Beatrix - Eine Klostersage

 

„Wenn Menschen schweigen, werden Steine reden!“

 

Dieses Wort lässt sich mit Fug und Recht auf eine der interessantesten Städte Deutschlands, auf das alte heilige Köln anwenden. Die schlanken Türme seines wundervollen Doms, die ehrwürdigen Mauern seiner Kirchen, die verschnörkelten Tore, die Giebel seiner stolzen Patrizierhäuser reden eine zum Herzen dringende Sprache, malen mit farbigem Pinsel die Vergangenheit ebenso deutlich, ebenso lebhaft, wie das altberühmte Buch die „Chronika von der hilligen Stat von Cöllen“.

 

Und selbst wo die alten Gebäude den Anforderungen der Neuzeit zum Opfer fallen müssen, da steigt aus dem Schutt manch glänzendes Bild aus vergangenen Jahrhunderten auf.

 

Beim Abbruch eines alten Hauses, in der Nähe eines Klosters gelegen, fand sich vor kurzem eine mit köstlichen Schnitzereien bedeckte Doppeltür, und beim Öffnen der Tür ein zweiseitiges Gemälde von außerordentlicher Feinheit der Ausführung, von zartem Farbenschmelz. Die erste Seite stellte das Innere eines Waldes vor; unter einer Eiche lag zusammengebrochen eine blasse Jungfrau. Neben ihr, in einer lichten Wolke, schwebte die Gottesmutter, neigte eine Lilie ihr entgegen und wies mit ausgestreckter Hand nach einem Kloster; hinter dem Kloster erblickte man den zweiteiligen Dom, wie er im fünfzehnten Jahrhundert war, als eine schmale Straße von Norden nach Süden durch ihn führte.

 

Die andere Seite stellte dieselbe Jungfrau dar, jedoch zu herrlicher Schönheit erblüht, wie sie einen Marien-Altar mit einer Fülle blühender Blumen schmückt. Unter den Bildern befand sich der Name „Beatrix“. Kein Zeichen verrät, wer der Maler jener Bilder gewesen war, wer es so wunderbar verstanden hat, den Frauenköpfchen diese himmlische Schönheit und Anmut, den Blumen die leuchtende Pracht, dem Wald das schattige Dunkel zu geben. An den Namen Beatrix aber knüpft sich folgende Sage:

 

 

Ganz zu Anfang des 15. Jahrhunderts lebte in einem Kloster der Stadt Köln ein junges Mädchen von ungewöhnlicher Schönheit. Sie hatte weder Vater noch Mutter mehr; im Kloster aufgezogen, hielt sie seine Mauern für das Ende der Welt. Die Frömmigkeit, die Andacht war das strahlende Feuer, das ihre Seele belebte und ihr jene Schönheit verlieh, die zu unendlich ist, als dass man sie in Worten darstellen könnte.

 

Es gibt Schönheiten, die uns aus einer anderen Welt zu kommen scheinen, weil wir sie nur mit den Augen des Leibes und nicht mit den Augen des Geistes betrachten.

 

Beatrix war kaum 14 Jahre alt, ihr Wesen, ihre ergreifende Frömmigkeit flößte den frommen Schwestern eine solche Bewunderung ein, dass sie das Kind beauftragten, in der Kirche den Altar der heiligen Jungfrau zu schmücken und zu besorgen.

 

In der Tat wuchs keine schöne Blume im Klostergarten, die nicht dazu bestimmt gewesen wäre, vor der Heiligen zu prangen. Beatrix begoss sorgfältig und unermüdlich alle Blumenbeete, um ihrer Herrin neue Rosen und Nelken zu erziehen. Blumen, glaubte sie, wüchsen nur für den Altar, sowie sie selbst nur für den Himmel heranzuwachsen schien.

 

An Festtagen glich der Altar einem dunklen Hain von Myrten und Orangenbäumen, in denen die Jungfrau im weißen Schleier spazieren zu gehen schien. Indes sollte auch Beatrix irdische Tränen weinen. Die Zeit war da. Warum?

 

Woher kommt der Tau, der an den Rosen perlt?

 

Eines Morgens, als in der Kirche tiefe Stille herrschte, hatte Beatrix ganz frische Blumen hergebracht und zerteilte den Strauß auf der Treppe des Altars kniend, und ordnete Blumen, Blätter und Zweige. Die hohen Lilien ragten über den Rosen hervor; Nelken, Levkojen, Astern und Blumen aller Art umgaben die Rosen und Lilien, wie das glänzende Gefolge den König und die Königin.

 

Da erschallte plötzlich draußen ein Trompetenruf. Beatrix schrak zusammen.

 

Dann tönten Pauken und Zimbeln.

 

Beatrix erhob verwundert das lockige Haupt und ließ die Rosen aus den Händen fallen.

