Vergissmeinnicht

 

Maria und Josef befanden sich mit dem göttlichen Kind auf der Flucht. Das Jesulein weinte, denn es hatte Hunger und die Gottesmutter sah um sich, ob sich denn nichts zeigen wollte, womit des Kindes Hunger zu stillen wäre. Doch nichts fand sich. Der Weg des heiligen Paares zog sich längs eines Bächleins dahin. Nachdem sie nun eine Weile so gegangen waren, sah die Gottesmutter mit seliger Freude, dass am Bächlein eine Frau beschäftigt war, ihre Linnen zu waschen. Maria trat auf sie zu und sprach: „Frau, hast du nichts, womit ich meines Kindes Hunger stillen könnte? Wahrlich, du sollst gesegnet sein.“ Die Frau lächelte freundlich und entnahm einem Körbchen, das neben ihr stand, ein Krüglein Milch und ein Brot, reichte beides Marien und sagte: „Wenn du mit dem wenigen vorlieb nehmen willst, was ich hier bei der Arbeit mithabe, so sei es dir herzlich gegönnt.“ Voll inniger Bewegung nahm es Maria und dankte, wie eben nur eine Mutter danken kann, wenn ihrem Kind eine Wohltat geschieht. Die heiligen Flüchtlinge ließen sich nieder an des Baches Rand und labten sich; des Kindes Augen ruhten voll freundlichen Ernstes auf der Frau. Da sprach die Frau: „Was habt ihr für ein wundersames Kind, seine Augen sind tief wie das Meer und sein Blick dringt in das Herz.“ Maria küsste das Kind und schwieg. Josef rüstete das Reittier und hob die heilige Mutter und das Kind hinauf, da beugte sich Maria nochmals hernieder und sprach zur Frau: „Der Herr vergelte, was du an uns getan hast, Frau; vergiss nicht meiner und gedenke meines Sohnes.“ So schied die heilige Familie und ließ die Frau in tiefem Sinnen zurück: „Wer mag die Fremde mit ihrem holden Kind sein?“

Doch niemand kam, um ihr diese Frage zu beantworten, da nahm sie denn das Linnen und ging heimwärts. Am nächsten Morgen ging die Frau, die eines Webers Frau war, wieder mit Linnen zum Bächlein, da gewahrte sie mit tiefem Staunen, dass an der Stelle, an der die seltsamen Fremden Rast gemacht hatten, kleine, liebliche Blümchen wuchsen, sie waren blau wie der Sommerhimmel und trugen inmitten ein Pünktchen, goldig wie die liebe Sonne. Da gedachte die Weberin der letzten Worte, die die schöne Frau beim Scheiden gesprochen hatte: „Vergiss mein nicht“ und so nannte sie nun die Blumen. Wieder stand die Frage vor ihrer Seele: wer ist die Frau und ihr holdes Kind?

Jahre, viele Jahre vergingen, die Weberin war alt und gebeugt geworden, aber weder die Jahre noch das Alter vermochte die Erinnerung auszulöschen, die jene seltsame Frau mit dem Kind hinterließ. Zudem blühten immer noch am Bachesrand die holden Blümchen „Vergiss mein nicht“. Da kam denn auch in das einsame Haus der alten Weberin die Kunde von dem wundersamen Rabbi Jesus, von dem es hieß, er wäre der Christus, der Retter Israels. Die Frau kannte nur einen Wunsch, den großen Rabbi zu sehen, aber sie konnte ihn nicht aufsuchen, denn sie war schon zu alt und schwach. Eines Tages nun saß die Frau vor ihrem Häuschen, da kam des Wegs, der neben dem Bächlein hinführte, ein Mann gegangen, dem Gewand nach ein Rabbi. Er ging auf das Häuschen zu und begehrte von der alten Weberin einen Trunk Wasser. Das Weiblein humpelte davon und brachte das Gewünschte, dabei sah sie ehrfurchtsvoll an der hohen Gestalt empor und eine Frage drängte sich ihr auf die Lippen: „Herr, bist du Jesus, den sie Christus nennen?“ Und der Fremde erwiderte: „Ja, ich bin es; warum fragst du mich, Frau? Was begehrst du?“ „Rabbi, ich weiß, dass du weise bist und dass dir Dinge offenbar sind, die uns anderen verschlossen bleiben“ . . . und schon wollte die Weberin die Geschichte von den himmelblauen Blümchen am Bachesrand erzählen, da tat sie einen Blick in Jesu Augen und rief: „Herr, du bist es, jenes wundersame Kind, das mir nie aus dem Gedächtnis entschwand. An deinen Augen habe ich dich erkannt; denn ihr Blick ist tief wie das Meer und dringt in die Tiefe des Herzens. Nimmer vergaß ich dich.“ „Frau“, nahm Jesus das Wort, „vergiss nicht mein und du brauchst nicht fürchten das Tal der Todesschatten; denn selig bist du, da du mich träntest, als ich dürstete.“ Der Meister erhob sich und wollte gehen, da hielt sie ihn zurück und reichte Jesus ein Sträußchen des zarten Blümchens Vergissmeinnicht. „Meiner Mutter Blume, die sie vom Vater erbat für dich zum Dank für deine Liebe“, sagte Jesus, „doch“, fügte er hinzu, „größer wird der Lohn der Ewigkeit sein, deshalb vergiss nicht mein“ und ging still von dannen.

Das liebliche Marienblümchen, das zarte Vergissmeinnicht, dies anmutige Sinnbild der Treue, ziert heute noch die Ufer der Gewässer.