch jungen Kapuzinerordens geworden.

 

Der selige Marianus, 1. Abt des Schotten-Klosters in Regensburg,

+ 24.4. oder 9.2. 1083 oder 1088 – Gedenktag: 9. Februar / 24. April

 

Unter der Regierung Heinrich IV. kamen drei gottselige Männer, namens Marianus, Johannes und Candidus, geboren in Irland, nach Deutschland und hielten sich eine Zeit lang im Kloster auf dem Michaelsberg zu Bamberg auf. Von da begaben sie sich nach Regensburg. Dort fanden sie im Kloster Obermünster freundliche Aufnahme. Marianus hatte auf eine göttliche Mahnung hin den Entschluss gefasst, in dieser Stadt ein Kloster für seine Landsleute zu gründen. Die Äbtissin des Klosters Obermünster, Emma, überließ ihm zu diesem Zweck das St. Peters Kirchlein vor der Stadt, das zu ihrem Stift gehörte. Auch schenkte sie ihm einige Grundstücke zur Erbauung eines Klosters. So entstand das erste sogenannte Schottenkloster in Deutschland, und Marianus wurde sein erster Abt. Zum Dank für diese Hilfe und Freigebigkeit übergab der selige Marianus dem Kloster Obermünster sieben Exemplare der Heiligen Schrift, die er mit eigener Hand abgeschrieben und mit Erklärungen aus den Kirchenvätern begleitet hatte. Diese frommen Männer waren unermüdlich mit Gebet und Arbeit beschäftigt. Keine Stunde wurde müßig zugebracht. Außer diesen Bibeln schrieb der selige Marianus auch eine Geschichte seiner Zeit, die uns die besten Aufschlüsse über die damaligen Verhältnisse gibt, und Gebet- und Psalmenbüchlein, die er armen Leuten zum Geschenk machte. Einst hatte der Pförtner vergessen, bei einbrechender Nacht dem Abt Licht zu bringen. Erst spät erinnerte er sich seiner Pflicht und ging zum Abt, ihn um Verzeihung zu bitten. Da traf er den Abt schreibend. Die drei Finger, mit denen er schrieb, leuchteten ihm so hell, dass er eines Lichtes nicht bedurfte. Auch andere bemerkten dieses wunderbare Leuchten der Finger des Seligen und offenbarten es nach seinem Tod.

 

Marianus war nicht allein für sich tätig, sondern er hielt auch seine Untergebenen zu unablässiger Arbeit an. Sie folgten dem Beispiel ihres Abtes willig und freudig, denn die Sanftmut, mit der er sein Amt verwaltete und seine Befehle erteilte, gewannen ihm die Herzen aller. Dabei war er lauter Einfalt und ausgezeichnet durch kindliche Demut. Die von ihm verfasste Erklärung der Psalmen Davids nannte er „eine Sammlung weniger Tröpflein Wasser aus dem unerschöpflichen Meer der Schriften heiliger Väter“. Sein Tod fällt in das Jahr 1088. Bei seinem Grab wurden auf die Fürbitte des Seligen viele Wunder gewirkt. Selbes war im Kirchlein des heiligen Petrus. Als sich einst die Brüder am Grab des Seligen mit unnützem Geschwätz unterhielten, gewahrten sie auf einmal einen wunderlieben Geruch, der vom Grab aus sich verbreitete und sie auf andere Gedanken brachte. Daraus zogen sie die Lehre, dass man über einem Grab nicht schlafen und nicht schwätzen soll, denn da habe man Besseres zu tun.

 

25. April

 

Der heilige Markus, Evangelist, Bischof und Martyrer von Alexandria,

+ 25.4.68 ? – Fest: 25. April

 

Der heilige Markus war von Geburt ein Jude aus der Landschaft Cyrene in Afrika und wurde am Pfingstfest durch den Apostel Petrus bekehrt und getauft. Er diente seinem geistlichen Vater als Dolmetscher und begleitete ihn auch nach Rom. Darauf schrieb er auf die Bitte der Gläubigen sein Evangelium, aller Wahrscheinlichkeit nach um das Jahr 50 nach Christus. Während seines Aufenthaltes in Rom sendete Petrus mehrere seiner Jünger nach verschiedenen Gegenden aus, um den Glauben zu verkünden. Markus wurde nach Afrika geschickt und als Bischof von Alexandria, das nach Rom die berühmteste Stadt der Welt war, aufgestellt. Er landete um das Jahr 50 zu Cyrene in Pentapolis, bekehrte alsbald eine Menge Heiden und zerstörte die Götzentempel. Sein Evangelium, das er mit sich gebracht hatte, wurde in Lybien und den anderen Provinzen Ägyptens verbreitet. Nachdem der Heilige zehn Jahre auswärts gelehrt hatte, kam er endlich in die Hauptstadt seines Sprengels, wo das Christentum in kurzer Zeit erstaunliche Fortschritte machte. Das brachte die Heiden in die größte Wut und Markus war genötigt, ihren Äußerungen auszuweichen. Er begab sich nach Pentapolis, setzte aber zuvor den heiligen Anian zum Bischof von Alexandria ein. Zwei Jahre blieb er weg und besuchte während dieser Zeit die von ihm in Ägypten gegründeten Kirchen. Nach seiner Rückkehr wachte er mit verdoppeltem Eifer für das Wohl der herrlich aufblühenden Gemeinde, und die Neubekehrten befleißigten sich unter seiner Leitung eines vollkommen heiligen Lebenswandels. Nachdem er für einige Zeit sich nach Rom begeben hatte, ging er wieder nach Alexandria, wo ihn ein glorreicher Martertod erwartete und seine apostolische Laufbahn beschlossen werden sollte. Die Heiden, erstaunte Zeugen seiner Wunder, behandelten ihn als Zauberer und schworen ihm den Tod. Insbesondere waren es die Götzenpriester, die das Volk gegen ihn erbitterten und den Galiläer – so nannten sie Markus – als Opfer verlangten. Der Pöbel folgte dem Geschrei der Unsinnigen und ergriff den Heiligen, als er zum Osterfest eben die heiligen Geheimnisse feierte. Man band ihn mit Stricken und schleifte ihn einen ganzen Tag lang durch die Straßen, die von seinem Blut gefärbt wurden. Am Abend wurde er in einen Kerker geworfen, wo himmlische Gesichte ihn trösteten. Am folgenden Morgen stürmten die Heiden ins Gefängnis und zerrten ihn aufs Neue durch die Stadt, bis er unter ihren Misshandlungen den Geist aufgab am 25. April des Jahres 68. Seine Reliquien werden bekanntlich zu Venedig aufbewahrt, wo er auch als Hauptpatron verehrt wird. Die heiligen Väter haben ihm in Beziehung auf das erste Kapitel des Propheten Ezechiel als Sinnbild einen Löwen beigegeben.

 

26. April

 

Der heilige Richarius, Priester und Abt von Centula, Frankreich,

+ 26.4.645 – Fest: 26. April

 

Der heilige Bekenner Richarius, Stifter und Abt des Benediktinerklosters Centula oder St. Riquir in Ponthieu, um das Jahr 570 geboren, brachte seine ersten Jahre in den Arbeiten des Landbaues zu, bis die Vorsehung zwei irische Priester, namens Cadok und Frikor, in sein Dorf führte. Während die übrigen Bewohner sie unfreundlich abwiesen, nahm er sie in sein Haus auf und erzeigte ihnen alle möglichen Gefälligkeiten. Gott belohnte augenblicklich seine Nächstenliebe. Die frommen Gäste unterrichteten ihn in der Übung der christlichen Tugenden, und er wurde durch ihre Reden so ergriffen, dass er seine Sünden bekannte und eine ganz neue Lebensweise begann. Ab nun lediglich dem Dienst des Herrn sich hingebend wurde er Mönch, betete Tag und Nacht und aß nur zweimal in der Woche. Nachdem er zum Priester geweiht worden war, ging er aus und predigte das Evangelium. Einige Zeit darauf schiffte er nach England über, um in der Wissenschaft der Heiligen sich noch mehr zu vervollkommnen. Von da zurückgekehrt setzte er sein apostolisches Werk eifrig fort, und seine Lehren brachten überall die herrlichsten Früchte hervor. Selbst König Dagobert wollte ihn hören und fühlte sich so erbaut von ihm, dass er ihm beträchtliche Geschenke aufdrängte. Diese milden Gaben verwendete Richarius zur Unterstützung der Armen und zur Stiftung eines Klosters in seinem Vaterort Centula, wozu 638 der Grundstein gelegt wurde. Viele Heilsbegierige sammelten sich hier um ihn, denen er ein weiser und liebevoller Führer war. Mit dem herankommenden Greisenalter legte er das Vorsteheramt nieder und ging von einem einzigen Gefährten begleitet in den Wald Cressy, um unter Gebet und Betrachtung zum Tod sich vorzubereiten. Als ihm freigebige Hände ansehnliche Grundstücke schenkten, erbaute er auch hier ein Kloster, das Foretmoutier (Forstmünster) genannt wurde. Er für seine Person lebte getrennt von den Brüdern in einer einsamen Zelle und entschlief da sanft und selig im Jahr 645. Sein Grab zu Centula leuchtete durch alle Zeit mit Wundern.

 

Der heilige Trudpert, Märtyrer, Mönch und Einsiedler vom Münstertal,

+ 26.4.643 – Fest: 26. April

 

Mehr als tausend Jahre blühte im Münstertal am Fuß des Schwarzwaldes zwei Meilen von Freiburg im Breisgau entfernt, ein großes Benediktinerkloster, von dem viele Gottbegeisterte Missionare ausgingen, um das zum Teil noch heidnische Volk der Alemannen für das Christentum zu gewinnen, und die Christen in der Wissenschaft des Heils, in der Gottesfurcht und allen Tugenden zu befestigen. Dieses Kloster wird nach seinem Gründer St. Trudpert genannt.

 

Einem uralten Bericht zufolge entstammte Trudpert einem hochadeligen Geschlecht Irlands und soll ein Bruder des heiligen Rupert, des ersten Bischofs von Salzburg, und der heiligen Jungfrau Erintrud gewesen sein. Nachdem er eine Wallfahrt nach Rom unternommen und am Grab der Apostelfürsten gebetet hatte, reifte in ihm der Entschluss, seine teure Heimat und lieben Angehörigen zu verlassen, um im verborgenen Leben Gott und dem Heil seiner Seele zu leben. Ein himmlisches Gesicht wies ihn in eine stille Gegend unfern des Rheins. Vom Papst Bonifatius IV. gesegnet, durchwanderte er betend und predigend einen großen Teil Alemanniens und kam in ein wildes Tal am Fuß des Belchen. Bei dem Bächlein Neumage beschloss er eine Einsiedelei zu bauen und bat den Grafen Othpert um Erlaubnis, sich auf seinem Grundeigentum niederlassen zu dürfen. Hocherfreut, einen so heiligen Mann auf seinem Gebiet zu haben, entsprach der Graf sehr gerne der Bitte Trudperts und schenkte ihm die ganze raue Wildnis mit Berg und Wald und Gewässer, damit er seinen Entschluss ausführen könne, dort eine Zelle zu errichten. Auch gab er ihm sechs Knechte bei, die das unfruchtbare Gestrüpp entfernen und die Wohnung herrichten sollten (640).

 

Das erste, was er ins Werk setzte, war die Erbauung einer Kapelle zu Ehren der heiligen Apostel Petrus und Paulus, die der Bischof von Konstanz einweihte. Trudpert strebte mit allem Eifer nach göttlichen Dingen, kasteite seinen Leib mit Fasten, Nachtwachen, Beten und Betrachten, verkündete in dem Land ringsumher die Lehre des Heils und gewann die Herzen des Volkes durch seine väterliche Liebe und sein heiliges Leben. Der böse Feind sah voll Neid und Hass das edle Werk Trudperts mehr und mehr zur Ehre Gottes und zur Rettung der Seelen gedeihen und flüsterte zweien der Knechte Othperts den schrecklichen Entschluss ein, den Heiligen zu ermorden.

 

Ermattet von schwerer Arbeit hatte sich Trudpert in der Mittagshitze auf eine hölzerne Bank gelegt, um ein wenig zu schlummern. Da kam einer der bösen Brüder, spaltete ihm mit einem Beil das Haupt, dass es darin stecken blieb und entfloh mit dem Mitgesellen. Der Tag der Ermordung war der 26. April 643.

 

Als der Graf Othpert von der Gräueltat hörte, wurde er tiefbetrübt. Ohne Verzug eilte er herbei, fand den Leichnam mit bleichem, blutbespritztem Antlitz voll himmlischen Friedens. Er begrub ihn in Gegenwart vielen Volkes in der Kapelle des heiligen Petrus. – Die beiden Mörder, vom bösen Geist ergriffen, irrten unstet durch Berg und Tal, bis sie von der Hand der Gerechtigkeit ergriffen wurden. Zu dem Landgrafen Babo von Elsass, , dem Bruder des Grafen Othpert geführt, entleibte sich der eine Mörder unterwegs, der andere wurde hingerichtet.

 

Bald wurde das Grab Trudperts, den man als einen heiligen Märtyrer verehrte, das Ziel vieler frommen Wallfahrer und viele Wunder verherrlichten die Mordstätte. Neben ihr entstand das berühmte Kloster St. Trudpert, dessen segensreiche Wirksamkeit sich über einen großen Teil des südlichen Deutschlands erstreckte. Das kirchliche Andenken an den heiligen Einsiedler und Märtyrer Trudpert wird alljährlich an seinem Todestag, dem 26. April, gefeiert.

 

27. April

 

Die heilige Zita, Dienstmagd von Lucca,

+ 27.4.1278 - Fest: 27. April

 

Die heilige Zita wurde in einem etwa drei Stunden von der Stadt Luka in Italien abgelegenen unbedeutenden Ort von einfachen aber frommen und christlichen Eltern geboren und von diesen gottesfürchtig erzogen. Ihr Vater soll Johann Lambardus, ihre Mutter Bonissima geheißen haben, ihre Schwester als Zisterzienserin im Ruf der Heiligkeit gestorben sein, so wie der Bruder ihrer Mutter, Grazian, als heiligmäßiger Laie. Ein Beweis, dass Gottesfurcht und Frömmigkeit in der Familie Zitas zu Hause waren.

 

Schon mit zwölf Jahren wurde Zita von ihren Eltern angehalten, als Dienstmädchen ihr tägliches Brot zu verdienen, und Zita zeichnete sich in dieser Eigenschaft im Haus der Familie Fatinelli in Luka durch Frömmigkeit, gutes Betragen, Ehrfurcht, Höflichkeit, Fleiß, Treue und Achtsamkeit so vorteilhaft aus, dass ihre Vorgesetzten nicht bloß mit ihr zufrieden, sondern auch so gut waren, sie in allen Dingen unterrichten zu lassen, die gut für Zitas Leben waren.

 

Die ununterbrochene Beschäftigung war gleichsam zu ihrer anderen Natur geworden. Und hatte sie einmal nichts für ihre Herrschaft zu tun, so suchte sie sich selbst eine nützliche Beschäftigung. Denn Langeweile und Nichtstun mochte Zita überhaupt nicht, weil das, wie sie wusste, aller Anfang vom Bösen ist.

 

Mit der Frömmigkeit und dem Fleiß verband sie außerdem ein sehr mitleidiges Herz, besonders gegenüber armen Waisen und gebrechlichen Armen.

 

Wie sie nur konnte, sparte sie einen Teil der ihr zur Nahrung zugeteilten Speisen, um damit einem Hungrigen etwas zu geben. Von ihrem geringen Dienstlohn teilte sie das meiste den Armen aus, und hatte sie ein Kleidungsstück, dem sie entwachsen oder das sie abgenützt hatte, so versuchte sie es so gut wie möglich auszubessern, um es einem Armen geben zu können. Ja, Zita war darauf bedacht, immer etwas als Vorrat zu haben, um den Armen damit eine Freude machen zu können, und mit Dank nahm sie alles an, was man ihr für die Armen schenkte.

 

Eines Tages, als sie einmal gar nichts hatte, was sie einem Bedürftigen hätte reichen können, erflehte von ihr ein alter kraftloser Armer eine auch noch so geringe Gabe. Das Herz brach ihr beinahe vor Schmerz, weil sie gar nichts hatte. Doch die wahre, christliche Liebe ist erfinderisch. Zita eilte an den Brunnen, reinigt ein Trinkglas sehr sorgfältig, füllt es mit frischem Wasser, und im Gedenken der schönen Ermahnung des ehrwürdigen Tobias an seinen Sohn: „Sei barmherzig so gut du kannst! Hast du viel, so teile reichlich aus; hast du wenig, so bemühe dich, das wenige doch gerne zu geben,“ eilt Zita dem kraftvollen Armen liebend entgegen, sie reichte ihm den frischen Trank, und dieser trinkt das Gefäß mit großer Lust aus, denn es kam ihm so vor, als tränke er den köstlichsten Wein. Er fühlt sich gestärkt, dankt herzlich und geht nun zufrieden seinen Weg.

