Das Opfer eines Kindes

 

Während des lieblichen Maimonats des Jahres 1899 versuchte, wie der „Sendbote des göttlichen Herzens Jesu, 1900“ berichtet, eine arme Schulschwester von Notre-Dame ihre Kinder zur Verehrung der Himmelskönigin anzueifern. Vor allem lag ihr daran, den jungen Herzen ein unbegrenztes Vertrauen auf die Gottesmutter einzuflößen: sie sollten bei ihr nicht nur in den kleinen Schwierigkeiten der Jugendzeit, sondern auch in den großen Stürmen des späteren Lebens Schutz und Hilfe finden. Zu diesem Zweck sprach sie mit Begeisterung von der Güte Mariens und den zahllosen Wohltaten, die durch sie uns Menschen zugewendet werden.

 

„Meine lieben Kinder!“ sagte sie einmal, „fürchtet nicht, zu viel von Maria zu verlangen; ihre Macht und Barmherzigkeit ist größer als alle Not der Welt. Ja, bittet nicht nur für euch, sondern auch für eure Angehörigen, Eltern, Verwandte und Wohltäter! Freilich muss euer gutes Betragen in diesem Monat eure Bitten unterstützen; das beste Gebet besteht nicht in schönen Worten, sondern in einem frommen Leben. Probiert es nur einmal, auf diese Weise werdet ihr allmächtig sein. Und wenn es auch hie und da ein kleines Opfer kostet, so denkt: was nichts kostet, ist nichts wert. Ich weiß von Kindern, die sich nicht gescheut haben, Gott für die Bekehrung ihres Vaters oder ihrer Mutter ihr Leben anzubieten.“ – Bei diesen letzten Worten stand eine Schülerin rasch auf; ihre Augen glänzten und ihre Stimme verriet ihre innere Erregung. „Ehrwürdige Schwester“, fragte sie, ohne auf ihre Mitschülerinnen zu achten, „könnte ich nicht auch für die Bekehrung meines Vaters Gott mein Leben aufopfern?“

 

Die Schwester, die auf eine solche Frage nicht gefasst war, wurde etwas verlegen und erwiderte: „Mein liebes Kind, ein solches Opfer verlangt Gott nicht von allen. Sei nur recht brav und bestrebe dich, durch andächtiges Gebet und durch die kleinen Entsagungen des täglichen Lebens die gewünschte Gnade zu erlangen.“

 

Das Kind schwieg und setzte sich. Die Lehrerin glaubte, es mit ihrer Antwort befriedigt zu haben. Aber wenn sie in das kleine Herz des Mädchens hätte blicken können, so hätte sie gesehen, wie sich jetzt dort erst recht ein heftiger Kampf entspann. Es war der Kampf der reinsten Kindesliebe mit dem Leben, dem jungen Leben, dem die Zukunft wie ein blütenreicher Frühling entgegenlächelte.

 

Einige Tage später war das Kind nicht in der Schule. Die Schwester erkundigte sich nach ihm und erfuhr zu ihrem Schrecken, dass es an Kopfwassersucht erkrankt und dass sein Zustand nicht ungefährlich sei. Sofort erinnerte sie sich an die Frage des Kindes, und so sehr sie sich einerseits über die großmütige Gesinnung ihrer Schülerin freute, so wurde es ihr doch andererseits angst und bang beim Gedanken, dass das Kind vielleicht infolge ihrer Bemerkung sterben werde.

 

Die Krankheit nahm rasch zu, der Todesengel hatte mit seinem Flügel das junge Leben gestreift. Das Mädchen wusste es; deshalb rief es eines Tages den fast verzweifelnden Vater zu sich und bat ihn zärtlich: „Lieber Vater, wirst du Gott lieben, wenn ich sterbe?“ Der arme Vater ergriff hastig die Hände der Sterbenden und rief: „Mein Kind, verlass mich nicht, ich werde Gott dennoch lieben!“ „Vater“, fuhr das Mädchen fort, „tröste dich; ich werde zwar nicht mit dem Leben davonkommen, weil ich mich für dich Gott aufgeopfert habe, aber ich scheide froh von dieser Erde, denn ich gehe zu Gott, wo wir uns einst für immer wiederfinden werden.“

 

Nach wenigen Stunden war das Opfer vollbracht. Das Mädchen lag im Tod da wie eine verwelkte Rose, welche herzliche Liebe im Garten gepflückt und vor dem Bild der Maienkönigin niedergelegt hat.

 

Der reumütige Vater kniete neben dem Bett seines geliebten Kindes und mit schmerzzerrissenem Herzen bat er Gott um Verzeihung wegen seines vergangenen Lebens. Am nächsten Tag versöhnte er sich ganz mit ihm durch das Sakrament der Buße und von da an lebte er als musterhafter Christ.

 

Die Leute wussten nichts von dem, was zwischen Vater und Kind vorgegangen war, aber wenn sie den allbekannten Herrn jetzt so fleißig die Kirche besuchen sahen, sagten sie oft zueinander: „Die Gnade der Bekehrung hat ihm sein Engelchen im Himmel erfleht!“ Tag für Tag schlug der alte, von der Last der Jahre schon gebeugte Mann den Weg zum Friedhof ein, um am Grab seines Lieblings zu beten. Aber diese Gebete galten nicht so sehr seinem Kind als vielmehr ihm selbst: er dankte Gott, dass er ihn wieder an sich gezogen hatte und betete um die Gnade der Beharrlichkeit.