Karlchens Gebet

 

Von der Schule kommt der Knabe,

Legt das Ränzlein auf den Tisch,

Mutter sorgt, dass er sich labe,

Dass die Wangen bleiben frisch.

 

Abendsonne scheint so golden,

Milde wehet Lenzes Hauch,

Wieget, schaukelt Blütendolden,

Käfer summt durch Busch und Strauch.

 

„Mutter“, spricht der Knabe traulich,

„Darf ich nicht zum Kirchlein gehen?

Klein zwar ist es, doch erbaulich,

Wirst auch bald mich wiedersehn.“

 

Mutter lächelt, nickt vergnüglich,

Pförtchen klirrt, der Knabe geht,

Eilt zum Kirchlein unverzüglich,

Das am Klostergarten steht.

 

Hahn auf Türmchens Spitze funkelt

In der Sonne lichtem Strahl,

Dichte Linden-Reih umdunkelt

Kirchlein zierliches Portal.

 

Karlchen öffnet leis die Türe,

Leise geht er durch den Gang,

Dass man nichts von ihm verspüre,

Geht der Bänke Reih entlang.

 

Geht bis nahe zum Altare,

Schön aus dunklem Holz geschnitzt,

Mit dem goldnen Engelpaare,

Das den Tabernakel schützt;

 

Knieet nieder auf den Fliesen

Mit dem Arabesken-Rand,

Die den Choresraum umschließen,

Bunt und fein aus Ton gebrannt.

 

Durch bemalte Fenster flimmert

Dicht gedämpft, der Sonne Glanz,

Ew`ge Lampe rosig schimmert,

Taucht in Glut die Englein ganz.

 

Und der Andacht Glut durchbebet

Karlchens Engelsangesicht

Wie die Hände er erhebet

Und sein fromm Gebetchen spricht:

 

„Liebster Jesus, sieh ich komme,

Dich zu sprechen hier allein,

Mutter glaubt, dass es wohl fromme,

Dir zu sagen, was ich mein;

 

Gestern hab ich`s ihr verraten,

Was mich schon so lange Quält;

Musst mit Jesus dich beraten,

Sprach sie, der weiß, was dir fehlt;

 

Sieht so gern die Kinder kommen,

Hat ja einstens hochbeglückt

Sie auf seinen Arm genommen,

An sein göttlich Herz gedrückt.

 

Drum mein Jesus, Freund der Kinder,

Hör auf Deines Kindes Flehn,

Auf die Englein auch nicht minder,

Die mitflehend um mich stehn.

 

Als ich neulich ministrierte

Hier beim Opfer am Altar

Und die Andachtsglut mich rührte,

Die ich sah am Herrn Vikar:

 

O, da fühlt ich heiß Verlangen:

Könnt auch ich ein Priester sein,

Könnt ich täglich Dich empfangen,

Und so ganz Dein eigen sein!

 

Ach, wie ist doch der so glücklich,

Dacht ich da in meinem Sinn,

Und so denk ich augenblicklich,

Schau ich nur auf Priester hin!

 

Täglich am geweihten Orte

Bringt er Gott das Opfer dar,

Täglich bei dem Wandlungsworte

Steigt Gott Sohn auf den Altar.

 

O, der darf um alles flehen,

Was er flehet, wird erfüllt;

Kann vor seinem Jesus stehen,

Unter Brotsgestalt verhüllt.“

 

Und des Knaben Augen leuchten,

Seine Wangen rosig glühn,

Tränen still die Wimpern feuchten,

Schauer heiß sein Herz durchziehn.

 

„Jesus, lass mich Priester werden,

Guter Priester will ich sein,

Oder nimm mich von der Erden

Auf zum Chor der Engelein.

 

Würd ich Priester, wollt ich flehen,

Opfern für die ganze Welt,

Täglich betend vor Dir stehen,

Alles tun, was Dir gefällt.

 

Beten, opfern für die Sünder,

Die so schwer Dein Herz gekränkt,

Für die armen Heidenkinder,

Die man in dem Fluss ertränkt;

 

Retten viele armen Seelen

Aus der Pein der Feuersglut,

Sühnen wollt ich ihre Fehlen

Durch dein heilig Opferblut.

 

Könnt ich dann zu Kranken tragen

Dich, geborgen an der Brust,

Lindern ihres Leides Klagen:

Jesus, das wär Himmelslust.

 

Himmelslust und Himmelswonne

Wär es, könnt ich Priester sein!

Aber ach! – schon sinkt die Sonne,

Muss zurück zur Mutter mein.

 

Liebster Jesus, o verleih es,

Was ich heut von Dir begehrt!“

Vom Altare tönts: „So sei es,

Was du willst, sei dir gewährt!“

 

Karlchen geht. Verklärt von Wonne

An der Tür er Abschied nimmt;

Mild umglänzt ihn Abendsonne,

Nun zum Dienst des Herrn bestimmt.