 

So voller Mitleid Zita war, ebenso liebevoll war sie. Niemals vergaß sie die ermunternden und belehrenden Worte Jesu: „Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen“, und es war eine ihrer persönlichsten Sorgen, dem Sohn Gottes in allem so getreu als möglich nachzufolgen. Raue, harte, unverdient zornige Vorwürfe und Handlungen, die sie von anderen von Zeit zu Zeit erfuhr, nicht einmal falsche Anklagen und Verleumdungen konnten die Ruhe ihrer Seele trüben. Keine Klage über Unrecht, dass man ihr tat, konnte man aus ihrem Mund hören. Sie war vielmehr in den Sinn der Worte Jesu vollkommen eingedrungen, als der einst sagte: „Wenn du deine Gabe auf den Altar legst und du dich dort daran erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe vor dem Altar liegen, geh zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder.“ Oft fiel sie deswegen jenem, der sie ungerecht gekränkt, verleumdet oder gelästert hatte, zu Füßen und bat ihn um Vergebung der Schuld, die sie doch gar nicht begangen hatte.

 

Bemühte sich Zita auf solche Art liebevoll und demütig von Herzen zu sein, so war ihr andererseits nichts unangenehmer, als wenn man sie lobte, so sehr sie auch das Lob verdient hatte. Denn sie war vollkommen von der großen Wahrheit überzeugt, dass Demut zwar dem Stand gut anstehe, doch besonders dem dienenden Stand. Sie begriff ganz und gar die Worte ihres Heilandes: „Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, so sagt: wir sind unnütze Knechte, wir haben nur getan, was wir zu tu schuldig waren.“

 

Die vollkommenste Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten hatte sich Zita durch ihr gutes Betragen und wegen ihrer Treue und ihres Fleißes erworben. In einem noch höheren Grad erwarb sich aber Zita die Achtung auch aller ihrer Bekannten, selbst ihrer nächsten Umgebung, durch ihre gute und christliche Art. Denn erschrak sie schon vor jedem unreinen Gedanken, so erlaubte sie sich umso weniger ein zweideutiges Wort. Sie brachte es sogar so weit, dass sich niemand traute, ihr etwas Ungutes oder gar Sündhaftes zuzumuten. Als indessen einer der Hausbewohner es doch eines Tages wagte, ihr einen solchen Antrag zu machen, so beschämte sie ihn durch Zurechtweisung so sehr, dass er es nie mehr wagte, weder bei ihr noch bei einem anderen Mädchen ähnliche Worte zu sprechen. Auch andere Mädchen zur Reinheit des Herzens zu führen, gehörte mit zu den größten Anliegen Zitas. Jesu Worte: „Selig sind, die eines reinen Herzens sind“, versuchte sie ihnen mit aller Sorgfalt vor Augen zu führen. So sehr sich Zita auch mühte, den Forderungen und Wünschen ihrer Herrschaft nachzukommen, so versuchte sie jedoch dabei Gott mehr zu gefallen, als den Menschen. Ihr Wahlspruch war von Kindestagen an: „Die Hand bei der Arbeit, das Herz bei Gott!“ und an jedem Morgen erinnerte sie sich an sie. Hatte sie ihre Gebete zu Gott in ihrer Kammer und der ganz nahe gelegenen Kirche des heiligen Frigidian verrichtet, ging sie mit erneuerter Liebe, Achtsamkeit und Freude an ihre Arbeit, die sie mehr aus Liebe zu Gott, als des Dienstlohnes wegen verrichtete. So erfüllte sie die Lehre Jesu und des großen Völkerlehrers: „Betet ohne Unterlass!“

 

Zita gehörte unter die Dienstboten, die ihren Herrschaften in allen normalen Forderungen zu gefallen suchen, ihren Nutzen befördern, sie vor Schaden warnen, mit ihrem Stand zufrieden sind und ihr Herz nicht hängen an vergängliche Güter dieser Zeit. Daher geschah es auch, dass sie vierzig Jahre lang, ohne zu wechseln, im Dienst des Hauses der Familie Fatinelli blieb. Aber auch die Familie wusste die treue, unermüdet fleißige und gottesfürchtige Magd zu schätzen. Sie behandelte die nun schon alt gewordene Zita mehr als Hausfreundin. Sie verlangte keine Dienstleistungen mehr von ihr; pflegen und schonen sollte sie ihren unter der anhaltenden Arbeit mürbe gewordenen Körper. Dem Gottesdienst, ihrer Lieblingsbeschäftigung, sollte sie, wann sie nur immer wollte, nach Gefallen beiwohnen. So angenehm ihr das zwar war, so war Zita doch andererseits an Arbeit zu gewöhnt, als dass sie nach der Rückkehr aus der Kirche unbeschäftigt hätte bleiben können. Wurde sie von ihrer Herrschaft an das Ausruhen erinnert, antwortete sie dankbar: „Sie werden doch nicht haben wollen, dass der Tod mich im Müßiggang überrascht!“

 

Doch endlich nahte sich die Stunde ihres Heimgangs. Zita wurde von einem anfangs mäßigen Fieber überfallen, das aber immer mehr zunahm und gefährlicher wurde. Sie fühlte bald selbst das herannahende Ende ihres Lebens und zögerte nicht, sich zu diesem wichtigen Übergang durch den andächtigen Empfang der heiligen Sterbesakramente vorzubereiten.

 

Keine Furcht, keine Angst, kein Zagen war bei ihr zu bemerken. Denn Christus war ihr im Leben und im Sterben Gewinn. Mit hoher Sehnsucht verlangte sie vielmehr zu sterben und mit Christus zu sein. Mit diesen Gefühlen entschlief sie sanft am 27. April 1172 im Beisein einiger frommer Frauen der Familie Fatinelli.

 

Kaum erscholl am frühen Morgen die Nachricht von dem erfolgten Tod der wegen ihren seltenen und großen Tugenden schon im Leben heilig geachteten Zita, so riefen sich unaufgefordert die Kleinen auf den Straßen zu: „Kommt, lasst uns in die Kirche des heiligen Frigidian eilen, denn die heilige Zita ist gestorben!“ Wirklich wurde auch ihr Leichnam auf allgemeines Verlangen in dieser Kirche öffentlich ausgesetzt, und es versammelte sich dabei ununterbrochen eine unzählbare Menge Volkes, um die Verklärte noch einmal zu sehen und von ihrer Kleidung sich ein Stückchen abzuschneiden, weswegen ihr Leichnam öfter neu bekleidet werden musste. Erst nach mehreren Tagen war es möglich, sie zu begraben. Das Begräbnis geschah unter dem Zulauf der ganzen Stadt und Umgegend mit großem Gepränge und mit tiefer Rührung. Später wurde ihre sterbliche Hülle, die immer ihre blühende Gestalt behielt, auf Verordnung der Kirchenvorsteher in einen steinernen Sarg gelegt und i Ehren aufbewahrt, weil an ihrem Grab und durch die Fürbitte häufige Wunder geschahen, bis endlich mit höchster Genehmigung der Kirche, unter der Regierung des Papstes Leo X., Zita als eine Heilige öffentlich verehrt werden durfte und zu ihrem Andenken an mehreren Orten Italiens Kirchen und Kapellen erbaut wurden.

 

Der heilige Tutilo, Gelehrter und Mönch von St. Gallen,

+ 27.4.912 – Fest: 27. April

 

Wo die natürlichen Geistesanlagen von der erleuchtenden und wärmenden Sonne der göttlichen Gnade geweckt und genährt worden, pflegt sich ein Gebilde zu entwickeln, auf dem das Auge mit Wohlgefallen ruht, und das im Schatzkästlein der Erinnerung aufbewahrt zu werden verdient. In Tutilo finden wir körperliche Anmut mit dem Adel der Gesinnung, Demut und Frömmigkeit mit hervorragendem Wissen und seltener Kunstfertigkeit vereinigt. Aus fürstlichem Geschlecht in Deutschland um 840 geboren, verschmähte er die hohe, glänzende Stellung in der Welt und trat in das Kloster St. Gallen. Unter der Leitung des heiligen Ordensmannes Marcellus bildete sich Tutilo in Frömmigkeit und allem Wissenswerten so glänzend aus, dass er unter seinen Zeitgenossen als ein Stern erster Größe verehrt wurde.

 

Um den Lehrstuhl Tutilos versammelten sich die Söhne des hohen Adels aus den deutschen und fränkischen Ländern und lauschten begeistert auf seine gelehrten und beredten Vorträge. Aber nicht allein in den Wissenschaften ragte der fromme und bescheidene Mönch hervor, sondern auch in allen Künsten. Mit seinem Freund und Zeitgenossen Notker vertiefte er sich in die Kenntnis des gregorianischen Kirchengesangs, war ein Meister in Handhabung der Blas- und Saiteninstrumente, war ein Maler, Bildhauer, Baumeister, Erzgießer und Dichter. In allen wichtigen Angelegenheiten zogen ihn die Fürsten zu Rat. Dennoch blieb der berühmte Mönch stets kindlich fromm, bescheiden und anspruchslos. Eine besondere Verehrung hegte er zur allerseligsten Jungfrau Maria, deren Fürbitte er so viele Gnaden verdankte.

 

Einst wurde Tutilo nach Metz berufen, um dort in einer Kirche das Bildnis der allerseligsten Jungfrau mit dem Kindlein Jesus auf den Armen zu malen. Während der Arbeit kamen zwei Fremde in die Kirche, bewunderten die Schönheit des fast vollendeten Gemäldes und sahen erstaunend eine wunderbar schöne Jungfrau neben Tutilo stehen, die ihm die Pinsel darreichte und nach Bedürfnis der Farben wechselte. Neugierig fragten sie den anwesenden Domherrn, ob diese Jungfrau etwa eine Schwester des Künstlers sei. Jetzt erblickte auch der Domherr die allerseligste Jungfrau in himmlischer Schönheit und rief entzückt aus: „O dreimal glücklicher Tutilo, der du eine so erhabene Gebieterin bei dir hast, um in der Arbeit dir behilflich zu sein!“ Der demütige Diener Gottes meinte, dass dies nur Einbildung sei, aber der Domherr machte dieses Wunder in der Stadt bekannt. Um jedem Menschenlob auszuweichen, verließ Tutilo noch an demselben Abend die Stadt. Am folgenden Morgen strömte das Volk zur Kirche und sah ein neues Wunder. Denn obwohl der Künstler sein Bild noch nicht ganz vollendet hatte, fehlte doch kein Pinselstrich mehr und alle glaubten, dass die Mutter Gottes selbst das Bild fertig gemalt habe. Tutilo kehrte in sein Kloster zurück und verschwieg das so merkwürdige Ereignis vor seinen Ordensbrüdern, die erst später vom Bischof von Metz den Tatbestand erfuhren.

 

Bis in sein hohes Greisenalter widmete Tutilo seine Wissenschaft und Kunst dem Dienst Gottes und der Wohlfahrt seiner Mitmenschen. Unter Anrufung des heiligen Gallus wirkte er viele Wunder an Kranken und Besessenen und starb reich an Verdiensten im Ruf der Heiligkeit am 27. April 912. An seinem Grab in der Katharinenkapelle geschahen viele wunderbare Gebetserhörungen. Einige Gedichte und Werke seiner kunstgeübten Hand sind noch im Kloster St. Gallen erhalten.

 

28. April

 

Der heilige Paul vom Kreuz, Priester und Ordensstifter, Italien,

+ 18.10.1775 - Fest: 28. April

 

Wenn der Kaufmann Danei im norditalienischen Ovada seine Kinder, sechszehn an der Zahl, beidseitig der Größe nach abgestuft, nebeneinander stellte, so sah es aus wie eine lebendige Orgel. Da gab es dann auch täglich ein Orgelkonzert, und manchmal herrschte ein Krach im Haus, dass man das eigene Wort nicht verstand. Die kinderliebenden Eltern hatten an dieser Musik die größte Freude. Obwohl sie hart arbeiten mussten, um all die Mädchen und Jungen großzuziehen, mochten sie trotzdem nicht auf eine einzige Stimme an ihrer sechszehnpfeifigen lebendigen Hausorgel verzichten. Wenn es manchmal allzu laut herging, rief der Vater oft dazwischen: „Kinder, wie oft habe ich euch schon gesagt, dass nie mehr als sieben zur gleichen Zeit reden sollen!“ dann lachten alle umso lauter und lärmten und sangen und pfiffen weiter.

 

Nur beim gemeinschaftlichen Gebet am Morgen, vor und nach dem Essen und zur Nacht herrschte Ruhe, die abends noch eine Weile anhielt, denn nach dem Rosenkranz, der täglich gebetet wurde, griff Vater Danei zur Heiligenlegende und las laut und schön die Geschichte des Heiligen vom nächsten Tag vor. Es dauerte etwa zehn Minuten, und nachher fragten die Kinder noch die Eltern aus nach diesem und jenem, was sie in der Legende nicht verstanden hatten. Gern erklärten Vater und Mutter alles, bis es allmählich Zeit wurde, in die Federn zu kriechen.

 

Vor allem war es Paul, der Älteste, ein stiller, nachdenklicher, lieber Junge, der, weil er gern alles genau wissen wollte, am meisten fragte. Ihm war es nämlich klar, dass auch er ein Heiliger werden musste. Tatsächlich steht heute das hohe Wort „heilig“ vor seinem Namen. Pauls spätere Heiligkeit hat also ihre Wurzel in der täglichen Lesung der Heiligenlegende.

 

Besonders zog die Geschichte vom bitteren Leiden und Sterben des Heilandes den warmherzigen Jungen an. Schon in der frühesten Jugend war es so bei ihm. Paul trug nämlich der damaligen Mode entsprechend langes Haar, und wenn ihn die Mutter morgens nach dem Waschen kämmte, schrie er regelmäßig so sehr, dass man es auf der Straße hören konnte. Wenn ihm aber die Mutter ein Kruzifix in die Hand drückte und zu ihm sagte: „Schau, wie viel der liebe Heiland gelitten hat!“, so verstummte sofort jeder Laut, und jede Träne versiegte. Tapfer biss der Kleine die Zähne zusammen und ruckte und muckte sich nicht mehr.

 

Paul war also schon in der Kindheit ein Paul vom Kreuz. Als junger Mann ging er dann dem Vater im Geschäft zur Hand. Später meldete er sich freiwillig zu einem Kriegszug gegen die Türken. Unterwegs erhielt er jedoch in einer übernatürlichen Erleuchtung von Gott den Auftrag, selbst ein Heer von geistigen Gottesstreitern aufzustellen, nämlich einen neuen Orden zu gründen, dessen Mitglieder vor allem durch feurige Predigten über den gekreuzigten Heiland die Menschen zu Christus zurückführen sollten.

 

So geschah es auch. Paul, der sich von nun an Paul vom Kreuz nannte, stiftete den Orden der Passionisten. Das bedeutet, den Orden vom bitteren Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus, der heute noch blüht und weltweit viele tausend Mitglieder hat, die gerade durch die Predigt über den Gekreuzigten zahllose Menschen in die Freiheit der Kinder Gottes führen. Im Jahr 1775 starb Paul vom Kreuz, und 1867 wurde er heiliggesprochen.

 

Der heilige Peter Alois Maria Chanel,

Priester, Missionar und 1. Martyrer in Ozeanien, Marist,

+ 28.4.1841 - Fest: 28. April

 

„Auf dass unsere Zeit keinen Grund hätte, die vergangenen Zeiten zu beneiden, so hat die göttliche Vorsehung unseren Tagen es vorbehalten, dass in diesen letzten Jahren den äußersten Grenzen Ozeaniens und seinen so weit entlegenen Bewohnern das Licht des Evangeliums durch Boten des göttlichen Wortes aufging, die nach dem Vorbild der alten Apostel die Lehre Christi, welche sie verbreiteten, auch mit ihrem Blut zu bekräftigen verlangten. Einen so edlen Herzenswunsch sah erfüllt der ehrwürdige Diener Gottes Petrus Aloysius Maria Chanel, dessen Leben ein Beispiel, dessen Tod eine Zierde des christlichen Namens ist.“ (Papst Leo XIII. im Dekret der Seligsprechung)

 

Chanel ist geboren am 12. Juli 1803 zu Cuet in Frankreich, Diözese Belley. Er war das Kind einfacher, schlichter Landleute. In der Taufe erhielt er den Namen Peter. Aloys nannte er sich von dem Tag an, da er gefirmt wurde, dem Fest des heiligen Aloysius. Den Namen Maria fügte er hinzu, als er vernahm, dass ihn seine fromme Mutter schon vor der Geburt der Mutter Gottes geweiht habe. Sie hatte ihm nämlich überdies von zarter Kindheit an eine innige Andacht zur seligsten Jungfrau eingepflanzt, die ihn sein ganzes Leben auszeichnete und wie ein schützender Engel begleitete. Sieben Jahre alt, musste er die kleine Schafherde seines Vaters hüten, und nie kehrte er von der Weide heim, ohne ein duftiges Sträußlein gepflückt zu haben, um es zu Hause zu den Füßen des Muttergottesbildes niederzulegen, vor dem er sein Morgen- und Abendgebet zu verrichten pflegte. „In aller Herrgottsfrühe“, so erzählt er selbst von diesen Tagen seliger Kindheit, „Stand ich jeden Morgen auf. Während meine gute Mutter mir die Hirtentasche umhing, die ihre Liebe stets mit etwas Gutem zu füllen wusste, fragte sie mich immer: „Peter, hast du auch dein Morgengebet schon verrichtet?“ Dann umarmte sie mich und ermahnte mich, brav zu sein, und fröhlich zog ich hinaus, gefolgt von meinem treuen Hündlein.“

 

Solchen Anfängen entsprach der Fortgang. M. Trompier, Pfarrer von Cras, hatte in seinem Haus eine kleine Lateinschule eingerichtet, wo er gut veranlagte Jungen um sich sammelte, um ihnen die erste Vorbereitung zum priesterlichen Beruf zu geben. Eines Tages traf er den kleinen Peter beim Hüten, und da ihm die Antworten des munteren, unschuldigen Jungen gefielen, nahm er ihn nach Rücksprache mit seinen Eltern, die dann ebenfalls nach Cras übersiedelten, zu sich. Peter wurde bald eine Zierde der Schule, das „Blümchen der kleinen Herde“, wie sich der Pfarrer später auszudrücken pflegte. Dreizehneinhalb Jahre alt, empfing Peter die erste heilige Kommunion, mit welchem Ernst und ungewöhnlichem Verständnis, zeigen die Lebensregeln, die er sich an diesem Tag niederschrieb. Ungefähr in seinem fünfzehnten Lebensjahr wurde Peter von einem eigentümlichen Ekel und Überdruss an seiner bisherigen Lebensweise befallen und er beschloss, aus der Einrichtung zu entfliehen. Schon war er auf dem Weg, da begegnete ihm die Lehrerin der Mädchenschule und fragte: „Nun Peter, wohin so eilig?“ „Fort! Ich kann nicht länger bleiben!“ „So! Hast du die Mutter Gottes auch schon um Rat gefragt?“ Peter schwieg verlegen. „Nun gut, Peter, bevor du gehst versprich mir eines: dort ist die Kirche, gehe hin und frage erst die Mutter Gottes.“ Peter ging und nach einer Weile kam er freudestrahlend zurück, schwang seine Bücher in der Luft und rief: „Ich bleibe, ich bleibe!“ Sein Leben lang blieb er der Mutter Gottes für den Schutz in dieser verhängnisvollen Stunde dankbar.