 

Darauf drang der süße Ton der Flöte, die erschütternde Stimme der Hoboe, der freudige Ruf der Posaune in ihr Ohr.

 

Beatrix lauschte, sie verlor keinen Ton, die liebliche Flöte sang immer fort; sie richtete sich auf, ließ den frischen Strauß auf der Marmortreppe liegen und eilte zur Pförtnerin. Die Pförtnerin war erstaunt und erfreut, Beatrix zu sehen. Sie erzählte dem neugierigen Kind, die Königin ziehe durch die Stadt, umgeben von Fürsten und Rittern, ihrem jungen Gemahl entgegen, dem König von Frankreich.

 

Und während sie dies erzählte, ertönten die Posaunen wieder und die süße Flöte, und der Zug kam näher und näher. Nicht ohne Mühe, denn es war gegen die Regel des Hauses, erhielt Beatrix von der Pförtnerin die Erlaubnis, sich vor das Tor zu stellen, um den Zug zu sehen.

 

Vor Furcht und Neugier zitternd, drückte sich das arme Kind gegen die Säulen des Tores, ihr Herz pochte laut, die Neugierde stachelte sie, und ihr Gewissen schien sie zum ersten Mal zu quälen.

 

Da kam die königliche Braut, die schöne Isabelle von Bayern, auf hohem Zelter, mit weitem Samt-Mantel und blitzender Krone, und um sie her ihre Frauen in Perlenschmuck und mit langen Schleiern, die über das Ross hinabhingen, und lachende Pagen in Samt und Seide und eine Anzahl von goldenen und silbernen Rittern mit wallenden Federn und goldenen Halsketten. – Und die Flöte sang immerfort.

 

Da gewahrten die mutigen Ritter und die kecken Pagen das zitternde Kind unter der dunklen Klosterpforte. Und sie bewunderten sie alle und grüßten sie wie eine vornehme Dame und schwenkten die befiederten Hüte. Die Pagen sagten ihr im Vorbeireiten, sie sei schön wie der Frühling und lieblich wie der junge Tag, und ihre Lippen seien wie Kirschen und ihre Augen wie Juwelen, ihre Haut wie frisch gefallener Schnee und ihr Wuchs wie eine junge Weide. Und der eine sagte, er gäbe ein Königreich für ihre Minne, und ein anderer, er gebe sein Leben für einen Kuss, und ein schöner Prinz stieg vom Pferd, durchschritt die Menge und küsste ihre zitternde Hand und sagte leise: Auf Wiedersehen!“

 

Und die süße Flöte sang immer; aber ihre Weisen wurden immer schwächer und bald hörte man die Posaunen nur aus der Ferne und die Straßen wurden still.

 

Beatrix stand zitternd noch an der Säule und atmete kaum. „Nun ist alles vorbei“, sagte die Pförtnerin.

 

Beatrix kehrte in die Kirche zurück, raffte die zerstreuten Blumen auf und tat sie in die geheiligten Vasen. Dann warf sie sich vor dem Hochaltar zur Erde nieder und blieb so stundenlang liegen, ohne ein zusammenhängendes Gebet lispeln zu können. Nach der Vesper schlich sie wie ein verirrtes Lamm unter den hohen Pfeilern der Kirche umher und ohne den Tag über mit ihren Gefährtinnen gesprochen zu haben, schloss sie sich in ihre Zelle ein.

 

Als sie am anderen Morgen in die Frühmesse trat, siehe! da waren unter den Blumen der heiligen Jungfrau schon einige Lilien geknickt und einige Rosenblätter gefallen. Sie hatte vergessen, frische Blumen zu pflücken und die Orangen und Myrten zu begießen.

 

Sie weinte bitterlich über diese Vernachlässigung, die sie für einen Verrat an ihrer Schutzherrin hielt, aber sie blieb zerstreut und gedankenvoll.

 

Die Muttergottes sah drei Tage lang auf verdorrte Blumen herab und die arme Sünderin wagte nicht mehr zu ihr hinaufzusehen.

 

Nach der dritten schlaflosen Nacht kam Beatrix von neuem vor Sonnenuntergang in die Kirche, sie warf sich mit aufgelöstem Haar vor das Muttergottesbild.

 

„O Muttergottes! Ich muss dich verlassen, ich kann Deine Magd nicht mehr sein; meine Seele irrt draußen in der weiten Welt umher, und meine Frömmigkeit ist erloschen, wie ein schwaches Licht in tiefer Finsternis. Mein Herz ist betört vom Glanz des Goldes und der Juwelen und berauscht vom Klang der Flöte und der Musik, meine Sinne haben mich verlassen, wie ungetreue Diener.

