Gebet der Kranken zu U. L. Fr. von Lourdes

 

In einer Audienz vom 13. November 1907 bewilligte Papst Pius X. einen Teilablass für nachstehendes, von Bischof Schöpfer von Tarbes, in dessen Diözese Lourdes lag, verfasstes Gebet:

 

O Maria, ohne Sünde empfangen, U. L. Fr. von Lourdes, die du von allen Seiten deine Kinder zur Grotte deiner Erscheinungen ziehst: durch unzählige Wohltaten ermutigst du das kindliche Vertrauen derjenigen, welche deinem Ruf gefolgt sind. Leidend an Körper und Seele, komme ich nach Tausenden und Tausenden armer Kranken, werfe mich dir zu Füßen und flehe um die Gnade meiner Heilung. Gütigste und bei unserem Herrn alles vermögende Mutter, erwirke, dass ich von meinen Leiden befreit werde und meine wiedererlangten Kräfte in den Dienst Gottes und meiner Mitmenschen stellen kann. Wie wäre es mir so lieb, wenn ich verkünden könnte, ich habe durch deine Vermittlung die Wiederherstellung meiner Gesundheit erlangt, welche zugleich ein Beweis deiner Barmherzigkeit gegen mich, vielleicht für viele Seelen ein Beweggrund der Bekehrung würde.

Vor allem aber will ich mich deinen mütterlichen Händen überlassen. Ist es der Wille Jesu Christi, meines göttlichen Erlösers, welchem dein Wille stets gleichförmig bleibt, dass mein Leidenskelch gegenwärtig nicht vorübergehe, so wünsche ich, mit Ergebung und Liebe sagen zu können, dass das auch mein Wille ist. Gib, dass ich vom Grunde meines Herzens dieser vom Himmel gekommenen tröstlichen Wahrheit zustimme: Der allgütige Gott liebt uns unendlich, immer und überall; aber ohne Zweifel liebt er uns besonders, wenn er uns an den Leiden Christi teilnehmen lässt und uns ans Kreuz heftet.

O unbefleckte Jungfrau, liebe Frau von Lourdes, Mutter eines Gottes, welcher der Mann der Schmerzen gewesen ist: Dein göttlicher Sohn wollte dich an seiner Seite auf dem Kalvarienberg haben, während er für uns litt und starb. Er liebte dich, wie nur ein Gott seine Mutter lieben konnte, und doch wollte er, dass deine Seele von einem Schmerzensschwert durchbohrt werde, damit in den gemeinsamen unaussprechlichen Leiden deine Liebe zu ihm sich offenbare und vermehre.

Erwirke mir die Gnade, U. L. Fr. von Lourdes, Trösterin der Betrübten, Heil der Kranken, dass ich Gott immer mehr liebe in dem Maß, als meine Prüfungen währen und sich verschlimmern. Dies wäre ein größeres Wunder als meine plötzliche vollkommene Heilung. Um mir die Gesundheit wiederzugeben, würde ein von dir im Namen und mit der Macht desjenigen gesprochenes Wort genügen, der dein Sohn sowohl als dein Gott ist, während ich fühle, dass die Ergebung in die Schmerzen, die freudige Annahme der Krankheit mit ihrem Gefolge von Leiden in hervorragender Weise das Werk des Allerhöchsten ist. Ja, ich sehe, dass es für Gott gewissermaßen leichter ist, den Schmerz zu heilen, als zu bewirken, dass man denselben liebe. Doch wenn du willst, so wird meiner Schwachheit als Stütze eine übernatürliche Kraft gegeben, welche jene siegen lässt und so die Größe deiner Macht offenbart.

Mögen die durch Unterwerfung unter den göttlichen Willen geheiligten Qualen meiner Krankheit mit der Todesangst meines göttlichen Heilandes vereinigt werden; mögen meine Tränen, vermischt mit seinen Tränen und seinem Blut, meine begangenen Fehler vollständig sühnen und Gnaden der Auferstehung über die armen, durch die Sünde sterbenden oder gestorbenen Seelen herabziehen!

Die Fülle deiner Gnade, o mein Gott, möge – ich bitte dich im Namen deiner Mutter – besonders den mir durch die Bande des Blutes oder der Freundschaft nahestehenden Personen zuteil werden. Gib, dass meine Leiden vorläufig, bis es dir gefällt, ihnen ein Ende zu machen, für sie eine Quelle des Segens werden.

O Schmerzensmutter und Mutter erbarmungsvoller Güte, die du unter dem Kreuz standest, bitte für uns, damit wir würdig werden der Verheißungen Christi! Amen.