Unserer Lieben Fraue Pantöffelchen

 

Draußen im Moos führt ein schmaler Weg am murmelnden Bächlein entlang und dieser Weg mündet an einer kleinen uralten Kapelle, „Unserer Lieben Fraue im Moos“ genannt. Von dem Liebfrauenbildnis in der Kapelle geht eine wunderliche Legende, die ich ganz schlicht erzählen will.

Einstmals saß hier die Gottesmutter im reichen Gewand, mit dem gleißenden Sternenmantel angetan, auf dem Thron, das göttliche Kindlein auf dem Schoß; und zwei feine, kostbare Pantoffel vervollständigten den Glanz und Schimmer. Einmal kam eine Maiennacht so recht voll seligen Mondscheinzaubers. Da bewegte sich das Gotteskindlein ein wenig, tippte seine himmlische Mutter an und sprach mit silberheller Stimme: „Mütterlein, lass uns ein wenig hinausgehen und über die Wiese schreiten; siehe, der Mond hat uns Teppiche gewoben.“ Maria lächelte und nickte freudig. Auch sie zog es in die klare Maiennacht. Sie raffte ihre Gewänder, drückte ihr Kind fest an sich und stieg von ihrem Thron. Die goldenen Pantoffel klapperten auf dem roten Fliesenboden der Kapelle.

Draußen nun, welche Seligkeit, als die Gottesmutter ihr Kind über die schlafenden Wiesen trug! Der Mond wob immer schönere Silbergespinste zu Ehren der himmlischen Fraue. Als nun gar noch einige liebliche Engelsbübchen herniederflogen, um mit dem Jesuskind zu spielen, da hob Maria es vom Arm und setzte es in die schwellenden Moospolster. Vom Jauchzen des spielenden Gotteskindes erwachten sachte die Blumen und Gräser und freuten sich mit; die Frösche quakten so froh und lustig als sie nur konnten, und einer der grünbefrackten Springer hüpfte dem Gotteskind auf das ausgestreckte Händchen. Ganz sachte strich das Jesuskind den kühnen Frosch und setzte ihm sein gülden Fingerringlein als Krone auf. So hatten auf einmal die Moosfrösche einen König von Gottesgnaden.

Unsere Liebe Fraue sah dem holden Spiel des Gotteskindes zu und konnte sich kaum sattsehen daran. Die Engelein wurden nicht müde und auch die Blumen wurden des Spieles nur immer froher. Keines von allen gewahrte, dass der Mond blass und blässer wurde und dass im Osten ein feiner, rosiger Rand zu wachsen begann. Ein kleiner verfrühter Sonnenstrahl lugte neugierig über das Moos. Wie aber erschrak da Unsere Liebe Fraue, dass sie so lange auf der Wiese geweilt hatte! Rasch nahm sie ihr Kind auf die Arme und lief eilig der Kapelle zu; denn der neugierige Sonnenstrahl hatte gleich noch zehn andere geholt, damit auch sie das seltsame Bild auf der Mooswiese sähen. Aber o weh! Als die Gottesmutter wieder in der Kapelle war, wurde sie gar traurig, denn im eiligen Laufen hatte sie ihre Pantoffel verloren. In der nächsten Nacht ging Unsere Liebe Fraue suchen. Aber die Pantoffel waren verschwunden; sie waren bei der eiligen Flucht im Moos stecken geblieben.

Seitdem sitzt nun „Unsere Liebe Fraue im Moos“ bloßfüßig im Königsmantel auf ihrem Thron. Die Pantoffel aber sind nicht verloren gegangen; denn als der nächste Frühling kam, wuchsen an der Stelle, an der Mariens Schuhe im Moos verborgen lagen, gar wunderhübsche gelbe Blümlein, die alle die Form von Pantöffelchen hatten. Dies ist nun die Legende vom unbeschuhten Marienbildnis in der Kapelle im Moos und von dem lieblichen Blümchen „Frauenschuh“, das auch den Namen trägt „Unserer Lieben Fraue Patöffelchen“.