Das Vaterunser

 

Hl. Beda d. Ehrw. (+ 25.5.735):

 

Die alten Legenden sagen, der ehrwürdige Beda sei in seinem Alter blind gewesen und erzählen folgende alte Geschichte:

 

Vor Alter blind, fuhr Beda dennoch fort

Zu predigen die neue frohe Botschaft.

Von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf wallte

An seines Führers Hand der fromme Greis,

Und predigte das Wort mit Jünglingsfeuer.

 

Einst leitet ihn sein Knabe in ein Tal,

Das übersät mit gewalt`gen Steinen.

Leichtsinnig mehr, als boshaft, sprach der Knabe:

"Ehrwürdiger Vater, viele Menschen sind

Versammelt hier, und harren auf die Predigt."

 

Der blinde Greis erhob sich alsobald,

Wählt einen Text, erklärt ihn, wandt` ihn an,

Ermahnte, warnte, strafte, tröstete

So herzlich, dass die Tränen mildiglich

Ihm niederflossen in den grauen Bart.

Als er beschließend darauf, das Vater Unser,

Wie sich`s geziemt, gebetet, und gesprochen:

 

(Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.)

 

"Dein ist das Reich, und dein die Kraft, und dein

Die Herrlichkeit bis in die Ewigkeiten" -

Da riefen rings im Tal viel tausend Stimmen:

"Amen, ehrwürd`ger Vater, Amen, Amen!"

 

Der Knab` erschrak; reumütig kniet er nieder,

Und beichtete dem Heiligen die Sünde.

"Sohn", sprach der Greis, "hast du denn nicht gelesen?

Wenn Menschen schweigen, werden Steine schreien.

Nicht spotte künftig, Sohn, mit Gottes Wort.

Lebendig ist es, kräftig, schneidet scharf

Wie ein zweischneidig Schwert. Und sollte gleich

Das Menschenherz sich ihm zu Trotz versteinen,

So wird im Stein ein Menschenherz sich regen."