Woher der Raps seine goldgelbe Farbe hat

 

Zum Häuschen von Nazareth gehörten einige kleine Äckerlein, auf einem davon stand Raps. Sankt Josef baute es an, um daraus Öl für die tönernen Ampeln zu gewinnen. Der Knabe Jesus ging öfters an den Feldern entlang und freute sich ihres Wachstums. Damals nun blühte der Raps ganz unscheinbar grün und niemand wusste eigentlich so recht wann er blühte; es war eben ein unscheinbares, fast dürftiges Pflänzchen. Dies tat nun dem Jesuskind furchtbar leid und es sann nach, wie es da abhelfen könne; wohl wusste es, wenn es den Vater im Himmel bitten würde, könnte das Feld über Nacht die köstlichsten Blüten tragen, aber das Jesulein wollte sich selbst plagen und etwas herbeischaffen und dann den Vater bitten um den Segen der Vollendung.

„Mein Kind, was bedrückt dein sonniges Gemüt?“ fragte Maria ihren Sohn, als sie ihn auf den behauenen Balken des Zimmerplatzes sitzen sah, in ernstem Sinnen. Das Kind erzählte nun, wie leid ihm das Rapsfeld täte, das so unscheinbar wäre, nun aber wüsste es, was es tun wollte. „Wenn des Mittags Sonnenglut herniederbrennt“, sagte das Jesulein voll kindlichem Eifer, „werde ich die beiden großen Holzkörbe auf den Zimmerplatz stellen; wenn sie nun des Abends schwer voll sind vom Sonnengold, will ich sie hinaustragen auf das Äckerlein und über das Rapsfeld streuen. Die nächste Morgenröte soll dann schon die sonnengoldne Blüte sehen.“ Maria lächelte und schüttelte das Haupt. „Mein Kind, das Gold der Sonne lässt sich nicht in Körbe füllen und lässt sich nicht ausstreuen“, sprach sie, und ging in das Haus.

Zur Mittagszeit aber sahen Maria und Josef, wie das Kind die beiden Körbe zum Zimmerplatz trug und betend die Hände zum Himmel hob.

Des Abends aber erstaunte die Gottesmutter nicht wenig, als sie ihr Kind an den Körben stehen sah, die randvoll leuchtenden Goldes waren und siehe: neben dem Gotteskind standen zwei fremde schöne Kinder, die Kleider trugen, wie aus Mondlicht gewoben und diese Kinder trugen die Körbe hinaus auf den Acker und halfen dem Jesulein Sonnengold ausstreuen.

Des andern Tags beim ersten Morgenschein prangte wirklich das unbedeutende Rapsfeld im Goldglanz vieler kleiner, gelber Blüten.

Maria, die Mutter des Herrn aber kniete im stillen Kämmerlein an ihres Kindes Bettchen und erwog in ihrem Herzen, was Gott an ihr getan hat, weil er sie zur Mutter seines Sohnes machte.

„Adonai“, flüsterte sie und küsste die rosigen Hände ihres Kindes.

Das Kind erwachte und in der Tiefe dieser dunkelblauen Augensterne ruhte neben der demütigen Kindesliebe die wunderbare Urkraft göttlichen Schöpfertums.