 

Mit sechzehn Jahren trat Chanel in das Kleine Seminar von Meximieux. Was er in Cras gewesen, wurde er auch hier, der Liebling seiner Mitschüler und Lehrer. Er wurde einstimmig zum Präfekten der marianischen Kongregation erwählt, und seine Liebe zu Maria wusste dieser so segensreichen Einrichtung neuen Aufschwung zu geben. Einst schnitt er sich zufällig in den Finger. Sofort ergriff er die Feder und schrieb mit seinem Blut die Worte nieder: „Maria, lieben und machen, dass sie geliebt werde.“ So hat er es durch die Tat gehalten. Seine Fortschritte in den Studien, die er ebenso glücklichen Anlagen als ausdauernder Arbeitslust verdankte, sein musterhaftes Betragen, seine aufrichtige Frömmigkeit und bei aller Sanftmut und Gefälligkeit ein gewisser Zug von Festigkeit in seinem Wesen gewannen ihm ein großes Ansehen unter den Studierenden, das er nur zur größeren Ehre Gottes und zur Verherrlichung seiner geliebten Mutter Maria verwertete. „Geliebt von Gott und den Menschen“ fasst einer seiner Mitschüler die Erinnerungen an ihn aus jener Zeit zusammen. Am 15. Juli 1827 empfing Chanel die heilige Priesterweihe. Und jubelnd führte der alte Herr Trompier seinen einstigen Zögling nach Cras zurück, damit er dort seine erste Heilige Messe feierte.

 

Bald darauf wurde Chanel in die Seelsorge geschickt und zeichnete sich in dem Maße aus, dass ihm schon nach Jahresfrist die ganz hoffnungslos verkommene Pfarre Crozet übertragen wurde. Das erste, was Chanel tat, war, dass er die unglückliche Gemeinde unter den Schutz der Himmelskönigin stellte, und als er sie nach nicht ganz 3 Jahren verließ, konnte er sie am letzten Sonntag, der ihn in Crozet sah, der Mutter Gottes in feierlichster Weise als würdiges Weihegeschenk darbringen und für ewige Zeiten ihrer besonderen Huld empfehlen. Er hinterließ in der vollständig umgewandelten Gemeinde das Andenken „des guten, frommen Pfarrers“. Das hat sein echt priesterlicher Wandel, seine aufopfernde Liebe zu den Kranken und besonders seine grenzenlose Freigebigkeit und Mildtätigkeit zu Stande gebracht. Noch vor seiner Abreise verteilte er seine ganze Habe bis auf das letzte Stück Möbel an die Armen der Gemeinde. Nicht lange nach der Ankunft Chanels in Crozet hatte der Bürgermeister an den Bischof geschrieben: „Ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie uns einen so ausgezeichneten Pfarrer geschenkt haben. Sie haben in ihm den Eifer und die milde Sanftmut des heiligen Franz von Sales in unserer Mitte wieder aufleben lassen.“

 

Aber bei aller so schönen und trostreichen Wirksamkeit zog es den Heiligen nach Höherem. Schon im Pfarrhof zu Cras und dann später wieder im Kleinen Seminar, war sein Blick durch fromme Lesung auf die auswärtigen Missionen gerichtet worden. „Die Annalen der Verbreitung des Glaubens“ gaben seiner Sehnsucht immer neue Nahrung, und zugleich wünschte er, zum Zweck seiner eigenen Vervollkommnung einer Ordensgenossenschaft sich anzuschließen. Seine Liebe zur Mutter Gottes lenkte seine Wahl auf die noch junge, erst im Jahr 1815 gegründete, Gesellschaft Mariä und nach langen, unverdrossen fortgesetzten Bitten erhielt er endlich auch von seinem Bischof die Erlaubnis, dem klar erkannten Ruf Gottes zu folgen. Als Marist bekleidete Chanel 5 volle Jahre die Stelle eines Professors und Direktors des Kleinen Seminars in Belley, und sein Herzenswunsch, die Missionstätigkeit, schien nun erst recht in die Ferne gerückt. Aber im Mai 1836 wurde die Gesellschaft Mariä von Gregor XVI. kanonisch bestätigt und ihr als besonderes Arbeitsfeld die schwierige Mission auf den Inseln der Südsee angewiesen. Sofort meldete sich Chanel, und sein Name stand an der Spitze der Liste jener, die für die neue Mission bestimmt waren. Der General der Maristen ernannte ihn zum Obern der ersten Missionsschar, und Msgr. Pompallier, der erste apostolische Vikar von Zentral-Ozeanien, zu seinem Provikar. „Dass Sie mich jetzt verlassen“, sagte ihm sein Bischof beim Abschied, „ist der erste Kummer, den Sie mir bereiten. Aber Gott ruft Sie. Sie müssen gehorchen. Die seligste Jungfrau, deren besonderer Schützling Sie stets gewesen, wird Sie schützend und tröstend begleiten und Sie über alle Schwierigkeiten siegen machen.“ „Sein Leben“, schreibt von ihm der Bischof später, „war das Vorbild echt priesterlichen Wandels für alle, zumal durch seine innige, wahre Frömmigkeit, seinen glühenden Seeleneifer, seine unwandelbare Sanftmut und Milde.“ „Er war ein Mann“, bezeugt ein anderer Bischof, „mit einem Herzen von Gold, der Glaubenseinfalt eines Kindes, den Sitten eines Engels.“

 

Am Vorabend vor Weihnachten 1836 verließen die Missionare Europa, und nach ungefähr 10monatlicher Reise landete Chanel auf der Insel Futuna. Es war am 9. November 1837, als er von Msgr. Pompallier den letzten Segen und die Weisung erhielt, mit Bruder Nizier auf der Insel zu bleiben.

 

Das erste, was sie taten, war, das kleine Inselland der Königin des Himmels zu weihen und ihre Arbeit unter deren besonderen Schutz zu stellen. Nicht ganz 4 Jahre später sollte Chanel den anscheinend unfruchtbaren Boden mit seinem Blut begießen. Die erste Zeit unfreiwilliger Muße wurde mit ganzem Eifer der Erlernung der Sprache der Eingeborenen gewidmet. Nebenbei durcheilten sie die Insel nach allen Richtungen, um etwa sterbenden Kindern die Taufe zu spenden. Nachdem die Schwierigkeiten der Landessprache überwunden waren, wendete der Missionar seine ganze Aufmerksamkeit vor allem der Bekehrung des Königs zu, dessen Liebe er gewonnen hatte, und dessen Gastfreundschaft er durch zwei Jahre sich erfreuen konnte. Dann aber kam es anders. Der König war nämlich auch Oberpriester des Volkes und fing an, da ein großer Teil seiner Macht auf dieser Verbindung von Königtum und Priestertum beruhte, von der Tätigkeit des Missionars für seine Herrschaft zu fürchten. Sein Wohlwollen gegenüber dem Missionar verwandelte sich in Argwohn, bald in Hass. Er verlegte seine Residenz, zog sich von dem Diener Gottes zurück und versuchte ihm sogar auf jede Weise den Lebensunterhalt abzuschneiden. Aber der Heilige suchte sich sein Brot im Schweiß des Angesichtes, und wie oft auch die Eingeborenen seine Pflanzungen plünderten, was sie auch sonst in Bewegung setzen mochten, ihn zu zwingen, dass er die Insel verlasse, seine Anspruchslosigkeit, seine Geduld machte alle ihre Bemühungen zu Schanden. Hingegen gewann er die Herzen der Insulaner immer mehr, „der Priester mit dem guten Herzen“, wie sie ihn nannten. Sie kamen ihn zu hören, und fingen auch an, auf seine Predigt hin ihre schrecklichen Lebensgewohnheiten abzulegen. Das reizte die Feinde noch mehr, und als bekannt wurde, dass auch der Sohn des Königs der neuen Lehre sich angeschlossen habe, beschlossen sie, zu offener Gewalt zu schreiten und ihren Verkünder aus dem Weg zu räumen. Zuerst stürmten sie die Hütten der Gläubigen und misshandelten die Wehrlosen, dann eilten sie zu Chanels Wohnung, wo sie den Heiligen allein trafen. Mit Keulenschlägen und einem Lanzenstoß streckten sie den Bekenner zu Boden und töteten ihn dann vollends mit Axt und Beil wie ein Opfertier. Es war der 28. April des Jahres 1841.

 

Bald nach der bösen Tat, die auf der ganzen Insel Abscheu und Entsetzen hervorrief, erfolgte der plötzliche Tod des Bruders des Königs, eines der Hauptanstifter des Mordes. Der König folgte ihm noch vor Jahresfrist, von einer grässlichen Krankheit ergriffen, nachdem er vergeblich bei allen Götzen der Insel Hilfe gesucht hatte. Ebenso ereilte die strafende Hand Gottes noch einige andere Häupter der Verschwörung. Aber viel auffallender war der Segen, den der Opfertod des Heiligen brachte. Noch ehe 5 Monate verflossen waren, verlangte die ganze Insel Unterricht und Taufe. Ganz einzig aber ist die Gnade, die dem eigentlichen Mörder Chanels zuteilwurde. Auch er war von einer schweren Krankheit ergriffen worden und bereute unter vielen Tränen seine Untat und begehrte inständig die Taufe. Er genas wieder und diente dann, als es sich um die Feststellung der Tatsache und der einzelnen Umstände des Martertodes des Heiligen handelte, mit anderen Teilnehmern an der Tat, als verlässlicher Zeuge. Als es dann mit ihm zum Sterben kam, ließ er sich in das Zimmer tragen, wo der heilige Petrus den Tod erlitten hatte, um so seinen Frevel durch den Tod an der selben Stelle nach Kräften zu sühnen.

 

Es fehlte auch nicht an Wundern, durch die Gott seinen Blutzeugen verherrlichte, und so wurde unter Pius IX. am 24. September 1857 sein Seligsprechungsprozess eingeleitet. Seine heiligen Überreste waren schon im Jahr 1851 nach Frankreich zurückgebracht worden. Die feierliche Seligsprechung erfolgte durch Leo XIII. am 16. November 1889, 8 Tage nachdem sein Altersgenosse und Landsmann, der selige Martyrer Johann Gabriel Perboyre, auf die Altäre erhoben worden war. Seine Heiligsprechung erfolgte im Jahr 1954 durch Papst Pius XII.

 

Der heilige Pollion (Pollio), Lektor und Märtyrer in Ungarn,

+ 28.4.304 – Fest: 28. April

 

Zur Zeit der grausamsten und blutigsten aller Christenverfolgungen unter dem römischen Kaiser Diokletian wütete im südlichen Ungarn gegen die Christen der Statthalter Probus, der als eine Ausgeburt der Hölle mit seinem Kaiser wetteiferte, um die Religion des Nazareners völlig auszurotten. Bereits hatte er den heiligen Bischof Irenäus von Sirmium grausam foltern und dann enthaupten lassen, bereits war der Priester Montanus von Syngidon seiner Blutgier zum Opfer gefallen und der Bischof Eusebius von Cibale unter dem Mordbeil gefallen. Als der heidnische Statthalter eben nach Cibale kam, führte man ihm den Lektor Pollion als den eifrigsten Bekenner des Christentums und als den größten Feind der Götter und der Kaiser vor.

 

Probus stellte sogleich ein Verhör mit ihm an und fragte ihn nach seinem Namen und Stand. Als er vernahm, dass Pollion zu jenen gehöre, die bei den Versammlungen der Christen das Wort Gottes vorlese, sprach er voll Ingrimm: „Du bist also einer von denen, die eitle und leichtgläubige Frauen überreden, dem Heiraten zu entsagen und sich einer ewigen, nutzlosen Keuschheit zu weihen?“

 

Pollion: „Noch heute kannst du einen Beweis erhalten von dem, was bei uns Leichtsinn und Eitelkeit heißt. Jene sind leichtsinnig, die um eurer abergläubischen Gebräuche willen ihren Herrn und Schöpfer verlassen. Diejenigen aber, die allen Qualen Trotz bieten, um die Gebote ihres ewigen Königs zu erfüllen, wie es in den heiligen Schriften steht, diese heißen wir treu und standhaft.“

 

Probus: „Wer ist dieser König? Was fordern seine Gebote?“

 

Pollion: „Sie befehlen, nur einen Gott anzubeten, und nicht zu glauben, dass Holz und Steine Götter werden können. Sie bessern den Sünder und stärken den Gerechten in seiner Unschuld. Sie lehren die Jungfrauen den ausgezeichneten Wert der Jungfräulichkeit, und unterweisen die Frauen, rein in den ehelichen Banden zu leben. Sie befehlen den Herrn, ihre Diener mit Schonung zu behandeln, heißen die Sklaven, mehr aus Liebe, als aus Furcht zu gehorchen, und gebieten den Untertanen, dem König und der Obrigkeit in allen gerechten und einfachen Sachen zu gehorchen. Ehrt, sagen sie, Vater und Mutter, steht den Fremden bei, vergebt den Feinden, liebt eure Brüder und Schwestern, seid gastfreundlich gegenüber Fremden, mitleidig gegenüber den Armen, liebevoll zu allen! Diese Gebote befehlen ferner, niemand Böses zuzufügen, Unbilden geduldig hinzunehmen, sich loszusagen von den eigenen Gütern, und fremde nicht zu verlangen. Endlich erklären sie, dass jener ewig leben werde, der sein Leben für den Glauben hingibt. Da du jetzt diese Gesetze kennst, willst du sie verdammen oder billigen?“

 

Probus: „Welchen Nutzen aber können diese Dinge einem Menschen bringen, der sterben und zu gleicher Zeit des Lichtes und aller irdischen Güter beraubt werden soll?“

 

Pollion: „Das ewige Licht ist mehr wert, als das Licht weniger Tage, und niemals können die vergänglichen Güter mit den ewigen verglichen werden.“

 

Probus: „Wozu alle diese Worte? Opfere, oder du wirst durch das Schwert sterben!“

 

Pollion: „Tue, was dir befohlen ist! Ich werde den Fußstapfen meines Bischofs folgen, meiner Priester und der Väter, die mich mit ihren Lehren und Unterweisungen genährt haben.“

 

Als der Statthalter alle seine Bemühungen, den glaubensfesten und gottbegeisterten Lektor Pollion zum Abfall vom Glauben zu bewegen, vereitelt sah, verurteilte er ihn zum Feuertod. Mit freudigem Herzen vernahm der treue Diener der Kirche sein Todesurteil und ließ aus den Flammen seine edle Seele zum Thron der ewigen Freuden emporsteigen. Der Tag seiner Marter war der 28. April des Jahres 304.

