Erweckung der göttlichen Tugenden - Glaube, Liebe, Hoffnung

 

(Vom heiligen Augustinus)

 

Der Glaube

 

Zu dir, o Herr, ruft mein Glaube, den du mir in deiner Güte zu meiner Heiligung gegeben hast. Denn eine gläubige Seele lebt aus dem Glauben, und verharrt in der Hoffnung dessen, was sie dort in der Wirklichkeit sehen wird.

Mein Gott, zu dir ruft in diesem Glauben mein gereinigtes Gewissen und eine schöne Liebe in dem Glauben, den du, nach der Verbannung der Finsternisse und der Unwissenheit, zur Erkenntnis der Wahrheit geführt, und mir, nach der Befreiung von der Bitterkeit der törichten Welt, an deren Stelle die Schönheit deiner Liebe getreten ist, lieblich und köstlich gemacht hast. O selige Dreifaltigkeit, zu dir ruft in diesem Glauben meine laute Stimme und aufrichtige Liebe, in dem Glauben, den du von Kindheit an in mir ernährt, durch dein Gnadenlicht immer mehr erleuchtet und durch die Unterweisungen der Kirche, meiner Mutter, vermehrt und befestigt hast. Zu dir rufe ich, o selige, gebenedeite und innig geliebte Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist! Gott, Herr, Tröster! Liebe, Gnade, und Ausspender derselben! Wahres Licht, wahres Licht vom Licht, wahre Erleuchtung! Eine Quelle, ein Fluss, ein alles befruchtender Strom! Alles von einem, durch einen und in einem! Von dem, durch den, und in dem alles ist! Ein Leben aus sich, ein Leben vom Leben und ein Beleben der Lebendigen! Die Wahrheit ist der Vater, der Sohn und der Heilige Geist! Darum sind der Vater, das Wort und der Tröster ein Wesen, eine Kraft, eine Güte und Seligkeit, durch den und in dem alle Geschöpfe, die es sind, selig sind!

 

(Vom heiligen Ludwig von Granada)

 

Die Liebe

 

Lass mich dich lieben, o Herr! Lass mich, dein Geschöpf, dich, meinen Schöpfer lieben, von dem ich alles empfing, was ich bin und habe. Zurück sollen die Fluten kehren zum Urquell, von wo sie kamen. Zurück sollen die Wirkungen zur Ursache, der sie entsprungen sind. Zurück soll das Geschöpf zu seinem Schöpfer. Dein bin ich. Dein will ich ewig sein. Nimm als deinen Diener in dein Haus mich auf, und verstoße nicht, den du für dich erschaffen hast. Wie die Äste eines Baumes aus der Wurzel desselben entsprießen, und die Wurzel sie ernährt und in ihrem Dasein erhält, so bist auch du, o Herr, der Urgrund meines Daseins, und du allein erhältst und stützt mich, dein Geschöpf. An wen also soll ich denken, wenn nicht an dich? Zu wem also soll ich meine Augen erheben, wessen soll ich mich erinnern, wen soll ich lieben, wenn nicht dich, o Herr? Wessen Hände erschufen mich? Wessen Vorsehung schützt mich? Wessen Geschöpfe dienen mir? Durch wen bin ich und lebe ich? Von wem habe ich alles, was immer ich Habe? Alles ist von dir, o Herr. Da also du die Wurzel alles Guten bist, das ich habe, und ich nur ein dürftiger Ast, der unter so vielen anderen nur durch dich lebt: was soll ich im Himmel und auf Erden betrachten, als dich, den Urquell meiner ganzen Glückseligkeit, und die verborgene Stätte, die alle meine Schätze verschließt? Ein Weinberg labt mit seinen Früchten nicht nur den, der ihn gepflegt, sondern auch jenen, der ihn bearbeitet, begossen, gereinigt und fähig zur Reife gemacht hat. Ich bin dein Erbe, o Gott, ich der Weinberg, den du mit deinen Händen gepflegt, mit den Gewässern deiner Gnade begossen, und mit deinen Strahlen erwärmt hast. Und ein anderer, als du, sollte die Früchte so vieler Mühen genießen? Dir, o Herr, sollen alle Kräfte meiner Seele, gleich eben so vielen Reben dienen, die in diesem Weinberg wachsen, dir alle fromme Begierden, die gleich eben so vielen Blumen darin blühen, dir alle Worte und Werke, die als eben so viele Früchte zu deiner Ehre und zu deinem Dienst reifen sollen. Mit Ehrfurcht sollen meine Augen zu dir Aufblicken, loben soll meine Zunge dich, unterthänig sollen meine Hände dir sein, und mit Schnelligkeit sollen meine Füße auf den Wegen deiner Gebote gehen. In deiner Liebe soll, gleich in einem flammenden Feuer, mein Herz wie Wachs zerfließen. Niemals soll mein Gedächtnis deiner Vergessen, nimmer soll mein Verstand ermüden, dich zu betrachten, und in dir allein soll mein Wille sich erfreuen, und seine Glorie suchen. Dies ist der Nutzen und die Frucht dieses Weinbergs. Umgib ihn, o Herr, mit einer feurigen Mauer, und verschließe jeden Zugang, dass niemand, als du, Eingang in ihr finde. Lass mich dich lieben, o Herr, weil du allein das Werk vollenden kannst, das du begonnen hast, und weil nur du vermagst, meine Seele zur Volkommenheit zu führen. Lieben also will ich dich, o Herr, lieben mit innigster, glühendster Liebe. Alle Gefühle und Begierden meines Herzens will ich gleich eben so vielen Armen ausstrecken, dich mit der Liebe zu umfassen, o unendlich geliebter Bräutigam meiner Seele, von dem ich alles Gute erwarte.

