Tägliches Dankgebet für das Geleit des Schutzengels

 

(Vom heiligen Bernhard)

 

 

Gütig bist du, o Herr, zu jenen, die auf dich hoffen, und zu der Seele, die dich sucht. Auch den Schutzengel hast du mir gegeben, dass er mein Gefährte sei. O, welch innigen Anteil nimmt er an der Freude und Wonne der Seele. Mein Engel ist es, der, einem treuen Diener gleich, die Seele überall hingeleitet, sie ohne Unterlass ermahnt, und durch häufige Eingebungen zu ihr spricht: „Erfreue dich im Herrn, und er wird dir die Bitten deines Herzens gewähren!“ Und wieder: „Erwarte den Herrn, und bewahre seine Wege!“ Dann wieder: „Wenn der Herr ausbleibt, so warte nur seiner, denn er wird gewiss kommen, und nicht zögern!“ Und zu dir selbst, mein Gott, spricht der Engel für meine Seele: „Wie der Hirsch nach dem Wasserborn verlangt, also verlangt sie nach dir, o Herr! Sie hat in der Nacht nach dir verlangt, doch dein Geist ist in ihrem Herzen. Sie hat des morgens zu dir gewacht, und den ganzen Tag über streckt sie die Hände nach dir aus. Lass sie vor dich, denn sie ruft nach dir. Kehre dich ein wenig zu ihr und lass dich von ihr bitten. Schau herab vom Himmel, und besuche die Trostlose!“ – O welch ein redlicher Führer ist mein Schutzengel, der nicht seine Ehre sucht, sondern deine Ehre, und mein Heil. Als Bote geht er hin und her zwischen dir, dem Geliebten, und mir, dem Liebenden. Wünsche trägt er hinauf von mir, und Gaben bringt er herab von dir für mich. Dich besänftigt, mich ermuntert er, er sieht ja täglich dein Angesicht, das Angesicht meines Vaters. O, ich muss große Ehrfurcht vor meinem Schutzengel haben, ich bin schuldig ihn täglich zu loben, zu verehren, ihm Dank zu sagen, und will mich hüten in seiner Gegenwart – und er ist ja stets bei mir, irgendetwas Unerlaubtes oder Schändliches zu denken, zu reden, oder zu tun. Du, o Gott, hast ja selbst meinem Engel befohlen, dass er mich auf allen meinen Wegen bewahre: und dies muss mich mit Ehrfurcht vor ihm erfüllen, wegen seiner Gegenwart, mit Vertrauen auf seinen Schutz und mit Dankbarkeit für sein Wohlwollen. – Wie soll ich dir aber vergelten, o Gott, für alles, was du mir gegeben hast? Dir allein gebührt Ehre und Glorie. Meinen Engel will ich dankbar lieben und verehren, si viel ich es im Stande und schuldig bin. Amen.