 

Der heilige Ludwig Maria Grignon von Montfort, Missionspriester,

Stifter zweier Ordensgenossenschaften, Lehrer der „wahren Andacht“ zu Maria,

+ 28. April 1716 – Fest: 28. April

 

Dieser Heilige verdient unter die großen Männer der Kirche gezählt zu werden. Der Schleier der Demut hat während seines Lebens seinen Namen in Verborgenheit gehüllt. Aber heute wird er in der ganzen Kirche mit Ruhm genannt. Was Grignon (spr. Grinjon) von Montfort in prophetischem Geist vorausgesagt, was er über die wahre Andacht zur allerseligsten Jungfrau gelehrt hat, mag geeignet sein, das Reich Gottes in jeder Menschenseele und den Triumph der Kirche in der ganzen Welt vorbereiten zu helfen. Dass der heilige Ludwig Grignon Franzose ist, soll uns das hindern, sein frommes und fruchtbares Leben und sein eifriges Streben, die Marienverehrung zu vertiefen und zu fördern, bewundernd anzuerkennen und nachzuahmen? Die Liebe zu Gott ist international; darum muss es auch die Kirche sein. Dass die französische Kirche sich die Mutter der Heiligen nennen kann, werden wir Deutsche ihr neidlos zuerkennen müssen. Das soll uns nur kräftigst anspornen, unsererseits in frommem Wetteifer nach der wahren Menschengröße, nach Heiligkeit zu streben. Nur in einem christlich-frommen, in einem gerechten, heiligen Leben werden wir unsere Rettung finden.

 

Die Zeit, die dem heiligen Grignon in diesem Land der Verbannung gegeben war, umfasste die Jahre 1673 bis 1716, eine kurze Zeit. Sein Wirken aber, als das eines von der Liebe Gottes ganz entzündeten Priesters, dessen Heilsworte auf die Herzen der verstocktesten Sünder wie Feuer auf Wachs wirkten, war gleichwohl ein großes. Er stammte aus dem charaktervollen und glaubensstarken Bezirk der Bretagne, aus Montfort, Diözese St. Malo, deren Bevölkerung, wie jener der Vendee, Grignon gelehrt hat, bei der nachherigen Revolution für den Glauben zu sterben. Sein Vater war Advokat und gehörte dem weniger reichen als glaubensinnigen und mutigen Adel der Bretagne an. Edelmut, der sich für den Nächsten opfert, zeichnete immer unseren heiligen Ludwig aus. Schon dem frommen, gebetseifrigen Studenten war es eine Herzensfreude, die Kranken in den Spitälern zu besuchen und zu pflegen und die Armen mit dem zu unterstützen, was er sich selbst versagte. Seine Nächstenliebe machte ihn wahrhaft kühn. Einmal führte er einen armen Mitschüler zu einem Kaufmann in Rennes: „Herr“, sprach er, „seht hier meinen Bruder; er ist auch der Eure. Ich habe bei den Schülern der Klasse gesammelt, so viel ich konnte, um ihn zu kleiden. Es reicht jedoch nicht hin; darum müsst Ihr ihm das Übrige schenken“

 

Im Seminar von St. Sulpice, das später so viele heilige Priester bildete, konnte Grignon bald das geringe Kostgeld nicht mehr bezahlen. Was tat der junge Seminarist in edler Selbstverleugnung? Er wachte in der Woche drei bis vier Nächte bei den Leichen der Reichen, um so sein Kostgeld zu verdienen. Damit verband er das Gebet und Studium und lernte zugleich der Eitelkeit, Ehrsucht und dem Vergnügen zu ersterben. Überdies übte er noch täglich strenge körperliche Buße, um so die Begierlichkeit des Fleisches zu zähmen und die wunderbare Reinheit der allerseligsten Jungfrau nachzuahmen, deren Namen er sich in der Firmung beigelegt hatte.

 

Eine heroische Selbstentäußerung begleitete Grignon zeitlebens. Im Jahr 1700 Priester geworden, übernahm er die Seelsorge in einem Spital zu Poitiers und unterrichtete die Kinder und Armen im Katechismus. Dazwischen war er einmal ohne jegliche Stelle, so dass er in einem verlassenen Ort unter der Stiege eines Hauses sich eine Unterkunft suchte und vom Almosen der Klosterfrauen lebte. Als er dann wieder in das Spital zurückgekehrt war, vollendete er die bereits begonnene Neuordnung der Anstalt, sorgte für regelmäßige Beköstigung der Armen, diente ihnen mit eigenen Händen, verband ihre Wunden, kehrte Haus und Hof, wusch das Küchengeschirr, wie der geringste dienende Bruder unter wirklichen Brüdern. So weit ging Grignon in seiner Selbstverleugnung, dass er zur Überwindung der sich zuweilen auflehnenden Natur sogar das Eiter aus den Wunden sog.

 

Indessen bot sich der Heilige zur Abhaltung von Missionen an. Diese fruchtreiche, aber mühevolle, seine Kräfte frühzeitig aufreibende Tätigkeit war es, durch die er für das nordwestliche Frankreich unter dem sichtbaren Segen des Himmels zum dauernden Wohltäter wurde. Seine ganz ungewöhnlich wirksamen Missionspredigten verdankten ihren gewaltigen Erfolg seinen heißen Gebeten, den ununterbrochenen Bußübungen und nicht zum wenigsten den fast beständigen Verfolgungen. Durch seine aufsehenerregenden Taten weckte der Heilige nicht nur den unversöhnlichen Hass der Feinde des katholischen Glaubens und eines tugendhaften Lebens, der Kalvinisten, der Jansenisten und aller schlechten Elemente gegen sich auf, es wurde überdies diesen leicht, einen so ungewöhnlichen Missionar, der eine ganze Gemeinde in Bewegung brachte, auch bei der geistlichen Behörde als Unruhestifter und Störer der öffentlichen Ordnung zu verdächtigen. So geschah es, dass ihm auch Pfarrer ihre Gemeinden und Bischöfe unter geistlichen Strafen ihre Diözese verwiesen. In bewundernswürdiger Geduld und Demut nahm der Heilige die kränkendste Behandlung hin, bisweilen ohne sich auch nur mit einem Wort zu verteidigen. Je mehr er persönlich geschmäht und angegriffen wurde, umso fruchtbarer erwiesen sich die Missionen und umso dankbarer würdigten andere seine wertvolle und nachhaltige Mitarbeit in der religiös-sittlichen Hebung der Gemeinden.

 

Im Jahr 1711 hielt der heilige Grignon in La Rochelle vier Missionen nacheinander, die erste im Spital, die zweite den Männern, die dritte den Frauen, die vierte für die Soldaten. Der Erfolg war ein vorzüglicher. Bei einer Predigt des Heiligen rief das Volk während einer Viertelstunde: „Ein Wunder, ein Wunder! Wir sehen Kreuze in der Luft!“ Mehr als hundert glaubwürdige Personen haben dies Schauspiel bezeugt. Die dort zahlreichen Kalviner schreckten in ihrem Hass gegen den Gottesmann nicht vor dem Äußersten zurück- Sie brachten ihm in einer Tasse Fleischbrühe, die er nach der Predigt nahm, Gift bei. Durch Gegengift wurde er wohl noch glücklich gerettet, seine Gesundheit wurde aber dadurch so erschüttert, dass sein späterer Tod beschleunigt wurde. Dann suchten ihn Männer durch Meuchelmord zu beseitigen. Eines Abends ging Grignon mit seinem Missionsgefährten Bastiéres zu einem Bildhauer, da er auch gerne für die Ausschmückung und Renovierung der Kirchen Sorge trug. Es war Winter und schon sehr dunkel. Als sie in eine enge, finstere Gasse einbiegen wollten, meine Grignon, sie hätten sich verirrt, und war durch keine Gegengründe zu bewegen, weiterzugehen. Sie kehrten um und gelangten erst auf langem Umweg zum Bildhauer. Auf Befragen, warum er denn nicht durch die Gasse habe gehen wollen, die doch der nächste Weg gewesen wäre, antwortete Grignon: „Ich weiß es selbst nicht; aber mein Herz stand still, ich konnte nicht atmen und es war mir unmöglich, einen Schritt vorwärts zu tun.“ Einige Jahre später erfuhr sein Mitmissionar zufällig von den Übeltätern selber, dass sie damals in der engen Gasse auf Grignon lauerten und ihm, hätten sie ihn erwischt, „den Schädel eingeschlagen“ haben würden. Das Jahr darauf entgingen beide Missionare, als sie auf die „Gottesinsel“ zu einer Mission wollten, auf ähnliche Weise dem Tod, den ihnen die Seeräuber auf Anstiften der Calvinisten bereiten wollten.

 

Seinen Unterhalt bei den Missionen zog der selbstlose Diener des Herrn nur aus dem Almosen der Leute. Zur Mitarbeit suchte er Priester zu gewinnen, aus denen dann sich eine eigene Kongregation, die Gesellschaft Mariens, entwickelte. Der erste Obere war M. Mülot. Als ihn Grignon zur Mitarbeit einlud, musste der Arme gestehen, dass er teilweise gelähmt sei und an Beklemmungen der Brust und ständigen Kopfschmerzen leide. Der Heilige aber, der Gottes Pläne und die Zukunft oft wunderbar erschaute, entgegnete dem braven Priester: „Alle Eure Gebrechen halten mich nicht ab, zu Euch zu sagen, was der Herr zu Matthäus gesprochen hat: Folge mir! Sobald Ihr am Heil der Seelen zu arbeiten beginnt, werden Eure Leiden schwinden.“ Mülot vertraute dem heiligen Mann, und wirklich, kaum hatte er die erste Mission begonnen, als er sich wohler und nach einigen Tagen vollständig hergestellt fühlte. Ähnlich heilte er einen der Brüder, die ihn bei der Mission unterstützten. Schon zwölf Tage lag Bruder Peter krank darnieder; man hatte ihn schon mit den Sterbesakramenten versehen. Eines Morgens trat Grignon in Begleitung des Paters Bastiéres zu dem Kranken und fragte: „Habt ihr Glauben?“ - „Ach, mein Vater“, war die Antwort, „ich wünschte, mein Glaube wäre stärker, als er in der Tat ist.“ – „Wollt Ihr mir gehorchen?“ – „Von ganzem Herzen“, erwiderte der Mann. – „So befehle ich Euch“, sprach der Heilige, indem er ihm die Hände auflegte, „in einer Stunde aufzustehen und uns bei Tisch zu bedienen.“ So geschah es.

 

Die auffallenden Erfolge des gotterleuchteten Apostels waren nicht zum geringsten Teil eine Frucht seiner tiefgegründeten Verehrung der lieben Mutter Gottes. Grignon gehörte dem Dritten Orden des hl. Dominikus an, dieses Marienapostels von leuchtendster Heiligkeit, und sein Auftreten wurde von einem anderen hochgerühmten Sohn jenes Heiligen, vom hl. Vinzenz Ferreri, in seraphischem Geist vorherverkündet. Das Rosenkranzgebet war es, das dem Heiligen zur Bekehrung der verworfensten Menschen verhalf. Maria war ihm stets für sich und für andere das Mittel, um zu Jesus zu gelangen. Sein Wahlspruch war: „Damit das Reich Jesu komme, soll das Reich Mariens kommen.“ Er gab sich den Namen „Sklave Jesu in Maria“ oder einfach „Sklave Mariens“. Grignon, der am 28. April 1716 in St. Lorenz an der Sèvre starb und in der dortigen Muttergotteskapelle beigesetzt wurde nachdem sein Leib nach eineinhalb Jahren noch nicht die geringste Spur von Verwesung gezeigt hatte, hat uns eine goldene Schrift über die Marienverehrung in den letzten Zeiten und über die Ankunft des Reiches Jesu durch die Herrschaft Mariens über die Seelen hinterlassen. Diese Schrift trägt den Titel: „Die wahre Andacht zur allerseligsten Jungfrau“ und blieb als Handschrift bis 1842 unerkannt unter anderen Büchern liegen. Durch den Bischof von Lucon aber provisorisch approbiert, wurde sie beim Prozess in Rom 1853 als der katholischen Glaubenslehre entsprechend erklärt. Der Verfasser selbst erhielt 1888 durch den glorreichen Papst des heiligen Rosenkranzes, durch Leo XIII., die Ehre der Altäre zuerkannt. Die Schrift gebraucht die Bezeichnung „wahre Andacht“, nicht im Gegensatz zu falschen, sondern zu unvollkommenen Andachten. Sie will den Anspruch einer vollkommenen Andacht erheben, als diejenige, die der wahren Würde und Größe der Gottesmutter und der Wahrheit unseres Nichts allein allseitig entspricht.

 

Was ist diese wahre Andacht? Grignon schreibt tief und klar: „Alle unsere Vollkommenheit besteht darin, dass wir Jesus Christus gleichförmig werden, uns mit ihm vereinigen, uns ihm weihen, und deshalb ist die vollkommenste aller Andachten ohne Zweifel jene, die uns am vollkommensten Jesus Christus gleichförmig macht, uns mit ihm vereinigt und uns ihm weiht. Da nun Maria unter allen Geschöpfen Jesus Christus am gleichförmigsten ist, so folgt daraus, dass unter allen Andachten diejenige, die die Seele am meisten unserem Herrn gleichförmig macht, die Hingabe an seine heilige Mutter ist, und dass, je mehr eine Seele Maria geweiht ist, sie umso mehr Jesus geweiht ist. Daher kommt es, dass die vollkommenste Hingabe an Jesus Christus nichts anderes ist als eine vollkommene und gänzliche Hingabe unser selbst an die seligste Jungfrau und dies ist die Andacht, die ich lehre. Zur Begründung gibt Grignon von Montfort an: „Durch Maria hat das Heil seinen Anfang genommen, durch Maria muss es auch vollendet werden . . . Als die Morgenröte, die der Sonne der Gerechtigkeit, d.i. Jesus Christus, vorausgeht, muss sie wahrgenommen und erkannt werden, damit Jesus selbst es werde. Da sie der Weg ist, auf dem Christus das erste Mal zu uns gekommen ist, so wird sie auch der Weg sein, auf dem er das zweite Mal kommen wird, wenn gleich nicht auf dieselbe Weise. Wer Maria findet, findet das Leben, d.h. Jesus Christus, der ja „ist der Weg, die Wahrheit und das Leben“. „Bei der ersten Ankunft des Herrn tritt Maria nicht aus dem Dunkel hervor“, damit die Person Christi selbst recht erkannt und beleuchtet würde. „In den letzten Zeiten aber wird Maria mehr als je in Barmherzigkeit und Stärke leuchten und erkannt werden.“

 

„Übergeben wir uns also ganz der seligsten Jungfrau, um ganz Christus zu gehören. Wir müssen ihr geben: erstens unsern Leib mit seinen Gliedern und Sinnen, zweitens unsere Seele mit allen ihren Kräften, drittens die äußeren Glücksgüter, gegenwärtige und zukünftige, viertens unsere inneren und geistlichen Güter, die Verdienste, Tugenden und guten Werke, kurzum alles. Maria wird das Unvollkommene reinigen und so dem Herrn anbieten. Der Heiland selber hat ja uns als Testament seines brechenden Herzens Maria gegeben: „Siehe da deine Mutter!“ Der glückliche Johannes „nahm sie von jener Stunde an auf“ und ist so als „der erste Herz-Jesu-Verehrer beim göttlichen Abendmahl auch der freiwillige Sklave Mariens geworden.“

 

Papst Pius XII. sprach Ludwig Maria Grignon von Montfort am 20. Juli 1947 heilig.

 

Die heilige Theodora von Alexandrien, Jungfrau und Martyrin,

+ 28.4.304 – Fest: 28. April

 

Der letzte Entscheidungskampf zwischen Christentum und Heidentum und Hand in Hand damit die größte und blutigste Christenverfolgung im römischen Weltreich tobten unter Kaiser Diokletian (284-305) und seinen Mitregenten. Das Blut der Christen floss in Strömen. Selbst die Frauen der beiden Herrscher, Priska und Valeria, wurden zu opfern gezwungen und starben in der Verbannung. Am furchtbarsten wütete der Verfolgungssturm im Morgenland, insbesondere auch in der Kirche Ägyptens.

 

Eine ergreifende Szene aus diesem blutigen Verfolgungsdrama überlieferten die echten Martyrakten der heiligen Didymus und Theodora der Nachwelt. Das sogenannte vierte Verfolgungsedikt Diokletians aus dem Jahr 304 lautete kurz: Wer nicht opfert, ist dem Tod verfallen. Theodora, eine christliche Jungfrau aus Ägyptens Hauptstadt Alexandrien, hatte sich standhaft geweigert das heidnische Opfer darzubringen und wurde darum in den Kerker geworfen. Vor den Richterstuhl des Präfekten geführt, gab sie im Verhör Antworten, die beweisen, dass sie die Doppelwaffe des Glaubens und der Tugend mit unerschrockenem Mut und sieghafter Überlegenheit zu führen wusste – schwachen Christen zur Beschämung, wahren Christen zur Ermunterung.