 

(Vom heiligen Augustinus)

 

Die Hoffnung

 

Wie selig ist eeine Seele, die vom Kerker dieses Leibes aufgelöst, sich frei zum Himmel erhebt, wo sie dich, o Herr, von Angesicht zu Angesicht sieht, die von keiner Furcht des Todes mehr angefallen wird, sondern einer unvergänglichen ewigen Herrlichkeit sich erfreut. Sie ist im Besitz des guten Herrn, den sie hier lange gesucht und immer geliebt hat. Mit den lobsingenden Engelchören vereint, singt sie mit ihnen dir, o Christus, du König, du guter Jesus, durch die ganze Ewigkeit die wundervollen Gesänge einer endlosen Feier zum Ruhm deiner Herrlichkeit, und du tränkst sie mit dem Strom deiner Seligkeit.

O selige Versammlung der himmlischen Bürger! O herrliches Freudenfest aller, die aus den schmerzvollen Trübsalen unserer Pilgerschaft zu dir, zum seligen Genuss der Schönheit, zum herrlichsten Glanz und zur vollkommensten Würde zurückkehren, wo dich deine Bürger, o Herr, unablässig anschauen! Dort hört kein Ohr, was das Gemüt auch nur leise beunruhigen könnte. O, welche Lieder, welche Saitenspiele, welch ein Wohllaut! Harmonien erklingen dort unaufhörlich. Immer ertönen dort die lieblichsten Psalmen, die entzückendsten Engelstimmen, und die wundersamen Melodien, die von den Himmelsbewohnern dir zum Lob und zur Verherrlichung gesungen werden. Keine Bitterkeit und keine Zwietracht findet sich in deinem Reich, denn da ist keine Bosheit, kein Bösewicht, kein Widersacher und kein Anfechtender, keine Versuchung zu irgend einer Sünde. Da ist kein Mangel, keine Schande, kein Streit, kein Vorwurf, keine Beschuldigung, keine Furcht und Unruhe, keine Strafe und kein unentschiedenes Schwanken und keine Gewalttat, sondern der höchste Friede, lautere Liebe, ein ewiges Jubeln und Preisen Gottes, eine ohne Ende sichere Ruhe und eine fortdauernde Freude im Heiligen Geist.

O wie selig werde ich sein, wenn ich die Feierchöre des Himmels, wenn ich das der allerheiligsten Dreifaltigkeit gebührende Lob in den schönsten Psalmen hören werde! Aber noch seliger bin ich, wenn ich selbst gewürdigt werde, meinem Herrn Jesus Christus eines von den hehren Liedern Sions zu singen. Amen.