Der Engel des Herrn

 

Im Jahr 1095 wurde vom Papst Urban II. im Konzil zu Clermont in Frankreich verordnet, dass man an jedem Tag früh und abends die Glocken läuten und dabei den "Englischen Gruß" beten soll. Papst Gregor IX. fügte später noch das Mittags-Glockenzeichen hinzu. Die Christen sollen beim Frühzeichen auf die Fürbitte der seligsten Jungfrau von Gott den Segen für die Handlungen des Tages erbitten, beim Mittagszeichen eine kurze Besinnung und Gewissenserforschung halten und beim Abendzeichen die Erforschung über die Geschäfte des Tages anstellen. Beim Frühzeichen soll man sich an die Auferstehung Christi erinnern, beim Mittagszeichen seines bitteren Leidens und beim Abendzeichen seiner Menschwerdung. Die Päpste Johannes XXII., Calixtus III., Paulus III., Alexander VII. und Clemens X. haben diese Andachtsübung sehr empfohlen und dafür Ablässe erteilt. Papst Benedikt XIII. hat einen besonderen Ablass jenen erteilt, die beim Glockenzeichen das "Angelus" oder den "Engel des Herrn" auf den Knien andächtig beten.

 

V. Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft

A. Und sie empfing vom Heiligen Geist.

V. Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade; der Herr ist mit dir; du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.

A. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.

V. Maria sprach: Siehe, ich bin die Magd des Herrn,

A. Mir geschehe nach deinem Wort.

V. Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade; der Herr ist mit dir; du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.

A. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.

V. Und das Wort ist Fleisch geworden

A. Und hat unter uns gewohnt.

V. Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade; der Herr ist mit dir; du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.

A. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.

V. Bitte für uns, heilige Gottesmutter.

A. Auf dass wir würdig werden der Verheißungen Christi.

V. Lasset uns beten. Allmächtiger Gott, gieße deine Gnade in unsere Herzen ein. Durch die Botschaft des Engels haben wir die Menschwerdung Christi, deines Sohnes, erkannt. Lass uns durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung gelangen. Darum bitten

wir durch Christus, unsern Herrn.

A. Amen.

V. Herr, gib den Seelen der verstorbenen Christgläubigen die ewige Ruhe!

A. Und das ewige Licht leuchte ihnen!

V. Herr, lass sie ruhen in Frieden!

A. Amen.

 

Der letzte "Engel des Herrn"

 

Unter Königin Elisabeth I. von England wurde auch ein katholischer Mann namens John Posti hingerichtet. Er war ein großer Marienverehrer. Auf seinem Todesgang noch, gab er Zeugnis von seiner Liebe zu Maria. Als Posti das Schafott bestieg, kniete er erst auf der untersten Stufe der Treppe, die hinaufführte, und betete laut: "Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft und sie empfing vom Heiligen Geist. Gegrüßet seist du, Maria..." Dann stieg er auf die zweite Stufe, kniete abermals nieder und betete laut: "Maria sprach: Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort. Gegrüßet seist du, Maria..." Endlich betrat er die dritte und letzte Stufe und betete kniend: "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Gegrüßet seist du, Maria..." Dann bot er sein Haupt dem Henker dar und starb so für seinen heiligen Glauben.

Auch wir sind zum Tode verurteilt. Oder nicht? Jeden Tag kommen wir unserem Sterben um drei Stufen näher. Morgen, Mittag und Abend sind drei Stufen auf dem Weg zum Tod.

Der Engel des Herrn

 

In vielen Gegenden sind leider die schönen Zeiten vorüber, in denen fast unwillkürlich, jedenfalls aber als Selbstverständlichkeit empfunden, die Hand von der Arbeit ließ und Hut und Mütze grüßend sich senkte, wenn der wohlvertraute Ton vom Turm herab aufforderte, zu beten:

 

„Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft, und sie empfing vom Heiligen Geist.

Gegrüßet seist du, Maria . . .

Heilige Maria, Mutter Gottes . . .

Maria sprach: Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort.

Gegrüßet seist du, Maria . . .

Heilige Maria, Mutter Gottes . . .

Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.

Gegrüßet seist du Maria . . .

Heilige Maria, Mutter Gottes . . .