 

Die Antwort auf des Richters erste Frage nach ihrem Stand lautete: „Ich bin Christin.“ Auf die weitere, ob sie eine Freie oder Sklavin sei, wiederholte sie: „Ich bin Christin, d.i. eine Freigelassene Christi, der mich durch seine Ankunft frei machte, in dieser Welt aber das Kind freigeborener Eltern.“ Auf den Vorhalt, warum sie als Freie nicht vermählt sei, entgegnete die Jungfrau: „Um Christus willen. Da er in dieser Welt im Fleisch erschien, hat er uns von der Verderbnis und Vergänglichkeit des Fleisches losgemacht und das ewige Leben versprochen. Darum glaube ich, dass ich unversehrt bleibe, wenn ich in seiner Treue verharre.“ Der Drohung, sie würde, wenn sie das vom Kaiser geforderte Opfer verweigere, der Entehrung preisgegeben, begegnete sie ruhig: „Es wird dir, denke ich, nicht unbekannt sein, dass Gott auf den Willen des Menschen sieht: es ist der Wille die Keuschheit zu wahren, den der Herr sieht.“ Dem Spott des Präfekten endlich, wie sie einem Gekreuzigten vertrauen könne, wehrte sie mit dem freimütigen Bekenntnis: „Ich glaube an Christus, der unter Pontius gelitten hat, und ich vertraue, dass er mich aus den Händen dieser Feinde befreien und ohne Makel bewahren wird, wenn ich in seiner Treue verharre und nimmer will ich ihn verleugnen.“

 

Was Worte und Drohungen nicht erreichten, sollte nun durch Gewalt erzwungen werden. Die Jungfrau wurde grausam auf die Folterbank gestreckt. Aber auch inmitten der Folter erklärte sie: „Beim Herrn, ich opfere nicht und huldige keinen Dämonen, da ich den Herrn zum Helfer habe.“

 

Drei Tage hatte die Martyrin noch Bedenkzeit erhalten. Darauf wurde sie abermals dem Richter vorgeführt, und da sie standhaft bei ihrem Entschluss beharrte, zunächst zur Entehrung in einem öffentlichen Haus des Lasters verurteilt. Der heilige Ambrosius schildert den weiteren Vorgang in wesentlicher Übereinstimmung mit den obigen Martyrakten folgendermaßen: „Der Tag, der mit der Siegeskrone winkte, brach an. Alles war voll gespannter Erwartung. Das Mädchen wird vorgeführt, bereit zum zweifachen Kampf der Jungfräulichkeit und des Glaubens.“ „Schließt das Ohr, Jungfrauen! Man führt das gottgeweihte Mädchen in das Haus der Schande. Doch nein, öffnet das Ohr, Jungfrauen! Christi Jungfrau kann wohl preisgegeben, kann aber nicht entehrt werden. Wo immer die gottgeweihte Jungfrau ist, da ist Gottes Tempel. Die Stätten des Lasters nehmen der Keuschheit nicht den guten Ruf, vielmehr die Keuschheit ihnen den schlechten Ruf.“ „Eine Menge Lüstlinge strömt zum Haus . . . Drinnen eingeschlossen weilt die Taube, draußen kreisen die Habichte; sie streiten sich, wer zuerst über die Beute herfallen soll. Jene erhebt die Hände zum Himmel, als wäre sie in ein Bethaus gekommen, nicht in ein Haus der Lust. „Christus“, so fleht sie, „du hast dem jungfräulichen Daniel die wilden Löwen gebändigt, du kannst auch der Menschen wilden Sinn zähmen . . . Die Rechte verdorrte, die an deines Tempels Weihegaben sich vergriff (3. Könige 3,14f). Jetzt legt man Hand an deinen Tempel selbst. Dulde seine frevelhafte Schändung nicht . . . !“

 

Der Herr sandte ihr den Retter in der Person eines christlichen Kriegers namens Didymus, der sich mit Gewalt den Weg ins Haus bahnte, während die übrigen entsetzt zurückwichen. Auch die Jungfrau floh vor ihm zurück. Allein der Glaubensbruder beruhigte sie und eröffnete ihr seine Absicht sie zu retten. Er schlug ihr vor, die Kleidung mit ihm zu wechseln, um unerkannt aus dem Haus entkommen zu können. Die Heilige erkannte Gottes Fügung und ging auf den Vorschlag ein. Sie warf den Soldatenmantel um, drückte den Helm tief in die Stirn und vermochte unbehelligt zu entschwinden. Als bald darauf einige Heiden eintraten, trauten sie kaum ihren Augen, da sie statt der Jungfrau einen Mann in Frauenkleidung trafen. Dieser klärte nun freimütig den ganzen Vorfall auf. Vor den Richter gestellt, beteuerte er: „Schreibe, was geschehen ist, nicht mir, sondern dem Herrn zu.“ Da Didymus den Glauben nicht abschwören wollte, wurde er zur Enthauptung verurteilt. Er krönte das Werk seiner Liebe mit der Verdienstkrone des Martyriums.

 

Aber auch die befreite Jungfrau erlitt noch vor ihm den Martyrtod. Der heilige Ambrosius erzählt ausführlich die rührende Szene, nach der sie ihrerseits wiederum für den gefährdeten Retter eintrat und ihm so gleichsam die Siegespalme des Martyriums streitig machte. Denn „nur der Schande, beteuerte sie, nicht dem Martyrium bin ich aus dem Weg gegangen.“ „Welcher Ausgang“, fragt Ambrosius zum Schluss, „wartet ihrer?“ Beide stritten und beide siegten. Nicht geteilt wurde die Krone, sondern verdoppelt. Beide heilige Martyrer verhalfen einander zum Guten: die eine machte den Anfang, der andere den Schluss beim Martyrium.“

 

Was vermag nicht die Gnade Gottes aus schwachen Menschenkindern zu machen! Zarte Mädchen werden zu Glaubenskämpfern und Tugendstreitern voll Heldenmut und Todesverachtung. „Sie konnten es“, so lasst uns mit dem heiligen Augustin beschämt sprechen, „ich sollte es nicht können?“

 

29. April

 

Der heilige Petrus von Verona, Priester und Martyrer,

+ 6.4.1252 - Fest: 29. April

 

Der Heilige, nach seiner Heimatstadt Petrus von Verona genannt, wurde um das Jahr 1205 geboren. Seine Eltern gehörten der Sekte der Katharer an. Katharer heißt auf deutsch „die Reinen“. Was sie lehrten, war wirklich ohne jeden Sinn. So glaubten sie beispielsweise, dass nicht Gott, sondern der Teufel die Erde erschaffen habe. Daher sei auch alles auf der Welt von Grund auf schlecht, und um dieser Schlechtigkeit zu entgehen, traten einzelne sogar in den Hungerstreik und hielten bis zum Ende durch, bis zum Selbstmord durch Verhungern. Auch lehnten sie sich gegen alle weltliche und kirchliche Obrigkeit auf und schafften das persönliche Eigentum ab.

 

Dieser Sekte gehörten die Eltern des heiligen Petrus von Verona an. Weil es aber in Verona keine Schule ihres Glaubens gab, schickten sie den Sohn, den sie nicht ohne Schulbildung aufwachsen lassen wollten, in die katholische Schule, und das gereichte dem aufgeschlossenen Jungen zum größten Segen. Da lernte er den katholischen Glauben kennen, für den er sich schnell begeisterte. Als ihm einmal auf dem Heimweg ein Onkel begegnete und ihn fragte, was er gelernt habe, antwortete Petrus: „Das Apostolische Glaubensbekenntnis.“ Der Onkel, der ebenfalls zu der Sekte der Katharer gehörte, war entsetzt, lief sofort zu den Eltern und riet ihnen, den Jungen von der Schule zu nehmen, sonst werde er bestimmt noch katholisch. Dem widersprachen die Eltern und meinten, sie würden den Sohn später schon wieder herumkriegen. Zum Glück haben sie ihn aber nicht mehr herumgekriegt, Petrus wurde im Gegenteil ein tatkräftiger Verteidiger des katholischen Glaubens und der mächtigste und erfolgreichste Gegner der Katharer.

 

Petrus trat mit fünfzehn Jahren in den Dominikanerorden ein. Später empfing er die heilige Priesterweihe. Dann wanderte er als wortgewaltiger Redner zwanzig Jahre lang von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf durch ganz Ober- und Mittelitalien und machte die Sektierer mit klaren Worten auf das Gleichnis vom Rebstock und den Reben aufmerksam. Dort sagt Jesus Christus ganz deutlich: „Wenn jemand nicht in mir bleibt, der wird wie eine Rebe hinausgeworfen und verdorrt. Man nimmt sie, wirft sie ins Feuer, und sie verbrennt.“

 

Viele Mitglieder dieser Sekte bekehrte der heilige Petrus von Verona, nicht nur durch seine überzeugenden Predigten, sondern mehr noch durch sein heiliges Leben. Durch die großen Erfolge zog sich der mutige Prediger den Hass der Führer dieser Sekte zu. Im Geheimen setzten sie einen Preis auf den Kopf des Heiligen aus. Petrus wusste davon, aber als aufrechter Mann, der für seine Sache einstand, verkroch er sich nicht. So kam das Ende am 6. April 1252.

 

Gekaufte Mörder überfielen den Heiligen. Einer schlug ihn mit dem Schwert auf den Kopf. Petrus fiel, in Blut gebadet, zu Boden und betete mit letzter Kraft noch einmal das Credo. Als die Stimme versagt, tauchte er den Finger in das eigene Blut und schrieb mit dem eigenen Blut noch einmal auf die nackte Erde das große heilige Wort „Credo“. Dann machte ein zweiter Schwerthieb seinem Leben ein Ende. Mit der Ermordung des Heiligen schaufelte sich allerdings der Irrglaube das eigene Grab, und bald war er endgültig vernichtet durch die Tat und den Tod eines Heiligen und durch die Wunder, die sich am Grab des Martyrers ereigneten.

 

Der heilige Dietger / Theogar, Bischof und Bekenner von Metz,

+ 29.4.1120 – Fest: 29. April

 

Dietgers oder Theogars Heimat war das deutsche Franken. Von Wilhelm dem Heiligen in Wissenschaft und Tugend herangebildet und mit ausgezeichneten Eigenschaften des Geistes und Herzens ausgestattet, erhielt er schon als junger Priester ein Kanonikat an der St. Cyriacus-Kirche in Worms. In seinem ernsten Streben nach höherer Vollkommenheit gab er seine einflussreiche Stellung auf und trat in das Kloster St. Georg im Schwarzwald, wo er bald alle seine Mitbrüder durch Kenntnisse und religiösen Eifer weit übertraf. Deshalb wurde ihm nach dem Tod des Abtes diese Würde übertragen. Durch seine Demut, Güte und Entschiedenheit gewann er die Herzen aller Untergebenen und gestaltete das St. Georgenkloster zu einer herrlichen Pflanzschule klösterlicher Zucht und Sitte. Wie die Sonne ihre Strahlen ringsum wirft und Licht und Wärme, Wachstum und Gedeihen verbreitet, so verbreitete das St. Georgenkloster unter der Leitung seines ausgezeichneten Abtes bis in die weitesten Kreise den Geist der Gottesfurcht und des höheren Strebens.

 

Nicht zufrieden mit dem Glanz seines Klosters, gründete er das Frauenkloster Amtenhausen, wo hundert gottgeweihte Jungfrauen in allen Tugenden wetteiferten und die Bewunderung ihrer Zeitgenossen erregten. Unter ihnen leuchtete besonders Beatrix durch große Heiligkeit. Nach ihrem Hinscheiden verkündeten Engelstimmen ihre Aufnahme in den Himmel, und sieben Jahre nach ihrem Tod fand man ihren Leib noch unversehrt, den lieblichsten Wohlgeruch verbreitend.

 

Ein anderes, halb verfallenes Frauenkloster, St. Marcus, stellte Dietger wieder her, umgab es mit Mauern und begabte es so reichlich mit Gütern und Einkünften, dass dort fortan hundert Nonnen leben konnten, während früher nur wenige ein kümmerliches Dasein führten.

 

Unter Beihilfe des Stadtpräfekten Volmar von Metz gründete er das Priorat Luckesheim im Elsass. Das Kloster Ottobeuren reformierte er durch seinen würdigen und gleichgesinnten Mitbruder Rupert, der im Glanz eines Wundertäters und fast hundert Jahre alt als Abt jenes Klosters 1104 starb und als Seliger verehrt wird.

 

Auf dringendes Begehren des Erzbischofs Konrad von Salzburg schickte der heilige Dietger seinen Schüler Wolfold als Abt zum Kloster Admont in Österreich, um es zu reformieren. Dort errichtete er auch ein Frauenkloster und brachte es in kurzer Zeit zu einer solchen Blüte, dass Fürsten und Grafen ihre Töchter dorthin sandten, um sie dem Dienst Gottes zu weihen.

 

Auch den Klöstern Prüfening und Gengenbach, St. Ulrich und Afra in Augsburg sandte er Äbte aus der Zahl seiner Schüler und Mitbrüder, und sein Geist lebte und wirkte in allen diesen geistlichen Anstalten so segensreich, dass im heiligen Wetteifer Tugend und Vollkommenheit, Wissenschaften und Künste die schönsten Blüten entfalteten.

 

Nachdem Dietger dreißig Jahre lang die Abtswürde verwaltet und seinen Namen und sein Wirken mit Ruhm umkleidet hatte, wurde er trotz seiner entschiedenen Weigerung zum Bischof von Metz erwählt. Dort hatte sich ein gewisser Albero durch Simonie die bischöfliche Würde erkauft, seit fünfzehn Jahren den Weinberg des Herrn verwüstet und der Geistlichkeit sowie dem christlichen Volk viel Ärgernis gegeben. Keine Persönlichkeit schien geeigneter, durch den Glanz seiner Heiligkeit das Ärgernis im Bistum zu sühnen und durch Klugheit, Weisheit und Festigkeit den Wirren ein Ende zu bereiten, als der heilige Abt von St. Georgen. Dietger willigte in die Wahl erst dann ein, als er vom Kardinal von Präneste für den Fall längerer Weigerung mit dem Bann bedroht wurde. Am Fest St. Peter und Paul 1118 wurde er in der berühmten Benediktinerabtei Corvey zum Bischof geweiht, aber vom Kaiser, der den simonistischen Albero begünstigte, und seinem gleichgesinnten Anhang aus Metz vertrieben. Vergebens versuchte Papst Calixtus II. ihn in seinen Rechten zu schützen, er musste der Macht weichen und irrte ruhelos in Frankreich umher. In Clugny fand er endlich die ersehnte Ruhe im Grab am 29. April 1120.

 

Seinen Leib begrub man inmitten seiner Ordensbrüder, aber der Geist der Gottesfurcht, der Wissenschaft, der christlichen Nächstenliebe, den er in seinen Stiftungen gepflegt hatte, hat die Jahrhunderte überdauert und übt noch heute seinen segensreichen Einfluss in jenen Kreisen, wohin die Wirksamkeit der Söhne des heiligen Benedikt und seines getreuen Nachfolgers Dietger dringt.

 

Der heilige Hugo von Semur, „der Große“, Abt von Cluny,

+ 29.4.1109 – Fest: 29. April

 

Manchen ihrer Helden hat die Geschichte den Beinamen eines Großen gegeben, dessen Taten auf der Waage des allwissenden Richters wohl als zu leicht befunden werden und dessen Persönlichkeit einem christlichen Empfinden jenes Titels zu wenig würdig erscheint. Das ist jedoch nicht der Fall beim heiligen Abt Hugo. Bei ihm vereinigt sich mit umfassender politischer Tätigkeit der höchste Grad von Gottesliebe und Heiligkeit, mit einem tatkräftigen und weitstrebenden Geist eine ungemein anziehende Liebenswürdigkeit.

 

Unter dem Zeichen besonderer Gnade stand schon die Geburt des heiligen Hugo. Ein Priester, der für die Mutter in schwerer Stunde das heilige Opfer darbrachte, sah über seinem Kelch ein kleines Kindlein. Der frommen Mutter war das ein Zeichen, dass ihr Leibesspross zum Priestertum berufen sei, und sie bemühte sich demgemäß ihm schon sehr früh Liebe zu den Wissenschaften und zum heiligen Dienst einzuflößen. Vom Himmelstau der Gnade befruchtet, wuchs auch der kleine Hugo in diesem Sinn heran. Aber der Vater, der mächtige Graf von Semur, wollte nichts davon wissen. Zwar war der Junge zart gebaut und weichen Herzens, aber er musste trotzdem das raue Waffenhandwerk lernen. Äußerlich fügte er sich dem Willen des Vaters, innerlich hatte er mit seinen rohen Kameraden nichts gemein. Im Gegenteil, wenn sie an der Straße lagen und sich im Rauben übten, lag er auf den Knien in einer Kapelle und mehr als einmal machte er wieder gut, was jene den armen Leuten an Schaden zugefügt hatten.

 

Endlich zeigte ihm Gott einen Weg zur Erfüllung seines Herzenswunsches. Mit vielen Bitten setzte er es beim Vater durch, dass er zu seinem Großoheim, dem Bischof Hugo von Auxerre, gehen durfte um die Grammatik zu lernen. Nicht lange kann er dort gewesen sein. Denn erst vierzehn Jahre war er alt, als er im Kapitelsaal von Cluny um Aufnahme bat, ohne Wissen seines Vaters. „O glückliches Cluny“, rief bei dieser Gelegenheit einer der Mönche aus, „das heute seinen kostbarsten Schatz erhält!“ Nach einem Jahr großer Fortschritte auf dem Weg der Vollkommenheit legte Hugo seine Profess ab. Der Vater hatte bisher immer noch gegrollt. Aber als er nun seinen Sohn wiedersah, aus dessen Augen und Antlitz der Liebreiz der Demut und das Glück der Gottgeeintheit strahlte und dessen körperliche Wohlgestalt durch das Ordenskleid noch gehoben wurde, war er betroffen von seiner außergewöhnlichen Schönheit und söhnte sich mit ihm aus.

