Silberblätter

 

Als Judas, der Verräter, sah, was er angerichtet hatte durch seinen schändlichen Handel, den er mit dem Menschensohn trieb, da packte ihn die Verzweiflung. In seinem Säckel befanden sich die dreißig Silberlinge, der Lohn der Hohenpriester für den Verrat. Judas ben Ischariot brannte das Geld wie Feuer und er rannte zurück zum Tempel und warf unter wilden Flüchen das Blutgeld den Anstiftern vor die Füße. Die Priester und Pharisäer waren durchaus nicht bestürzt, sie hatten es wohl schon so kommen sehen. Ihr erster Gedanke war, das Geld nutzbringen anzulegen; denn da es Blutgeld war, durfte es zu ihrem großen Leidwesen nicht mehr in den Tempelschatz gelegt werden.

Einem von den hohen Räten fiel ein, dass des Töpfers Acker käuflich wäre und längst schon wollte man eine Begräbnisstätte für jene haben, die anderen Glaubens und anderen Blutes waren.

Das hohe Synedrium war einverstanden mit dem Vorschlag und man kaufte den Grund und nannte ihn Blutacker. Das Grundstück war von jeher ein unfreundliches, unfruchtbares Stück Land gewesen und es gedieh nichts auf ihm.

Der nächste Frühling brachte nun allen eine Überraschung, denn auf dem Blutacker begann es zu sprossen und zu wachsen. Und der beginnende Sommer fand langstielige, tiefrote Blumen, es schien, als ob der Blutacker seinem Namen Ehre machen wollte und als wäre das Blut zu Blumen geronnen. Im späten Herbst, als die tiefroten Blütenblätter längst abgefallen waren, geschah eine gar merkwürdige Wandlung: die hohen Stängel waren bleich geworden wie Totengebeine und dort, wo vordem eine rote Blüte leuchtete, hing an fadendünnen Stängelchen eine silberglänzende Scheibe. Wenn der Wind durch diese gespenstischen Reihen ging, war es, als ob verdammte Seelen ein verzweifeltes Lied sängen. – Die Mitglieder des hohen Synedriums aber machten einen großen Bogen um den Blutacker, der ihre Schande und Blutschuld ihnen so deutlich sichtbar ins Gewissen rief.

Der Volksmund gab den glänzenden Silberblättern den Namen „Judassilberlinge“.