Bitte für uns, heilige Gottesmutter,

dass wir würdig werden der Verheißung Christi.

Lasset uns beten. – Allmächtiger Gott, gieße deine Gnade in unsere Herzen ein. Durch die Botschaft des Engels haben wir die Menschwerdung Christi, deines Sohnes, erkannt. Lass uns durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung gelangen. Darum bitten wir durch Christus, unsern Herrn. Amen.“

 

Es kann deshalb gewiss nur gut sein, den Menschen die Bedeutung des frommen und schönen Brauches wieder in Erinnerung zu bringen, zumal da, wo niemand da ist, der die Kinder lehrt, still zu halten und aufzumerken, wenn die Glocke ihr „Ave Maria“ betend singt und klingt.

Im Jahr 1318 gab Papst Johannes XXII. Die Verordnung, dass die Gläubigen abends, bei dem so genannten Feierabend-Läuten, die Mutter Gottes mit drei Ave Maria verehren sollten. Noch im gleichen Jahrhundert kam in einigen Diözesen Frankreichs zu diesem abendlichen Läuten noch das in der Frühe hinzu. Ein halbes Jahrhundert später war das Läuten der Betglocke am Morgen und am Abend auch in Deutschland und in Italien gebräuchlich; zuletzt, etwa 1456 unter Kalixtus III., als Aufforderung zur Hilfe gegen die Türken, wurde das Mittagsläuten beigefügt mit den dabei üblichen drei Ave Maria. Von da an findet sich dann auch das Gebet, wie es die Gläubigen bei dem dreimaligen Läuten verrichten sollten, in unserer jetzigen Form vor; von da an ist das ehrwürdige und schöne Beten des „Angelus“ allgemein verbreitet worden. Es sollte neben der Verehrung der Gottesmutter die Erinnerung an die Menschwerdung des Heilandes stets in uns wach erhalten.

Ein Schriftsteller sagt hierüber: „Morgens, mittags und abends wird in den Kirchen der katholischen Länder in drei Absätzen, denen ein Nachläuten folgt, die Glocke angeschlagen und die Katholiken sprechen zur Erinnerung an die Menschwerdung die bekannten drei Verse und zu jedem als Dank- und Bittgebet ein Ave Maria. Am Schluss fügen sie das Gebet hinzu, das der Priester in der Messe an Mariä Verkündigung an Gott den Vater richtet und in welchem er um Zuwendung der letzten und schönsten Frucht von Christi Menschwerdung, um die glorreiche Auferstehung fleht.“

Wir sollten einmal darüber nachdenken, was es mit uns sein würde, wenn der Sohn Gottes nicht auf diese Erde gekommen wäre.

Ohne Christus wäre unsere Religion Götzendienst. Und was würde der uns bieten? Die Religion, die Christus uns gebracht hat, ist unser Friede und unser Glück, unser Trost im Leid, unsere feste Hoffnung für alle Zukunft. Wären wir aber Götzendiener und würden wir Heil und Trost im Dienst erdichteter Wesen suchen, so könnte von Frieden und christlicher Zuversicht keine Rede mehr sein. Für die meisten wäre das Leben nichts anderes als ein Ringen und Kämpfen um das tägliche Brot, aber ohne Hoffnung auf ein besseres Los im Jenseits. Die übrigen würden Besitztum aufhäufen und in ungemessenem Genuss es verzehren, ohne dass jedoch das bessere Sehnen des Herzens dadurch gestillt wäre. So wäre das Leben etwas Unseliges und die Geburt hätte uns nichts genützt, da sie uns in das unselige Leben einführte; der Tod aber brächte uns nur die trostlose Täuschung, dass wir in Irrtum und Sünde gelebt haben, die uns in alle Ewigkeit von Gott trennt. Wer nur ein wenig in diese Gedanken sich vertieft, dem wird es bewusst, dass die Menschwerdung Christi die größte Wohltat ist, die Gott einem jeden von uns erwiesen hat. Alle sonstigen Guttaten, die Gott zwischen Wiege und Sarg uns noch zukommen lässt, haben nur Wert durch die Gnade der Menschwerdung. Wenn es nun in der Präfation heißt, es sei würdig und recht, billig und heilsam, Gott immer und überall für diese und die aus derselben entspringende Gnaden zu danken, ist es da nicht gut, dass wir es täglich wenigstens dreimal tun? O, dass wir doch das Mahnzeichen der Glocke ganz begriffen! Weil die dankbare Erinnerung an die Menschwerdung etwas so Bedeutsames ist, so muss die geweihte Glocke an den Hauptpunkten des Tages das Zeichen dazu geben und weil sie so wichtig ist, muss vom Turm herab daran gemahnt werden, damit alle es hören auf Gasse und Platz, in Wohnstube und Werkstätte, im freien Feld und im fernen Wald.