 

Sein geistlicher Vater und Abt Odilo aber schaute in dem jungen Mönch mehr als die bloß persönliche Heiligkeit. Sonst hätte er ihn nicht schon mit zwanzig Jahren zum Priester weihen lassen und zu seinem Großprior bestellt. Ein Jüngling sollte eine Schar von Männern, ehrwürdig durch ihr Alter und ihre erprobte monastische Tugend leiten: nach menschlichem Ermessen ein gewagtes Unterfangen. Doch der heilige Odilo gedachte des Schriftwortes (Weisheit 8,8): „Die weißen Haare, das ist die Einsicht des Mannes, und das Greisenalter ein unbeflecktes Leben.“ Und die Erfahrung gab ihm recht. Als der Tod den Abtstab seinen Händen entwand, fanden seine getreuen Söhne keinen würdigeren Erben und Nachfolger seines Geistes als den Prior Hugo.

 

Was sollen wir nun erzählen von all der großartigen Tätigkeit, die er während der sechzig Jahre seiner Regierung (1049-1109) entfaltete? Neun Päpsten hat Abt Hugo gedient, war ihr Gesandter am deutschen und französischen Hof, ihr Sprachrohr auf den Kirchenversammlungen. Besonders war er Papst Gregor VII. ein treuer Kampfgenosse im Streit für die Reinheit und Freiheit der Kirche. Andererseits hatte er auch großen Einfluss bei König Heinrich IV., der ihn trotz seiner strengkirchlichen Gesinnung als seinen Taufpaten und väterlichen Freund achtete und liebte. Cluny selbst erreichte unter Abt Hugo den Gipfel seiner Macht nach innen und außen. Hugo ist der eigentliche Schöpfer der großen Kluniazenserfamilie, die ganz auf das Lehensrecht des Mittelalters aufgebaut ist. Der Generalabt war der Lehensherr, der die Äbte der angegliederten Klöster ernannte oder wenigstens bestätigte; kleinere Ordenshäuser erhielten nur mehr von Cluny abhängige Prioren. Im Ganzen mögen es an 2000 Klöster gewesen sein, über die der Abt von Cluny irgendwie zu gebieten hatte. Dazu kam dann noch eine Reihe von Abteien, die unter dem Einfluss von Cluny erneuert wurden; genannt sei z.B. Hirsau in Schwaben, das gerade in dieser Zeit Lebensquelle für das deutsche Mönchtum und das stärkste Bollwerk der kirchentreuen Partei war. Bei einer solchen Lage der Dinge kann man verstehen, dass, als unser Heiliger die päpstliche Tiara ausschlug, das Wort umlief: er wäre durch die päpstliche Würde zu keiner größeren Macht gelangt als er bereits besessen. Zum Ausdruck der Weltstellung seines Klosters und zugleich seiner Liebe und Verehrung für den apostolischen Stuhl baute Abt Hugo eine Kirche zu Ehren des heiligen Petrus und Paulus, eine fünfschiffige Basilika von gewaltigen Ausmaßen, die die Bewunderung aller Zeitgenossen hervorrief. Der heilige Hugo ließ auch durch zwei seiner Schüler, Bernard und Ulrich (von Regensburg), die berühmten „Gewohnheiten von Cluny“ zusammenstellen. Aus ihnen vor allem gewinnen wir Einblick in das innere Leben der mächtigen Abtei. Wie sehr dasselbe gerade damals in Blüte stand, dafür haben wir das Urteil eines Fachmannes, des heiligen Kardinalbischofs Petrus Damiani, der in seinen Anforderungen wahrlich nicht mehr strenger sein konnte. Nach einem längeren Besuch in Cluny schrieb er zwei Briefe an Hugo, den „Erzengel der Mönche“, und sein Kloster; darin ist er voll des begeistertsten Lobes über den „Paradiesgarten“, über den „fruchtschweren Acker des Herrn“, den er dort angetroffen hatte.

 

Für den Geschichtsschreiber ist der heilige Hugo in erster Linie der große Abt und einflussreiche Diplomat; vor den Augen des allmächtigen Herrn und Richters aber wird er vor allem Gnade gefunden haben wegen seiner Liebe zu den armen und notleidenden Gliedern Christi. Es ist erstaunlich, was er da alles geleistet hat. Man kann sagen: Cluny, wohin aus aller Welt die kostbarsten Schätze und Geschenke zusammenströmten, war für ihn nur eine Herrgottsbank, ein Sammelbecken für die Armen. Und Abt Hugo fasste das Almosengeben als seine persönlichste Sache auf. Seine Zelle in Cluny glich eher einer Schuster- und Schneiderwerkstätte und gelegentlich hantierte der große Abt selbst mit Nadel und Schere, um alte Kleider wieder brauchbar zu machen. Und war einmal seine Hand leer, sein Gottvertrauen war unerschöpflich. Einmal – er war gerade auswärts – sandten die Brüder von Cluny zu ihm, sie wären in großer Not, er möge ihnen helfen. Was tut der Heilige? Er schreibt einen Brief an die heiligen Apostelfürsten und beschwört sie, sie möchten den Ort, den sie aus kleinen Anfängen so groß gemacht hatten, aus dieser Bedrängnis erretten. Der Brief wird auf dem Hochaltar in Cluny niedergelegt, und siehe! einige Tage darauf strömt ihnen die Unterstützung in so reichem Maße zu, dass für ein Jahr der Unterhalt gesichert ist.

 

Wenn ein Mann sechzig Jahre lang Würde und Bürde einer Herrscherstellung getragen hat, ist es begreiflich, dass er sich nach Ruhe sehnt. So bat auch der heilige Hugo schließlich jede Stunde um seine Auflösung und bereitete sich mit aller Sorgfalt durch Almosen und Bußwerke darauf vor. In der Fastenzeit 1109 meldeten sich die ersten Todesboten. In der Karwoche steigerte sich seine Schwäche so, dass er am Karsamstag die Osterkerze voll Sehnsucht als die Lichtsäule begrüßte, die ihn sicher geleiten möge in das Land der Verheißung, in das er schon von der Grenze aus hineinschaue. Am Osterfest besserte sich jedoch sein Zustand, dass er sogar noch einmal das Hochamt feiern konnte. Endlich am Osterdienstag abends erfolgte seine Auflösung; in der Marienkirche gab er, af Sack und Asche liegend, ohne Todeskampf seine Seele in die Hände des Schöpfers zurück.

 

Zwei Jahrhunderte lang erfüllte Cluny mit seinem Lichtglanz die christliche Welt. Dann begannen seine Bewohner von der Höhe ihres Ideals herabzugleiten und damit schwand auch der äußere Segen von der Abtei. Was einst ihr größter Stolz war, ihre herrliche Domkirche, ist vom Erdboden weggetilgt. Was noch geblieben ist, das ist die Verehrung seiner großen heiligen Äbte, das ist das Ideal eines Mönchtums, das in erster Linie die Pflege des Gottesdienstes als seine Aufgabe betrachtet. Was an Cluny Menschenwerk war, hat das Erdenschicksal geteilt; ewig wird nur bleiben das Wunderbare, das Gottes Geist in seinen Heiligen geschaffen hat.

 

30. April

 

Der heilige Josef Benedikt Cottolengo,

Priester und Ordensstifter von Turin,

+ 30.4.1842 - Fest: 30. April

 

Man kann die ganze Geschichte vom Anfang bis zum Ende durchblättern, einen Mann von Cottolengos Art findet man nicht ein zweites Mal. Er starb am 30. April 1842 und wurde von der Kirche 1934 heiliggesprochen.

 

Bis zum Alter von zweiundvierzig Jahren verlief Cottolengos Leben durchaus normal. Er besuchte die Schulen, empfing die heilige Priesterweihe, war Kaplan und so weiter, bis der eifrige Priester eines Tages auf den Gedanken kam, in der norditalienischen Arbeitergroßstadt Turin ein Krankenhaus für die Allerärmsten zu gründen, für die sonst niemand sorgte. Geld hatte Cottolengo zwar nicht, dafür besaß er ein umso größeres Gottvertrauen.

 

Ein halbzerfallenes Gebäude, das der Stifter das „Kleine Haus der Vorsehung“ nannte, wurde gemietet. Jemand schenkte vier Betten. Ein Arzt und ein Apotheker stellten kostenlos ihre Dienste zur Verfügung. Eine gute Seele übernahm die Pflege, und fertig war das Krankenhaus, das sich bereits am dritten Tag als zu klein erwies. Cottolengo mietete weitere Räumlichkeiten und konnte nach und nach fünfunddreißig Patienten aufnehmen. Weil aber keiner von den Kranken zahlungsfähig war und auch keinem etwas abverlangt wurde, blieb es nicht aus, dass der Gründer des Spitals in kürzester Zeit bis über die Ohren in Schulden steckte.

 

Wie eine Befreiung wirkte es darum auf Freund und Feind, als die staatliche Behörde eingriff und das Spital kurzerhand aufhob. Als man bei dieser Gelegenheit den Gründer spöttisch fragte, was er nun zu tun gedenke, antwortete Cottolengo nicht ohne Humor. In seiner Heimat sage man, der Kohl wachse besser, wenn er verpflanzt werde. Darum wolle auch er sein Krankenhaus anderswohin verpflanzen. Es sei doch klar, dass die Unterdrückung der Anstalt nur im Auftrag der Vorsehung erfolgt sei, denn das erste Spital sei gar zu eng gewesen. Weil aber die Zahl der bedürftigen Kranken ständig wachse, müsse das neue Haus, das er gründen werde, viel größer sein. Man werde sehen, und die Vorsehung werde schon sorgen.

 

So sprach und dachte Cottolengo, und ein halbes Jahr später hatte der unmögliche Mann in einer verrufenen Spelunke bereits wieder ein Krankenhaus eingerichtet. Und als man ihn erneut eindringlich vor dem Schuldenmachen warnte, lächelte er nur und meinte: „Das hier? Das ist erst der Anfang. Ihr werdet sehen, dass das Kleine Haus zu einer großen Stadt wird. Das alles macht die Vorsehung.“

 

Nein, dieser Cottolengo passte nicht in die Welt und ins Leben hinein.

 

Vorläufig gedieh das Spital allerdings nicht schlecht. Es ging mit ihm wie mit dem Kohl, wenn er verpflanzt wird. Nach einem Monat erfolgte eine erste Erweiterung des Betriebes, und vier Monate später eine zweite, und das Haus zählte schon hundert Betten. Kurz darauf wurde mit dem Bau eines neuen großen Spitals begonnen. Zeitlich unmittelbar anschließend entstand ein noch geräumigeres Krankenhaus für Frauen. Prunkbauten waren die Häuser keineswegs, aber wo nichts ist, bedeutet auch das Schlichteste einen Fortschritt.

 

In den folgenden Jahren baute Cottolengo die „Arche Noahs“, wie er die Gründung scherzweise nannte, immer weiter aus. Neben den Krankenpflegeanstalten entstanden Waisenhäuser, Heime für Behinderte, Fallsüchtige und Geisteskranke. In eigenen Schulen wurde Unterricht erteilt, und für alle Handwerke gab es Lehrstellen in eigenen Betrieben. Für die Betreuung der Patientinnen und Patienten, deren Zahl sprunghaft wuchs, gründete Cottolengo nach und nach vierzehn Ordensgemeinschaften. Das alles vollbrachte der außerordentliche Mann in knapp zehn Jahren, und als er starb, meinte er, das alles sei erst ein Anfang. Wenn er nach seinem Tod nichts mehr verpfuschen und verschustern könne, werde sich das „Kleine Haus der Vorsehung“ erst recht zu einem Segen für viele entwickeln.

 

Mit dieser Ansicht hatte Cottolengo recht behalten, denn was er schuf, hat ihn überdauert. Nur dass man anstatt der siebenhundert Pflegebedürftigen heute viele Hunderttausende zählt. Dabei hatte das gewaltige Caritaswerk nie feste Einkünfte. Es lebt einzig von Gaben und Spenden, die man nach dem Vorbild des Stifters im blinden Vertrauen auf Gottes Vorsehung nicht nur erwartet, sondern auch zur rechten Zeit stets erhält. Papst Pius IX. hat das „Kleine Haus“ zu Turin das „Haus des Wunders“ genannt.

 

Die heilige Katharina von Siena,

+ 29.4.1380 - Fest: 30. April

 

Die heilige Katharina, nach ihrer Vaterstadt Katharina von Siena genannt, hieß mit dem Familiennamen Benincasa. Der Vater war ein Wollfärber, ein angesehener Bürger, der später verarmte. Aus dem Leben seiner jüngsten Tochter wird viel Sonderbares und Wunderbares berichtet.

 

Sonderbar zum Beispiel war es, dass Katharina, die sich als Kind in der Wiege kaum jemals rührte, immer unruhiger wurde, wenn die Mutter nach dem Empfang der heiligen Kommunion aus der Kirche heimkehrte. Mit sehnsuchtsvollem Blick streckte ihr die Kleine beim Eintritt die Ärmchen entgegen und war erst zufrieden, bis die Mutter sie aus dem Bettchen nahm. Dann drückte sie den Kopf fest an das Herz der Mutter und lächelte vor sich hin. Ob sie wohl die Gegenwart von Jesus gespürt hat? Wer kann das sagen? Möglich ist es schon, denn früh begnadete Kinder hat es schon immer gegeben.

 

Als Schulkind war Katharina ein munteres Mädchen. Die Mitschüler mochten sie sehr, nicht nur die Mädchen, sondern auch die Jungen. Und wenn man „Räuber und Gendarm“ spielte, erhielt Katharina stets den Oberbefehl, entweder bei den Räubern oder bei den Gendarmen. Und wenn nach langem Gefecht schließlich alle Räuber von den Gendarmen gefangen waren, zog Katharina mit allen Kindern zum nächsten Feldkreuz, alle knieten sich hin, und Katharina betete vor. Dabei geschah regelmäßig wieder etwas Sonderbares, denn kaum hatte die Vorbeterin einige Worte gesprochen, da wurde sie wieder still und schien mit offenen Augen zu schlafen. Die anderen Kinder mussten sie am Ärmel zupfen, bis sie langsam zu sich selbst zurückkam. Und wenn die anderen sie fragten, wo sie gewesen sei, so gab sie ohne zu zögern die Antwort, sie sei im Himmel gewesen.

 

Sonderbar verlief übrigens Katharinas ganzes Leben. Früh wollte sie der Vater, dessen Geschäft von Tag zu Tag schlechter ging, an einen reichen Bewerber verheiraten, um aus den Schulden herauszukommen. Das wollte der Vater, aber Katharina wollte nicht. Was sie denn wolle, fragte man sie. Ob sie denn ins Kloster gehen wolle? Nein, das wollte sie ebenfalls nicht, sie wolle Ordensschwester in der Welt werden.

 

Über diese und ähnliche Antworten schüttelten die Eltern den Kopf und hatten Angst um den klaren Verstand der Tochter. Um sie daher von den Träumereien, wie sie es nannten, abzulenken, übertrugen ihr Vater und Mutter viele unterschiedliche Arbeiten und ließen sie wie eine Magd schuften, so dass sie kaum zur Besinnung kam. Anfangs litt Katharina unter diesem Zustand, und sie klagte darüber vor Gott im Gebet. Da gab ihr Jesus selbst den Rat, sich im Herzen geistiger Weise ein Kämmerchen zu bauen und bei allen Arbeiten darin aufzuhalten. Sofort handelte Katharina nach dem Rat, und von da ab störte sie die äußere Beschäftigung nie mehr beim Gespräch mit Gott. Sie schien zu arbeiten, und in Wirklichkeit betete sie hochbeglückt immerwährend.

 

Mit achtzehn Jahren ging Katharina nicht ins Kloster, trat aber in den Dritten Orden des heiligen Dominikus ein, erhielt das weiße Ordenskleid und war dadurch, wie sie es immer gewollt hatte, eine Ordensschwester in der Welt geworden. Sie sorgte für die Armen, betreute die Kranken, nahm sich trotz Spott und Hohn der verfolgten Juden an, trug Verwundete aus dem Kriegsgetümmel, pflegte ohne Angst vor Ansteckung die Pestkranken, und bei all dem blieb sie stets betend in ihrem stillen Kämmerchen, das auf den Rat von Jesus im Herzen errichtet hatte.

 

Acht Jahre ging das so. Da erhielt Katharina in einer Erscheinung die Weisung, das Herzenskämmerchen und auch die Heimat zu verlassen, von Stadt zu Stadt zu ziehen, vor Papst und Bischöfe, Könige und Fürsten zu treten und alle zu mahnen, dass sie Frieden untereinander schließen sollten. Es war damals eine friedlose Zeit, und der Lärm der Waffen drang bis in die letzten Winkel der Erde. Da hatte Katharina eine schwere Aufgabe erhalten, aber sie hat sich nicht gesträubt. Wie eine gottgesandte Prophetin erschien sie überall dort, wo Streit und Krieg herrschten. Und das ist neben dem Sonderbaren in ihrem Leben das Wunderbare, dass sie auch überall, wo sie auftrat, den Frieden herbeiführte. Und sie war doch nur eine schwache junge Frau, die bereits mit dreiunddreißig Jahren am 29. April 1380 starb.