 

Nimm diese letzten Blumen, die meine Tränen benetzten; den Schlüssel zu Deinen Schätzen berge ich hinter dem Altarbild; die goldenen und silbernen Geschirre habe ich gereinigt zum letzten Mal. Dein Festgewand habe ich gefaltet, Deinen Kranz habe ich mit frischen Bändern geschmückt. Lebe wohl, Du Gebenedeite; lass mich hinaus, dass meine irdischen Gedanken Deinen Altar nicht entweihen, lass mich hinaus, denn tausend Stimmen rufen mich; ich kann deine Dienerin nicht mehr sein, denn mein Herz hat Deinen Altar verlassen.“

 

Nach diesen Worten küsste sie schluchzend die kalten Marmorstufen, dann erhob sie sich plötzlich, glitt durch die dunklen Säulengänge, öffnete eine kleine Tür und verschwand.

 

Wohin? Wohin? Wir wollen ihr nicht folgen, dem armen Kind, obgleich wir die Pfade wohl kennen, die sie durchlief. Sie stürzte in die Welt, und eilte und eilte und erschrak, und floh zurück und eilte von neuem und lachte und weinte; sie sah sich überall um, und bewunderte zuerst und schauderte dann, und am Ende von drei Jahren lag früh morgens an der Schwelle der Klosterkirche eine arme Frau und küsste die Schwelle und schluchzte und weinte.

 

Sie hatte das Glück nicht gefunden, das sie überall vergebens in der Welt gesucht hat.

 

Aus Furcht, erkannt zu werden, erhob sich Beatrix wieder und ging weinend durch die Straßen zur Stadt hinaus in den grünen Wald, den noch der Morgennebel bedeckte.

 

Und als sie nun mit gesenktem Haupt und zerknirschtem Herzen tiefer hineinschritt in den Wald, da schickte die Herbstsonne ihre farbigen Strahlen durch das feuchte Laub. Der bleiche Nebel wurde rosenrot und plötzlich sah sich die Weinende von hellem Glanz umgeben. Sie richtete erstaunt ihr Haupt empor; es wurde immer heller und heller, der rosige Duft wurde schneeweiß und plötzlich stand vor ihren Augen die heilige Jungfrau. Sie war von ihrem weiten Festschleier umgeben, ein Kranz von weißen Rosen umgab ihr Haupt und auf ihrem seidenen Kleid prangten silberne Sterne.

 

„Beatrix, Kind“, sagte sie lächelnd, „kommst Du endlich wieder, ich erwarte Dich schon lange. Weine nicht mehr, trockne diese letzte Träne, sei getrost, alles ist vorbei!

 

Als Du von mir Abschied genommen hast, stieg ich vom Altar herab; wie Du selbst, in deiner eigenen Gestalt wartete ich meines Dienstes; ich pflegte die Blumen, begoss Deine Myrten und Orangenbäume, holte die frischen Sträuße im Garten, damit niemand deine Abwesenheit merke.

 

Nun aber bist du endlich zurückgekommen zu Deiner Kirche, zu Deinem Altar, sei willkommen, Kind. Du wirst die Schlüssel zu meinem Schrein noch hinter dem Altar finden; komm, kehre zurück, sei ohne Furcht, eile, damit ich nicht länger warte.

 

Geh zum Kloster, frage die Pförtnerin nach der Schwester Beatrix, sie wird Dich zu mir führen.“

 

Nach diesen Worten verschwand die Jungfrau. Der rosenrote Schein zerfloss, der Nebel wich und die Sonne schien wieder hell und munter auf die vom Tau benetzten, blinkenden Blätter. Beatrix kehrte durch das Tor eiligst zur Stadt zurück, sie klopfte an die Klosterpforte und fragte nach der Schwester Beatrix.

 

„O, die werdet ihr in der Kirche finden am Altar der heiligen Jungfrau, sie ist die Schönste und die Frömmste, die Gebenedeite hat sie zu ihrem Dienst auserwählt.“

 

In der Kirche fand Beatrix den Schlüssel des Schreines hinter dem Altarbild, sie ordnete wie früher die Kleider, den Schmuck und die Juwelen der heiligen Jungfrau und ging dann getröstet und lächelnd in ihre Zelle.

 

Dort fand sie ein frisches Kleid und blendend weißen Klosterschmuck, sie kleidete sich mit Freuden und kehrte munter und froh in den Garten zurück, um neue Blumen zu pflücken.

 

So blieb Beatrix der Jungfrau treu bis ins hohe Alter, bis ihr blondes Haar weiß geworden war, wie der Schnee. Da fand man sie endlich eines abends auf den Stufen des Altars eingeschlafen bei den Myrten und Orangenbäumen; sie war verschieden.

 

Und die gläubigen Schwestern erzählten lange nachher, die heilige Jungfrau sei ihr von neuem erschienen wie im Wald und habe ihr die Hand gereicht und habe sie eingeführt in den ewigen Garten des himmlischen Paradieses.

Von Johanna Baltz

Kevelaerer Marien-Kalender, 1898