Wiesenschaumkraut

 

Hinter dem Häuschen von Nazareth dehnte sich eine weite, saftgrüne Wiese, in deren Halme der Wind säuselnde Liedlein sang.

Des Zimmermanns Josef holdselige Frau, die liliengleiche Miriam, trug eben ein hölzernes Wännlein voll lauen Wassers heraus, um im goldenen Sonnenschein ihr Kindlein zu baden. – Voll jauchzender Freude plätscherte das Jesulein im Wasser umher und ließ es sich gerne gefallen, dass Mutter Miriam mit Seife und Lappen hantierte. Da geschah es nun, dass der Seifenschaum in dicken, schneeigen Flocken aus dem Wännlein spritzte und an den zarten, grünen Rispen des Grases hängen blieb. Freudig klatschte das Gotteskind in die Händchen und hatte ein helles Entzücken an diesen anmutig gezierten Gräsern. – Auch Miriam freute sich und wünschte lebhaft es bliebe der Seifenschaum unvergänglich an den zarten Rispen haften.

Die beginnende Nacht wob violette Schleier um das Häuschen von Nazareth, in der Wiege schlummerte das Gotteskind und die Engel des Himmels behüteten seinen Schlaf. Da jauchzte das Kind im Traum, denn die lichte Freude des Morgens stand vor ihm und auf den schlanken Halmen wiegten sich wieder die Schaumflocken. Das Traumengelchen, das am Wiegenrand saß, erblickte im Herzen des Jesuleins die Ursache seiner Freude.

Als es leise zu dämmern begann, flogen die himmlischen Wächter empor zum Thron Gottes und das Traumengelchen berichtete, was es geschaut im Herzen des Gotteskindes. Gott Vater aber, dem nichts verborgen ist, wusste längst um die Freude seines Eingeborenen und den Wunsch seiner jungfräulichen Mutter und er hatte die Gräslein gesegnet. Und dort, wo eine Seifenschaumflocke gehangen hatte, da entstand eine zarte, weiße Blütenflocke aus winzigen Sternlein gefügt. Als Miriam das heilige Kindlein durch all die junge Morgenseligkeit über die grüne Wiese trug, da sah sie voll inniger Freude das Gotteswunder, das sich über Nacht begeben hatte; sie zeigte die schneeigen Blütenrispen dem jauchzenden Kindlein. Miriam aber gab dem ehrfürchtig sich neigenden Kräutlein einen Namen, der ihm blieb bis in unsere Tage, sie nannte es nach seiner Herkunft „Wiesenschaumkraut.