 

Die selige Pauline von Mallinckrodt,

Stifterin der Genossenschaft der Schwestern der christlichen Liebe,

+ 30.4.1881 – Gedächtnis: 30. April

 

Die Menschenseele ist eine reiche, vielgestaltige Welt, wenn sie Gottes Geist nachlebt. Man mag sie tagaus, tagein belauschen und beobachten, immer wieder neue Fernen und Tiefen, neue Schönheiten. Aber auch Unbegreiflichkeiten tun sich dem Auge und Ohr auf. Natürliche und übernatürliche Kräfte spielen wunderbar ineinander. Sie bauen und schaffen am Reich Gottes. Eine Spiegelung dieses Gottesreiches ist die Seele. Dort im Großen und hier im Kleinen Tage und Jahre des Kampfes und Friedens, der Niederlage und des Aufstiegs! Wie erbaulich, wie köstlich schön sind die Seelengemälde unserer lieben Gotteskinder, der Frommen und Gerechten. Auch der seligen Caritasjüngerin Pauline von Mallinckrodt. Schau das Suchen und Ringen, das Bangen und Zagen um ihren Beruf. Schau die große Liebe dieser Seele, ihren Herzensfrieden. Schau ihr rastloses Mühen und Arbeiten bis zum Selbstopfer, bis zur Vollendung. Aus Liebe zum Mitmenschen, aus Liebe zu Gott. Schön ist Paulines eigene Seele. Ob der Gnade aber, die ihr gegeben war, die innere Welt der Seele zu kennen, die Gesetzmäßigkeit von Natur und Gnade zu unterscheiden, hat die Vorsehung sie auserwählt, auch andere zu erziehen, zu führen und zu heiligen, Gottes Reich in ihnen zu bauen.

 

Die Familie Mallinckrodt, die den deutschen Katholiken in schwerer Sturmeszeit einen bewährten Führer gab, Hermann von Mallinckrodt, aus altem Westfalenstamm, war an der Ruhr zwischen Witten und Wetter sesshaft. Die Stadt Dortmund hatte im vorvorigen Jahrhundert mehrere Bürgermeister aus diesem Geschlecht. Der Oberregierungsrat Christian Detmar Mallinckrodt war der Vater Hermanns und Paulines, die ihm am 3. Juni 1817 zu Minden von seiner Gattin Bernhardine von Hartmann, einer fürstbischöflichen Hofratstochter von Paderborn, geboren wurde. Die frohen glücklichen Jugendjahre im Kreis der Geschwister ließen schon liebliche Züge großer Herzensgüte und inniger Frömmigkeit an Pauline hervortreten. Den Eltern war sie mit kindlicher Liebe zugetan. Der Vater, ein edler Charakter und pflichttreuer Beamter, der protestantischen Konfession angehörend, vermochte nicht ganz die anerzogenen Vorurteile gegen die katholische Kirche aufzugeben. Die Mutter, eine an Geist und Herz ausgezeichnete Frau, war wohl gewissenhaft darauf bedacht, die Kinder im katholischen Glauben zu erziehen, aber inmitten des gesellschaftlichen Verkehrs mit fast ausschließlich andersgläubigen Beamtenfamilien fand sie es doch geraten, den konfessionellen Einfluss auf die Erziehung nicht allzu sehr geltend zu machen. Da war es aber erstmals sichtlich die führende Hand Gottes, die der hochbegnadeten Seele die Wege zum hohen Ziel ebnete. Als Pauline acht Jahre alt geworden war, wurde ihr Vater als Regierungsvizepräsident nach Aachen versetzt. Hier kam die Tochter in die blühende Töchterschule von St. Leonhard, an der damals die ausgezeichnete, als Dichterin bekannte Luise Hensel wirkte. Ein so frommer und tiefkatholischer Geist herrschte an dieser Schule, dass aus ihr eine große Zahl kernchristlicher Frauen, viele Klosterfrauen und Ordensoberinnen und sogar drei Stifterinnen von Ordenskongregationen hervorgingen. Neben Pauline von Mallinckrodt werden uns noch Klara Fey und Franziska Schervier beschäftigen. Unter dem Einfluss der edlen Lehrerin entfalteten sich Paulines reiche Geistes- und Herzensanlagen zu vielversprechender Blüte. Die erfahrene Konvertitin und kluge Herzenskennerin stand auch dem liebenswürdigen Kind in seiner mitunter heiklen Stellung zu dem andersgläubigen Vater mit weisem Rat zur Seite und legte ihm eine feste religiöse Grundlage ins Herz. Als dann Pauline zur Vollendung ihrer Ausbildung nach Lüttich in ein konfessionell gemischtes Pensionat geschickt wurde, wo sie sich in Erfüllung ihrer religiösen Pflichten in hohem Maß behindert sah, da war es die treue Freundin Luise Hensel, die auf ihre Bitte von Aachen zu ihr eilte und sie durch ihren Rat vollständig beruhigte. Bei dieser Gelegenheit konnte Luise Hensel aber auch die Demut und kindliche Einfalt Paulines rühmen, die die Beruhigung in allen ihren Skrupeln so wesentlich erleichterte.

 

Der Zug der Gnade und des eigenen Herzens führte Pauline zu einem stillen, religiöser Betätigung ergebenen Leben. Dem traten nach ihrer Rückkehr aus dem Pensionat die Verpflichtungen eines bewegten gesellschaftlichen Lebens entgegen, das seinen Mittelpunkt im elterlichen Haus, der Amtsstellung des Vaters entsprechend, fand. In kindlicher Ehrfurcht und gehorsamen Sinnes unterzog sie sich den ihr wenig zusagenden Anforderungen, die den Kindern der Welt als Vergnügungen gelten. „Mit Freundlichkeit und Heiterkeit tat sie es.“ „Sie bestrebte sich aber dabei“, wie sie selbst in ihren „Erinnerungen“ schreibt, „des lieben Gottes zu gedenken und mit ihm im Herzen zu reden.“ Neben den äußeren Schwierigkeiten musste die junge Seele auch durch innere Leiden gehen. Große Ängstlichkeit befiel sie wieder; furchtbare Versuchungen gegen den Glauben regten sich. Aber während einer neuntägigen Andacht befreite sie die hilfreiche Gnade Gottes auf wunderbare Weise von der namenlosen Qual der Skrupulosität, die sozusagen auf einmal verschwand. Nach diesen quälenden Kämpfen erfüllte der Herr in seiner Güte ihre Seele mit so klarem, sicherem Licht über die Glaubenswahrheiten, dass sie eher ihren eigenen Augen als diesem Licht misstraut haben würde.

 

Mit siebzehn Jahren verlor Pauline ihre Mutter. In ihrem jugendlichen Alter sah sie sich nun vor die Doppelaufgabe gestellt, dem Hauswesen und der gesellschaftlichen Repräsentation zur möglichsten Zufriedenheit des Vaters vorzustehen und zugleich die Erziehung ihrer drei Geschwister, die von sehr lebhafter Natur waren, zu leiten. Mit diesen blieb sie denn auch bis zum Tod in innigster Geschwisterliebe verbunden. Die treue Erfüllung der häuslichen Pflichten war ihr nicht Hindernis, vielmehr Antrieb, auch in ihrem inneren Leben mit gleicher Treue nach Vollkommenheit zu streben. Großen Trost und Hilfe fand sie im Gebet und in der Übung christlicher Wohltätigkeit. Die tägliche heilige Kommunion war die Sehnsucht ihres Herzens, die Kraft ihres Lebens. Keine Beschwerde vermochte sie von diesem Gnadenquell abzuhalten. Winter wie Sommer besuchte sie die ersten Messen um fünf Uhr, kniete dabei stundenlang in einem Eckchen auf dem Boden nahe der Kommunionbank, ganz in Gott vertieft. Bis die Familienangehörigen ihrer bedurften, war sie längst wieder zur Stelle und waltete mit kindlichem Gemüt und heiterem Sinn ihrer Tagespflichten. Einfach und liebenswürdig gegen jeden, flößte sie besonders den Armen und Leidenden Vertrauen ein. Manch armes Kind hielt Pauline das kranke Köpfchen hin, damit sie es mit ihrer gütigen Hand reinige und heile.

 

So hatte Pauline Mallinckrodt, dem äußeren Menschen nach, im achtzehnten Lebensjahr bereits die Reife erlangt, aber noch fehlte ihrem geistlichen Leben das Sakrament der Mündigkeit und Vollendung. Im August 1835 nun empfing sie die heilige Firmung, zu einer Zeit, die ihr eben Gelegenheit gab, die Kraftfülle der Beistandsgnade des Heiligen Geistes fühlbar zu erproben. Ein sanfter Ton der Sehnsucht, sich ganz dem lieben Gott zu weihen, strebte ja wohl im Spiel der Seele zur Oberstimme emporzusteigen. Aber kräftige Untertöne, die eine reine Lebensharmonie nicht stören, vielleicht geben könnten, mischten sich seitens der Welt ein. Unter anderem sollte sich Pauline zu einer ehelichen Verbindung mit einem hochachtenswerten, aber andersgläubigen Mann entschließen. Mit kindlicher Innigkeit, die unbewusst groß geworden war, hing sie an ihm. Der Kampf, in dem so viele Schwache erliegen, wogte nun auch in Paulines Seele hin und her. Wofür Verstand und Glaube sich entschieden, dem widersprachen Herz und Gefühl. Nun war sie ausgerüstet mit der „Waffenrüstung Gottes“, bewährt mit dem Heiligen Geist zum „Kriegsdienst Christi“ durch das Zeitsakrament der Firmung und Gott gab ihr die Kraft, wie sie in einem späteren Brief an Luise Hensel bekennt, „etwa acht Tage nachher, dem Freund Lebewohl zu sagen“. Nach solchem Sturm und großherzigem Opfer kam eine ungeahnte Ruhe, ein süßer Friede über sie. Jetzt schien ihr zugleich jegliche Fessel gelöst, die sie noch an die übrige Welt gekettet hielt. Ein neues Leben ging ihr auf, ein höheres, wie sie schreibt; sie wollte keinen Tausch mehr gegen das frühere eingehen. Für die Außenwelt blieb sie ferner rege und lebendig; aber unbekümmert um sich selbst, konnte sie nun mit innigster Herzensfreude ihre tätige Liebe den Armen, den Gliedern Christi, zuwenden. „Ein unendliches Verlangen wurde in ihr rege, Barmherzige Schwester zu werden.“

 

Der Keim des Berufes war gelegt. Durch entschlossenes, opferwilliges Eingehen auf den Ruf Gottes hat die treue Dienerin des Herrn ihn sicher geborgen. Die Reife forderte wohl noch Mühe und Sorgen, aber dem „Ackerfeld Gottes“ (1. Kor 3,9) gebricht es ja auch nicht am befruchtendem Tau. Vorerst drängte die Kindespflicht. Die treusorgende Tochter erleichterte dem Vater das Los der Vereinsamung, als er aus dem Staatsdienst schied und in dem weltfern gelegenen Gut Böddeken, einem ehemaligen Kloster, Aufenthalt nahm. Freilich fehlte der Einsamkeit der echte Mittelpunkt, der eucharistische Heiland. Pauline durfte ihn aber täglich in der Morgenfrühe in dem eine halbe Stunde entfernten Wewelsburg aufsuchen und sich ihm vereinen. Sie konnte dabei auch noch den Armen des Dorfes Pflegerin und Arzt ersetzen. Regen Eifer entfaltete sie im wohltuenderen Winteraufenthalt zu Paderborn, wo sie in dem von Pater Heinrich Goßler gegründeten Frauenverein zur Pflege armer Kranker ein weites Feld caritativer Betätigung fand. Die Schriften jenes bekannten Franziskaners, eines Konvertiten, hatten schon früh nicht geringen Eindruck auf Paulines offenes Herz gemacht. Es wurde ihr vom Verein die Verwaltung einer vom Verein geführten Kleinkinderbewahranstalt übertragen. Auf Anregung des Kreisarztes Dr. Schmidt, der ihr die Sorge für die „doppelt armen“, blinden Kinder dringend ans Herz legte, wurden noch einige blinde Kinder zur Erziehung und Ausbildung aufgenommen, nachdem hierzu vom Bischof von Paderborn das ehemalige Kapuzinerkloster zur unentgeltlichen Benützung war überwiesen worden, 1841. Diese Einrichtung kam bald allen armen Kindern der Stadt zugute. Die Kosten bestritt Pauline aus eigenen Mitteln; in den Unterricht der Blinden teilte sie sich vorläufig mit ihren Freunden. Das war der winzige Keim, aus dem sich nicht nur die große Provinzialblindenanstalt, sondern auch die ganze Kongregation der Schwestern der Liebe entwickelte. Lichtvoll tut sich darin wiederum dem sehenden Auge die ruhige, sichere Führung der Vorsehung, aber auch der demütigen Jüngerin treuwillige Gefolgschaft kund.

 

An die Gründung einer eigenen Genossenschaft dachte Pauline nicht im Entferntesten. Verschiedene Pläne caritativer Art wurden ihr angetragen und zerschlugen sich wieder. Im Jahr 1842 machte sie zum ersten Mal die Exerzitien in einem Waisenhaus ganz allein, aber doch unter einem erfahrenen Meister. Wie strömte sie über vor Dank für diese Wohltat. „Mein ganzes Dasein“, äußerte sie, „erblicke ich in einem neuen Licht. Ich fühlte, dass ich ein neues, besseres Leben beginnen musste. Die Seele findet sich am Schluss solcher Zurückgezogenheit wie ganz über sich selbst erhoben . . .“ Sie sieht alles mit ganz anderen Augen, gleichsam im Licht der Ewigkeit an. Sie findet sich der Welt gegenüber im Vergleich mit sonst so leicht, stark, entfesselt, ruhig und klar in allen Angelegenheiten, dass sie jetzt kaum ihre frühere Befangenheit und Torheit begreifen könne. Paulines Geist klärt sich, wird stärker, weitsichtiger. Noch im selben Jahr trifft sie ein schweres Leid. Der geliebte Vater stirbt, bis zuletzt mit größter Sorgfalt und Liebe von Pauline und den übrigen Geschwistern gepflegt. In echter Kindesliebe und freudiger Ergebung hat sie ihm manches Opfer gebracht und ihre eigenen Herzenswünsche der Erfüllung der Kindespflicht untergeordnet. Auf einer dreimonatigen Reise, die sie im Sommer 1843 mit ihren jüngeren Geschwistern Hermann und Berta zum Besuch der Hauptstädte von Deutschland, Österreich, Tirol, Oberitalien und der Schweiz, über den Rhein zurück, unternahm, besuchte sie eine Menge von Wohltätigkeitsanstalten: Waisenhäuser, Blindenanstalten, Hospitäler, Verwahrschulen, Irrenanstalten und sammelte dabei viele Kenntnisse und Erfahrungen. Größte Ausbeute bot München. Hier wurde das Mutterhaus der Schulschwestern, der Schwestern vom guten Hirten und vor allem das herrliche Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern einer mehrtägigen Besichtigung unterworfen. Ihr Vorhaben stand fest, bei den „Barmherzigen“ einzutreten. Aber wieder traten Hindernisse hervor. Abermals erhob sich ein schwerer innerer Kampf, unter dem die edle Jungfrau furchtbar litt. Auf erholten Rat des Dechanten und späteren Bischofs Kellermann in Münster wartete Pauline weiter geduldig zu. Ihr einziger Trost in dieser schweren Zeit, vom Übernatürlichen der täglichen heiligen Kommunion abgesehen, war der Verkehr mit ihren „lieben armen und blinden Kindern“. Sie nahm Wohnung unter dem gleichen Dach mit ihnen. Als dann behördlicherseits zur Begründung einer Provinzialblindenanstalt auf Paulinen Mallinckrodts seitherige Erfahrung und erfolgreiche Beschäftigung mit dieser Sache das Augenmerk fiel, fühlte sie sich verpflichtet, ihre Person nun endgültig diesem mildtätigen Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Es galt nun für die Leitung der neuen Anstalt eine klösterliche Genossenschaft zu finden, der sie selber beitreten könnte. So reiste sie zunächst nach Aachen zu ihrer Jugendfreundin, Mutter Klara Fey, dann nach Conflans bei Paris, dem Mutterhaus der Damen vom heiligsten Herzen, deren Stifterin und Generaloberin, Mutter Sophie Barat, eben dort weilte. Den Verkehr mit dieser heiligen und sehr klugen Frau – sie wurde 1925 heiliggesprochen – rechnete Pauline zu den großen Gnaden, die der Herr ihr im Leben erzeigt habe. Vieles diente er zur höchsten Erbauung und Belehrung, was ihr „ohne diese Fügung Gottes ganz fremd geblieben wäre“. Doch konnte sie nirgends klösterliche Kräfte für ihre Blindenanstalt erhalten. In ihrer Bedrängnis holte sie auf ihrer Rückreise in Köln den Rat ihres früheren Religionslehrers, der sie auf die erste heilige Kommunion vorbereitet hatte, des dortigen Weihbischofs Clässen, ein. Nach mehrtägiger Beratung und eifrigem Gebet gab der erleuchtete Geistesmann die Entscheidung: er sei zur ganz entschiedenen Überzeugung gelangt, dass es am besten und Gottes Wille sei, sie bleibe bei dem Werk, das Gott bis jetzt unter ihrer Hand gesegnet habe. Im Einvernehmen mit ihrem Diözesanbischof solle sie und die Gefährtinnen, die sich ihr anschließen würden, den armen Blinden ihre Zeit und Kräfte widmen und zu dem Ende sich die Genehmigung und den Segen der Kirche zur Errichtung einer klösterlichen Kongregation erholen.

