Das Ave Maria

 

„Kommst du endlich?“

 

Ein eifriger französischer Missionar, Pater de Bussy, erzählt folgende wunderbare Bekehrung, die uns die Macht Mariens im schönsten Licht zeigt:

„Eines Tages kam ein Mann zu mir und sprach: „Mein Pater! Ich möchte beichten; mein Entschluss ist gefasst.“ Ich fragte ihn: „Wie sind Sie zu diesem Entschluss gekommen? Etwa durch eine Predigt?“ Er erwiderte: „Leider habe ich schon seit vielen Jahren keine Predigt mehr gehört.“ „Etwa durch das Lesen eines guten Buches?“ „Ich habe, zu meiner Schande muss ich es gestehen, nur schlechte Bücher gelesen.“ „Vielleicht infolge der dringenden Mahnung eines guten Freundes?“ „Meine Freunde sind nicht besser als ich.“ „Oder haben Sie eine besondere Andachtsübung gehalten zu Ehren der heiligsten Jungfrau?“ Hier schwieg er einige Augenblicke und fuhr dann fort: „Ja, das könnte sein, wenn Maria sich um ein Ave Maria kümmert, das ich täglich gebetet habe. Am Tag meiner ersten heiligen Kommunion verlor ich meine Mutter. Sie ließ mich, als ich von der Kirche zurückkehrte, vor ihr Bett kommen, nahm meine Händlein in ihre kalte Hand und flüsterte voll zärtlicher Besorgnis: „Mein lieber Sohn, ich wünsche dir keine Reichtümer, denn sie nützen im Tod nichts. Was ich für dich wünsche, ist Unschuld und das Heil deiner Seele. Versprich mir in Gegenwart dieses kleinen Bildes der heiligsten Jungfrau, das dort an der Wand hängt, alle Abende ein Ave Maria beten zu wollen, um dich unter den Schutz dieser guten Mutter zu stellen.“ „Ja, Mutter“, das war meine Antwort, „ich verspreche es dir, ich werde es nicht unterlassen.“ Dieses Versprechen ist mir immer heilig gewesen. Das Ave Maria war viele Jahre hindurch meine einzige Religionsübung, wenn ich es auch nur mit den Lippen betete. Vor etwa vierzehn Tagen stöberte ich in einem alten Kasten herum. Dort fand ich das kleine Bild der allerseligsten Jungfrau. Nun trat die Erinnerung an den Tod meiner Mutter, an meine erste heilige Kommunion ganz lebhaft wieder vor meine Seele. Es durchzuckte mich wie ein Blitzstrahl. Ich fand keine Ruhe mehr. Ich muss jetzt beichten. Es ist mir, als ob Maria zu mir sagt: „Kommst du endlich?“ Du hast mich schon lange warten lassen. Und ich bin doch noch dieselbe, die mitleidsvolle Helferin der Sünder.“ Ganz zerknirscht empfing er die heiligen Sakramente.

 

Ave Maria, gratia plena,

Dominus tecum.

Benedicta tu in mulieribus,

et benedictus fructus ventris tui, Iesus.

 

Sancta Maria, Mater Dei,

ora pro nobis peccatoribus

nunc et in hora mortis nostrae.

 

Amen.

 

Die heilige Stephanie von Soneine

 

gehörte zum 3. Orden des heiligen Dominikus, und war deshalb auf ganz besondere Weise der Verehrung der heiligen Jungfrau zugetan. Bereits von ihrer Kindheit an schien ihr das "Ave Maria" so wunderbar, dass sie es an einem Tag bis gegen zweihundert Mal wiederholte. Im siebenten Lebensjahr legte sie, aus heißester Sehnsucht nach dem Dienst und der Nachahmung Marias, das Gelübde ewiger Keuschheit ab. Dieses unschuldige Ave Maria-Opfer war Gott so angenehm, dass Jesus Christus selbst dem frommen Kind erschien - in Begleitung seiner gebenedeiten Mutter, des heiligen Dominikus, des heiligen Thomas von Aquin und der heiligen Katharina von Siena, und ihr die Ehre erwies, sie zu seiner Braut zu erwählen und ihr, als Unterpfand dieser Verbindung, einen Ring von großem Wert und unbeschreiblicher Schönheit verlieh.

 

Der gottselige Albert,

 

Mönch des Klosters San Crepin, der um das Jahr 1140 lebte, hatte kein sehnsüchtigeres Begehren, als der Königin der Engel, seiner guten Mutter, recht oft und andächtig eine kleine Huldigung darzubringen; deshalb fand er auch mancherlei Mittel, um dies auf eine würdige Weise zu tun. Unter anderem beugte er die Knie hundertmal an jedem Tag und warf sich fünfzigmal der Länge nach zu Boden und brachte Maria den Gruß des Engels dar.