Ein Brief

 

Jean war 6 Jahre alt. Er hatte blonde Locken, große, blaue Augen, durchlöcherte Hosen und einen zu kleinen, zerrissenen Kittel.

 

Jean hatte auch Hunger. Seit gestern Mittag hatte er nichts mehr genossen. Da war ihm der Gedanke gekommen, an die liebe Mutter Gottes zu schreiben. Doch wie das anfangen?

 

An der Ecke seines Quartiers du Caillou hatte ein Invalide seine Bude als „Redaktor“ aufgeschlagen, da er nicht kriegsversehrt genug war, um in ein Asyl aufgenommen zu werden. Zu diesem ging Jean. Er betrachtete ihn zuerst eine Weile durch die trüben Scheiben seiner Behausung. Herr Bouin rauchte die Pfeife und wartete auf Kundschaft. Endlich wagte Jean einzutreten. Er grüßte höflich: „Ich möchte einen Brief schreiben lassen.“ – „Es kostet 10 Sous“, bekam er zur Antwort. „Dann Verzeihung“, stotterte Jean, machte kehrt und wandte sich zur Tür. Herr Bouin fand den Jungen artig, er rief ihn zurück und fragte: „Wem gehörst du, Kleiner?“ – „Meiner Mutter, sie ist allein.“ – „Und du hast also keine 10 Sous?“ – „Nein.“ – „Und deine Mutter wahrscheinlich auch nicht“; Herr Bouin war im Bilde, „es wird eine Bittschrift sein müssen um Suppenzuteilung, nicht, Kleiner? Nun, so komm! Wegen 10 Linien und einem halben Bogen Papier werde ich auch nicht ärmer.“ Er legte das Schreibpapier zurecht, tauchte die Feder in die Tinte und begann mit seiner schönsten Schrift: Paris, den . . . Und darunter: an Herrn . . . Herr Bouin wird ungeduldig, „weißt du nicht, an wen du schreiben willst?“ „O doch“, erwiderte das Kind lebhaft. – „So sag es doch!“ Der kleine Jean wird verlegen. All seinen Mut zusammennehmend sagt er: „Ich will der lieben Muttergottes schreiben.“ Herr Bouin legte die Feder weg, nahm die Pfeife aus dem Mund und fuhr den Jungen an: „Ich will nicht annehmen, dass du mich zum Narren hältst; denn dazu bist du zu klein. Aber marsch, mach, dass du verschwindest!“ Der Kleine wollte weggehen. Da besann sich Papa Bouin noch einmal und besah sich den Jungen genauer, irgendwie hatte er es ihm angetan. „Es existiert doch unerhörtes Elend in diesem Paris“, brummte er vor sich hin. „Wie heißt du eigentlich?“ – „Jean.“ – „Wie noch?“ – „Nur Jean.“ – „Was wolltest du denn der Jungfrau schreiben?“ – „Ich wollte ihr sagen, dass Mama seit gestern Mittag schläft und dass sie so gut sein solle und sie wecken, ich kann es nicht.“ Dem Mann schnürte es die Brust zusammen und in seinen Augen prickelte es. Er fürchtete zu verstehen. „Ja, aber vorhin war doch von Suppe die Rede?“ – „Ja, das braucht sie auch. Vor dem Einschlafen gab sie mir das letzte Stück Brot.“ – „Und was hat sie dann gegessen?“ – „Nichts, sie hat schon zwei Tage vorher gesagt, sie habe keinen Hunger.“ – „Atmete deine Mutter noch, als du sie wecken wolltest?“ – „Das weiß ich nicht. Atmet man denn nicht immer?“ Herr Bouin gab darauf keine Antwort. Er wandte den Kopf ab. Zwei dicke Tränen kollerten ihm über die Wangen. „Ist dir sonst nichts aufgefallen?“, fragte er weiter. – „Nein, sie ist so schön, sie hat ganz weiße Hände und rührt sich nicht. Und die Augen hat sie nicht ganz zu.“

 

Herr Bouin überkam es wie Scham beim Gedanken, dass er bei seinem relativ guten Essen und Trinken die Reichen beneidete, während ganz in der Nähe von ihm eine Mutter von ihrem Kind weg Hungers stirbt. Er nahm den Kleinen auf seine Knie und sprach so weich er konnte zu ihm: „Jean, dein Brief ist geschrieben und schon angekommen. Führe mich zu deiner Mutter!“ – „Ja, aber warum weinst du?“ – „Männer weinen doch nicht, aber du wirst es tun, armer Kleiner.“ Er presste das Kind an sich, damit es die Tränen nicht sehen sollte, die aus seinen Augen stürzten. „Weißt du, ich habe dich so lieb, wie wenn ich dein Papa wäre. Ich hatte auch eine Mutter, es ist zwar schon lange her. Weil du da bist, denke ich wieder an sie und ich sehe sie, wie sie mir zuletzt sagte: Leo, bleibe immer ein guter Christ! Über dem Bett hing ein Muttergottes-Bild. Ich hatte es gerne, es lächelte einen an. All das kommt mir wieder in den Sinn. Recht bin ich geblieben, aber ein guter Christ . . .“ Er erhob sich, das Kind auf seinen Armen und wie zu jemand Unsichtbarem gewandt, sprach er: „Mutter, du wirst zufrieden mit mir sein! Wo du bist, muss auch ich hinkommen und der Junge dazu. Sein Brief hat ihm und mir eine Heimat gegeben.“