 

Für Pauline war dieser völlig unerwartet. Indes, wie sie gewohnt war, in derartigen Ratschlägen Gottes Willen zu sehen, „war sie bereit und fühlte selbst im Innersten der Seele, dass es so richtig, gut und gottgefällig sei“. Einmal entschlossen, spürte sie auch die Kraft in sich, das Werk mit Gottes Gnade, gegenüber allen vorkommenden Schwierigkeiten, durchzuführen. So schritt Pauline nach Beratung mit Bischof Franz Drepper zu Paderborn, mit ihrem Pfarrer und Beichtvater am 21. August 1849 zur Gründung der Genossenschaft der „Schwestern der christlichen Liebe“. Der hochwürdigste Bischof selbst reichte vier Schwestern das geweihte klösterliche Kleid, ernannte Pauline von Mallinckrodt zur Oberin der Kongregation und händigte ihr die von ihm bestätigten Regeln ein. Am Ziel ihrer langjährigen Bestrebungen hätte sie „aus vollem Herzen in das Magnifikat der seligsten Jungfrau einstimmen mögen“ und pries den „Tag selig, an welchem sie sich Jesu, dem Geliebten ihres Herzens, zum Opfer darbringen konnte, den köstlichen Brauttag, voll himmlischer Ruhe, den Vorgeschmack des ewigen Friedens“. Ein Jahr darauf legte sie die zeitlichen Gelübde ab, bis sie sich 1866 unwiderruflich Gott durch die ewigen verbinden konnte.

 

Eine weitere Herzensangelegenheit war es nämlich der gottseligen Stifterin, für ihre Genossenschaft die Genehmigung und den Segen des Heiligen Vaters zu erlangen. Bischof Dr. Konrad Martin, der gleich nach seiner Inthronisation im Jahr 1856 mit großer Hirtenliebe der aufblühenden Genossenschaft sich annahm, war mit Rat und Tat behilflich, so dass schon am 13. April 1859 die päpstliche Belobigung der Genossenschaft, 1863 ihre Approbation und 1867 die Approbation der Konstitutionen vorläufig erfolgte. Im Jahr 1888 wurden diese endgültig bestätigt. Unter Gottes Huld und Segen, der Leitung Mutter Paulines, dem Wohlwollen der geistlichen und staatlichen Behörden wuchs die Genossenschaft rasch heran. Mit Übernahme von Schulen aller Art entstanden Niederlassungen in Westfalen, Sachsen und am Rhein bis nach Sigmaringen und Konstanz hinauf.

 

Über zwanzig Häuser waren so in Deutschland gegründet worden, da brach der unselige Sturm der siebziger Jahre diese hoffnungsvollen Zweige am Baum katholischen Lebens – für das apostolische Herz der Mutter Pauline ein schwerer Schlag. Allein ihr starkes Gottvertrauen, ihre glühende Liebe und tiefe Demut trieben in der größten Not nur kräftigere Wurzeln. Außerhalb des deutschen Vaterlandes eröffnete sie neue Unterrichts- und Erziehungsanstalten in Mühlhausen und Weltrus in Böhmen, in Gutenberg in Liechtenstein, in Mont St. Guibert und Alsemberg in Belgien. Im Sommer 1873 sehen wir sie bereits in Nordamerika neue Arbeitsfelder suchen. Ihre Erwartungen wurden übertroffen. Viele Pfarrschulen erbaten sich Schwestern, wie vorher schon Südamerika nach solchen gerufen hatte. Der Heilige Stuhl genehmigte die Errichtung zweier neuer Provinzen in Nord- und Südamerika. Aus ihrem eigenen Mutterhaus vertrieben, siedelte Mutter Pauline 1877 nach Mont St. Guibert über, wo sie auch für Bischof Dr. Konrad Martin, dem größten Wohltäter und segenspendenden Förderer ihrer Genossenschaft, ein ruhiges Asyl als „Hausgeistlichen“ bereitete, als auch er den Kulturkampfgesetzen hatte weichen müssen. Ihrer Tatkraft verdankt es die Paderborner Diözese, dass die Leiche des geliebten Bekennerbischofs am 25. Juli 1879 im hohen Dom zu Paderborn ihre Ruhestätte fand.

 

In Vorahnung ihres nahen Todes besuchte Mutter Pauline 1879 und 1880 noch alle Häuser in Süd- und Nordamerika und dann die wenigen in Europa noch bestehenden Niederlassungen. Um auf die Reise zur „himmlischen Filiale“, von der sie so gerne redete, in aller Stille sich vorzubereiten, wagte sie es, ins Mutterhaus, wo nur kranken Schwestern der Aufenthalt noch gestattet war, sich zurückzuziehen. Hier befiel sie Ende April 1881 eine heftige Lungenentzündung, die ihre Kräfte rasch aufzehrte. Am Morgen des Festes der heiligen Katharina von Siena beschloss sie unter den Gebeten der Schwestern ihr verdienstvolles Leben durch einen seligen Tod. Die Beisetzung der Leiche der Dienerin Gottes erfolgte am 4. Mai 1881 unter großer Beteiligung in der St.-Konradus-Kapelle auf dem Friedhof der Schwestern.

 

So das äußere Leben der gottseligen Mutter Pauline. Weltfreudig und händeregend stand sie als Jungfrau mildherzig in den Hütten der armen und unter den lieben blinden Kinderchen, wie im Haushalt des Vaters. Schaffend und entschlossenen Mutes aufbauend, schaltete sie als weit- und umsichtige Generaloberin über eine zwei Erdteile umfassende Genossenschaft. In ihrem geistlichen Leben aber war ihr Streben mit gleicher Entschiedenheit nur auf das Höchste gerichtet. Sich nur eben noch mit einem Schemelchen ganz unten im Himmel zu begnügen, erklärte sie als „Trägheit und ganz falsche Bescheidenheit, die Gott nicht gefalle“. „Es ist für uns überaus nützlich,“ sagt sie, „wenn wir unsere (guten) Begierden nicht in enge Grenzen einschränken. Wir müssen im Gegenteil glauben, dass wir mit der Zeit, wenn wir nur uns auf Gott stützen und mit Hilfe seiner Gnade standhaft uns anstrengen, die Vollkommenheit erreichen werden, zu der eine so große Anzahl von Heiligen gelangt ist. Auch sie würden niemals eine solche Höhe erstiegen haben, hätten sie nicht hohe Begierden in ihrer Seele getragen und sie nach und nach zur Ausführung gebracht. Gott verlangt und liebt mutige Seelen, wofern sie nur demütig sind und in keinerlei Weise auf sich selbst vertrauen.“

 

Zu diesen Seelen gehörte Pauline. Darum suchte sie immer mehr zu innigster Gottvereinigung zu gelangen, zum erhabensten Ziel und zugleich auch zum einzig dauernden Glück des Menschen. Im Sakrament der Liebe suchte und fand sie diese glückfördernde Vereinigung. Da war der Segensquell für die eigene innere Heiligung, da die Kraftquelle für ein so opfermutiges, erfolgreiches Wirken für die Mitmenschen. „Das heiligste Sakrament ist mein Leben, meine Seligkeit.“ „Sorgen Sie ja alle recht sehr für Ihr inneres Leben . . ., für eine recht warme und sorgfältige Verehrung des heiligen Sakramentes. Die ganze Welt kann Ihnen nicht schaden, wenn Sie Gott zum Freund haben.“ So lehrte die Gottselige, so handelte sie. Wie strömte sie über von Freude und Seligkeit, wenn der göttliche Heiland wieder in einer Neugründung seine sakramentale Wohnung aufschlug! Sie war „bereit, Häuser und Häuser mit der größten Anstrengung zu bauen, wenn solch ein Gast, Jesus im heiligsten Sakrament, sich würdigte, darin einzukehren.“ Aus diesem Gnadenbrunnen schöpfte sie ihre glühende Gottes- und Nächstenliebe, ihre tiefe Frömmigkeit, ihren steten Wandel in Gottes Gegenwart, ihre kindliche Demut, ihr freudiges, unerschütterliches Gottvertrauen, ihre wahrhaft mütterliche Liebe und Güte, aber auch energische Strenge in Leitung ihrer Schwestern, ihre unüberwindliche Geduld in Schwierigkeiten und Kämpfen, ihren bewunderungswürdigen Starkmut bei den außerordentlichen Prüfungen, die sie zu bestehen hatte, ihre volle Gottergebenheit in allen Lagen des Lebens bis zum letzten Atemzug.

 

Das Äußere der gottseligen Ordensfrau machte einen überwältigenden Eindruck. Einerseits flößte ihr Erscheinen tiefste Ehrfurcht ein, andererseits zog die Lieblichkeit ihres Wesens unwiderstehlich an. Bei ihrer ersten Besuchsreise in Amerika hörte man vielfach, auch von Priestern, sagen, sie mache den Eindruck einer Heiligen, in ihrem Wesen liege etwas Übernatürliches, das die Herzen gewinne. Daher auch ihr Einfluss und – mit Gottes Segen – die eroberungsmächtige Verbreitung ihrer Kongregation. Sie zählt gegenwärtig (1928) über 2000 Schwestern in 117 Häusern in Europa, Nord- und Südamerika. Das Grab der Dienerin Gottes wird von Personen aller Stände mit viel Vertrauen besucht. Pauline wurde am 14. April 1985 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.

 

„Das Erste zuerst! Zuerst unser Seelenheil! Ohne Sorgfalt und Gebet ist es nicht zu erreichen!“ „Nur mutig voran! Von der heiligen Kirche gesegnet, durch den Geliebten (Gott) gestärkt, kann ich alles!“ „Ob uns etwas schwer oder leicht wird, angenehm oder unangenehm ist, darauf kommt es durchaus nicht an; ist es der Wille Gottes, so muss es geschehen und damit Punktum!“ Aussprüche der seligen M. Pauline Mallinckrodt.

 

Der selige Benedikt von Urbino, Volksmissionar, Kapuziner,

+ 30.4.1625 – Fest: 30. April

 

Unsere geistliche Mutter, die heilige Kirche, lässt zur Belehrung und Erbauung ihrer Kinder die Heiligen und Seligen bildlich so darstellen, dass man ohne viel Schwierigkeit aus den Darstellungen auch die Haupttugenden dieser christlichen Vorbilder abnehmen kann. Der selige Kapuzinerpriester Benedikt von Urbino wird gewöhnlich abgebildet, kniend vor dem Tabernakel, versunken in Andacht und Anbetung, wie einer der vierundzwanzig Ältesten vor dem Thron des Lammes in der Geheimen Offenbarung des heiligen Johannes.

 

Man kann einen zweifachen goldenen Tabernakel unterscheiden, dem gegenüber im christlichen Leben sich die eucharistische Andacht in besonderer Weise auswirken soll. Der goldene Tabernakel in der Kirche, worin umgeben von den anbetenden Engelchören das heilige Altarsakrament eingesetzt ist, und der goldene Tabernakel im Menschenherzen, worin geistiger Weise die heilige Eucharistie eingesetzt wird, um den Christen durch getreue Tugendnachfolge Jesu Christi in einen wahren Jünger des göttlichen Heilandes umzuwandeln. Den Weg dazu finden wir vorgezeichnet im Leben unseres Seligen.

 

Einem alten Adelsgeschlecht der Fürsten von Passionei in Urbino abstammend, ein naher Verwandter der Päpste Innozenz VIII., Alexander VII. und Klemens XI., musste der junge, hochbegabte Edelmann während seiner Jugend- und Studienjahre auf der Universität den ganzen verführerischen Reiz der Welt überwinden. Doch er kannte keinen anderen Weg als den zur Kirche und zur Schule. In dem zügellosen Treiben und Austoben seiner Studiengenossen erschien er als ein Engel von Reinheit und Frömmigkeit. Das ewige Licht vor dem Tabernakel ließ ihm die Scheinfreuden, Scheingüter und Scheinehren dieser Welt in ihrer armseligen Wirklichkeit erscheinen und leuchtete dem jungen Gott- und Glücksucher als Leitstern auf dem Weg der christlichen Vollkommenheit. Die Frömmigkeit ist zu allem nütze, schreibt einmal der Apostel, und sie förderte auch die Studienfortschritte, so dass der junge Student bald mit dem Doktorat der Rechtswissenschaften ausgezeichnet wurde. Auf Wunsch der Verwandten wollte er die Laufbahn der kirchlichen Würden beginnen, allein eine höhere Berufung führte ihn in den armen, demütigen Franziskusorden der Kapuziner. Wohl suchten die weltklugen Anverwandten diesen Schritt zu hintertreiben, doch wie bald mussten sie erkennen, dass sie vielleicht einen Kirchenfürsten verloren hatten, dafür aber einen Seligen gewonnen.

 

Nach dem Empfang der heiligen Priesterweihe bemühte sich Pater Benedikt nicht bloß im priesterlichen Amt sich ganz dem Dienst des Altares und Tabernakels zu widmen, sondern auch selbst seinem Priesterideal, ein „zweiter Christus“ zu werden, nachzukommen. Der goldene Tabernakel seines Herzens schmückte sich mit allen Ordens- und Priestertugenden. Beständig brannte darin das Ewige Licht und heilige Opferfeuer der erhabensten Gottes- und Nächstenliebe. Mit den heiligen Engeln verband er sich zu fortwährender wirklicher oder doch geistiger Anbetung Jesu Christi im allerheiligsten Altarsakrament. Diese Gebetsweihe verklärte den Seligen mit einem gewissen mystischen Glanz und machte den „Seraph vor dem Tabernakel“ zu „Cherub mit dem Flammenschwert“ auf der Kanzel für Gottes Ehre und der Seelen Rettung. Ununterbrochene, freiwillige Bußwerke für die Bekehrung der Sünder, das eigene gute Beispiel heldenmütiger Tugend krönten den apostolischen Seeleneifer mit reichem Erfolg. Diese priesterliche Vollkommenheit bestimmte auch den heiligen Ordensgeneral Laurentius von Brindisi den Seligen als Gefährten mitzunehmen auf seine apostolischen Missionsreisen nach Böhmen zur Festigung der schwer bedrängten Gläubigen und zur Bekehrung der abtrünnigen Hussiten. Nach drei Jahren schwerer, opfervoller Arbeit in diesem dornigen, verwilderten Weinberg des Herrn wurde Pater Benedikt wieder nah Italien zurückgeschickt, um wichtige Ordensämter zu übernehmen. Wie die Kraftstrahlen eines Magneten, so teilte sich das Gottvertrauen in den größten Nöten, die strenge Observanz und die heilige Freudigkeit des Oberen auch den Seelen der Untergebenen mit. Immer mehr begriffen sie das wundermächtige Losungswort des Seligen: „Wer auf Gott fest hofft und vertraut, kann nicht verloren gehen.“ Er sah in die Zukunft mit prophetischen Blick, er griff mit Wundermacht ein in den Gang der Natur. Endlich, als der Selige seine große Lebensmission der Förderung der Anbetung vor dem goldenen Tabernakel in den Kirchen und der Tugendausstattung der lebenden Tabernakel in den Christenherzen vollendet, durfte er in hohem Alter eingehen zur ewigen Anbetung vor dem Thron des Lammes im Himmel.

 

Christliche Seele! Auch du bist berufen zum Engelsdienst der Anbetung vor dem Tabernakel in der Kirche. Hast du aber schon einmal empfunden, „was das ewige Licht erzählt“, in der hehren Feier einer Frühmesse, wenn die ersten Goldstrahlen der aufgehenden Sonne das ganze Weltall verklären zu einem gewaltigen Dom für das liebeflammende Sonnenherz Jesu Christi dort auf dem Altar, oder den mystischen Zauber einer einsamen, stillen Anbetungsstunde, wo du wie in visionärer Schau die Anbetungsengel auf und nieder steigen siehst auf der goldenen Himmelsleiter, mit reichen Gnadengeschenken für Dich? Ist sodann der Tabernakel deines Herzens für die oftmalige heilige Kommunion rein und weiß bewahrt im Gnadenkleid, frei von jeder lässlichen Sünde? Ist er vergoldet mit dem Gold der guten Werke und Tugenden, geschmückt mit den Perlen und Edelsteinen der christlichen Opfer? Wie oft wird Jesus Christus dort eingesetzt durch die wirkliche und geistige Kommunion? Einer gottbegnadeten Seele zeigte der göttliche Heiland einmal zwei Gefäße, ein goldenes und ein silbernes; im ersten, erklärte er, bewahre er die wirklichen heiligen Kommunionen auf, im letzteren die geistlichen. Der Gradmesser des eucharistischen Eifers und der Liebe ist der Höhenmesser der christlichen Vollkommenheit. Hat dir das „ewige Licht“ vor dem Tabernakel oft geleuchtet, so wird das ewige Licht dir auch einst leuchten durch die finstere Nacht des Todes in glücklichem Heimgang.