Ein christlicher Mann, dem Gott die Gabe des Dichtens verliehen hatte, stand vor Jahren am Ufer eines Flusses und sah einem Schiffer zu, der seinen Kahn vorantrieb. Es war Abend, Mond und Sterne spiegelten sich im Wasser. Da ertönte vom nahen Kirchlein die Betglocke. Der Schiffer legte das Ruder nieder und betete den „Engel des Herrn“. Den Mann am Ufer ergriff dieser Anblick so tief, dass er, obwohl Protestant, seine Gedanken in einem kleinen Gedicht wiedergab, das also lautet:

Wenn von heiliger Kapelle Abendglocke fromm erschallet,

Stiller dann das Schiff auch wallet durch die himmelblaue Welle.

Dann sinkt Schiffer betend nieder und wie aus dem Himmel helle,

Blicken aus den Wogen wieder Mond und Sterne.

Eines ist dann Wolk` und Welle und die Engel tragen gerne,

Umgewandelt zur Kapelle – so ein Schiff durch Mond und Sterne.

Kerner

Auch durch unser Beten soll morgens, mittags und abends beim Läuten der Betglocke unsere Wohnung zu einer Kapelle werden, an deren Fenster sich draußen die Engel drängen, um das schöne Bild drinnen zu sehen, wenn wir den „Engel des Herrn“ beten. Werden wir still bei Arbeit und Spiel, wenn es zum Beten läutet, und lehren den alten Brauch auch den Kindern, denn es bewahrt sie vor so manchem Bösen und führt sie zu Jesus und zu seiner heiligen Mutter.


Angelus

 

Angelus Domini nuntiavit Mariae et concepit de Spiritu Sancto.

Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum. Benedicta tu in mulieribus, et benedictus fructus ventris tui, Iesus. Sancta Maria, Mater Dei, ora pro nobis peccatoribus nunc et in hora mortis nostrae. Amen.

Ecce ancilla Domini. Fiat mihi secundum verbum tuum.

Ave Maria …

Et verbum caro factum est et habitavit in nobis.

Ave Maria …

Ora pro nobis, Sancta Dei Genetrix, ut digni efficiamur promissionibus Christi

 

Oremus. Gratiam Tuam, quaesumus, Domine, mentibus nostris infunde, ut, qui angelo nuntiante, Christi, filii Tui, incarnationem cognovimus, per passionem Eius et crucem ad resurrectionis gloriam perducamur. Per eundem Christum, Dominum nostrum. Amen.

 


Beim Angelusläuten in Irland

 

Von Robert Lynd, in „Home Life in Ireland“ 1946

 

Wenn man sich irgendwo in Irland – ausgenommen im Nordosten – um die Mittagsstunde in einer Kleinstadt befindet, wenn die Glocken zu Angelus läuten, sieht man alle Leute den Hut abnehmen und sich zum Gebet bekreuzen. Da verliert die Welt ihr Arbeitsgesicht oder das ihrer gewöhnlichen Leere, und die Straßen nehmen für einen Augenblick eine ganz besondere Schönheit an, wenn so die Alten und die Jungen ihre Augen senken und ein schnelles Gebet zur Muttergottes lispeln. Vor den Türen der Häuser, auf den Brücken über den Fluss, überall senkt sich eine Stimmung der Andacht auf die Stadt, wenn der Klang der Mittagsglocken durch ihre Straßen hallt. Sogar der Polizist, spaßhaft steif in seiner militärischen Uniform, senkt das Haupt in einer Art Gruß und ehrt damit die Himmelsmutter. Ich bekenne es, ich habe dieses tägliche Vergessen der Welt in der Mitte des Tages lieb. Es bringt wenigstens einmal am Tag Wunder in jedes Städtchen.